Evolutionstheorie – 7. Anfrage; Natur und Gesellschaft;

Die begriffliche Extrapolation der anorganischen wie organischen Natur innerhalb eines realen Systems der Zeit und des Raumes auf einen Entwicklungsbegriff der „Evolution“ hin – unter Anführungszeichen, weil der Begriff hier strikte metaphorisch nur zu lesen ist, sonst ohne Anführungszeichen, wenn ich umgangssprachlich das Wort verwende –  ferner die Extrapolation und begrifflicher Durchdringung der geistigen Erscheinungen der Gesellschaft und Kultur als evolutionärer Prozess, das führt m. E. in paradoxer Weise gerade nicht zu einem Verstehen eines zeitlichen Werdens bzw. geschichtlich Gewordenen, vielmehr zu einem natural-starren und interpersonal-geschichtslosen, ethisch bedenklichen Weltbild, weil es kein Kriterium einer zu realisierenden Sinnidee mehr gibt.

1) Das zeitliche Werden, das die „Evolutionisten“ in der sinnlichen Natur und in der menschlichen Geschichte  faktisch erkennen zu können glauben, ist eine Rede von historischen Daten, Klassifikation und Taxomierung von Substanzen und Erscheinungsakzidentien, eine vermutete kausal-mechanische Abhängigkeit von anorganischen und organischen Phänomenen, eine Wechselwirkung von sich steigernden, emergenten Systemen – aber der Reflexionsakt dieser Analyse kommt explizit nicht reflektiert vor. 1

Die Begründungen des zeitlichen Werdens aus den Wissensbedingungen (einer übergreifenden Einheit des Bewusstseins) werden nicht thematisiert, die Reflexion des eigenen Denkaktes wird objektivistisch in eine Zeit- und Raumtheorie hineingesetzt – und eigentlich wäre dieses „evolutionär“ begriffene Ganze der sinnlichen Natur und der Geschichte längst in seinem zeitlich Gewordensein erstorben, würde nicht stets neu die ursprünglich produzierende Einbildungskraft die Zeit erzeugen und würde nicht allaugenblick die (zeitlose) Sollensforderung der Wahrheit an unser gehemmtes Streben ergehen, sodass wir zumindest spontan in unserem Vernunftstreben reagieren.  

Wie sollte aus anscheinend evolutionär entstandenen Dingen, z. B. einer Tierart, einer Pflanze, oder aus dem biologischen Wesen „Mensch“, aus einer großen Menge aufgenommener Daten, das Kriterium gezogen werden, was Substanz und was Akzidenz dieser Erscheinungen ist? Was nachhaltig oder zeitlich dem Untergang geweiht? Wenn es nur natur-kausale Werdensprozesse in der sinnlichen Natur gibt, was sollte als eine sein sollende, zukunftsträchtige, normative Realisierung angesprochen werden? Die Dinosaurierer waren evolutionär so sinnvoll oder sinnlos wie ein Walfisch oder der Mensch heute. 

Wenn anscheinend alles kausalmechanisch bedingt und in einer Entwicklungsgeschichte (Evolution) rekonstruierbar ist, sollten nicht alle angeblichen freien Entscheidungen des Menschen ebenfalls auf bio-psychische, soziologische und naturale Gesetze zurückgeführt werden?

Per se ist eine auf rein naturkausale Rekonstruktion ausgerichtete Anschauung zeitlich  unterbestimmt bzw. überhaupt nicht zeitlich und nicht mehr sittlich bestimmt. Es wird nämlich nicht mehr reflektiert, dass alles Erkennen unter einem praktisch-sittlichen Soll steht, wodurch erst eine zeitliche und geschichtliche Reihe aufgebaut werden kann. Würde die praktisch-sittliche Ordnung unseres Geistes tatsächlich wegfallen, wir könnten nicht mehr wissen, was wir wollen und wie wir handeln sollten. Die Direktiven einer hierarchischen Wert- und Sinnordnung sind ewig in unserem intentionalen Streben grundgelegt – und erst nachträglich, sekundär, in z. B.  theoriebelasteten „evolutionären“ Analysen, können wir dieses praktisch-sittliche Erkennen um-interpretieren und verfälschen.
Wie die transzendentale Naturlehre aber erkennen lässt: Selbst jede theoretische Wissens-Erkenntnis kommt von einem praktisch-sittlichen Streben her. Erst recht ist aber jedes gesellschaftlich-interpersonale Sein massiv von Geltungs- und Sollensansprüchen besetzt! Es schafft die praktisch-sittliche und in Folge davon und parallel dazu die  theoretische Erkenntnisordnung die naturale und die geistige Seinsordnung der Zeit und des Raumes und der gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen.

Eine naturale Entwicklung (Evolution) alleine zu denken, ohne Eingedenken der Schematisierung der Erkenntnisordnung auf die Anschauungsformen und Verstandes- und Denkformen, das ist eine Abstraktion. Mit der WLnm von FICHTE in der fünffachen Reflexionseinheit des erkennenden und tätig-wollenden Ichs gesagt:  Reale und ideale Reihe der Selbstbestimmung bedingen sich gegenseitig im Schweben der Einbildungskraft und sind synthetisch vereinigt durch eine apriorische Einheit des Wissens in einer reellen Sinnidee und einer seinsollenden Realisierung von Vernunft. Es ist ja geradezu frappierend, wie transzendentale Verstehenskategorien diese voneinander realen und idealen Selbstbestimmungskategorien in der Realität beweisen können! Ein einfaches Beispiel einer Reflexionsvergessenheit einer bloß naturalen Weltbeherrschung darf ich bringen: Welche Einschränkungen an freier Selbstbestimmung sind mit der Hybris der Beherrschung der Atomkraft verbunden? Mit welchem Recht entscheidet sich eine Generation für diese Technik mit Folgewirkungen auf Tausenden von Jahren für nachkommende Generationen? Ist das evolutionär gerechtfertigt? Was könnte eine Evolutionstheorie zu dieser praktisch-sittlichen Beurteilung von Atomkraft sagen, wenn sie einen sittlichen Zweckbegriff und ein sittliches Streben, mithin eine gesellschaftliche Wirklichkeit gar nicht kennt? Sie vermag vielleicht noch an das Gefühl zu appellieren, das Leben zu schützen oder das Überleben zu sichern, doch welchen ethischen Wert hat dieser Appell? Der Verlauf der Evolution kennt keine praktisch-sittliche Höherentwicklung aus einem projektiven Zweckentwurf, alle Zeitreihe ist schon natur-kausal festgelegt (zwar nicht denkbar, aber es wird so vorgestellt) – und durch ideale Eingriffe der Menschheit könnte dieser natur-kausale Prozess etwas verändert werden, aber was bedeutet das schon im Vergleich zu Jahrmillionen der Evolutionsgeschichte!? Ist es evolutionär gesehen nicht gleichgültig, ob die Erde morgen noch besteht oder durch einen Atomkrieg verwüstet worden ist?  

Das Verstehen zeitlicher Bedingungen hängt sowohl a) spontan vom naturgebenen Streben (bei jedem Lebewesen), als auch b) bewusst frei von einem Zweckbegriff ab, den die ursprünglich produzierenden Einbildungskraft notwendig zu einer realen und idealen Reihe einer zeitlichen Entwicklung aufbaut. Objektivistisch ist das aber keine Evolution, höchstens umgangssprachlich, im übertragenen Sinn, wie ich oben schon oft sagte. An sich wird nichts in der Natur, entwickelt sich nichts. Nur im zeitlichen Werden des Bewusstseins selbst wird festgesetzt, was Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft heißt – und dieses zeitliche Werden wird übertragen auf die anorganische oder organische Natur und auf den Leib und schließlich auch auf die gesellschaftliche und geistige Wirklichkeit. Weil ich mich durch den Leib notwendig dem biologischen Sein der Natur zugehörig fühle, erkläre ich mir meinen Leib auch als evolutiv geworden, aber dass und wie diese wunderbare Symbiose mit der Natur durch meinen Leib geschieht, das weiß ich nicht aus der Natur oder dem Trieb selbst, sondern nur reflexiv, d. h.  weil jeweils ein über alle Teil- und Systemeinheiten des Lebendigen hinausgehender Begriff des größeren Ganzen durch einen geistigen Zweckbegriff mir diese Erkenntnis ermöglicht. Das biologische Sein einer Pflanze oder eines Tieres oder des Menschen ist Teil eines größeren Ganzen einer Vernunftrealisation, die sich in einer Fülle von Kräften und Formen und Qualitäten (Trieben) genetisiert und schematisiert. Mein biologisches Wesen ist nie nur für sich allein da, sondern unselbstständiges Moment einer praktischen Vernunftrealisation, der wir alle unterstehen, ob Pflanze, Tier, Mensch. Wie sollte ich aber aus einem evolutionären, determinierten Naturzusammenhang zu einer Einheit einer sowohl spontan sinnlich- triebhaften als auch geistig-freien Natur kommen?

Zeit und Zukunft, so wurde oben ausgeführt, beginnt mit einem elementaren Empfinden, das im Streben bzw. im naturgebundenen Trieb, gefühlt wird. (Siehe ebenfalls oben diverse Stellen der Wlnm und PRACTISCHE PHILOSOPHIE GA II, 3, 183)2

K. HAMMACHER schreibt zu diesem Gefühl des Strebens, dass damit kein Irrationalismus in die Philosophie einzieht, sondern die rationale Durchdringung der Wirklichkeit bewährt sich im Gefühl. Wir erkennen aber dabei nur die Wirkung des Strebens, nicht die Ursache, und der Wille stellt sich als Vorstellung jenes Strebens durch die innere Empfindung dar. (FICHTE, GA II, 3, 1, 184) Wir erkennen die Wirkung aus dem Zweck, den wir uns gesetzt haben. 3 „Damit spielt aber im Zweckbegriff jene innere Tätigkeit, die das Gefühl anzeigt, mit. Die Wirkung, Kausalität, ist beim Zweck in der Empfindung gegeben, aber nicht als eine tatsächliche Kausalität des Ich auf das Nicht-Ich, sondern als Erhöhung des Strebens. (GA II, 3, 189)

Mit dem Zweckbegriff nehmen wir die Zukunft in das zeitliche Werden auf, sofern wir im Zweck die Wirkung als Ursache vorwegnehmen, und zwar als Wirkung einer bestimmten Ursache.
Deshalb meine siebte Anfrage: Welche Gesamtstrategie steckt hinter in den „evolutionären“ Erklärungen? Ist es tatsächlich die
theoretische Neugier, konsistente, evolutive Vorstellungen von den Kräften des Universums, von den Prozessen des genetischen und biologischen Lebens, von den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zu gewinnen, oder steckt hinter der theoretischen Neugier, die prinzipiell nicht zu verwerfen ist, noch ein anderes Interesse, eine psychologisch zu verstehende Verdrängung?   Geht es wirklich nur um physikalische, genetische, biologische  Verstehensprozesse,  um paläontologische Deutungen der Hominisation, oder ist der Zweck ein latent anderer? Ich möchte damit nichts ad personam sagen, aber soll durch die dominante Evolutionstheorie  die Selbsttätigkeit der Vernunft und die ganze Freiheit des Menschen unbewusst-bewusst auf ein nur naturbezogenes Maß individueller oder manipulierter Geltungsansprüche heruntergedrückt werden? Soll eine gesellschaftliche Non-Utopie verfolgt werden?  4

In einer teilweise rabiat anzutreffenden Rede einer Evolutionstheorie  – und immense Forschungsgelder sind dafür zur Verfügung  –   worin es anscheinend „nur“ um genetische, gehirnphysiologische und medizinische Fragen geht,  tauchen aber sehr schnell ethisch relevante Fragen auf, wie die Realisierungen der Vernunft a) auf der naturalen Ebene des biologischen Seins und b) auf der gesellschaftlichen Ebene aussehen sollten. Anscheinend geht es dann auf der naturalen Ebene nur um technische und medizinische  und diverse kybernetische  Ziele des Verstehens, auf der gesellschaftlichen Ebene geht es um Fragen des Zusammenlebens und der Gerechtigkeit.
Man denke nur an die Gesellschaftstheorien eines Marxismus oder Nationalsozialismus, an Demagogie und und Digitalisierung etc.. welche Fortschrittsidee steckt hinter der Evolutionstheorie, wenn der sittliche Sollensanspruch fehlt? Die Mitte der Einheit des Wissen, für den sinnlichen Bereich des Verstehens von Natur, als auch für den gesellschaftlichen  Bereich der Selbstbestimmung innerhalb einer Personengemeinschaft, muss höher gefasst werden als eine realistische oder idealistische These je bieten können. In allem apponierenden, zeitlichen Kausieren, im spontanen wie im freien, offenbart sich eine Sinn- und Realisierungsforderung, die in der Geltung einer kategorischen Vernunftforderung und in einer zeitlich-geschichtlichen Sinn- und Wertrealisierung resümiert werden kann – so die transzendentale Geschichtstheorie, konträr entgegengesetzt einer Evolutionstheorie. Eine nur evolutiv behauptete Realisierung im realistischen oder gesellschaftlich-utopischen Sinne ist und wird automatisch autoritär.  

© Dr. Franz Strasser, 7. 5. 2017

1 Die Frage, ob z. B. bloß von einem Wandel von Eigenschaften von Individuen über Generationen hinweg innerhalb einer biologischen Art gesprochen werden soll, von sog. „Kooptionen“, oder doch von neuartigen Entstehung von Organen, Strukturen, Bauplantypen, qualitativ neuen Genen, da sind sich selbst Naturwissenschafter uneins. Siehe z. B. download . 05.12.12  Wieviel Evolution ist durch Kooption möglich?

2Vgl. R. LAUTH, Naturlehre 1984, 17 – 23. Ich verweise auch auf die Wlnm.

3Vgl. K. Hammacher, Kategorien der Existenz, a. a. O., S 103.

4 Ich denke nur an die eugenischen und rassistischen Theorien des 19. Jhd.; oder derzeit versucht man aus neuronalen Erkenntnissen die freie Selbstbestimmung zu falsifizieren und zu „beglücken“.  Siehe z. B. Thomashoff, Hans-Otto: Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit. Eine spannende Reise in die Welt von Gehirn und Psyche. Ariston Verlag 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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