Nochmals: 5. Teil – oder die Priesterweihe von Frauen?

Ich habe die andere Seite der Skepsis und der Ablehnung der Priesterweihe von Frauen  gelesen anhand päpstlicher Dokumente  der letzten Jahrzehnte und diverser Zeitungsartikel. Es werden durchaus  hehre, hohe Absichten vertreten, der Dienstcharakter des Amtes betont, vor allem geschichtliche Gründe vorgebracht,  anthropologische,  die jahrhundertealte  Überlieferung der Kirche usw.

Ich möchte gleichfalls das Wort Jesu wie die Texte der apostolischen Väter und späteren Kirchenväter lesen und  rezipieren, aber gerade jede Rezeption bedarf ja wiederum eines lebendigen Nachvollzugs in actu.
Ein Text oder eine Geschichte erklärt sich nicht von selbst, sondern wird von uns interpretiert und gedeutet. R. Lauth drückte es einmal so aus: „Die Reflexion verarbeitet ihr erinnerndes Handeln, die schöpferischen Gesichte und die Hemmungsgestaltungen zu einer Mittelwelt, in der sich die genannten Komponenten zu einer „geistigen Natur“ (wie Fichte es nennt), vereinigen.“ (R. Lauth, Der systematische Ort von Fichtes Geschichtskonzeption in seinem System, a. a. O., S 104.) Eine kirchliche Hierarchie nur historisch oder metaphysisch zu begründen, das ist letztlich geschichtslos und unbegründet.  

Ich möchte transzendental-kritisch die hermeneutischen Bedingungen der Worte Jesu und der Kirchenväter zu verstehen versuchen, die Texte literarkritisch dekonstruieren, die anthropologischen Bedingungen von transzendentalen Argumenten unterscheiden können u. a. m. Die jüngst entstanden, literarkritischen Methoden der Auslegung der Hl. Schrift – ich denke an Dekonstruktion und differenzspezifische Lektüre – haben zwar ebenfalls ihre Grenzen, aber immerhin, sie lassen die alten Texte in einem spezifischen Sinn aufleuchten und befreien zu einer neuen Sicht. Die historisch-kritische Bibellektüre, wie wir sie in den 80-er Jahren kennenlernten, Textkritik, Formkritik, Gattungskritik, Redaktionskritik, Kanonkritik war mir, mit einem Wort gesagt, zu historisch und erlaubte keine endgültige Entscheidungsmöglichkeit.  

Ich möchte rein exemplarisch eine kurze literarkritische Methode  anfügen, eine dekonstruierende Textmethode, wie ich sie in einem Post v. L. Denks, Hochschule für Philosophie, München (2007), fand.

a) Die Spannungen und Widersprüche sollen im Text gerade verdeutlicht, nicht harmonisiert werden. Warum pocht der Heilige auf eine kirchliche Hierarchie, vergisst aber auf die Möglichkeit, dafür auch Frauen vorzusehen?

b) Ziel ist es, der Gegenläufigkeit von Inhalt und Form nachzugehen, es geht nicht um die Einheit von beiden. Die Form einer männlichen Hierarchie weist gerade die Gegenläufigkeit zu einer universalen und endzeitlichen Rettung des Menschen aus. Unterschiedslos können alle inhaltlich durch den Glauben an Jesus gerettet werden, aber die Form der Repräsentation ist geschlechtsspezifisch!? Woher diese Spannung in Form und Inhalt?

c) Es geht nicht um eine abschließende Deutung, sondern um die Erkundung von Deutungsmöglichkeiten. Kann die unverfälschte apostolische Lehre, der Schriftkanon, die Ämterfrage, das mehr oder minder gleichberechtigte Zusammenleben, der gültige Sakramentenempfang, die eschatologische Erwartung der Christen u. a. m. vor dem Hintergrund der damaligen gnostischen Irrlehren und der Verfolgung der Christen gesehen werden, wodurch sozusagen die Schaffung einer männlichen Hierarchie quasi aufgenötigt wurde? Es bedurfte fester Ordnungen und Strukturen, vertrauter Verhaltensmuster.
Genauso logisch und gefordert war aber auch die Notwendigkeit einer Repräsentation der christlichen Heilsidee selbst, die Sakramentalität der Hl. Schrift, der Glaubenslehre, der Ämter. Die neuen Deutungsmöglichkeiten kamen aus der apriorischen Sinnerkenntnis – und sind verglichen mit andern gesellschaftlichen Repräsentationsformen der damaligen Zeit ja originell, kreativ, revolutionär? (D. h. hier bin ich historisch zu wenig bewandert!)

d) Es geht nicht um die Botschaft eines Textes, sondern darum, was der Text tut. Offensichtlich hat die männliche, kirchliche Hierarchie durch lange kirchengeschichtlichen Zeiten hindurch einen intuitiven und intelligiblen Charakter behalten. Selbst die Reformatoren stießen sich nicht an dieser Qualität. Die Kirche hatte hier gegenüber anderen Lehren etwas anzubieten. Was tut aber ein Text von Ignatius heute? Wie hören wir ihn?

e) Jeder Text trägt die Spuren vieler anderer Texte in sich. Diese Intertextualität ist ein Prozess des sich Fortschreibens in immer neuen Differenzen und stellt die Autorinstanz in Frage. Dies ist auch bei den Ignatiusbriefen deutlich belegt. Es sind großteils unbekannte Autoren, aber gerade diese historische Unschärfe bürgt für die qualitative Echtheit ihrer Begriffe und Sinndeutungen.

f) Text und Interpretation sind keine völlig verschiedenen Aussageweisen, denn literarische Texte sind selbst Kommentare zu früheren Texten. Ein ebenfalls offensichtlicher Befund bei den Ignatiusbriefen. Die männlich-hierarchische Ausprägung der Repräsentation ist ja bereits ein Kommentar zu vorhergehenden Texten, Kommentar zu jüdischer Schriftlesung, hellenistischer Philosophie u. a. m. Es wird bewusst eine Rückbindung an die Hl. Schrift, an Paulus, an die Pastoralbriefe, an Osterpredigten gesucht und gewollt, um die selber apriorische Sinnidee zu verdeutlichen. Die teils anonymen Autoren legitimierten  ihre Begriffe selbst durch eine Vorgeschichte, durch kulturelle Verstehensmuster, durch Schriftzitate.

g) Die ganze Verfahrensweise der Lektüre von Schriften der frühen Zeit schaut auf die Machart und Konstruiertheit, mithin auf den ganzen sprachlich-kontextuellen Zusammenhang des Textes. Ich habe das nur ganz oberflächlich getan, weil mir a) die philologischen Grundkenntnisse fehlen, die systematische Arbeit an Syntax, Grammatik, Rhetorik, Semantik. So könnte wahrscheinlich noch viel Verdrängtes, Gegenläufiges, Heterogenes aufgedeckt werden.
Was mir aber b) besonders an diesen altehrwürdigen Texten der Tradition gefällt, ist diese enthaltene Überzeugungskraft, dieser leidenschaftliche Ton, diese performative Sprechweise. Es spricht eine unmittelbare, genetische Erkenntnis daraus, ein Wissen in actu, woran wir aber alle, zeitübergreifend, Anteil haben.

Es gehen heute die Meinungen deshalb so durcheinander (siehe z. B. in Deutschland die Bewegung „Maria 2.0“),  weil die verwendeten Begriffe epistemologisch nicht aus einer genetischen Erkenntnis des Wissens abgeleitet sind.  Ich verstehe z. B.  auf historischer Basis die Argumente des Hl. Papstes Karol, die Argumente von Papst Benedikt, die jüngsten Argumente aus dem Jahre 2018. Da ich ferner ein kirchlich sozialisiertes Wesen bin, sind es für  mich  zu hörende, oft berührende, gut gemeinte Äußerungen des Lehramtes. Es müsste m. E. aber unbedingt eine transzendental-kritischen Bibelauslegung hinzukommen.  

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Hier einige  päpstliche oder lehramtliche   Quellen zur Ablehnung einer Frauen-Priesterweihe.

(c) Dr. Franz Strasser

29. 9. 2019

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

 

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995 – Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

„(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

 

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

Ich möchte hier auf dem Weg Fr. Dr.in Marianne Schlosser danken für die einfache, linkhafte  Zitierung  der einschlägigen Texte.

 

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser