Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

1) Nehmen wir an, dass Mohammed tatsächlich Worte (Weisungen) Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben – jemandem diktierte, damit sie im Koran als Worte Gottes festgehalten würden. Diese Worte Gottes sollen mehr als interpersonale, sollen göttliche Manifestationen gewesen sein. Für einen unbefangenen Leser fällt aber unbestreitbar auf, dass diese Worte sehr unterschiedlich ausgefallen sind: Von intimen und durchaus moralischen Aufforderungen bis hin zu kriegerischen und unmoralischen Aufforderungen ist alles zu finden.

Die moralischen Aufforderungen müssten jetzt herausgesucht werden – worunter ich hauptsächlich diese ganze Position des Ein-Gott-Glaubens gegenüber der heidnischen Umwelt und ihrer Vielgötterwelt, die Abrahams-, Hagar-, und Ismaelgeschichten, die Aufforderung zur Hingabe und zum rechten Leben vor Gott verstehe, aber was tun mit den nicht zu leugnenden kriegerischen, patriarchalen, antisemitischen und antichristlichen und unmoralischen Forderungen? Was tun mit der Aufforderung zur Zwangsbekehrung, zum Töten, zur Kopfsteuer, zur Vielweiberei  u. a. m.?

Es braucht deshalb moralische Kriterien eines möglichen Offenbarungsbegriffes, wie er vernunftgemäß gedacht werden kann. Alle nicht-moralischen Äußerungen vertragen sich nicht mit der Freiheit des Menschen, geschweige mit dem Heiligen selbst.

Deshalb hier ein paar Anfragen und Versuch einer Kritik in dem Sinne, dass wenigstens die Bedingungen der Möglichkeit einer Offenbarung einsichtig sein müssen, wenn schon tatsächlich von einem Faktum der Offenbarung ausgegangen wird.

Dazu sind erkenntniskritische Reflexionen notwendig, wie die Philosophie sie uns bietet, was das Prinzipielle des Wissens betrifft.
Das Konkrete einer Offenbarung oder eine Manifestation Gottes kann philosophisch nicht abgeleitet werden. Da bleiben wir auf die Erfahrung (im weitesten Sinne des Wortes) angewiesen.

2) Nun glaube ich nicht, dass Mohammed aus purer Selbstsucht und purem Machtinteresse alles erfunden hat, was im Koran steht, aber einige „Offenbarungen“ und Forderungen widersprechen klar einem reinen, moralischen Gottesbegriff und der Freiheit des Menschen, mithin auch der Form der Erkenntnisbedingungen, sofern sie in ihrer ganzen Einheit gesehen werden – als theoretische und praktische und geschichtlich sich realisierende Erkenntnisbedingungen.
Dass Gott sich geoffenbart hat, widerspricht noch nicht dem Vernunftbegriff, aber die Prinzipien der Erkenntnis sind für alle Gebiete des Wissens, auch für die Religion, nicht zu dispensierende Regeln.

3) Jede Aussage setzt implizit einen Wahrheitsbezug, sonst wäre sie nicht möglich. Aber eine Aussage konstituiert sich nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich das Bilden einer bestimmten Aussagen und deren Bewährung.

Der äußeren Erscheinung nach handelt es sich um ein Kommunikationsgeschehen zwischen Gott und dem Propheten – analog zu einem Kommunikationsgeschehen zwischen Personen – mit dem Unterschied, dass als Grund der Worte und Forderungen die „Barmherzigkeit“ und die Heiligkeit und Einzigkeit Gottes angesetzt werden muss, deren Folge dann die gehörten und empfangenen Worte/Forderungen auf der Seite des Propheten ausmachen.

Das Kommunikationsgeschehen, abgesehen einmal davon, dass Mohammed dazu gezwungen werden musste, was ich als psychologische Reaktion verstehe, verlangt auf Seiten des Hörers sowohl a) ein reflexives Sich-Verstehen der Botschaft und b), da ja Mohammed das weitergeben will, ein intentionales Hingerichtetsein auf andere Personen.

Wie kann der Prophet die Evidenz und Rechtheit der Worte/Forderungen Gottes ausweisen? Wie beweist und bewährt er seine Aussagen?

Wenigstens in einem Minimum des Verstehens muss eine freie Rezeption von Seiten des Propheten selber wie von Seiten seiner Zuhörer vorausgesetzt werden, sonst käme es zu überhaupt keinem Verstehen und zu keinem Nachvollzug.
Aber wie ist einer bloß vermittelten Erkenntnis zu trauen? Wenn Mohammed auf die mediatisierten Formen der Sprache und Kultur seines Stammes und der ihn umgebenden Welt zurückgreifen musste, so sind das bereits sekundäre Wissensformen, die vom einzelnen Hörer auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft und hinterfragt werden konnten. 1

Offensichtlich sind auch seine „Offenbarungen“ kritisiert und verworfen worden, zumindest von einem Teil der Bevölkerung. Welches Mittel der Bewährung der Aussagen hatte dann der Prophet? Die Geschichtsschreibung um die Entstehung des Islam erzählt wohl unmissverständlich und ziemlich einhellig, dass machtpolitische und ökonomische und kriegerische Erfolge den Ausschlag gaben, um die Wahrheit des Islam und des „ungeschaffenen“ Korans zu beweisen. Gewinnt aber damit der göttliche Grund der in Folge gehörten Worte/Forderungen eine moralische Legitimation?

Widerspricht es nicht dem Begriff des Heiligen und seiner Barmherzigkeit, mit Gewalt sich durchzusetzen und nur mit Zwang und Druck der Wahrheit der Worte/Forderungen Gehör zu verschaffen? Wie konnte von Seiten des Menschen noch irgendwie eine freie Rezeption und eine freie Stellungnahme und freie Realisation der erschienen Offenbarung möglich sein, wenn keine alternative Realisierung von Freiheit und Rezeption erlaubt geblieben ist? Ein absolut patriarchales, von oben nach unten in einer Befehlskette verlaufendes, aufnehmendes Verstehen – das ist kein gegenseitiges Verstehen und freies Antworten mehr.

Eine nur implikative Begründung der Wahrheit als Wahrheit kann zu keiner sich bewährenden Antwort im Bilden des Menschen führen. Es bedarf eines Minimums von reflektierendem Verstand und intentionalem Verwiesensein auf andere Freiheit, um überhaupt das Wissen einer geoffenbarten Wahrheit zu erreichen und im Gehorsam antworten zu können. Diese vorauszusetzende Freiheit des Reflektierens und der Intention ist begründet im übergehenden Schweben der Einbildungskraft, wodurch es zu einer zweiten Ordnung, gleichrangig zur implikativen Grund-Folge-Ordnung kommt, zu einer Reihe von Setzungen nacheinander. Ich nenne sie appositionelle Ordnung.

Jedes Bilden einer Aussage nimmt implikativ Bezug auf Wahrheit, als bestimmte Aussage ist sie aber immer auch eine gebildete neue Setzung im Geiste, mithin eine appositionelle Reihe.

Wenn die Evidenz einer göttlichen Offenbarung im Hören des Propheten vorausgesetzt werden soll, so kann er a) sich selbst nur verstanden haben und ebenso b) seine damit angesprochenen Hörer, wenn er selbstständig frei in appositioneller Reihe der bestimmten Aussagen den Wahrheitsgehalt bewähren konnte bzw. die Hörer das nachvollziehen konnten. Das in den Aussagen gebildete Wort/Forderung verlangte von sich her eine Bewährung.

Waren die militärischen Erfolge für den Propheten und seinen Anhängern die Bewährung seiner Auditionen und empfangenen Forderungen? Der ganze Gesamtzweck der Gottesoffenbarung, die Sinnidee der empfangenen und im Koran niedergelegten Worte/Forderungen, welche Evidenz der Bewährung bleibt übrig? Die militärischen Erfolge können per se nicht als erschienener Gesamtzweck und als moralische Gottesoffenbarung angesehen werden, denn sie sind alles andere als selbstbegründend wahr und gut. Eine solche Sinnidee von Wahrheit und Gutsein kann aber alleiniges Merkmal der Gottesoffenbarung sein. Ein nur behaupteter Grund einer selbstevidenten Einsicht in das Wesen Gottes, wodurch der Prophet sich selbst verstehen konnte und in weiterer Folge intentional den anderen das mitteilen wollte, konnte für ihn ja selbst fraglich werden, wenn er keine anderen als militärische Mittel zur Bewährung fand. Er musste nolens volens auf erzwungene und gewaltsame „Beweise“ zurückgreifen, um die Wahrheit seiner empfangenen Botschaften zu bewähren?

Die implikative Zurückführung einer außergewöhnlichen Manifestation auf Gott ist die eine notwendige Seite – und ist von der Vernunft her möglich gesetzt. Ich will prinzipiell jedem Vernunftwesen diese apriorische Gottesoffenbarung zugestehen – aber die Bewährung und Rechtfertigung eines Wortes, einer Forderung, einer „Offenbarung“ harrt ebenso einer notwendigen appositionellen Bestätigung und muss sich zumindest in einem moralischen Gesamtzweck auf Zukunft hin öffnen können – das ist die andere Seite. Dass spätestens in den militärischen Kriegen (Siege und Niederlagen) Zweifel hätte aufkommen müssen – warum wird das so auffallend aus dem Koran ausgeblendet? (Zumindest nach meiner schwachen Kenntnis des so schwierig zu lesenden Buches.)

Wird die von Gott an Mohammed ergangene Forderung nach einem rechten Leben, wie dies m. E. wieder schön und gut im Koran zu lesen ist, in einer moralischen Form der Realisierung bewährt? Was heißt ein rechtes Leben, Glauben und Gehorchen? Das ist für jede Religion eine stets bleibende Herausforderung.

Ein implikativer Rückschluss der Reflexion auf einen absoluten Grund könnte eine Täuschung sein; zur Reflexion gehört auch eine intentionale, apponierende Reihe maßgeblicher Zeichen, die den Grund der angeblichen Evidenz auch für andere nachvollziehbar und einsehbar werden lässt. Wie könnte aber diese Evidenz erreicht werden, wenn, wie oben schon gesagt, keine freie Alternative der Annahme oder Verweigerung möglich wäre – und jetzt, nach den kurzen Andeutungen einer appositionellen Synthesis in jeder Erkenntnis, wie könnte ein Nach-Bilden und Nach-Vollziehen der ergangen Botschaft erreicht werden, wenn der Gesamtzweck gar nicht auf eine moralische, hoffnungsvolle, in einer großen Sinnidee endenden Zukunft hinausläuft? Zumindest für einen Teil der Zwangsbekehrten kann dieser Gesamtzweck und diese Sinnidee nie aufgeleuchtet haben.

M. a. W., wie könnte ein sich bewährendes Bilden von Gottes-, Menschen- und Welterkenntnis erreicht werden, wie es ja der Prophet in einem Geltungsgrund der empfangenen Worte/Forderungen beansprucht, wenn dieser Gesamtzweck der „Offenbarung“ gar nicht als reine, moralische Sinnidee herauskommt, als eine alles Suchen und Streben erfüllende Sinnidee und Vergebung der Sünde und des Bösen? Bleibt nur ein eudaimonistisches Glück im Garten des Paradieses?

Eine bewährende, universale und alle Lebensbereiche umfassende Sinnidee ist konstitutiv in unserem theoretisch-praktischen Streben und Bilden. Bieten die von Mohammed gehörten Worte/Weisungen/Forderungen eine endgültige Klarheit über diese Sinnidee? Soweit ich den Koran gelesen haben, gibt es nicht diese Sinnidee einer Wiedergutmachung des Leids, universale Vergebung, Genugtuung für alles erlittene Übel, die universale Auferstehung und das ewige Leben für alle Menschen. Wenn ja, so würde der implikativen Grund-Folge-Ordnung der empfangenen Worte/Forderungen Gottes eine appositionelle Reihe der Realisierungen dieser Sinnidee zumindest ansatzweise zeigen und eröffnen. (Gilt ebenfalls für jede Religion).

Führt z. B. die Rezitation des Korans zu einer Art interpersonaler, dauernder Beziehung des Menschen zu Gott und auch zu einer sich in Einigkeit und Eintracht verbindenden, positiven Freiheit anderen Personen gegenüber? Die von Gott an Mohammed angetragenen Intentionen seien, so ein Artikel kürzlich in der ThpQ Linz, keine bloß sinnlichen Empfindungen gewesen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen. Ja klar. Sie seien ein „ästhetische Ereignis“ gewesen, ein existentielles Erzittern. Irgendwie psychologisch ebenfalls zu verstehen, aber ist das genügend Evidenz und Intellektion der Offenbarung?2

Wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ebenfalls ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, und unter dem weiten Himmelszelt in der Wüste ein mystisches Erleben. Alles verständlich und nicht zu übersehen. Aber wie beweist sich eine ästhetische und psychologische und existentielle Erfahrung als eine göttliche Manifestation? Wenn eine so hohe Anspruchsgeltung damit verbunden werden soll, dass alle Menschen diesen Worten/Forderungen Glauben schenken müssen, muss ein vernunft-kritisches Hinterfragen und sich in der Wirklichkeit beweisendes Verfahren erlaubt sein. Die Wahrheitsfrage ist keine bloß ästhetische oder psychologische oder existentielle Erfahrung – die hat jeder Mensch, wenn er sich besinnt – die Wahrheitsfrage ist eine alles andere an Wert- und Sinnhaftigkeit übertreffende Erfahrung.

Die Wahrheitsfrage muss immer gestellt werden dürfen, ob es den Koran oder die Bibel betrifft Die Zeichen der Manifestation Gottes (als Hl. Schrift, als Koran) sind meditatisierter, existentiell erfahrener, lebendiger Willensaustausch, Vertrauen, Liebe, und daraus folgend ein Sich-Verstehen und Verstehen des anderen. Die Bewährung der Evidenz des Vertrauens und der Liebe, kann nur in einer appositionellen Reihe geschehen, d. h. untergliedert  in einer geschichtlichen Nachbildung dessen, was a) als Vorbild schon vorgegeben ist und b) als daraus entsprießender Gesamtzweck für die Zukunft erwächst.

Wenn das kriegerische Tun der Beweis sein soll einer adäquaten Interpretation des ergangenen Wortes, das Nachbild des vorausliegenden Vorbildes und einer heilvollen Zukunft, in welche unmoralisch Hermeneutik des Sich-Verstehens und der intentionalen Weitergabe geraten wir dann? Wir verwickeln uns in Machtansprüche und  selbstgemachte Widersprüche – und rechtfertigen das mit dem unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten, heiligen Willen?

 

7. 10. 2017 © Dr. Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

 

1 Gemäß einer Lektüre in der Theologisch-praktischen Quartalschrift Linz wird nach etwa 200 Jahren Tradition der Koran sogar als „ungeschaffen“ bezeichnet – siehe ebd., Franz Schupp, ThpQ, Linz, 2014 – sodass der Prophet einen ungeschaffenen Koran erhielt. Die Frage der Mediatisierung drängte offenbar die Korangelehrten zu einer gewagten These.

2 A. M. Karimi, ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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