Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 5. Teil – Schluss

Weil mich die Sache berührt, wollte ich nach den transzendentalkritischen Bedingungen fragen, die einen Begriff konstituieren. Ich setzte von vornherein voraus, dass solche kirchlichen Ämter wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ nicht bloß Wörter sind, Relikte einer verworrenen Naturreligion, irgendwelche hermeneutischen Verstehensbedingungen, metaphysische Begriffe, sondern einen qualitativen Gehalt der Erkenntnis in sich tragen und auf einen genetischen Erzeugungsgrund verweisen. Die Begriffsform selbst bedingt die Erkenntnis eines Objektes nicht umgekehrt, dass das Objekt das Denken erzeugt.

Das ist jetzt die Schönheit der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht!

Die Grundstruktur des Begreifens kann transzendental den Zirkel, einerseits vorausgesetztes Material, Begriffenes, andererseits freies Begreifen und freier Umgang mit dem historischen Datenmaterial, auflösen, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1

Wird ein mögliches Substrat für eine künftige Einsicht theoretisch angenommen – beide „Parteien“ des dogmatischen und des emanzipatorischen Weges tun das oft – so ist das Substrat gesetzt als noch nicht in der Einsicht und doch existent. Aber die Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann gar nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz eines solchen selbstständigen Substrats, da es nur eingebildet ist. Die Einsicht vermag nie unmittelbar das reine Substrat für bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht einzusehen, es vermag zwar etwas möglich in der Einsicht zu liegen, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.

Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, dass das Substrat ihres aktualen Erkenntisvollzuges wirklich existiert, oder sei es, dass es im aktualen Erkenntnisvollzug nur als möglich eingesehen wird, also dass der Bezug noch kontingent ist.

Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“ 2

Dass dieses Selbsterkennen, der Akt des Begreifens, sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehen machen könne, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihre Existenz), die Idee des Guten ist realiter Vollzug, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist selbstständiger Grund seines Sichbegreifens – und die Objektwelt steuert nur das materiale Substrat für den actus des Begreifens bei.

Aber, so jetzt die Terminologie der WL FICHTES: Natürlich ist diese genetische Lebendigkeit des Begreifens trotzdem nur ein Bild, ein Bild für die absolute Einheit.

Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die „Darstellung“ jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten.
Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes der absoluten Einheit im Bilde kommen in jedem Begriff zusammen.

Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbsterkenntnis und Bescheidenheit seine Ohnmächtigkeit sieht, den absoluten Grund seines Sich-Begreifens von sich her darzustellen, kann er, seinen Anteil z. B. in der Begrifflichkeit der Darstellung einer sakralen kirchlichen Ordnung erkennen und sich dessen bewusst sein: er hat die Funktion einer Folge, Folge des absoluten Grundes zu sein, Folge einer apriorischen wie positiven Offenbarung.

Der Begriff durchschaut die genetischen Zusammenhänge seines Begreifens als ein Begreifen des einen durch ein anderes. Der Heilige/der Autor begriff die apriorische wie positive Offenbarung in seinem Akt des Erkennens, und zugleich seinen Akt – der sich in metaphorischen Bildern und hohen Tönen und Vergleichen ausdrückt – als das andere durch das Bestehende (der Offenbarung).

Warum begriff der Heilige/der Autor inhaltlich-qualitativ, so vehement und performativ, so metaphorisch und dann wieder wörtlich, seine genetische Erkenntnis der Offenbarung, dass er eine sakralen und sakramentalen Ordnung der kirchlichen Gemeinschaft etablieren wollte?
Der Akt des Grundes seiner Erkenntnis, der absolute, unzugängliche Grund, das Licht der absoluten Einheit in seinem (hermeneutischen) Begreifen, erscheint ja zugleich in Abhängigkeit von diesem absoluten Grund. Was durch sein Begreifen vermittelt wird, ist selbst das Licht dieses Sich-Begreifens im Erkennen, ist ein Bild, ein Bild, das die genetische Form des Begreifens der Offenbarung repräsentiert.

Der Heilige/der Autor will diesen Urbegriff der Repräsentation Gottes (seiner Erscheinung) in eine nachzuvollziehende, praktische, pragmatisch-projektive, genetische Form des Sich-Begreifens bringen, was heißt, das Phänomen der Offenbarung in seinem Prinzipiencharakter erfassen – und so sieht er eine transzendentallogische Notwendigkeit, die Vermittelbarkeit des Heils und der Rettung in sakrale und sakramentale Strukturen zu fassen.

In der Überlieferungsgeschichte, im Ersten wie Neuen Testament, in seiner erfahrenen christlichen Gefühls- und Lebenswelt, erkennt der Heilige/der Autor ein Projektionsgesetz, aus dem die Erscheinung des absoluten Grundes selber spricht und deutlich erkennbar ist: Die Welt/der Mensch ist gerettet und erlöst, die ganze Hl. Schrift ist schon darauf angelegt gewesen. Das Resultat dieser genetischen Erkenntnis wird unter zeitlichen Umständen unvollkommen bleiben, aber das Maß des Urteilens und die prinzipielle Genesis der Erlösung ist abgeschlossen und vollendet.

Wie kann diese Idee gelebt und vermittelt werden? Der Heilige/der Autor greift zu ihm bekannten Bildern: zum Bild des „Bischofs“, des „Priesters“, des „Diakons“.

Das Projektionsgesetz in der Reflexivität des Wissens von der Erscheinung Gottes lässt mich jetzt auch verstehen, warum der Heiligen/der anonyme Autor zu bekannten Bildern der begriffenen Vermittlung greift, die für sich betrachtet, metaphorisch, reichlich überzogen sind: Der Bischof steht für Gott-Vater, den geglaubten Schöpfer der Welt und des Himmels, der Presbyter für die Apostel, der Diakon für Christus. Die eigene wie fremde Unzulänglichkeit wird dem Heiligen/dem Autor wohl bewusst gewesen sein, aber ein Typos des Bezuges soll bewusst hergestellt werden, um einen Begriff einsichtig zu machen, der noch nicht existiert, nur potentiell, und auf das telos der zu erreichenden Vermittlung hinweist. Das Endziel des Genesis Gottes wird projiziert auf schwache, sündige Menschen und generell auf die ganze christliche Gemeinschaft mit ihren schwachen, sündigen Mitgliedern, damit die Genesis des Urbegriffes der ERSCHEINUNG selbst vermittelt werden kann „in zerbrechlichen Gefäßen“.

M. a. W., die Begriffe „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ sind begriffene Phänomene aus einem Prinzipiengrund der genetischen Selbsterkenntnis, Bilder in der Einsicht des Aktes, worin aber das Begreifende unterschieden bleibt vom Begriffenen des absoluten Grundes, weil das telos der Rettung und Erlösung in unzähligen Teilakten der Individuen und der zeitlichen Ereignisse bewahrt und erreicht werden soll, und nicht in einer irdischen, utopischen Herrschaft.

Die Grundstruktur des Begreifens als Bild, als unterscheidender actus zwischen dem (freien, deshalb auch fehlerhaften) Begreifenden und dem Begriffenen der selbst unbildbaren Genesis und Repräsentation Gottes in der Offenbarung, ist durch die Erscheinung Gottes begründet, und führt unter reflexiven Bedingungen der Freiheit und der Zeit, zu einem telos einer sakramentalen, religiösen Sinnordnung.

© 29. 9. 2019

1Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

2J. Widmann, ebd., S 60.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser