Zum Sinnbegriff in den TdB – 2. Teil

2. Vorlesung: „(…) der Sinn ist die allgemeine Weise sich bewußt zu werden insbesondere in der Wahrnehmung, und die Qualität eine Bestimmung dieser allgemeinen Weise der Sichbewußtwerdens des Sinnes. (ebd. S 290)

Der Sinn hat von a) vornherein mit einer vorausgesetzten Mannigfaltigkeit von verschiedenen Qualitäten zu tun und eine Sinnesempfindung ist b) von vornherein eine spezifische Weise des Sichbewusstseins im Unterschied zu einer allgemeinen Weise. Der Sinn als Vermögen wird durch seinen allgemeinen Charakter, die sinnliche Qualität bzw. Empfindung durch ihren besonderen Charakter bestimmt. Eine einzelne Sinneserfahrung enthält in sich selbst nichts Allgemeines und keinen Bezug zum Allgemeinen, sondern einzig und allein etwas Besonderes, nämlich die fragliche Qualität bzw. Empfindung.1

Die Beschränkung des Allgemeinen, so jetzt die 2. Vorlesung, meint aber jetzt nicht diesen äußeren, beobachteten Bezug einer Qualität bzw. Empfindung auf ein wie immer noch unbegreifliches Sinneserleben, sondern das Verhältnis eines Vermögens Sinn einerseits und der konkreten Qualität bzw. Empfindung andererseits, dieses Verhältnis soll in seinen inneren Wissensmöglichkeit geklärt werden. M. a. W., die innere Verfassung oder innere Beschaffenheit der konkreten sinnlichen Wahrnehmung soll der Bedingung der Möglichkeit nach (transzendental) verstanden werden.

Jede Qualität erscheint anstatt anderer Qualitäten, ja, anstatt aller anderen. Der ausschließende oder verneinende Charakter gehört zum Wesen der sinnlichen Qualität. Die Qualität oder Empfindung ist nicht ein bloßes, losgelöstes oder loszulösendes Quale, sondern Beschränkung des Allgemeinen und Möglichen des Setzens der Vernunft.

Siehe Zitat oben: Die Qualitäten am Objecte sind demnach gegenseitig sich aus schließende Bestimmungen des Sinnes. (ebd. S 290)

Der zweite Bestandteil neben der Qualität/Empfindung der äußeren Wahrnehmung ist die Ausdehnung.

Es ist zunächst einmal anzumerken, dass die Ausdehnung oder Ausgedehntheit nur die Qualität bzw. Empfindung betreffen kann, nicht die Objekte selbst. (Vgl. 2. Vorlesung, S 291)

Kant hat über die Ausdehnung viele Bogen angefüllt. Wir gestehen, daß Kant das Wahre gesehen, wie denn auch diese Lehre der Haupt- und Mittelpunkt seiner Philosophie ist. Nur hat Kant es nicht klar angegeben. Sodann haben die Kantianer viele Bücher zusammengeschrieben über diese Materie ohne nur irgendwie den wahren Punkt zu treffen“.(ebd. S 291)

Das muss aber jetzt genauer auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin analysiert werden. Die erste Bestimmung der Ausdehnung lautet zuerst noch: „Die Ausdehnung ist durchaus keine Empfindung“ (2. Vorlesung, ebd. S 292) Es steht die philosophische Mahnung im Raum, dass man sich nichts erdenken darf, sondern anschauen.

Nun ist aber die Ausdehnung so geartet, dass sie sich nicht einfach anschauen lässt. Es erscheinen zwar die sinnlichen Qualitäten stets als etwas Ausgedehntes, aber das Ausdehnende bzw. die Ausdehnung als solche, das was zu den sinnlichen Qualitäten hinzukommt, das steht jetzt zur Frage auf ihre Bedingungen der Wissbarkeit hin. Ihr Vorstellungsinhalt lässt sich nicht unmittelbar anschauen – und wenn das behauptet wird, so ist das eine Täuschung.

Die Schwierigkeit kann Fichte nur lösen, indem er ein Experiment anstellt:

Also wir müssen ein Experiment anstellen. Es ist nicht mehr das unmittelbare Wahrnehmen, sondern Wahrnehmen durch ein Experiment, d. h. durch einen neuen Act der Besonnenheit und Freiheit.“ (2. Vorlesung, ebd. S 292)

Diesen methodologischen Schritt will Fichte so verstanden wissen: Wir gehen aus, eine neue Anschauung zu gewinnen.“ (ebd. S 292)

Dass die fragliche Anschauung von dem freien Akt abhängt, der sie ermöglicht und zu ihr führt, soll aber keineswegs bedeuten, dass sie auch ihrem Inhalte und ihrer Gültigkeit nach von ihm abhängt. 2 Es ist ja das Spezifische der fichteschen Transzendentalphilosophie, dass sie immer wieder die intellektuelle Anschauung einer Sache einfordert. Diese Anschauung zaubert nicht Objekt hin, sondern bestimmt sie gemäß den Regeln der Anschauung und gemäß den Regeln eines Begriffes („intellektuell“). Ende des 3. Hauptkapitels wird FICHTE das mehr erläutern: Die intellektuelle Anschauung ist nicht Anschauung eines beliebig idealistisch erzeugten Objektes, das wäre göttliche intellektuelle Anschauung, sondern ein Gesetz für ein Objekt. Sie begründet nicht das Objekt. (vgl. 18. Vorlesung, ebd. S 328)

(c) Dr. Franz Strasser, 22. 12. 2018
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1Vgl. Mario Jorge de Carvalho, ebd. S 65.

2Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 70