Zur Deduktion des Rechtsbegriffs bei Fichte in der GNR

1) Was ist eigentlich Recht? Ist es ein soziologisches Phänomen (Max Weber)? Ist es eine positive Gesetzesordnung, künstlich durch einen Staat geschaffen und den Bürgern aufgezwungen? Wäre das Recht überflüssig, wenn jeder Mensch moralisch-sittlich nach einer inneren Rechtsordnung lebte? Ist das Recht nur formalistische Einhaltung von Regeln, höchst schwerfällig, oder soll es doch das Zusammenleben fördern und schützen? Ist es autonomiefördernd (Kant) oder autonomiehemmend? Aspekte der Rechtskritik gab es bereits bei den Sophisten. Ist es individualistisch, letztlich auf einen persönlichen Egoismus abzielend und libertär die eigene Freiheit schützend, aber brutal soziale Ungerechtigkeit und Schwäche ausnützend?   Und wenn es schon ein rechtliches Miteinander von Personen geben soll, wie lässt sich das begründen? Autoritär vom Vater her, vom Herrscher (Hobbes), von der Moralität?  Gibt es einen Unterschied zwischen Recht und Moral? Was ist das Bedingende in diesem Zueinander?  Diese und jene Fragen werfen zahlreiche Bedenken, Einwände, Widersprüche auf, die nicht so leicht zu analysieren und auseinander zu halten  – und schließlich wieder zu synthetisieren sind.

Da es nur selten so konsequente Denken gegeben hat wie J. G. FICHTE, so ist von ihm zu erwarten, dass er nicht einfach eine Rechtsphilosophie übernahm, sondern aus seinem originären Denken der WISSENSCHAFTSLEHRE heraus und in Nachfolge und in Weiterführung zu KANT den Rechtsbegriff neu begründet und definiert hat.

Was sind die Bedingungen der Wissbarkeit dessen, was Recht ist. Nicht selten geschieht die Definition des Rechts aus bloß faktisch-positiven bzw. aus inhaltlichen Gründen z. B. Seelmann/Demko. Rechtsphilosophie. München, 20146 .

Ich möchte das Thema von außen her angehen und z. B. den eigenwilligen Zugang der Systemtheorie und des Differenzstandpunktes zum Phänomen des Rechts schildern: Ausführlich setzt sich z. B. T. Vesting, mit der Rechtsbegründung und Rechtsfindung nach wissenssoziologischen Begründungsformen bei N. LUHMANN auseinander. (LUHMANN, Das Recht der Gesellschaft, 1993.)

Zitat T. Vesting: „Das Rechtssystem ist wie alle anderen sozialen Systeme als Netzwerk konstruiert. Es ist heterarchisch und nachbarschaftlich aufgebaut – und nicht hierarchisch von oben nach unten. Es ist ein über Unterscheidungen und Beobachtungen sich selbst verknüpfendes Netzwerk, das in der Lage ist, rechtlich relevante Kommunikationen an rechtlich relevante Kommunikationen anzuschließen. Da nach Luhmann die spezifische und universale Funktion des Rechts in der Sicherung normativer Erwartungen besteht, werden im Fall des Rechtssystems normative Erwartungen mit normativen Erwartungen verknüpft, nicht aber einfach normative Erwartungen mit Fakten.“ Siehe Skript von Vesting, S 9, Quelle Internet.

Das Spannende an der Systemtheorie der Rechtsfindung und Rechtsbegründung liegt m. E. an der Mitreflexion der Anwendungsbedingungen des Rechts, mithin an den transzendentalen Schemata der Realisierung der Begriffe, analog zu KANTS oder FICHTES Schematismus. Freilich die Frage der transzendentalen Wissbarkeitsbedingungen überhaupt, wie und warum es zu solchen Kommunikationsformen des Rechts und der rechtlichen Erwartungsbeziehungen kommen soll, das bleibt außerhalb des Beobachterstatus und außerhalb der sprachanalytischen Verwendung der Begriffe.

Gemäß transzendentalem Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit eines Selbstbewusstseins  wird sich bei FICHTE eine andere Art der Rechtsbeziehung ergeben als eine bloß faktisch festgestellte Erwartungsbeziehung.

„Die Systemtheorie ist eine Differenztheorie. Sie geht von einem differentialistischen Denkmodell aus, wie es sich heute in ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen findet, z.B. in der Linguistik, in der Kybernetik, in der Informationstheorie und in der neueren französischen Philosophie, insbesondere bei Jacques Derrida und Gilles Deleuze. Differenztheorien greifen vor allem die Vorstellung des „Anfangs“ des Denkens an, also die Vorstellung, es gäbe einen absoluten, einheitsstiftenden „Ursprung“ der Welt. Das differenztheoretische Denken bestreitet mit anderen Worten, dass der Differenz, mit der jedes Denken zwangsläufig operiert, eine Einheit vorausliegt, die selbst außerhalb des Raums des Denkens lokalisiert werden könnte. Damit wird die Notwendigkeit provisorischer Sinnkonventionen akzentuiert und zugleich der künstliche und „konstruktive“ Charakter derselben. Der Gegner der Differenztheorie ist also letztlich die traditionelle aristotelisch-christliche Metaphysik, derzufolge eine jenseitige wirkliche Wirklichkeit die Erscheinungen des Diesseits strukturiert. Das bedeutet zugleich, dass die Systemtheorie keinen Anfang kennt, sondern sich selbst als Produkt des kommunikativen Geschehens der modernen Gesellschaft begreift bzw. sich inmitten dieses Geschehens situiert.“ (T. Vesting, ebd. S 3)

2) Das besondere Mittel und die Quelle der Auffindung von Recht stellt in der Diskurstheorie und Systemtheorie die Sprache dar.1 In der Transzendentalphilosophie FICHTES genießt die Sprache ebenfalls höchste Wertschätzung, ist aber m. E. nicht selbst transzendentale Letztbedingung des Erkennens und Verstehens von Recht, sondern transzendental notwendiges Mittel einer interaktiven und interpersonalen Form der Koexistenz und Kommunikation der Individuen, sobald eine Aufforderung erfolgt. Nicht die objektivierte Sprache oder die objektivierenden Prädikationsformen oder die sie umgebenden Lebensformen ermöglichen von sich her ein intersubjektives Verstehen und eine interpersonale Interaktionsform – als deren Teilbereich die Rechtssphäre ausgegliedert werden kann – sondern ein ursprüngliches Handeln der Vernunft selbst, intellektuell erfassbar in Anschauung und produktiver Einbildungskraft, bestimmen und durchdringen die zwei Seiten eine bestimmenden und bestimmten Freiheit. Auch die Sprache (in einem weitesten Sinne) ist ein repräsentativer Ausdruck des Gefühls, des Strebens und des Willens des Individuums in sozialer Interaktion.

3) MANZ schildert den Inhalt der GRUNDLAGE des NATURRECHTS von 1796 (abk.= GNR) im

1. Teil mit drei Hauptstücken:

a) „Deduktion des Begriffs vom Rechte“;

b) „Deduktion der Anwendbarkeit des Rechtsbegriffs“;

c) „Systematische Anwendung des Rechtsbegriffs oder die Rechtslehre“ (im engeren Sinn).2

Im 2. Teil wird die Anwendung des Rechts behandelt und ist wiederum in drei Teile aufgeteilt. Beide Teile bilden das System einer reinen rechtlichen Vernunft.

Von besonderem Interesse ist für mich die transzendentale Begründung der Intersubjektivität, die im 1. Teil zu finden ist, worauf ich besonders eingehen will. 3

Da offensichtlich die Begrifflichkeit des Rechts mit grundsätzlichen Fragen des Möglichkeit von Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu tun haben, sei – nach dem angedeuteten systemtheoretischen Ansatz – noch ein einseitiger Standpunkt vorausgeschickt.

4) Bekanntlich hat sich J. P. SARTRE in seinem ersten philosophischen Werk „Das Sein und das Nichts“ (1943) zur Möglichkeit und Wahrnehmung anderer Personen geäußert, populär dann als Theaterstück aufgeführt (Geschlossene Gesellschaft, Paris, 1944 in Paris.). Der Andere wird als beschämend andere Freiheit, als Konkurrenten der eigenen Freiheit, mit einem Wort, als der die subjektive Freiheit objektivierende und vernichtende Form, wahrgenommen. „Die Hölle“, so das berühmte Wort im Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“, „sind die Anderen“.

Zwei Personen in ihrem Für-sich-Sein und in ihrer Begegnung müssen sich – in ihrer Abhängigkeit vom An-sich-Sein und ihrer Begierde – notwendig verobjektivieren und verneinen. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Alles ist besetzt von Machtstreben, Eifersucht, Angst. Der einzige Lichtblick könnte sein: Das Wissen um die in der Begegnung liegenden Machtstrukturen ist die erste Voraussetzung, dagegen angehen zu können.4 Durch eine Form der „Konversion“ könnten die Bedingungen des radikal endlichen, kontingenten Für-sich-Seins angenommen und „authentisch“ gelebt werden. Indem eine Anerkenntnis des Anderen um seiner selbst willen und Solidarität mit dem Anderen gezeigt wird, wird die gegenseitige Verneinung überwunden. „Die einzig authentische Form des Wollens besteht hier darin, zu wollen, dass das Ziel durch den Anderen realisiert wird. Und wollen meint hier, sich auf das Handeln einzulassen. Nicht um selbst zu handeln, sondern um die Situation derart zu ändern, dass der Andere handeln kann.“ (Cahiers pour une morale, S 290, erschienen 1947 und 1948.)

D. WILDENBURG (Jean-Paul Sartre, 2004) stellt an diese Form der „Konversion“ allerdings unbequeme Fragen, denn warum sollte authentisch gehandelt werden? Warum sollte plötzlich der Andere (ein Stück weit) um seiner selbst willen angenommen werden (siehe ebd. S, 96ff)? Wenn ich in meinem Freisein letztlich notwendig faktisch und endlich bin, letztlich die Freiheit für mich und für andere eine Illusion ist, kann ich weder die Freiheit als Wert anerkennen, noch mich und die Anderen darin begründen. Warum sollen wir uns selbst und die anderen Freiheiten akzeptieren und das noch frei wollen? Und warum soll gerade diese momentan propagierte, subjektive „Werthaftigkeit“ des eigenen Entwurfs, die im Für-sich-Sein scheinbar enthalten ist (bzw. zum Für-sich-Sein führt), gelten, d. h. auch für alle gelten, wenn es keine zeitlose und objektive Begründung einer intersubjektiven Werthaftigkeit gibt?

D. WILDENBURG versucht in dieser offensichtlichen Schwäche der Moralphilosophie SARTRES zwar eine starke Seite abzuringen: in logischer Konsequenz kann offensichtlich niemand gezwungen werden, diesen oder jenen Wert anzuerkennen, wenn jedem/jeder Freiheit zugestanden werden muss (D. W., S 98), doch die bloße Negationskraft in der Freiheit führt noch zu keinem Intersubjektivitätsverhältnis und zu keiner intersubjektiven Rechtsbegründung. Sie skeptisiert die Position SARTRES mit Recht: „Dem konsequenten Freiheitsphilosophen bleibt somit nur eines: Er kann nicht vom Andern fordern, frei zu sein, er kann es ihm nicht befehlen, ihn nicht dazu zwingen und nicht mit dem theoretischen Argumenten überzeugen. Er kann aber zur Freiheit auffordern, er kann an den Anderen appellieren, auch seinerseits die Freiheit als obersten Wert anzuerkennen. Wer sich davon nicht überzeugen lassen will, dem ist nicht beizukommen, auch nicht mit ausgeklügelten Argumenten.“ (D. W., S 99)

Die Form des Zugeständnisses von Freiheit, ohne totalitär Freiheit aufzudrängen, ist zwar einerseits ein ernstzunehmendes, theoretisches Argument bei SARTRE, aber erklärt andererseits gerade nicht, wie es praktisch zu einem Zusammenschluss von Freiheit und einer gemeinsamen Realisierung von Freiheit kommen kann ohne des Anderen Freiheit zu verneinen. 5

5) FICHTE steigt hier höher als SARTRE: Das synthetische Glied der Gemeinsamkeit von zwei oder mehreren Personen in einer Vermittlung von Freiheit zu Freiheit, müsse eine Art „Anerkennungsverhältnis“ sein, worin die grundsätzliche Möglichkeit der Freiheit und die Wirklichkeit des „Der-Fall-Seins“ anderer Freiheit praktisch-ethisch postuliert und rechtlich fixiert und rechtlich erzwungen werden kann. Aber wie ist diese Wissbarkeit der Anerkennung möglich ohne sie wiederum bloß zu postulieren und faktisch anzunehmen – wie es Hegel in schlechter Plagiatsmanier getan hat?

Dazu seien besonders die §§ 3-4 aus der Einleitung FICHTES zur GRUNDLAGE DES NATURRECHTS (SW III, 1 – 16) referiert. 6

Thema und Objekt der Frage ist: In welcher Form ist ein Miteinander freier, endlicher Vernunftwesen denkbar? (Einleitung zur GNR, S 9). „Und so hätten wir denn das ganze Object des Rechtsbegriffes; nemlich eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen als solchen.“ (ebd.)

MANZ schildert den Weg FICHTES in vier Schritten (im folgenden als 5.1. – 5. 4 von mir gekennzeichnet. (MANZ, ebd. S 95 – 103).

5. 1) Vorerst zur „metaphysischen Deduktion“.7 Die „Kategorien“ sind (hier) die Kategorien des Rechtsbegriffes, die mit den logischen Funktionen des Denkens zusammenfallen. Nun sind aber die „logischen Funktionen des Denkens“ ihrerseits nicht einfach unerkennbare Tatsachen des Bewusstseins, sondern selbst notwendige Handlungsweisen des Geistes, damit Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein als solches möglich gedacht werden kann. Also müssen die Kategorien des Denkens, und hier besonders die Kategorie des Rechts, ihrerseits von einer höheren Handlungsweise des Geistes abgeleitet werden können. Es muss Bedingungen des Denkens geben, die den Begriff des Rechts zugleich als Bedingung des reflexiven Bewussteins/Selbstbewusstseins offenbaren, mithin als transzendental-einsichtigen Begriff erkennen können. Dem alltäglichen Bewusstsein sind die notwendigen Bewusstseinsbedingungen, die u. a. zum Rechtsbegriff führen, nicht mehr explizit bewusst; sie werden zumeist faktisch angenommen. Deshalb ist es Aufgabe der philosophischen Reflexion, sie als solche bewusst zu machen und sie der Bedingung der Möglichkeit nach einzusehen.

5. 2) FICHTE findet in der Vernunfttendenz des Ichs, sich vollkommen zu realisieren, mithin in der reinen Selbsttätigkeit der Vernunft, eine „Wirksamkeit“, die mit „absoluter Freiheit entworfen“ ist.

Zuvörderst — der Begriff von der Wirksamkeit des Vernunftwesens ist durch absolute Freiheit entworfen; das Object in der Sinnenwelt, als das Gegentheil derselben ist also festgesetzt, fixirt, unabänderlich bestimmt. Das Ich ist ins Unendliche bestimmbar; das Object, weil es ein solches ist, auf einmal für immer bestimmt. Das Ich ist, was es ist, im Handeln, das Object im Seyn. Das Ich ist unaufhörlich im Werden, es ist in ihm gar nichts Dauerndes: das Object ist, so wie es ist, für immer, ist was es war, und was es seyn wird. Im Ich liegt der letzte Grund seines Handelns; im Objecte, der seines Seyns: denn es hat weiter nichts, als Seyn. Dann — der Begriff von der Wirksamkeit, der mit absoluter Freiheit entworfen, und unter den gleichen Umständen ins Unendliche verschieden seyn könnte, geht auf eine Wirksamkeit im Objecte. (§ 2, S 28)

5. 3) Der Begriff der „Wirksamkeit“ und die „absolute Freiheit“ soll auf die Sinnenwelt gerichtet sein, d. h. die Sinnenwelt muss einerseits als Grundlage der Vorstellung erhalten bleiben, andererseits so veränderbar und formbar sein, dass die Charakteristik diese Wirksamkeit auf den „Stoff“ (SW III, § 2, ebd. S 29) der Sinnenwelt übertragen werden kann.

Die Tätigkeit des Ichs in dieser Dialektik von Sinnlichkeit und Wirksamkeit, von Vorstellung und praktischer Handlung (von Sein und Handeln), verlangt eine Synthesis, die einerseits nur eine aposteriorische Erscheinung und Faktizität (in der Vorstellung) sein kann, andererseits als gewollte und beabsichtigte Wirksamkeit aus „absoluter Freiheit“ geschieht, mithin aus der apriorischen Natur des Ichs selbst abgeleitet und erkannt (gesetzt) werden kann.

Für ein transzendental nicht so geschultes Bewusstsein stellt sich mit der Vorstellung einer Wirksamkeit auf ein Objekt die Vorstellung der Zeit ein, die aber gerade für den gesuchten Konstitutionsakt des Selbstbewusstseins abgehalten werden soll. Normalerweise geht die Wirksamkeit auf ein Objekt „successiv in der Zeit“ (ebd. S 29), hier aber soll die Wirksamkeit in einer zeitlosen Synthesis mit „absoluter Freiheit“ kombiniert werden.

FICHTE präzisiert deshalb die Fragestellung am Beginn der § 3 nochmals, um die rein transzendentale, ohne Zeitvorstellung zu fassende Synthesis eines Begriffes, herauszustellen: Es kann im Hinblick auf die transzendentale Erkenntnisfrage nicht von einer beliebigen „möglichen Wirksamkeit“ (§ 3, ebd. S 31) ausgegangen werden, dem ein wirkliches Selbstbewusstsein vorausgeht, denn dann wäre es ein bloß subjektivistisch/oder objektivistisch vorausgesetztes Selbstbewusstsein, das sich im Zirkelschluss aus diese modal unterbestimmten „mögliche Wirksamkeit“ definiert. Die Möglichkeit der Erfahrung (Kant), oder hier, die Möglichkeit des Bewusstseins/Selbstbewusstseins, ist nicht ein abstraktes mögliches Problem oder eine beliebige Frage, sondern ein existentiell, mit dem Begriff einer anderen Person verbundenes, theoretisch und praktisches Erkenntnis- und Konstitutionsproblem des Bewusstseins/Selbstbewusstseins überhaupt.

„Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vorauszusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewusstseyns schon vorher ein | Object, bloss als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.“ (§ 3, S 31. 32)

Es wird von FICHTE somit eine transzendentale Einheit gesucht, worin Sinnlichkeit und handelnde Selbsttätigkeit der Vernunft (in der Wirksamkeit) synthetisch-gleichzeitig gedacht werden können. Das heißt aber, ein konkreten Begriff in der Anschauung wird gesucht der zugleich – nicht nur als Anschauung – durch „absolute Freiheit“ gesetzt sein kann.

Das ist nun immer, weil in jedem Augenblick der Reflexion das konkrete Ich sich richtig begreifen können muss, eine Form der Wahrnehmung – doch welche? 8 Vorgestellte Sinnlichkeit und handelnde Selbsttätigkeit der Vernunft (mit „absoluter Freiheit“) sollen gleichzeitig wahrgenommen werden:

„Dieser Grund (von Subjektivität und anderer Subjektivität) muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe.“ (ebd. § 3, S 32)

Nur der Begriff der Existenz von anderen Vernunftwesen kann die postulierte Wahrnehmung in einer freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt einsichtig werden lassen.

„Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich selbst nicht zuschreiben, ohne sie auch anderen zuzuschreiben, mithin auch andere endliche Vernunftwesen außer sich anzunehmen.“ (GNR, § 3, 30)

Die Bestimmung des Begriffes „Wahrnehmung“ (in der Erscheinung), „freie Wirksamkeit“, die Bestimmung mithin „Vernunftwesen“, setzt notwendig eine Interaktion mehrerer Vernunftwesen voraus.

„Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann, denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre – sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein.“ (GNR, § 3 39)

Allgemein gesprochen: Die Vernunft existiert als sich ergreifende und bildende Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Im Theoretischen strebt die Vernunft, sich vollkommen zu wissen; im Praktischen bedeutet es: die Vernunft intendiert, vollkommen tätige Vernunft zu sein, mithin sich in dieser Tätigkeit zu zeigen und zu wirken (R. LAUTH, Naturlehre, S 18). Im konkreten heißt diese allgemeine Vernunftrealisation jetzt: die Vernunft will sich als interpersonale Vernunft realisieren.

Dies ist keine Ableitung der anderen Person in und aus der Subjektivität und Individualität selbst. Das Anderssein des Anderen bleibt transzendent der freien Wirksamkeit vorgeordnet und entzogen. Es wäre denn auch keine freie Wirksamkeit, wenn der Andere durch eigene Freiheit willkürlich bejaht oder verneint werden könnte. (Die Konsequenz eines konstruierten Anderen sehen wir bei SARTRE im obigen Beispiel – oder bei HEGEL in der Vereinnahmung des Anderen im Herr-Knecht-Verhältnis.) 9

5. 4. ) Kann diese Gemeinsamkeit im Postulat, in der Voraussetzung anderer Personen, im theoretischen Wissen, dass nur unter Negation der Seinsverschiedenheit von wissendem Ich und gewusstem Du in der Reflex-Einheit des Wissens (Reflexidentität) synthetisch gefasst wird, mit einem Begriff zusammengefasst werden? Die Antwort von FICHTE ist wieder genial:

„Die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt“(GNR, § 3, S 32) – ergo muss es als Synthesis einen konkreten Begriff und eine Wahrnehmung dieses Begriffes geben. Die Antwort FICHTES ist ein „Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.“ (GNR, § 3, ebd. S 33)

Das Subjekt wird in dieser Wirksamkeit nicht einfach determiniert, sondern nur „an-determiniert“ (LAUTH). Es soll eine Wirksamkeit sein, worin das Objekt der Handlung als ebenfalls freies Subjekt verstanden und begriffen wird.

„Aber dasselbe (sc. Aufforderungsobjekt) wird nicht anders begriffen, und kann nicht anders begriffen werden, denn als eine blosse Aufforderung des Subjects zum Handeln. So gewiss daher das Subject dasselbe begreift, so gewiss hat es den Begriff von seiner eigenen Freiheit und Selbstthätigkeit, und zwar als einer von aussen gegebenen, verstanden. Es bekommt den Begriff seiner freien Wirksamkeit, nicht als etwas, das im gegenwärtigen Momente ist, denn das wäre ein wahrer Widerspruch; sondern als etwas, das im künftigen seyn soll. (GNR, § 3, S 33)

In der Schilderung der GNR (und der von Hans G. v. Manz) wird dabei vorausgesetzt, dass die „Aufforderung“ verstanden wird. Etwas vollkommen verstehen und nicht der Willkür einer Bestimmung überlassen, heißt aber, nach Zweckbegriffen erkennen und letztlich nach einem höchsten Zweckbegriff erkennen. Letztlich ist der Zweckbegriff die sittliche Einheit von Wille zu Wille, die Bejahung eines anderen Willens um seiner selbst willen. 10

6) Offensichtlich bleibt bei FICHTE in diesem synthetischen Begriff der „Aufforderung“ ein Hiatus und ein nicht erzwingbares Freiheitsmoment erhalten, mithin eine praktische Supposition anderer Freiheit, ohne diese theoretisch wie praktisch vereinnahmen zu können. Die Freiheit der Realisation der Vernunft kann und will hier gar nicht auf eine vollständige Durchrealisation und Durchbestimmung der Wirklichkeit gehen, sondern geht auf die vollkommene Realisation einer gemeinsamen theoretischen und praktischen Vernunft und Wirklichkeit, die notwendig den nicht erzwingbaren Teil der anderen Freiheit anerkennt und herausfordert. Diese gemeinsame Vernunft, mithin eine von der Vernunft bezweckte sinnliche und eine gemeinsame sittliche Natur, kann und soll nur unter Wahrung anderer Freiheit erreicht werden.

Nach dem Muster der GRUNDLAGE § 3 und dem dialektischen Denken FICHTES wird mit dem Gegenübertreten des anderen Vernunftwesens dem Subjekt eine bestimmte Sphäre des Handelns angewiesen. Es ist genötigt auf die Aufforderung hin zu antworten; in welcher Weise es handelt, steht ihm völlig frei. Dass es handelt, steht dem Vernunftwesen nicht frei. In dieser spezifischen Eingrenzung einer bestimmten Sphäre von Freiheit erfasst das Subjekt zugleich sich selbst als Vernunftwesen und erkennt ein Vernunftwesen außerhalb seiner selbst (ebenfalls zugleich) als freies Wesen an.

Die Evidenz anderer Freiheit im Interpersonalverhältnis – das ist die Grundlage und der Anfang der jetzt beginnenden und  auszuführenden Rechtslehre im Positiven Recht. Würden zwei Individuen als freie Wesen sich nicht primär erkennen und anerkennen (bejahen) können, könnte auch ein späteres Rechtsverhältnis nicht erreicht werden. Es käme mithin zu gar keinem erkennbaren Verhältnis, sondern führte sogar zur gegenseitig physischen Vernichtung  (vgl. GNR, 121f, worin FICHTE ausdrücklich darauf eingeht.). Die Aufforderung und ein damit implizit mitgesetztes Bejahen und gegenseitiges Verstehen und Vertragen bedingt alles weitere Handeln als praktisch-logische Konsequenz, u. a. auch das Positive Recht mit seinen Kodifizierungen und Ritualisierungen als eine Sphäre des Explikation des Aufforderungs- und Anerkennungsverhältnisses. Das Recht muss nicht erst erstritten werden, es folgt logisch-praktisch. Deshalb ab § 4 die Deduktion des Rechtsbegriffes als Folge aus der substantiellen Deduktion des Selbstbewusstseins aus dem Interpersonalitätsverhältnis. 11

7) „Die Erkenntniss des Einen Individuums vom anderen ist bedingt dadurch, dass das andere es als ein freies behandele (d.i. seine Freiheit beschränke durch den Begriff der Freiheit des ersten). Diese Weise der Behandlung aber ist bedingt durch die Handelsweise des ersten gegen das andere; diese durch die Handelsweise und durch die Erkenntniss des anderen, und so ins Unendliche fort. Das Verhältniss freier Wesen zu einander ist daher das Verhältniss einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit. Keines kann das andere anerkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig anerkennen: und keines kann das andere behandeln als ein freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“(§ 4, ebd., S 44) „ Der aufgestellte Begriff ist höchst wichtig für unser Vorhaben, denn auf demselben beruht unsere ganze Theorie des Rechtes. Wir suchen ihn daher durch folgenden Syllogismus deutlicher und zugänglicher zu machen. I. Ich kann einem bestimmten Vernunftwesen nur insofern anmuthen, mich für ein vernünftiges Wesen anzuerkennen, inwiefern ich selbst es als ein solches behandele.“ (§ 4, ebd. S 44)

FICHTE geht in der Schilderung des Anerkennungsverhältnisses sehr detailliert vor (siehe MANZ unter dem Titel: „Der Intersubjektivitätsschluss als der transzendentale Rechtsbegriff“, ebd. S.99 – 103):

  1. ) In einem ersten Schritt wird die Möglichkeit der Anmutung auf Anerkennung dargelegt.(GNR, § 4, S 44)
  2. ) Im zweiten Schritte wird die Notwendigkeit der Anmutung auf Anerkennung in universeller Geltung bewiesen; d. h. ohne sie wäre ein Selbstbewusstsein nicht denkbar. (ebd. S 45)
  3. ) Aus der Struktur der Anerkennung und der Notwendigkeit ihrer Anmutung folgt die Notwendigkeit des Anerkennungsverhältnisses überhaupt. Jemanden anerkennen heißt aber, „d. i., dass ich ihn als ein solches (freies, vernünftiges Wesen) behandelte – denn nur Handeln ist ein solches gemeingültiges Anerkennen.“ (ebd. S 47)

Die freien Subjekte müssen dabei einen gemeinsamen Willen stipulieren, nicht bloß faktisch konstatieren. Da ist nicht nur meine Sphäre vorausgesetzt, sondern noch eine andere Sphäre eines anderen, freien Vernunftwesens. Der Wille der einen Freiheit in der Selbstbeschränkung der Freiheit soll zugleich EIN Wille mit der Freiheit der anderen Selbstbeschränkung sein.

Offensichtlich geht es FICHTE hier in der GNR in aller Kürze und Schnelle  um die Struktur der Anerkennung und der daraus folgenden formalen Willenseinigung. Was dies in materialer Hinsicht bedeutet, eine gemeinsamen Willensinhalt zu stipulieren, vorallem für die Fragen des Rechts eine Sphäre der Gerechtigkeit aufzubauen,  das sind selbstverständlich große Fragen, und sollen von mir hier nicht mehr angeschnitten werden. Ist das Anerkennungsverhältnis einmal gesetzt, stehen alle folgenden Beziehungen unter ihm. Dies betrifft konkret den Begriff der gegenseitigen Zuerkennung von Eigentum oder die Findung einer gerechten sozialen Ordnung. Die Vernünftigkeit erweist sich darin, ob in der Folge konsequent nach dem etablierten Anerkennungsverhältnis gehandelt wird.

Wieweit in logischer Konsequenz es auch zu einem Zwangsgesetz kommen darf, ja kommen muss, wenn das Anerkennungsverhältnis und Freiheitsgesetz ungebührlich beschnitten wird, ist eine spätere Frage und wird von FICHTE auch thematisiert. Die Verbindlichkeit eines solchen Gesetzes leitet sich dabei rein aus einem Gesetz der Konsequenz und der praktischen Logik ab.12

„Dieses Verbindende ist keineswegs das Sittengesetz: sondern das Denkgesez; und es tritt hier ein eine praktische Gültigkeit des Syllogismus“ (GNR, § 4, S 50)

Es folgt dann FICHTES Definiton des Rechtsverhältnisses bzw. der Anfang des Positiven Rechts.

„Das deducirte Verhältniss zwischen vernünftigen Wesen, dass jedes seine Freiheit durch den Begriff der Möglichkeit der Freiheit des anderen beschränke, unter der Bedingung, dass das erstere die seinige gleichfalls durch die des anderen beschränke, heisst das Rechtsverhältniss; und die jetzt aufgestellte Formel ist der Rechtssatz.“ (§ 4 ebd. S 52)

Die gegenseitige Anerkennung wird in dem Moment gültig, wenn das aufgeforderte Subjekt (B) dem auffordernden anderen Subjekt (A) antwortet. Die erste Aufforderung oder Anmutung durch das Subjekt (A) ist noch problematisch; wenn das aufgeforderte Subjekt (B) antwortet, dann anerkennt es die Aufforderung als solche und anerkennt damit das Subjekt (A) als freies Vernunftwesen kategorisch. Mit dieser Antwort wird für das Subjekt (A) die zunächst problematische erste Aufforderung (an B) kategorisch gültig, und Subjekt (A) muss Subjekt (B) ebenfalls als freies Subjektwesen anerkennen. Mit der Anerkennung bestimmen die Subjekte einen gemeinsamen Teilbereich ihrer jeweiligen Freiheitssphären und bestimmen damit zugleich ihre Freiheitssphäre selbst bzw. ihre Individualität.

„Der Begriff der Individualität ist aufgezeigtermassen ein Wechselbegriff, d.i. ein solcher, der nur in Beziehung auf ein anderes Denken gedacht werden kann, und durch dasselbe, und zwar durch das gleiche Denken, der Form nach, bedingt ist. Er ist in jedem Vernunftwesen nur insofern möglich, inwiefern er als durch ein anderes vollendet gesetzt wird. Er ist demnach nie mein; sondern meinem eigenen Geständniss, und dem Geständniss des Anderen nach, mein und sein; |sein und mein; ein gemeinschaftlicher Begriff, in welchem zwei Bewusstseyn vereinigt werden in Eines. (§ 4, ebd. S 47/48) (….) Es muss ein uns gemeinschaftliches, und von uns gemeinschaftlich nothwendig anzuerkennendes Gesetz geben, nach welchem wir gegenseitig über die Folgerungen halten; und dieses Gesetz muss in demselben Charakter liegen, nach welchem wir eben jene Gemeinschaft eingegangen: dies aber ist der Charakter der Vernünftigkeit; und ihr Gesetz über die Folgerung heisst Einstimmigkeit mit sich selbst, oder Consequenz, und wird wissenschaftlich aufgestellt in der gemeinen Logik. (ebd. § 4, S 48)

© Dr. Franz Strasser, fr.strasser@eduhi.at, 27. 10. 2012

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1 „Sprache reagiert normalerweise durch Sprache auf Sprache. Sprache ist also anschlussfähig, sobald sie als Mittel der Verständigung einmal etabliert worden ist. Man würde z.B. nicht bestreiten, dass dieser Text einen Text darstellt, sondern allenfalls den Sinn der Ausführungen des Textes in Frage stellen, aber dann doch in Form eines anderen Textes. Und durch die Theoriesprache, die in diesem Text benutzt wird, rekurriert dieser Text auf kommunikative Ressourcen, die im Wissenschaftssystem in Form der Systemtheorie abrufbar sind, d.h. in der Wissenschaft als Struktur oder strukturierte Komplexität existiert. Die Systemtheorie erzeugt mit anderen Worten eine systemeigene Strukturbildung und reduziert damit die systeminterne Unbestimmtheit im Wissenschaftssystem.“(Vesting, ebd. S 5)

2 Zu HANS GEORG von MANZ siehe z. B. auch: Fairneß und Vernunftrecht. Rawls‘ Versuch der prozeduralen Begründung einer gerechten Gesellschaftsordnung im Gegensatz zu ihrer Vernunftbestimmung bei Fichte. Hildesheim: Olms-Verlag, 1992, S 93 – 103

3 Es sei auch darauf hingewiesen, dass es im früheren Werk FICHTES drei Herleitungen der Intersubjektivität gibt: in der GNR, in der Wlnm (1796-1799) und in der SITTENLEHRE von 1798.
In späteren Werken kommt dieses entscheidende Lehre noch eindringlicher begründet aus dem deduktiven Soll. Siehe z. B. TdB von 1810/1811 u. a.

4 Zu J.P. Sartre Gesamtschilderung seines Werkes finde ich hervorragend: D. WILDENBURG, Jean-Paul Sartre, 2004.

5 SARTRE hat sich wohl mit seinen Äußerungen zum real-existierenden Kommunismus selbst widerlegt!

6 In den §§ 5-7 geht es schließlich um die Anwendung des Rechtsbegriffes (SW III, 56 – 9), worin die Deduktion des Leibes enthalten ist, ebenfalls ein herausragendes Stück der Philosophiegeschichte, aber darauf gehe ich hier dann nicht mehr ein.

7 Nach der Formulierung KANTS zeigt die „metaphysische Deduktion“ den „Ursprung der Kategorien a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den allgemeinen logischen Funktionen des Denkens“ (KrV B 159).

8 Zur Verdeutlichung ein Zitat aus den PLATNERVORLESUNGEN, etwa zeitgleich wie die GNR entstanden: „Der konkrete Begriff, er sei nur bestimmt oder nicht, entsteht durch Reflexion auf ein Verfahren der produktiven Einbildungskraft; also ist er immer Wahrnehmung.“ (GA IV, 1. 254)

9 Trotz der implizit anzusetzenden Einheit des Wissens in der transzendentalen Einheit des Bildens, bleibt das Gewusste des Wissenden ein anderes Sein als das gewusste Sein seiner Identität. R. LAUTH hat das in seinen Vorlesungen stets ausgeführt. Er spricht im Anschluss an FICHTE von einer Reflex-Einheit; oder siehe z. B. Theorie des philosophischen Arguments: Der Ausgangspunkt und seine Bedingungen, Berlin, New York 1979. Zwar weiß sich das Wissen in der Reflexion als synthetische Einheit eines Wissenden mit einem Gewussten, aber immer nur unter Negation der Seinsverschiedenheit des Wissenden vom Gewussten und immer nur unter Erfassung von dessen Seinsidentität im Reflex. Das gebildete Bild ist ein Bilden eines Gebildeten, und zwar seiner selbst. (oder siehe z. B. R. LAUTH, Naturlehre, ebd. S 17.18) Selbst und gerade im Wissen des fremden Ichs wird zwar ein Wissen, aber nicht das Wissen desjenigen Wissens gewusst, das dieses Du weiß, denn das Wissen jenes Du soll ein anderes Wissen als das des Du-Wissenden sein. In diesem Sinn muss auf den anderen „geschlossen“ werden.

10 Dieses „Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmung, diese „Forderung zur freien Selbsttätigkeit“ (ebd. S 39), wird von FICHTE später als Aufgabe der Erziehung weitergeführt, liegt aber konstitutiv allem zwischenmenschlichen, kommunikativen Handeln zugrunde. Der Begriff der Handlung, eine wichtige Bemerkung, die ich bei HAMMACHER und H. ARENDT fand, lässt sich eigentlich nur als Praxis in diesem interpersonalen Sinn in originärer Weise verstehen, im Unterschied zu einem bloß technischen Handeln. Vgl. K. HAMMACHER, Fichtes und Husserls transzendentale Begründung der Intersubjektivität, in: Transzendentale Theorie und Praxis, 1996, S 111.

11 Kritisch möchte ich hier anführen: Das bei HEGEL in seiner „PHÄNOMENOLOGIE“ aufgestellte Herr-Knecht-Verhältnis ist gegenüber dem höheren transzendentalen Standpunkt nie rechtlich legitimiert, sondern höchstens provisorisches Recht mit dem Bewusstsein davon, dass man seine reale Aufhebung rechtmäßig (und nur rechtmäßig) durchsetzen kann. In der Konsequenz des Anerkennungsverhältnisses und einem daraus folgenden Urteil kann z. B. soziales Unrecht bereits als Vertragsbruch aus dem transzendentalen Standpunkt eingesehen und aufgehoben werden. Es braucht nicht erst den Kampf. Das (transzendentale) Aufgefordert-Sein und die erste Form eines gegenseitiges Vertragsrechts ist schon ein konkreter Appell an die freie Selbstbestimmung und würde entsprechende legitime Mittel der weiteren Ausgestaltung verlangen. Ein konkreter Appell ist nicht ein abstraktes Aufgefordert-Sein, das im Urteil verdreht und klassenspezifisch interpretiert und in der Zeit ideologisch erkämpft werden muss. Das Anerkennungsverhältnis zwischen Personen ist transzendental gleichzeitig zu denken, nicht erst im zeitlichen Kampf zu legitimieren. Vgl. K. Hammacher, Transzendentale Theorie und Praxis, 1996, S 136, Anm. 83.

12 Bei J. HABERMAS, Legitimitätsprobleme des Spätkapitalismus, 1973, hört sich das so an, dass die Anerkennung über die ideale Sprachgemeinschaft und den damit zusammenhängenden Sprechakten verläuft. Der Diskurs soll die gerechten Interessen herbeiführen und die Normen des Verhaltens begründen. Dies ist aber ein Problem, denn wie sollen die in der idealen Sprechsituation – soweit diese überhaupt möglich ist – vorgebrachten Argumente ihre Wahrhaftigkeit bezeugen, wenn es eben nur die Sprechakte selber gibt, die in ihren Äußerungen gehört werden? Die Wahrhaftigkeit einer Aussage kann durch Rekurs auf die Wahrheit einer Aussage, die auch falsch sein könnte, nicht ermittelt werden. Es braucht nach Habermas wieder Regeln, die die vorgebrachten Argumente nach einem allgemeinen Gesetz auf ihre Richtigkeit einsehen lassen. So müsste, wie ich einleuchtend bei K. Hammacher las (Transzendentale Theorie und Praxis, S 135, Anm. 78), spätestens hier auffallen, dass man sich bei Normen auf Regeln stützt, deren Verhaltensschema oder Regelkompetenz als Richtigkeit immer schon die Logik der Handlung voraussetzt. Habermas verkennt die Situation, denn es geht im Rechtsverhältnis nicht um Beurteilung einer Handlung als wahr oder falsch, sondern um das allgemeine Verständnis der Konsequenzen eines Handelns. Die Logik der Handlung im Anerkennungsverhältnis und somit ihre Richtigkeit ist dabei weder „herrschaftsfrei“ noch autoritär, sondern eine logisch-praktische Folge. Ein „praktischer Syllogismus“ (GNR SW III, 50), wie FICHTE einmal sagt, bildet die Begründung für den Rechtszwang: nach dem Gesetz der Konsequenz zu verfahren, nach dem jeder im Handeln im Anderen den Richter anerkennt und demgemäß ein Verfahren gegen sich selbst konsequent finden muss. Es kann ja nicht um eine bestmöglich organisiertes Streitgespräch gehen, sondern um die Ermittlung eines gerechten Urteils. Ein „klassenspezifisches Interesse“, das nach Habermas einen fairen Diskurs verhindert, kann als solches ja erst infolge eines Rechtsgesetzes aufgedeckt und ermittelt werden, worin in Konsequenz eines gerechten Anerkennungsverhältnisses verfahren wird.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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