Zur Deduktion des Rechtsbegriffs bei Fichte in der GNR – 1. Teil

Transzendentale Interpersonalitätslehre in Überleitung zum Rechtsbegriff – nach HANS GEORG von MANZ, 1. Teil.  (HANS GEORG von MANZ, Fairneß und Vernunftrecht. Rawls‘ Versuch der prozeduralen Begründung einer gerechten Gesellschaftsordnung im Gegensatz zu ihrer Vernunftbestimmung bei Fichte. Hildesheim: Olms-Verlag, 1992, S 93 – 103)

Thema und Objekt der Frage ist: In welcher Form ist ein Miteinander freier, endlicher Vernunftwesen denkbar? (Einleitung zur GNR, S 9). „Und so hätten wir denn das ganze Object des Rechtsbegriffes; nemlich eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen als solchen.“ (SW III, Einleitung, II. Abschnitt, S 9)

MANZ schildert den Weg FICHTES in vier Schritten (MANZ, ebd. S 95 – 103).

1) Subjektivität;

2) Außenwelt durch die Wirksamkeit des Leibes;

3) Annahme anderer Vernunftwesen;

4) Verhältnis derselben im Urrecht, im Zwangsrecht und in der Synthese des Gemeinwesens (Staat).

Im analogen Sinn zu KANTS metaphysischer Deduktion“ 1 muss von einer metaphysischen Wahrheit und Größe des Rechtsbegriffes, des Verhältnisses freier Vernunftwesen zueinander, gesprochen werden. Ich möchte das so erläutern:


Die Reflexion des Denkens offenbart im Sinne der WL vier Inhalte, die material unableitbar und genetisch mit und aus dem Bewusstsein hervorgehen: die sinnliche Natur, die Person im Legalitätsverhältnis, die sittliche Natur, die religiöse Natur. Diese Materien sind unbegreiflich in ihrer Erscheinung und werden in der Form des unendlich ablaufenden Bewusstseins zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit der Erfahrung. Die Form des Erfassens selbst dieser vier Materien im Bewusstsein ist allerdings in der (endlichen) Fünffachheit der Reflexion gegliedert und erfassbar. 2

Die sich im Bewusstsein darstellende unendliche Mannigfaltigkeit einer rechtlichen Gemeinschaft (Legalität), verbunden mit einer Theorie der Gerechtigkeit, ist somit eine eigene transzendentale Sphäre (Materie) des Denkens von Bewusstsein/Selbstbewusstsein und Effekt der Vernunft und verdient einen besonderen, transzendentalen Reflexionsstandpunkt.

Diese Unbegreiflichkeit der Erscheinung des Vernunfteffektes als Rechtssphäre von ausgewiesener Personalität und Gleichheit aller Vernunftwesen kann keine Antwort geben, warum überhaupt eine solche rechtliche Verfasstheit und Gemeinschaft sein soll, der Geltung nach das wäre Aufgabe einer Sittenlehre, und insofern ist die Rechtslehre von der Sittenlehre her fundiert3aber WIE den transzendentalen Bedingungen des Denkens nach eine Subjektivität/Personalität und relationales Miteinander von mehreren Vernunftwesen möglich ist, das ist Bereich einer transzendentalen Rechtslehre, oder „Naturrecht“ genannt.

Nach der metaphysischen Deduktion des Rechtsbegriffes folgen die transzendentalen Anwendungsbedingungen des Rechts in der Form der a) Leiblichkeit des Vernunftwesens und in der Form b) der Kommunikabilität.

 

Ad 1) G. v. Manz spricht vom Begriff der „Subjektivität“ als Intention und Reflexion. (ebd. S 95). „Der erste Schritt in der Deduktion des Rechtsbegriffs ist der Aufweis der usprünglichen Tätigkeit des Subjekts als primärer Ansatzpunkt von Subjektivität: „Ein endliches vernünftiges Wesen kann sich selbst nicht setzen, ohne sich eine freie Wirksamkeit zuzuschreiben.“ (SW III, GNR § 1, S 17)

In dieser Überschrift zum ersten Paragraphen der GNR steckt eigentlich die ganze WL vom Bewusstsein/Selbstbewusstsein, wie sie die GWL von 1794/95 und die parallel zu der GNR laufende WLnm von 1796 dargelegt haben. Wie das gemeint ist, kann vielleicht eine kurze Erläuterung aus einem späteren § zeigen:

Durch das Anschauen selbst, und lediglich dadurch entsteht das Angeschaute; das Ich geht in sich selbst zurück; und diese Handlung gibt Anschauung und Angeschautes zugleich; die Vernunft (das Ich) ist in der Anschauung keineswegs leidend, sondern absolut tätig; sie ist in ihr produktive Einbildungskraft (ebd., 2. Hauptstück, § 5, S 58).4

Wie verläuft die Argumentation bei FICHTE? Ein apriorische Begriff von Recht unterscheidet sich wesentlich von faktischen und systemtheoretischen Herleitungen des Rechts.5

Dem alltäglichen Bewusstsein mögen die notwendigen Bewusstseinsbedingungen, wie es zum Rechtsempfinden kommt, zur Bestimmung von Legalität und Gerechtigkeit, nicht explizit bewusst sein, das ist Aufgabe der Philosophie. Erkennbar ist aber dem Vernunftwesen a) unmittelbar eine anderes Vernunftwesen (siehe schönes Corollarium nach dem §4) und b) spürbar ist Recht und Gerechtigkeit spätestens in der Erfahrung des Gegenteils: In der Erfahrung von Unrecht und Ungerechtigkeit. (Meiner Meinung nach.)

Es ist Aufgabe der Philosophie, wie FICHTE in der Einleitung sagt (SW III, EL, S 7ff), die Materie des Sich-Wissens von Subjektivität – ab dem § 3 spricht FICHTE ausdrücklich von der „Person“ – und Personen-Gemeinschaft zu thematisieren, apriorisch aus dem Wesen der Vernunft heraus. 6

Der Ausgangspunkt bei FICHTE ist genial gefunden und bestimmt: Wenn Bewusstsein/Selbstbewusstsein möglich sein soll, so muss es als Bewusstsein/Selbstbewusstsein natürlich a) frei sein; das hat zur Folge, dass b) es in einem unableitbaren, anderen, objektivierten Bilde der Freiheit in concreto, d. h. in einem realen Bild eines anderen Ich-Bewusstseins, sich selbst als anderes Ich begegnen können muss.

Diese Selbstanschauung der Freiheit in möglicher Affirmation anderer Freiheit ist in den §§ 3- 4, „Deduction des Begriffes vom Rechte“, ebd. S 17 – 56, dargelegt – einmalig und erstmalig, wie oft gesagt worden ist.

Dieser Interpersonalitäts- oder Intersubjektivitätsschluss wird nicht faktisch und empirisch eingeschoben sein, sondern exakt vorbereitet aus Begriffen der Vernunft. Wenn Bewusstsein/Selbstbewusstsein sein soll, so muss es a) zur Subjektivität der Reflexion fähig sein, und b) interpersonal veranlagt und geschaffen sein. 7

Das ist vorbereitet im § 2.

ad 2) „Außenwelt durch Wirksamkeit des Leibes“. Es ist Wesenseigenschaft und Charakteristik der Vernunft in einem Vernunfwesen, die Form „der Sinnenwelt als Bestimmungsgrund der Subjektivität“ anzusetzen (G. v. Manz, ebd. S 96).

§ 2 Folgesatz. Durch dieses Setzen seines Vermögens zur freien Wirksamkeit setzt und bestimmt das Vernunftwesen eine Sinnenwelt ausser sich.“ (§ 2, ebd. S, 23)

Ich verweise hier zuerst auf die WL 1804/2: Die transzendentalreflexive Einheit des Wissens (Bildens) ist der Form nach geschlossen und endlich, der Materie nach im ablaufenden Bewusstsein offen und unendlich. Die Reflexion der Vernunft (Intention, Tätigkeit) vermag unendlich etwas Objektives zu teilen, aber die Wissenform selbst ist a) objektivierend als Bezug auf objektive Realität endlich; zum anderen b) auch actual ein Beenden der virtuell unendlichen Reproduktion der Anschauungsanteile.8

Das actuale Beenden der Reproduktion (der Reflexion) zeigt sich in ihrer unbedingten Beschränkung auf die schlechthin notwendigen Elemente für den Du-Begriff.
Ich zitiere hier J. Widmann in seiner Analyse der WL 1804/2: Notwendig sind dreierlei, im genetischen Vorgang identischer Formen: Gemeinsames und eigenes und fremdes Sichbilden. „Sind sie geschaffen, so kommt der Reproduktionsprozeß durch die identischen Formteile zum Stehen. Und dieses Beenden des Reproduktionsvorgangs wird projiziert im Begriff des Ganzen.“ 9

 

FICHTE hat das Sichbilden als individuelles Ich, als Du und als Wir in § 2 der GNR vorbereitet mittels der hingestellten Aufgabe und des Postulates: Wenn wirklich freie Wirksamkeit des Vernunftwesens möglich sein soll, so kann das nicht mechanisch-deterministisch geschehen, sondern die Vernunft muss selbst Ursache dieser Wirksamkeit werden können, mithin nur durch „absolute Freiheit“ kann Wirksamkeit in und mit und für die Vernunft (im Ich, für das Ich) gedacht werden.

Zuvörderst — der Begriff von der Wirksamkeit des Vernunftwesens ist durch absolute Freiheit entworfen; das Object in der Sinnenwelt, als das Gegentheil derselben ist also festgesetzt, fixirt, unabänderlich bestimmt. Das Ich ist ins Unendliche bestimmbar; das Object, weil es ein solches ist, auf einmal für immer bestimmt. Das Ich ist, was es ist, im Handeln, das Object im Seyn. Das Ich ist unaufhörlich im Werden, es ist in ihm gar nichts Dauerndes: das Object ist, so wie es ist, für immer, ist was es war, und was es seyn wird. Im Ich liegt der letzte Grund seines Handelns; im Objecte, der seines Seyns: denn es hat weiter nichts, als Seyn.
Dann — der Begriff von der Wirksamkeit, der mit absoluter Freiheit entworfen, und unter den gleichen Umständen ins Unendliche verschieden seyn könnte, geht auf eine Wirksamkeit im Objecte
. (…)“ (GNR, ebd. § 2, S 28)

Der Begriff der „Wirksamkeitdurch „absolute Freiheit“ ist auf die Sinnenwelt (Objektwelt) gerichtet, d. h. die Sinnenwelt muss einerseits als Grundlage der Vorstellung erhalten bleiben, andererseits so veränderbar und formbar sein, bzw. so erscheinen, dass die Charakteristik einer „freien Wirksamkeit“ ebenfalls sichtbar wird. Die gesuchte Wirksamkeit soll auf den „Stoff“ (SW III, § 2, ebd. S 29) der Sinnenwelt übertragen werden können.

Für ein transzendental nicht so geschultes Bewusstsein stellt sich mit der Vorstellung einer freien Wirksamkeit auf ein Objekt die Vorstellung der Zeit ein, die aber gerade für den hier gesuchten Konstitutionsakt des Selbstbewusstseins und der Selbstreflexion abgehalten werden soll. Normalerweise geht die Wirksamkeit auf ein Objekt „successiv in der Zeit“ (ebd. S 29), hier aber soll die Wirksamkeit in einer zeitlosen Synthesis mit „absoluter Freiheit“ kombiniert werden.

Ad 3) „Annahme anderer Vernunftwesen“:

FICHTE präzisiert die Fragestellung einer freien Wirksamkeit am Beginn des § 3 (ebd., S 30) nochmals: Es kann im Hinblick auf die transzendentale Erkenntnisfrage nicht von einer beliebigen „möglichen Wirksamkeit“ (§ 3, ebd. S 31) ausgegangen werden, denn dann wäre es ein bloß subjektivistisch/oder objektivistisch und faktisch vorausgesetztes Selbstbewusstsein, das sich im Zirkelschluss aus dieser modal unterbestimmten „möglichen Wirksamkeit“ zeitlich ableitet.

Es soll transzendental eine „freie Wirksamkeit“ vorausgesetzt werden, die zugleich sinnlich wahrnehmbar ist.

Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vorauszusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewusstseyns schon vorher ein | Object, bloss als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.“ (§ 3, S 31. 32)

Wie sind Sinnlichkeit und handelnde Selbsttätigkeit der Vernunft (in der Wirksamkeit) synthetisch und gleichzeitig zu vereinen?

Dieser Grund (von Subjektivität und anderer Subjektivität) muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe.“ (ebd. § 3, S 32)

M. a. W., es ist also für die Genese des Bewusstseins/Selbstbewusstseins und der Selbstreflexion, um deren Möglichkeit es ja FICHTE hauptsächlich in den ersten Jahren der WL zu tun ist, die Wahrnehmung einer freien Wirksamkeit in der Sinnenwelt gefordert. Dies lässt sich als Widerspruch formulieren, „Wahrnehmung einer freien Wirksamkeit“? Aber jeder Widerspruch muss auch in Lösungsbedingungen gedacht werden können: Es geht um eine „freie Wechselwirksamkeit“ (ebd. § 3, S 34)

(…) so muss Wirkung von Gegenwirkung sich gar nicht abgesondert denken lassen. Es muß so sein, dass beide die partes integrantes einer ganzen Begebenheit ausmachen. So etwas wird nun als notwendige Bedingung des Selbstbewußtseins eines vernünftigen Wesens postuliert. (ebd. § 3, S 34).

FICHTE findet hier genial das Aufforderungs-Antwortverhältnis. Ich zitiere G. v. Manz: „Das Aufforderungs-Antwort-Schema ist Grundvoraussetzung für das Anheben der Tätigkeit des Selbstbewusstseins. Zweck der Aufforderung ist die Antwort als freie Wirksamkeit des aufgeforderten Vernunftwesens. Wenn eine Aufforderung an ein (vermeint liches) Vernunftwesen gerichtet wird, ist impliziert, daß das aufgeforderte Wesen die Aufforderung als Aufforderung versteht. Derjenige, von dem die Aufforderung ausgeht, muss mindestens provisorisch annehmen, dass sie als solche verstanden wird. Die Annahme, dass die Aufforderung verstanden werden kann, schließt ein, dass in dem Wesen, an das sie gerichtet ist, sich Verstand findet. Derjenige, der eine Aufforderung als Aufforderung an ein Wesen richtet, muss selbst den Begriff von Freiheit und Vernunft haben. Die Aufforderung kann also selbst nur von einem (anderem) Vemunftwesen kommen.“10

 

Somit gilt, wie die Überschrift des § 3 klar und deutlich sagt:


§ 3 Zweiter Lehrsatz

Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich selbst nicht zu schreiben, ohne sie auch anderen zuzuschreiben, mithin auch andere endliche Vernunftwesen außer sich anzunehmen“ (ebd. S 30 ).

Die Bestimmung des Begriffs „Mensch“ beinhaltet somit, daß es sich um ein Wesen handelt, das als Individuum notwendig mit einem anderen Individuum, von Mensch zu Mensch, in Wechselbeziehung, d. h. in Gemeinschaft stehen muss. Transzendental notwendig ist die Existenz mehrerer Vernunftwesen (metaphysisch) vorauszusetzen.

Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann, denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein (ebd. § 3, Corollaria, S 39)

Dies ist nicht faktisch festgestellt, sondern apriorisch aus dem Postulat einer freine Wirksamkeit abgeleitet. „Die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt“ (GNR, § 3, S 32)11

Der Grund dieser Relationsbeziehung (dieses Verhältnisses) überhaupt liegt einerseits a) in der Sittenlehre, dass durch Freiheit und Erziehung und Geschichte sittliche Gemeinsamkeit erzielt werden soll, andererseits b) in der transzendentalen Projektion eines gemeinsamen Ganzen der Vernunftrealisation.

Der Seinsgrund für ein Ich und Du unterscheidet sich, wenn jeweils spezifisch auf den Seinsgrund reflektiert wird, und doch muss als Abgrenzungsbedingung des je eigenen Seinsgrundes ein gemeinsamer Seinsgrund vorausgesetzt werden, der zu einem gemeinsamen Ganzen eines Wir und eines „absoluten Ichs“ führt. 12

Für die später auszugestaltende Rechtssphäre und Rechtslehre eines Gemeinwesens genügt es zu sehen, dass die Willensgleichheit der Subjekte nicht durch ihren Willensschluss erst gebildet wird, sondern schon transzendental vorhergehend sein muss, sonst könnte eine freie Wirksamkeit von Personen aufeinander, die partes integrantes einer Einheit sind, nicht gedacht werden.

Zusammenfassend gesagt: Im Vernunftbegriff der geforderten freien Wirksamkeit liegt a) abstrakt – durch philosophische Reflexion gefunden und begrifflich aufstellbar, kodfizierbar, ritualisierbar – und b) real konkret und c) absolut der Rechtsbegriff des Verhältnisses freier Vernunftwesen.

Ad 4) Diese im I. Hauptstück begonnene apriorische Ableitung des Rechts aus dem Wesen der Vernunft und der Existenz mehrerer Vernunftwesen wird beibehalten und fortgeführt im Aufzeigen der transzendentalen Anwendungsbedingungen im II. Hauptstück in der Deduktion der Leibes als Möglichkeitsbedingung von Wirksamkeit in der Sinnenwelt und der „Sinnfähigkeit des Leibes als Kommunikabilität“ (G. v. Manz, ebd. S 105) (§§ 5- 6-, S 56 – 85).

Schließlich wird zur weiteren systematischen Anwendung der transzendentalen Wissensprinzipien des Naturrechts übergegangen, zur positiven Rechtslehre (im engeren Sinne) im III. Hauptstück (§§ 8ff; S 92 – bis Ende).

© 29. 4. 2021 Franz Strasser

1 Nach der Formulierung KANTS zeigt die „metaphysische Deduktion“  den „Ursprung der Kategorien a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den allgemeinen logischen Funktionen des Denkens“ (KrV B 159) an. Die Funktionen des Denkens fallen zusammen mit den Urteilsformen, und diese sind allgemein geltend, metaphysisch wahr. Mit „analog“ hier für den Rechtsbegriff meine ich nicht die Urteilsformen, sondern die Funktion des Denkens führt notwendig den allgemeinen Begriff des Rechts für ein Vernunftwesen mit sich. Wie durch die logische Funktion der Urteile das Mannigfaltige unter die Apperzeption gebracht wird und damit ist „alles Mannigfaltige, so fern es in Einer empirischen Anschauung gegeben ist, in Ansehung einer der logischen Funktionen zu urteilen bestimmt, durch die es nämlich zu einem Bewußtsein überhaupt gebracht wird.“ KrV B 143, so ist das Vernunftwesen durch den Rechtsbegriff „logisch“, im „Urteil“ der Reflexivität des Bewusstseins/Selbstbewusstseins bestimmt nach dem Rechtsbegriff. Weil die Kategorien zur Funktion des Urteilens gehören, „steht auch das Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung notwendig unter Kategorien.“ KrV B 143. Analog dazu: So steht alles Begreifen des Bewusst-Seins unter der Kategorie des Rechts.

2Es wäre hier weiter auszuholen und interessant, wie von allem Anfang an FICHTE das reflektierte. WLnm, WL 1804/2 28. Vortrag u. a..

3G. v. Manz, ebd. S 108: Auch wenn sich das Rechtsgesetz aus dem transzendentalen Rechtsbegriff herleiten läßt, ist in ihm keine kategorische Sollensforderung enthalten, dergestalt, daß eine Gemeinschaft gewollt werden soll und daß die äußeren Verhältnisse dem Rechtsbegriff gemäß gestaltet werden sollen. Insofern ist der Rechtsbegriff bei Fichte tatsächlich wertfrei.“ Zum Geltungsbegriff des Rechts, siehe ebd. S 107 – 109. Aus höheren Gründen der Freiheit ist dabei die Sittlichkeit nur geschichtlich möglich, „[d]aß der Mensch diese Gattung nicht sein könne, … weil er zur Moralität erzogen werden, und sich selbst erziehen muß; weil er nicht von Natur moralisch ist, sondern erst durch eigne Arbeit sich dazu machen soll“ (GNR, ebd. S 148).

Bei vollkommener Sittlichkeit würde der Staat mit seinem Rechtsgesetz aufgelöst werden können. „Für eine Gattung voll endeter moralischer Wesen gibt es kein Rechtsgesetz (SW III, GNR, § 15 ebd. S 148)

Deshalb ergeben sich einerseits für das Recht Bestimmungen, die nicht aus dem Rechtsbegriff selbst gewonnen werden können, wie z. B. regulative geschichtliche Bestimmungen, andererseits ist der Rechtsbegriff und spätere Staatsbegriff nicht direkt für die Sittlichkeit zuständig.

4 Soweit hinauf ist natürlich KANT nicht gestiegen, deshalb haftet seinem Rechtsbegriff zeitlebens etwas Unbegründetes und Autoritäres an. Das liegt m. E. in dem Begriff des „allgemeinen Gesetzes“, das aus der faktischen Abgrenzung gegenseitiger Freiheit gewonnen ist. Dieses „allgemeine Gesetz“ ist zuerst charakterisiert als eine Negation individueller Freiheit, d.h. von einer Verträglichkeits- und Tauglichkeitsprüfung des Gebrauches der Freiheit hängt die individuelle Freiheit ab. Das „allgemeine Gesetz“ enthält keine subjektiv und interpersonal gegebene, dynamische Selbsteinschränkung von Freiheit, ferner kein Anwendungsschema und kein gutes Applikationsschema, was das Prinzip der Gerechtigkeit und ein Abwehrrecht gegenüber dem Staat betrifft.

5 Es würde jetzt zu einer langen und endlosen Debatte führen, wie die Würde und das Personsein und die Grundrechte heute begründet werden, aber es herrscht m. E. große Unklarheit. Die Konfusion beginnt beim obersten Ausgangspunkt: Ist das Recht ein transzendentaler Begriff, aus dem Wesen der Vernunft abgeleiteter Begriff, oder ist er ein sekundär durch Macht und Gewalt, durch Konsens und systemtheoretische Bedingungen, durch Geschichte und sonst wie äußerlich eingeführter Begriff? Eine weitere Variante wäre Recht als direkt von Gott begründetes Recht, d. h. als transzendenten Begriff anzusehen. Aber auch diese transzendente Rechtsbegründung müsste sich aus den transzendentalen Wissensbedingungen begründen lassen.

6 Es ist de facto keine transzendentale, tiefe Einsicht, wenn in großen Lettern im Österreichischen Verfassungsgerichtshof prangt: „Ihr Recht geht vom Volke aus.“ Das ist sehr missverständlich. Von der Begründung des Rechts „vom Volke aus“ ist es definitiv falsch. Oder meint man den operativen Vorgang der Festsetzung von Rechtsregeln? Aber selbst das trifft die Sache nicht: Die Rechtssetzung und Rechtssprechung muss sich nach allgemeinen, logisch-praktischen Gesetzen der Personalität und Gerechtigkeit richten und kann doch kein bloß parlamentarischer Vorgang sein, der „vom Volk ausgeht“, als verdanke sich das Recht und die Gerechtigkeit irgendwelcher großzügiger und gnädiger Beschlüsse und Mehrheiten einer alle fünf Jahre neu gewählten Nationalversammlung?

7 Die Interpersonalität ist von mir nach M. IVALDO schon vorgestellt worden – siehe Blog dort. Die Vernunft existiert als Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren, das kann sie aber nur, wenn sie sich letztlich frei durch „Aufruf“ vermittelt. Das Sichbilden der Vernunft ist selbstbestimmend und bestimmt werdend  in Einheit. Die Hemmung muss deshalb den Charakter einer Freiheit an sich tragen, d. h. sie muss ein Virtuelles von anderer Freiheit sein, das durch theoretische und praktische Momente des Ichs im Ich gesetzt ist und weitergebildet werden kann. Diese Charakteristik anderer Freiheit wird dabei im Begriff des „Aufrufs“ bzw. der „Aufforderung“ realisiert und erfüllt. Vgl. M. IVALDO, Die systematische Position der Ethik nach der Wissenschaftslehre nova methodo und der Sittenlehre 1798, in: Fichte-Studien, Bd 16, 1999, 245.

8 Ich verweise hier auf die spätere WL 1804/2 und der Analyse nach J. Widmann. FICHTE hat immer wieder betont, dass der essentielle Gehalt der Wln stets gleich geblieben ist.

9J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, a. a. O., 1977, S 211.

10G. v. Manz, ebd. S 98.

11 Die z. B. bei Hegel, Rousseau und Hobbes (tlw. auch bei KANT) entworfenen Staatstheorien enden ja alle in irgendeiner Form einer universalistischen Staatstheorie, weil sie ein freies Subjekt in freier Wechselwirkung mit anderen Subjekten nicht kennen. Die Antwort FICHTES ist ein „Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.“ (Hervorhebung von mir; GNR, § 3, ebd. S 33)

12Das absolute Ich hat für das erkennende Individuum selbst einen personalen Wert, ist logoshaft, weil das Individuum den Begriff des Sich-Bildens nicht nur im Gegenüber zu einem differenten Du projiziert, sondern auch objektiviert als Wir. Im Projektum eines einfachen Bezuges zu einem Du ist ebenso das absolute Ich eines Wir mitgesetzt. Sonst wären auch alle Abstraktionen des Verhältnisses Ich-Du-Wir wertlos, wenn nicht eine einfache Objektivation des Wertes auf ein absolutes Ich als Legitimation und Rechtfertigung angegeben werden könnte.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser