Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

1) Nehmen wir an, dass Mohammed (Schreibweise verschieden) tatsächlich Offenbarungen („wahy“) Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben1 – dann jemanden diktierte, damit sie im Koran (Qur‘an) und als Koran festgehalten würden. Diese Offenbarungen sind mehr als personale, sind göttliche Manifestationen gewesen. Was sie als Inhalte und Aussagen von Gott – und durch ihn geoffenbart – genau enthalten, das ist meines Erachtens der strittige Punkt, denn die Wahrheit einer Aussage muss am Wahrheitsbegriff selber gemessen werden.

Der Wahrheitsbegriff enthält zwei Bedingungen: 1.) Die tatsächliche Einsicht in die Möglichkeit einer göttlichen Wahrheit – wie von Mohammed behauptet – muss idealiter erwiesen sein, d. h. dass tätsächlich das Verhältnis Gott und Mensch der Bedingung der Möglichkeit nach so gedacht werden kann;
das wäre aber realiter zu wenig: 2.) der Begriff der Wahrheit müsste sich in der zeitlichen Realisierung und in der Praxis bewähren, als Erscheinung, als genetisches Setzen, das unmittelbar in sich und aus sich und durch sich (de jure) selbstbegründend und selbstrechtfertigend ist, also auf Gott zu verweisen vermag.

Kann Mohammed diese a) Einsicht in die Wahrheit Gottes rein theoretisch erklären und darlegen und kann er b) die Bewährung der Einsicht in einem wahrhaften Bildsein, in einer wahrhaften Objektivierung der Liebe – als der Begriff eines de jure Seins, einer causa sui der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung – in einer zeitlichen Realisierungskette beweisen und darstellen?

Nun will ich, wie ich sagte, Offenbarungen Gottes an Mohammed oder an andere Menschen prinzipiell für möglich halten, aber nur zu Bedingungen der Vernunft, der Kommunikation und des interpersonalen Austausches.

Mit welchem Recht darf jetzt Mohammed behaupten, er habe diese oder jene Worte, die im Koran und als Koran aufgeschrieben wurden, gehört und als unmittelbare Offenbarung Gottes empfangen, wenn sie unmoralische Forderungen sind wie Zwangsbekehrung, Vernichtung des Feindes, Verwünschung in Ewigkeit u. a. m.? Kann aus solchen unmoralischen Folgerungen auf das de jure Sein Gottes geschlossen werden? In einer implikativen Grund-Folge Beziehung wohl nicht, als stünde die Genesis der Folgerung in unmittelbarer Funktion und Beziehung zu Gott, der sich zur Ursache dieser unmoralischen Forderung erklären würde. Abgesehen davon, dass a) eine implikative Grund-Folge-Ordnung ohne einen Schöpfungsbegriff und bei bleibender, absoluter Differenz zwischen Gott und Mensch gar nicht denkbar ist, so verträgt b) der Begriff Gottes keine Unmoralität.
Es kann höchstens gesagt werden, dass erst durch die Freiheit des Menschen in einer nachgebildeten Weise, aber nicht in einer wahrhaften, sondern subjektiven Weise, auf Gott etwas übertragen worden ist, nämlich eine unmoralische Forderung. Eine unmoralische Forderung enthält folglich keine implikative Grund-Folge-Ordnung einer causa sui der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung, weil sie sich selbst widerspricht. Ein Wille, der sich zu unmoralischem Handeln entschließt, kann nicht durch sich selbst bestimmt und allmächtig sein, sondern ist von außen bestimmt.
Ein sich aus der Wahrheit Gottes (gen. subj. und gen. obj.) bewährendes
Bildsein der Liebe und der sittlichen Praxis allein lässt einen Rückschluss auf einen seienden Begriff Gottes zu – weil nur dieses sich im kontingenten Sein des Menschen sich bewährende Bildsein die Freiheit offen lässt, auf eine causa sui eines einzigen, wahren Grundes zu schließen. Das Verhältnis Gott und Mensch, bei bleibender kontingenter Existenz des Menschen, kann kein reales Abhängigkeitsverhältnis widerspiegeln, sondern in der Möglichkeit der Freiheit des Menschen liegt das gefragte Verhältnis (Gott und sterblicher Mensch) zu Bedingungen der Freiheit genetisch bereit, dass sie sich selbst ineins zur Bildform der Erscheinung Gottes macht. Die Freiheit muss das Bild Gottes erzeugen, damit Gott die lebendige Wahrheit ihres Bildseins ist, als der Eine in sich und seinem Bilde, sichtbar erscheinend in der absoluten Vollendung des Bildes – und, da wir auch zeitliche Wesen sind, unsichtbar erscheinend in den zeitlichen Objektivierungen der Wahrheit und der Liebe.   

Kann der Prophet Mohammed die im Qur‘an niedergelegten WORTE Gottes in ihrem Geltungsanspruch eines durch sich selbst bestimmten, reinen, moralischen Willens und Wesens bewähren? Ist idealiter der Grund in der Folge eines wörtlichen und schriftlichen Dokumentes überhaupt festlegbar? Der actus des praktischen Tuns muss ja vom Telos der Verwirklichung eines bestimmten Bildes geleitet sein. Einem bloßen, neutralen Tun – das es neutral nicht gibt – fehlte die Bestimmtheit der besonderen Zielsetzung. Dabei gestehe ich jetzt ein, dass ich nicht so genau weiß, wie das Telos der vollendeten Offenbarung Gottes im Islam ausschauen soll:  Als Paradies mit -zig Jungfrauen wäre mir zu wenig! Es wird bessere Verheißungen geben. Aber jetzt abgesehen von historisch-kritischen und komparativen Forschungen, die qur’ankritisch gefunden werden?, wie ist idealiter das Telos der Vollendung der Offenbarung formuliert? Und wie sieht der zeitliche Weg der Realisierung des Sich-Bildens und Bewährens der Worte des Qur’an aus?

Der Anfang der faktischen, möglichen Offenbarung an Mohammed ist ja nicht schon Resultat, denn dann hätte es eine Missionierung nicht gebraucht, sondern enthält in sich den Begriff eines schlechthin Unvollständigen und Unselbstständigen, wie ein Grund nicht ohne Folge und eine Folge nicht ohne Grund sein kann. 2
Die fortgeführte Verwirklichung des in und durch Mohammed Angefangenen gehört offensichtlich zum Begriff der Offenbarung – wie im  Judentum oder Christentum. Vom Faktum her wird dessen Anfang erkennbar. Der Begriff des Anfangs ist Resultat eines faktisch durchgeführten Begreifens – das in sich aber objektiv abgeschlossen und theoretisch vollendet sein muss, nicht wie die hermeneutischen Existentialisten von heute sagen. Mit dem Anfang der Weitergabe der WORTE an Mohammed, in Summe und im Ganzen resultierend als Qur’an,
konnte aber offensichtlich die Offenbarung nicht vollendet gewesen sein, denn es wäre der Anfang selber gar nicht erkennbar gewesen und der Qur’an als solcher nicht lebbar.

Der Qur‘an, wenn ich die Sache jetzt richtig nachspreche?, rückte an die anfängliche Stelle des Propheten Mohammed und IST und repräsentiert jetzt die Offenbarung Gottes, wiederholend aber einen Anfang bei Mohammed. Er selbst ist dann aber eine ewige Wahrheit Gottes, zeitlich erschienen.
Mit dem zeitlichen Anfang bei Mohammed hat die Kontinuität des Qur’ans begonnen, welche folgende Kontinuität und Dauer, darauf will ich in meinem Blog besonders hinaus, das werthafte Kriterium an sich trägt, wie das dem Tun unterlegte bestimmte Telos (bestimmtes Bild, bestimmter Zweck) realisiert werden kann und was eigentlich Inhalt dieser Realisierung sein soll. Das Wie der zeitlichen Realisierung und Verwirklichung ist entscheidend, weil sich a) trotz kontingenter Existenz die Freiheit des Menschen bilden können muss und b) der Inhalt der Offenbarung offensichtlich einen höchsten Wert enthält, der unbedingt weitergegeben werden muss.

Der Begriff des Anfangs und der Begriff einer gültigen Dauer einer Offenbarung könnten als solche nicht gedacht werden, bewährten sich diese Begriffe (Anfang, Dauer) nicht.
Die Bewährung
weist aber wieder zurück auf die genetische Begründung, dass alle faktische Zeit und generell alle Faktizität Bild ist eines Verhältnisses des absolut Einen Grundes zu der aus ihm resultierenden Folge. 3
Deshalb gibt es ja die Behauptung einer ergangenen, begonnenen Offenbarung an Mohammed, weil das prius dieses Ausgangsgrundes (aus einem absoluten Grunde) behauptet wird, d. h. Faktum und Begriff eines absoluten faktischen Zeitanfangs (des Qur’ans
) gesetzt sind.

Dieser absolute Anfang faktischer Zeit kann von sich her keine faktische Zeit haben, sonst wäre er nicht Anfang, er ist vielmehr schon durchdrungen von einem kontinuitätsstiftenden Movens der Zeit, sonst würde er nicht zum Kontinuum des Zeitgeschehens gehören. Als Anfang faktischer Zeitgenesis, und darauf will ich mit meinem Blog hinaus, ist er nicht schon Resultat aus dieser faktischen Genesis; in ihm beginnt erst das Erzeugen von Faktizität, d.h. die appositionelle Reihe einer zeitlichen Bewährung des anfänglich Geoffenbarten, sei es zeitlich anfänglich bei Mohammed, oder anfänglich als herabgekommener, gestifteter Qur’an.

Es beginnt mit der faktischen Zeit unumgänglich und notwendig das Bilden und Nach-Bilden einer zeitlich begonnen, aber selbst unzeitlich vorliegenden Offenbarung. Ich setze dabei notwendig aus einem pertinenten Bestimmungsgrund kommend in zeitlichen Schritten die Geschichte zusammen. (Deshalb ist eine ewige Wiederkehr nicht denkbar – siehe meinen Blog zu Nietzsche).

Versuche ich jetzt, ziemlich schwierig und holprig!, den Qur’an, zu lesen, so finde ich darin zahlreiche Stimmen und Gestalten, finde Zitate aus der Hl. Schrift der Juden und Christen, finde eigentümliche Interpretationen der Person JESU, der Jungfrau Maria u. a. m.. Welche Hermeneutik ist jetzt richtig?  Der Qur‘an erscheint mir teilweise wie  ein Plagiat und eine Zusammensetzung vieler Quellen – und die spätere islamischen Nachfolgeschriften und Biographien zum Propheten sind wiederum komparativ, zusammengestellte  Vergleichsstücke.  So rückt z. B. der Qur‘an  auf zu einem ungeschaffenen Werkzeug der Schöpfung Gottes, was aber originäre  jüdische und christliche Anschauung ist. Es müsse a) ein Urbuch bei Gott präexistierend geben; 4 b) einzelne Auszüge aus dieser Urschrift wurden dem Propheten herabgesandt ; c) Mohammed hat sie dann öffentlich verkündet; d) der Inhalt und sogar die verschriftlichte Form ist notwendig; e) die kultische Rezitation ist wichtig. 5

Die Wirkungsgeschichte, zwar mir nicht so geläufig und bekannt, aber immerhin unbewusst auf mich wirkend, tut das Übrige. Kann und darf ich den Inhalt wörtlich nehmen?  

2) Inzwischen hat auch für den Qur‘an eine historische Kritik eingesetzt, eine Text und Quellen-, Literar- und Redaktionskritik – und die Aussagen können teilweise hermeneutisch aus dem Verständnis der damaligen Zeit verstanden werden. Aber nur teilweise, denn letztlich müssen über den historisch-kritischen Vergleichen transzendentalkritische, allgemeine Vernunftgründe den Wahrheitsgehalt einer Aussage prüfen können. (Zum Verhältnis von Transzendentalphilosophie und Hermeneutik – siehe Exkurs – 13. 12. 2020

Die text- und quellenkritische Analyse des Korans, die Herkunft der Texte, die historisch-kritischen Forschungen, die hermeneutischen Verstehenshilfen, darauf kann ich nur verweisen. Sie die diversen Lexikas. Mir soll es hier nur um die prinzipiellen Vernunft- und Kommunikationsbedingungen gehen, deren sich Wissenschaft entziehen kann, keine Theologie oder Philosophie, auch keine Offenbarungsreligion.

Die prinzipiellen Wissensbedingungen gelten von allen für alle zu jeder Zeit – und gleich ob der Qur‘an auf arabisch oder auf deutsch geoffenbart worden ist, wenn er nur irgendwie verständlich geoffenbart worden ist, muss er auch geprüft werden können.

Die Frage der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung der Wahrheit ist das Maß aller Bemessungen – und diese Frage liegt in der Vernunft selbst, unabhängig von geographischen oder zeitlichen und hermeneutischen Bedingungen.

3) Ein gesprochenes oder geschriebenes Wort ist per se nicht rein ungeschaffen, sondern zuerst ein „körperhaftes“ Mittel, ein Zeichen, das vermittelt wird, rezipiert von außen an die Ohren, rezipiert vom  Verstand – und als solches Zeichen immer alles zusammen: Es kann ein Wort Gottes an die Menschen enthalten, kann also ungeschaffen sein, es ist ferner der Natur des Menschen angeboren, und es ist ein zufällig entstandenes, gebildetes Zweichen. (Siehe Blog zur Sprachentstehung – 2. Teil)

Jetzt soll also  das zeitlose, vom Himmel gesandte, göttliche Wort des Qur‘an, dessen Vermittler und Prophet Mohammed geworden ist, wahr sein und gelten. Der Prophet tritt als Mittler hinter dieser Quelle zurück, denn der Endzweck der wahren Gottesverehrung und des Ein-Gott-Glaubens ist im Buch grundgelegt: das gehorsame Hören auf Gottes Wort – und weitere Verwirklichungen eines Zweckes, die mir, wie schon gesagt, aber nicht so deutlich bekannt sind.

Da aber umgekehrt ein vom Himmel gesandtes WORT doch einen zeitlichen Anfang hat, muss ich nolens volens doch wieder auf den Offenbarungsträger und Offenbarungsvermittler rekurriert werden. Der Prophet hat ja zuerst den Qur‘an vernommen und wie die Folge aus dem Grund die höchste Anspruchsgeltung erhoben, hat Missionierung und Ausbreitung gepredigt und sie  mit militärischer und repressiver Gewalt, mit Geschenken und patriarchalen Versprechungen, durchgesetzt. Dieses Gewaltsame in der Missionierungsgeschichte kann wohl nicht geleugnet werden!
Wie konnte er diese gewaltsame Missionierung und Verkündigung legitimieren? Die Behauptung, der Qur‘an
fordert das, oder gar, der Allerhöchste, ist noch keine Legitimation. Es könnte dahinter ein sehr eigensinniger, imperialer, subjektiver Wille stecken.

Meine Sicht: Ein implikativer Begründungsanspruch einer erfahrenen Offenbarung Gottes muss sich in zeitlicher und geschichtlicher Faktizität, in einem wahrhaften Bildsein, bewähren können. Ich nenne diese zeitliche Konkretion und Synthese von Begriffen, die eine göttliche Wahrheit verkünden und in eine zeitlichen Realisierung und in ein sittlichen Telos überführen, eine appositionelle Ordnung. Im reflektierenden Denken und in evidenten Begriffen des Sinns und der Geschichte expliziert sich nach und nach das Wahrsein einer Offenbarung (oder nicht).

Eine nur implikative Begründung von Worten, Weisungen, Aufforderungen, Mahnungen, Drohungen, anscheinend aus dem Willen Gottes heraus abgeleitet, ist nicht möglich, wenn nicht ein Mindestmaß an Freiheit und freier Mitkonstitution von Seiten des Menschen idealiter möglich ist.  

4) Generell ist die Frage des Nachvollziehung und des Verstehens des geoffenbarten Wortes (kalimah Allah) als „Herabsendung des Herrn der Welten“ (Sure 26, 192), durch den Engel Gabriel (Jibril), dem Mohammed geoffenbart, bereits eine äußert schwierige Frage, rein textkritisch: denn es finden sich viele Sprecher im Koran: die Stimme Gottes, die Stimme Mohammeds, die Stimmen der Gegner, die Stimmen von Noah, von Abraham, von Mose, von Jesus, von Engeln, von Dämonen, Frevlern, Zweiflern, Geretteten, Verdammten. Sie alle steuern etwas zum Offenbarungstext, der dann zu rezitieren und zu befolgen ist. Aber wie wahr sind sie nehmen und welchen Stellenwert nehmen sie untereinander ein?

Kann der Begriff der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert werden, d. h. kann Freiheit in einer religiösen Aussage nicht erkannt werden, ist  der Weg zu einer autoritären Religion und zu einem dunklen Gottesbegriff eingeschlagen.

Ob Gott sich dem Mohammed, schriftlich fixiert dann im Qur‘an, konkret geoffenbart hat, kann vernunftkritisch nicht für unmöglich erklärt werden, wenn das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen Gesetzen des vernünftigen und moralischen Denkens und der menschlichen Freiheit kompatibel ist.

Nur faktisch und dogmatisch aber zu behaupten, dieses oder jenes Wort des Korans sei von Gott geoffenbart und deshalb wahr, ist noch kein Beweis. Das ist nur ein Autoritätsbeweis und dringender Ideologieverdacht und Skepsis sind angebracht. 

Es muss die Evidenzmöglichkeit einer absolut sich selbst begründenden Wahrheit  zuerst a) für den Offenbarungsträger selbst und b) für den hörbereiten, gläubigen Hörer/Leser jederzeit nachvollziehbar sein.

5) Den Erkenntnis- und Verantwortungsprozess des Menschen so rational wie möglich zu gestalten, das ist der Zweck der Philosophie. Dazu legt sie ein apriorisches Verstehensmuster bereit, zumindest in der transzendentalphilosophischen Tradition. Das apriorische Verstehensmuster ersetzt nicht das Konkrete und Historische einer sinnlichen oder historischen Erfahrung, aber beides muss aus höheren Vernunftgründen zusammen bestehen können.

Jede Aussage macht einen impliziten Wahrheitsbezug, sonst wäre sie nicht möglich. Eine Aussage konstituiert sich aber nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich der Wahrheitsbezug und bewährt sich eine Aussage.

Nun handelt es sich in diesem Verhältnis zwischen ausgesagter Wahrheit (Offenbarung) Gottes und tlw. sogar  gewaltsam bewirkter Diktion als Koran, um einen solchen Wahrheitsbezug in der Art und Weise eines Kommunikations- und Interpersonalgeschehens. Nicht eine sinnliche Empfindung, ein bloßer Laut, sondern ein Aufruf, eine Anforderung und Aufforderung muss es gewesen sein, weil ja Mohammed mit Hinhören und Gebet geantwortet und es später als Wort diktiert hat. (Mohammed habe ich hier unter dem vielen Stimmengewirr der koranischen Sprecher bereits abstrahiert.) Es muss ein Minimum von Freiheit und Aufnahmebereitschaft  von Seiten Mohammeds vorausgesetzt werden, sonst wäre es zu gar keinem Hören und zu keinem Verstehen gekommen – und zu keiner späteren schriftlichen Fixierung.

Es finden sich jetzt an die Freiheit gerichtete, zustimmungsfähige Gehorsamsforderungen im Koran, aber auch eine große Zahl unmoralischer Forderungen. Wenn ein kleines Stück Freiheit der Rezeption und Apperzeption bei Mohammed aber vorausgesetzt werden muss, sonst wäre überhaupt kein Empfangen und Verstehen möglich gewesen – so muss ebenso für die späteren Hörer und Leser und Rezipienten des Korans ein Stück Freiheit bleiben. Welchen Sinn hat aber dann der Zwang zur Bekehrung?

Die erkenntnisfähige, transzendentale Basis müsste einmal klar sein: Es kann keine Intention Gottes geben, ohne dass diese nicht von Seiten des Menschen minimal wahrgenommen und wenigstens in einem minimalen Bereich mitkonstituiert und frei affirmiert wäre! Diese Mitkonstitution von Seiten individueller Vernunft setzt viele erkenntniskritische Akte voraus – im theoretischen wie praktischen Bereich des Bildens: Da wären einmal a) die grundsätzlichen Schematisierungen aller geistigen Gebilde in Raum und Zeit, die grundsätzlichen Vernunftbildungen, die apriorischen Begriffe, die Reflexionsformen und Handlungen des menschlichen Geistes, die wir durch Philosophie analysieren können.
Weiters kommen dann b) die materialen Gebilde der Sprache und Schrift hinzu. Die Worte und Suren des Korans sind geistigen Schematisierungen des damaligen Zeit- und Kulturraumes. Sie sind hermeneutisch-geschichtliche Darstellungen, die als solche von Mohammed und anderen Autoren und Rezipienten aufgegriffen und neu interpretiert wurden.

Alle theoretischen wie praktischen Akte des Bildens entspringen einem einzigen,  geistigen, epistemologischen Akt, durch den die Möglichkeit der Sprache und der Schrift in ihrem spezifischen Sinn und in ihrer spezifischen Schematisierungen, geschaffen und bestimmt werden. Die sprachlich-dichterischen und geschriebenen Gebilde und Mediatisierungen des Korans sind zweifellos auffällig, wenn es anscheinend in diesem Raum vorher wenig Literatur gab, doch ist deren Abhängigkeit von jüdischen und christlichen und anderen Quellen nicht zu verkennen. Es müssen überaus gebildete Autoren gewesen sein, die so ein originäres, wenn auch kompiliertes Buch des Korans verfasst haben. Aber kann das Medium Wort/Schrift allein die Botschaft sein? „The medium is the message“ (Marshall McLuhan) heißt es zwar kommunikationstheoretisch, aber das ist nicht reflexiv tief genug abgeleitet. Ein Medium qua solches kann keine genetische Evidenz bewirken.

6) Ich kann hier nur auf der prinzipiellen Vernunftebene bleiben: Das Erkennen und Bilden – wozu in letztem auch das geistige Schematisieren in Sprache und Schrift gehört – ist immer von praktisch-werthaften Konstitutionsakten mitbestimmt. Es wird im Erkennen  zweckmäßig und wertintentional gehandelt. Diese praktische Seite des Erkennens ist im betreffenden Fall sogar besonders ausschlaggebend, wie schon angerissen: Die mögliche Offenbarung Gottes ist ein fremd-intentionales, praktisches Wollen Gottes, ein absolutes Soll, eine selbstbegründende Instanz und Evidenz, die zu einer intentionalen Wirksamkeit führen will, und im schlimmsten Fall, zu interpersonaler Repression führen kann.

Das Verstehen und die Einsicht ist bedingt konditional durch Freiheit und Denken  – und kausal, real,  in der Zeit. Dies geschieht durch ein von mir angedeutetes, doppeltes Ordnungsschema, durch eine a) implikative Reihe von Grund und Folge und eine b) appositionelle Reihe des Nacheinanders, beides immer zugleich, wechselseitig.

Ad a) Wenn ich das Verhältnis abstrahiere auf das Verhältnis Gott/Mensch, so wird  im Wort oder Anruf Gottes der Grund einer erfahrenen Forderung („Sei ein Gläubiger….“) herausgehört und herausgelesen, und die Folge wird in die Freiheit des Menschen gesetzt, dieses Wort zu hören und zu befolgen. Die Begründung und Rechtfertigung muss idealiter eingesehen werden – und diese Logosfähigkeit gestehe ich jedem Vernunftwesen zu. Die Begründung- und Rechtfertigung muss aber auch b) realiter eingesehen und vollzogen werden, d. h. zeitlich und geschichtlich, individuell und in konkreter Anwendung, d. h. primär interpersonal.

Die implikativ begründeten Auditionen und Offenbarungen müssen in lebendiger Gegenwart erinnert und in eine projektive, zukünftige Erfüllung hinein verstanden und realisiert  werden können. Es folgt notwendig, weil wir unser Wissen nur reflexiv entfalten können, diese appositionelle Ordnung von Erinnerung (Vergangenheit), Gegenwart und Zukunft, von Sinn und Geschichte, wenn der absolute Bestimmungsgrund individuell und interpersonal verstanden werden will. 

7) Mein christlicher Hintergrund ist natürlich bekannt, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob alle Christen diese Notwendigkeit einer zeitlichen Realisierung und einer konkreten Anwendung und Fortführung des Offenbarungsanspruches sehen: In der Hl. Schrift des NEUEN TESTAMENTES zeigt sich das z. B. so, dass JESUS  einerseits a) direkt, implikativ, aus einer göttlichen Grund-Folge Ordnung kommend, als reinstes Bild Gottes, idealiter, als Person, mit höchstem Anspruch spricht und auftritt – als Menschensohn, „Messias“, „Sohn“, „Prophet“ – , zugleich aber  b) realiter seine Worte beweist und sich selbst in die Nachfolge- und Verstandesordnung einer bereits ergangenen, hermeneutisch geläufigen Offenbarungsreihe einreiht und zugleich auf das Kommende des HEILIGEN GEISTES verweist, also eine appositionelle Reihe eröffnet und projektiv (virtuell) für alle späteren Generationen eine eigenständige Nachvollziehbarkeit und Freiheit eröffnet.

M. a. W.: JESUS realisiert in  Identität  zu seiner geistlichen Abstammung eine geschichtliche und interpersonale Reihe im originären Sinne, dass seine Botschaft individuell und universell und in einem geistlichen Sinne der Gemeinschaft in seinem LEIB jetzt verstanden und weitergegeben werden kann. Als schlechter Christ darf ich mich nicht nur auf eine implikative Grund-Folge-Ordnung seiner Worte berufen, das natürlich auch, sondern bin selber herausgefordert, die Applikation und Konkretion der eingesehenen Offenbarung stets neu zu durchdenken und zu übersetzen und zu realisieren.

Ich erkenne und sehe das am Offenbarungsträger JESUS selbst: Er zitiert und rezitiert die Hl. Schrift, beruft sich auf andere Propheten vor ihm, erinnert dieses und jenes der Vergangenheit, beweist die Worte durch Taten – und zugleich eröffnet er für die JüngerInnen eine unendliche  Zukunft „bis zum Ende der Welt“, weil sich nur so seine positiven Offenbarung Gottes  bewähren und beweisen kann.

Nur durch dieses Ineinander einer implikativen Grund-Folge-Ordnung (unmittelbar von Gott gesandt) und einer zugleich statthabenden, appositionellen Ordnung in Zeit und Geschichte (in geistiger, sakramentaler Anwesenheit) ist die Möglichkeit einzusehen,  von einer mehr als personalen Manifestation, also von einer göttlichen Manifestation, zu reden und sie im individuellen wie universellen Vernunftvollzug in Zeit und Geschichte hinein zu realisieren.  Der Evidenzgrund der implikativen Gottesoffenbarung geht von sich her über in die Begründungs- und Bewährungsform einer appositionellen Reihe – weil jedes Vernunftwesen diese doppelte Reflexion ist und nur im Zusammenspiel von apriorischer und positiver Offenbarung das geforderte Bildsein seiner selbst erreichen kann.

Unser endlicher Verstand reicht für eine allein implikativ begründete, absolute Gotteserscheinung nicht hin. Er bedarf der zeitlichen Begründung und Evidenzsicherung des absoluten Bestimmungsgrundes durch eigenständiges Intelligieren und Nachvollziehen des Evidierten, mithin der zeitlichen Realisierung und der reflexiven Bezugnahme auf konkrete, historische  Vor-Bilder und auf ein Ur-Bild der Erscheinung Gottes schlechthin.

Es ist auch gar nicht so denkbar, oder ist gar nicht gefordert, dass nur individuell der endliche Verstand den Endzweck der Gottesoffenbarung erreichen soll, sondern in einem Endzweck einer realisierten Interpersonalität und im Wesen der Liebe findet der einzelne Mensch sein Wesen bzw. das Wesen Gottes.
Die zeitliche Realisierung eines absoluten, pertinenten
Bestimmungsgrundes kennt eine eindeutige Richtung und einen materialen Inhalt: Den Zweckbegriff sittlicher Interpersonalität von Ich und Du und Wir innerhalb der göttlichen, dreifaltigen Liebe.

7) Wenn ich das richtig verstanden haben: Der Grund der hervortretenden, erscheinenden Manifestation Gottes in einem geoffenbarten Wort des Qur‘ans wird implikativ notwendig gedacht und behauptet, d. h. auf Gott zurückgeführt. Das verstehe ich formal als Begründung. Das würde ich akzeptieren, das geschieht bei allen Propheten der Hl. Schrift (der Juden und Christen) ähnlich. Aber  müsste diese Manifestation nicht zugleich eine  appositionelle Reihe der Erkennbarkeit und Realisierung eröffnen, worin sich diese Manifestation und Offenbarung Gottes vom Prinzip her, wechselseitig mit der implikativen Begründung gesehen, bewähren kann?6

Kann MOHAMMED absolut gewiss und mit sich eins gewesen sein, wenn er sagt, dass er ein göttliches Wort empfangen hat, wenn der Zweckbegriff dieser Eingebung nicht mit Freiheit nachvollzogen werden konnte, sondern nur mit Zwang befohlen und durchgesetzt werden musste, wie die Biographie seiner Feldzüge besagt?

Müsste er, wenigstens nachträglich, nach seinen siegreichen und auch verlorenen Schlachten, nicht an dieser oder jener für echt und gültig gehaltenen Eingebung und Offenbarung gezweifelt haben?

8) Die Vernunft besteht in einer Zweiheit der Reflexion, der Objektivierung und des auf sich Zurückkommens, der geschichtlichen Erinnerung und der projektiven Zukunft – es kann nicht sein, dass eine göttliche Wahrheit der vernünftigen Projektion von Sittengesetz und Freiheit widerspräche oder umgekehrt, dass die aus Vernunftgründen deduzierte sittliche Ordnung einer positiven Offenbarung widerspräche.

Wird behauptet, wie die späteren Hadithe und die ganze Verklärungsgeschichte des Propheten ja beschreiben, dass MOHAMMED keine weiteres Kriterium der Evidenz und Gewissheit hatte als seine bloße individuelle Wahrnehmung und Eingebung? Beruht nicht jede Wahrnehmung – auch des Propheten Wahrnehmung – auf einem viel größeren Ganzen des Vernunftgeschehens? Musste er selbst sozusagen blind auf die Evidenz seiner Eingebungen und Erfahrungen vertrauen? Konnte er die nachfolgende Ausbreitung des Islams vor dem Gewissen verantworten, wenn er sie selbst oder seine Freunde, nur mit Gewalt und militärischen Mitteln durchsetzen konnte? Und ist diese Endzweck für sich genug, dass alle zum Islam bekehrt werden sollen, um dann formell zur „Umma“ zu gehören?

Alle offenbarungsmäßige und religiöse Durchdringungen des Lebens erhält ihren Wert ja erst durch diese doppelte Bezogenheit: Rückbezug auf einen implikativen, absoluten Bestimmungsgrund einerseits, andererseits Vorgriff, Begriff überhaupt, Zweckbegriff einer Realisierung von Wahrheit und Barmherzigkeit in Zeit und Geschichte. Dieser Zweckbegriff muss eine Begründung sein, die sich selbst rechtfertigt in seiner Werthaftigkeit und Heiligkeit, ein durch sich selbst bestimmter Wille, der nicht wankend und schwankend sich einmal so und wieder anders offenbart.

Eine Offenbarung Gottes empfangen zu haben, kann jeder behaupten. Kann sie auch bewährt werden? Unter „bewähren“ verstehe ich bei weitem nicht nur eine moralische Rechtfertigung, sondern eine umfassende Bewährung und Bildung des Menschen in jeder Hinsicht, eine individuelle wie universelle (interpersonale) Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung in Freiheit und Liebe.

9) Die von Gott an MOHAMMED   angetragenen Intentionen seien keine bloß sinnlichen Empfindungen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen gewesen – wie A. M. Karimi sagt. Der Koran ist eben deshalb ein „ästhetisches Ereignis“, ein „ existentielles Erzittern“ ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271.

Das halte ich alles für möglich – und wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, aber was ist unter Ästhetik und einem Erlebnis dann gemeint? Wird die Bedeutung eines lautmalerischen Zeichens, die Bedeutung einer sprachlichen Sequenz, die Schönheit eines Versmaßes, durch eine bloße Wiederholung wahr? Ein Vers, eine Satzmelodie erhält nicht durch sich selbst seine/ihre Schönheit und  Bedeutung, sondern erst durch den (die), der (die) weiß, wofür das Zeichen steht und was es bezeichnet. Gibt es eine epistemologische Begründung von Schönheit und Wahrheit (einer religiösen Offenbarung) ohne Begriff eines die Schönheit und Wahrheit  wissenden Wissens, ohne appositionelle und reflexive Realisierung, ohne Bildlichkeit, worin Wahrnehmung, Gefühl, Ästhetik erst einen Sinn bekommen?

Die Wahrheitsfrage muss für den Koran –   wie für die Bibel, für jede Religion, für jede Wissenschaft – gestellt werden dürfen, sonst ist ein Gespräch nicht mehr möglich – und diese Wahrheit muss rational dargestellt werden, sonst ist sie per se undenkbar und keine Wahrheit. Ist das wahr, was erzählt wird, d. h. kann es auf seine Bedingungen der Wissbarkeit reflektiert werden, und soll es so sein, wie es erzählt wird?

7. 10. 2017 © Franz Strasser
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1Laut eines Biographen des Mohammed sei der Prophet vom Engel Gabriel dreimal gewürgt und gezwungen worden – siehe diverse Literatur in islamischen Quellen.

2Zur Formulierung eines transzendentalen Anfangs und generell einer transzendentalen Zeitbestimmung siehe J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Würzburg 1988, 276 – 286.

3Vgl. J. Widmann, ebd. S 280.

4 So nach ThpQ, Artikel von Franz Schupp, Linz, 2014. 

5Vgl. Andreas Renz, Der Mensch unter dem Anspruch Gottes. Offenbarungsverständnis und Gottesbild des Islam im Urteil gegenwärtiger christlicher Theologie (Christentum und Islam. Anthropologische Grundlagen und Entwicklungen, Bd. 1, hg. von Marianne Heimbach-Steins und Rotraud Wielandt), Ergon Verlag, Würzburg 2002, 608 Seiten.

6Eine nur moralische Beweislast den drei monotheistischen Religionen zuzusprechen, wie sich ein Lessing mit dem „Nathan, der Weise“ philosophisch aus der Affäre gezogen hat, ist billig und geht am Begriff der Offenbarung vorbei.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser