Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 2. Teil

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

Ignatius an die Magnesier 6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze [S. 128] Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind.

Ignatius an die Trallianer 3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. (….) „

Ein kleiner Ausschnitt aus den „Briefen“ des Heiligen IGNATIUS VON ANTIOCHIEN, aber ein typisch wiederkehrendes Paradigma seiner Predigt, wie ich meine. Siehe diverse andere Stellen bei ihm. Wie können wir den Geltungsgrund seiner Aussagen verstehen?

Es sind zweifellos sehr kostbare Texte, entstanden der Tradition nach bei der Überfahrt des Heiligen nach Rom, ca. 110?, oder sie stammen von einem späteren, anonymen Autor ca. 165 – 175 n. Chr. – was natürlich ihre Bedeutung nicht mindert! 1Ich zitiere aus der Bibliothek der Kirchenväter: -Siehe dort Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

1) Für mich auffallend: Es wird nach dem Vorbild eines in Entstehung begriffenen dreifaltigen Gottesbildes und mit absoluter geschichtlicher Rückbindung an Jesus Christus, an das Apostelkollegium und die ganze bisherige Tradition der jüdisch-christlichen Bibel inklusiv der Paulusbriefe, die zeitliche und geschichtliche Weiterführung der Glaubens in ein Nachbild einer sakramentalen Ordnung angestrebt, wie sie großteils heute noch gilt, zumindest in der katholischen Tradition.

2) Ich möchte die vielen historischen Methoden des Verstehens eines Textes nicht gering achten, welche mediatisierten Formen der damaligen Sprache, Kultur, der Gesellschaft, der Tradition in einen Text eingeflossen sind, aber letztlich muss es ein erkenntniskritisches Kriterium des Verstehens über alle historisch-hermeneutischen Bedingungen hinaus geben, einen absoluten Bestimmungs- und Geltungsgrund, um eine Aussage nachzuvollziehen und zu rechtfertigen.

M. E. gibt es bei den „Ignatianen“ diesen transzendentalen Bestimmungsgrund – und er wird sichtbar durch die starke Performativität seiner Aussagen.

Es sind durchaus Imperative („es sollen“, „seid“….), Aufforderungen, Mahnungen, Tröstungen, Anreden, Dankgebete, Bittgebete usw.. Dieses ganze Repertoire von Sprechakten, sie entspringen für mich einer Einsicht und Erkenntnis, die ich genetische“ Erkenntnis nennen möchte, denn sie leitet unmittelbar über zu einer Schaffung von Zeit, Begriffen, Theorien und praktischer Normativität.

Gäbe es nicht einen absoluten Bestimmungs- und Geltungsgrund, könnten wir zu keiner interpersonalen Kommunikation und zu keiner gemeinsamen Zeit und Geschichte finden, zu keiner gemeinsamen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zu keinem Verstehen von gestern und heute: Wir wären isoliert in einer, ich weiß nicht wie zu schildernde, Kommunikationslosigkeit und Zeitlosigkeit.

Der Bestimmungsgrundich verweise hier auf die exzellente Darstellung der Zeit im Bewusstsein bei R. LAUTH 2 – ist das, worum es dem Willen eigentlich immer geht, wenn er will und handelnd übergeht von einer Kausation (Prinzipiierung) zur anderen Kausation. Die zeitliche und geschichtliche Erstreckung wird zusammengehalten und inspiriert durch den dauernden Rückbezug auf den absoluten Bestimmungsgrund. Dieser ist unmittelbar pertinent. Pertinent ist das, was unsere willentliche Intention unmittelbar erfasst und uns unmittelbar betrifft. Dieser Bestimmungsgrund ist nicht vermittelt durch ein anderes oder als Mittel zu einem anderen bestimmt, sondern das, worum es dem Willen um seiner selbst willen geht. Dieser absolute Bestimmungsgrund ist einerseits höchster Wert, aber andererseits nicht nur Wert, sondern ebenso auch die diesen Wert verwirklichende Existenz.

Ich möchte diesen Wert und ihn realisierende Existenz apriorische Vernunftoffenbarung und positive Offenbarung nennen.

Da nach den Gesetzen der Reflexion die Vernunft im Allgemeinen und jedes Individuum im Besonderen zeitlich sich entfalten und integrieren muss, muss es eine apriorische und positive Offenbarung Gottes in der Geschichte geben, ansonsten die Vernunft und das Wollen sich nie absolut selbst bestimmen und wollen könnte (in einem zeitlichen Werden.)


Der Heilige/der anonyme Autor schöpft aus dieser
unerschöpflichen Quelle des höchsten Wertes und des Lichtes, und damit verbunden ist ein zeitliches Werden und die Schaffung theoretische Begriffe wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“, und zugleich, in performativen Sprechakten ablesbar, die Schaffung praktischer Intentionen und Handlungsanweisungen wie z. B. Mahnung zum Gehorsam, Bitte um die geschwisterlichen Gemeinschaft, Kreation einer gültigen Feier von Sakramenten u. a. m.

Die Möglichkeit der Realisierung der Begriffe und der Ursprung gewisser Handlungsanleitungen und Gehorsamseinforderungen, sie sind im Lichte des Rückbezuges auf den absoluten Bestimmungsgrund möglich – und anders können sie für mich nicht zutreffend erklärt werden.

Ich könnte dem Heiligen psychologische Gründe der Herrschsucht unterstellen; ich könnte ihm politisches Kalkül unterstellen; ich könnte ihm expliziten Patriarchalismus unterstellen, stoische Weisheit, gnostischen Eigensinn usw. das ist aber alles nicht schlüssig. Ich könnte auch noch die prekären Rahmenbedingungen der Christenverfolgung zu dieser Zeit einbeziehen, die Widerstände damals. Manches davon mag die Redeweise verständlicher machen, doch der eigentliche Erkenntnis – und Bestimmungsgrund muss ein überzeitlicher, absoluter, für den Willen absolut pertinenter Bestimmungsgrund mit intentionaler Verwirklichung gewesen sein.

3) Deduktiv kann die kirchliche Hierarchie, das Zusammenleben, die Gültigkeit der Sakramente nicht aus der apriorischen und positiven Offenbarung abgeleitet werden, aber reduktiv im reflektierenden Denken und Wollen des Heiligen/des Autors.
Die dem absoluten Bestimmungsgrund zugrundeliegende
und im platonischen Sinne zu reflektierenden Idee würde ich als höchste Sinnidee beschreiben oder als Idee der Erlösung: Erlösung von Schuld, Vergebung, Neuschaffung, Auferweckung zum ewigen Leben. Viele poetische und liturgische Gesänge und Texte dieser Zeit, der paulinischen Briefe und der Evangelien könnten zur Illustration herangezogen werden.

Die höchste Sinnidee/Idee der Erlösung ist der Differenzbegriff zum Absoluten. Gegenüber dem Absoluten gibt es kein Maß, aber eine bestimmte endliche Erkenntnis innerhalb einer anderen Erkenntnis abgegrenzt, differenziert sich gegenüber dem Absoluten in einem bestimmten Sinne. Es ist diese bestimmte, endliche Erkenntnis, ich meine hier die christliche Erkenntnis, die der Totalität nach anders dem Absoluten gegenüber abgegrenzt ist als eine Erkenntnis z. B. eine Erkenntnis der römischen Götterverehrung, die die Totalität des Absoluten wiederum anders denkt. Wenn man von der Unendlichkeit Gottes an sich nichts wissen kann, so kann man doch durch die apriorische und positive Offenbarung die Differenzierung gegenüber der Unendlichkeit Gottes zu einer bestimmten, differenzierten Aussage bringen.

Diese bestimmte, differenzierte Erkenntnis des Heiligen/des anonymen Autors sehe ich dabei nicht als esoterische Erkenntnis an, sondern, wie gesagt, als genetische“ Erkenntnis, weil sie als solche überführt zu einer generierenden Reihe des zeitlichen Werdens und der Geschichte und offensichtlich auch zu konkreteren Aussagen wie zu einer kirchlichen Hierarchie oder zu einer geschwisterlichen Gemeinschaft oder zum rechten Gebrauch der Sakramente. Diese bestimmte Aussage gegenüber dem Absoluten bzw. „genetische“ Erkenntnis musste jeder/jede Christ/Christin der Möglichkeit nach erreichen können, sonst wäre sie nicht kommunikabel und verständlich gewesen.

4) Der höchste Wert im Bestimmungsgrund ist dabei immer in Bezug auf einen Widerwert zu setzen. Empfunden wird die den Willen einschränkende und insofern zwingende Bestimmung in ihrer faktischen Beschaffenheit; gefühlt wird diese Relevanz in ihrer werthaften Potenz. Gefühlt wird ineins damit die Relevanz für die eigene willentlich und werthaft angestrebte Intention.

Bezogen auf den „Sitz im Leben“ des antiken Textes müsste das etwa heißen: Es wurde das christliche Leben sowohl beraubend oder erfüllend empfunden, beraubend insofern, als es lebensgefährlich war, den Glauben zu bekennen, man war Verfolgungen und Repressionen ausgesetzt; aber auch erfüllend – im Glauben, in der Hoffnung, in der geschwisterlichen Liebe konnte alles ertragen werden.

© Franz Strasser

21. 8. 2019

Literatur:

Ich zitierte aus der Bibliothek der Kirchenväter: Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Lumen Gentium, 2. Vatikanum

online: Kathpedia, Weihepriestertum – Link

Reinhard M. Hübner, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Online tlw. lesbar unter – siehe Link

M. V. d‘Alfonso, „Der Ausdruck der Freiheit und die Genese des „Ist-Sagens“: Die Bedingungen der Semantik im späten Fichte, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 382-396,

M. Ivaldo, Bilden als transzendentales Prinzip, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 72 – 88.

M. Siemek, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto (Hrsg.), Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 41 – 63.

Historisches Wörterbuch der Philosophie: Repräsentation, S. 32572 (vgl. HWPh Bd. 8, S. 800-801)

LthK, Stichwort „Repräsentation“, Bd. 8

 

1REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

2Siehe dazu, R. Lauth, Die Konstitution der Zeit im Bewusstseins. München 1981, S 38.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser