Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 5. Teil – Schluss

(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Der andere Begriff der „Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen“ ist die frei gewählte Vorstellung, über das im reflexiven Denken liegende Repräsentationsmuster einer sittlich-moralischen Ordnung hinauszugehen, und im Glauben eine sakrale, religiöse Sinnordnung zu entwerfen; der „Nothwendigkeit“ nach, weil ja Repräsentation notwendig ist, aber doch auch frei, weil nur im Glauben zu erhoffen.

An keine religiös-sakrale Repräsentation und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis (der apriorischen und positiven Offenbarung) zu glauben, bzw. sie aus laizistischen Gründen sogar abzulehnen, würde eine moralisch-sittliche und naturale Ordnung selbst zusammenstürzen lassen, denn es hieße, einen transzendental-reflexiven Wissensprozess bewusst abzubrechen und die Erscheinung des Absoluten zu leugnen. Umgekehrt, eine nur theokratische und pseudo-sakrale Gesellschaftsordnung zu etablieren ohne Rechenschaft abzulegen, in welcher Ichform (in moralisch-sittlicher) und in welcher Bezugsform zu einer positiven Offenbarung dies aussehen könnte, wäre gleicherweise autoritär und verobjektiviere die göttliche Gnade, weil die vernunftkritischen Argumente fehlten. (Der Islam leidet unter seiner politischen Reglementierung; der Naturreligionen neigen ebenfalls zu starkem Autoritatismus und Unvernunft.)

Ohne Transzendenzverweis wäre eine säkulare Machtausübung früher oder später nicht mehr repräsentativ, aber auch jede sich „religiös“ nennende Repräsentation muss transzendental-reflexiv ihre sakralen Begriffe vernünftig begründen und einsichtig werden lassen, sonst wird sie autoritär.

1) Ein Enthusiasmus über die geschenkte Erlösung, eine neue Gotteserkenntnis trotz schlimmer Repression, eine neue religiös-sakrale Sinnordung ist aus den Briefen des Heiligen/des anonymen Autors unleugbar herauszuhören (wie aus allen Paulusbriefen). Da spricht nicht einer von der Vernunft frustrierter, an Repräsentation überhaupt nicht glaubender Rousseau, (siehe oben 2. Exkurs zur Repräsentation im juridisch-politischen Bereichs), auch nicht einer von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Skeptiker wie Hobbes, der „Repräsentation“ braucht, um Macht und Herrschaft auszuüben. Es spricht auch kein Systemtheoretiker unserer Zeit, der die „Repräsentation“ als Funktion in einer differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft sieht, vielmehr ein erfahrener, geprüfter, den Wert der apriorischen und positiven Offenbarung kennender, sie genetisch auf die Zeit applizierender Mensch. Er möchte nicht einen Schein-Parlamentarismus bezwecken, aber auch keine patriarchale Machtausübung um seiner selbst willen etablieren, sondern bekannte Begriffe (Episkopus, Presbyter, Diakon) werden weiterverwendet in der Hoffnung, dass sie das repräsentieren, was biblisch, metaphernhaft und positiv erkannt worden ist: Gott, der Vater, der Heiland Jesus Christus, die Hl. Geist.

2) Gemäß der WL 1805 muss die formale Wissensform auf die Undarstellbarkeit des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn die Erscheinungsweise des Absoluten in ihrem werthaften So-Sein so genau und deduktiv wie möglich zur Geltung gebracht wird, sei es in der Erkenntnis oder im Wollen-in-actu. Keine Dekonstruktion ohne gleichzeitige differentielle Konstruktion alles Seienden in einer wahrhaften und werthaften Weise der Erscheinung des Absolutenin allen Bereichen der Wirklichkeit: in der sinnlichen Natur, der Gesellschaft, der Moralität – und in einer religiösen, sakralen Sinnordnung.

Die Vernunft, wenn sie sich denn verstehen will, kann gar nicht anders, als sich in genetischer Einsicht verstehen, d. h. in der Weise des Wissens, warum sie disjunktiv vorstellt, handelt und will und disjunktiv sich bildet in Denken und Sein. Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind a) innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und b) appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht, das ist ein
Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits und reagierender Freiheit darauf.

3) Repräsentative Formen in einer Religion zu kennen ohne explizit auf einen absoluten Bestimmungsgrund und auf positive Offenbarung Bezug nehmen zu können, halte ich für hypothetisch und problematisch. Das führte bestenfalls zu einer Art „Naturreligion“ oder „Religion“ als moralische Veranstaltung, wie sich manche Aufklärer des 18./19. Jhd. das vorgestellt haben. Es führt zu einer Vielgötterwelt  alten Zuschnitts oder Hinduismus, oder zu säkularisierten Formen einer bloß moralisierenden Religion, oder zu überhaupt säkularisierten Formen eines naturalen Polytheismus wie Evolutionslehre, Systemtheorie, mind-Theorie usw.
Der Hl. Ignatius/der anonyme Autor
sprach nicht in verschwommener, verdeckter Weise von Repräsentation, sondern in performativer, klarer Rede – „seid“, es sollen sein, gehorcht ihnen wie…..Gott-Vater, Jesus Christus, den Aposteln…“

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allem patriarchalen Einschlag, wie gesagt, als Aussagen einer neuen, positiven Gottesrede. Eine neue religiöse Ordnung kann geschaffen werden – dank genetischer Erkenntnis und Herleitung der Begriffe aus einer ausgezeichneten Gegenwart der apriorischen wie positiven Offenbarung.

Sobald aber eine prinzipielle Einsicht in einen bestimmten Wahrheitsanspruch übergeführt werden soll, eine Auseinandersetzungen mit den relevanten Gefühlen und Widerwerten beginnt, beginnt die Konkretion der Willensbestimmung – und es kommt zu einer relativen, geschichtlichen Verwendung der Begriffe und ihrer Anschauungen. Diese historischen Bedingtheiten zu erfassen, nenne ich eine transzendental-hermeneutische Leseart.
Dass aber eine prinzipielle Repräsentation in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein (individuell) und in einer interpersonalen Gemeinschaft (universell, katholisch) ebenfalls möglich sein muss, das nenne ich die transzendental-kritische Lektüre der Väter, weil ich die Bedingungen der Wissbarkeit darin mitbedenken will.

Die Kraft aus diese Briefen eines IGNATIUS/eines anonymen Autors, die Etablierung einer kirchlichen Ordnung, die Zusammenkunft der Christen, das Entstehen der Sakramente, das alles spricht von einer genetischen Neuschaffung von Repräsentation  und kann mit hermeneutischen Bedingungen alleine nicht erklärt werden. Die Gnostiker konnten sich nicht halten, die Machtstrukturen der Römer brachen zusammen, die Philosophie verblasste, aber die kirchliche Hierachie und die kirchlichen Ordnungsmuster, die Feier der Sakramente, die Christianisierung der ganzen Gesellschaft, das ist gewachsen und geblieben. Warum? Weil eben die transzendental-reflexive Begründung in und aus der apriorischen und positiven Offenbarung kraftvoll und lebendig war. Es war ein geschichtlicher Fortschritt, der so noch nicht da gewesen ist. (In ähnlicher Weise könnten der KLEMENSBRIEF oder die DIDACHE gelesen werden.)

4) Hat das jetzt noch etwas mit der Frage nach der Priesterweihe der Frauen zu tun? In der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung überhaupt gesehen hat der Geschlechtsunterschied von Mann und Frau wohl einen  tieferen, inneren Sinn. Das soll und kann etwas Spezifisches sagen und verdient eine transzendental-kritische Beschreibung der spezifischen Leiblichkeit. Die Mystagogien vieler Ausführungen des „dogmatischen“ Weges sprechen  die Schönheit der Geschlechter sehr gut an, sprechen von starken, weiblichen Repräsentationsformen einer göttlichen Sinnordnung – wohingegen die simplen juridischen Gleichheitsforderungen des „emanipatorischen“ Weges ziemlich verblassen. 

Trotzdem möchte ich unterscheiden, ob die geschlechterspezifische Schöpfungsordnung und der darin liegende Repräsentationswille genauso für die juridische und kirchliche Ordnung  gelten solle? Ich würde sagen, die alle anderen Werte übersteigende und alle Sinnwidrigkeiten restituierende Sinnidee, die religiöse Sinnordnung, nennen wir sie Vergebung, Auferstehung, ewiges Leben …… das gilt doch geschlechterunabhängig?!

Die performativen Sprechakte des Heiligen zielten auf eine sakrale, positiv begründete, neue religiöse Sinnordnung ab. Wie hätte der Heilige/der Autor sonst das Neue verkünden sollen als mit einem gewissen patriarchalen Einschlag? Über die historischen und sozialen Bedingungen der Weitergabe des „depositum fidei“ und der „sana doctrina“ konnte der Heilige nicht frei verfügen. Eine Priesterweihe für Frauen  lag deshalb wohl außerhalb seines Denkhorizontes – und außerhalb sozialer Akzeptanz.  

Aber die Argumentation in und aus dem absoluten Bestimmungsgrund (der apriorischen und positiven Offenbarung) war transzendental-reflexiv für jeden/jede einsichtig, vermittelbar, emphatisch, performativ, integrativ, universal, katholisch – und selbstverständlich geschlechterübergreifend.
Die geschlechter- und standes- und alters- und ethnisch unabhängige Realisation der Sinnidee
ist deshalb, m. E., prioritär zu werten verglichen mit geschlechterdifferenzierten Standesunterschieden – die gleichfalls einen tieferen, transzendental-religiösen, mystagogischen Sinn haben.
Das Geschlecht ist für mich  eine aus dem Wissensakt (Denkakt)
abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins, und muss deshalb in einem transzendentalkritischen Sinn anders bestimmt und bewertet werden, als das Geschlecht in einem repräsentativen Sinn einer juridischen oder gesellschaftlichen oder kirchlichen Ordnung.

Das Geschlecht repräsentiert sicherlich eine spezifische,  werthafte Fülle der göttlichen Erscheinung, aber die gesellschaftliche Repräsentation erfüllt umgekehrt ebenfalls einen tieferen Sinn göttlicher Transzendenz. Das geschlechtliche Spezifikum im gleichen Denkakt des Leibes und der Moralität auf den juridischen und religiösen Bereich zu übertragen, das verwechselt die Ebenen und Bereiche. 

Die patriarchal erscheinenden Repräsentationsformen waren historisch-relativ gewachsen. Der Heilige/der anonyme Autor konnte nicht aus,  musste aber pragmatisch handeln, wollte er im Gewissen und in einem Gesamtwillen die Verkündigung retten. Er wurde selber zu einem authentischen, wahrhaften Bildseins des Seins.  Die dem Heiligen/dem Autor vorschwebende transzendentale  Sinnidee überhaupt ist aber ungleich höher zu werden, als die hermeneutisch-relativen Realisierungen derselben. Die Ikonographie der Anastasis-Ikone, in der Christus Adam und Eva aus dem Grab heraufholt, drückt für mich diese transzendentale Sinnidee, die neue religiöse Sinnordnung aus: Beide Geschlechter werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt und behalten selbstverständlich ihr spezifisches Aussehen und ihre spezifische Größe und Schönheit.  

Der Hl. IGNATIUS /der Autor,  so mein Schlussresümee, war so gepackt und ergriffen von der neuen religiöse Sinnordnung, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Hierarchie auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen in hierarchische Repräsentationsformen.

Es hat die geschlechterspezifische und anthropologische Differenzierung von Mannsein und Frausein  hinsichtlich Lebensformen und Lebensweisen, hinsichtlich sinnlicher und leiblicher Schönheit, sogar hinsichtlich religiöser Sinnhaftigkeit, einen tiefen, nicht zu übersehenden Sinn. Der „dogmatische Weg“ in seinen Mystagogien hebt das besonders hervor. Dazu kommt die jahrtausendealte Rezeptionsgeschichte und das eingeübte Verhalten.

Deshalb sind aber, so jetzt meine andere Sicht,  die Begriffe eines Bischofs, Priesters, Diakons nicht geschlechterspezifisch oder nur historisch begründet und abgeleitet. Die transzendental-reflexive und genetische Begründung von kirchlichen Ämtern kommt aus einer übergeordneten, zeitlosen Sinnidee. Ginge die genetische Erkenntnis verloren, würden die Begriffe metaphysisch – oder, falls ich das dem „emanzipatorische Weg“ unterstellen will –  nur funktional. Beide Male wäre die Repräsentation eigentlich verfehlt, in einer metaphysischen, wie in einer nur funktionalen, politischen Redeweise. 

(c) Franz Strasser

21. 9. 2019
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Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser