Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

1) Offensichtlich kämpfte die Glaubensauffassung des frühen Islam mit ihrem Propheten Mohammed (oder Muhammad – versch. Lesearten) gegen die „Beigesellung“ mehrerer Götter zum einen und einzigen Gott, wie es das Christentum verkündete, kämpfte auch gegen das Judentum und ihrer Schriftauslegung, sodass jetzt der QUR‘AN und die später folgende „Hadithe“ als Glaubensaussagen, als „Wort Gottes“, vor uns liegen.

Die Form eines trinitarischen Ein-Gott-Glaubens und das Prinzip eines Heiligen Geistes, ferner eine kirchliche Vermittlung, ist aus christlicher Sicht aber die einzig mediale und auch vernünftige Weise, den Begriff einer „Offenbarung“ Gottes und einer heiligen Schrift formulieren und denken zu können. Würde diese Basis der Vernunft und der bildhaften Vermittlung verlassen, können wir überhaupt nicht mehr miteinander reden und in Dialog treten. Die Glaubensauffassungen würden sich aus unerklärlichen Gründen diametral gegenüberstehen – und entsprechend wäre das weitere kommunikative Verhalten oder besser gesagt, nicht-kommunikative Verhalten, abzuschätzen.

2) Der Prophet des Islams hatte eine schlechte Kenntnis der christlichen Lehre, wahrscheinlich nur eine mündliche Kenntnis, vermutete einen Drei-Götterglauben (Vater-Jesus-Maria), war vielleicht vom Monophysitismus, Nestorianismus, Arianismus schlecht beraten, auf jeden Fall wurde die kostbare Lehre des trinitarischen Glaubens, wie er 325 u. 381 n. Chr. in Nicäa festgelegt wurde, bzw. die Zwei-Naturlehre Christi in Chalzedon (451 n. Chr.) formuliert war, von ihm völlig falsch verstanden oder war ihm überhaupt unbekannt. So entstand ein eigenartiges Konstrukt eines Ein-Gott-Glaubens.

Ich fand bei GERHARD GÄDE eine Verständigungsbemühung, die mir sehr einleuchtend scheint – deshalb, weil sie von der Vernunftbasis ausgeht:

Die Liebe, die ein Muslim für den Koran hegt, ist vergleichbar mit der Christusliebe eines Christen, die dieser im Gebet, in der Liturgie und in einem christusförmigen Leben ausdrückt. Der Koran stellt für Muslime eine Mittlerwirklichkeit zwischen Gott und den Menschen dar und damit eine Realität, die es erlaubt, mit Gott in Kommunikation zu treten. Der Koran verheißt zudem mit göttlicher Autorität ein ewiges Heil, das in diesem Leben und mit irdischen Mittel nicht zu verwirklichen ist. Deshalb begründet das heilige Buch des Islam eine Lebensordnung (sharī’a), die in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes steht. Auf den Koran hören und ihm gehorchen bedeutet für Muslime nicht weniger als für uns das aufmerksame Hören auf die Stimme Christi. Die Beobachtung der vom Koran festgelegten Normen im Islam ist also mit der Nachfolge Jesu im Christentum zu vergleichen. Als Christen wer den wir deshalb den Koran nicht lesen können wie Muslime ihn lesen. Nur im Lichte Christi kann es für Christen eine christliche Lektüre des Korans geben.“ 1

2) Ich versuchte den QUR‘AN wohl zu lesen, allein es kommen dort so viele Stimmen und angebliche Offenbarungen vor, dass es hermeneutisch schwer ist, eine einheitliche Erkenntnis daraus zu gewinnen. 2

Es gibt im QUR‘AN gewisse Texte, die einer Vernunftkritik standhalten und deshalb als positive Offenbarung angesehen werden können – diese müssten jetzt extra herausgearbeitet werden – , aber unzweifelhaft auch grausame Stellen von Verfolgung, Unterdrückung, Verfluchung, Mord.

Zusätzlich zu einer historisch-kritischen Leseart, die für den QUR‘AN teilweise schon existiert, zumindest in Fachkreisen, muss jetzt m. E. eine transzendental-kritische, vernunftkritische Leseart geben, um moralische von unmoralischen Aussagen unterscheiden zu können. Die im ISLAM hochgehaltenen Begriffe wie „Wort Gottes“, „Offenbarung“ würden zusätzlich in eine widersprüchliche Begründung schlittern bzw. überhaupt unbegründbar werden, könnte dem Vernunftanspruch der Denkbarkeit einer Glaubens-Aussage nicht entsprochen werden.

3) Es trägt jede Aussage das Problem an sich, durch ein Medium (wie der Sprache, der Schrift) vermittelt zu sein, wodurch der Geltungsgrund einer Aussage verstellt werden kann. In den Spuren einer transzendentalkritischen Analyse des Wissens kann der hermeneutische Zirkel des Verstehens von innen her aufgelöst werden, sofern man a) einerseits den Zirkel in seiner Notwendigkeit einsieht und akzeptiert, aber b) andererseits ihn so einsieht und erkennt, dass man weiß, warum es zu dieser bildhaften (medialen) Vermittlung einer Aussage/eines Wortes notwendig gekommen ist oder kommen kann. 3

Der vom Christentum gefundene Weg einer trinitarischen Explikation des Ein-Gott-Glaubens in seiner pneumatologischen und ekklesiologischen Vermittlung kann vernunftmäßig einen Grund angeben, wie a) der Geltungsgrund einer vom einzigen Gott geschaffenen Welt und die damit notwendig verbundene absolute Transzendenz Gottes zusammengehen und gedacht werden können – und wie b) das Ineinander einer implikationslogisch begründeten Offenbarung und einer appositionellen Vermittlung dieser Offenbarung notwendig zusammengebunden sein müssen, andernfalls der Begriff einer „Offenbarung“ bzw. die These vom „Wort Gottes“ nicht haltbar sind.

4) Der Skopus der Literatur von G. Gäde geht dahin, dass er mittels vernunftkritischem Instrumentarium der christlichen Religion sowohl eine gemeinsame Verstehensbasis der drei monotheistischen Religionen findet, als auch den Unterschied benennen kann. Er schafft eine feine Differenzierung der Begriffe, und somit zugleich eine inhaltliche Klärung und Erklärung der Aussagen.

Es läuft sein Artikel darauf hinaus, dass der Inhalt der Glaubensaussagen in allen drei monotheistischen Religionen zum entscheidenden Kriterium der Glaubwürdigkeit und zum vernunftkritischen Anspruch des Verstehens werden soll.
M. a. W., eine genetische Erklärung der Inhalte kann zu einer gemeinsamen Verstehensbasis der monotheistischen Religionen führen – und zugleich deren Unterschiede benennen, sodass wenigstens die Form eines friedlichen Dialoges möglich wird. Könnten nur faktische oder historische Begründungen einer Religion oder Offenbarung angeführt werden, so entlädt sich das irgendwann in unberechtigten Vernunftansprüchen und Macht- und Gewaltentscheiden.4

5) An eine „Offenbarung“ und an das „Wort Gottes“ als Gegenwartsweise Gottes in der Welt glauben alle drei monotheistischen Religionen. Die Gegenwartsweise im verkündigten Wort Gottes ist dabei nicht weniger gültig und präsent als es im inkarnierten Wort sein kann – vom Vorwissen eines christlichen Standpunktes aus gesprochen.

Diese Gegenwartsweise des verkündigten Wortes ist zugleich die kritische Basis der Vernunft, d. h. müsste es zumindest sein. Würde die Vernunftbasis verlassen, sind auch die Auffassungen vom „Wort Gottes“ im Judentum (christlich formuliert das ALTE oder ERSTE TESTAMENT), wie die Auffassungen vom „Wort Gottes“ im QUR‘AN, hinfällig, zumindest vernunftkritisch problematisierbar. Denn warum sollte an eine Selbstmitteilung Gottes geglaubt werden, wenn die Inhalte des Glaubens nicht gegenwärtig und ohne Vernunftbasis, nur historisch und faktisch, gelten sollen? Warum sollte eine inhaltliche Offenbarung für möglich, ja für notwendig, gehalten werden, (notwendig in christlicher Hinsicht – weil aus soteriologischen Gründen), wenn es andere vernunftkritische Antworten auch gäbe, warum z. B. die Welt existiert, was des Menschen Berufung ist etc.?

6) Nach G. GÄDE ist die Verhältnisbestimmung aus der christlichen Lektüre der ganzen Hl. Schrift (Erstes und Zweites Testament) zur Schrift des Judentums (zum ERSTEN TESTAMENT) ebenso der hermeneutische Erkenntnisschlüssel zum Verstehen und Interpretieren der Aussagen des QUR‘ANS.
GÄDE spricht von der „Bedeutung der Zweigeteiltheit der christlichen Bibel für das Verstehen des Korans“: „ Ein solches christliches Koranverständnis kann für jene Muslime von Bedeutung sein, die den Glauben an Christus als Sohn Gottes angenommen haben. Sie können damit fortfahren, ihre alte heilige Schrift hochzuschätzen und sie weiterhin als nun durch die christliche Botschaft erfülltes, d. h. endgültig als solches verstehbares Wort Gottes anzuerkennen, so wie Judenchristen ihre alte Schrift nicht verleugnen müssen, sondern sie in die Kirche mitbringen. Ein Christ gewordener Muslim müsste also auch nicht den Koran verleugnen, sondern könnte aus dem paradigmatischen Verhältnis der zweigeteilten Bibel lernen, in neuer Weise seine alte Schrift als Wort Gottes zu verstehen. (….) Das Modell für eine christliche Lektüre der heiligen Schriften einer anderen Religion findet sich in dem Verhältnis, das die christliche Botschaft von An fang an zur Schrift Israels hat und damit in der zweigeteilten christlichen Bibel. Einerseits scheint es sachgemäß zu sein, die Bibel nicht als Wort Gottes im Sinne eines geheimnisvoll vom Himmel herabgesenkten Buches zu betrachten, dessen Text nicht von einem irdischen Autor verfasst wurde; andererseits ist es auch wahr, dass die Kirche das Alte Testament als wahres Wort Gottes betrachtet, insofern es Zeugnis von Christus ablegt. Für den christlichen Glauben ist Christus bereits in der christlich als “ Wort Gottes“ verstandenen Schrift Israels gegenwärtig und wirksam. Diese weder exklusivistische noch inklusivistische noch auch pluralistisch zu nennende christliche Herangehensweise an die Schrift Israels kann „interioristisch“ genannt werden, weil sie Christus weder gegen noch über noch neben die jüdische Religion stellt, ihn vielmehr in der Schrift Israels findet (vgl. Lk 4,21; 24,27.44 45; Joh 5,39; 1 Petr 1,10–11). Auf diese Weise kann der christliche Glaube die Schrift Israels als Wort Gottes anerkennen und sie – als Altes Testament – universal als solches verkündigen.
Dabei muss man sich gegenwärtig halten, dass die Kirche auch die Schrift Israels nicht unabhängig oder unter Absehung ihres Glaubens an Christus als Wort Gottes betrachtet. Im Gegenteil, der christliche Glaube bestreitet – zusammen mit der kritischen Vernunft – der Schrift Israels, sich aus eigener Kraft als Wort Gottes verständlich zu machen.366 Vielmehr bedarf die Schrift Israels, um ihren Anspruch universal verstehbar zu machen, eines “ hermeneutischen Schlüssels“ , der ihren Wort-Gottes-Charakter definitiv erschließt (vgl. 2 Kor 3,14–17).“ 5

7) Nun lehnt der ISLAM die Inkarnation explizit ab, den Kreuzestod JESU u. a. m., sieht die ganze Trinität als „Beigesellung“ Gottes usw. Das ist historische Tatsache. Aber wenn der ISLAM seine Vernunftgrundlagen erforschen und den Glauben an das „Wort Gottes“ als QUR‘AN und als eine „Offenbarung“ Gottes an Mohammed rechtfertigen will, muss er einen Begriff der Selbstmitteilung Gottes – in erste Linie als der der Barmherzige“ – denken können. Das „Wort Gottes“ in einer geschichtlichen Stunde an den Propheten ergangen, muss in irgendeiner Form einer transzendentalkritischen Einheit von implikationslogischer und appositioneller Begründung erkennbar und wissbar sein, sonst bleibt die Verkündigung und Missionierung des ISLAMS und alle daraus weitere Form des religiösen Lebens sinnlos und nicht denkbar.

Es muss m. a. W. eine genetische, vernunftkritische Erkenntnisweise der Glaubensaussagen geben, die die Inhalte des Glaubens unmittelbar für jeden Gläubigen entstehend und einsehbar und partizipativ teilhabend macht. Wie kann z. B. die radikale Geschöpflichkeit des Menschen und der Welt einerseits geglaubt werden, wie der ISLAM ja sagt, wenn im Denken die absolute Transzendenz andererseits gewahrt bleiben soll?

„Wenn sowohl die biblische als auch die koranische Botschaft mit „Gott“ eine Realität meinen, die nicht Teil der Gesamtheit der Wirklichkeit ist und also nicht unter unsere Begriffe fällt, von der aber alle geschöpfliche Wirklichkeit ontologisch restlos abhängt, dann erweist sich der Offenbarungsbegriff als zutiefst problematisch. Wenn das Wort “ Gott“ sachgemäß mit “ ohne Wen nichts ist“ zu erklären ist, dann ist eine reale Relation Gottes auf das Geschaffene nur im Widerspruch zur Bedeutung des Wortes “ Gott“ denkbar. Die Vorstellung einer realen Relation Gottes auf das Geschaffene, das seinerseits nur existiert, insofern es restlos auf Gott bezogen und zugleich restlos von ihm verschieden ist, bestritte durch sich selbst das Geschaffensein der Welt. Denn diese Vorstellung müsste ja die Welt für das die Relation konstituierende Worauf halten. Damit aber wäre implizit ihre Geschöpflichkeit geleugnet. Die Anerkennung der Kreatürlichkeit der Welt verbietet es, sie gleichzeitig als ontologisch konstitutiven Terminus einer Relation Gottes anzusehen. Denn an der Welt ist allein ihre Geschöpflichkeit abzulesen, also ihre restlose ontologische Anhängigkeit von Gott, aber in keiner Weise irgendeine übernatürliche und allein dem Glauben zugängliche Dimension, wie z. B. ihre Gemeinschaft mit Gott.“6

G. GÄDE nennt als Erkenntnisweise des vernünftigen Verstehens von Schöpfungsglaube und Offenbarung also den Glauben: Der Glaube ist nicht unvernünftig, sondern im höchsten Grade vernünftig, weil andernfalls es zu einem Abbruch der vernünftigen Erklärung von etwas kommen täte. Unglaube ist vernunftkritisch nicht haltbar, Glaube hingegen schon, ja er stützt die Vernunft.7

An eine, das „Wort Gottes“ bzw. denn Offenbarungsbegriff zusammenfasssende Bestimmung der Selbstmitteilung Gottes kann vernunftkritisch geglaubt werden, weil sie vom Begriff her (nach dem Monologion des ANSELM) das ist, worüberhinaus nichts Größeres oder Besseres geglaubt werden kann. Fideistisch ohne Vernunft, oder autoritär durch Zwang zu glauben, ist hingegen ein Widerspruch. Also muss sich auch der Islam vernunftkritisch ausweisen können. G. GÄDE bedauert: „Eine Sensibilität für die Problematik des Offenbarungsbegriffs scheint sehr selten vorzukommen.“8

8) G. Gäde spricht im weitere Folge von einem logozentrischen Standpunkt, um den Charakter der monotheistischen Religionen begrifflich genauer fassen zu können.

„Aufgrund dieser Beobachtung wäre es vielleicht angemessener, vom Judentum, vom Christentum und vom Islam von logozentrischen statt von monotheistischen Religionen zu sprechen. Die drei Monotheismen sind logozentrisch. Dies scheint mir ein viel interessanteres Datum zu sein – auch im Hin blick auf den interreligiösen Dialog – als die eher banale Feststellung der Existenz eines einzigen Gottes, auch wenn dies ein sehr zentrales Thema des Korans ist (vgl. Sure 112). Die Verkündigung der Einzigkeit Gottes (vgl. Dt 6,4) hat die Funktion, die Geschöpflichkeit der Welt anzuerkennen und nichts in der Welt mit Gott zu verwechseln (vgl. Sure 6,75–79). Aber als solche ist diese Einzigkeit Gottes bereits einer rationalen Reflexion zugänglich und für sich genommen noch kein Glaubensdatum. Der logozentrische Charakter jedoch stellt den Glauben dieser Religionen heraus, und zwar den Glauben an das Wort Gottes. Die drei monotheistischen Religionen sind logozentrisch, weil sie sich auf einen Gott beziehen, der „zu den Menschen gesprochen hat“ (Nostra aetate, 3,1), sich ihnen also mitgeteilt hat und sie einlädt, an seinen Heilswillen zu glauben. Diese Erkenntnis ist tatsächlich allein dem Glauben zugänglich und daher von übernatürlicher Qualität.“ 9

Auch dort hängt alles Heil des Menschen am Glauben (īmān) an das Wort Gottes und am Gehorsam und an der Hingabe (islām) an Gottes Willen. Wie Andreas Renz in seiner großen Islamstudie herausstellt, entspricht der Begriff īmān in seiner Wurzel der hebräischen Wurzel ,,אמין (sc. „Amen“) und bedeutet „treu, zuverlässig, sicher sein“. In der grammatikalischen Form des 4. Stammes (āmana) nimmt der Begriff die Doppelbedeutung von „jemandem glauben, vertrauen und jemand beschützen, in Sicherheit bringen“ an. In mehreren Suren des Korans wird der Begriff auch synonym mit islām verwandt.Dabei handelt es sich um die allein an gemessene Haltung des Menschen gegenüber der Offenbarung Gottes:

“ Sprich: Er ist der Erbarmer. An Ihn glauben wir, und auf ihn vertrauen wir. Ihr

werdet noch erfahren, wer sich im offenkundigen Irrtum befindet“ (Sure 67,29).

Der Glaube ist also auch im Islam die einzig angemessene Antwort des Menschen auf das Wort Gottes. Man kann wohl zu Recht sagen, dass sowohl im Christentum wie Judentum als auch im Islam der “ Glaube“ an Gott und an sein Wort das richtige Verhältnis des Menschen zu Gott bedeutet:

“ Sprich: Wir glauben an Gott und an das, was auf uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde auf Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und die Stämme, und an das, was Mose und Jesus und den Propheten von ihrem Herm zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben“ (Sure 3,84).

Beide Religionen haben also in der Überzeugung von einer göttlichen Offenbarung und im Glauben an sie eine gemeinsame theologische Basis. Bedenkt man die Strukturähnlichkeit der beiden Religionen, wird man zum Ergebnis kommen, dass in beiden Fällen das ungeschaffene und präexistente Wort Gottes eine menschliche Form angenommen hat: einmal in einer menschlichen rezitierten Sprache, ein andermal in einem wahren Menschen.10

9) Der vom ISLAM so hochgehaltene Ein-Gott-Glaube kann vernunftmäßig nur durch einen Begriff des Glaubens bzw. durch den Begriff der „Offenbarung“ argumentiert werden. Dieser Glaube und diese Offenbarung wiederum sind aber damit bedingt und begründet durch eine zusätzlich zur implikationslogischen Begründung hinzukommenden appositionellen Begründung einer partizipative und aktiven Teilnahme aller Gläubigen.

Ein Beispiel bringe ich noch von G. GÄDE – 5. Kapitel: „Der Islam – ein Heilsweg?“

„Zwei islamische Begriffe könnten dem, was im christlichen Glauben “ Heil“ bedeutet, am nächsten kommen: fawz (vgl. Sure 4,13) und falāh (vgl. Sure 2,5; 9,88). Sie bedeuten soviel wie “ Gelingen“ , “ Erfolg“ , “ Wohlergehen“ und „Glück“. Mit diesen Begriffen bezeichnet man den glücklichen Ausgang des Lebens derer, die den rechten Weg der Unterwerfung unter Gottes Willen und Rechtsordnung (sharī’a) gefolgt sind. Dem rechten Weg folgen und sich der Rechtleitung Gottes anvertrauen, verbürgt das Gelingen des irdischen Lebens der Gläubigen und verheißt als Lohn am Ende das Paradies. Der Islam kennt auch das Verderben, das Unheil, konkret die Strafe der Hölle, die denen vor behalten ist, die sich dem Glauben und dem Willen Gottes widersetzt haben. Das Heil besteht also darin, sich vertrauensvoll der Rechtleitung Gottes zu unterwerfen. Dies ist der einzige Heil versprechende Weg.“ 11

10) Da wir als reflexive Vernunft der Zeit und der interpersonalen Kommunikation bedürfen, muss die implikative Grund-Folge-Ordnung in eine Reihe des Nach- und Miteinandersetzens transponiert werden. M. a. W., das kontingente Verhältnis einer Gottesbeziehung und Gottesoffenbarung, wenn sie einen glaubhaften Inhalt haben kann – unmoralische Inhalte zählen hier nicht – muss sich ebenso in realen Objektivierungen von Wahrheit und Liebe in Zeit und Gemeinsamkeit zeigen.

Ein implikativer Begründungsanspruch einer angeblich erfahrenen Offenbarung Gottes wäre zu wenig, wenn sich nicht in zeitlicher und geschichtlicher Konkretion, mithin in einem wahrhaften Nachbilden und Bilden können der Glaubensaussage vom Individuum her für die Allgemeinheit, diese Aussage bewähren könnte. Das Denken dieser zeitlichen Konkretion und Synthese von Besonderheit und Allgemeinheit verlangt notwendig  den Übergang von einem implikativen zu einem appositionellen Begründungsanspruch.  Eine nur implikative Begründung von Worten, Weisungen, Aufforderungen, Mahnungen, Drohungen des QUR‘ANS als „Offenbarung“ und authentisches „Wort Gottes“ zu behaupten, das ist nur autoritative und dogmatische Rede und kann keine Gültigkeit beanspruchen. Es muss ein Mindestmaß an Freiheit und freier Mitkonstitution der in Frage stehenden Aussage möglich sein, eben eine appositionelle Sinn- und Verstehensordnung, sonst kann keine Geltung der implikativen Begründung verlangt werden. Wie wäre aber diese Freiheit und Mitkonstitution der Aussagen möglich bei angeblich geoffenbarten „Wahrheiten“ , die zur Gewalt und zum Mord und zur Verfluchung und zur Versklavung und zur Unterdrückung der Frauen aufrufen?

Kann der Begriff der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert werden, d. h. kann Freiheit in einer religiösen Aussage nicht erkannt werden, ist  Ideologieverdacht geboten. Ob Gott sich dem Mohammed, schriftlich fixiert dann im Qur‘an, konkret geoffenbart hat, kann vernunftkritisch nicht für unmöglich erklärt werden, sofern das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen Gesetzen des vernünftigen und moralischen Denkens und in appositioneller  Weise  vereinbar ist.  Es muss die Evidenzmöglichkeit einer absolut sich selbst begründenden Wahrheit  zuerst a) für den Offenbarungsträger selbst und b) für den hörbereiten, gläubigen Hörer/Leser  nachvollziehbar sein – andernfalls ist daran zu zweifeln.

11) Die von Gott an MOHAMMED   angetragenen Intentionen seien keine bloß sinnlichen Empfindungen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen gewesen – wie A. M. KARIMI einmals sagt. Der Koran ist eben deshalb ein „ästhetisches Ereignis“, ein „ existentielles Erzittern“, wie ich in der ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271, las.

Das halte ich alles für möglich – und wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, aber ein Gefühl ist keine hinreichenden Begründung, vorallem keine rechtliche und sittliche Begründung.  Wird die Bedeutung eines lautmalerischen Zeichens, die Bedeutung einer sprachlichen Sequenz, die Schönheit eines Versmaßes, durch eine bloße Wiederholung rechtlich und sittlich wahr? Ein Vers, eine Satzmelodie erhält nicht durch sich selbst seine/ihre Schönheit und  Bedeutung, sondern erst durch den (die), der (die) weiß, wofür das Zeichen steht und was es bezeichnet. Gibt es eine epistemologische Begründung von Schönheit und Wahrheit (einer religiösen Offenbarung) ohne Begriff eines die Schönheit und Wahrheit  wissenden Wissens, ohne appositionelle und reflexive Realisierung, ohne Bildlichkeit des sittlich Vollkommenen?

Die Wahrheitsfrage muss vernunftkritisch an den QUR‘AN –   wie für die Bibel (ERSTES TESTAMENT und NEUES TESTAMENT) – und an jede Religion, ja, an alle Wissenschaft und jede Aussage, gestellt werden dürfen, sonst ist ein Gespräch nicht mehr möglich. Ist das wahr, was gesagt wird, d. h. kann es auf seine Bedingungen der Wissbarkeit reflektiert werden, und soll es so sein, wie es gesagt wird?

7. 10. 2017 © Franz Strasser
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1Gerhard Gäde, Islam in christlicher Perspektive, 2009, Paderborn, 178.

2 Generell ist die Frage der Stimme Gottes an Mohammed bereits eine äußert schwierige Frage, denn es finden sich viele Sprecher im Koran: die Stimme Gottes, die Stimme Mohammeds, die Stimmen der Gegner, von Noah, von Abraham, von Mose, von Jesus, von Engeln, von Dämonen, Frevler, Zweifler, Gerettete, Verdammte. Sie alle steuern etwas bei zum ganzen Offenbarungstext, der zu rezitieren ist. Wie der ursprünglich mündliche Text an Mohammed mit der Niederschrift im Koran zusammenhängt, und umgekehrt dann wieder ein Urbuch oder Urschrift zur sekundären Niederschrift präexistent im Himmel existieren muss, das sind komplizierte Fragen, die sowohl auf den Koran zurückwirken, als auch auf die Hermeneutik der anderen Buchreligionen, wie sie das „Wort Gottes“ verstehen.

3Zum Wissen eines Zirkels – siehe z. B. K. HAMMACHER, Der Begriff des Wissens. In: Transzendentale Theorie und Praxis. Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7., Amsterdam-Atlanta, 1996, 1-27.

4Wenn aus Gründen einer rechtlichen Religionsfreiheit und aus Gründen z. B. des elterlichen Erziehungsrechtes kleinen Kindern die Beschneidung oder ein Kopftuch aufgezwungen werden darf, ist das auf angebliche Freiheit und Selbstbestimmung beruhende Rechtssystem der westlichen Demokratie widersprüchlich. Die dahinterstehende rechtliche Begründung und die religiöse Glaubensbegründung ist vernunftkritisch nicht haltbar.

5G. Gäde, Islam in christlicher Perspektive, ebd. S 184.185

6G. GÄDE im Abschnitt: Die Problematik des koranischen Anspruchs. Ebd., S 188. 189.

7 Vgl. z. B. FICHTE, WL 1805, 12. u. 13. Vorlesung – vgl. Blog https://www.platonjgf.net/j-g-fichte-glaube-und-wissen-in-der-wl-1805-12-vorlesungsstunde-1-teil/

8G. Gäde, ebd. S 189. Wenn sowohl die biblische als auch die koranische Botschaft mit “ Gott“ eine Realität meinen, die nicht Teil der Gesamtheit der Wirklichkeit ist und also nicht unter unsere Begriffe fällt, von der aber alle geschöpfliche Wirklichkeit ontologisch restlos abhängt, dann erweist sich der Offenbarungsbegriff als zutiefst problematisch. Wenn das Wort “ Gott“ sachgemäß mit “ ohne Wen nichts ist“ zu erklären ist, dann ist eine reale Relation Gottes auf das Geschaffene nur im Widerspruch zur Bedeutung des Wortes “ Gott“ denkbar. Die Vorstellung einer realen Relation Gottes auf das Geschaffene, das seinerseits nur existiert, insofern es restlos auf Gott bezogen und zugleich restlos von ihm verschieden ist, bestritte durch sich selbst das Geschaffensein der Welt. Denn diese Vorstellung müsste ja die Welt für das die Relation konstituierende Worauf halten. Damit aber wäre implizit ihre Geschöpflichkeit geleugnet.

Die Anerkennung der Kreatürlichkeit der Welt verbietet es, sie gleichzeitig als ontologisch konstitutiven Terminus einer Relation Gottes anzusehen. Denn an der Welt ist allein ihre Geschöpflichkeit abzulesen, also ihre restlose ontologische Anhängigkeit von Gott, aber in keiner Weise irgendeine übernatürliche und allein dem Glauben zugängliche Dimension, wie z. B. ihre Gemein schaft mit Gott. Diese kann nur auf ein Wort hin geglaubt werden, wenn sich ihre Behauptung von einer widersprüchlichen Aussage unterscheiden und so mit vor der Vernunft verantworten lässt.

9G. Gäde, Islam in christlicher Perspektive, ebd. S 207.

10Gerhard Gäde, Islam in christlicher Perspektive, 2009, Paderborn, 208.209.

11Ebd. S 235ff

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser