Zur Deduktion des Rechtsbegriffs bei Fichte in der GNR – 1. Teil

Transzendentale Interpersonalitätslehre in Überleitung zum Rechtsbegriff – nach HANS GEORG von MANZ, 1. Teil.  (HANS GEORG von MANZ, Fairneß und Vernunftrecht. Rawls‘ Versuch der prozeduralen Begründung einer gerechten Gesellschaftsordnung im Gegensatz zu ihrer Vernunftbestimmung bei Fichte. Hildesheim: Olms-Verlag, 1992, S 93 – 103)

Der Unterschied zur referierten Interpersonalitätslehre von M. Ivaldo ist, – Link – dass sie hier explizit zur Teildisziplin einer Rechtslehre und Rechtsbegründung weitergeführt wird. Über die Rechtslehre hinaus gäbe es noch die Teilbereich der Ableitung der leiblichen Konstitution des Selbstbewusstseins, den Bereich der Sittenlehre und der Religion – und wiederum zurückkehrend auf die systematische Reflexion der WL ist gerade in und aus der Interpersonallehre die Naturlehre, Geschichtslehre, Pädagogik und Medizin vertieft zu erfassen.

1) Thema und Objekt der Frage ist: In welcher Form ist ein Miteinander freier, endlicher Vernunftwesen denkbar? (Einleitung zur GNR, S 9). „Und so hätten wir denn das ganze Object des Rechtsbegriffes; nemlich eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen als solchen.“ (ebd.)

MANZ schildert den Weg FICHTES in vier Schritten (MANZ, ebd. S 95 – 103).

1) Vorerst zur „metaphysischen Deduktion“.1 Die „Kategorien“ sollen (hier) die Kategorien des Rechtsbegriffes, die mit den logischen Funktionen des Denkens zusammenfallen, sein. Nun sind aber die „logischen Funktionen des Denkens“ ihrerseits nicht einfach unerkennbare Tatsachen des Bewusstseins, sondern selbst notwendige Handlungsweisen des Geistes, damit Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein als solches möglich gedacht werden kann. Also müssen die Kategorien des Denkens, und hier besonders die Kategorie des Rechts, ihrerseits von einer höheren Handlungsweise des Geistes abgeleitet werden können. Es muss Bedingungen des Denkens geben, die den Begriff des Rechts zugleich als Bedingung des reflexiven Bewussteins/Selbstbewusstseins offenbaren, mithin als transzendental-einsichtigen Begriff erkennen können. Dem alltäglichen Bewusstsein sind die notwendigen Bewusstseinsbedingungen, die u. a. zum Rechtsbegriff führen, nicht mehr explizit bewusst; sie werden zumeist faktisch angenommen. Deshalb ist es Aufgabe der philosophischen Reflexion, sie als solche bewusst zu machen und sie der Bedingung der Möglichkeit nach einzusehen.

2) FICHTE findet in der Vernunfttendenz des Ichs, sich vollkommen zu realisieren, mithin in der reinen Selbsttätigkeit der Vernunft, eine „Wirksamkeit“, die mit „absoluter Freiheit entworfen“ ist.

Zuvörderst — der Begriff von der Wirksamkeit des Vernunftwesens ist durch absolute Freiheit entworfen; das Object in der Sinnenwelt, als das Gegentheil derselben ist also festgesetzt, fixirt, unabänderlich bestimmt. Das Ich ist ins Unendliche bestimmbar; das Object, weil es ein solches ist, auf einmal für immer bestimmt. Das Ich ist, was es ist, im Handeln, das Object im Seyn. Das Ich ist unaufhörlich im Werden, es ist in ihm gar nichts Dauerndes: das Object ist, so wie es ist, für immer, ist was es war, und was es seyn wird. Im Ich liegt der letzte Grund seines Handelns; im Objecte, der seines Seyns: denn es hat weiter nichts, als Seyn. Dann — der Begriff von der Wirksamkeit, der mit absoluter Freiheit entworfen, und unter den gleichen Umständen ins Unendliche verschieden seyn könnte, geht auf eine Wirksamkeit im Objecte. (§ 2, S 28)

Der Begriff der „Wirksamkeit“ und die „absolute Freiheit“ sollen auf die Sinnenwelt gerichtet sein, d. h. die Sinnenwelt muss einerseits als Grundlage der Vorstellung erhalten bleiben, andererseits so veränderbar und formbar sein, dass die Charakteristik diese Wirksamkeit auf den „Stoff“ (SW III, § 2, ebd. S 29) der Sinnenwelt übertragen werden kann.

Die Tätigkeit des Ichs in dieser Dialektik von Sinnlichkeit und Wirksamkeit, von Vorstellung und praktischer Handlung (von Sein und Handeln), verlangt eine Synthesis, die einerseits nur eine aposteriorische Erscheinung und Faktizität (in der Vorstellung) sein kann, andererseits als gewollte und beabsichtigte Wirksamkeit aus „absoluter Freiheit“ geschieht, mithin aus der apriorischen Natur des Ichs selbst abgeleitet und erkannt (gesetzt) werden kann.

Für ein transzendental nicht so geschultes Bewusstsein stellt sich mit der Vorstellung einer Wirksamkeit auf ein Objekt die Vorstellung der Zeit ein, die aber gerade für den gesuchten Konstitutionsakt des Selbstbewusstseins abgehalten werden soll. Normalerweise geht die Wirksamkeit auf ein Objekt „successiv in der Zeit“ (ebd. S 29), hier aber soll die Wirksamkeit in einer zeitlosen Synthesis mit „absoluter Freiheit“ kombiniert werden.

FICHTE präzisiert deshalb die Fragestellung am Beginn der § 3 nochmals, um die rein transzendentale, ohne Zeitvorstellung zu fassende Synthesis eines Begriffes, herauszustellen: Es kann im Hinblick auf die transzendentale Erkenntnisfrage nicht von einer beliebigen „möglichen Wirksamkeit“ (§ 3, ebd. S 31) ausgegangen werden, dem ein wirkliches Selbstbewusstsein vorausgeht, denn dann wäre es ein bloß subjektivistisch/oder objektivistisch vorausgesetztes Selbstbewusstsein, das sich im Zirkelschluss aus diese modal unterbestimmten „mögliche Wirksamkeit“ definiert. Die Möglichkeit der Erfahrung (Kant), oder hier, die Möglichkeit des Bewusstseins/Selbstbewusstseins, darf nicht eingeschränkt verstanden werden als Erfahrung eines sinnlich, gegenständlichen Bereiches, sondern ist ein existentiell, mit dem Begriff einer anderen Person verbundenes, theoretisch und praktisches Erkenntnis- und Konstitutionsproblem des Bewusstseins/Selbstbewusstseins überhaupt.

„Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer als schon vorhanden vorauszusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Subject des Selbstbewusstseyns schon vorher ein | Object, bloss als solches, gesetzt haben musste: und wir sonach immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpft seyn musste.“ (§ 3, S 31. 32)

Es wird von FICHTE somit eine transzendentale Einheit gesucht, worin Sinnlichkeit und handelnde Selbsttätigkeit der Vernunft (in der Wirksamkeit) synthetisch-gleichzeitig gedacht werden können. Das heißt aber, ein konkreten Begriff in der Anschauung wird gesucht der zugleich – nicht nur als Anschauung – durch „absolute Freiheit“ gesetzt sein kann.

Das ist nun immer, weil in jedem Augenblick der Reflexion das konkrete Ich sich richtig begreifen können muss, eine Form der Wahrnehmung – doch welche?2 Vorgestellte Sinnlichkeit und handelnde Selbsttätigkeit der Vernunft (mit „absoluter Freiheit“) sollen gleichzeitig wahrgenommen werden:

„Dieser Grund (von Subjektivität und anderer Subjektivität) muss gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe.“ (ebd. § 3, S 32)

Die im Denken geforderte Synthesis, trotzdem aber als Anschauung gleichzeitig wahrnehmbar, so jetzt die Antwort, die zu einer neuen Situierung und Begründung der Transzendentalphilosophie überhaupt, wie zu einer eigenen Teildisziplin der Philosophie führen sollte – siehe Blog zur kurzen Referierung der Interpersonallehre nach M. IVALDO, lautet: Es muss für die Genese des Selbstbewusstseins und des Erkennens der Begriff der Existenz von anderen Vernunftwesen postuliert werden, denn nur so kann die postulierte Wahrnehmung einer freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt einsichtig werden.

„Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich selbst nicht zuschreiben, ohne sie auch anderen zuzuschreiben, mithin auch andere endliche Vernunftwesen außer sich anzunehmen.“ (GNR, § 3, 30)

Die Bestimmung des Begriffes „Wahrnehmung“ (in der Erscheinung), „freie Wirksamkeit“, die Bestimmung mithin „Vernunftwesen“, setzt notwendig eine Interaktion mehrerer Vernunftwesen voraus.

„Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann, denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre – sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein.“ (GNR, § 3 39)

Allgemein gesprochen: Die Vernunft existiert als sich ergreifende und bildende Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Im Theoretischen strebt die Vernunft, sich vollkommen zu wissen; im Praktischen bedeutet es: die Vernunft intendiert, vollkommen tätige Vernunft zu sein, mithin sich in dieser Tätigkeit zu zeigen und zu wirken (vgl. R. LAUTH, Naturlehre, S 18). Im konkreten heißt diese allgemeine Vernunftrealisation jetzt: die Vernunft will sich als interpersonale Vernunft realisieren.

Dies ist keine Ableitung der anderen Person in und aus der Subjektivität und Individualität selbst. Das Anderssein des Anderen bleibt transzendent der freien Wirksamkeit vorgeordnet und entzogen.

3) Kann diese Gemeinsamkeit im Postulat, in der Voraussetzung anderer Personen, im theoretischen Wissen, dass nur unter Negation der Seinsverschiedenheit von wissendem Ich und gewusstem Du in der Reflex-Einheit des Wissens (Reflexidentität) synthetisch gefasst wird, mit einem Begriff zusammengefasst werden? Die Antwort von FICHTE ist genial:

„Die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und ebendemselben Momente synthetisch vereinigt“(GNR, § 3, S 32) – ergo muss es als Synthesis einen konkreten Begriff und eine Wahrnehmung dieses Begriffes geben. Die Antwort FICHTES ist ein „Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.“ (GNR, § 3, ebd. S 33)

Das Subjekt wird in dieser Wirksamkeit nicht einfach determiniert, sondern nur „an-determiniert“ (LAUTH). Es soll eine Wirksamkeit sein, worin das Objekt der Handlung als ebenfalls freies Subjekt verstanden und begriffen wird.

„Aber dasselbe (sc. Aufforderungsobjekt) wird nicht anders begriffen, und kann nicht anders begriffen werden, denn als eine blosse Aufforderung des Subjects zum Handeln. So gewiss daher das Subject dasselbe begreift, so gewiss hat es den Begriff von seiner eigenen Freiheit und Selbstthätigkeit, und zwar als einer von aussen gegebenen, verstanden. Es bekommt den Begriff seiner freien Wirksamkeit, nicht als etwas, das im gegenwärtigen Momente ist, denn das wäre ein wahrer Widerspruch; sondern als etwas, das im künftigen seyn soll. (GNR, § 3, S 33)

In der Schilderung der GNR wird dabei vorausgesetzt, dass die „Aufforderung“ verstanden wird. Etwas vollkommen verstehen und nicht der Willkür einer Bestimmung überlassen, heißt aber, nach Zweckbegriffen erkennen und letztlich nach einem höchsten Zweckbegriff erkennen. Letztlich ist der Zweckbegriff die sittliche Einheit von Wille zu Wille, die Bejahung eines anderen Willens um seiner selbst willen.

4) Offensichtlich bleibt bei FICHTE in diesem synthetischen Begriff der „Aufforderung“ ein Hiatus und ein nicht erzwingbares Freiheitsmoment erhalten, mithin eine praktische Supposition anderer Freiheit, ohne diese theoretisch wie praktisch vereinnahmen zu können. Die Freiheit der Realisation der Vernunft kann und will hier gar nicht auf eine vollständige Durchrealisation und Durchbestimmung der Wirklichkeit gehen, sondern geht auf die vollkommene Realisation einer gemeinsamen theoretischen und praktischen Vernunft und Wirklichkeit, die notwendig den nicht erzwingbaren Teil der anderen Freiheit anerkennt und herausfordert. Diese gemeinsame Vernunft, mithin eine von der Vernunft bezweckte sinnliche und eine gemeinsame sittliche Natur, kann und soll nur unter Wahrung anderer Freiheit erreicht werden.

Nach dem Muster der GRUNDLAGE § 3 und dem dialektischen Denken FICHTES wird mit dem Gegenübertreten des anderen Vernunftwesens dem Subjekt eine bestimmte Sphäre des Handelns angewiesen. Es ist genötigt auf die Aufforderung hin zu antworten; in welcher Weise es handelt, steht ihm völlig frei.Dass es handelt, steht dem Vernunftwesen nicht frei. In dieser spezifischen Eingrenzung einer bestimmten Sphäre von Freiheit erfasst das Subjekt zugleich sich selbst als Vernunftwesen und erkennt ein Vernunftwesen außerhalb seiner selbst (ebenfalls zugleich) als freies Wesen an.

Die Evidenz anderer Freiheit im Interpersonalverhältnis – das ist die Begründung des Rechtsbegriffes und der Anfang des positiven Rechts.

In einem weiteren Sinn ist diese Evidenz anderer Freiheit, dass will ich explizit hier betonen, nicht nur der Anfangspunkt des Rechtsbegriffes und des Naturrechtes, sondern generell aller synthetischen Naturphilosophie,  Moralphilosophie und Religionsphilosophie bzw. auch aller quer zu den vier formalen Grundprinzipien der Wissenschaftslehre stehenden Geschichtslehre und anderer Freiheitssynthesen.3

5) Würden zwei Individuen als freie Wesen sich nicht primär erkennen und anerkennen (bejahen) können, könnte auch ein späteres Rechtsverhältnis nicht erreicht werden. Es käme mithin zu gar keinem erkennbaren Verhältnis, sondern führte sogar zur gegenseitig physischen Vernichtung  (vgl. GNR, 121f, worin FICHTE ausdrücklich darauf eingeht.).

Die Aufforderung und ein damit implizit mitgesetztes Bejahen und gegenseitiges Verstehen und Vertragen bedingt alles weitere Handeln als praktisch-logische Konsequenz, u. a. auch das Positive Recht mit seinen Kodifizierungen und Ritualisierungen als eine Sphäre des Explikation des Aufforderungs- und Anerkennungsverhältnisses.

Das Recht muss nicht erst erstritten werden, es folgt logisch-praktisch. Deshalb ab § 4 die Deduktion des Rechtsbegriffes als Folge aus der substantiellen Deduktion des Selbstbewusstseins aus dem Interpersonalitätsverhältnis.

„Die Erkenntniss des Einen Individuums vom anderen ist bedingt dadurch, dass das andere es als ein freies behandele (d.i. seine Freiheit beschränke durch den Begriff der Freiheit des ersten). Diese Weise der Behandlung aber ist bedingt durch die Handelsweise des ersten gegen das andere; diese durch die Handelsweise und durch die Erkenntniss des anderen, und so ins Unendliche fort. Das Verhältniss freier Wesen zu einander ist daher das Verhältniss einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit. Keines kann das andere anerkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig anerkennen: und keines kann das andere behandeln als ein freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“(§ 4, ebd., S 44)

„ Der aufgestellte Begriff ist höchst wichtig für unser Vorhaben, denn auf demselben beruht unsere ganze Theorie des Rechtes. Wir suchen ihn daher durch folgenden Syllogismus deutlicher und zugänglicher zu machen. I. Ich kann einem bestimmten Vernunftwesen nur insofern anmuthen, mich für ein vernünftiges Wesen anzuerkennen, inwiefern ich selbst es als ein solches behandele.“ (§ 4, ebd. S 44)

(c) 10. 12.2016 Franz Strasser

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1Nach der Formulierung KANTS zeigt die „metaphysische Deduktion“ den „Ursprung der Kategorien a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den allgemeinen logischen Funktionen des Denkens“ (KrV B 159).

2 Zur Verdeutlichung ein Zitat aus den PLATNERVORLESUNGEN, etwa zeitgleich wie die GNR entstanden: „Der konkrete Begriff, er sei nur bestimmt oder nicht, entsteht durch Reflexion auf ein Verfahren der produktiven Einbildungskraft; also ist er immer Wahrnehmung.“ (GA IV, 1. 254)

3 Vgl. dazu: A. Schurr, die Funktion des Zweckbegriffs in Fichtes Theorie der Interpersonalität. In:Erneuerung der Transzendentalphilosophie im Anschluss an Kant und Fichte. Festschrift zum 60. Geburtstag von Reinhard Lauth. Hrsg. v. KLAUS HAMMACHER und ALBERT MUES, Stuttgart-Bad Cannstatt 1979, 359-372))

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser