Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen; 2. Teil

Dass es vor dem Hl. Ignatius eine größere Vielfalt der kirchlichen Ämter gab, darauf weisen uns die Exegeten gerne hin: die paulinischen Gründungen, der Jerusalemkreis, die Beschreibungen in den Pastoralbriefen, die johanneischen Gemeinden. Das ist doch bemerkenswert, aber auch rätselhaft,  warum sich in der Rezeption des 2. Jhd. und der weiteren Jahrhunderte diese Dreier-Form der Ämter durchgesetzt hat –  Bischofsamt, Priesteramt, Diakonenamt? Welche Erkenntnisbemühung und Erkenntnisbegründung steckt dahinter? Wie lässt sich der Geltungsanspruch eines zu leistenden Gehorsams, die Hervorhebung einer kirchlichen Hierarchie, (bei den Ignatianen noch rudimentär), die Reglementierung von Sakramenten u. a. m. begründen und rechtfertigen? Klingt das für heutige Ohren nicht sehr patriarchal, männerspezifisch, ideologieverdächtig, autoritär?Liest man Texte des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965; siehe dann Anhang), so findet man im Zusammenhang der Weiheämter den Verweis auf den Hl. Ignatius: Vermittelt sich die Hermeneutik des Verstehens von selbst? Sind die in letzter Zeit aufkommenden Fragen zu einer Priesterweihe für Frauen mit Ignatius absolut inkompatibel? Jahrtausendelang gab es offensichtlich in der jüdischen und christlichen Kirche keine Frauen als Priesterinnen, wie schwer fällt ein Umstellungsprozess? Wie groß wäre eine Befürwortung oder eine Ablehnung bei einer Abstimmung? Wie lange dauert es in unseren Affekten, bis ein lang eingelerntes und internalisiertes Verhalten geändert wird? Offensichtlich sind die vielen Formen von Gemeindeleitung und Repräsentation d. 1. u. 2.  Jhd. n. Chr. untergegangen und die aufkommende Dreier-Struktur des Hl. Ignatius/des Autors zw. 160/175 n. Chr. hat sich durchgesetzt – von den Kirchen der Reformation abgesehen. 

Ein kleiner Ausschnitt aus den „Briefen“ des Heiligen IGNATIUS VON ANTIOCHIEN, aber ein typisch wiederkehrendes Paradigma seiner Predigt, wie ich meine:  Siehe diverse andere Stellen bei ihm. Wie können wir den Geltungsgrund seiner Aussagen verstehen?

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

Ignatius an die Magnesier 6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze [S. 128] Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind.

Ignatius an die Trallianer 3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. (….) „

Es sind zweifellos sehr kostbare Texte, entstanden der Tradition nach bei der Überfahrt des Heiligen nach Rom, ca. 110?, oder sie stammen von einem späteren, anonymen Autor ca. 160 – 175 n. Chr. – was natürlich ihre Bedeutung nicht mindert! 1Ich zitiere aus der Bibliothek der Kirchenväter: -Siehe dort Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

1) Für mich auffallend: Es wird nach dem Vorbild eines in Entstehung begriffenen dreifaltigen Gottesbildes und mit absoluter geschichtlicher Rückbindung an Jesus Christus, an das Apostelkollegium und die ganze bisherige Tradition der jüdisch-christlichen Bibel inklusiv der Paulusbriefe, die zeitliche und geschichtliche Weiterführung der Glaubens in ein Nachbild einer sakramentalen Ordnung angestrebt, wie sie großteils heute noch gilt, zumindest in der katholischen und orthodoxen und orientalischen Tradition.

2) Ich möchte die vielen historisch-kritischen Methoden des Verstehens eines Textes alter Zeiten nicht gering achten, aber letztlich muss es ein erkenntniskritisches Kriterium des Verstehens über alle historisch-hermeneutischen Bedingungen hinaus geben, einen absoluten Bestimmungs- und Geltungsgrund, um eine Aussage nachzuvollziehen und zu rechtfertigen. Es gäbe ja soviele literarkritische Analysen, dann psychologische, materialistische. Ich möchte diese historischen Fragen, wie gesagt, nicht gering achten, aber die Entscheidbarkeit ist meine Frage!  

M. E. gibt es bei den „Ignatianen“ diesen transzendentalen Bestimmungsgrund. Es sind oft Imperative („es sollen“, „seid“….), Aufforderungen, Mahnungen, Tröstungen, Anreden, Dankgebete, Bittgebete usw. Dieses ganze Repertoire von Sprechakten, sie entspringen für mich einer Einsicht und Erkenntnis, die ich, wie gesagt, genetische Erkenntnis nennen möchte, denn sie leitet  unmittelbar über a) zu einem  Liebes-Verhältnis Gott gegenüber und b) zu einem interpersonalen Liebes-Verhältnis.

In so alten Texten wird buchstäblich Neues verkündet im übergehenden Willen. Der Heilige/der anonyme Autor weiß sich begnadet, erlöst, gerettet, wiedergeboren, von Gottes Präsenz erfüllt – und diese Erkenntnis, die ich als zeitlos ansehe, versucht er in sakramentalen, re-präsentierenden Formen, zu allgemein bekannten hermeneutischen Bedingungen der damaligen Zeit, zu bewahren und im Testament seines Abschieds weiterzugeben.
Nach außen hin muss er notwendig auf die patriarchalisch geprägte Vorstellungswelt männlicher Hierarchie-Strukturen zurückgreifen, nach innen hin aber geht es dem Heiligen/dem Autor nicht um gesellschaftliche Strukturen und bloße Tradition, sondern um Zukunft und eine neue Erkenntnis. Die Hörer und Leser damals haben das sicherlich herausgehört, und selbst 1800 Jahre später versteht man noch das Anliegen, die Intention, das ganze theoretische Erkennen und praktische Wollen, worum es dem Heiligen/dem Autor gegangen ist, auf neue Füße zu stellen.
Man könnte die patriarchale Schlagseite heraushören, wenn man die hermeneutischen Bedingungen übersieht, aber man hört auch eine intentionale, performative Redeweise heraus, die auf etwas ganz anderes (als eine männliche Hierarchie) zielt:  Auf die Errichtung einer religiös-sakramentalen, re-präsentativen Sinnordnung.   Die Mystik, die Liebe, die neue Leseart der Hl. Schrift, die Abgrenzung zur heidnischen Umwelt, vieles kommt in dieser projektierten  Repräsentation zusammen.

Der Bestimmungsgrund – ich verweise hier auf die Darstellung der Zeit im Bewusstsein bei R. LAUTH 2 – ist das, worum es dem Willen eigentlich immer geht, wenn er will und handelnd übergeht von einer Kausation (Prinzipiierung) zur anderen Kausation – und so wird die Zeit erzeugt! Die zeitliche und geschichtliche Erstreckung wird zusammengehalten und inspiriert durch den dauernden Rückbezug auf den absoluten Bestimmungsgrund. Dieser ist unmittelbar pertinent.
Dieser Bestimmungsgrund ist nicht vermittelt durch ein anderes Moment, oder als Mittel zu einem anderen bestimmt, sondern ist a) höchster Wert einerseits, b) andererseits nicht nur Wert, sondern ebenso auch die diesen Wert verwirklichende Existenz.

Da nach den Gesetzen des Bildens die Vernunft im Allgemeinen und jedes Individuum im Besonderen sich zeitlich entfalten und sich in Identität reflexiv erinnern und  integrieren muss  a) jeder Menschennatur eine apriorische Gottesoffenbarung zugesprochen werden, zusätzlich aber, wovon eben der Heilige/der Briefschreiber besonders erleuchtet und  mystisch erfüllt  muss  b) der Zugang zu einer positiven Offenbarung Gottes ebenfalls als möglich zugesprochen werden. 

Der Heilige/der anonyme Autor schöpft aus dieser unerschöpflichen Quelle des höchsten Wertes und des Lichtes, des erschienenen Logos und des Sinns – und damit verbunden ist ein zeitliches Werden und eine neue Deutung bereits bekannter Begriffe.

Ich könnte dem Heiligen psychologische Gründe der Herrschsucht unterstellen; ich könnte ihm politisches Kalkül unterstellen; ich könnte ihm expliziten Patriarchalismus unterstellen, stoische Weisheit, gnostischen Eigensinn usw. Das ist aber alles nicht schlüssig, wenn ich seine Erkenntnis und Intention fassen will. Ich könnte noch die prekären Rahmenbedingungen der Christenverfolgung zu dieser Zeit einbeziehen, irgendwelche Häresien und Konflikte, systemtheoretische Gründe aller Art bedenken, um die Etablierung einer kirchlichen Hierarchie zu verstehen – das ist aber alles relativ, willkürlich,  angesichts der starken, empathisch-performativen Rede und ihres Inhalts einer positiven Offenbarung akzidentiell. 

3) Die dem absoluten Bestimmungsgrund zugrundeliegende und im platonischen Sinne zu reflektierende Idee nenne  ich höchste Sinnidee, konstitutives, absolutes Wertprinzip, Idee der Erlösung, der Vergebung, der Neuschaffung, der Auferweckung. Sie ist positive Gottesrede – wie JESUS im Evangelium diese positive Gottesrede vermittelt. (Viele poetische und liturgische Gesänge und Texte dieser Zeit, der paulinischen Briefe und der Evangelien, könnten jetzt zur Illustration dieser positiven Gottesrede herangezogen werden.)

Diese  bestimmte, differenzierte und genetische Erkenntnis des Heiligen/des anonymen Autors klingt sittlich-moralisch, ist aber mehr als moralisch, denn die Genese der Sittlichkeit geht ja von der apriorischen und positiven Offenbarung aus. Seine Rede ist gerade nicht explizit moralisch, nicht geschlechtsspezifisch, nicht elitär, nicht national,  sondern explizit katholisch und auf den einzelnen abzielend.
Sie ist auch nicht esoterisch-gnostisch in dem Sinne, dass eine besondere mystische Einweihung dazu nötig gewesen wäre, sondern jeder/jede konnte durch Glauben und durch das Bekenntnis und sakramentale Formen zu dieser erlösten Gemeinschaft übertreten. Sie ist auch nicht eine rein vernunfttheoretisch-philosophische Erkenntnis, als könnte die biblische Überlieferung vernachlässigst werden, sondern explizit gilt die geschichtliche Überlieferung der Hl. Schrift im apriorischen Rahmen der Vernunfterkenntnis.
Die Botschaft ist
schließlich nicht rückwärtsgewandt, bloß erzählend, sondern die kategorische Wahrheit der positiven Offenbarung erhebt einen aktuellen und zukünftigen Geltungsanspruch. Wie schon gesagt, eine neue, religiöse, sakramentale Sinnordnung ist im Aufbau begriffen – und das macht diese Zeugnisse dieser Zeit so wertvoll und im Grunde einsichtig, denn es sind allgemeine Vernunftgesetze und Geltungsgründe, die dort vorgebracht werden – und so  von allen, für alle, zu jeder Zeit, auch heute, nachvollziehbar. 

Transzendental-reflexiv formuliert: Der pertinente Wert im Bestimmungsgrund ist unwandelbar derselbe, aber  immer in Bezug auf einen Gegenwert  zu setzen. Empfunden wird die den Willen einschränkende und insofern zwingende Bestimmung in ihrer faktischen Beschaffenheit. (Das könnte historisch beschrieben werden: Die ständige Bedrohung der christlichen Gemeinde, die Verfolgung, die sonstige gesellschaftliche Unterdrückung, das politische Herrschaftssystem, die sozialen Verhältnisse usw.) Die faktische Beschaffenheit war nicht und ist nicht wertneutral, sondern wird gefühlt in ihrer werthaften (oder unwerten) Potenz. Gefühlt wird in eins damit eine Relevanz für die eigene willentlich und werthaft angestrebte Intentiondie plötzlich in der Verkündigung und im Ausweg des Glaubens und die Erkenntnis der positiven Offenbarung damals erfahren wurde.  Bezogen auf den „Sitz im Leben“ des antiken Textes müsste das etwa heißen: Die Relevanz der zu gewinnenden Hoffnung, die Relevanz der sakralen Sinn- und Lebensordnung, die Relevanz der Sinnidee, die wurde plötzlich verkündet.  Das war dem Heiligen/dem Autor so wichtig, dass die Art und Weise der gesellschaftlichen Vermittlung und Etablierung im Hinblick auf die Hierarchie, ob sie männlich oder weiblich sein konnte, nebensächlich war – und wahrscheinlich nebensächlich für die Mitchristen seiner Zeit. Der Begriff einer Form der Weitergabe und Repräsentation war wichtig, Form als Einheit eine Qualität – und die materiale Qualität war die geschenkte Erlösung. Die äußere Form der Weitergabe und  Erscheinungsweise war männlich – die innere Qualität galt für beide Geschlechter gleich. 

Transzendental-reflexiv kann ein beraubendes oder erfüllendes Prinzip nur begriffen werden, wenn sowohl der pertinente Wert des Bestimmungsgrundes gewusst wird, als auch zugleich der Gegenwert zu diesem Wert. Gefühlt wurde die Gefahr, in der der Heilige oder die Christen dieser Stunde gestanden sind, die Repression des Glaubens, aber auch der Gegenwert der Gnade, der Freiheit, der  Wiedergeburt aus dem Glauben – und selbstverständlich die Gleichheit der Geschlechter in der Frage der geschenkten Gnade und Erlösung. 

© Franz Strasser

21. 8. 2019 Literatur:

Ich zitierte aus der Bibliothek der Kirchenväter: Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Lumen Gentium, 2. Vatikanum

online: Kathpedia, Weihepriestertum – Link

Reinhard M. Hübner, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Online tlw. lesbar unter – siehe Link

M. V. d‘Alfonso, „Der Ausdruck der Freiheit und die Genese des „Ist-Sagens“: Die Bedingungen der Semantik im späten Fichte, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 382-396,

M. Ivaldo, Bilden als transzendentales Prinzip, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 72 – 88.

M. Siemek, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto (Hrsg.), Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 41 – 63.

Historisches Wörterbuch der Philosophie: Repräsentation, S. 32572 (vgl. HWPh Bd. 8, S. 800-801)

LthK, Stichwort „Repräsentation“, Bd. 8

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Fussnoten

1REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

2Siehe dazu, R. Lauth, Die Konstitution der Zeit im Bewusstseins. München 1981, S 38.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser