Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 5. Teil – Schluss

Weil mich die Sache berührt, wollte ich nach den transzendentalkritischen Bedingungen fragen, die einen Begriff konstituieren. Ich setzte von vornherein voraus, dass solche kirchlichen Ämter wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ weder rein metaphysische, unerklärbare, noch rein säkulare, historisch rekonstruierbare Begriffe seien, sondern Begriffe mit einem bestimmten transzendentalen und qualitativen Sinngehalt, der sich ableitet aus einer genetischen Erkenntnis apriorischer wie positiver Offenbarung. Es soll m. a. W. eine religiöse Sinn- und Erlösungsidee installiert werden, die Zeit, Begriff, Ordination in eine differenziertes Gefüge von Transzendenz und Immanenz zusammenfasse – und dazu bedarf es einer kirchlichen Hierarchie. Diese Hierarchie leitet sich substantiell vom Repräsentationsgedanken überhaupt ab, akzidentiell von den damaligen historischen Umständen, die zu einer betont männlichen Hierarchie führten.

Das ist die Schönheit der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen eines Begriffes, hier der sakramentalen Heils- und Erlösungsordnung, zum Objekt macht – und so dialektisch die Begriffe in ihrer Bedeutung herauszuarbieten vermag. Die Bedeutung eines Begriffes „Bischof“, „Priester“, Diakon“ liegt in dieser Repräsentations- und Realisierungsform von genetischer Erkenntnis, wie schon oft jetzt gesagt, aber deshalb ist diese Form nicht an das Geschlecht gebunden?! Repräsentation bezieht sich auf die Einheit-in-Differenz des Vernunftwesens gegenüber der Erscheinung Gottes überhaupt – und ist nicht wiederum geschlechtsspezifisch differenziert?!

Das Geschlecht drückt für mich transzendental eine Zugehörigkeit zur Schönheit des Leibes und seiner Wirksamkeit aus – und kann deshalb dort wertgeschätzt und hervorgehoben werden. Ich bin deshalb keineswegs für eine geschlechtliche Gleichmacherei in allen Bereichen des Denkens, aber gehört geschlechtliche Differenzierung auch zur Differenz einer durch die apriorische und positive Offenbarung in die Welt gekommene göttliche Heils- und Sinnordnung? Die Anastasis-Ikone aus dem Osten zeigt das ja treffend, dass der auferstandene Christus beide Geschlechter, Adam und Eva, gleichzeitig aus dem Grabe holt.

Der hermeneutische Zirkel des Verstehens eines Wortes „Bischof“, „Priesters“, „Diakons“ kann transzendental aufgelöst werden, wenn die Einsicht in den Sinn dieser Wörter begriffen wird: Was ist der Sinn einer Repräsentation einer sakramentalen Sinn- und Heilsordnung? Offensichtlich hatte der Heilige/der Autor und die christliche Gemeinde diese genetische Einsicht in den Sinn und in die Notwendigkeit solcher Ämter – aber damit war wohl nicht eine Beurteilung der geschlechtlichen Differenz mitgemeint. Der Sinn der apriorischen wie positiven Offenbarung liegt nicht in der Faktizität der geschlechtlichen Differenz. Die performative Aktivität in den „Briefen“ des Heiligen/des Autors zielt auf die Installierung einer religiösen Sinnordnung mittels kirchliche Ämter, nicht auf die Installation einer patriarchalen Ordnung.

Allgemein transzendental ausgedrückt nach J. Widmann: „Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“ 1

Dass dieses Selbsterkennen, der Akt des Begreifens, sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehen machen könne, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihre Existenz), die Idee des Guten ist realiter Vollzug, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist selbstständiger Grund seines Sichbegreifens – und die Objektwelt steuert nur das materiale Substrat für den actus des Begreifens bei.

Aber natürlich ist diese genetische Lebendigkeit des Begreifens trotzdem nur ein Bild, ein Bild innerhalb des Bezugsrahmens einer genetischen Einsicht.

Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die „Darstellung“ jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten.
Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes der absoluten Einheit im Bilde – das macht einen Begriff erst einsehbar und verstehbar.  

Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbsterkenntnis und Bescheidenheit seine Ohnmächtigkeit sieht, den absoluten Grund seines Sich-Begreifens von sich her gerade nicht erzeugen zu können, so hat er die Funktion einer Folge, Folge eines absoluten Grundes zu sein, darstellbare Folge einer apriorischen wie positiven Gottesoffenbarung.

Der Begriff durchschaut die genetischen Zusammenhänge seines Begreifens als ein Begreifen eines Anderen durch das Andere, als Bilden eines selbst Unbildbaren im Gebildeten. Warum begriff der Heilige/der Autor inhaltlich-qualitativ, so vehement und performativ, so metaphorisch und emotional, so pragmatisch und kommunikationstheoretisch gut, die positive Offenbarung, sodass er eine sakramentale Sinn- und Heilsordnung in der Kirche errichten wollte  mittels verschiedener Repräsentationsformen? Das kann ich wohl nicht beantworten,  aber auch keine Hermeneutik, sondern bleibt prophetisches Zeugnis einer unableitbaren freien Erkenntnis.
Der Akt des Grundes seiner (des Heiligen/des Autors) Erkenntnis, der absolute, unzugängliche Grund, das Licht der absoluten Einheit in seinem sinnlichen und geschichtlichen Begreifen, erscheint ja zugleich in Abhängigkeit von diesem absoluten Grund. Was durch sein Begreifen vermittelt wird, ist selbst das Licht dieses Sich-Begreifens im Erkennen, ist  Bild, Bild einer vorschwebenden, sakramentalen, repräsentativen Ordnung.

In der Überlieferungsgeschichte im Ersten wie Neuen Testament, in der gelebten, erinnerten Erfahrung und christlichen Gefühls- und Lebenswelt, erkennt der Heilige/der Autor ein Projektionsgesetz, aus dem die Erscheinung des absoluten Grundes selber spricht und deutlich erkennbar ist: Die Welt/der Mensch ist von einem liebenden Gott erschaffen, von Gottes Sohn erlöst, vom Hl. Geist lebendig durchdrungen  – und in diesem Bezugsrahmen der Begriffe und Normen ist die Gestaltung einer sakramentalen Sinn- und Heilsordnung zu Bedingungen der Freiheit möglich.
Die zeitlichen und geschichtlichen Darstellungen dieses genetischen Wissens werden zwar stets unvollkommen und unvollendet sein, aber die prinzipielle Abgeschlossenheit der Sinn- und Erlösungsordnung ist einsehbar. Den Anfang und das Ende der Schöpfung, die Bedingungen der Erlösung, die Einholung des Sinns, der Restitution alles Bösen, die Vergebung, die neue Inspiration durch den Hl. Geist, dieses und vieles mehr liegt als Sinnidee und Lösungsidee bereit. Werden und Dauer, Zeit und Geschichte, sie können durch die erschienene Sinnidee begriffen werden. 2

Das Projektionsgesetz in der Reflexivität des Wissens von der Erscheinung Gottes lässt mich jetzt auch verstehen, warum der Heiligen/der anonyme Autor zu  so gewagten, metaphorischen Bildern gegriffen hat, die für unsere Ohren heute nicht passend scheinen: Der Bischof steht für Gott-Vater, den Schöpfer der Welt und des Himmels, der Presbyter für die Apostel, der Diakon für Christus. Wie unbekümmert und selbstverständlich! Ich kann mir das nur so erklären, weil die  regula fidei der  Schöpfungsordnung und Erlösungsordnung alle Christen jetzt  bekannt geworden ist bzw. bekannt werden soll.
Zur ganzen Tropologie der Redeweisen des Heiligen und seiner Zeit,  zu Umfang und Struktur dieser figurativen Rede – ja, da müsste über eine transzendental-kritische Lektüre hinausgehend noch viel
weiter analysiert werden.

© Franz Strasser, 29. 9. 2019

1J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes WL 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

2Wie eine zeitliche Kontinuität, eine Faktizitätsgenesis in zeitlichen Begriffen zu fassen ist, siehe ebenfalls J. Widmann, ebd. S 281 – 286.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser