Zum Sinnbegriff bei N. L. – 2. Teil

Nur innerhalb eines absoluten Setzens (thetischen Urteils) ist ein Totalitätssetzen möglich, wie es Luhmann oder Derrida für den Bereich wechselseitiger Einschränkung in Anspruch nehmen – so meine Interpretation. Das ist aber nicht möglich. Negativ und begrifflich kann die Totalität der Wirklichkeit nicht erreicht werden. Durch negative Ausgrenzung, oder, was das Gleiche besagen soll, in ausschließender Einschränkungsbedingung , wir der Grund der Totalität eines Begriffes nicht erreicht. Die begrifflich gedachten Zusammenhänge der Erkenntnis bleiben bloß vorgestellte, begrifflich erfasste Vereinigungen – und sind nicht selbsterklärende Realitäten.

Warum manche Beobachtungen trotzdem stimmen, so würde ich kurz sagen, ist auf den Scharfsinn von N. L. zurückzuführen, dessen Einbildungskraft mittels logischer Vorzeichnung den Unterscheidungsgrund in der Anschauung je trefflich fasst. Aber die gewonnenen Synthesen wie „Sinn“, „System“ sind nur Begriffe einer Beschreibung der Phänomene, nicht die Realität selbst.

Nie erreichen wir durch die Begriffe selbst die Dinge, sondern nur über unsere Vorstellungen (als Erscheinungen). Die Begriffen bleiben theoretisch auf der verobjektivierten Ebene der Anschauung a) durch einen unendlichen Annäherungsprozess der Wahrscheinlichkeit in der Bestimmung von ihrem Wesen getrennt und b) bleiben ebenso im Praktischen in der Vereinigungen der Gegensätze im Gefühl und im interpersonalen Aufforderungsverhältnis unableitbar, denn im Moment der Erfüllung muss das Schweben der Einbildungskraft in ein neues Streben verwandelt werden. Theoretisch sind durch das Schweben der Einbildungskraft jeweilige Synthesen der Vorstellung möglich (die unendliche Teilbarkeit und Bestimmbarkeit ist eine bestimmte Unendlichkeit), aber die Aufgabe der Vereinigung bleibt eine zeitlich und räumlich, unentwegt praktisch zu vollziehende Aufgabe – und, was ich hier außen vorlasse, auch ästhetische Aufgabe der Einbildungskraft – und insofern  nie abschließbar.

Ein Luhmann geht nun, nach guter philosophischer Tradition des Arché-Denkens, mit einem Totalitätsanspruch der Erklärung an die Wirklichkeit heran, kennt aber selber nicht einen apriorischen Anspruch der Erklärung in und aus einem Prinzip. Rein logisch bleiben  die Gegensätze System/Welt  ewig unvereinbar, weil sie zweierlei Ebenen angehören. Es fehlt ihnen ihr gemeinsames Konstitutionsprinzip. 

Die transzendentale Erkenntnistheorie FICHTES (im Unterschied zur dogmatischen Systemtheorie) geht hier anders vor: FICHTES antithetisches und synthetisches Gegensetzen kennt wohl

a) den Totalitätsanspruch eines Systems, weil es für eine Philosophie, die Wissenschaft sein will, unerlässlich ist, das Prinzip aller Dinge (die arché) angeben zu können, aus dem und in dem konstitutionsgenetisch alle weiteren Bestimmungen als Teilbestimmungen des Ur-Prinzips angegeben werden müssen – hierin gleichen sich im Anspruch die Systemtheorie LUHMANNS und FICHTES – aber

b) die Verknüpfung aller Einzelbehauptungen an jeder Stelle des Systems mit dem Ur-Prinzip kann methodisch-stringent  nur behauptet werden, wenn der apriorische Charakter des Ur-Prinzips genau beachtet wird.  Dies kann von N. L. nicht behauptet werden, denn er gründet ja seine Systemtheorie ausdrücklich auf einem Teilprinzip der Empirie, indem er (je nach Gelegenheit) die Welt oder Umwelt als eines der Wechselglieder im systematischen Erkennen einführt. Der Totalitätsanspruch einer Erklärung und Erkenntnis wird erhoben – was prima facie nicht zu kritisieren ist und von der Philosophie geleistet werden muss!  – aber dieser Totalitätsanspruch kann dann nur abstrakt eingeholt werden, indem von bereits gegebene Tatsachen des Bewusstseins (der Gesellschaft, des Rechts, der Religion etc…) ausgegangen wird, die nachträglich und in Zeitform durch eine gewisse (intuitive) Anwendung der Einbildungskraft zu einer dogmatischen Theorie synthetisiert werden.

Eine rein logische, begriffliche Synthese kann bestenfalls, so der Befund bei FICHTES 3. Grundsatz (GWL, § 3), eine Ableitung der Totalität als Klassenkalkül erreichen. (Dass die Frage nach dem Grund mehr als eine bloß klassenlogische, begriffliche Abstraktion ist, sei jetzt offen gelassen.) Eine Allgemeinheit von Sätzen wird zu einer Klasse zusammengezogen: Wenn z. B. eine naturwissenschaftliche Aussage getroffen werden soll, so wird ein kausaler Ursache-Wirkungszusammenhang hergestellt; wenn die Zugehörigkeit der Sätze zu einer ethischen Frage bestimmt werden soll, so wird diese Deutung nach einem Zweckbegriff von Freiheit erfolgen usw..

Sowie gefordert wird, dass etwas aus der Natur erklärt werde, wird gefordert, dass es durch und aus einem Gesetze der physischen, keinesweges aber moralischen Nothwendigkeit erklärt werde. Es wird sonach durch die blosse Behauptung einer solchen Erklärbarkeit behauptet, dass es der Natur nothwendig sey, und in den ihr absolut zukommenden Eigenschaften liege, sich in reelle Ganze zu organisiren, und dass das vernünftige Wesen die Natur so, und schlechthin nicht anders zu denken genöthigt sey. (FICHTE, Sittenlehre 1798, SW IV, 119)

Aus der Fragestruktur wird ersichtlich und ableitbar, um welches Klassenkalkül es sich handelt – und dementsprechend wird eine logische Konstitutionsgenese – und nur eine logische-methodische Konstitutionsgenese – erhoben und in einer Theorie zusammengestellt (erklärt). 

Die Soziologie hat dann diesen Anspruch des Verstehens sozialer Phänomene, die Physik einen kausal-mechanischen Anspruch, die Moral wieder einen anderen usw… sie können aber eigentlich untereinander nicht abstrakt auf ein höheres Prinzip zurückgeführt werden, weil ja das Urprinzip ihrer gemeinsamen Konstitution durch die selbstgewählte Einschränkung auf einen bestimmten Gegenstandsbereich bereits disjunktiv vorentschieden ist. 

Anders die Philosophie: Sie darf und muss die Totalitätsbildung der ganzen Wirklichkeit zum Thema machen, kann dies aber nur rein apriorisch, im Wissen selbst, tun, d. h. nur  logisch-abstrakt, und muss von sich her zurückverweisen auf das ursprüngliche Leben in seiner Ganzheit von sinnlicher und geistiger Natur.

FICHTE hat das logische Totalitätsverhältnis in § 3 der GRUNDLAGE auf die Formel gebracht: „Ist A Totalität und wird als solche gesetzt, so wird B ausgeschlossen“ . Oder „Dasjenige, welches ein anderes von der Totalität ausschließt, ist insofern es ausschließt, die Totalität“. (vgl. GRUNDLAGE, SW I, 192.193)

Totalität ist hier ein reines Denkverhältnis, die Geneses eines Klassenkalküls und nicht irgendein blind vorausgesetztes, metaphysisches Prinzip. Die Totalität, die disjunktive Urteile abstrakt vereinigt, besteht „in der Vollständigkeit eines Verhältnisses, nicht einer Realität.“ (SW I, 204)

Nochmals anders ausgedrückt: Das Zurückgehen auf eine Totalität aller Bedingungen (für die Welt, die Seele, für alles=Gott) ist zwar das Höchste für die Philosophie erreichbare Denken, 1  aber das Denken ist hier nur reflexiv und abstrakt –  und erreicht nie wirklich diese Totalität selbst in seiner Anschauung und in seiner Sinnidee

Der Möglichkeit nach ist dieses Denken der Teilbarkeit und des Zurückgehens auf die Totalität durch einen thetischen Satz zu erreichen, so die große  Entdeckung FICHTES. Dieser thetische Satz oder das „absolute Ich“ ist dabei nicht selbst Produkt dieser Reflexion.  Der thetische Satz ist der unbeweisbare 1. Grundsatz der GRUNDLAGE; der 2. Grundsatz ist nicht selbst absolut oder teilabsolut, sondern dient nur der didaktischen Hinführung, um die relative Teilabsolutheit des Teilens und der wechselseitigen Bestimmung im 3. Grundsatz zu erreichen – also die logischen Bedingungen eines Totalitätsdenken und die logischen Bedingungen eines Reflektierens. 2

Der nur aus dem 1. Grundsatz mögliche 3. Grundsatz trägt aber eine aus dem 1. Grundsatz kommende postulatorische Aufgabe in sich, die Teilbarkeit im Sinne der Einheit der Vernunft praktisch und geschichtlich zu erfüllen. Er trägt  einen interpersonalen Aufruf in sich, das Nicht-Ich zu verichlichen oder ein fremdpersonales Nicht-Ich zu einer höheren Ich-Einheit der Ichlichkeit zu führen.

Worauf ich damit, kurz gesagt, hinauswill: Der 3. Grundsatz erklärt als Satz vom Grunde, wie es überhaupt zu einem Unterscheiden und Beziehen und zum Begriff einer Totalität (als logische Bestimmung im Denken) kommen kann.3

Wohlgemerkt ist aber diese Totalität  nicht das qualitative Totalitätsallgemeine eines PLATON, oder das Absolute bzw. Erscheinung des Absoluten  nach FICHTE.

Mit einem bloß begrifflichen  Unterscheiden eines Spencer Brown kann nicht begonnen werden, um die Totalität aller Bedingungen zu einem Bedingten zu erreichen. Das führt zur Antinomik und zu einer materialen Dialektik, wie sie KANT in den „Antinomien“ formulierte – und sie auf seine Art löste. Ein K. L. REINHOLD forderte zwar die Einheit von Subjekt und Objekt in der apriorischen Vorstellung, welche wiederum vorgestellt werden kann, aber auch das ist bloß begrifflich-objektivistisch. Ein rein reflexiv vorgehendes Verfahren von Setzung und Entgegensetzung, von Analyse und Synthese, wie es FICHTE durchexerzitierte, kann,  nach seinen Ergebnissen, rein begrifflich, die Gegensätze  nie und nimmer vereinen. Es braucht ein über das Implikationsverhältnis hinausgehendes Appositionsverhältnis, wodurch ein Gegensatz, eine Einheit im Wandel, gedacht werden kann. Das sinnstiftende und wirkliche Urprinzip, aus dem konstitutionsgenetisch alle Bestimmungen der Erkenntnis und des Wollens abgeleitet werden können sollen, muss daher ein über die Reflexion hinausgehendes qualitatives Totalitätsallgemeines sein. Die bei KANT nur regulativ angesetzte Gottesidee muss selbst eine konstitutive Idee werden.  

Bei N. L. (und DERRIDA) bleibt das staunenswerte Paradox der mannigfaltigen, faktischen Entgegensetzungen, die dann nach Gespür und Scharfsinn durch einen willkürlichen Begriff der Totalität zusammengefasst und auseinander erklärt werden. Es folgen die spezifizierten Totalitätsvorstellungen eines „Systems“ oder „Sinns“. Diese Begriff sind aber selbst empirisch zusammengesetzt und insofern nicht apriorisch begründet. 

Aus erklärten Gegensätzen und Unterschieden – sozusagen nur auf der Basis des 3. Grundsatzes – entspringt nie von selbst (oder nur durch bloße Begriffe) der Grund bzw. die gesuchte prinzipielle Erklärung und begriffliche Durchdringung der ganzen Wirklichkeit.

© Dr. Franz Strasser, 22. 2. 2017

1„Ich setze im Ich dem theilbaren Ich ein theilbares Nicht-Ich entgegen.Ueber diese Erkenntniss hinaus geht keine Philosophie; aber bis zu ihr zurückgehen soll jede gründliche Philosophie; und so wie sie es thut, wird sie Wissenschaftslehre. Alles was von nun an im Systeme des menschlichen Geistes vorkommen soll, muss sich aus dem Aufgestellten ableiten lassen.“ (FICHTE, Grundlage)

2Der 2. Grundsatz ist selber nur aus dem 1. Grundsatz denkbar; kompletter Unsinn, wie Hegel das in der „Differenzschrift“ meinte.

3Wir haben die entgegengesetzten Ich und Nicht-Ich vereinigt durch den Begriff der Theilbarkeit. Wird von dem bestimmten Gehalte, dem Ich und Nicht-Ich, abstrahirt, und |die blosse Form der Vereinigung entgegengesetzter durch den Begriff der Theilbarkeit übrig gelassen, so haben wir den logischen Satz, den man bisher den des Grundes nannte.“(FICHTE, SW I, 110.111) 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.