Die Natur des Menschen in der Tiefenpsychologie – 2. Teil

Die herkömmlichen Deutungen S. Freuds verlaufen etwa in diese Richtung: a) Der Mensch sei in seiner psychischen Natur determiniert durch die Versagungen in der frühen Kindheit; b) weiters sei er durch ein biologistisches Libidokonzept bestimmt. Wo der Trieb und die (im letzten sexuelle) Lust keine Befriedigung finden, wirken sie destruktiv; c) die menschlichen Krankheiten seien Regressionen und weisen kein Potential einer positiven, lebensbejahenden Kraft auf.

Unser ganzes Verhalten und Denken, unsere Kultur und unsere Sublimierungen, sie sind letztlich rein auf bio-physische und entwicklungsbedingte, historische Grundprozesse zurückzuführen.

Alfred Adler und Carl Gustav Jung haben S. FREUD bereits zu Lebzeiten widersprochen, aber interessant ist, dass selbst S. FREUD durchaus andere Interpretationen zulässt, wie W. Pieringer zu meinem Erstaunen ausgeführt hat. Interpretierte ich zu Unrecht S. Freuds Psychoanalyse nur reduktionistisch d. h. auf eine naturale Erklärungsbasis zurückbezogen?

Ich beziehe mich deshalb auf einen Artikel von Prof. Primarius Walter Pieringer, Die Natur des Menschen in der Tiefenpsychologie, in: Dimensionen der Psyche. Bewusstes und Unbewusstes, Hrsg. v. R. Kögerler und H. G. Zapatocky, Forum St. Stephan Wien 1990, 91 – 104.

1) S. FREUD geht zwar von einem dualistischen Konzept einer Leib-Seele-Trennung aus, doch ist damit lange nicht gesagt, dass das Ich des Menschen den physiologisch-biologischen Mechanismen und historischen Entwicklungsgesetzen machtlos und determiniert gegenüberstehen müsste – so W. Pieringer. Er bringt Zitate von S. Freud, in denen dieser durchblicken lässt, dass er neben reduktionistischen Erklärungen z. B. von Zwangshandlungen, auch symbolische, die  physiologischen und biologischen Abläufe transzendierende Erklärungen zulässt. S. FREUD verfalle zwar gut und gerne einem Reduktionismus in der letzten Erklärung psychischer Phänomene, aber manchmal ist eine teleologische, den naturkausalen Ablauf transzendierende Sinnerklärung nicht zu übersehen! (Genauere Belege siehe dort bei W. Pieringer).

Der Triebverzicht z. B. sei nicht nur negativ besetzt, als übe er nur einen Zwang aus gegen das biologische Streben des Menschen, sondern hat durchaus eine transzendierende, konstitutive Bedeutung für das Kulturschaffen und Kulturempfinden – und kann somit auch als befreiende, lebenserhaltende Kraft angesehen werden.

Das Thema des Ödipuskomplexes muss nicht auf die negative Bewertung der Mordtat beschränkt bleiben, es kann durchaus ein sinnvolles Opfer geben.

Ebenso hat das Phänomen der „Wiederholungen“ durchaus lebensfördernde Ziele. Sie sind notwendige Grundlagen des Einlernens und Behaltens.

Die Begriffe wie Aggression, Liebe und Ethik im Aufsatz „Unbehagen an der Kultur“ müssen nicht naturkausal verstanden werden, als sei überall nur Triebunterdrückung der Aggression und der Sexualität am Werk, sondern durchaus können diese Triebkräfte eine weiterführende, über die sinnliche Natur hinausgehende Funktion haben.

Der Triebverzicht im „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ lässt ebenfalls eine frei sich bestimmende Reflexion des Ichs zu, sodass keineswegs durch die Triebregungen aus dem Unbewussten und durch die Vorschriften des Über-Ichs die Religion eine frei erfundene Sache und Kompensation sei.

2) W. Pieringer zeichnet im Anschluss und in Parallele zur Tiefenpsychologie eine, ich möchte sagen, vernunftorientierte, transzendierende Naturkonzeption, die nach Realisation von Sinn- und Werterfahrung strebt.  Er beruft sich dabei auf Erkenntnisse der modernen Physik, der modernen Biologie, der Kreativitätsforschung, und kommt zu einem hierarchischen Ordnungmodell der Natur des Menschen, das  geradezu „diametral“ entgegengesetzt zu den bisherigen Tendenzen einer reduktionistischen Deutung der Tiefenpsychologie S. Freuds steht.  W. Pieringer orientiert sich dabei an „natürlichen Kräften“ nach F. Preuß, der Aufbau des Menschen, 1987.

Dieser unterscheidet: a) material-energetischen Dingweltstufe
b) einer vital-energetischen Lebensweltstufe und
c) einer mental-energetischen Geistesweltstufe. (Siehe b. W. Pieringer, S 97)

Gemäß freudscher Tiefenpsychologie gibt es eine entwicklungsgeschichtliche Hierarchie, wonach die Entwicklung der jüngeren von der vorherigen, älteren Entwicklungsstufe abhängig ist, aber im Sinne einer „Rhythmusfolge“ bedingen sich ältere und jüngere Stufe. Das ergibt nach W. Pieringer vier „Modalitäten“ (Wesen des Seins):
a) die ästhetische Natur des Menschen
b) die ethische Natur des Menschen
c) die ökonomische Natur des Menschen
d) die kultische Natur des Menschen.

Er nennt dann vier Temperamente und die vier primären Entwicklungsstufen der frühen Kindheit, wie sie die Tiefenpsychologie FREUDS aufgestellt hat.
a) Der ästhetischen Natur entspricht die narzißtische Phase,
b) der ethischen Natur die oral-aggressive,
c) der ökonomischen Natur die anale,
d) und der kultischen Natur die früh-genitale Phase.

Summa summarum ergibt sich aber damit nicht ein kausal-mechanistisches, durch biologische Determinanten und gesellschaftliche Triebunterdrückung geprägtes Menschenbild, sondern ein auf die Triebkräfte und Triebregungen aufbauendes Menschenbild, dass vielfältige Transzendenzerfahrungen zulässt.

3) Ob Walter Pieringer die Trieblehre von FICHTE kennt, weil er eingangs kurz die Transzendentalphilosophie anspricht?  Die durch S. Freud aller Welt bekannt gemachten Begriffe wie „Trieb“, „Triebabbau“, „Triebverzicht“, „Verdrängung“, „Zwangshandlungen“, usw. – sie brauchen allesamt, so meine Sicht jetzt, eine erkenntnistheoretisch-kritische Verortung im Streben des ganzen Ichs – siehe dazu meine Ausführungen in Teil 1 zum Triebbegriff bei Fichte. Die Phänomene können nicht neutral festgestellt, geschweige biologistisch weiterinterpretiert werden.  

Um zu einer erkenntniskritischen Bestimmung der Natur des Menschen zu kommen, kann wohl von diesen oder jenen empirischen Tatsachen ausgegangen werden, doch die Funktion dieser Tatsachen und Gefühle, Triebregungen, Verdrängungen, Zwangshandlungen, Geschichtsdeutungen bedürfen wohl viel weiterer rationaler Erklärungen und Sinndeutungen als es bloß naturalistischer Erklärungen bieten können.

Die von W. Pieringer angedeuteten vier „Modalitäten des Seins“ kommen dieser reflexiven Durchdringung der Phänomene der menschlichen Natur im Sinne einer transzendental-rationalen Erklärung schon näher. Die Phänomene werden dabei aus einem Akt-Charakter des Seins interpretiert, d. h. das alle naturalen und auch geistig-kulturellen Erscheinungen die Lösung einer Aufgabe darstellen, nämlich sinnliche und geistige, leibliche und geistig-gesellschaftliche Natur zu verwirklichen.

4) S. FREUD war historisch-kritisch wohl a) zu stark von den naturwissenschaftlich-induktiven Erklärungen der Natur des Menschen fasziniert, ferner dürfte b) das transzendentale Erkennen nach  Kant und Fichte bereits  vergessen gewesen sein;  c) die sich bietenden Alternativen von Schopenhauer und Schelling waren allesamt bloß spekulativ und unbegründete metaphysische Annahmen. Schließlich dürfte die d) gesellschaftliche Wirklichkeit des ausgehenden Jahrhunderts in Wien tatsächlich krankmachend und triebunterdrückend gewesen sein.  Das Bild des Menschen muss naturphilosophisch und soziologisch bereits so axiomatisiert und relationiert auf eine biophysische Systemeinheit hingeordnet gedacht gewesen sein, dass selbst höchst gebildete Personen (wie S. FREUD) tatsächlich nur mehr einseitige, naturkausale Zusammenhänge sahen. Den unleugbaren Phänomen der Natur des Menschen eine transzendierende Kraft zuzuschreiben, dass mithin die Triebregungen selbst zum Anlass einer höheren Sinnverwirklichung genommen werden könnten – wie z. B. W. Pieringer oder F. Preuß das tun – dazu muss in Wien im ausgehenden 19. Jhd. wohl total die Perspektive gefehlt haben?!

Wenn ich nur ein Zitat von S. Freud bringe: „Sehen Sie nicht, dass die Vielheit dieser Triebe auf die Vielheit der Organe zurückgeht, die alle erogen sind….? Brief von Freud an Oskar Pfister vom 9. Okt. 1918.

5) Ich möchte ein paar erkenntniskritische Fragen stellen:
a) Nach S. Freud ist die Quelle eines Triebes ein körperlicher Reiz, eine Art biophysischer, chemischer Spannungszustand. Der Trieb setzt eine reale Verursachung voraus, kann sie aber nicht selber herbeiführen. Was heißt das transzendental d. h. den Bedingungen der Wissbarkeit nach? Das Denken der realen Ursache bleibt dem
Vorstellen überlassen. Wir beziehen immer nur ein Denken auf eine Vorstellung, nie das Denken auf einen Gegenstand. Ist die konstante Reizanflutung, denen der Organismus nicht ausweichen kann, die alleinige Triebfeder für das Funktionieren des psychischen Apparates? Wenn sie alleinige Triebfeder wäre, wäre der Mensch determiniert und es käme nach einer Triebbefriedigung theoretisch zu keinem weiteren Reizaufbau, wenn es nicht eine andere Quelle über den sinnlichen Reizabbau hinaus gäbe, die einen anderen Zweck wieder voraussetzt, wodurch der Spannungszustand wieder erklärt werden könnte. Was ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit des Weiterbestehens des Triebes, wenn es doch nicht die sinnliche Quelle allein sein kann, die für sich ja keinen teleologischen Zweck kennt, sondern nur notwendige Ursache einer folgenden Wirkung ist? Welche zusätzlich zum naturalen Erklären hinzukommende transzendierenden Bedingungen wären noch anzusetzen?

b) Könnte tatsächlich der Zirkel eines psycho-somatischen Kreislaufes von Reizaufbau und Reizabbau nie verlassen werden, kann dann berechtigt überhaupt von einem „Trieb“ gesprochen werden? Konsequent wäre eine mechanistisch-funktionale Auflösung des Triebes. Es gibt eigentlich kein Streben und Sehnen mehr. Der Triebbegriff ist ein Scheinbegriff und eine Scheinerklärung des Verhaltens. Was an Bewegung, Streben, Leben erklärt werden soll, ist nur ein kausal abgestimmtes System verschiedener zusammenspielender Faktoren, ein selbst-referentielles System, das nach naturalen und gesellschaftlichen Bedingungen noch weiter analysiert werden kann, aber im Grunde ein notwendiges Reiz-Reaktions-Schema darstellt. 

c) Die sinnliche Empfindung und Qualität ist transzendental gesehen die basalste, erste Form einer bereits theoretisch und praktisch gesetzten Selbstbestimmung und Sinn-Realisierung (in dieser Bestimmtheit des tätigen Ichs). Sie verlangt von sich her eine höhere, transzendental-begründete Herleitung dieses Funktionierens eines organischen Reiz-Reaktionsschemas. Eine naturalistische Erklärung eines Qualitätsmomentes von Reiz/Lust, angenehm/unangehm, oder wie immer die Empfindung dann deskriptiv gefasst wird, setzt die Bedeutung schon voraus, die sie als Erklärung vorgibt.  Es wird biologisch oder chemisch „bewiesen“, was eigentlich eine die Gefühle und Verhaltensmechanismen übersteigende transzendierende Erklärung ist.

© Dr. Franz Strasser, Jän. 2017

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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