Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

Nehmen wir an, dass Mohammed tatsächlich Offenbarungen Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben – jemanden diktierte, damit sie im Koran festgehalten würden. Diese Offenbarungen, mehr als fremdpersonale, göttliche Manifestationen, sind untereinander als solche stark verschieden: Von intimen und durchaus moralischen Aufforderungen bis hin zu kriegerischen und unmoralischen Aufforderungen .

Die moralischen Aufforderungen müssten jetzt herausgesucht werden – worunter ich hauptsächlich diese ganze Position des Ein-Gott-Glaubens gegenüber der heidnischen Umwelt und ihrer Vielgötterwelt, die Abrahams-, Hagar-, und Ismaelgeschichten u. a. m. verstehe, aber was tun mit den nicht zu leugnenden patriarchalen und unmoralischen Forderungen? Was tun mit der Aufforderung zur Zwangsbekehrung, zum Töten sogar, zur Kopfsteuer u. a. m.?

Es braucht moralische Kriterien eines möglichen Offenbarungsbegriffes, wie er vernunftgemäß gedacht werden kann. Deshalb hier meine Anfrage und mein Versuch einer Kritik in dem Sinne, dass die Bedingungen der Möglichkeit einer Offenbarung einsichtig sein müssen!

Generell ist die Frage der Stimme Gottes an Mohammed aber bereits eine äußert schwierige Frage, denn es finden sich viele Sprecher im Koran: die Stimme Gottes, die Stimme Mohammeds, die Stimmen der Gegner, von Noah, von Abraham, von Mose, von Jesus, von Engeln, von Dämonen, Frevler, Zweifler, Gerettete, Verdammte. Sie alle steuern etwas bei zum ganzen Offenbarungstext, der zu rezitieren ist. Wie der ursprünglich mündliche Text an Mohammed mit der Niederschrift im Koran zusammenhängt, und umgekehrt dann wieder ein Urbuch oder Urschrift zur sekundären Niederschrift existieren muss, das sind komplizierte Fragen, die sowohl auf den Koran zurückwirken, als auch auf die Hermeneutik der anderen Buchreligionen.
Die historisch-philologischen Bedingungen zu kennen überschreitet
meine Kompetenz. Aber man darf wohl auch die erkenntniskritischen und prinzipiellen Fragen zu einem Offenbarungsbegriff stellen, wie sie die Philosophie stellt. Wenn keine vernünftige Aussage über den Geltungsgrund einer Aussage oder eines Bezeichneten mehr möglich ist, bleiben nur mehr machtpolitische und autoritäre, gewalttätige und anti-liberale Behauptungen möglich. Bei der Feststellung der Mehrstimmigkeit des Korans und einer damit schon sehr komplizierten, ungeklärten Vermittlungsform stellt sich m. E. eminent die Anforderung, wenigstens auf der sekundären Ebene der Philosophie eine gemeinsame Basis der Verständigung zu finden, ehe überhaupt zu den Inhalten der geoffenbarten Religion übergegangen werden kann. Die von allen und für alle und zu allen Zeiten geltenden Erkenntnisbedingungen (Wissensbedingungen) können philosophisch herausgearbeitet werden, sodass wenigstens auf vernünftiger, „säkularer“  Basis eine gewisse gegenseitige Achtung und interpersonale Vermittlungsform von Geltungs- und Wahrheitsansprüchen eingefordert werden kann. Gewalt und Repression sind inkompatibel zu einer möglichen Gottesoffenbarung – und dürfen deshalb keinen Geltungs- und Machtanspruch erheben. In philosophischen Termini des Sinns (einer Wahrheits- und Geltungsaussage) ausgedrückt: Es widerspräche den Sinn eines Gottesbegriffes, wenn dieser unmoralische Forderungen enthielte. Die Wahrheitsfrage und damit zusammenhängend die Sinnfrage muss im Namen der Menschlichkeit dringend gestellt werden.

Philosophisch die Wahrheits- und Sinnfrage zu stellen, kommt der Frage gleich, das Prinzipielle unseres Erkennens, inklusiv des Handelns und Wollens, auf die Bedingung der Möglichkeit hin zu prüfen und darstellen zu können. Ich fürchte hier um keinen Sinn und Wert der Religion, weil religiöses und offenbarungsgestütztes Denken immer eine Form des Wissens bleiben wird, die Frage ist nur, ob die mit Offenbarungsanspruch auftretenden Religionen diese Bedingungen der Wissbarkeit erfüllen können. Wenn nicht, sind sie zumindest irrational – und neigen leider dann zu einer seltsamen Ambivalenz von Ohnmacht und psychologischem Allmachtsanspruch. Wir erkennen das in den bitterarmen Regionen der Erde (in islamischen Ländern, in Indien etc.), dass die Religion durch machthungrige Demagogen instrumentalisiert und für machtpolitische und terroristische Zwecke leicht missbraucht werden kann.

Nun glaube ich nicht, dass Mohammed aus purer Selbstsucht und purem Machtinteresse alles erfunden hat, was im Koran steht, aber viele sogenannte „Offenbarungen“ und Forderungen Gottes widersprechen dem reinen moralischen Gottesbegriff und der Form einer Mitteilung Gottes, sodass sie kritisch hinterfragt zu werden verdienen. Es mag im Islam wohl auch ein freies Gottesverhältnis des Glaubens, der Liebe, der Hingabe möglich sein, aber ohne selbstkritische Selektion der unmoralischen Textstellen im Koran bleibt ein unvereinbares Miteinander von Liebe einerseits, Gewalt und Repression andererseits.

Es müssen z. B. selbst für den angeblichen objektiven Bereich der Natur schon selektierende geistige Prozesse einfließen, um überhaupt darin etwas erkennen zu können, a fortiori fließen im gesellschaftlichen und religiösen Bereich der Wirklichkeit ausdrücklich praktische und sittliche (oder unsittliche) Willens- und Wertentscheidungen und geistige Prozesse ein, die eine Aussage als solche erst bilden. 
Kann der Begriff der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert werden, d. h. kann Freiheit in einer religiösen Aussage nicht erkannt werden, ist  der Weg zu einer autoritären Religion und zu einem dunklen Gottesbegriff eingeschlagen. Eine autoritäre Religion bedarf dann dringend einer Reinigung und Aufklärung. (Das gilt selbstverständlich für alle Religionen, nicht nur für den Islam.)

Ob Gott sich dem Mohammed, schriftlich fixiert dann im Koran, konkret geoffenbart hat, kann vernunftkritisch nicht für unmöglich erklärt werden, wenn das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen Gesetzen des vernünftigen Denkens und der menschlichen Freiheit kompatibel ist. Dass Gott sich geoffenbart hat, ist denkbar möglich, wie er sich geoffenbart hat, dafür muss es aber Kriterien geben wegen der Bedingungen der Einsichtsfähigkeit und der daraus folgenden sittlich-praktischen Freiheit.  

Nur faktisch und dogmatisch zu behaupten, dieses oder jenes Wort des Korans sei von Gott geoffenbart und deshalb wahr, ist noch kein Beweis. Das ist nur ein Autoritätsbeweis und dringender Ideologieverdacht und Skepsis ist angebracht. 

Es muss die Evidenzmöglichkeit einer absolut sich selbst begründenden Wahrheit  zuerst a) für den Offenbarungsträger selbst und b) für den hörbereiten, gläubigen Hörer/Leser nachvollziehbar sein.

Den Erkenntnis- und Verantwortungsprozess des Menschen so rational wie möglich zu gestalten, das ist der Zweck der Philosophie. Dazu legt sie ein apriorisches Verstehensmuster bereit, zumindest in der transzendentalphilosophischen Tradition. Das apriorische Verstehensmuster ersetzt nicht das Konkrete und Historische einer sinnlichen oder gesellschaftlichen Erfahrung, d. h. ersetzt auch nicht das Konkrete einer religiösen Erfahrung. Nur beides zusammen, apriorische Verunfterkenntnis und positive Offenbarung, ergeben eine den philosophischen Ansprüchen genügende Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeit. Philosophie und Religion entstammen in ihrer Erkenntnis einem genus des Erkennens und Handelns, einem Wissensakt, nur in verschiedener Hinsicht dann entfaltet.

1) Jede Aussage macht einen impliziten Wahrheitsbezug, sonst wäre sie nicht möglich. Eine Aussage konstituiert sich aber nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich der Wahrheitsbezug und bewährt sich eine Aussage.

2) Nun handelt es sich in diesem Verhältnis zwischen ausgesagter Wahrheit Gottes und behaupteter, tlw. sogar  gewaltsam bewirkter Diktion als Koran1, um einen solchen Wahrheitsbezug in der Art und Weise eines Kommunikations- bzw. Interpersonalgeschehens. Nicht eine sinnliche Empfindung, ein bloßer Laut, sondern ein Aufruf, eine Anforderung und Aufforderung muss es gewesen sein, weil ja Mohammed mit Hinhören und Gebet geantwortet und es später als Wort diktiert hat. (Mohammed habe ich hier unter dem vielen Stimmengewirr der koranischen Sprecher bereits abstrahiert.) Es muss ein Minimum von Freiheit und Aufnahmebereitschaft  von Seiten Mohammeds vorausgesetzt werden, sonst wäre es zu gar keinem Hören und zu keinem Verstehen gekommen – und zu keiner späteren schriftlichen Fixierung. (Gemäß einer Lektüre in der Theologisch-praktischen Quartalschrift Linz wird etwa  200 Jahre nach Niederschrift des Korans der Koran sogar als „ungeschaffen“ bezeichnet – siehe ebd. Franz Schupp, ThpQ, Linz, 2014.  Wie das zu verstehen ist, weiß ich nicht. Dies scheint mir äußerst problematisch, wenn das Medium als Medium – der Koran bleibt ja ein solches, oder? – selbst zum Prinzip einer Offenbarung und einer genetischen Erkenntnis hochstilisiert wird!) 

Es finden sich jetzt an die Freiheit gerichtete, frei zustimmungsfähige, Gehorsamsforderungen im Koran, aber auch eine große Zahl unmoralischer Forderungen. Wenn ein kleines Stück Freiheit der Rezeption und Apperzeption bei Mohammed aber vorausgesetzt werden muss, sonst wäre überhaupt kein Empfangen und Verstehen möglich gewesen – und ebenso für die späteren Hörer/Leser und Rezipienten des Korans ein Stück Freiheit bleiben muss – welchen Sinn hat dieses Konvolut und diese Mischung von moralischen und unmoralischen Forderungen? Die erkenntnismäßige, transzendentale Basis müsste einmal klar sein: Es kann keine fertige Intention Gottes geben, ohne dass diese nicht von Seiten des Menschen minimal wahrgenommen und wenigstens in einem minimalen Bereich mitkonstituiert wäre!

3) Diese Mitkonstitution von Seiten individueller Vernunft setzt viele erkenntniskritische Akte voraus – im theoretischen wie praktischen Bereich des Bildens: Da wären einmal a) die grundsätzlichen Schematisierungen aller geistigen Gebilde in Raum und Zeit, die grundsätzlichen Vernunftbildungen und Handlungen des menschlichen Geistes, die wir durch Philosophie „historiographisch“ (FICHTE) nachzeichnen können.
Weiters kommen dann b) die materialen Gebilde der Sprache und Schrift hinzu.
Die Worte und Suren des Korans sind geistigen Schematisierungen des damaligen Zeit- und Kulturraumes. Sie sind hermeneutisch-geschichtliche Erfahrungen, die als solche von Mohammed und anderen Autoren und Rezipienten aufgegriffen und neu interpretiert wurden. (Es gibt ja schon zahlreiche historisch-kritische Untersuchungen  zum Koran, Vers für Vers, wie geschichtlich abhängig einzelne Koranworte sind, wie sie Bezug nehmen auf die Bibel u. a. Quellen.)  

Es bedarf ferner c) spontaner Anschauungs- und Vernunftformen,  damit das Prinzipielle der Erfahrung ermöglicht werde, wie wir sie jedem Vernunftwesen zuerkennen, darüber hinaus d) folgt die reflexive Fixierung in grundsätzlichen Verstandesbegriffen wie Substantialität und Akzidentialität (Gott ist alles, die Welt ist Teil von ihm u. a. ähnliche Aussagen), die Verwendung der Reflexion der Kausalität (die Welt ist durch Gott  erschaffen), die Reflexion der Wechselwirkung (Freiheit und Gegensatz) etc. Es folgen die Reflexionsbegriffe von Zweckgerichtetheit in der Natur und in der Moral. Es braucht ferner die kategoriale Bedingungen der Modalität (was ist möglich, wirklich, notwendig). Erst die „synthetischen Urteile a priori“  erzeugen die sinnliche und intelligible Erkenntnis.
Schlussendlich e) entspringen alle theoretischen wie praktischen Akte des Bildens einem einzigen,  geistigen, epistemologischen Akt, durch den die Teilbestimmungen wie z. B. die Möglichkeit der Sprache und der Schrift in ihrem spezifischen Sinn und in ihrer spezifischen Schematisierungen, ermöglicht und bestimmt werden. Die sprachlich-dichterischen und geschriebenen Gebilden und Mediatisierungen des Korans sind zweifellos auffällig, wenn es anscheinend in diesem Raum vorher wenig Literatur gab, doch ist deren Abhängigkeit von jüdischen und christlichen Quellen nicht zu verkennen. Es müssen überaus gebildete Autoren gewesen sein, die so ein, wenn auch kompiliertes, Buch des Korans verfasst haben. 

Ich kann hier nur auf der prinzipiellen Vernunftebene bleiben: Das Erkennen und Bilden – wozu in letztem auch das geistige Schematisieren in Sprache und Schrift gehört – ist immer von praktischen Konstitutions- und werthaften Akten mitbestimmt. Es wird im Erkennen  zweckmäßig und wertintentional gehandelt. Diese praktische Seite des Erkennens ist im betreffenden Fall sogar besonders ausschlaggebend: Die mögliche Offenbarung Gottes ist ja ein fremd-intentionales, praktisches Wollen Gottes, ein in seiner göttlichen Wahrheit nicht zu hinterfragendes, absolutes Soll, eine selbstbegründende Instanz und Evidenz – die zu einer intentionalen Wirksamkeit führen will – und im schlimmsten Fall, zu interpersonaler Repression führen kann. 

Die Realisierung von Freiheit in einem Kommunikations- und Interpersonalverhältnis setzt m. E. folgende Struktur voraus: formal die Anerkennung anderer Intention und anderer Freiheit, material, einen Aufruf, eine Aufforderung, das eigene Streben mit anderem Streben sittlich-praktisch zu vereinigen und so zu einem von sich her sich zeigenden gemeinschaftlichen Sinn der Liebe und des Verstehens zu kommen. 

Das Verstehen einer Aufforderung, sei es im menschlichen Bereich, oder im Verhältnis des EINEN zum Menschen, ist eine wesentlich sittlich-praktische Vermittlung, die durch die spontanen wie  willkürlich freien Vorstellungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft geschaffen wird.  Der Wissensakt eines sittlich-praktischen Verhältnisses erzeugt notwendig Mediatisierungen von Zeichen – worunter die Sprache und Schrift wohl die stärksten Mediatisierungen sind -, damit individuelle  wie interpersonale Freiheit im Konnex möglich werden. Das bedingt aber jetzt ein doppeltes Ordnungsschema.

Eine a) implikative Reihe von Grund und Folge und eine b) appositionelle Reihe des Nacheinanders, beides zugleich.

Ad a) Wenn ich das Verhältnis hier abstrahiere auf das Verhältnis Gott/Mensch, so wird  im Wort oder Anruf Gottes der Grund einer erfahrenen Forderung („Sei ein Gläubiger….“) herausgehört und herausgelesen, und die Folge wird in die Freiheit des Menschen gesetzt, dieses Wort zu hören und zu befolgen. Zugleich aber – ad b) da dieser absolute Bestimmungsgrund des Wortes Gottes/des EINEN im intentionalen Gleichklang mitkonstituiert und rezipiert werden soll, mithin realisiert,  folgt das  Nacheinander einer geregelten, zeitlichen Reihe, in der die Audition und Offenbarung in lebendiger Gegenwart erinnert und in eine projektive, zukünftige Erfüllung hinein verstanden wird. Es folgt notwendig, weil wir unser Wissen nur reflexiv entfalten können, eine  appositionellen Ordnung von Erinnerung, Gegenwart und Zukunft, wenn der absolute Bestimmungsgrund individuell und interpersonal verstanden werden soll. 

4) In der Hl. Schrift des NEUEN TESTAMENTES zeigt sich das z. B. so, dass JESUS  zwar implikativ, aus einer göttlichen Grund-Folge Ordnung mit höchstem Anspruch auftritt, als direkt von Gott Gesandter (Menschensohn, „Messias“, „Sohn“, „Prophet“), zugleich aber sich selbst in die Nachfolge- und Verstandesordnung einer bereits ergangenen, hermeneutisch geläufigen Offenbarungsreihe einreiht und zugleich auf das Kommende des HEILIGEN GEISTES verweist, also eine appositionelle Reihe eröffnet und projektiv (virtuell) erfüllt.  Er beruft sich auf einen absoluten Bestimmungsgrund, den er aber zeitlich selbst realisiert und zeitlich durch den HL. GEIST realisiert sein lässt.  Er zitiert die Hl. Schrift, beruft sich auf andere „Propheten“, erinnert dieses und jenes der Vergangenheit, beweist die Worte durch Taten – und baut zugleich für die Zukunft vor, indem er JüngerInnen beruft, diese seine Sendung fortzusetzen in eine unendliche  Zukunft hinein „bis zum Ende der Welt“. Nur durch dieses Ineinander einer implikativen Grund-Folge-Ordnung (unmittelbar von Gott gesandt) und einer zugleich statthabenden, appositionellen Ordnung in Zeit und Geschichte, ist die Möglichkeit einzusehen,  von einer mehr als personalen Manifestation, also von einer göttlichen Manifestation, zu reden und sie im individuellen wie universellen Vernunftvollzug in Zeit und Geschichte hinein zu realisieren.  

Wenn ich das richtig verstanden haben: Der Grund der hervortretenden, erscheinenden Manifestation Gottes in einem geoffenbarten WORT (hier des Korans) wird implikativ notwendig gedacht, d. h. auf Gott zurückgeführt, okay, das verstehe ich formal,  aber  müsste diese Manifestation nicht zugleich eine  appositionellen Reihe der Erkennbarkeit und Realisierung eröffnen, worin sich die Manifestation und die Offenbarung, die an den Offenbarungsträger MOHAMMED ergangen ist, bewährt und beweist? Ich möchte fragen: Kann MOHAMMED absolut gewiss und mit sich eins gewesen sein, wenn er ein geoffenbartes WORT Gottes empfangen hat, wenn er es in späterer Folge den „Gläubigen“ durch militärischen Zwang aufnötigen muss?
Es müsste ein einfaches Kriterium sein, dass im Gewissen und in innerer Gewissheit Erfahrene (Gehörte) zu universalisieren und in Zeit und Geschichte hinein zu realisieren, weil notwendig die Vernunft in dieser Zweiheit besteht von Extrapolation und Reflexion, von Objektivierung und Subjektivierung, von Wissen und Gewusstes? Es kann nach Vernunftgründen nicht sein, dass im Gewissen eine andere Wahrheit gilt als im universalen Gesetz eines Sittengesetzes, weil dann die Vernunft selbst eine doppelte Wahrheit bezeuge. 
 Hatte MOHAMMED keine weiteres Kriterium der Evidenz als seine bloße individuelle Wahrnehmung und Eingebung? Musst er selbst sozusagen blind auf die Evidenz seiner Eingebungen und Erfahrungen vertrauen? Offensichtlich, so scheint mir, ist im Islam diese implikative Begründung der Wahrheit das Wesentliche, denn ziemlich autoritär und mit Gewalt, soweit ich die islamische „Missionsgeschichte“ kenne, musste Mohammed seine empfangenen Offenbarungen durchsetzen.

Die Bewährung der Offenbarungen in appositioneller Reihe und die Realisierung in zeitlichen Schritten, das wäre aber der zweckhafte Sinn jeder göttlichen Offenbarungen und Religion, denn sonst müsste ja überhaupt nichts verkündet und missioniert werden. Alle offenbarungsmäßige und religiöse Durchdringungen des Lebens erhält ihren Wert erst durch den höchsten, obersten Wert eines Zweckes, der  mit dem inneren Sinn und Kern der Offenbarung/der Religion selber identisch ist. 

Welcher Zweck in seiner Werthaftigkeit und Relevanz lässt sich aus den Offenbarungen an Mohammed für die Gläubigen (Moslems, so die ungefähre Übersetzung) erkennen, wenn nur gewaltsam und mit militärischer Macht dieser Zweck verständlich gemacht werden konnte bzw. heute noch mit Gewalt vertreten wird bzw. mit erheblichen Repressalien verbunden ist, wenn der Islam nicht angenommen  wird. Es finden sich leider viele gewaltbereite Stellen im KORAN, die sich von selbst in ihrem heiligen Zweck einer Gottesverkündigung überführen. 

Die implikative Begründung der außergewöhnlichen Manifestation könnte auf Gott zurückverweisen, die appositionelle Rechenschaft gibt Auskunft darüber, ob sie echt gewesen ist. Die Rechtfertigung des implikativen Geltungsanspruches muss a) nach allgemeinen Wissensbedingungen des Denkens von Moralität möglich sein, sonst widerspricht das prinzipiell schon einem Gottesbegriff des Heiligen, und muss sich b) in Moralität und Sittlichkeit bewähren in Zeit und Geschichte.  

5) Bezogen auf den Koran, den ich zu lesen versuchte, frage ich mich:  Enthält er diese beiden Komponenten eines vollständigen theoretischen wie praktischen Reflexionsaktes, d. h. diesen grundlegenden Vernunft- und Lebensvollzug einer implikativen wie appositionellen Ordnung?

Führt z. B. die Rezitation des Korans zu einer Art interpersonaler, dauernder Beziehung des Menschen zu Gott, wie sich solche Stellen im Koran – neben den gewalttätigen – ebenfalls finden? Manche beharren hier auf dem Original der arabischen Sprache, vertrauen auf die Schönheit der Sprachmelodie etc…ist das schon die volle appositionelle Realisierung?
Und die appositionelle Realisierung und Bewährung eingeschränkt auf die arabische Sprache – hieße das im Umkehrschluss, dass alle Übersetzung des Korans nochmals eine defizitäre Realisierung des Verhältnisses Gott und Mensch bedeutet – und nochmals eine niedere Stufe der appositionellen Vernunftsetzung?

Die christliche Missionsgeschichte ist zwar ihrerseits nicht von jeder gewalttätigen Missionierung frei zu sprechen, aber diese Offenbarungsreligion hat wenigstens das kritische Korrektiv eingeschoben, dass der  Offenbarungsträger selbst keine Gewalt angewandt hat, sodass seine implikative Begründung aus der Sendung Gottes heraus nicht  mit einer gewalttätigen appositionellen Reihe der Verkündigung verträglich ist. Es ist weiter das Korrektiv eingebaut, dass die appositionelle Reihe der Bewährung der Offenbarung ausdrücklich auf eine universelle Zweckhaftigkeit einer sittlichen Ordnung verweist. Der  Zweckbegriff vermittelt allen Sinn und Wert der ursprünglichen Offenbarung – kann aber selber nur individueller wie universeller zeitlicher Folge sichtbar und erkennbar werden. Der Zweckbegriff der universellen Sittlichkeit wird unter zeitlichen Bedingungen nie erreicht werden, aber formal ist die Einheit des Vernunftvollzuges und des Wissens geschlossen, weil die Offenbarung Gottes ja nicht vergeblich erschienen sein kann. 

Die von Gott an MOHAMMED   angetragenen Intentionen seien keine bloß sinnlichen Empfindungen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen gewesen – wie A. M. Karimi sagt. Der Koran ist eben deshalb ein „ästhetisches Ereignis“, ein „ existentielles Erzittern“ ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271. Das halte ich alles für möglich – und wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, aber was ist unter Ästhetik und einer mystischen Erfahrung alles gemeint? Gibt es eine epistemologische Begründung von Schönheit und Wahrheit (einer religiösen Offenbarung) ohne Begriff einer appositionellen Realisierung, ohne Bildlichkeit, woraus Ästhetik und Begriff gleicherweise entspringen? Die Wahrheitsfrage muss für den Koran –   für die Bibel, für jeder Religion – gestellt werden dürfen, sonst ist ein Gespräch nicht mehr möglich. Ist das wahr, was erzählt wird, und soll es so sein, wie es erzählt wird?  

6) Die Unterscheidung implikative Grund-Folge und appositionelle Reihe-Ordnung möchte ich noch differenzieren in  Erkenntnisgrund, Rechtsgrund und Seinsgrund.

a) Im Intuieren und Intelligieren einer höchsten Wertqualität wird der Erkenntnisgrund wahrgenommen d. h. die Heiligkeit des Willens muss zweifelsfrei erkannt werden. Diese höchste, genetische Evidenz kann als Gefühl und ursprüngliche Gewissheit beschrieben sein – und muss natürlich nicht in explizit abstrakten  Begriffen,  wie es die Philosophie tut, dargestellt werden.  Aber wenn diese genetische Evidenz intersubjektiv und allgemein verständlich und allgemein verbindlich werden soll, dann müssen die Prinzipien in nachvollziehbaren, mediatisierten Formen und auch in allgemeinen philosophischen Vernunftprinzipien dargelegt werden können. Die Philosophie ist stets religionskritisch aufgetreten – und das muss sie weiterhin tun, vorausgesetzt, dass sie selber nicht ideologisch wird. 

b) Die Manifestation Gottes erweist sich durch einen heiligen Willen, der rechtmäßig nicht mehr angefochten werden kann,  als der absolut Eine, Heilige, Herrliche, Hoheitliche. Aber wie bewährt sich dieser Rechtsgrund der Wahrheit und des Heiligen und des Guten, wenn notwendig eine zeitliche und interpersonale Realisierung damit verbunden ist, kraft Vernunftvollzug und Reflexionsvollzug?   

c) Gott ist der Seinsgrund  des existentiellen Vollzuges der Freiheit und der Grund des Aufgerufen- und Aufgefordertseins. Das bedingt eine seinsmäßige Abhängigkeit. Aber es kann nicht nur ein autoritäres Abhängigkeitsverhältnis sein, blinder Gehorsam,  sondern zu Bedingungen der Freiheit und zu Bedingungen freier Perzeption und Rezeption muss das absolute Soll vorausgesetzt und vollzogen werden können. Es muss, obwohl einseitig bedingt, eine Art vertrauensvolles, „kindliches“ Verhältnis zum Seinsgrund geben. Der Seinsgrund ist Grund eines personalen Erzeugtseins, Grund eines Sohn- oder Tochter- oder Kindseins, Grund einer selbstständigen Freiheit. Ist dieses Kindsein und Freisein im Koran zu finden? 2

7) Über den Weg einer naturalen Erkenntnis (wie in den „Naturreligionen“) wird kein intentionales und personales Verhältnis gefunden werden können,  da Freiheit eine innere Einsicht in eine andere Willensäußerung verlangt. Alle möglichen Formen von Naturreligionen scheiden deshalb als „Offenbarungsreligionen“ dem Begriffe nach aus, wiewohl sie religiöse Gefühle und religiöse Vernunftaspekte zu wecken vermögen, insofern die Seele des Menschen bereits religiös ist und eine apriorische Vernunftoffenbarung empfangen hat. Eine positive Offenbarungsreligion im Gegensatz und in Fortführung zu einer Naturreligion zeichnet sich durch die zusätzliche Möglichkeit aus, zu Bedingungen der Freiheit und der appositionellen Realisierung eine mehr als fremdpersonale Manifestation  als göttliche Offenbarung anzunehmen und an deren Inhalt zu glauben. Dieser Inhalt ist durch einen höchsten Wert der Liebe charakterisiert, ansonsten die Freiheit nie ihren höchsten Zweck erreichen könnte.  Kann die implikative Begründung einer Offenbarung im ISLAM so genetisiert wird, dass die Einsicht und Intellektion in diese Offenbarung von allen für alle zu allen Zeiten möglich ist?   

7. 10. 2017 © Franz Strasser
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1Laut eines Biographen des Mohammed sei der Prophet vom Engel Gabriel dreimal gewürgt und gezwungen worden – siehe diverse Literatur in islamischen Quellen.

2Im christlichen Sinne ist der „Sohn“ ungeschaffen. Das kindliche Vertrauensverhältnis eines Menschen zu Gott verläuft dabei nicht über einen Text oder ein sonstiges sinnliches Medium, sondern über die „Zeichensetzung“  einer anderen Freiheit. Ich bin hier ganz anderer Meinung als F. Schupp, der eine äußerliche, politische Ähnlichkeit in der Dogmengeschichte von Christentum und Islam zu erkennen meint:  Erst durch politischen Druck sei das Dogma von der „homoousie“ JESU entstanden, so wie der Islam oft auf vielfachen politischen Druck etwas durchsetzte.  Es geht nicht darum, wie Dogmen entstanden und durchgesetzt wurden, sondern was sie sagen wollen. Das Christentum ist dem transzendentalen Sinne nach keine „Buchreligion“, deshalb muss das „homoousie“ auch nicht wörtlich im Text der Hl. Schrift zu finden sein. Die Gottgleichheit des SOHNES bedingt die transformierte Annahme an Kindes statt (jedes Menschen). Ist dieses Dogma jetzt wahr oder nur wahr, weil Kaiser Konstantin nach Nicäa geladen hatte?  Siehe den ganzen Artikel ThpQ, Linz, 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser