Lektüre – Aloisia Moser, Kant, Wittgenstein, and the Performativity of Thought, 2021

ALOISIA MOSER, Kant, Wittgenstein, and the Performativity of Thought, 2021.

1) A. Moser, S 1ff „Introduction: Kant’s Acts of the Mind and Wittgenstein’s Projection Method

Geht es um eine Theorie des Denkaktes? Ich bin mir hier nicht sicher, denn der hohe Anspruch einer theoretischen Begründung dessen, was Denken ist und wie Denken geschieht, kann im Namen einer bloßen Theoriesprache von „Performativität“ für das urteilsmäßige Erkennen (nach KANT) bzw. für den sprachlichen Vollzug von Bedeutung („meaning in use“) selbst nicht klar begründet, ja nicht einmal formuliert werden. Das Denken trägt zwar eine gewisse „Performativität“ an sich, d. h. es ist im Sprachvollzug und beim Gebrauch der Wörter eine „Performativität“ zu beobachten, d. h. also, der Gedanke ist selbst Tat, doch geht die Tat nicht im Gedanken auf. 

Es muss zuerst eine apriorische Einheit und Begreifbarkeit des Seins der Performativität vorausgesetzt werden, d. h. eine transzendentallogische Besinnung auf die Bedingungen der Wissbarkeit derselben,   ehe „Performativität“ in ihrer Sinnbedeutung verstanden werden kann.  

M. E. entfällt die theoretische Einholung des Geltungsanspruches von „Performativität“, die zwar in diversen Einleitungen angekündigt wird, aber bis zum Ende des 11. Kapitels auf sich warten lässt. Irgendwie wundert es mich aber gar nicht. Denn die Einholung eines Geltungsanspruches von Wahrheit liegt jenseits einer beobachtbaren „Performativität“ bzw. jenseits eines analytischen Sprachgebrauchs.

In den Spuren einer bloßen Urteilstheorie oder einer sprachanalytischen Beschreibung dessen, was Bedeutung heißt und Bedeutung ist,  kann es –  sollte wirklich bloß beim Urteil oder dem Sprachgebrauch und einer „Performativität“ stehen geblieben werden –  keine übergeordnete, funktionale  und ideelle Weise der Bedeutung mehr geben. Eine “Performativity of Thought“ ist eine Systase von miteinander nicht kombinierbaren Begriffen: Entweder wird gedacht, dann setzt das einen Begriff oder Bild voraus, der/das unwandelbar ist, worauf z. B. ein Handeln gehen kann, wobei nochmals bewusst sein muss, wie der Erscheinung nach ein Handeln überhaupt eingesehen werden könnte, oder es wird gehandelt, dann bleibt das Denken und Erkennen trotzdem unabhängig von diesem Handeln. Aber eine „Performativity of Thought“  im Sinne eines Genitivs „of“ ist schlechthin eine  Systase, die nicht gefasst werden kann. 

2) Nach A. Moser gibt es hier Schulen oder Denkrichtungen zum Denken und zur Sprache. Wer hat dessen Kriterien geprüft?  a)  Den semantischen Weg, der von atomistischen und analytischen Bestandteilen der Bedeutung ausgeht, und b) den pragmatischen Weg, der die Synthese im Blickpunkt hat. Ich gehe auf diese Einteilung nicht näher ein; siehe ebd. S 1. 

A. Moser plädiert für einen dritten Weg: „In this book I show that what makes a proposition meaningful are neither the contents of the atomic bits that we put together nor the pragmat ics of putting together bits of language or thought. (…)
Hence, I introduce a performative account of meaning that is pragmatic in a new sense. The following examination of Kant and Wittgenstein will offer an initial idea of how thought or language can be taken to be meaningful in this performative or pragmatic way. I am not claiming that Kant or Wittgenstein conceived their respective theories of the act of thinking as I do; rather, I read both philosophers‘ works in such a way as to show that a theory of the act of thinking is nascent in the theo ries they each present, and these theories of the act of thinking are rooted in a problem each respective thinker encounters.“

Diese Ansage von A. Moser, die beiden Philosophen KANT und Wittgenstein durch die „Performativität“ vergleichen und kombinieren zu können, ist für mich von vornherein eine unmögliche Sache, weil jeder einen absolut anderen Ausgangspunkt und Standpunkt der Reflexion voraussetzt.   

Es fehlen die Mittelglieder zwischen dem Denken einer transzendental-apperzeptiven Erkenntnisart – und einer analytischen Erkenntnisart von positivistisch verstandenen Elementarsätzen, deren Regelwerk und deren Gebrauch der Bedeutung von Wörtern  dogmatisch festlegt („meaning in use“). Das ist noch gelinde von mir formuliert: Es gibt praktisch keine Mittelglieder, den beide Philosophen erklären sich ja nicht gegenseitig, sondern beanspruchen für sich zu sagen, was wahr ist. Eine doppelte und dreifache Wahrheit gibt es nicht. 

Beide Male, d. h. bei Kant oder Wittgenstein, ist etwas völlig anderes unter „Denken“ verstanden, einmal ein apriorisches Denken bezogen auf die Anschauung, das andere Mal ein empiristisch aufnehmendes Denken von Sätzen und Sprechakten, aus denen angeblich Ableitungsbeziehungen, Wahrheitsbedingungen und Methoden der Verifikation gefolgert werden können.

Die „Performativity“ soll sowohl die transzendentale Erkenntnisart wie die sprachlogische und sprachlich-abbildliche und regelhafte Erkenntnisart verbinden und konstituieren?

3) Das zweite große Bedenken trage ich gegen den Begriff der „Performativity“ selbst, weil hier ein gläubiges Nachsprechen einer Sprechakttheorie erfolgt, die für sich einer transzendentalen Kritik in keinerlei Hinsicht standhält.

A. Moser ist überhaupt sehr gläubig gegenüber der englischsprachigen Kant-Exegese und gegenüber vielen Autoren sogenannter „Analytischer“ Philosophie, die für mich keineswegs analytisch kritisch genug sind, im Gegenteil, mit ihrer angeblichen Sprachbeobachtung praktizieren die von A. Moser genannten Autoren einen logischen Empirismus, der bei weitem nicht das Niveau transzendentaler Selbstreflexion erreicht.

Allein schon die ständige Wiedergabe der Sätze mit dem englischen Wort „propositions“ müsste uns stutzig machen, dass es gerade nicht um eine einfache, womöglich noch um eine konventionale Referenz von Wort und Gegenstand, festgehalten als Proposition, gehen kann, sondern um einen willentlichen, interpersonalen Akt. Dies hat die Transzendentalphilosophie Fichtes oder andere Sprachtheoretiker um die Zeit KANTS bereits gut analysiert gehabt. 

Es müsste eine kräftige Revision und Kritik der Begriffe Proposition, Referenz und Prädikation erfolgen, um die angeblich illokutionäre Neutralität der Proposition in Frage zu stellen – und generell viele Begriffe der Analytischen Philosophie.

Die Funktion der Referenz, von der ja die Bedeutungstheoretiker wie besessen sind, ist schlechthin mehr als ein „Verweisen auf…“, ist mehr als eine beschreibende Identifikation. (Es kreist auch das Denken KANTS bei A. Moser um den angeblichen Gegensatz einer Verbindung zwischen Denken und Ding – Chapter 2ff – weil die zitierte englische Literatur das synthetisierende Denken a priori selbst nicht erfasst. Ich kann die Synthesis der Vorstellung nicht von der Vorstellung des Gegenstandes selbst ableiten. Der Gegenstand ist bereits das Ergebnis, nicht die Genesis der Synthesis.)

Die Prädikation ist mehr als ein bloßer Teil-Sprechakt, als könne die Referenz in der Prädikation eines Sachverhaltes (Tatsache) theoretisch  erfasst werden. Es liegt  willentliche und interpersonale, praktische und übersinnliche Potenz in jedem sichtbaren Bild und jeder sichtbaren Prädikation. Eine vom Gegenstand ausgehenden Prädikation erreicht nie mehr ihre eigenen, transzendentalen Wissensbedingungen. Sie bastelt dann irgendwelche Bedeutungs-Referenzen zusammen. 

A fortiori muss der performative Sprechakt, auf den A. Moser hinaus will, um KANT und WITTGENSTEIN zu kompilieren, in seiner Semantik und Pragmatik einer transzendental-intuitiven, d. h. von der Anschauung her denkenden Kritik  unterworfen werden. Aber dazu kommt A. Moser in den Schlusskapiteln 10 und 11 überhaupt nicht mehr, denn es fehlen ihr die theoretischen Begriffe der Beschreibung einer Anschauung und schließlich die praktischen Kriterien und Wahrheitsbedingungen der Sprechakte –  die natürlich ebenfalls nur anschaulich-intuitiv, im Sehensakt selbst, aus der Idee, deduziert werden können. Aber eine ideelle oder reelle Einheit im Bild oder Bildungsakt ist gar nicht angestrebt, weil  ja der Fokus der Begründung von Wahrheit, Aussage, Bedeutung in der „Performativity“ liegen soll.  

4) Diese  Theorie des, ja wie möchte ich es nennen, Denkens?, der Erkenntnis?,  muss durch diese anscheinend modern gewordene Kompilation von KANT und Wittgenstein und Sprachphilosophie notwendig scheitern, weil a) der Begriff der Performativität zwar in jedem Kapitel groß angekündigt wird, ab dem 10. Kapitel nochmals abgrenzt wird gegen verschiedene transzendental-pragmatische und differenzspezifische Ansichten (ebd. S 139ff), aber es letztlich bei unbegründeten Behauptungen bleiben muss, weil Performativität  als solche, als Denken, nicht gefasst werden kann. Der Gedanke kann schon Tat sein, wenn man die unsichtbaren Faktoren, wie synthetische Urteile a priori  möglich sind, im Auge hat, aber gerade diese von der Analytischen Philosophie weitgehend abgelehnten transzendentalen Wissbarkeitsbedingungen fallen in der „Performativity“ völlig unter den Tisch. Der Gedanke kann Tat sein, aber die Tat geht sicher nicht ganz im Denken auf. Das wäre das Ende unserer Freiheit.   

This is why in Chap. 2 I have pointed out that Kant grapples with a theory that makes a priori concepts the connection between thought and things, and I underlined that the form of experience looks more like an activity of connecting that is not backed up by a priori forms, but rather by the way the mind is minded. In Chap. 3 I elaborated how Wittgenstein tried to substitute the account of a logical picture in the form of language for something that is similar to Kant’s account of the a priori categories, a general form of the proposition that is „the way the mind is” in terms of language. A proposition about something is always already its own way of picturing itself, its logical form, without being able to explicate such form.“1

KANT hält genau auseinander, was ist was, Anschauung, Denken, Schema, Bild und wie die Applikation und Restriktion geschieht. Bei A. Mosers Begriff der „Performativität“ mit Berufung auf viel englischsprachiger Literatur ist von diesen Begriffen nicht  mehr viel zu erkennen.  Die von KANT gebotene Erkenntnistheorie wird zwar möglichst wortgetreu von A. Moser nachzusprechen versucht, sie endet aber gerade durch diesen Begriff der „Performativität“ in einem gedanklich nicht mehr rezipierbaren, unkritischen, unreflektierten Standpunkt.

5) Zurück zu Chapter 1) „Finally, I show how pragmatics or performativity can be found in both Kant and Wittgenstein. In Kant’s Critique of Pure Reason a projection of transcendental ideas enables the unity of the understanding, while in Wittgenstein‘s Tractatus the projection of the proposition makes possible the comparison of thought or sentence and the world. I do not look at logical theories or philosophical methods as such, but at the application of theories and methods—the acts of thinking them. Both Kant and Wittgenstein write explicitly about acts of thinking. Kant’s Critique of Pure Reason is largely occupied with what he calls “acts of the mind,” in German Handlungen des Gemüts,Gemüt being an old-fashioned expression for what we today call the mind.2

Ich würde A. Moser gerne folgen, wenn sie die „Akte“ des Gemüts (des „Geistes“) als solche differenzieren und genau bestimmen wollte: Wie und warum sie zu Vorstellungen führen? Wie sie nach praktischen und werthaften Regeln gesetzhaft vollzogen werden? Sie werden bei Kant wenigstens aus einer obersten transzendentalen Synthesis zu erklären versucht. Ist der Weg der „Performativität“, wie er geschildert wird, etwas anderes als Beobachtung eines faktischen Sachverhaltes, der in keinster Weise von transzendentaler Kritik auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin hinterfragt werden kann?

Natürlich bleibt KANT m. E. befangen in einem Realismus vice versa Idealismus, sodass ein S. Maimon u. a. eingeworfen haben:  „Quid facti“? Warum sollten die Tatsachen und Gegenstände der Erfahrung wirklich den subjektiven Erkenntnisbedingungen entsprechen? KANT blieb aber wenigstens bei dem Erkenntnisanspruch, die Begriffe durch transzendentale Apperzeption und transzendentale Ästhetik und transzendentale Logik und Schematismus  legitimieren zu können.  Durch eine „projection“ und „performativity“ wird aber keine Erkenntnisbegründung geleistet.

Sicherlich hat Fr. Prof. A. Moser diesen ganzen Kontext der Generierung der Begriffe transzendentaler Erkenntnistheorie im Hintergrund: Die Anschauungsformen, Kategorien, Schematismen, doch in dieser starken Abhängigkeit z. B. von Beatrice Longuenesse oder A. B. Dickerson bleibt nur eine mentalistische, kognitive Seelenlehre übrig, die dogmatisch voraussetzt: Wir haben einen inneren Sinn, durch den nehmen wir wahr – und irgendwie darauf aufbauend und aufsetzend gibt es dann die ebenfalls faktisch und sinnlich vorgestellte Geistigkeit des Menschen, den „mind“ des Menschen, der aufbauend ein Vermögen der Anschauungsformen und Begriffe kennt……usw. usf. Das ist alles eine  Bastellehre englischer Kantauslegung, die den Sinn der transzendentalen Apperzeption und der transzendentalen Erkenntnis nie wirklich erfasst hat.  

KANT konnte natürlich letztlich nicht erklären, wie es zu Vorstellungen kommt, die die der Gegenstände selbst sind, aber das verbietet, ihn vorzeitig in eine realistische oder idealistische Ecke zu drängen und von einem psychologischen Ich auszugehen, das denkt und kategorisiert. Allein das Kapitel der transzendentalen Ästhetik bei KANT verbietet schon, von sinnlichen Fakten auszugehen, die die Rezeptivität und Intellektualität erzeugten, geschweige von der Synthesis der Apperzeption  auszugehen, die durch eine selbstredende Performativität begründet sein soll. 

6) Eine genaue und detaillierte Kritik zu dieser weitaus überschätzten Sprechakttheorie nach Searle, Austin u. a. kann ich hier nicht bringen und verweise auf andere Literatur. 3

What I focus on throughout this book is thinking a system in its application or as applied. How does thought, in the course of thinking, take on authority over what the thought is about? Are the a priori categories of thought merely enacted in the mind? Do we just compare the sentence as fact with the fact in the world? I argue that something more happens in the act of thinking or speaking itself—in its performance, use, or applica tion—and that „something more” is what we call meaning. The first thesis of my book is thus that meaning is performative and pragmatic; it is what happens in the act of thinking or speaking.“ (ebd. S 3) 4

Das Mehr, das geschieht, hätte ich halt gerne gewusst, wodurch das Denken zur Perfomativität übergeht. In welcher Sphäre, mit welcher Kraft, in welchem Licht? Wenn ich nur behaupte, von selbst geschieht das, durch den Akt des Handelns, bin ich anscheinend bei der „transzendentalen Apperzeption“ des „Ich denke, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss“?

KANT bleibt hier schwankend, ob er die Synthesis im Denken nach einer bereits vorausgesetzten Mannigfaltigkeit in der Anschauung ansetzen soll, oder ob doch figürlich die Synthesis dem inneren Zeit-Sinn nach sogar die Mannigfaltigkeit (der Form nach)  erzeugt? Aber immerhin spricht er nicht von einer blinden Performativität und einem blinden Urteilsakt, der die Synthesis ermöglicht. 

Wittgenstein muss überhaupt dogmatisch die Aussageform als übereinstimmend mit den Sachverhalten und Tatsachen annehmen, sonst käme er überhaupt zu keinem logischen Empirismus und zu keiner logischen Abbildtheorie – und später zu keiner Gebrauchstheorie der sprachlichen Bilder. Es geschieht in diesen zweifellos kreativen,  sprachlichen Beobachtungen aber keine metatheoretische, transzendentallogische Selbstbegründung seiner logischen Abbilder bzw. seiner Gebrauchstheorie.

A. Moser, S 4: „In other words, Kant and Wittgenstein each engage in a transcendental project of projecting unity; both are interested in a theory of projection as unification that makes possible the structure of representation as the unity of representation and represented. Kant and Wittgenstein are jointly driven by two fantasies: one, the method of projection establishes unity and, two, a proposition’s determinacy or unity is a structure of proof. I aim to show that Kant and Wittgenstein do not cling to their fantasies over the course of their careers but revert to performative theories in their sub sequent work.“5

7) Es folgt dann von A. Moser die Beobachtung des Sprachenlernens – als Beweis genommen, dass durch Übung und Mimesis wir alles lernen? Das ist aber nur gedeutete Entwicklungspsychologie, das ist kognitive, „mentale“ Wissenschaftlichkeit – keine transzendentale Erklärung, was Denken und Sprechen wirklich bedeuten und warum sich synthetisch die Vorstellung bzw. Bedeutung der Wörter mit den gemeinten Gegenständen oder gemeinten Sachverhalten und Aussagen deckt. 

Ich möchte diese basalen Entwicklungsprozesse ja nicht leugnen, aber das ist nur Beobachtung und gerade eine falsche Deutung und Erklärung. Zur epistemologischen Begründung von Bedeutung – siehe andere Blogs, z. B. v. Siemek oder „Philosophie der Sprache“. Eine Mimesis des Nachvollzugs und des Trainings schafft keine Erkenntnis, schafft keine Supposition einer anderen Person, kein Sich-Wissen und Sich-Bilden.

Diese angeblichen Tatsachen des Bewusstseins und diesen ganzen Aufbau unserer Gemütskräfte – das ist nachträgliche Klassifizierung, nachträgliche Deutung, im weitesten Sinne noch Anthropologie, aber nicht transzendentallogische Wesensbegründung des Vernunftwesens „Mensch“.

Läuft alles bei A. Moser auf eine Psychologisierung KANTS hinaus? Oder auf Anthropologie? Ich bin mir hier nicht sicher, möchte das nicht schlecht machen, aber kritisch darf man wohl fragen, ob hinter der Performativität und Pragmatik nicht ein altes Weltbild vorkantischer Seelenlehre steckt?

Es gibt mentale Eigenschaften und wir bemerken eine gewisse Projektion in unserem Denken und natürlich ein Handeln. Der Begriff „Performativität“ kann aber nicht erklären, was „Handeln“ meint, noch was Erkenntnis ist. Ohne transzendentallogische Bildlehre wird es nicht gehen. Es läuft alles auf einen undenkbaren Empirismus und Naturalismus hinaus.  Unsere mentalistische Ausstattung ist durch sprachliche Konvention, durch Umwelt, durch Natur  erzeugt … wie diese Dogmatismen alle heißen. Fragt sich nur, ob dieser Naturalismus sich selbst erklären kann.

Und warum glauben wir an die logischen Abbilder, von den Wittgenstein spricht? Wiederum nur durch Mimesis und durch Training der Vokabel? Und wie soll  Denken durch Performativität erst ein Denken werden?  (Chapter 4)

KANT  fand  sehr genial den Schematismus, um eine Anwendung der Erkenntnisbegriffe auf die Anschauungsformen zu beschreiben; PLATON sprach überhaupt von angeborenen Ideen, FICHTE von der Tathandlung. Die Sprechakt-Theoretiker treffen einen wahren Kern, wenn Sprechen ebenfalls als Tun angesehen wird, doch dieses Ansehen und Beurteilen und Deuten ist Denken, nicht Tat, Performativität.

8) A. Moser, ebd. S 5f: „My book reinterprets Kant’s Critique of Pure Reason and Wittgenstein’s Tractatus as dealing with the union of mind and world.10 Both philoso phers, I argue, develop a system of (transcendental) logic, only to question the validity of the system in terms of its application. With Kant, we are holding on to the myth that there is something—such as a law of some sort, a logical a priori connection or the categories—that causes thoughts or bits of language to be about something. Kant’s Transcendental Deduction, in which the a priori categories are described as enabling our experience and knowledge to be objective or about something, is thus problematized. Once it is demonstrated that the a priori categories are acts of the mind (Handlungen des Gemüts), it becomes clear that they can not be rigid and timeless but are altered over time by culture. The solution is thus to read the Transcendental Deduction as pragmatic. The categories are performative in exactly this sense: we arrive at meaning by making the connection between language or thought and the world in the way we do.

By this reading, Kant’s categories must be understood as becoming acts of the mind that make possible the connection to things in the first place. Kant knew he could be neither skeptical nor dogmatic about the connection. 6

Das ist leider nur englische Kant-Deutung.  Es ist a) kein „Mythos“, wie eine solche Lektüre besagt, dass es Gegebenes und Mannigfaltigkeit geben soll, sondern transzendental gesehen notwendige Erkenntnisbedingung; b) die transzendentale Deduktion der Kategorien ist nicht selbst zeitlich und kulturell und pragmatisch bedingt, weil umgekehrt, die zeitlosen Kategorien erst alle Erkenntnis ermöglichen; schließlich c) wenn die neue Interpretation einer projektiven Methode von Denkakten und deren Anwendung auf Dinge/Welt/Wirklichkeit gelten soll – „we arrive at meaning by making the connection between language or thought and the world in the way we do.“ – ist irgendeine praktische oder interpersonale Begründung zu erkennen?

A. Moser, ebd. S 6: „In providing a theory of the act of thinking through discussing Kant’s projection of unity in the categories in the Critique of Pure Reason and Wittgenstein’s projection method in the Tractatus, I aim to show that our access to things exists and is warranted—but not beyond thought or language. (…)“ 7

Für mich ist das eine Selbstaufgabe der Philosophie, weil darin keine Freiheit des Denkens mehr ersichtlich ist.

A. Moser setzt leichtgläubig ein mentales, theoretisches Vermögen an, nach dem Mainstream englischer Kant-Exegese, aber von einem praktischen Vermögen spricht sie so gut wie gar nicht. Dabei unterstelle ich das gar nicht ihr persönlich, das ist eben die dort verwendete Literatur, die dafür keinen Sinn mehr kennt. 

A. Moser, S 6: „Kant and Wittgenstein should be understood as two poles of a characteristically modern and critical impetus to address the conditioning of the framework for sense/meaning as well as the epistemic possibility of, and the constraints on, presenting that framework. “Modern and critical“ mean here that we made a turn to investigating language and thought about things as opposed to the things that they represent (in themselves)“8

Das klingt transzendental-selbstkritisch, sich zuerst dem Denkakt und dem Erkenntnisakt selbst zuzuwenden und nicht den Dingen – wie bei KANT – aber letzterer war selbstkritischer, denn er bezog den Denkakt schematisierend und innerhalb der transzendentalen Apperzeption auf die Dinge/Welt, also reflexiv, ein, während durch Performativität und Pragmatik die Wissbarkeitsbedingungen überhaupt nicht geklärt werden können, bzw. sogar noch verschleiert werden. Wie ich oben sagt, es fehlt die Unterscheidung Tat und Gedanke, wie sie einerseits zusammengehören, andererseits unterschieden werden müssen.

9) A. Moser, S 7: „In the following chapters I lay bare what we can call an isomorphic structure: the structure of experience in Kant and the structure of the proposi tion in Wittgenstein. I show that according to Kant and Wittgenstein these structures are respectively conditioned by a form of experience or a form of the proposition, which they respectively think accounts for the alleged connection of mind and world. The form of experience and the form of the proposition are each said to be the possibility of structure.Laying bare this structure coincides with the explanation of how form is the possibility of structure.“9

Die Form der Erfahrung und die Form des Satzes sind die Möglichkeit ihrer Struktur – Was erklärt hier was? Die erfahrungsgemäßen, rezeptiven Prozesse erklären die Strukturen – oder umgekehrt, erklären die Strukturen die mentalen und psychologischen Prozesse? Es ist wie ein technisches Räderwerk: Erkenntnisformen greifen in die Strukturen und Abbildungsformen ein und umgekehrt sind die Strukturen und Abbildungsformen das Räderwerk unserer Erkenntnis? Es soll sich etwas zeigen, aber erkenntnismäßig ist es nur eine Tautologie – oder soll es doch eine Identifikation sein?

Fragt sich jetzt, wo die eigenständige transzendentale Apperzeption der Synthesis nach KANT hingekommen ist, obwohl unzählig mal nach englischer Lektüre erwähnt?  Und noch weiter gedacht: die Synthesis praktischer Selbstgesetzgebung und freier Selbstbestimmung, wohin ist die verschwunden?

KANT ist verlassen, wird willkürlich mit Wittgenstein kompiliert und die logische Abbildtheorie Wittgensteins wird zur transzendentalpragmatischen Epistemologie umgebaut. Hat man keine anderen Erklärungen zur Erkenntnis und zur Epistemologie der Bedeutung von Wörtern und Sätzen? 

10) Die als Beispiele einer externalen oder internalen Welterkenntnis eingebrachten Autoren Dickerson oder McDowell (ebd. S 8- 10) sind für mich von vornherein nicht transzendental-kritisch genug, weil sie den eigenen Denkakt verabsolutieren. Sie könnten unter „psychologischer“ Kant-Kritik fallen. Der Ausweg zwischen den beiden Sichtweisen von A. Moser S 10 ist aber ebenfalls erkenntniskritisch nicht haltbar und geht genauso vom Mainstream einer naturalistischen Sicht des „Geistes“ aus. Durch Performativität oder Pragmatik lässt sich, wie die Begriffes schon in sich aussagen, keine Anschaulichkeit und Sichtbarkeit erzeugen. Das sind nur abstrahierte Begriffe, die ihren Ursprung nicht begründen und aufweisen können.  

Like the intentionalist, I too argue that the mind projects its internal relations onto the world. However, there is a difference in how I show the “projection” as unfolding. The theory of the act of thinking I develop claims that the structure of our minds and of language is not distinct from the structure of that about which we are thinking or speaking. This struc ture is one and performed in the projection or in the act. The nature of the (human) mind is to unfold in its activity of judging and categorizing and to create and have a world by that unfolding activity.“ 10

In weitere Folge gibt A. Moser eine Vorschau auf alle Kapiteln, alles sehr übersichtlich, kohärent geschrieben, die Hauptzeugen Kant und Wittgenstein einarbeitend, alles sehr gelehrt und historisch belesen.

Die Sprache in ihrem Gebrauch rechtfertigt das, was „Erkenntnis“ heißen soll? Kants Urteilstheorie und schematisierendes Denken und Wittgensteins Abbild- und Sprachdenken sind der Garant für die Überbrückung des Schismas von Anschauung und Begriff? Der Sprechakt und die „performativity“ sind von sich her einsichtig und wahr und richtig?11

Die Arbeit in ihrer Form alleine gesehen, in ihrem Stil, ihren Inhaltsangaben, Überleitungen, Kapiteleinteilungen, Literaturverweisen ist absolut perfekt!

Ich kann mich halt mit dem Inhalt nicht einverstanden erklären.

© 19. 5. 2022 Franz Strasser

1A. Moser, ebd. S 143. Google Übersetzung: „Deshalb habe ich in Kap. 2 darauf hingewiesen, dass Kant sich mit einer Theorie auseinandersetzt, die Apriori-Begriffe zur Verbindung zwischen Gedanken und Dingen macht, und ich habe betont, dass die Form der Erfahrung eher wie eine Aktivität des Verbindens aussieht, die nicht durch Apriori-Formen gestützt wird, sondern vielmehr „by the way the mind ist minded“ . In Kap. 3 habe ich ausgeführt, wie Wittgenstein versuchte, die Darstellung eines logischen Bildes in Form von Sprache durch etwas zu ersetzen, das Kants Darstellung der Apriori-Kategorien ähnlich ist, einer allgemeinen Form der Aussage, die „so ist, wie der Geist ist“ – in Formen der Sprache. Der Satz über etwas ist immer schon seine eigene Vorstellungsweise, seine logische Form, ohne sie explizieren zu können.

2A. Moser, ebd. S 2: Google Übersetzung: „Abschließend zeige ich, wie Pragmatik bzw. Performativität sowohl bei Kant als auch bei Wittgenstein zu finden ist. In Kants Kritik der reinen Vernunft ermöglicht eine Projektion transzendentaler Ideen die Einheit des Verstandes, während in Wittgensteins Tractatus die Projektion des Satzes den Vergleich von Gedanke oder Satz und der Welt ermöglicht. Ich betrachte nicht logische Theorien oder philosophische Methoden als solche, sondern die Anwendung von Theorien und Methoden – die Akte, sie zu denken. Sowohl Kant als auch Wittgenstein schreiben explizit über Denkakte. Kants Kritik der reinen Vernunft beschäftigt sich weitgehend mit dem, was er im Deutschen Handlungen des Gemüts „Akte des Geistes“ nennt, wobei „Gemüt“ ein altmodischer Ausdruck ist

für das, was wir heute den Geist nennen.“

3z. B. Peter Baumann, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendentale Gedanke. Die gegenwärtige Darstellung der Philosophie Fichtes, hrsg. v. Klaus Hammacher, Hamburg, 1981, S 171- 189.

4„Worauf ich mich in diesem Buch konzentriere, ist das Denken eines Systems in seiner Anwendung oder wie es angewendet wird. Wie übernimmt das Denken im Laufe des Denkens Autorität darüber, worum es beim Gedanken geht? Werden die a priori-Kategorien des Denkens lediglich im Geist in Kraft gesetzt? Vergleichen wir nur den Satz als Tatsache mit der Tatsache in der Welt? Ich behaupte, dass im Akt des Denkens oder Sprechens selbst – in seiner Ausführung, Verwendung oder Anwendung – etwas mehr passiert, und dass „etwas mehr“ das ist, was wir Bedeutung nennen. Die erste These meines Buches lautet also, dass Bedeutung performativ und pragmatisch ist; es ist das, was beim Denken oder Sprechen passiert.“

5Tlw. Goggle-Übersetzung bzw. von mir, weil allein schon das Wort „proposition“ einer kräftigen transzendental-kritischen Revision zu unterwerfen wäre. Ich kann nicht einfach von „proposition“ sprechen ohne sie generiert zu haben: „Mit anderen Worten, Kant und Wittgenstein beschäftigen sich jeweils mit einem transzendentalen Projekt der Einheitsprojektion; beide interessieren sich für eine Theorie der Projektion als Vereinheitlichung, die die Struktur der Repräsentation als Einheit von Repräsentation und Repräsentativität ermöglicht. Kant und Wittgenstein werden gemeinsam von zwei Fantasien getrieben: einmal stellt die Methode der Projektion die Einheit her, und zweitens zeigt eine „proposition’s deerminacy oder unity“ die Struktur eines Beweises. Ich möchte zeigen, dass Kant und Wittgenstein im Laufe ihrer Entwicklungen nicht an ihren Fantasien festhalten, sondern in ihrer späteren Arbeit auf performative Theorien zurückgreifen.“

6Google Übersetzung bzw. von mir: „Mein Buch interpretiert Kants Kritik der reinen Vernunft und Wittgensteins Tractatus dahingehend um, dass es um die Vereinigung von Geist und Welt geht. Beide Philosophen, so argumentiere ich, entwickeln ein System der (transzendentalen) Logik, um die Gültigkeit ihres Systems in Termen der Anwendung zu beweisen. Bei Kant halten wir an dem Mythos fest, dass es etwas gibt – etwa ein Gesetz, eine logische Apriori-Verbindung oder die Kategorien – das Gedanken oder Teile von Sprache bewirkt, die etwas besagen. Kants Transzendentale Deduktion, in der die apriorischen Kategorien beschrieben werden, dass sie uns befähigen, Erfahrung und Wissen, objektiv zu sammeln (von etwas zu haben), wird damit problematisiert. Sobald gezeigt ist, dass die apriorischen Kategorien Handlungen des Gemüts sind, wird deutlich, dass sie nicht starr und zeitlos sein können, sondern im Laufe der Zeit durch die Kultur verändert werden. Die Lösung besteht also darin, die transzendentale Deduktion als pragmatisch zu lesen. Die Kategorien sind in genau diesem Sinne performativ: Wir gelangen zur Bedeutung, indem wir die Verbindung zwischen Sprache oder Denken und der Welt so herstellen, wie wir es tun.

Kants Kategorien müssen bei dieser Lesart als werdende Akte des Geistes verstanden werden, die den Zusammenhang mit den Dingen überhaupt erst ermöglichen. Kant wusste, dass er dem Zusammenhang gegenüber weder skeptisch noch dogmatisch sein konnte.(…)“ S 5.6.

7Google Übersetzung bzw. von mir: „Indem ich durch die Diskussion von Kants Projektion der Einheit in den Kategorien in der Kritik der reinen Vernunft und Wittgensteins Projektionsmethode im Tractatus eine Theorie des Denkakts bereitstelle, möchte ich zeigen, dass unser Zugang zu den Dingen existiert und gerechtfertigt ist – aber nicht jenseits des Denkens oder Sprache.“

8Google-Übersetzung bzw. von mir: „Kant und Wittgenstein sollten als zwei Pole eines charakteristisch modernen und kritischen Impetus verstanden werden, um die Bedingung des Rahmens für Sinn/Bedeutung sowie die epistemische Möglichkeit und die Einschränkungen bei der Darstellung dieses Rahmens zu thematisieren. „Modern und kritisch“ bedeutet hier, dass wir uns der Untersuchung von Sprache und Gedanken über die Dinge zugewandt haben, im Gegensatz zu den Dingen, die sie (an sich) darstellen.“

9Google-Übersetzung bzw. von mir: „In den folgenden Kapiteln lege ich offen, was wir eine isomorphe Struktur nennen können: die Struktur der Erfahrung bei Kant und die Struktur des Satzes bei Wittgenstein. Ich zeige, dass diese Strukturen nach Kant und Wittgenstein jeweils durch eine Form von Erfahrung oder eine Form des Satzes („proposition“), die sie jeweils für die angebliche Verbindung von Geist und Welt halten. Die Form der Erfahrung und die Form des Satzes sollen jeweils die Möglichkeit der Struktur sein. Die Offenlegung dieser Struktur fällt zusammen mit der Erklärung, inwiefern die Form die Möglichkeit der Struktur ist.

10Google-Übersetzung bzw. von mir. „ Wie der Intentionalist argumentiere auch ich, dass der Geist seine inneren Beziehungen auf die Welt projiziert. Es gibt jedoch einen Unterschied darin, wie ich die „Projektion“ als Entfaltung zeige. Die Theorie des Denkaktes, die ich entwickle, behauptet, dass sich die Struktur unseres Geistes und unserer Sprache nicht von der Struktur dessen, worüber wir denken oder sprechen, unterscheidet. Diese Struktur ist eine und wird in der Projektion oder im Akt ausgeführt. Die Natur des (menschlichen) Geistes ist es, sich in seiner Aktivität des Beurteilens und Kategorisierens zu entfalten und durch diese sich entfaltende Aktivität eine Welt zu erschaffen und zu haben.“

11Ich einem Klappentext des Verlages wird auf der Homepage-Seite der Kunstuniversität Linz die Argumentation A. MOSERS wie folgt beschrieben: (externer Link) „Aloisia Moser argues that Kant speaks about acts of the mind, not about static categories. Furthermore, she elucidates the Tractatus’ logical form as a projection method that turns into a so-called ‘zero method’, whereby propositions are merely the scaffolding of the world. In so doing, Moser connects Kantian reflective judgment to Wittgensteinian rule-following. She thereby presents an account of performativity centering neither on theories nor methods, bu on the application enacting them in the first place.

Kant spreche von Geistesakten, nicht von statischen Kategorien. Darüber hinaus verdeutlicht sie die logische Form des Tractatus als Projektionsmethode, die zu einer sogenannten „Nullmethode“ wird, bei der Sätze nur noch das Gerüst der Welt sind. Dabei verbindet Moser die kantische reflexive Urteilskraft mit der Wittgensteinschen Regelbefolgung. Damit legt sie eine Darstellung von Performativität vor, die weder Theorien noch Methoden in den Mittelpunkt stellt, sondern die Anwendung, die sie überhaupt inszeniert.“

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser