Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

Nehmen wir an, dass Mohammed tatsächlich Offenbarungen Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben – jemanden diktierte, damit sie im Koran festgehalten würden. Diese Offenbarungen, mehr als fremd-personale, göttliche Manifestationen, sind als solche stark verschieden: Von intimen und durchaus moralischen Aufforderungen bis hin zu kriegerischen und unmoralischen Aufforderungen.

Die moralischen Aufforderungen müssten jetzt herausgesucht werden – worunter ich hauptsächlich verstehe diese ganze Position des Ein-Gott-Glaubens gegenüber der heidnischen Umwelt und ihrer Vielgötterwelt, die Abrahams-, Hagar-, und Ismaelgeschichten u. a. m. – aber was tun mit der in Überzahl vorherrschenden unmoralischen Forderungen? Was tun mit der Aufforderung zur Zwangsbekehrung, zum Töten sogar, zum Patriarchalismus u. a. m.?

Es braucht moralische Kriterien eines möglichen Offenbarungsbegriffes, wie er vernunftgemäß gedacht werden kann – und deshalb hier meine Anfrage und mein Versuch einer Kritik in dem Sinne, dass die Bedingungen der Möglichkeit einer Offenbarung einsichtig sein müssen!

Dazu sind erkenntniskritische Reflexionen notwendig, wie die Philosophie sie uns zur Verfügung stellt, was das Prinzipielle des Wissens betrifft. Das Konkrete einer Offenbarung oder eine Manifestation Gottes kann philosophisch nicht abgeleitet werden. Da bleiben wir auf die Erfahrung (im weitesten Sinne) angewiesen. Das Prinzipielle unserer Erkenntnis, inklusiv des Handelns und Wollens, muss aber auf die Bedingung der Möglichkeit hinterfragt und herausgearbeitet werden können, andernfalls gibt es a) kein Wissen und b) muss alles der Irrationalität und einem bloßen Dogmatismus und Nihilismus anheimfallen.

Nun glaube ich nicht, dass Mohammed aus purer Selbstsucht und purem Machtinteresse alles erfunden hat, aber viele angeblichen Offenbarungen und Forderungen widersprechen dem reinen moralischen Gottesbegriff und der Form einer Mitteilung Gottes, sodass sie kritisch hinterfragt zu werden verdienen.

In erster Linie, sozusagen vorausschauend gesagt, muss das Gottesverhältnis als ein Freiheitsverhältnis, analog zum Interpersonalverhältnis, gedacht werden. Kann der Begriff der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen nicht generiert werden, erübrigt sich alles weitere Nachdenken über Religion und Glauben und Hoffnung etc… Dann bleibt die reine Determination des Menschen, ja, sie ist auch durch einen Rationalismus oder Naturalismus nicht mehr begreifbar.

Letztere zwei Formen der Philosophiegeschichte, würden sie bis ans Ende durchgedacht, widersprechen sich selbst. Sie sind dogmatisch und autoritär. So müssen z. B. für die Erkenntnis der Natur zahlreiche selektierende geistige Prozesse einfließen, um überhaupt darin etwas erkennen zu können. A fortiori fließen im gesellschaftlichen Bereich der Wirklichkeit ausdrücklich praktische und sittliche (oder unsittliche) Willensentscheidungen und geistige Prozesse mit ein.

Den Erkenntnis- und Verantwortungsprozess des Menschen so rational wie möglich zu gestalten, das ist der Zweck der Philosophie (und ersetzt nicht das Konkrete der Erfahrung und der Geschichte.) Ob Gott sich dem Mohammed, schriftlich fixiert dann im Koran, geoffenbart hat, muss somit mit den prinzipiellen Gesetzen des menschlichen Denkens (im weitesten Sinne auch Handeln und Wollen miteingeschlossen) kompatibel sein, ansonsten ist dringender Ideologieverdacht angebracht. Dass Gott sich geoffenbart hat, ist im Reflexionsbegriff des Denkens möglich, und muss nicht bereits verworfen werden; wie er sich geoffenbart hat, dafür sollen hier ein paar Kriterien (sicherlich nicht vollständig!) aufgestellt werden.

Nur faktisch und dogmatisch zu behaupten, dieses oder jenes Wort des Korans sei von Gott geoffenbart und deshalb wahr, ist noch lange kein Beweis. Es muss die Evidenzmöglichkeit einer absolut sich selbst begründenden Wahrheit aufleuchten können, ohne dass diese Evidenz bloß reduktiv hinzuerschlossen, behauptet oder überhaupt durch menschliche Phantasie gebildet sei.

Eine faktische oder selbst apodiktisch durch die Gesetze des Denkens erschlossene Gottesidee – wie die metaphysischen Gottesbeweise oft verlaufen – kann nicht hingenommen werden, denn sie verbirgt den diese Gottesidee bedingenden, in seiner Geltung aber zu bezweifelnden Denkakt. Dass es eine unmittelbare Evidenz von Wahrheit geben muss, dafür gibt es zahlreiche Beweisführungen der Philosophiegeschichte (PLATON, ANSELM, DESCARTES, FICHTE). Ebenso wie in radikalem Zweifel alle bloß faktische oder selbst durch Denknotwendigkeit gewonnene, apodiktische Evidenz vernichtet werden müsse (in seiner Gültigkeit), damit es zu einer wahrhaft genetischen Evidenz komme, so müsse umgekehrt aus der disjunktionslosen, sich selbst begründenden göttlichen Wahrheit abgeleitet werden können! Inwiefern das für den Islam selbst bereits eine unüberwindliche Hürde darstellt, sei hier noch dahingestellt: Denn selbst die Offenbarung oder die Übergabe des Quran (Koran), des zu Rezitierenden, ändert nichts an der Einzigkeit Gottes, wie analog die Inkarnation Gottes im Christentum nicht die absolute Einheit und Einzigkeit Gottes aufhebt.

1) Jede Aussage macht einen impliziten Wahrheitsbezug, sonst wäre es sie nicht. Aber eine Aussage konstituiert sich nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich der Wahrheitsbezug und bewährt sich eine Aussage.

2) Nun handelt es sich in diesem Verhältnis zwischen ausgesagter Wahrheit Gottes und behaupteter, wenn auch gewaltsam wirkenden Rezeption (und späterer Diktion als Koran)1 um einen solchen Wahrheitsbezug in der Art und Weise des Kommunikations- bzw. Interpersonalgeschehens. Nicht eine sinnliche Empfindung, ein bloßer Laut, sondern ein Aufruf, eine Aufforderung muss es gewesen sein, weil ja Mohammed mit Hinhören und Gebet geantwortet und es später als Wort diktiert hat. Es muss ein Minimum von Freiheit und Aufnahmebereitschaft, vielleicht auch unter Druck?; von Seiten des Mohammed vorausgesetzt werden, sonst wäre es zu gar keinem Hören und zu keinem Verstehen gekommen – und zu keiner späteren schriftlichen Fixierung. (Gemäß einer Lektüre in der Theologisch-praktischen Quartalschrift Linz wird nach etwa 200 Jahren Tradition der Koran sogar als „ungeschaffen“ bezeichnet – siehe ebd. Franz Schupp, ThpQ, Linz, 2014).

Es finden sich jetzt eine Überzahl an Gehorsamsforderungen im Koran, nicht zu übersehen aber auch eine große Zahl unmoralischer Forderungen. Wenn ein kleines Stück Freiheit der Rezeption und Apperzeption bei Mohammed aber vorausgesetzt werden muss, sonst wäre überhaupt kein Empfangen und Verstehen möglich gewesen – und ebenso für die späteren Leser und Rezipieren des Korans eine Minimum an Nachvollziehbarkeit und Mitvollziehbarkeit vorausgesetzt werden muss – welchen Sinn hat dieses Konvolut und diese Mischung von moralischen und unmoralischen Forderungen? Wie kann diese „ungeschaffene“ Überlieferung des Koran in ein systematisches Ganzes gebracht werden?

Die erkenntnismäßige, transzendentale Basis müsste einmal klar sein: Es kann keine fertige Intention Gottes geben, ohne dass diese nicht von Seiten des Menschen wahrgenommen und wenigstens in einem minimalen Bereich mitkonstituiert sein würde!

3) Diese Mitkonstitution von Seiten des Menschen setzt viele erkenntniskritische Akte voraus im theoretischen wie praktischen Bereich der menschlichen Vernunft: Da wären einmal die grundsätzlichen Schematisierungen aller geistigen Gebilde in Raum und Zeit. Die Worte und Suren des Korans sind solche geistigen Schematisierungen. Diese „Anschauungsformen“ (oder Denkformen im weitesten Sinne) entstehen aber nicht von selbst und sind nicht schon fertig da, sondern sind aus höheren Denkformen des theoretisch-praktischen Bildens produziert.

Die Schematisierungen sind auf alle Gebiete der Wirklichkeit zu übertragen.

Es bedarf gewisser Verstandesformen und Begriffe, damit das zeitliche Werden und das Anschauliche als solches weiter perzipiert und begrifflich gefasst werden kann. Es erfolgt die Fixierung in sprachlich-dichterischen und geschriebenen Gebilden, die Fixierung in Verstandesbegriffen wie Substantialität und Akzidentialität (Gott ist alles, die Welt ist Teil von ihm), der Kausalität (die Welt ist durch Gott kausal erschaffen), der Wechselwirkung etc. Es folgen die Reflexionsbegriffe einer Zweckgerichtetheit. Die Bedingungen der Modalität (was ist möglich, wirklich, notwendig) wollen ebenfalls bedacht sein.

Schlussendlich entspringen alle theoretischen wie praktischen Akte des Bildens einem einzigen geistigen Akt, durch den die Teilbestimmungen wie z. B. die Möglichkeit der Sprache und der Schrift in ihrem spezifischen Sinn und in ihrer spezifischen Schematisierungen ermöglicht und bestimmt werden können.

Die theoretische Ebene des Erkennens ist dabei immer von praktischen Konstitutions- und werthaften Akten mitbestimmt, denn es wird im Erkennen zugleich zweckmäßig und wertintentional gehandelt. Diese praktische Seite des Erkennens ist im betreffenden Fall sogar besonders ausschlaggebend: Die mögliche Offenbarung Gottes ist ja ein fremd-intentionales, praktisches Wollen Gottes, ein in seiner göttlichen Wahrheit nicht zu hinterfragendes, absolutes Soll, eine selbstbegründende Instanz und Evidenz – die zu einer intentionalen Wirksamkeit führen will, ob mehr frei oder im blinden Gehorsam, das ist eine schwerwiegende Frage.

Die Realisierung von Freiheit in einem Kommunikations- und Interpersonalverhältnis setzt m. E. folgende Struktur voraus: formal die Bestätigung einer eigenen Intention in einer anderen personalen Intention zwecks Erkenntnis eigener Freiheit. Material eine Vollendung des praktischen Strebens nach Sinn und Erfüllung in einem gemeinsamen sittlichen Streben und Wollen. Im zeitlichen Werden kann es zwar eine endgültige Erfüllung nicht geben, weil sich das Schweben der Einbildungskraft nur erhält in diesem Wechsel von Erfüllung und Nicht-Erfüllung, von Bestimmtheit und Unbestimmtheit, aber analog als unendliche Erfüllung muss das Verhältnis von Gott/Mensch gedacht werden können, analog als eine praktische Erfüllung von Liebe und Sinn.

Das Wie dieses Verhältnisses in der Einbildungskraft, die ja auch verantwortlich ist für die geistigen Gebilde wie Sprache oder Schrift, kann infolge der prinzipiellen Interpersonalkonstitution der universellen wie individuellen Vernunft immer nur am anderen Menschen eingesehen werden. Das bedingt aber jetzt ein doppeltes Ordnungsschema.

Eine a) implikative Reihe von Grund und Folge und eine b) appositionelle Reihe des Nacheinanders, beides zugleich!

Ad a) Die implikative Ordnung setzt im gemeinsamen Willensschluss – der im Verhältnis Gott/Mensch zumindest minimal rezipierbar und verständlich sein muss – als Grund der erfahrenen Forderung die Seite Gottes an und als Folge die Freiheit des Menschen, zugleich aber, da die intentionale Mitkonstitution und Perzeption/Rezeption ja auch geleistet werden muss – ad b) das Nacheinander einer geregelten Reihe von bereits erfahrenen (erinnerten) Erfüllungen und projektiven Entwürfen.

4) In der Hl. Schrift des NEUEN TESTAMENTES zeigt sich das z. B. so, dass JESUS mit höchstem Anspruch zwar als direkt von Gott gesandter Bevollmächtiger spricht, als „Messias“, „Sohn“, zugleich aber sich selbst in die Nachfolge- und Verstandesordnung bereits ergangener und realisierter Offenbarungsträger sieht (in der Zitation der Hl. Schrift, in der Zitation anderer Propheten), um überhaupt in der appositionellen Reihe des nachvollziehenden Verstehens erkannt zu werden. Nur durch dieses Ineinander einer Implikation (umittelbar von Gott gesandt) und zugleich Apposition (der bisherigen Hl. Schrift und der Generationenfolge) ist es den weiteren Empfängern dieser Botschaft möglich, den Offenbarungsträger selbst auf seine Glaubwürdigkeit und Bewährung hin zu überprüfen.
Inwieweit stimmt jetzt  der höchste Begriff von Gott mit der geschichtliche Realisierung in den Zeichen (im weitesten Sinne) des Offenbarungsträger überein? Bewährt sich die mehr als fremdpersonale, göttliche Erscheinung im personalen Offenbarungsträger und seinen Zeichen?

Insofern die Reflexionsmöglichkeit und Selbstbezüglichkeit der Vernunft auf andere Freiheit zielt, muss auch inhaltlich der im Offenbarungsträger mitintentierte, göttliche Willenschluss eine höchste Vernunftrealisation „beweisen“ können. Es müssen Formen und Zeichen der Erfüllung als Bewährung einer dahinterliegenden, sittlich glaubwürdigen, göttlichen Manifestation sichtbar sein. Der Grund der hervortretenden (erscheinenden) Manifestation wird einerseits implikativ notwendig gedacht, d. h. auf Gott zurückgeführt, doch die Manifestation der Wahrheit muss andererseits in sich bewährenden, zeitlichen Schritten (appositionell) gegenwärtig erfolgen, erinnernd erfolgen und zukünftig erfolgen können. Die Begründung der außergewöhnlichen Manifestation weist auf Gott zurück, die Rechtfertigung der Manifestation beweist sich (bewährt sich) in der Zeit und projiziert sich in eine erfüllende Zukunft hinein.

Ein Rückschluss der Reflexion auf einen absoluten Grund nach dem Schema der Grund-Folge-Ordnung würde allein die Manifestation Gottes noch nicht beweisen; es muss die apponierende Reihe der Zeichen dieser absolute Manifestation (einer Inkarnation im weitesten Sinne hier gedacht) hinzukommen, damit die synthetische Reflexionsleistung der Vernunftrealisierung vollständig vollzogen und abgeschlossen werden kann. Denn, wie oben gesagt, die Reflexionsleistung der Vernunft ist nicht nur ein theoretischer Akt, sondern auch ein praktischer, intentionaler Akt. Die Erfülltheit (oder Nicht-Erfülltheit infolge des Schwebens der Einbildungskraft) und das Erkanntsein vollständige Freiheitsrealisierungen verlangt ein praktisches Kriterium (oder in plurali, praktische Beweise) und praktische Bewährungsweisen in der Zeit.

Diese praktische Bewährung muss inhaltlich eine absolut rechtfertigende und selbst das Übel und Böse genugtuende (aufhebende, vergebende) Freiheitsrealiserung sein, eine unerschöpfliche Quelle der Güte und Vergebung, eine sich selbst begründende Wahrheit, die sich bewährt. Eine nur nach der Grund-Folge-Ordnung erschlossene, notwendig gedachte oder subjektiv behauptete Manifestation Gottes entspricht nicht der vollen Freiheits- und Vernunftrealisation. Sie könnte auch Täuschung sein und darf ohne sich bewährende Zeichen der Wahrheit keine absolute Geltung beanspruchen.

5) Bezogen jetzt auf den Koran, der für „ungeschaffen“ erklärt wurde (etwa 200 Jahre später, siehe ThpQ, Franz Schupp) und als die eigentliche Offenbarung oder als eigentlicher Offenbarungsträger angesehen werden muss („und Mohammed sein Prophet“), enthält er diese beiden Komponenten eines vollständigen theoretischen wie praktischen Reflexionsaktes, worin implikative wie appositionellen Ordnung in gleicher Weise am Werke sind? Findet ein „Gläubiger“ die Kriterien einer echten Offenbarung nicht nur dem behaupteten Grunde nach, sondern bewährt sich die behauptete Manifestation Gottes auch in zeitlichen Bewährungsschritten? Und wie sollte sie sich bewähren? Wer sollte sie bewähren?

Führt z. B.die Rezitation des Korans zu einer Art interpersonaler, dauernder Beziehung des Menschen zu Gott und auch zu einer sich realisierenden Freiheit anderen Personen gegenüber? Die (dauernde) Liebe zu Gott und die (dauernde) Liebe zum Nächsten sind von gleicher Art einer Freiheitsrealisierung – wie kann der Koran aber wahr sein, wenn diese Freiheitsrealisierung gerade explizit die Freiheit des anderen Menschen ausschließt? Ich will hier nicht aufzählen, wie autoritär über alle Andersgläubige, „Ungläubige“, „Kopfsteuerpflichtigen“ etc.. hinweggefahren wird und wie mit ärgsten Strafen hier und in der Ewigkeit gedroht wird! Worin liegt in diesen geistigen Gebilden des Textes die sich bewährende Wahrheit einer einmal an Mohammed ergangenen Offenbarung? Oder wie kann z. B. der Bericht einer siegreichen Schlacht mit der Vernichtung und Ausrottung vieler Menschen  – ohne Grund einer Selbstverteidigung –  als Sieg Gottes ausgewiesen werden?

Mohammed behauptet, seine Offenbarungen seien göttlich. Dass er – wie jeder Mensch auch – religiöse Gefühle und religiöse Erfahrungen gemacht haben kann, halte ich absolut für möglich. Aber dürfen diese Erfahrungen als „Offenbarungen“ generische (universelle) und individuelle, absolute und abgeleitete, Geltung beanspruchen, wenn sich die nachfolgende zeitliche Realisierung des angetragenen Freiheitsverhältnisses und Interpersonalverhältnisses als solche gar nicht beweisen kann, sondern auf autoritäre und kriegerische Macht pochen muss?

Die von Gott an Mohammed angetragenen Intentionen waren keine bloß sinnlichen Empfindungen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen, wie A. M. Karimi sagt. Der Koran ist eben deshalb ein „ästhetisches Ereignis“, ein „ existentielles Erzittern“ ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271. Das halte ich alles für möglich – und wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, aber was ist unter Ästhetik alles gemeint? Es ist wohl nochmals ein großer Unterschied zwischen einer bloßen Dichtung – und dem Text einer religiösen Wahrheit und einer moralischen Sinnerfüllung!  Die Wahrheitsfrage muss immer gestellt werden dürfen, ob es den Koran betrifft oder die Bibel oder eine andere heilige Schrift einer Religion. Die Zeichen der Manifestation Gottes (als Hl. Schrift, als Koran) können nicht nur autoritäre Behauptung sein, sondern verlangen auch Zeichen einer sich in zeitlichen Schritten bewährenden Wahrheit.

6) Die Unterscheidung implikative und appositionelle Reihe kann in ihrer Begründung nach Erkenntnisgrund, Rechtsgrund und Seinsgrund nochmals aufgeschlüsselt werden.

a) Im Intuieren und Intellegieren – was noch weiter aufzuschlüsseln wäre – einer höchsten Wertqualität wird der Erkenntnisgrund wahrgenommen d. h. die Heiligkeit des Willens muss zweifelsfrei erkannt werden. Diese höchste, genetische Evidenz kann als Gefühl, ursprüngliche Gewissheit beschrieben sein – und muss natürlich nicht in philosophischen Begriffen gefasst sein. Die reflexive, wissenschaftliche Einholung der originären, intuierten und intelligierten Erkenntnis muss aber um der allgemeinen Verständlichkeit und der Interpersonalität willen ebenso rational und vernunftgemäß (philosophisch)möglich sein.

b) Die Manifestation Gottes erweist sich durch einen heiligen Willen, der rechtmäßig nicht mehr angefochten werden kann; der absolut Eine, Heilige, Herrliche, Hoheitliche ist der Rechtsgrund – der geistig bejahend anerkannt oder verworfen werden kann.  Aber wie bewährt sich dieser Rechtsgrund der Wahrheit von sich her? Die christliche Offenbarung kennt hier viele Zeichen wie z. B. Wunderheilungen, oder Auferstehung JESU, Himmelfahrt u. a. m. Welche Bewährungszeichen sind im Islam zu finden?

c) Gott ist der Seinsgrund meines existentiellen Vollzuges der Freiheit und der Grund meines Aufgerufen- und Aufgefordertseins. Das bedingt eine seinsmäßige Abhängigkeit. Wie oben aber ausgeführt, kann es nicht nur ein absolut autoritäres, blindes Gehorsamsverhältnis geben, sondern zu Bedingungen der Freiheit und zu Bedingungen freier Perzeption und Rezeption muss das absolute Soll aufgenommen und  mitvollzogen werden können. Es muss, obwohl einseitig bedingt, eine Art vertragliches, vertrauensvolles, „kindliches“ Verhältnis zum Seinsgrund möglich sein. Der Seinsgrund ist Grund eines personalen Erzeugtseins, Grund eines Sohn- oder Tochter- oder Kindseins, Grund einer selbstständigen Freiheit, nicht Grund eines bloßen Unterworfenseins. 2

8) Die Mitkonstitution eines personalen Freiheitsverhältnisses verlangt jetzt noch eine weitere Bedingung der Wirklichkeit, einen vertieften Seinsgrund der Möglichkeit nach. Die Christen kennen dafür den HEILIGEN GEIST. Der Austausch, das Vertrauen, die Mitkonstitution, die Integration aller Reflexionsbestimmungen der individuellen wie generischen Vernunft, sie werden gehalten und getragen in einem Verhältnis der Freundschaft, sind gespeist von einer unerschöpflichen Quelle der Liebe und des Sinns. Wenn der Koran als Forderung, als Wort Gottes, gelesen und erkannt werden soll, in seinem Erkenntnisgrund, Rechtsgrund und Seinsgrund, so muss es jenseits des Buchstabens, also über die arabische Phonetik und graphische Figuration hinaus, eine Differenzierungsmöglichkeit des Hl. GEISTES zulassen, der die sprachlichen und schriftlichen Zeichen als  Manifestation Gottes in freier Rezeption zulässt, und gerade so den unzeitlichen und absolut ungeschichtlichen Willen Gottes erkennen lässt. M. a. W., es muss aus der zeitlich geoffenbarten Schrift des Korans der unzeitliche, überzeitliche Willen Gottes zweifelsfrei universell und individuell durch den Möglichkeitsgrund des Hl. GEISTES herausgelesen werden können. Eine militärisch gewonnene Schlacht ist eher ein Indiz für eine nicht göttlichen Manifestation! Jede von Gott ursprünglich geforderte Freiheitsrealisation, von ihm seinsmäßig ausgehend, muss auch ein Minimum an menschlicher Freiheitsinvestition und zeitlicher Nachvollziehbarkeit zulassen.
Können aber die unterlegenen Völker oder die im Kampf getöteten Menschen noch irgendwie
ihre Freiheit äußern bzw. eine Rehabilitation erwarten?

8) Über den Weg einer naturalen Erkenntnis (wie in den „Naturreligionen“) wird kein intentionales Verhältnis gefunden werden, da Freiheit eine innere Einsicht in eine andere Willensäußerung verlangt. Kann aber jetzt in der Zeichensetzung des Korans, unbeschadet der seinsmäßigen und rechtmäßigen Abhängigkeit des Menschen von Gott, auch ein freies, gleichwertiges Geben und Nehmen gefunden werden? Oder anders formuliert: Gibt es im Koran diese auf Gott zurückgehende Intentionalität, wie Mohammed glaubte gehört und verstanden zu haben, oder könnte diese dann im Koran fixierte Intentionalität und Gefordertheit auch anderen Ursprungs sein? Wie bewährt Mohammed – oder der den geschriebenen Koran rezitierende Gläubige oder der den Koran auslegende Imam – diese Zweckgerichtetheit und diese intentionale Absicht? Darf ein göttlicher Wille z. B. die zwangshafte Bekehrung oder sogar Ausrottung der „Ungläubigen“ verlangen, wie sie im Koran schriftlich fixiert ist? Kann dafür ein absoluter Geltungsanspruch erhoben werden?

Im Laufe der Geschichte gab es natürlich viele Wertrealisationen und viele Bezugspunkte, worauf eine geschichtliche Reihe (als Ausgangsereignisse) aufbauen konnte, aber wenn ich notwendig eine höchste zweckhafte Realisation des Willens Gottes in einem Endzweck realisieren soll, werde ich alle Realisationen prüfen, ob sie auch konkret! in die endzwecklich gedachte, geschlossene Fülle der göttlichen Wertrealisationen und der göttlichen Idee passen können. Ein nicht universeller Heilsauftrag von Anfang an würde dem moralischen Endzweck widersprechen.

7. 10. 2017 © Dr. Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

1Laut eines Biographen des Mohammed sei der Prophet vom Engel Gabriel dreimal gewürgt und gezwungen worden – siehe diverse Literatur in islamischen Quellen.

2Im christlichen Sinne ist der „Sohn“ ungeschaffen. Das kindliche Vertrauensverhältnis eines Menschen zu Gott verläuft dabei nicht über einen Text, über eine Schrift, sondern über die Zeichensetzung des ungeschaffenen „Sohnes“ selbst, verläuft durch ihn, durch den Gott den Menschen im Heiligen Geist liebt. Ich bin hier ganz anderer Meinung als F. Schupp, der eine äußerliche, politische Zusammenstellung von christlichem Dogma und Koran vorbringt, indem er das christliche Dogma selbst nur historisch deutet: Erst durch politischen Druck sei das Dogma von der „homoousie“ JESU entstanden und ebenso das „ungeschaffen“ des Korans. Das Christentum ist dem transzendentalen Sinne nach eben keine „Buchreligion“, deshalb muss das „homoousie“ auch nicht wörtlich im Text der Hl. Schrift gesucht werden. Siehe den ganzen Artikel ThpQ, Linz, 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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