Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 5. Teil – Schluss

Weil mich die Sache berührt, wollte ich nach den transzendentalkritischen Bedingungen fragen, die einen Begriff konstituieren. Ich setzte von vornherein voraus, dass solche kirchlichen Ämter wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ nicht bloß Wörter sind, Relikte einer verworrenen Naturreligion, irgendwelche hermeneutischen Verstehensbedingungen, sondern einen qualitativen Gehalt der Erkenntnis in sich tragen.

Die Begriffsform selbst bedingt die Erkenntnis eines Objektes nicht umgekehrt, dass das Objekt das Denken erzeugt.

Aber trotzdem wird sofort klar, dass diese kirchlichen Ämter doch nur zeitliche Dinge sind, konstruierte Ämter zwecks Repräsentation und Relation in einer kirchlichen Gemeinschaft – so der ständige Einwand der Formalphilosophie.

Meine Sicht: Nicht aus Willkür, Patriarchalismus oder Machtinteresse drängte der Hl. IGNATIUS/der Autor zu einer kirchlichen Ämterstruktur, die respektiert werden sollte. (Von mir im 1. Teil etwas unzureichend als pragmatisch-projektiv bezeichnet.)

Es liegt nämlich unbezweifelbar in diesen Texten eine innere, transzendentale Dynamik drinnen, die ich hermeneutisch nie auflösen werden könnte, erkenne ich darin nicht eine zeitlose Struktur:

Es tritt durch die Genesis Gottes in seiner apriorischen und positiven Offenbarung eine eindeutige Gerichtetheit in die vom Vernunftwesen erkennbare Differenz von Nichteinheit und Einheit mit Gott ein, ein interpersonaler und zeitlicher Auftrag, der die Genesis Gottes zwecks Rettung der Welt weiterdenken und weiterführen will.

Im Suchen nach den Bedingungen der Wissbarkeit eines kirchlichen Amtes, ausgezeichnet dann als „geweiht“, sind wir uns mehr oder minder methodisch des Begriffscharakters der Erkenntnis ja bewusst, dass es einerseits a) doch geschichtliche Begriffe sind, die aus gewissen Notwendigkeiten aufgegriffen und mit neuem Sinn belegt wurden, deshalb aber auch relativ, deshalb nicht unbedingt metaphysisch gültig, sodass z. B. nur Männer solche „Weiheämter“ ausfüllen könnten – und implizit weiß man andererseits, dass b) die Form der Qualität des Lichtes in diesen „Weiheämtern“, ich meine die Genesis Gottes dynamisch zu übertragen auf die Konkretisierung in die Welt, doch die Begriffe durchdringt und umschließt und begründet. Sie sind doch nicht rein zeitlich, wandelbare Vorstellungen, beliebig zu verändern, ohne dass das Licht in ihnen verdunkelt würde.

Es ist ein Zirkel in der Problemstellung: Material kann das Weiheamt so oder so vorgestellt und erfüllt werden, formal ist es aber stets so, dass es nur vom Heiligen/dem Autor so vorgestellt und gedacht wurde. Material mag immer wieder Neues eingesehen werden, dass es damals besser war, nur Männer einzusetzen, dass es vielleicht heute besser wäre, auch Frauen dafür einzusetzen, und hat man eine genügend große Menge hermeneutischer Daten zusammen – die Naturwissenschaften leben ja davon – meint man, einen einsichtigen Grund gefunden zu haben, Entscheidungen zu treffen. Aber formal treffen nur gewisse Leute von heute diese Entscheidungen – und deshalb muss das gut und rational begründet sein.

Formal führt der Zirkel materialer Datensammlung und formaler Freiheit des Denkens zu keinem Ergebnis. Der Zirkel ist durch die Problemstellung selbst zusammengeschlossen, hier geschichtliche, faktische Grundlagen und Deutungen (der „dogmatische“ Weg und der „emanzipatorische“ Weg sind sich hier oft gleich), dort prinzipielle Freiheit des Begreifens dieser Daten.

Das ist aber jetzt die Schönheit der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht!

Die Grundstruktur des Begreifens kann transzendental den Zirkel, einerseits vorausgesetztes Material, Begriffenes, andererseits freies Begreifen und freier Umgang mit dem historischen Datenmaterial, auflösen, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1

Wird ein mögliches Substrat für eine künftige Einsicht theoretisch angenommen – beide „Parteien“ des dogmatischen und des emanzipatorischen Weges tun das oft – so ist das Substrat gesetzt als noch nicht in der Einsicht und doch existent. Aber die Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann gar nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz eines solchen selbstständigen Substrats, da es nur eingebildet ist. Die Einsicht vermag nie unmittelbar das reine Substrat für bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht einzusehen, es vermag zwar etwas möglich in der Einsicht zu liegen, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.

Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, dass das Substrat ihres aktualen Erkenntisvollzuges wirklich existiert, oder sei es, dass es im aktualen Erkenntnisvollzug nur als möglich eingesehen wird, also dass der Bezug noch kontingent ist.

Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“ 2

Dass dieses Selbsterkennen, der Akt des Begreifens, sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehen machen könne, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihre Existenz), die Idee des Guten ist realiter Vollzug, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist selbstständiger Grund seines Sichbegreifens – und die Objektwelt steuert nur das materiale Substrat für den actus des Begreifens bei.

Aber, so jetzt die Terminologie der WL FICHTES: Natürlich ist diese genetische Lebendigkeit des Begreifens trotzdem nur ein Bild, ein Bild für die absolute Einheit.

(Genial hat es PLATON schon ausgedrückt: die Idee des Guten ist noch „epeikena“ der Erkenntnis.)

Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die „Darstellung“ jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten.
Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes der absoluten Einheit im Bilde.

Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbsterkenntnis und Bescheidenheit seine Ohnmächtigkeit erkennt, den absoluten Grund seines Sich-Begreifens selbst darzustellen, kann er, wie in meiner besagten Fragestellung, seinen Anteil in der Geschichte der Darstellung einer sakralen kirchlichen Ordnung erkennen und sich dessen bewusst sein: er hat die Funktion einer Folge, Folge des absoluten Grundes zu sein, Folge einer apriorischen wie positiven Offenbarung zu sein.

Der Begriff durchschaut die genetischen Zusammenhänge seines Begreifens als ein Begreifen des einen durch ein anderes. Der Heilige/der Autor begriff die apriorische wie positive Offenbarung in seinem Akt des Erkennens, und zugleich seinen Akt – der sich in metaphorischen Bildern und hohen Tönen und Vergleichen ausdrückt – als das andere durch das Bestehende (der Offenbarung).

Warum begriff der Heilige/der Autor inhaltlich-qualitativ, so vehement und performativ, so metaphorisch und dann wieder wörtlich, seine genetische Erkenntnis der Offenbarung, dass er eine sakralen und sakramentalen Ordnung der kirchlichen Gemeinschaft etablieren wollte? Der Akt des Grundes seiner Erkenntnis, der absolute, unzugängliche Grund, das Licht der absoluten Einheit in seinem (hermeneutischen) Begreifen, erscheint ja zugleich in Abhängigkeit von diesem absoluten Grund. Was durch sein Begreifen vermittelt wird, selbst das Licht dieses Sich-Begreifens im Erkennen, ist ein Bild, ein Bild, das die genetische Form des Begreifens der Offenbarung repräsentiert?

Der Heilige/der Autor will diesen Urbegriff der Repräsentation der Genesis in eine nachzuvollziehende, praktische, pragmatisch-projektive, genetische Form des Sich-Begreifens bringen, was heißt, das Phänomen der Genesis in seinem Prinzipiencharakter erfassen – und so sieht er eine transzendentallogische Notwendigkeit, die Vermittelbarkeit des Heils und der Rettung in sakrale und sakramentale Strukturen zu fassen.

In der Überlieferungsgeschichte, im Ersten wie Neuen Testament, in seiner erfahrenen christlichen Gefühls- und Lebenswelt, erkennt der Heilige/der Autor ein Projektionsgesetz, aus dem die Erscheinung des absoluten Grundes selber spricht und deutlich erkennbar ist: Die Welt/der Mensch ist gerettet und erlöst, die Genesis Gottes ist vollkommen. Das Resultat dieser genetischen Erkenntnis ist aber logisch unvollkommen, denn es liegt ja nur als reelle Idee dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe zugrunde, ist stets individueller und gemeinschaftlicher Nachvollzug bis in alle Zeit und Ewigkeit.

Wie kann diese Idee trotzdem gelebt und vermittelt werden? Der Heilige/der Autor greift zu ihm bekannten Bildern: zum Bild des „Bischofs“, des „Priesters“, des „Diakons“ – altbekannte Begriffe, aber jetzt neue Begriffe und Bilder, um die genetische Erkenntnis Gottes auf die Zeit und Welt zu übertragen. (Ebenso wären generell die Sakramente als genetische Erkenntnisse zu definieren, schöpfend aus einem Reservoir altbekannter Erfahrungen.)

Der Bezug des actual zu Begreifenden ist auf die Genesis Gottes ausgerichtet, und führt, unter reflexiven Bedingungen der Freiheit und der Zeit, zu einem Telos: die geschenkte Erlösung und Rettung kann sakral und sakramental durch die Zeit vermittelt werden – nolens volens durch die Vermittlung des Begreifens selbst.

Das Projektionsgesetz der Erscheinung Gottes lässt mich jetzt auch verstehen, warum der Heiligen/den Autor zu bekannten Bildern der begriffenen Vermittlung greift, die für sich betrachtet, metaphorisch, reichlich überzogen sind: Der Bischof steht für Gott-Vater, den geglaubten Schöpfer der Welt und des Himmels, der Presbyter für die Apostel, der Diakon für Christus u. viele solche Vergleiche werden gewählt, das schwache Irdische am Maß des Vollkommenen entworfen. Die eigene wie fremde Unzulänglichkeit wird dem Heiligen/dem Autor wohl bewusst gewesen sein, aber ein Typos des Bezuges soll bewusst hergestellt werden, um einen Begriff einsichtig zu machen, der noch nicht existiert, nur potentiell, und auf das Telos der zu erreichenden Vermittlung hinweist. Das Endziel des Genesis Gottes wird projiziert auf schwache, sündige Menschen und generell auf die ganze christliche Gemeinschaft mit ihren schwachen, sündigen Mitgliedern, damit die Genesis des Urbegriffes der ERSCHEINUNG selbst vermittelt werden kann „in zerbrechlichen Gefäßen“.

Die Begriffe „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ sind begriffene Phänomene aus einem Prinzipiengrund der genetischen Selbsterkenntnis, Bilder in der Einsicht des Aktes, worin aber das Begreifende unterschieden bleibt vom Begriffenen des absoluten Grundes, mit der bewussten freien Absicht und der Antwort auf das Warum: Damit das Telos der Rettung und Erlösung in unzähligen Teilakten der Individuen und der zeitlichen Ereignisse bewahrt und erreicht werde.

Die Grundstruktur des Begreifens als Bild, als unterscheidender actus zwischen dem (freien, deshalb auch fehlerhaften) Begreifenden und dem Begriffenen der selbst unbildbaren Genesis und Repräsentation Gottes in der Offenbarung, möchte ich anhand einer WL noch verdeutlichen (es könnte unzählig viele andere Beispiele aus den Wln genommen werden.)

1Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

2J. Widmann, ebd., S 60.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser