J. G. Fichte, Wissenschaftslehre 1811 – Versuch einer Exegese, 1. Teil

J. G. Fichte, Wissenschaftslehre 1811. In: Ders., Die späten wissenschaftlichen Vorlesungen II, Studientextausgabe StA-2, hrsg. v. Hans Georg von Manz, Erich Fuchs, Reinhard Lauth u. Ives Radrizzani, Stuttgart 2003.

Lektüre Juni 2022 – Versuch einer Exegese. Ich fand am Ende meiner Lektüre eine andere Auslegung, die ich aber hier nicht mehr eingearbeitet habe. Vielleicht folgt sie zu einem späteren Zeitpunkt. Matteo Vincenzo d’Alfonso, Vom Wissen zur Weisheit. Fichtes Wissenschaftslehre 1811. Fichte-Studien-Supplementa Band 20, Amsterdam-New York, NY 2005.

Weitere verwendete Literatur: Gaetano Rametta, Die Gedankenentwicklung in der Wissenschaftslehre 1811. In: Erich Fuchs (Hrsg.), Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt, 2001, S 245 – 268.

Einzelne andere Literatur – siehe in den Anmerkungen.

1) Die Disjunktionseinheit und das Vermögen des Bildens.

(8. Vorlesung): Da es außer Gott und seiner Erscheinung nichts anderes geben kann, wird von seiner Erscheinung für die philosophische Analyse ausgegangen. Die Voraussetzung ist: Das absolute Sein erscheint. (vgl. ebd., StA-2, S 52 Z 8)

Es ist dies von der Logik her gesehen bereits der transzendentallogische Hauptgedanke der Funktion „Ich“, die dann als „Sichtbarkeit“ und als Individuum nach Gesetzen der Anschauung und der Reflexionsbegriffe herausgearbeitet werden wird – das Verhältnis Absolutes/Erscheinung.

Das Sein der Erscheinung Gottes wird hier in der WL 1811 von Fichte oft abgekürzt als „A.“. Ich brauche über dieses Kürzel nicht lange rätseln, wenn ich verstehe, worum es geht: Das „A.“ ist das in den früheren Wln ausgedrückte „absolute Ich“, dass rekursiv in jeder Wahrnehmung und Reflexion sich zeigt und erscheint, sobald zu einer ausschließenden Negation übergegangen wird. Wenn etwas Verschiedenes unterschiedlich bestimmt werden soll, wird es als Unterschiedenes ausgezeichnet und von anderem Unterschiedenen ausgeschlossen und auf einen gemeinsamen Beziehungsgrund zurückbezogen wird, erscheint es nur im Ich, in der Einheit des Bewusstseins, in einer bereits beschlossenen Synthesis, transzendental-reflexiv ermöglicht durch das „absolute Ich“.

Die ausschließende Negation ist dabei die grundlegende logische Handlung in diesem Unterscheiden und erneuten Beziehen. Etwas ist B und ist deshalb nicht A und ist deshalb als Totalität ausgeschlossen. In längeren Folgerungsketten wird dieses Gesetz der Totalitätsbildung gebildet. Das „A.“ bleibt aber als absolute Differenz zur auszuarbeitenden Bildlichkeit des Wissens und der damit verbundenen Gesetzlichkeit des Wissens (des Bewusstseins) immer übrig. Deshalb wird sich die Herausarbeitung der Geltungsform „Ich“ und des existierenden und im Vollzug befindlichen „Individuums“, wie es Hauptaugenmerk in der WL 1811 sein wird, in ihrer sinngebenden Bildlichkeit stets auf das gesetzhafte „A.“ des Seins der Erscheinung Gottes zurückbeziehen müssen. Jede Aussage impliziert einen Geltungsanspruch durch den absoluten Geltungsgrund der Wahrheit, geäußert in der Geltungsform eines Ich. 1

Von der, schlussendlich in der WL 1811 abgeleiteten „Reflexibilität“ (WL 1811, StA-2, ebd. S 212 Z 25 ff ) des Wissens kann nicht abgesehen werden, sie kann bestenfalls in ihrem Zirkel auf ihren Sinngehalt aufgedeckt und in ihrer Bedeutung erhellt werden.

Anders gesagt: Von dieser Reflexibilität im Wissen kann keine Logik, keine Mathematik, keine Naturwissenschaft, keine Hermeneutik, keine Analytische Philosophie, generell keine Bedeutungsgebung und Sinnbildung, absehen, weshalb der Standpunkt WL als höchste Reflexionseinheit des Wissens in sinnlicher wie intellektueller Anschauung ständig mitlaufend gesetzt ist – und aus diesen Handlungen des Geistes können die weiteren Begriffsfolgen wie Naturwissenschaft, Rechtslehre (Gesellschaftslehre), Moralität und Religion und Wissenschaft bestimmt werden. Das apriorische Wissen in den notwendigen Handlungen des Geistes ermöglicht erst die Bewährung alles anderen Wissens (oder deren Nicht-Bewährung.)

Etwas in der sinnlichen Anschauung ist nicht Ich, ein Nicht-Ich, ergo wird hier a) eine Totalitätsaussage zu dieser ausgeschlossenen Negation gemacht und b) wird eine implizite Definition des Ausgeschlossenen ausgesagt, was es an Eigenschaften mit dieser Verhältnisbestimmung „Totalität“ auf sich hat.

Was immer das Nicht-Ich in einer nächsten logischen Operation der Quantifizierung und Limitierung an Eigenschaften aufweisen wird, gegenüber dem Gesetztsein „im Ich“ wird es immer als zufällig erscheinen mit allen aufweisbaren notwendigen Anschauungformen und kategorialen Naturgesetzen.

Das so gekennzeichnete „Nicht-Ich“, logisch zufällig gesetzt im Verhältnis der Totalität, rückt so immer in eine Verhältnisbestimmung zum rekursiv vorauszusetzenden „absoluten Ich“ oder „A.“ dem Sein der Erscheinung Gottes. Die Aufgabe der Philosophie ist es jetzt, so sieht es Fichte, diese Verhältnisbestimmung nachzuzeichnen, hauptsächlich durch die Einbildungskraft und reflektierende Urteilskraft 2 und durch Denken, und nach dem Satz vom zureichenden Grunde eine Struktur des Wissens aufzubauen, die die bedingende Möglichkeit der Erkenntnis der Wirklichkeit darstellt (der Wirklichkeit im Ganzen nach Prinzipien), wenn ein Selbstbewusstsein und ein Sich-Bezug der Freiheit möglich sein soll.3

Den Grund der Unterschiedenheit des Nicht-Ichs vom Ich wie den zureichenden Beziehungsgrund mit dem Ich in der vorauszusetzenden Einheit eines „A.“ oder „absoluten Ichs“ zu erkennen, führt zu einer logischen Bestimmung einer „Disjunktionseinheit“. Denken und Sein sind im Ich unterschieden und getrennt, sind aber doch auch vereint – in Disjunktion.

Wie dies möglich ist, soll in abstrakter Weise die Philosophie rekonstruieren; de facto muss dieses Disjunktionseinheit im Vernunftwesen „Mensch“ immer gegeben sein, sonst gäbe es kein Anschauen, Fühlen, Sichwissen, keine Selbständigkeit und Selbstbestimmung.

Diese Grund-Einheit einer Disjunktion, in einer ausschließenden Negation als zureichender Grund zu finden, ist eine sowohl theoretische, in inneren Denkschritten zu lösende Aufgabe, als auch eine erfahrungsspezifische Aufgabe im weiteren Sinne, denn natürlich dient die theoretische Rekonstruktion der Disjunktionseinheit dem praktischen Tun und Leben.

Darüber aber geht der Streit im ganzen Transzendentalismus: Ob diese sehr erfahrungsspezifische, ausschließende Negation tatsächlich „im absoluten Ich“ (im Ich, im Bewusstsein) eingesehen und rekonstruiert und fortgeführt werden kann, oder nicht. Wenn ja, so ist mit der Einsicht in den Grund der Einheit auch umgekehrt der Grund der Spaltung von Bild und Sein abzuleiten, d. h. warum notwendig im Denken des Seins das Sich-Bilden dieses Seins in Abbilder/Begriffe/im Denken, in einer Sich-Erscheinung folgt, generell in einem Reflex mitläuft. Von den Dogmatikern aller couleurs wird dieses Denken ja übersehen. Sie behelfen sich damit (z. B. Spinoza), dass durch bloße Reflexion das Sein gedacht wird, sie sich aber damit außerhalb des Seins- und Eins-Denken der einen Erscheinung und des einen Absoluten stellen, und zu allerhand Spekulationen aufsteigen, wie die Vielfalt des Seins (z.B. die Attribute „cogitatio“ und „extensio“ aus unendlich vielen) aus dem absoluten Sein Gottes hervorgehen sollen oder darin enthalten sind.

Fichte ist hier kein Betrüger, sondern es gilt a) von der bloßen Faktizität der Vielfalt und Mannigfaltigkeit gerade nicht faktisch auf das absolute Sein schließen zu wollen, so quasi das absolute Sein in einem leeren Reflexionsbegriff zu substantialisieren („deus sive natura“) und ferner b) das konkrete, „gewöhnlich“, alltägliche Bewusstseins mit der fremden Lichtquelle der Erscheinung des absoluten Seins in Selbständigkeit und Selbstbestimmung durch Freiheit zu verbinden.

Anders gesagt: Der Grund der Einheit aller Mannigfaltigkeit muss zugleich Grund der Spaltung des Seins im Sich-Erscheinen und Bilden und im Begriff und im Denken werden können. Die Theorie der Analyse der transzendentalen Wissbarkeitsbedingungen von Selbstbewusstsein und Freiheit muss in der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung einer eigenen Einsicht und im Gewissen enden, damit regelrecht gesagt werden darf, die Mannigfaltigkeit und Vielheit kann genetisch, in inneren Denkschritten nachvollziehbar, auf einen Grund der Einheit zurückgeführt werden.

Keine Spaltung ohne Grund dieser Spaltung – und keine Einheit, ohne Grund zur Spaltung. Die genetische Erklärung der Mannigfaltigkeit ist der Weg zwischen jeder Form der Seinsmetaphysik eines Idealismus wie Realismus (Naturalismus) wie bloßer Reflexionsphilosophie/Nihilismus.

Dem gewöhnlichen Bewusstsein ist diese ausschließende Negation und zugleich disjunktiv vereinte Mannigfaltigkeit in Einheit implizit immer bewusst; es wiederholt sich in jeder sinnlichen Orientierung nach festen apriorischen Gesetze der Sinnenwahrnehmung und wiederholt sich in sittlich-praktischen Gesetzen der Selbständigkeit und Selbstbestimmung, allerdings im letzteren nur frei und fehlerhaft, nicht vollendet wie in der sinnlichen Wahrnehmungssphäre und in der Vollendung der Vorstellung.

Das wiederkehrende „A.“ lese ich deshalb als Prinzip für Einheit und Disjunktion gleichzeitig, eben als Disjunktionseinheit: Disjunktionseinheit im logischen Sinne und Disjunktionseinheit im praktischen Sinne, Lebenseinheit, Vermögen der Selbständigkeit und Selbstbestimmung, Leben eines Vernunftwesens, das sich kraft des Geltungsgrundes „A.“ der Erscheinung Gottes, als Geltungsform „Ich“ erkennen kann.

Diese Erscheinung ist (…) einfach und unwandelbar, u. es ist eben sowenig eine Spaltung. u. Modifikation, zufolge welcher eine W. L aus ihr ableiten könnte, anzunehmen, als in dem inneren Seyn des absoluten selbst.“ (ebd. S 53 Z 7f). Die Erscheinung ist nur eine „andere Form des gött[lichen]Seyns“ (ebd. S 53, Z 23)

Die Erscheinung ist Leben!“ (ebd. S 67 Z 16).

Das Leben ist ein Vermögen des Bildens und des Schematisierens, des Disjungierens und Konjungierens, der Einheit wie Zweiheit.

Es kommt ab Seite 66 (immer StA-2, 2003) (10. Vorlesung) eine derart dichte Zusammenfassung und Lösung der nächsten Fragen, dass ich ein längeres Zitat stehen lassen will:

„.Also – daß ich dies gleich hier hinzusetze, u. einschärfe – die Erscheinung, in dem Sinne, in welchem die WL. von ihr redet, und welche diese Wissenschaft betrachten u. sie zerlegen wird, die wirkliche vorhandene Erscheinung, ist, sie hat ihre feste u. bestimte übersinnl[iche). Grundlage, über alles Werden, u. allen Wandel hinaus, als Seyn, schlecht hin durch Gott, u. an Gott – und dieses Seyn liegt der Aeusserung ihres Vermögens in al[l]e Ewigkeit fort unveränderlich zu Grunde. (Aber sie tritt nie ein in die Erscheinung, in ihr seyend.) Die Sphäre der neuen Schöpfung durch das Vermögen ist drum ein Bild der ursprünglichen Erscheinung selbst. Sie bildet sich ab, und stellt sich dar in einem Bilde. Woher dieses Bild, falls es ist?“ – [Was ist der] Grund seines Vorhandenseyns? aus der Vollziehung des Vermögens. Sein Seyn, falls es ist, ist ein Faktum u. durchaus nichts mehr. Woher [kommt es], daß die Freiheit gerade ein Bild hervorbringt? weil sie ist Freiheit der Erscheinung: daß drum, falls sie sich vollzieht, ein Bild [der Erscheinung entsteht], ist nicht etwa Sache der Freiheit, so daß es auch anders seyn könnte, sondern es ist schlechthin nothwendig, u. geht aus dem Wesen der Erscheinung selbst hervor. Endlich, daß sie kein andres Bild vollzieht, denn das ihrer selbst, woher [kommt das]? Weil sie nichts anderes bilden kann, denn das, was sie, im bilden in der That ist, wie denn auch im Schema 1 Gott nichts anders bilden kann, denn sich selbst. Das Bilden ist eben nothwendiger Abdruk des Seyns des Bildenden im Bilden,* und so eben hängt das Seyn u. sein Bild schlechthin zusammen. Also [ist] auch dies nicht Sache der Freiheit, sondern der Nothwendigkeit. Von der Freiheit [kommt] bloß das Faktum – daß ist, keineswegs aber, was ist. (ebd S 66 Z 2ff)

Fichte unterscheidet hier, wie im Zitat gesagt, Schema 1 der absoluten Erscheinung vom späteren Schema 2 für das Faktum der Erscheinung und des Bildens, und kommt schließlich für das Vollziehen der Freiheit und Nachbilden der Erscheinung, das ja ein erneutes Bilden bedeutet, zum Schema 3. (vgl. ebd. S 67 Z 11). Im Zusammenhang mit dem Individuum folgen noch Schema 4 und 5.

In Schema 1 und Schema 2 liegt noch keine Spaltung vor (ebd. S 67, Z 33), „(…) aber bei der Vollziehung (der Freiheit) [entsteht] eine Zweiheit – . Dann noch neben bei die [Bildung] von einem Schema 3“. (ebd. S 68 Z 1) „Die Erscheinung ist auf den Fall, dass sie ihr Vermögen vollziehe. (…)“ (ebd. S 68 Z 12)

Es wird die Erscheinung als „Seyn ausser Gott“ weiter beschrieben. (ebd. S 69 Z 30). Das absolute Erscheinen Gottes ist, und wird nicht.

Da aber ein Produkt der Vollziehung eines Vermögens angenommen wird, ist das „Seyn ausser Gott“, die Möglichkeit einer Erscheinung der Erscheinung – der die transzendentale Reflexion nachgehen will.

Es wird die ontologische Differenz zum Sein Gottes immer gewahrt: Diese Erscheinung ist kein „hineintreten zum Seyn, u. sich verwandeln in Seyn“ (ebd. S 70 Z 18), es ist Schema 2.

Wir stehen vor zwei Denkmöglichkeiten: a) Von der phänomenalen Mannigfaltigkeit des Seienden auszugehen und reduktiv alles auf die absolute Einheit zurückzuführen („per inductionem“ – ebd. S 71 Z 6), oder b) deduktiv von oben vorzugehen und daraus die Mannigfaltigkeit abzuleiten. Fichte möchte letzteren Weg hier gehen, „ganz rein (den Weg der Deduktion) vorlegen, sogar mit tabellarischer Uebersicht diese Deduktion ausstatten.“ (ebd. S 71 Z 31)

De-duzieren heißt ableiten aus einer Idee. Diese Idee wird mittels Synthesis gefasst, oder besser gesagt, soll mittels einer solchen Synthesis gefasst werden, in der die materialen Bedingungen gleichfalls enthalten sein müssen.

Anders gesagt: Es soll nicht eine bloß oberflächliche Synthesis phänomenaler Elemente behauptet werden, sozusagen eine bloße theoretische Zusammenstellung der Mannigfaltigkeit, sondern es soll eine Funktion gebildet werden, hier „Deduktion“ genannt, aus welcher und in welcher nach Gesetzen der Erscheinung des göttlichen Seins die formale Mannigfaltigkeit des Seins, des Seienden, aus der Einheit ebenfalls in ihrer Wert- und Sinnbestimmung hervorgeht bzw. darauf zurückgeführt werden kann.

Die Funktion soll die Bildung einer anschaulichen Disjunktionseinheit zeigen, wie aus Einheit die Mannigfaltigkeit gebildet wird, und umgekehrt aus der Mannigfaltigkeit die Einheit. Dies wird ein langer Weg der Veranschaulichung und Verbegrifflichung werden, d. h. wie die Folgerungsketten von Begriffen sich über einen Faktor „X“ – dem Satz vom Grunde – ableiten und sich bewähren lassen.

Eine Synthesis, sage ich, die Einheit (im Princip) einer Mannigfaltigkeit (in der Erscheinung]]: und zwar ein sehr reicher, und, wie es scheinen möchte, sehr verwikelter synthetischer Periode. Bedenken Sie, wenn dem mit solchen Forschungen gar nicht bekannten, die Aufgabe gestellt würde, alles, was jemals von aller Zeit her im Bewußtseyn vorgekommen, was in alle Ewigkeit fort in ihm vorkommen wird, als Eins zu begreifen, u. auf Eins zurükzuführen; u. zwar nicht etwa zum Scheine, indem er die Mannigfaltigkeit eben liegen ließe, sondern wirklich, u. in der That, indem er sie wirklich gelten ließe, u. rechtlich erklärte, so würde ein solcher ohne Zweifel vor einer solchen Aufgabe erschreken: u. doch ist dies gerade die unsrige. [Der Weg sei] Historisch angegeben: Die Erscheinung der Erscheinung = das Wissen, bleibend dasselbe Eine Wissen, u. seinen innern Zusammenhang nie verlierend, spaltet sich in zwei GrundFormen, zufolge deren einer es sich spaltet ins Unendliche, zufolge der andern in ein fünffaches. Die ganze Unendlichkeit aber erstrekt sich über das Fünffache, u. die Fünffachheit wieder über die Unendlichkeit: (…) (ebd. S 72 Z 5ff)

Die Erklärung der Erscheinung (als Erscheinung) hängt dabei unmittelbar mit dem Begriff des „Bildes“ (griech. Idee) zusammen. Die logische Selbstständigkeit der Vorstellung, die alle Logiker und Mathematiker selbstverständlich voraussetzen, kann nur in einem Bildverhältnis ausgedrückt werden. Aber nicht nur für Logik und Mathematik, sondern für alles Denken und Reden, Können, Entscheiden und Tun, Vorstellen, praktisches Handeln, wird diese Reflexivität im Bilden unhintergehbar sein. Das muss erkenntniskritisch bewiesen und bewährt werden.

Ich zitiere hier J. Widmann zum Begriff der „Deduktion“: Die anfängliche Gesetzesgenesis führt zum reinen Begriff des „Bildes“. Durch die Realität des Begriffes kann nun der Begriff des Möglichen neu bestimmt, durch dessen neue Bestimmung das Gesetz weiter differenziert werden, das macht eine neue Negationsunterscheidung möglich – und dies führt zum Begriff der „Idee“. Der Vorgang lässt sich ins Unabsehbare wiederholen und wird jeweils eine neue Bestimmung der „Idee“ hinzufügen. Aber er wird die Grundform der Idee nicht verlassen oder durchbrechen können: denn die reine Begriffsform der Idee ist nichts anderes als die Nachkonstruktion des bloßen Gesetzesgenesis und ihrer reinen Begriffsfolgen (Negation, Bild)“ 4.

(c) Franz Strasser

2. 8. 2022 

1Den Begriff „Geltungsform“ entnehme ich einem Aufsatz von Michael Gerten, Transzendentale Wertlehre und philosophische Letztbegründung bei R. Lauth.
In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie. Das philosophische Vermächtnis R. Lauths. Würzburg, 2017, 291 – 318.

2 Zur grundsätzlichen Funktion der reflektierenden Urteilskraft als Erkenntnisleistung siehe z. B. Hans Georg v. Manz:  „Bei Kant erschöpfte sich die Funktion der reflektierenden Urteilskraft auf die Bereitstellung des Prinzips der Naturzweckmäßigkeit, wodurch die Möglichkeit der Einheit der Naturerfahrung begründet werden sollte. Fichte sieht die Funktionen der reflektierenden Urteilskraft in einem umfassenderen Sinn: Zum einen sind die Gesetzlichkeiten, die die reflek tierende Urteilskraft auffinden soll, nicht beschränkt, d. h. sie kann ohne Rücksicht auf das Gegebene frei Gesetze entwerfen. Zum anderen um faßt ihr Gegenstandsbereich (auch) dynamische Momente, Streben, Trieb, Tätigkeiten; ihre ordnende Funktion erstreckt sich damit über den Erkenntnisbereich auch auf den praktischen. Durch den Begriff der reflektierenden Urteilskraft läßt sich nach Fichte der Wille deduzieren, denn „strebend gedacht“ ist die Urteilskraft „ein Streben, sich selbst zu bestimmen … [d. i.] ein Wille“.(…)

Um die spezifische (und erweiterte) Funktion der Urteilskraft im Blick auf die Möglichkeit von Erfahrung zu erfassen, ist es notwendig, ihre Rahmenbedingungen zu beschreiben. Dies beinhaltet zum einen, daß sie das, was sie ordnen soll, nicht selbst hervorbringt, sondern vor findet (durch Einbildungskraft, Gefühl, Anschauung). Zum anderen kann und soll die reflektierende Urteilskraft unabhängig von den Gege benheiten Gesetzlichkeiten entwerfen; die Gültigkeit einer Gesetzlich keit ist jedoch nicht beliebig, sondern hat ihr Kriterium darin, daß für das Ich nicht-ichliche Gegebenheiten auftauchen, die sich unter die (neu entworfene) Gesetzlichkeit subsumieren lassen.“ In: Interpersonalität und Ethik, 2014, S 167.

3Anders gesagt: Die Wirklichkeit der auffindbaren Reflexibilität des Wissens und der Möglichkeit der WL als solcher, ferner die faktische Konkretisierung und Ordination der Wirklichkeit durch nachvollziehbare geistige Schritte und Begriffe, ist begründet in der durch Abstraktion frei gelegten transzendentalen Möglichkeitsbedingungen eines Selbstbewusstseins durch und in der Erscheinung Gottes.

4Vgl. dazu J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, a. a. O., S 164.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser