Ignatius von Antiochien – oder die säkulare Repräsentation, 2. Teil

Im 1. Teil behauptete ich, dass der heilige Ignatius eine genetische Erkenntnis hatte, und von dorther begründete er seinen sittlich-praktischen und normativen Geltungsanspruch der Errichtung einer kirchlichen Hierarchie von Bischöfen, Priestern und Diakonen und generell seine sakramentale Sicht einer kirchlichen Gemeinde.

Hier interessiert mich eben – zugegeben vielleicht einseitig? – was den Heiligen zu solch normativen und juridischen Aussagen zurkirchlichen Hierarchie geführt haben könnte. Die kirchliche Gemeinde als solche möchte ich damit nicht abwerten; sie repräsentiert den inhaltlichen Wert der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die soziale Seite der überindividuellen-persönlichen Repräsentanz der positiven Offenbarung.

Kann der für den Heiligen irgendwie notwendig erscheinende Denkzusammenhang der Schaffung einer kirchlichen Hierarchie von Bischöfen, Presbytern (Priester) und Diakonen näher aufgeklärt und begründet werden?

Ich greife hier zurück auf den Begriff der Repräsentation, der in der Philosophiegeschichte oft ein große Rolle spielte, aber derzeit, so scheint mir, nebensächlich geworden ist?!1

1) Der Begriff Repräsentation begegnet mir augenscheinlich in den Debatten einer repräsentativen Demokratie. Der Einfachheit und Kürze halber darf ich zitieren aus wikipedia: „In der Herrschaftsform der repräsentativen Demokratie (auch indirekte Demokratie oder mittelbare Demokratie genannt) werden politische Sachentscheidungen im Gegensatz zur direkten Demokratie nicht unmittelbar durch das Volk selbst, sondern durch Abgeordnete getroffen. Die Volksvertreter werden gewählt und entscheiden eigenverantwortlich. (Hervorhebung von mir) Da die Volksvertretung meist ein Parlament ist, nennt man das System häufig auch parlamentarische Demokratie. Davon zu unterscheiden ist das parlamentarische Regierungssystem.“

Gewählte Abgeordnete repräsentieren das Volk, sind aber zugleich unabhängig vom Volk in ihrer Entscheidung – abgesehen jetzt von geringen Unterschieden in den Demokratieformen dieser Erde. (Siehe ebenfalls obigen Link)

Deshalb nähere ich mich dem Begriff der Repräsentation sozusagen von außen, von seiner Verwendung in Staatstheorien her, damit ich schlussendlich zum Begriff einer Repräsentation auch im kirchlichen Bereiche komme, wie sie implizit einem heiligen Ignatius in seinen Vorstellungen von kirchlicher Hierarchie unterstellen muss, will ich seine Absichten erkennen und den ganzen Impetus seiner performativen Aussagen.

Ich berufe mich hier in einem ersten Punkt auf eine rechtstheoretische Lektüre bei R. Schottky, 2 in einem zweiten Punkt auf eine grundlegende Ableitung des Begriffes der Repräsentation in der GNR v. 1796 von Fichte im Bereich der Rechtslehre. 3

In einem dritten Punkt blende ich nochmals kurz zurück auf die Absicht des Heiligen. (Die epistemologische Ableitung des Begriffes der Repräsentation möge dann in einem 3. Hauptkapitel (3. Teil) erfolgen.)

1) Ein J. J. Rousseaus (28. Juni 1712; † 2. Juli 1778) kennt in seinem „Gesellschaftsvertrag“4 zwar eine vertragliche Autorisierung eines Herrschers, aber prinzipiell ist die Volkssouveränität, als Kollektivwesen, unteilbar, unrepräsentierbar, unvertretbar und unveräußerbar.5

Träger legitimer Herrschaft kann nur das ganze Volk als Kollektivwesen sein, dieses kann, wie Kap. II/1 proklamiert, „nur durch sich selbst dargestellt werden“

„(…) le souverain […) ne peut être représenté que par lui-même“, formuliert Rousseau und macht so von vornherein deutlich. dass er zusammen mit jeder Veräußerung oder Abtretung der Souveränität auch den Gedanken ablehnt, die Gesamtheit könne oder solle ihre Souveränität durch Repräsentanten, z.B. durch gewählte, ihr verantwortlich bleibende Vertrauensleute, ausüben bzw. ausüben lassen. Folgerichtig heißt es dann in III/15: „La souveraineté ne peut être représentée, par la même raison qu’elle ne peut être aliénée“ (96). Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten bedeutete für Rousseau eben, dass das Volk die Souveränität, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, an die Repräsentanten veräußerte. Aber nur die Bürgergesamtheit selbst darf die Souveränität ausüben, weil nur ihr Wille sich mit innerer Notwendigkeit auf „le bien commun“ richtet.“ 6

Vor Rousseau, bei T. Hobbes (5. April 1588; † 4. Dezember 1679), wird der Herrscher zu einer unumschränkten Machtinstanz aufgewertet, weil er nur so gesetzgebende und richterliche und strafende Funktion ausüben kann. Aufgrund der feindschaftlichen Natur des Menschen ist zwecks Friedenssicherung und Schutz des Menschen voreinander eine solche Souveränität notwendig. Anfangs ist der Herrscher in gewisser Weise vertraglich vom Volk autorisiert, aber die einmal abgetretene Macht und Gewalt ist dann uneingeschränkt gültig und geltend und kann nicht mehr abgesetzt werden. Er ist nicht dem Volk verpflichtet, er „repräsentiert“ es nicht. Die untergeordnete Exekutive des Herrschers könnte im übertragenen Sinn „Repräsentant“ des Herrschers genannt werden, insofern sie seine Exekutiv- und Strafvollmacht darstellt. Sie ist es aber nicht im ontologischen, selbstständigen Sinne, denn ihre „Repräsentation“ ist ganz von der Machtausübung und dem Belieben des Herrschers abhängig. 7

Sowohl bei Rousseau als auch bei Hobbes kann summarisch festgestellt werden, dass beide sich deshalb gegen eine Gewaltenteilung aussprechen, weil der Begriff des Souveränität keine aufgeteilte, veräußerbare, repräsentierbare Gewalt erlaubt. 8

Inwieweit in etwas spätere Zeit Kant ebenfalls noch autoritäre Züge aufweist in der Rechtstheorie – siehe meinen Blog zum „Freiheit als Ursprung des Rechts“ – 2. Teil.

In der französischen Verfassung 1791, die wesentlich Bezug nimmt auf Rousseau, kommt seltsamerweise der Begriff der „Repräsentation“ bereits wieder vor: „La Nation de qui seule émanent tous les pouvoirs, ne peut les exercer que par délégation. La constitution française est représentative; les représentants sont le Corps législatif et le Roi.“9

Nochmals zurückgeblendet auf Rousseau: Nach dem II Kapitel des „Gesellschaftsvertrages“, kann nur die Bürgergesamtheit die Souveränität ausüben, weil nur sie das „Gemeinwohl“ („le bien commun“) wollen kann, während ein einzelner, denkbarer Repräsentant auch seine privaten Interessen mit dem Gemeinwohl vermischen würde. Deshalb ist und muss der „Gesellschaftsvertrag“ („contrat social“) unteilbar und unveräußerlich und unrepräsentierbar sein. Die repräsentative Veräußerung widerspräche dem Begriff des „contrat social“. Das Volksganze kann keine Gewalt abgeben.10

Dies führt natürlich bei Rousseau selbst zu mannigfaltigen Problemen und Widersprüchen, „die Regierung kämpft (…) ständig gegen die Souveränität“ (Kap III/10). Seine normative Sichtweise der Herrschaftsbegründung und die tatsachengesetzliche, soziologische und historische Wirklichkeit kommen sich ständig in die Quere – und das fundamentale Problem der begrifflichen Anwendung der legitimen Herrschaft kann er letztlich nicht lösen. 11

Um der normativen Begründung des Rechts willen (durch den Gesamtwillen des Volkes) nimmt er die drohenden Widersprüche in der Anwendung und Realisierung des Rechts in Kauf. Die Volksgesamtheit ist sogar so souverän und unvertretbar, dass selbst das hypothetisch in einem Naturzustand vorgestellte Naturrecht eines einzelnen – welchen Naturzustand es in Wirklichkeit nicht gibt – dem staatlichen Recht untergeordnet werden müsste.

„Denn wenn einem einzelnen (beim Abschluß des contrat social) Rechte verblieben, so wäre er, da kein gemeinsames Oberhaupt zwischen ihm und der Gemeinschaft entscheiden kann, diesbezüglich sein eigener Richter in seinen eigenen Belangen und bald in allen anderen Angelegenheiten auch. Der Naturzustand würde fortbestehen […].“ (Kap. 1/6)

2) Ableitung des Begriffes der Repräsentation bei Fichte in der GNR (GA Bd. I, 3)

Bei Fichte bekommt der Begriff der Repräsentation wieder hohe Priorität. Warum? Kurz gesagt, weil er nicht bloß eine formale Rechtsregel des Freiheitsgebrauches, wie sie Kant proklamierte, kennt, sondern von vornherein von einer Rechtsregel der Anerkennung anderer Freiheit ausgeht.

Nach den Reflexionsprinzipien der Vernunft kann das Selbstbewusstseins eines Menschen nur in Interpersonalität existieren, deshalb ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit der Einsicht in die eigene Freiheit, andere Personen mit gleicher Freiheit vorauszusetzen. Das Postulat anderer Freiheit ist eine ideell zu verwirklichende Realität, ideal als Gesamtzweck vorschwebend.

Die bei Rousseau auftretende Volkssouveränität – dort aber unveräußerbar und unrepräsentierbar -, gibt es auch bei Fichte, aber die normative Idee der Volkssouveränität ist nicht voluntaristisch begründet, sondern verläuft über das Mittelglied einer überindividuell-persönlichen Anwendbarkeit des unwandelbaren, formalen Rechts auf die andere Person hin – und ist von dort, universalisierbar auf eine ganze Volkseinheit bzw auf die Menschheit hin.

Der staatsbegründende Akt eines Gesellschaftsvertrages mit allen Folgen einer staatlichen Autorität und Souveränität ist subsumptiv, logisch-praktische Folge des formalen Rechts, das im interpersonalen Vollzug beginnt. Sehr besonnen und maßvoll mit Wahrung der Grundrechte des einzelnen wird der Allgemeinwille des Gesellschaftsvertrages bestimmt. Das eigentliche telos der Anerkennung anderer Freiheit ist dann wiederum nicht der Rechtsstaat, sondern die vollendete Sittlichkeit, in der Anerkennung der Freiheit des anderen herrscht, in der der Staat mit seiner wenigstens potentiellen Zwangsgewalt sogar seine Funktion verliert und aufgegeben werden kann. 12

  1. a. W., Fichte kennt den Begriff der „Volkssouveränität“ wie Rousseau, aber diese Volkssouveränität nimmt seinen Ausgang nicht von einem formalen Allgemeinwillen aus, sondern umgekehrt vom konkreten, verantwortungsbewussten Wollen des einzelnen Bürgers zugunsten des Gemeinwollens. 13

Dadurch bekommt der „Allgemeinwillen“ eine anschauliche Seite: a) „Einen Willen zu finden, der nur dann, dann aber auch unfehlbar eine Macht ist, wenn er das Gesez will“ (GA I/3, 399).

  1. b) Diesen „Gemeinwillen“ – einerseits überindividuell, andererseits persönlich, nennt Fichte auch den Willen der Bürgergesamtheit, „Das Einzigmögliche […), worüber ihr Wille sich vereinigt, ist […] das Recht in Anwendung auf sie, d.h. ihr positives Gesez.“ (GA I/3 400)

Das bedeutet, dass nur die rechte Gesetzgebung alle Bürger motiviert, ihre in der Vereinigung unwiderstehlichen Kräfte dem Staat zur Verfügung zu stellen und ihm so die notwendige Macht zu verleihen. Darin aber liegt die Voraussetzung beschlossen, dass die Bürger den Staatszwecken aus ihren positiven Eigeninteressen heraus dienen sollen, nicht aus bloßer Furcht, nicht nur unter Zwang. Sie sollen den Staatswillen als ihren eigenen Willen verstehen können. Ihr jeweiliger Eigenwille (im Sinne rationellen Eigennutzes) soll, in Einheit mit dem ihres nächsten Mitbürgers, den Staat konstituieren.14

„Gerade diese Annahme, das apriorische Gesetz lasse sich rein logisch durch ’Anwendung’ der formalen Rechtsregel auf die zufällig-faktischen Gegebenheiten des jeweiligen Volkslebens deduzieren, macht es Fichte möglich, im Gegensatz zu Rousseau die Gesetzgebung den Regenten, den Trägern der Exekutive, anzuvertrauen.“15 (Hervorhebung von mir.)

Durch die persönliche, subsumptionslogische Anwendung des Rechts unter ein positives Gesetz, d. h. unter einer lebendigen Idee des Gesamtwillens der Bürger, kann Fichte das Recht und muss es sogar (im Hinblick auf die Anwendung) einem Regenten und einer verantwortlichen Exekutive anvertrauen.

„Während Rousseau die volonté générale (wie den Willen überhaupt) einer wahren Repräsentation nicht für fähig hält – Repräsentation bedeutet gegenüber jedem Willen potentielle, ja wahrscheinliche Verfälschung – glaubt Fichte gerade die absolute (juridische) Notwendigkeit der Repräsentation einzusehen, glaubt, „aus reiner Vernunft“, in strenger Deduktion, zeigen zu können, daß Repräsentation „eine durch das Rechtsgesez absolut geforderte Einrichtung ist“. (GA I, 3, 449) 16

Weil das Recht in weiterer Folge jemanden anvertraut wird, muss das Recht auch kontrollierbar sein. Im konkreten Fall der GNR, aber nicht mehr in der Rechtslehre von 1812, meint Fichte, das durch ein Ephorat (=Einrichtung eines Weisenrates im alten Sparta) gewährleisten zu können.

  1. Schottky fasst es so zusammen: „Rousseau musste Gewaltenteilung ablehnen, weil sie logisch die Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten impliziert und diese ihm die Überfremdung des Gemeinwillens durch Privatinteressen wahrscheinlich machte. Fichte dagegen fasst im NR (Naturrecht) den Gemeinwillen eben nicht als immer situationsbezogene konkrete Selbstbestimmungskraft eines je besonderen Verbandes auf, die sich – wie der soziale Organismus selbst – lebendig und unberechenbar wandelt, sondern als überzeitliche, feste allgemeine Norm (Hervorhebung von mir), in deren Anwendung jeder fehlerfrei denkende Verstand durch jeden anderen ersetzbar und also auch vertretbar ist. Fraglich aber scheint ihm – und darin bewährt er mehr Realismus als Rousseau – dass von irgendeinem empirischen Willen angenommen werden könnte, er werde das richtig abgeleitete positive Recht auch mit Sicherheit immer (ohne Ausnahme, ohne Abweichungen, ohne Nachlässigkeit, vgl. GA I, 3, 436-439) von sich aus in der sozialen Realität durchsetzen. So leitet er aus dem Grundsatz, dass das Handeln der Staatsgewalt einer Kontrolle auf seine Rechtlichkeit hin bedarf, die Unumgänglichkeit von Repräsentation her. Nur wenn das souveräne Volk seine Souveränität normalerweise nicht selbst ausübt, steht es für die Aufgabe der Kontrolle zur Verfügung, kann es mit seiner Übermacht der Rechtsaufsicht über das Staatshandeln den nötigen Nachdruck verleihen.“17

Ich interpretiere hier Fichte und R. Schottky so: Die unwandelbare, apriorische Form des Rechtsgesetzes, die jeder Verstand einsehen kann, welcher Verstand deshalb auch ersetzbar ist, verlangt deshalb notwendig die überindividuelle-personale Repräsentation des Rechtsgesetzes, weil nur a) vom sittlichen Gewissen her die Anerkennung anderer Freiheit möglich ist und b) eine Zueignungs- und Verantwortungs- und Rechenschaftspflicht nur bei Personen eingefordert werden kann. So autark ein gesellschaftliches System und eine institutionalisierte Macht auch sein mag, es muss trotzdem die Möglichkeit einer Kontrolle und Rechenschaftspflicht bleiben.

In der heutigen Diskussion, wenn ich das recht verstehe, wird die Gewaltenteilung aus der differenzierten Arbeitsteilung begründet. Es kann nicht jeder das formale Rechtsgesetz gut kennen und anwenden, es werden extra Personen dafür freigestellt usw. – siehe nochmals obigen Link zur „repräsentativen Demokratie“ 18 Eine systemtheoretische Begründung von Repräsentationsvollmachten und Repräsentanten ist aber noch keine transzendental-kritische Begründung und Rechtfertigung. Denn was repräsentierte ein gewählter Abgeordneter, der frei entscheiden können soll, wenn das Recht und Gesetz nicht von sich her ein apriorisches, überindividuelles und personales Naturrecht offenbarte und wenn er nicht implizit für die Bürgergesamtheit bestellt wäre? Ohne

  1. a) gewissenhafte Rückbindung auf ein apriorisches Naturrecht und
  2. b) ohne Handlungsauftrag für alle Bürger „repräsentiert“ ein Abgeordneter oder Machtbefugter eines Staatswesens entweder nur die institutionalisierte Macht einer Partei oder eines bestimmten Klientels, oder nur die Gunst des Herrschers. Man kann das „repräsentieren“ nennen, aber es hat einen bloß technischen, mechanischen Charakter. Es gibt dafür keine transzendentale Gewissheit. Schottky hat auf den Widerspruch eines Repräsentationsbegriffes in einem totalitären Staat wie bei T. Hobbes hingewiesen. 19

3) Jetzt zurück zu den juridischen Folgen einer kirchlichen Hierarchie beim Hl. Ignatius: Ich kann ihm unmöglich psychologische Machtgelüste unterstellen, zumal ja aus der Perspektive des nahen Todes (oder bereits historisch gewesenen Todes, aus der Sicht eines anonymen Autors ca. 165 n. Chr.) alles geschrieben ist, also die Sorge um die Institutionalisierung eines Machtgefüges sinnlos erschienen wäre. (Der Heilige soll sogar seinen Tod erwartet haben.)

Seine Anweisungen zum Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie kamen auch nicht durch einen vorhergehenden konstituierenden Akt zustande, dem die christliche Gemeinde anschließend vertraglich unterworfen gewesen wäre. Kein Rede weit und breit von einem solchen Akt in dieser prekären Stunde. Seine Anweisungen und sein Gehorsamsanspruch hatten an sich gar nicht das kirchliche Rechtswesen selber zum Ziel, sondern das Weiterbestehen einer sittlichen Gemeinschaft und die Erreichung einer religiösen Sinnordnung. Seine Absichten gehen über die Rechtsstrukturen hinaus, aber gerade deshalb sieht er auch die Notwendigkeit hierarchischer Machtstrukturen.

Eine rechtliche Ordnung für die einzelne Freiheit zu institutionalisieren hat einen berechtigten Sinn, als es einem Rechtsbedürfnis und Gewissheitsbedürfnis des Menschen entspricht, entsprechende repräsentative Strukturen zu kennen. Damit ist die sittliche Gemeinschaft und die innere Verpflichtung nicht erzwingbar, aber das rechtliche Verhältnis kann eine Bedingung der Möglichkeit dafür bieten.

Aber selbst die sittliche Gemeinschaft als utopisches Ziel der rechtlichen Ordnung gedacht konnte nicht die letzte Absicht des Heiligen gewesen sein. Vielmehr ging er von einer die sittliche Gemeinschaft übersteigenden, religiösen Sinnordnung von Vergebung, Rettung, Auferstehung, ewiges Leben aus, die die Vernunft in ihrem Streben erfassen und ergreifen kann (zu Bedingungen der Freiheit.) Nicht die durch Vernunft und formale Freiheit gewirkte sittliche Idee kann das Ziel sein, sondern nochmals die durch die Sinnidee selbst erfasste Vernunft einer Wiederherstellung und Erfüllung alles menschlichen Strebens. M. a. W., die die Liebe bejahende moralische Vernunft geht in der religiösen Sinnordnung über in eine die Vernunft bejahende Liebe.

Die oben von einer „repräsentativen Demokratie“ und von verschiedenen Staatstheorien hereingeholten oder für unmöglich gehaltenen Begriffsverwendungen von Repräsentation und bevollmächtigten Repräsentanten gewinnen aber damit nochmals einen anderen, tiefer gehenden Sinn. Sie müssen in und aus einer obersten Grundeinheit des Wissens abgeleitet werden können. Siehe dazu dann 3. Teil. Die Repräsentation ist eine formal geschlossene, material aber offene Form des Wissens, die Ichheit des Wissens in der unendlichen Mannigfaltigkeit des Bewusstseins.

Damit bin ich eigentlich dort angelangt, was der Hl. AUGUSTINUS gut 200 Jahre später in seinem Buch „civitas dei“ erörtern und reflektieren wird. (Ein Indiz dafür, dass es eine kohärente Linie des theologischen und philosophischen Denkens in der christlichen Antike gegeben hat.). Das Bürgerschaftsanrecht auf den Gottesstaat erfüllt sich nie in der „civitas terrena“, sondern erst nach dem Weltgericht: Siehe dazu „Der Gottesstaat I, 35; XV, 1; XVI, 41; XVII, 3; XIX, 17;“. 20

Mit dem Verweis auf den „Gottesstaat“ und der Gewissheit des Hervortretens einer Repräsentation einer göttlichen Sinnordnung, worin nicht mehr die formale Freiheit selbst die sittliche Idee erstrebt, sondern umgekehrt die Freiheit von der religiösen Sinnidee ergriffen und verwandelt wird, ist die Höhe der epistemologische Ableitung und Bestimmung der Repräsentation erreicht. Dies soll jetzt noch weiter begründet werden anhand der 12. u. 13. Vorlesung der WL 1805.

© Dr. Franz Strasser

Altheim, 10. 9. 2019

1Bei meiner sporadischen Lektüre von Husserl fiel mir der Begriff der „Repräsentation“ ebenfalls auf. Aber inwiefern mir Husserl eine Hilfe wäre, würde ich bezweifeln. Soweit ich dürftig Husserl kenne, ist er für mich dogmatisch. Das Korrelations-Apriori von Bewusstsein und Gegenständlichkeit, die eidetische Reduktion, das „transzendentale Bewusstsein“, der Sinn-Begriff selbst, die „genetische“ Erklärung etc., diese, wie er sie nennt, „phänomenologischen“ Grundlagen, sie sind für mich erkenntniskritisch nicht haltbar. Ein intentionales Gerichtetsein auf eine unbekannte Gegenständlichkeit und ein vorstellendes Ich, wodurch die Ähnlichkeit zwischen einem Bild und einer Sache geschaffen wird, ist das nicht schon eine verspätete Analyse eines Erkenntnis- und Handlungsaktes, worin subjektives Reflektieren und objektives Reflektiertes bereits getrennt sind? Die von Husserl phänomenale Klassifizierung der Vorgänge des Bewusstseins, die von ihm eingeführten Begriffe wie „Noema“ etc., das ist für mich dogmatische Metaphysik! Es wird die Einheit von Denken und Sein und der einheitliche Akt von Erkennen und Handeln nicht mehr eingeholt, wie sollte das Wissen dann etwas „repräsentieren“ können?

2Richard Schottky, Untersuchungen zur Geschichte der staatsphilosophischen Vertragstheorie im 17. und 18. Jahrhundert: Hobbes, Locke, Rousseau, Fichte : mit einem Beitrag zum Problem der Gewaltenteilung bei Rousseau und Fichte, 1995.

3 J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. I, 3 für die „Grundlage des Naturrechtes“ (abk.=GNR) in: Band 3: Werke 1794-1796,
hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob unter Mitwirkung von Richard Schottky. 1966

4Jean-Jacques Rousseau: Du contrat social ou Principes du droit politique. Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Französisch/Deutsch. (1762) In: Reclams Universal-Bibliothek. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010.

5 Wie das freilich gehen sollte, dass der allgemeine Volkswille herrsche und regiere , das sagt uns Rousseau nicht und ist praktisch unmöglich. Die Rede vom „volonté générale“ ist eine „Chimäre.“ (R. Schottky)

6Zitiert nach R. Schottky, ebd., S 325.

7Siehe zur Darstellung des Vertragsinhaltes des autoritären Staates bei Hobbes, R. Schottky, ebd., S 10 – 17; zum Begriff der Repräsentation des Souveräns bei Rousseau und Hobbes, R. Schottky, ebd., S 325, Anm. 8.

8Nach Rousseau muss sowohl das Postulat unveräußerlicher, jedem Staatseingriff entzogener Menschenrechte als auch das Postulat der Gewaltenteilung im Gegensatz zum Gesamtwillen (Allgemeinwillen) niedergeschlagen werden; vgl. R. Schottky, ebd. S 332. Ähnlich, vielleicht noch potenzierter, bei Hobbes.

Was die unteilbare und unbegrenzte Souveränität des „Allgemeinwillen“ bei Rousseau bzw. die unbegrenzte Souveränität des Herrschers bei Hobbes für Folgen hat – siehe weiter bei R. Schottky, ebd., S 332 – 343.

9Zitiert nach R. Schottky, ebd. S 325, Anm. 9.

10Dem Wortlaut nach wird allerdings in Kap. III/1 diese „unrepräsentierbare“ Sicht des Volksganzen wieder etwas zurückgenommen, indem Rousseau neben der Legislative des Volkes doch einen Zwischenkörper einer eigenständigen Exekutive einschiebt. Also gibt es doch eine repräsentative Macht des Souveräns? R. Schottky führt das Verständnis Rousseaus dahingehend aus, dass jener die eigenständige Macht der Exekutive nur als logisch-praktische und mechanische Fortsetzung der Legislative sehen will. Sie hat im Grunde doch keinen Eigenwillen und repräsentiert deshalb nicht eine andere Macht. (R. Schottky, ebd., S 327f) Generell wird die Legislative des Volkswillens über jede Regierung gestellt, die jederzeit vom Volk abgesetzt werden könnte.

11R. Schottky, ebd. S 329-331.

12Vgl. R. Schottky, ebd. S 350. 351.

13M. a. W., Rousseau fehlt das transzendentale Mittelglied und die Synthese zwischen dem abstrakten Allgemeinwillen und der Anwendung des Allgemeinwillens, die intellektuell anschaubare Interpersonalität im Begriff einer verpflichteten Repräsentation.

14Vgl. R. Schottky, ebd. S 356.

15R. Schottky, ebd. S 356.

16Ebd., S 357.

17Ebd. S 357. Ich habe hier lange über den Sinn des Schlusses von R. Schottky und Fichte nachgedacht: Wenn es keine Repräsentation gäbe, gäbe es überhaupt keine reflexive Möglichkeit des Nachvollzuges einer genetischen Erkenntnis. Die Repräsentation ist die phänomenologische Sichtbarkeit und Darstellung der Erscheinung des Absoluten, eröffnet zum eigenen Nachvollzug und zur eigenen, freien Einsicht.

18 „Da in der Praxis das Staatsvolk jedoch nicht über jedes Detail des politischen Tagesgeschäftes entscheiden kann, haben sich alle bestehenden Demokratien dergestalt organisiert, dass – meist auf mehreren Ebenen wie Gemeinde, Land, Staat etc. gestaffelt – Einzelentscheidungen an gewählte Volksvertreter delegiert werden. Das Volk gibt dann in Wahlen durch Personalentscheidungen die „grobe Linie“ vor, an der sich die gewählten Vertreter idealerweise orientieren, da davon ihre Wiederwahl abhängt. Diese Vertreter sollen als Repräsentanten der Wählerschaft agieren, von der sie gewählt wurden und deren Interessen und Ziele sie in den entsprechenden Gremien im Interesse ihrer Wähler durchsetzen sollen. Insofern ist die repräsentative Demokratie eine Ausprägung von Arbeitsteilung infolge wachsender Sachentscheidungskomplexität.

19Siehe bei ihm in „Rechtsstaat und Kulturstaat“, Fichte-Studien Bd. 3, 1991. 118-153. „Mir scheint es aber aus vielen Stellen bei Hobbes unzweifelbar hervorzugehen, daß dessen natürliches Gesetz im unstaatlichen Zustand keine Gültigkeit hat. Vgl. z. B. De Cive,§§1, 3, 5, 6. Wenn es dort in § 3 heißt, dass zur Befolgung der natürlichen Gesetze »eine Sicherheit notwendig ist«, und wenn diese Sicherheit nach §§ 5 und 6 nur durch Errichtung einer gemeinsamen Macht geschaffen werden kann, die einem einheitlichen Herrscherwillen gehorcht, so entspricht das (….) der gerügten Auffassung, dass die Gültigkeit des konkretisierten Rechtsgesetzes davon abhängt, dass es faktisch befolgt wird; denn die Sicherheit schaffende Macht kommt eben nur zustande, wenn die überwiegende Mehrheit der Bürger der Herrscherautorität tatsächlich gehorcht; der Gehorsamsanspruch des Herrschers aber ist durch den staatskonstituierenden Vertrag zum Recht des Herrschers geworden, ist Teil des für Hobbes einzig möglichen positiven Rechtssystems. So kann ja auch Hobbes ausdrücklich sagen, daß die Gehorsamspflicht des Untertanen endet, wenn die Macht des Herrschers, ihn zu schützen, endet (Leviathan, Vol. III von The English Works of Th. Hobbes, ed. Sir W. Molesworth, London 1839, 208 f. und 279, Chapter 21 und 27). In einer Situation der Krise, des inneren Aufruhrs z.B., bedeutet das, dass der bisher als Teil der Rechtsordnung gültige Gehorsamsanspruch, damit aber auch die ganze vom Herrscher gesetzte Rechtsordnung, mich nicht mehr binden (also die Gültigkeit verlieren), sobald ich urteile, dass nicht mehr genug Mituntertanen loyal dessen bisher rechtskräftiger Autorität gehorchen, um seine Macht hinreichend (für Schutzgewährung) erscheinen zu lassen. Auch bei Hobbes »hängt« also das Rechtsgesetz »in seiner Gültigkeit […] davon ab, daß es befolgt wird« (90) – denn ohne Herrschaft ist ja bei ihm auch das natürliche Gesetz nicht praktisch verbindlich. (…)“, ebd., Anm. 11, S 121.122.

20Augustinus, Über den Gottesstaat, übers. von A. Schröder, 2016.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser