Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

A) Nehmen wir an, dass Mohammed (Schreibweise verschieden) tatsächlich Offenbarungen („wahy“) Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben1 – dann jemanden diktierte, damit sie im Koran (Qur‘an) und als Koran festgehalten würden. Diese Offenbarungen sind mehr als personale, sind göttliche Manifestationen gewesen. Was sie als Inhalte und Aussagen von Gott – und durch ihn geoffenbart – genau enthalten, das ist meines Erachtens der strittige Punkt, denn die Wahrheit einer Aussage muss am Wahrheitsbegriff selber gemessen werden.

Der Wahrheitsbegriff enthält zwei Bedingungen: 1.) Die tatsächliche Einsicht in die Möglichkeit einer göttlichen Wahrheit – wie von Mohammed behauptet – muss idealiter erwiesen sein, d. h. dass tätsächlich das Verhältnis Gott und Mensch der Bedingung der Möglichkeit nach so gedacht werden kann;
das wäre aber realiter zu wenig: 2.) der Begriff der Wahrheit müsste sich in der zeitlichen Realisierung und in der Praxis bewähren, als Erscheinung, als genetisches Setzen, das unmittelbar in sich und aus sich und durch sich (de jure) selbstbegründend und selbstrechtfertigend ist, also auf Gott zu verweisen vermag.

Kann Mohammed diese a) Einsicht in die Wahrheit Gottes rein theoretisch erklären und darlegen und kann er b) die Bewährung der Einsicht in einem wahrhaften Bildsein, in einer wahrhaften Objektivierung der Liebe – als der Begriff eines de jure Seins, einer causa sui der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung – in einer zeitlichen Realisierungskette beweisen und darstellen?

Nun will ich, wie ich sagte, Offenbarungen Gottes an Mohammed oder an andere Menschen prinzipiell für möglich halten, zu Bedingungen der Kommunikation und des interpersonalen Austausches.

Mit welchem Recht aber kann ein Mohammed behaupten, er habe diese oder jene Worte, die im Koran und als Koran aufgeschrieben wurden, gehört und als unmittelbare Offenbarung Gottes empfangen, wenn sie unmoralische Forderungen enthalten wie Zwangsbekehrung, Vernichtung des Feindes, Verwünschung in Ewigkeit u. a. m.? Kann aus solchen unmoralischen Folgerungen auf das de jure Sein Gottes geschlossen werden? In einer implikativen Grund-Folge Beziehung wohl nicht, als stünde die Genesis der Folgerung in unmittelbarer Funktion und Beziehung zu Gott, der sich zur Ursache dieser unmoralischen Forderung erklärt. Es müsste umgekehrt gesagt werden, dass erst durch die Freiheit des Menschen in einer nachgebildeten Weise, in einem wahrhaften Bildsein, auf die implikative Grund-Folge-Ordnung einer causa sui der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung Gottes geschlossen werden kann. Das sich aus der Wahrheit Gottes bewährende Bildsein der Liebe und der sittlichen Praxis lässt eine Begründung und Rechtfertigung in und durch Gott für möglich gelten, aber ein Zwang zur Annahme dieser Begründung darf deshalb trotzdem nicht folgen. Aus der Freiheit der Selbstbestimmung, die einen unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten, reinen, heiligen Willen Gottes voraussetzt, kann auf die causa sui dieses Bildseins geschlossen werden. Das scheint mir als einzige Form eines Rückschlusses auf Gott zulässig. Umgekehrt, als könnte aus einem vermeintlich eingesehenen Sein Gottes auf das wahre Bildsein geschlossen werden, setzt letztlich einen Zwang voraus, denn das Bildsein der Freiheit kann dann gar nicht anders handeln als das Grund-Sein Gottes vorgibt, idealiter wie realiter.

Das einzig mögliche Verhältnis des Vernunftwesens von Gottes Sein kann nur im wahrhaften Bildsein des Vernunftwesens selbst gefunden werden. In der Selbstbestimmung in und aus Freiheit, die sich objektiviert in einer Form der Liebe und des interpersonalen Austausches – bei aller sündigen Gebrochenheit – vermag auf die lebendige Wahrheit dieses Bildseins zurückgeschlossen werden, auf das absolut EINE in sich und seinem Bilde, sichtbar erscheinend in einer absoluten Vollendung des Bildes. Ein sich nicht in Liebe bewährendes Bildsein kann nicht auf Gott verweisen, als liebte sie ihn. Die Liebe zu Gott, das absolute Einswerden mit ihm, ist eine frei ergriffene causa finalis. Die vollkommene Wirklichkeit Gottes ist ihr Telos. Die Erkenntnis dazu ist der sich bewährende Weg eines liebenden Daseins und Lebens.

Die Frage der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung der Wahrheit muss das Maß aller Bemessungen bleiben.

Kann ich dieses Maß nicht einsehen und einbekennen, könnte ich entweder einbekennen, dass ich a) diese „Offenbarung“ der Wahrheit momentan oder aus Schwäche nicht einsehen oder erkennen kann, oder ich könnte, ja müsste, da mir die „Offenbarung“ Gottes unmoralisch und zweifelhaft erscheint, einbekennen, dass sie b) gerade nicht aus Gottes Mund kommen kann. Sie ist nur eine subjektive Meinung. Darf eine subjektive Meinung einen objektiven Gültigkeitsanspruch und Geltungsanspruch erheben?

Nun hat Mohammed eine höchste Anspruchsgeltung mit seinen „Offenbarungen“ erhoben, hat Missionierung und Ausbreitung gepredigt und sie  mit militärischer und repressiver Gewalt, mit Geschenken und patriarchalen Versprechungen, durchgesetzt. Wie konnte er diese gewaltsame Missionierung und Verkündigung legitimieren?

Meine Sicht, wie schon angedeutet: Ein implikativer Begründungsanspruch einer erfahrenen Offenbarung Gottes muss sich in zeitlicher und geschichtlicher Faktizität, in einem wahrhaften Bildsein, bewähren können. Ich nenne diese zeitliche Konkretion und Synthese von Begriffen, die eine göttliche Wahrheit verkünden und in eine zeitlichen Realisierung und in ein sittlichen Telos überführen, eine appositionelle Ordnung. Im reflektierenden Denken und in evidenten Begriffen des Sinns und der Geschichte expliziert sich das Wahrsein einer Offenbarung (oder nicht).

Eine nur implikative Begründung von Worten, Weisungen, Aufforderungen, Mahnungen, Drohungen aus dem Willen Gottes heraus zu verstehen, ist nicht möglich, wenn nicht ein Mindestmaß an Freiheit und freier Mitkonstitution von Seiten des Menschen supponiert wird.

Die Nachvollziehung und die Einsicht, das ganze Verstehen einer Offenbarung, das unterliegt in ihren appositionellen Konkretisierung und Folgerung allgemeinen Bedingungen des Erkennens und des Wissens. Können solche Bedingungen der Wissbarkeit im Lesen des Korans gefunden werden?

1) Generell ist die Frage des Nachvollziehung und des Verstehens des geoffenbarten Wortes (kalimah Allah) als „Herabsendung des Herrn der Welten“ (Sure 26, 192), durch den Engel Gabriel (Jibril), Mohammed geoffenbart, eine äußert schwierige Frage rein kommunikationstheoretisch und äußerlich gesehen: denn es finden sich viele Sprecher im Koran: die Stimme Gottes, die Stimme Mohammeds, die Stimmen der Gegner, von Noah, von Abraham, von Mose, von Jesus, von Engeln, von Dämonen, Frevlern, Zweiflern, Geretteten, Verdammten. Sie alle steuern etwas zum Offenbarungstext, der dann zu rezitieren und zu befolgen ist, bei, aber wie wahr sind sie und welchen Stellenwert nehmen sie untereinander ein?

2) Wie der mündliche Text an Mohammed mit der Niederschrift im Koran und als Koran zusammenhängt, dazu fehlt mir die historische Kenntnis. Das spätere systematische Nachdenken der Theologen des Islam hat den Koran ziemlich hoch aufgewertet: dass a) ein Urbuch, bei Gott präexistent, existieren müsse; 2 dass b) einzelne Auszüge aus dieser Urschrift dem Propheten herabgesandt wurden; dass c) dass Mohammed sie öffentlich verkündete; dass d) der Inhalt selbst und die verschriftlichte Form notwendig ist; dass e) die kultische Rezitation wichtig ist. 3

3) Die text- und quellenkritische Analyse des Korans, die Herkunft mancher Texte, die historisch-kritischen Forschungen, die können in Lexikas bereits nachgelesen werden, aber sie geben keine Antwort über die Echtheit und Gültigkeit der Offenbarungen hinsichtlich ihrer unwandelbaren, ungeschaffenen, göttlichen Wahrheit. Ein gesprochenes oder geschriebenes Wort ist per se ein „körperhaftes“ Mittel, ein Zeichen, das vermittelt wird, rezipiert von außen an die Ohren, rezipiert vom zu lesenden Text an den Verstand – und als solches vermitteltes Zeichen ist es nicht ungeschaffen, sondern geschaffen. (Es gäbe hier viele Methoden der Textkritik, zuletzt eine differenzspezifische Textkritik – siehe z. B. Blogs von mir zu Derrida – Link zum 1. Teil)

4) Neben den historischen Fragen gibt es die prinzipiell erkenntniskritischen und moralischen Fragen, die an einen Gottes- und Offenbarungsbegriff gestellt werden müssen. Wenn keine vernunftkritische Legitimation und Rechtfertigung des Geltungsgrundes einer Aussage gegeben werden kann, bleiben leider nur machtpolitische und autoritäre Behauptungen übrig – und das möchte ich vermeiden!

5) Die von allen und für alle und zu allen Zeiten geltenden Erkenntnisbedingungen (Wissensbedingungen) können philosophisch herausgearbeitet werden, sodass auf vernünftiger, „säkularer“  Basis eine gewisse Achtung und interpersonale Vermittlungsform von Geltungs- und Wahrheitsansprüchen eingefordert werden kann. Gewalt und Repression sind inkompatibel zu einer möglichen Gottesoffenbarung. Es widerspräche der Vernunft und dem Sinn eines Gottesbegriffes, wenn dieser unmoralische Forderungen enthielte. Die Wahrheitsfrage und damit zusammenhängend die Sinnfrage muss im Namen der Menschlichkeit dringend gestellt werden dürfen.

Es müssen z. B. selbst für den angeblichen objektiven Bereich der Natur schon selektierende geistige Prozesse einfließen, um überhaupt darin etwas erkennen zu können, a fortiori fließen im gesellschaftlichen und religiösen Bereich der Wirklichkeit ausdrücklich praktische und sittliche (oder unsittliche) Willens- und Wertentscheidungen ein, die eine Aussage als solche erst bilden – und müssen auf ihre erkenntniskritische Dignität und Valenz überprüft werden können.

6) Kann der Begriff der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert werden, d. h. kann Freiheit in einer religiösen Aussage nicht erkannt werden, ist  der Weg zu einer autoritären Religion und zu einem dunklen Gottesbegriff eingeschlagen. Eine autoritäre Religion bedarf dann dringend einer Reinigung und Aufklärung. (Das gilt selbstverständlich für alle Religionen, nicht nur für den Islam. Dies gilt ebenso für alle dogmatische Philosophie und jede Ideologie.)

Ob Gott sich dem Mohammed, schriftlich fixiert dann im Koran, konkret geoffenbart hat, kann vernunftkritisch nicht für unmöglich erklärt werden, wenn das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen Gesetzen des vernünftigen und moralischen Denkens und der menschlichen Freiheit kompatibel ist.

Nur faktisch und dogmatisch aber zu behaupten, dieses oder jenes Wort des Korans sei von Gott geoffenbart und deshalb wahr, ist noch kein Beweis. Das ist nur ein Autoritätsbeweis und dringender Ideologieverdacht und Skepsis sind angebracht. 

Es muss die Evidenzmöglichkeit einer absolut sich selbst begründenden Wahrheit  zuerst a) für den Offenbarungsträger selbst und b) für den hörbereiten, gläubigen Hörer/Leser nachvollziehbar sein.

B) Den Erkenntnis- und Verantwortungsprozess des Menschen so rational wie möglich zu gestalten, das ist der Zweck der Philosophie. Dazu legt sie ein apriorisches Verstehensmuster bereit, zumindest in der transzendentalphilosophischen Tradition. Das apriorische Verstehensmuster ersetzt nicht das Konkrete und Historische einer sinnlichen oder gesellschaftlichen Erfahrung, d. h. ersetzt auch nicht das Konkrete einer religiösen Erfahrung. Nur beides zusammen, apriorische Vernunfterkenntnis und positive Offenbarung, ergeben eine den philosophischen Ansprüchen genügende Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeit. Philosophie und Religion entstammen in ihrer Erkenntnis einem genus des Erkennens und Handelns, einem Wissensakt, nur in verschiedener Hinsicht dann entfaltet.

Jede Aussage macht einen impliziten Wahrheitsbezug, sonst wäre sie nicht möglich. Eine Aussage konstituiert sich aber nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich der Wahrheitsbezug und bewährt sich eine Aussage.

1) Nun handelt es sich in diesem Verhältnis zwischen ausgesagter Wahrheit (Offenbarung) Gottes und tlw. sogar  gewaltsam bewirkter Diktion als Koran um einen solchen Wahrheitsbezug in der Art und Weise eines Kommunikations- und Interpersonalgeschehens. Nicht eine sinnliche Empfindung, ein bloßer Laut, sondern ein Aufruf, eine Anforderung und Aufforderung muss es gewesen sein, weil ja Mohammed mit Hinhören und Gebet geantwortet und es später als Wort diktiert hat. (Mohammed habe ich hier unter dem vielen Stimmengewirr der koranischen Sprecher bereits abstrahiert.) Es muss ein Minimum von Freiheit und Aufnahmebereitschaft  von Seiten Mohammeds vorausgesetzt werden, sonst wäre es zu gar keinem Hören und zu keinem Verstehen gekommen – und zu keiner späteren schriftlichen Fixierung.

Es finden sich jetzt an die Freiheit gerichtete, zustimmungsfähige Gehorsamsforderungen im Koran, aber auch eine große Zahl unmoralischer Forderungen. Wenn ein kleines Stück Freiheit der Rezeption und Apperzeption bei Mohammed aber vorausgesetzt werden muss, sonst wäre überhaupt kein Empfangen und Verstehen möglich gewesen – so muss ebenso für die späteren Hörer und Leser und Rezipienten des Korans ein Stück Freiheit bleiben. Welchen Sinn hat aber ganze Konvolut und diese Mischung von moralischen und unmoralischen Forderungen?

2) Die erkenntnismäßige, transzendentale Basis müsste einmal klar sein: Es kann keine Intention Gottes geben, ohne dass diese nicht von Seiten des Menschen minimal wahrgenommen und wenigstens in einem minimalen Bereich mitkonstituiert und frei affirmiert wäre! Diese Mitkonstitution von Seiten individueller Vernunft setzt viele erkenntniskritische Akte voraus – im theoretischen wie praktischen Bereich des Bildens: Da wären einmal a) die grundsätzlichen Schematisierungen aller geistigen Gebilde in Raum und Zeit, die grundsätzlichen Vernunftbildungen, die apriorischen Begriffe, die Reflexionsformen und Handlungen des menschlichen Geistes, die wir durch Philosophie analysieren können.
Weiters kommen dann b) die materialen Gebilde der Sprache und Schrift hinzu. Die Worte und Suren des Korans sind geistigen Schematisierungen des damaligen Zeit- und Kulturraumes. Sie sind hermeneutisch-geschichtliche Darstellungen, die als solche von Mohammed und anderen Autoren und Rezipienten aufgegriffen und neu interpretiert wurden.

Alle theoretischen wie praktischen Akte des Bildens entspringen einem einzigen,  geistigen, epistemologischen Akt, durch den die Möglichkeit der Sprache und der Schrift, in ihrem spezifischen Sinn und in ihrer spezifischen Schematisierungen, geschaffen und bestimmt werden. Die sprachlich-dichterischen und geschriebenen Gebilden und Mediatisierungen des Korans sind zweifellos auffällig, wenn es anscheinend in diesem Raum vorher wenig Literatur gab, doch ist deren Abhängigkeit von jüdischen und christlichen und anderen Quellen nicht zu verkennen. Es müssen überaus gebildete Autoren gewesen sein, die so ein originäres, wenn auch kompiliertes Buch, des Korans verfasst haben, aber kann das Medium Wort/Schrift allein die Botschaft sein? „The medium is the message“ (Marshall McLuhan) heißt es zwar kommunikationstheoretisch, aber das ist nicht reflexiv tief genug abgeleitet. Ein Medium qua solches kann keine genetische Evidenz bewirken.

Ich kann hier nur auf der prinzipiellen Vernunftebene bleiben: Das Erkennen und Bilden – wozu in letztem auch das geistige Schematisieren in Sprache und Schrift gehört – ist immer von praktischen Konstitutions- und werthaften Akten mitbestimmt. Es wird im Erkennen  zweckmäßig und wertintentional gehandelt. Diese praktische Seite des Erkennens ist im betreffenden Fall sogar besonders ausschlaggebend: Die mögliche Offenbarung Gottes ist ja ein fremd-intentionales, praktisches Wollen Gottes, ein absolutes Soll, eine selbstbegründende Instanz und Evidenz – die zu einer intentionalen Wirksamkeit führen will – und im schlimmsten Fall, zu interpersonaler Repression führen kann. 

Die Realisierung von Freiheit in einem Kommunikations- und Interpersonalverhältnis setzt folgende Struktur voraus: formal die Anerkennung anderer Intention und anderer Freiheit, material, einen Aufruf, eine Aufforderung, das eigene Streben mit anderem Streben sittlich-praktisch zu vereinigen und so zu einem von sich her sich zeigenden gemeinschaftlichen Sinn der Liebe und des Verstehens zu kommen. 

Das Verstehen einer Aufforderung, sei es im menschlichen Bereich, oder im Verhältnis Gottes zum Menschen, ist eine wesentlich sittlich-praktische Vermittlung, die durch die spontanen wie  willkürlich freien Vorstellungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft und Akte des Denkens geschaffen wird.  Der Wissensakt eines sittlich-praktischen Verhältnisses erzeugt notwendig Mediatisierungen von Zeichen – worunter die Sprache und Schrift wohl die stärksten Mediatisierungen sind -, damit individuelle  wie interpersonale Freiheit im Konnex möglich werden, aber die geistige Substanz dieses Konnexes ist doch nur im freien Vollzug einsehbar, nicht objektivistisch als geschriebenes Wort?!

Das Verstehen und die Einsicht ist bedingt, zuerst konditional durch Freiheit und dann kausal in der Zeit , durch ein von mir angedeutetes, doppeltes Ordnungsschema, durch eine a) implikative Reihe von Grund und Folge und eine b) appositionelle Reihe des Nacheinanders, beides zugleich.

Ad a) Wenn ich das Verhältnis abstrahiere auf das Verhältnis Gott/Mensch, so wird  im Wort oder Anruf Gottes der Grund einer erfahrenen Forderung („Sei ein Gläubiger….“) herausgehört und herausgelesen, und die Folge wird in die Freiheit des Menschen gesetzt, dieses Wort zu hören und zu befolgen. Die Begründung und Rechtfertigung wird es immer geben müssen!

Zugleich aber – ad b) da dieser absolute Bestimmungsgrund des Wortes Gottes/des EINEN im intentionalen Gleichklang mitkonstituiert und rezipiert werden muss, mithin realisiert werden soll,  folgt das  Nacheinander einer geregelten, zeitlichen Reihe, in der die Auditionen und Offenbarungen in lebendiger Gegenwart erinnert und in eine projektive, zukünftige Erfüllung hinein verstanden werden. Es folgt notwendig, weil wir unser Wissen nur reflexiv entfalten können, diese appositionellen Ordnung von Erinnerung, Gegenwart und Zukunft, von Sinn und Geschichte, wenn der absolute Bestimmungsgrund individuell und interpersonal verstanden werden will. 

3) In der Hl. Schrift des NEUEN TESTAMENTES zeigt sich das z. B. so, dass JESUS  einerseits direkt, implikativ, aus einer göttlichen Grund-Folge Ordnung kommend, als reinstes Bild Gottes, mit höchstem Anspruch spricht und auftritt – als Menschensohn, „Messias“, „Sohn“, „Prophet“ – , zugleich aber sich selbst in die Nachfolge- und Verstandesordnung einer bereits ergangenen, hermeneutisch geläufigen Offenbarungsreihe einreiht und zugleich auf das Kommende des HEILIGEN GEISTES verweist, also eine appositionelle Reihe eröffnet und projektiv (virtuell) erfüllt. 

Er beruft sich implikativ auf einen absoluten Bestimmungsgrund, seine Botschaft vom Himmelreich ist seine Sendung, seine Beruf, wofür er mit Leib und Leben einsteht, sein ganzes Sein, zugleich aber ist diese Botschaft die appositionelle Ermöglichung von Freiheit und Liebe, von Glauben und Sinn, Auferstehung und Wiedergutmachung allen Übels. Die Botschaft ist begründet und gerechtfertigt aus dem implikativen Grund der Gewissheit und absoluten Wahrheit, zugleich aber auch genetisiert und realisiert, appliziert und appositionell gesetzt, in einen Zeitfluss der Darstellung und Bewährung hinein. M. a. W. der absolute Bestimmungsgrund aus der Offenbarung Gottes heraus ist pertinent, unbedingt den Willen betreffend, aber zugleich eröffnet dieser Bestimmungsgrund eine zeitliche Reihe der Realisierung und bedeutet Gemeinschaft mit dem Offenbarer selbst und Offenheit für das Wirken des HL. GEISTES und für die späteren Erfahrungen und Erkenntnisse der Jüngerinnen und Jünger Christi.

JESUS realisiert die Identität seiner Botschaft mit seiner Person absolut, ist selbst positive Offenbarung im Bilde – ein Anspruch, den MOHAMMED ja nicht erhebt und nicht erheben will – und zugleich realisiert er eine zeitliche und geschichtliche Reihe eines Zweckbegriffes aus und in dieser direkten Offenbarung Gottes.
Er zitiert und lebt die Hl. Schrift, beruft sich auf andere „Propheten“, erinnert dieses und jenes der Vergangenheit, beweist die Worte durch Taten – und baut zugleich für die Zukunft vor, indem er JüngerInnen beruft, diese seine Sendung fortzusetzen in eine unendliche  Zukunft hinein „bis zum Ende der Welt“. Nur durch dieses Ineinander einer
implikativen Grund-Folge-Ordnung (unmittelbar von Gott gesandt) und einer zugleich statthabenden, appositionellen Ordnung in Zeit und Geschichte (in geistiger, sakramentaler Anwesenheit) ist die Möglichkeit einzusehen,  von einer mehr als personalen Manifestation, also von einer göttlichen Manifestation, zu reden und sie im individuellen wie universellen Vernunftvollzug in Zeit und Geschichte hinein zu realisieren.  Der Evidenzgrund der implikativen Gottesoffenbarung geht von sich her über in die Begründungs- und Bewährungsform einer appositionellen Reihe – weil das Vernunftwesen selbst diese Reflexion ist bzw. werden soll kraft apriorischer und positiven Offenbarung.

Unser endlicher Verstand reicht für eine allein implikativ begründete, absolute Gotteserscheinung nicht hin. Er bedarf der zeitlichen Begründung und Evidenzsicherung des absoluten Bestimmungsgrundes durch eigenständiges Intelligieren und Nachvollziehen des Evidierten, mithin der zeitlichen Realisierung und der reflexiven Bezugnahme auf konkrete, historische Erscheinungen und Vor-Bilder.
Diese zeitliche Realisierung eines absoluten Bestimmungsgrundes kennt dabei eine eindeutige Richtung und einen materialen Inhalt: Den Zweckbegriff sittlicher Interpersonalität und göttlicher Liebe.

Wenn ich das richtig verstanden haben: Der Grund der hervortretenden, erscheinenden Manifestation Gottes in einem geoffenbarten Wort des KORANS wird implikativ notwendig gedacht und behauptet, d. h. auf Gott zurückgeführt, das verstehe ich formal als Begründung,  das geschieht bei allen Propheten der Hl. Schrift ähnlich – aber  müsste diese Manifestation nicht zugleich eine  appositionelle Reihe der Erkennbarkeit und Realisierung eröffnen, worin sich diese Manifestation und die Offenbarung als tauglich und allgemeingeltend (gültig) und in ihrem Zweckbegriff einsehen und bewähren kann? Der Zweckbegriff ist zwar nur ein Vernunftbegriff, nicht die Evidenzbegründung der Wahrheit Gottes selbst, nur ein Begriff der Erscheinung, aber wenigstens indirekt ein Beweis für den Geltungsgrund der Wahrheit.

Kann MOHAMMED absolut gewiss und mit sich eins gewesen sein, wenn er sagt, dass er ein göttliches Wort empfangen hat, wenn der Zweckbegriff dieser Eingebung nicht mit Freiheit nachvollzogen werden kann, sondern nur mit Zwang befohlen und durchgesetzt werden muss? Müsste er, wenigstens nachträglich, nicht an dieser für echt und gültig gehaltenen Eingebung und Offenbarung gezweifelt haben?

Die Vernunft besteht in einer Zweiheit der Reflexion, der Objektivierung und des auf sich Zurückkommenes, der geschichtlichen Erinnerung und der projektiven Zukunft – es kann nicht sein, dass eine göttliche Wahrheit der vernünftigen Projektion von Sittengesetz und Freiheit widerspräche oder umgekehrt, dass die aus Vernunftgründen deduzierte sittliche Ordnung einer positiven Offenbarung widerspräche.

Wird behauptet, dass MOHAMMED keine weiteres Kriterium der Evidenz und Gewissheit hatte als seine bloße individuelle Wahrnehmung und Eingebung? Beruht nicht jede Wahrnehmung auf einem viel größeren Ganzen des Vernunftgeschehens? Musste er selbst sozusagen blind auf die Evidenz seiner Eingebungen und Erfahrungen vertrauen? Konnte er die nachfolgende Ausbreitung des Islams vor dem Gewissen verantworten, wenn sie mit Gewalt und militärischen Mitteln geschah?

Offensichtlich, so scheint mir, ist im Islam eine implikative Begründung des Gehörten wesentlich – oder täusche ich mich hier? – das gehörte WORT und die Offenbarung geht direkt auf Gott zurück, aber die Bewährung der Offenbarung in appositioneller Reihe – das ist ja der genetische und genetisierbare Sinn jeder göttlichen Offenbarungen und Religion, denn sonst müsste ja überhaupt nichts verkündet und missioniert werden!? Alle offenbarungsmäßige und religiöse Durchdringungen des Lebens erhält ihren Wert ja erst durch diese doppelte Bezogenheit: Rückbezug auf einen implikativen, absoluten Bestimmungsgrund einerseits, andererseits Vorgriff, Begriff überhaupt, Zweckbegriff einer Realisierung von Wahrheit und Barmherzigkeit in Zeit und Geschichte. Dieser Zweckbegriff muss eine Begründung sein, die sich selbst rechtfertigt in seiner Werthaftigkeit und Heiligkeit, ein durch sich selbst bestimmter Wille, der nicht wankend und schwankend sich einmal so und wieder anders offenbart. Eine Offenbarung Gottes empfangen zu haben, kann jeder behaupten. Kann sie bewährt werden? Vom Zweckbegriff darf ich zurückschließen auf diesen unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten Willen – und deshalb auch auf Zeit und Geschichte blicken, inwieweit dieser Zweckbegriff erreicht worden ist bzw. erreicht werden kann. Mit repressiven Mitteln oder durch Freiheit?

4) Bezogen auf den Koran, den ich zu lesen versuchte, frage ich mich:  Enthält er diese beiden Komponenten eines vollständigen theoretischen wie praktischen Reflexionsaktes, d. h. diesen grundlegenden Vernunft- und Lebensvollzug einer implikativen wie appositionellen Ordnung?

Führt z. B. die Rezitation des Korans zu einer Art interpersonaler, dauernder Beziehung des Menschen zu Gott, wie sich solche Stellen im Koran – neben den gewalttätigen – ebenfalls finden? Manche beharren hier auf dem Original der arabischen Sprache, vertrauen auf die Schönheit der Sprachmelodie etc…ist das aber schon die volle appositionelle Realisierung und appositionellen Zweckhaftigkeit?

Die christliche Missionsgeschichte ist zwar ihrerseits nicht von gewalttätiger Missionierung frei zu sprechen, aber diese Offenbarungsreligion hat wenigstens das kritische Korrektiv eingeschoben, dass der  Offenbarungsträger selbst keine Gewalt angewandt hat, sodass das Bekenntnis zu seiner implikative Begründung aus der Sendung und dem Sein Gottes heraus wenigstens ein dauernder Ansporn sein müsste, dies ebenso geschichtlich zu realisieren.

Die von Gott an MOHAMMED   angetragenen Intentionen seien keine bloß sinnlichen Empfindungen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen gewesen – wie A. M. Karimi sagt. Der Koran ist eben deshalb ein „ästhetisches Ereignis“, ein „ existentielles Erzittern“ ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271.

Das halte ich alles für möglich – und wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, aber was ist unter Ästhetik und einem Erlebnis dann gemeint? Wird die Bedeutung eines lautmalerischen Zeichens, die Bedeutung einer sprachlichen Sequenz, die Schönheit eines Versmaßes, durch eine bloße Wiederholung und durch einen Selbstverweis bewusst? Ein Vers, eine Satzmelodie erhält nicht durch sich selbst eine Bedeutung, sondern erst durch den (die), der (die) weiß, wofür das Zeichen steht und was es bezeichnet. Gibt es eine epistemologische Begründung von Schönheit und Wahrheit (einer religiösen Offenbarung) ohne Begriff eines sie wissenden Wissens, ohne appositionelle und reflexive Realisierung, ohne Bildlichkeit, worin Wahrnehmung, Gefühl, Ästhetik erst einen Sinn bekommen? Die Wahrheitsfrage muss für den Koran –   wie für die Bibel, für jede Religion, für jede Wissenschaft – gestellt werden dürfen, sonst ist ein Gespräch nicht mehr möglich – und diese Wahrheit muss rational dargestellt werden können, sonst ist sie per se undenkbar und keine Wahrheit. Ist das wahr, was erzählt wird, d. h. kann es auf seine Bedingungen der Wissbarkeit reflektiert werden, und soll es so sein, wie es erzählt wird, d. h. kann es sich so selbst rechtfertigen und begründen, ohne Zweifel an diesem Denken oder dieser realistischen Position?

5) Die Unterscheidung implikative Grund-Folge-Ordnung und appositionelle Reihe-Ordnung möchte ich noch differenzieren in  Erkenntnisgrund, Rechtsgrund und Seinsgrund.

a) Im Intuieren und Intelligieren einer höchsten Wertqualität wird der Erkenntnisgrund wahrgenommen d. h. die Heiligkeit des Willens muss zweifelsfrei erkannt werden. Diese höchste, genetische Evidenz kann als Gefühl und ursprüngliche Gewissheit beschrieben sein – und muss natürlich nicht in explizit abstrakten  Begriffen,  wie es die Philosophie tut, dargestellt werden.  Aber wenn diese genetische Evidenz intersubjektiv und allgemein verständlich und allgemein verbindlich werden soll, dann müssen die Prinzipien in nachvollziehbaren, mediatisierten Formen und auch in allgemeinen philosophischen Vernunftprinzipien dargelegt werden können. Die Philosophie ist stets religionskritisch aufgetreten – und das muss sie weiterhin tun, vorausgesetzt, dass sie selber nicht ideologisch wird. 

b) Die Manifestation Gottes erweist sich durch einen heiligen Willen, der rechtmäßig nicht mehr angefochten werden kann,  als der absolut Eine, Heilige, Herrliche, Hoheitliche. Aber wie bewährt sich dieser Rechtsgrund der Wahrheit und des Heiligen und des Guten, wenn nicht konkret und zeitlich und geschichtlich?

c) Gott ist der Seinsgrund  des existentiellen Vollzuges der Freiheit und der Grund des Aufgerufen- und Aufgefordertseins. Das bedingt eine seinsmäßige Abhängigkeit. Aber es kann nicht nur ein autoritäres Abhängigkeitsverhältnis sein, blinder Gehorsam,  sondern zu Bedingungen der Freiheit und zu Bedingungen freier Perzeption und Rezeption muss das absolute Soll vorausgesetzt und vollzogen werden können. Es muss, obwohl einseitig bedingt, eine Art vertrauensvolles, „kindliches“ Verhältnis zum Seinsgrund geben. Der Seinsgrund ist Grund eines personalen Erzeugtseins, Grund eines Sohn- oder Tochter- oder Kindseins, Grund einer selbstständigen Freiheit. Ist dieses Kindsein und Freisein im Koran zu finden? 4

 

7. 10. 2017 © Franz Strasser
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1Laut eines Biographen des Mohammed sei der Prophet vom Engel Gabriel dreimal gewürgt und gezwungen worden – siehe diverse Literatur in islamischen Quellen.

2 Franz Schupp, ThpQ, Linz, 2014. 

3Vgl. Andreas Renz, Der Mensch unter dem Anspruch Gottes. Offenbarungsverständnis und Gottesbild des Islam im Urteil gegenwärtiger christlicher Theologie (Christentum und Islam. Anthropologische Grundlagen und Entwicklungen, Bd. 1, hg. von Marianne Heimbach-Steins und Rotraud Wielandt), Ergon Verlag, Würzburg 2002, 608 Seiten.

4Im christlichen Sinne ist der „Sohn“ JESUS CHRISTUS ungeschaffen – und jeder Mensch nach Gottes Bild geschaffen. Das kindliche Vertrauensverhältnis eines Menschen zu Gott verläuft nicht über einen Text oder ein sonstiges sinnliches Medium, sondern über die „Zeichensetzung“  anderer Menschen und anderer Freiheit, letztlich über die Zeichensetzung des göttlichen „Sohnes“. Ich bin hier ganz anderer Meinung als F. Schupp, der in grober Rezeption sagt, ja die christliche Dogmengeschichte verlief ja ähnlich erzwungen wie die Missionierung im Islam. Erst durch politischen Druck sei das Dogma von der „homoousie“ JESU entstanden, am See von Nicäa, 325 n. Chr., als der Kaiser auf eine Entscheidung drängte. Druck hin oder her, es geht um die Lesbarkeit und Nachvollziehbarkeit dieses Wortes: Das Christentum ist dem transzendentalen Sinne nach keine „Buchreligion“, deshalb muss das „homoousie“ nicht wörtlich im Text der Hl. Schrift zu finden sein. Die Gottgleichheit („homoousie“) des „Sohnes“ bedingt die transformierte Annahme an Kindes statt – und letzteres, die Kindschaft, ist ja zur Genüge in der Hl. Schrift nachlesbar. Siehe den ganzen Artikel ThpQ, Linz, 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser