Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

1) Historische Argumente begründen für mich nichts im erkenntniskritischen, valenten Sinne, wiewohl ich natürlich selbst ständig auf diese hermeneutischen Bedingungen angewiesen bin und sie selber ständig verwende. Die Hermeneutik des geschichtlichen Verstehens wird sich aber wohl einer Erkenntnistheorie des Wissens beugen müssen! Wie ich die historisch-hermeneutischen Bedingungen gebrauche, sollte mir aber zumindest in Ansätzen bewusst sein, d. h. was ein Altar in der christlichen Tradition besagen soll, ein Ambo, was die Rolle (oder soll man sagen „Wesen“, Funktion?) eines Bischofs, Priesters, Diakons ist usw.

Ich hörte vor kurzem (Okt. 2017) einen Vortrag und eine nachfolgende Diskussion über die neue Platzierung und Gestaltung des Volksaltares im neuen Linzer Dom. Ich fragte mich dann: Zählen eigentlich nur mehr kunsthistorische und kunstästhetische Kriterien, aber der erkenntnistheoretisch-theologische Sinn eines Altares wird nicht mehr erfragt? Es wird vorausgesetzt, dass der Sinn eines Altares und die zentrale Mitte in einer Kirche allgemein bekannt sind, aber in concreto ist es ja doch umstritten, wo der Altar genau sein soll! Warum genau in der Vierung? Um den Dom eingebunden zu sehen in die Straßen der Stadt? Noch dazu ist werktags alles abgesenkt, man kann also wirklich durch die Mitte gehen! Aber ich verstricke mich hier selbst bereits in architektonische und kunstästhetische Details.

Ich frage mich: Gibt es keine Normativität einer exponierten Lage eines Altares? Eine Exponiertheit des zentralen Inhalts unserer Glaubensüberlieferung: der liebenden Kreuzeshingabe Jesu, seiner Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung? Die Sinnstiftung eines Altares oder eines Ambos innerhalb des ganzen Feierraumes der Kirche – kommt sie durch diese Verlegung in die Mitte des Domes zum Ausdruck?

Es ist mir schon klar, vor allem der Gemeinschaftsaspekt und der kommunikationstheoretische Sinn der Liturgie soll zum Ausdruck kommen – aber könnte das jetzt nicht zu subjektivistisch und zu willkürlich geworden sein?

Ich möchte zwecks erkenntnistheoretischer Bestimmung eines Altares und eines Ambos und in weiterer Folge der Rolle des Bischofs und der anderen liturgischen Diener zum Begriff der Repräsentation greifen. Dieser Begriff ist zwar wiederum sehr mehrdeutig, notwendig bis umstritten, von einer metaphysischen Bedeutung bis zu zeichentheoretischen und juristischen Fragen reichend, aber mangels eines besseren Paradigmas, wie ich den Sinn eines Altares und des ganzen Feierraumes der Liturgie beschreiben möchte, bleibe ich (vorläufig) einmal dabei.

Es geht um das Wissen der Repräsentanz (Repräsentation) des Kreuzesopfers Jesu, der Repräsentanz des Wortes Gottes und der Repräsentanz Gottes wie des ganzen Volkes in der Gestalt seiner bischöflichen/priesterlichen/diakonalen Diener.

Dazu möchte ich exemplarisch auf einen Text der Antike zurückgreifen, worin die Rolle des Bischofs und Priesters mit diesem Begriff beschrieben wird, aber auch der Sinn der ganzen christlichen Gemeinde: Die (selbst sündigen) Diener mögen Repräsentanten sein – und die ganze Gemeinde möge den dreifaltigen Gott repräsentieren. Ich lese die Briefe des HEILIGEN IGNATIUS VON ANTIOCHIEN unter diese Leitidee – und wähle (subjektiv) Aussagen aus, die m. E. besonders auf die vom Heiligen gesuchte „Repräsentation“ Gottes hinweisen.

 

2) Der Heilige hat in prekärer Situation die christliche Gemeinde zur Eintracht und Einheit beschworen.1

Dabei hat er besonders auch auf das liturgische und hierarchische Amt des Bischofs/Priesters/Diakons hingewiesen. Der Heilige wird zur Legitimierung des kirchenlichen Amtes u. a. auch zitiert: Siehe LG 20 des 2. Vatikanums.

LG 20, 3. Absatz: „(….) Die Bischöfe haben also das Dienstamt in der Gemeinschaft zusammen mit ihren Helfern, den Priestern und den Diakonen, übernommen (47). An Gottes Stelle stehen sie der Herde vor (48), (Episcopi igitur communitatis ministerium cum adiutoribus preshyteris et diaconis susceperunt(47), loco Dei praesidentes gregi(48)) deren Hirten sie sind, als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung (49). Wie aber das Amt fortdauern sollte, das vom Herrn ausschließlich dem Petrus, dem ersten der Apostel, übertragen wurde und auf seinen Nachfolger übergehen sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort und muss von der heiligen Ordnung der Bischöfe immerdar ausgeübt werden (50). Aus diesem Grunde lehrt die Heilige Synode, daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind (51). Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat (vgl. Lk 10,16)52.

(47) Ignatius v. A., Philad., Vorrede: ed. Funk I, 264.

(48) Ignatius v. A., Philad., 1, 1; Magn. 6, 1: ed. Funk I, 264 u. 234.

(49) Clemens v. Rom, a. a. O., 42, 3-4; 44, 3-4; 57, 1-2: ed. Funk I, 152, 156, 171f. Ignatius v. A., philad. 2; smyrn. 8, Magn. 3; Trall. 7: ed. Funk I, 265 f; 282; 232; 246fu. a.; Justin, Apol., 1, 65: PG 6, 428; Cyprian, Epist. passim.

(50) Vgl. Leo XIII., Enz. Satis cognitum, 29. Juni 1896: ASS 28 (1895-96) 732.

(51) Vgl. Conc. Trid., sess. 23, Decr. de sacr. Ordinis, Kap. 4: Denz. 960 (1768); Conc. Vat. I, Sess. 4, Const. Dogm. 1 De Ecclesia Christi, Kap. 3: Denz. 1828 (3061). Pius XII., Enz. Mystici Corporis, 29. Juni 1943: AAS 35 (1943) 209 u. 212. CIC, can. 329 § 1.

Es etablierte sich offensichtlich, soweit die historischen Quellen das erlauben zu sagen, bereits im 2./3. Jhd. eine kirchliche Ämterstruktur heraus, die bis heute gilt. Kommt dieser Geltungsanspruch aus der historischen Überlieferung alleine, oder gibt es dafür auch überzeitliche, apriorische Vernunftgründe?

Die Bischöfe/Priester/Diakone sind „Repräsentanten“ von Gott bzw. von Christus bzw. seiner Kirche, handeln im liturgischen Akt „in persona Christi“, verkünden von der „kathedra“ ähnlich wie Christus als Lehrer eine Botschaft, weiden die Herde wie der gute Hirte usw… Große Worte fallen in LG mit Berufung auf die Hl. Schrift und mit Berufung auf die Apostolischen Väter.

Kann ich aber einfach Begriffe, aus der reichen Metaphorik der Hl. Schrift, aus dem Kontext der ganzen Gesellschaft und damaligen Zeit genommen, kann ich diese Begriffe auf die Gegenwart der Ämter heute übertragen und zwecks Legitimierung der Hierarchie heranziehen?

Wenn ich z. B. nachlese beim heiligen IGNATIUS, wie er oben in LG 20 in den Anmerkungen zitiert wird, so muss ich mir, wie gesagt a) einerseits der transzendentalen, überzeitlichen Bedingtheiten des Verstehens bewusst sein, unter denen sowohl der Heilige wie ich selbst und wir alle stehen – sonst verstünden wir uns ja überhaupt nicht -, b) zugleich aber auch der besonderen historischen Bedingtheiten bewusst sein, der Bedingungen, unter der der Heilige stand – und die für uns nicht mehr gelten müssen. Letztere Bedingungen waren die prekären Verhältnisse der damaligen Zeit, die Verhältnisse der Christenverfolgungen, der Häresien, und die große Sorge des Heiligen um Einheit und Eintracht der christlichen Gemeinde.

2. 1) Der Tradition nach schrieb der Hl. IGNATIUS seine „Sieben Briefe“ auf dem Schiff nach Rom, als er seiner Hinrichtung entgegenging. Den römischen Christen sandte er einen Brief voraus, in dem er bat, sie mögen nichts für seine Freilassung unternehmen, er möge lieber „von den Zähnen wilder Tiere zermahlen werden, um ein reines Brot Christi zu werden.“ Um das Jahr 110 n. Chr. soll er dann den Märtyrertod gefunden haben. Siehe die sehr fundierten Einleitungen in der „Bibliothek der Kirchenväter“, 2 oder siehe auch andere Meinungen: Bei Reinhard M. Hübner las ich, dass die Datierung der „Ignatianen“ sehr umstritten sei. Er plädiert für die Abfassung der Briefe erst um die Zeit zwischen 165 und 175. 3

Anbei ein paar Zitate des Heiligen, herausgesucht nach den Anmerkungen der Stelle LUMEN GENTIUM Kap. 20 (1964) und nach der „Bibliothek der Kirchenväter“ . Die aus der prekären Situation geborenen Sprechhandlungen des Heiligen, die Intentionen, die Sorgen um die Eintracht der Gemeinde, die Sorgen um den wahren Gottesdienst – können sie in heutige Begrifflichkeit von Einheit und Eintracht, von Gottesdienst und Liturgie, transkribiert werden? Es ist wohl unüberhörbar ein Ineinander von christlicher Glaubenserkenntnis, Ausführung dieser Erkenntnis und deren kommunikativen Weitervermittlung. Wie könnte aber das in die heutige Situation übertragen werden? Können transzendentale und davon unterschiedene historisch-hermeneutische Bedingungen unterschieden werden? Und wie könnte wiederum von diesen Sprechakten und dahinterliegenden Anschauungen, Begriffsverwendungen, emotionalen Äußerungen, Gebete übergegangen werden zu Wesensbeschreibungen eines Bischofs/Priesters/Diakons von heute? Und nochmals weitergegangen werden zu liturgischen Vorschriften, wie ein Altarraum aussehen soll, eine Sedes, ein Ambo, ein Altar?

Eher exemplarisch und versuchsweise las ich die Briefe des Heiligen auf die Differenz der göttlichen Repräsentation hin. Kann eine Paradigma der Erkenntnis, der Ausführung und der kommunikativen Vermittlung der göttlichen Repräsentation herausgelesen werden? Ich zitiere hier und versuche jeweils die Glaubenserkenntnis, die Ausführung und die Weitervermittlung hervorzuheben. (Zugegeben subjektiv.)

Ignatius an die Philadelphier.

[S. 142] Ignatius, der auch Theophorus (genannt wird), an die Kirche Gottes des Vaters und des Herrn Jesu Christi, die in Philadelphia in Asien sich befindet, begnadigt und gefestigt in Eintracht mit Gott, die ohne Aufhören frohlockt im Leiden unseres Herrn und die in seiner Auferstehung vollendet ist in jeglicher Barmherzigkeit, die ich grüße im Blute Jesu Christi, die meine ewige und bleibende Freude ist, besonders wenn sie eins ist mit ihrem Bischof und seinen Presbytern und den nach Jesu Christi Willen eingesetzten Diakonen, die er nach seinem eigenen Willen in Festigkeit gestärkt hat durch seinen Heiligen Geist.

Ignatius an die Magnesier

6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze [S. 128] Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind,(….)

Ignatius an die Philadelphier

2. Kap. Warnung vor Spaltung und Irrlehre.

1. Als Kinder des Lichtes der Wahrheit fliehet die Spaltung und die schlimmen Lehren; wo immer der Hirte ist, dorthin folget wie die Schafe. 2. Denn viele Wölfe, die vertrauenswürdig (scheinen), fangen durch böse Lust die Gottsucher weg. Wenn ihr aber einig seid, haben diese keinen Erfolg.

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

Ignatius an die Magnesier

3. Kap. Achtung vor dem jugendlichen Bischof.

[S. 127] 1. Es ziemt euch aber, das jugendliche Alter des Bischofs nicht auszunützen, sondern entsprechend der Macht Gottes des Vaters jegliche Ehrfurcht ihm zu erzeigen, wie ich erfahren habe, dass auch die heiligen Presbyter seine offenbar in jugendlichem Alter erfolgte Erhebung nicht missbrauchen, sondern als in Gott verständige Männer in Übereinstimmung mit ihm wandeln, doch nicht mit ihm, sondern mit dem Vater Jesu Christi, dem Bischof aller. 2. Zur Ehre dessen nun, der uns erwählt hat, ziemt es sich, ohne jede Heuchelei gehorsam zu sein; denn man täuscht nicht diesen sichtbaren Bischof, sondern man spottet über den unsichtbaren. Ein solches Handeln aber bezieht sich nicht auf das Fleisch, sondern auf Gott, der das Verborgene weiß

Ignatius an die Trallianer
Ignatius, der auch Theophorus (heißt), an die von Gott, dem Vater Jesu Christi, geliebte heilige Kirche von Tralles in Kleinasien, der auserwählten und gotteswürdigen, die gefriedet ist im Fleische und im Geiste durch das Leiden Jesu Christi, der unsere Hoffnung ist in der Auferstehung zu ihm hin; sie grüße ich auch in der (Gnaden-) Fülle, nach Weise der Apostel und wünsche ihr alles Gute.

1. Kap. Des Ignatius Freude über den Besuch des Bischofs Polybius von Tralles und über den guten Stand dieser Kirche.

1. Von eurer tadellosen und in Geduld unverwüstlichen Gesinnung, die euch nicht nur durch Übung, sondern von Natur eignet, habe ich gehört aus dem Berichte des Polybius, eures Bischofs, welcher nach dem Willen Gottes und Jesu Christi in Smyrna war und sich mit mir, der ich in Christus Jesus gefesselt bin, so freute, dass ich in ihm eure ganze Gemeinde erblickte. 2. Da ich also durch ihn euer gottgemäßes Wohlwollen erfahren durfte, pries ich (Gott), da ich in euch, wie ich erkannt hatte, Nachahmer Gottes fand.

2. Kap. Mahnung zum Gehorsam gegen Bischof und Presbyterium; Pflichten der Diakonen.

1. Solange ihr nämlich eurem Bischof untertan seid wie Jesus Christus, scheint ihr mir nicht nach Menschenart zu leben, sondern nach Jesus Christus, der unseretwegen gestorben ist, damit ihr durch den Glauben an seinen Tod dem Tode entrinnet. 2. Daher ist es notwendig – wie ihr es ja haltet – dass ihr ohne den Bischof nichts tuet, und dass ihr vielmehr auch dem Presbyterium euch füget wie den Aposteln Jesu Christi, unserer Hoffnung, in dem wandelnd wir erfunden werden sollen. 3. Auch ist es nötig, dass die Diakonen, welche Geheimnisse Jesu Christi verwalten, auf jede Weise allen genehm seien. Denn sie sind nicht Diener für Speise und Trank, sondern Gehilfen der Kirche Gottes. Daher müssen sie sich vor Anschuldigungen hüten wie vor Feuer.

3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. 2. Dass ihr dieses so haltet, davon bin ich überzeugt. (….)

7. Kap. Anschluss an den Bischof.

1. Hütet euch also vor solchen. Das wird bei euch der Fall sein, wenn ihr nicht aufgeblasen seid und euch nicht trennet von Gott Jesus Christus, vom Bischof und von den Vorschriften der Apostel. 2. Wer sich innerhalb der Opferstätte befindet, ist rein; wer aber [S. 134] außerhalb steht, ist nicht rein; das heißt: wer ohne Bischof, ohne Presbyterium und Diakon etwas tut, der ist nicht rein in seinem Gewissen.

13. Kap. Letzte Grüße und Aufträge.

[S. 136] 1. Es grüßt euch die Liebe (= Gemeinde) der Smyrnäer und Epheser. Gedenket in euren Gebeten der Kirche in Syrien, der anzugehören ich, der geringste von ihnen, nicht würdig bin. 2. Lebet wohl in Jesus Christus, im Gehorsam gegen den Bischof wie gegen (Gottes) Gebot, im Gehorsam gleicherweise gegen das Presbyterium. Und liebet alle einander in ungeteiltem Herzen. 3. Meine Seele opfert1 sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin. Noch bin ich nämlich in Gefahr; aber der Vater ist getreu in Jesus Christus, mein und euer Gebet zu erhören; in ihm möget ihr ohne Tadel erfunden werden.


Ignatius an die Epheser

6. Kap. Den Bischof muss man achten wie den, der ihn gesandt hat; Einigkeit der Epheser.

1. Und je mehr einer sieht, dass der Bischof schweigt (nicht tadelt), um so mehr Achtung soll er vor ihm haben; jeden nämlich, den der Herr des Hauses schickt zur Verwaltung seines Hauses, den müssen wir [S. 120] so aufnehmen wie den Sendenden selbst. Daher ist es klar, dass wir den Bischof so ansehen müssen wie den Herrn selbst.


Ignatius an die Smyrnäer

9. Kap. Haltet zum Bischof; Dank für erwiesene Liebe.

1. Übrigens ist es angezeigt, zur Einsicht zu kommen und, solange es noch Zeit ist, sich zu Gott zu bekehren. Es ist gut, Gott und den Bischof zu kennen. Wer den Bischof ehrt, der wird von Gott geehrt; wer ohne des Bischofs Wissen etwas tut, der dient dem Teufel. 2. Alles möge also euch in Gnade reichlich zuteil werden; denn ihr seid’s wert. In allem habt ihr mich erquickt und euch Jesus Christus. Ob ich abwesend oder da war, ihr habt mir eure Liebe erzeigt. Vergelte es euch Gott, dem zulieb ihr alles ertraget und zu dem ihr gelangen werdet.
—————

3) Die kommunikative Referenz und die Autorität des Heiligen für die christliche Gemeinde, die intentionale Absicht der Bewahrung der Einheit und Eintracht, die Ausführungen zu einer Art hierarchische Ordnung der Kirche – das alles ist ein kostbares Zeugnis der frühen Zeit. (Sicherlich könnten noch andere Aussagen unter einem anderen Paradigma herausgegriffen werden.)

Bei aller historischen Relativität mancher Aussagen – gibt es eine transzendentalkritische Brücke einer Wissbarkeit von Inhalten, die sowohl für den Heiligen damals maßgeblich waren wie für das 2. Vatikanum und für uns heute?

In gewissem Sinne ist es die performative Sprechsituation selbst schon eine Vorgabe einer normativen Ontologie, was Glaube, Eintracht/Einheit, Gottesdienst heißen. Kann diese Ontologie heute, unter anderen Umständen, noch gelten? Kann aus der intentionalen Sprechsituation von damals abgeleitet werden, was ein Vorsitz, ein Bischof/Priester/Diakon heute bedeuten soll, und nochmals anschaulich dargestellt in einem architektonischen Detail?

3. 1) Dazu möchte ich mich hypothetisch leiten lassen von einem „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahren, wie es die STOA oder das spätere Mittelalter oder DESCARTES oder FICHTE praktizierten: Das Denken in „Entymema“ ist eine rhetorisches Verfahren, wodurch durch analogisierendes und nachvollziehendes Denken eine Erkenntnis hergestellt wird, die anders gar nicht gefunden hätte werden können. Der Mittelbegriff in einem Schlussverfahren von terminus maior und terminus minor ist das argumentum, das sich in jedem/jeder, der/die diesen Erkenntnisschritt mitvollzieht, von selbst einstellt und bewährt. Ein DESCARTES wandte dieses Schlussverfahren an in seinen REGULAE4, ein FICHTE bestand darauf, dass nur durch eigenen, intelligierenden Nachvollzug und intellektueller Anschauung die WISSENSCHAFTSLEHRE verstanden werden kann. Die Einheit der Erkenntnis, worin das Wissen mit dem Sein zusammenfällt und das Wissen sich im Bilde durch das wahrhafte Sein bewährt, kann nicht faktisch und tot abgesetzt hingestellt werden, denn dann entfällt die ganze Evidenz, sie kann aber nachvollzogen und innerlich eingeschaut und überprüft werden.5

Ich setze jetzt mit einem gewissen hypothetischen Vorbehalt im Hinblick auf die Redeweise des 2. Vatikanischen Konzils und in Rückgriff auf IGNATIUS – oder ähnliches wäre bei CLEMENS v. ROM oder DIDACHE wohl zu finden – als erkenntniskritische und zeitüberhobene, apriorische Verstehensbasis über die Zeiten und Räume hinweg als argumentum fest: die repräsentatio dei“. Die Repräsentation des Göttlichen bzw. Jesu Christi und des Heiligen Geistes – das ist die differente Erkenntnis des Wovon eines Wissens, das sich in liturgischen und ästhetischen und kirchlich-juristischen Weisen Ausdruck verschafft. Aber gerade dieses differente Wissen der „repräsentatio dei“ ist geradezu Vollzugswissen und erst im geschwisterlichen, einträchtigen und liturgischen Nachvollzug erkennbar. Fehlt diese Verständnis von Eintracht, verlieren die „Repräsentationen“, sei es der Ämter oder des liturgischen Raumes und der liturgischen Einrichtungen, ihren existentiellen Wert. (Sie haben vielleicht noch einen historischen Wert, aber berühren uns nicht in unserem wesentlichen Vollzug.)

Die amtierenden Personen, die liturgischen Rollen, der Kirchenbau, die Kunst und Ästhetik u. v. m., sie können eine existentielle Teilnahme und Teilhabe eröffnen, aber als bloße historische Erinnerungsstücke bezeugen sie keine Glaubens-Erkenntnis, keine legitimierende Kraft und keine kommunikative Kraft.

Noch etwas weiter analysiert: Der Obersatz ist: In der Einheit der Gemeinde, so das performative Ziel des Heiligen, soll etwas aufleuchten von Gottes Gegenwart („repräsentatio dei“) bzw. etwas von der Heilswirksamkeit des Kreuzes Jesu, von der Gegenwart des auferstandenen Herrn und vom Wirken des Heiligen Geistes.

Da der Heilige sein Ende kommen sieht, so möchte er, dass diese „repräsentatio dei“ weitergehe! Mit allen Kräften seiner Weisheit und Autorität und in den damals gebräuchlichen juristischen und sozialen Anschauungen, mit seinem Bibelwissen, mit seinen Emotionen, verfasste er diese Briefe – er oder ein anonymer Autor um 165 n. Chr – um die „repräsentatio dei“ auszuführen und weiterzuvermitteln.

Die „repräsentatio dei“ war der Seinsgrund und Erkenntnisgrund der damaligen Anschauungen von Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist, und die legitimierenden Instanz der christlichen Gemeinde und der kirchlichen Ämter. Die „repräsentatio“ war das argumentum als schlusstiftender, wenn auch nicht direkt sichtbarer Mittelbegriff.

Dieses argumentum war dabei gar nicht direkt als Begriff formuliert, auch nicht als zweiter Mittelsatz hingestellt, wodurch der Untersatz zweifelsfrei abgeleitet werden könnte, weil ja durch das entymemische (oder entymematische) Verfahren provoziert und erreicht werden soll, dass der Hörer des Briefes selbst dieses argumentum in seinem Geiste finde und sittlich für sich selbst wie für die ganze Gemeinde nachvollziehe (in „analogia“ und in der „imitatio“). 6

Der Obersatz enthält schon das Prädikat der Gegenwart Gottes, aber auch im Untersatz soll dies wahr sein, und beide Sätze werden erst durch die im Hörer selbst imitierte und nachvollzogene Argumentation verknüpft.

Der Untersatz lautet: wenn der Heilige jetzt weg ist, gäbe es eigentlich kein Subjekt mehr!? Die Gegenwart Gottes und Jesu Christi und des Heiligen Geistes kann aber in legitimer Weise, so die Ansicht des Heiligen, durch andere Subjekte und „Repräsentanten“ erkannt und ausgeführt und vermittelt werden. Die Notwendigkeit der kirchlichen „Repräsentanten“ für die sittliche Idee der „repräsentatio dei“ möge im argumentum und in individueller wie gemeinschaftlicher Weise nachvollzogen und realisiert werden. )

4) Sicherlich, der Begriff der Repräsentation scheint mir eine große Bedeutungseinbuße erlitten zu haben. Diese müsste nicht sein, wenn die Differenz des Wissens von etwas als etwas, wovon es Wissen ist, genügend hervorgehoben wird. Es müsste doch ein überzeitliches, transzendentales Wissen der Sendung eines Bischofs/eines Priesters/eines Diakons und ein überzeitliches-transzendentale Wissen von einem Altar und einer Altarraumgestaltung geben! Sonst verlieren wir uns in historischen Bezügen.

Letztlich müsste alles dem argumentum („repräsentatio dei“) dienen – das kirchliche Amt, die liturgische Rolle – und natürlich die künstlerische und architektonische Gestaltung der Kirchen und Altäre.7

Ich wünsche der neuen Anordnung im Linzer Dom, dass sie genauso die Leute begeistert und inspiriert, wie es die alte Anordnung (m. E.) auch getan hat.

Ich wünsche aber auch allen Erneuerern der kirchlichen Räume, dass sie nicht von bloß historischen und denkmalschützerischen Argumenten behindert werden.8

30. 10. 2017

© Franz Strasser, Altheim, Pfarrer.

fr.strasser@eduhi.at

 

1 Ähnlich wie die Absicht des Heiligen war ja auch die Absicht des ganzen Dombaues zu Linz: die Gläubigen in OÖ zu einem gemeinsamen Bekenntnis des Glaubens und zur Einheit und Eintracht zu leiten.

2abgerufen am 29. 10. 2017 – Link http://www.unifr.ch/bkv/kapitel6.html

3Siehe REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

4Zum erkenntnistheoretischen Begriffsfeld einer „exercitatio“ und „analogia“ und „imitatio“ siehe REGULAE AT X, 395, 410ff) von DESCARTES.

5Natürlich ließen sich hier viele Parallelen der Philosophiegeschichte aufzählen, nicht nur die hier von mir genannten. Man denke an die Idee des Guten bei PLATON, an das argumentum bei ANSELM, an die transzendentale Freiheit bei KANT usw. Das verkürzende Verfahren zwecks Gewinnung einer eigenen Anschauung und Erkenntnis nenne ich den Gebrauch eines „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahrens. Es gäbe auch eine schlechte Art und Weise eines „entymemischen“ Verfahren, wenn die ausgelassenen Argumenten im Resultat das vorher bewusst Ausgeblendete absichtlich vergessen lassen und eine Teilerkenntnis zur Erkenntnis des Ganzen hochstilisiert werden soll. Viele Einzelwissenschaften arbeiten so. Sie erzielen Teilerkenntnisse, legen sie dann aber auf die ganze Wirklichkeit um. Wenn es um den Begriff der „repräsentatio dei“ gehen soll, so muss eine Notwendigkeit im Denken selbst liegen, dass diese notwendig gedacht werden muss. Ich nehme mit dem Wort „entymemisch“ Bezug auf Vorlesungen von Prof. R. LAUTH bzw. Literatur von K. HAMMACHER. Letzterer siehe z. B. in: Sein, Reflexion, Freiheit. Hrsg. v. C. Asmuth, 1997, 115- 141 (bes. S 127f).

6Vgl. die angegebene Literatur von K. HAMMACHER.

7Die vielen kunstgeschichtlichen, architektonischen und liturgischen Argumente waren etwa:

a) Das Raumkonzept der Erbauerzeit unterschied zwischen Priesterkirche (Kreuzaltar, Chorgestühl) und Laienkirche
b) Nach Fertigstellung 1924 (im Unterschied zu 1859) war die Differenz zweier Teile irgendwie sichtbar; offene Forschungsfragen gibt es dazu bis heute;
c) Es gab Umgestaltungen in den 1980-er Jahren
d) mehrere Vorarbeiten zur aktuellen Umgestaltung begannen bereits 2009.

Die klaren Strukturen, die Größe des Raumes, die verschiedenen räumlichen Zonen des Domes, viele kunsthistorische Fragen tauchten auf, die berücksichtigt werden wollten.

Die Baugeschichte selbst ist nicht unwesentlich für das Verstehen: die Votivkapelle 1869, vorderer Kapellenkranz 1885, Turm 1901, Langhaus 1924.

Die durch das 2. Vatikanum (60-er Jahre) veränderte Liturgie rückte die Eucharistie und die communio ins Zentrum, was natürlich ein Bischof Rudigier oder Baumeister V. Statz (2. Hälfte 19. Jhd.) auch gewusst haben dürften, aber eben anders topographierten. Der Volksaltar wurde geschaffen (in den 1970-er Jahren?), in den 1980-er Jahren einerseits noch im Presbyterium angesiedelt, andererseits aber deutlich vorgerückt … eine Orgel wurde ins Presbyterium verlegt.
„Die Liturgie schafft den Raum“

Ab 2009 begannen Pläne der Umgestaltung. Die Vorgaben des ganzen Domes wurde dringlichst und behutsam berücksichtigt, die Vierung einerseits, die Geschlossenheit des oberen Teiles des Presbyteriums andererseits. Man wollte dem Raum gerecht werden – und natürlich der Liturgie. Auf die Vorgaben des 2. Vatikanums und nachfolgender Dokumente, auf pastorale Verlautbarungen der Bischofskonferenzen, diverse Richtlinien etc. wurde geachtet.

Es sollte eine liturgischer Raum der Eucharistie und des gleichberechtigte Volkes Gottes sein – und ein Zeremoniale für eine Bischofskirche mit dort stattfindenden Weihen musste bedacht werden.

Dokumente wurden genannt: Siehe Dokument SC, 7 … siehe besonders Nr. 124; siehe Nr. 128. Die liturgischen Hauptfeiern sollten stattfinden können zwischen „Funktionalität und Symbolgestalt“.

Dann kam die Rede auf die Sedes d. h. auf den Vorsteherort, wiederum auf den Verkündigungsort (Ambo) und auf den Eucharistieort. Auf ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz zur Adaption alter Räume wurde hingewiesen. Die tätige Teilnahme sollte berücksichtigt werden, alles gut hörbar und sichtbar sein, die Egalität der Berufenen sollte zum Ausdruck kommen. Liturgie ist ein Kommunikationsereignis – und deshalb soll der Raum ein Kommunikationsraum sein.

Es kamen dann (interessante) kunstgeschichtliche Schilderungen: Der Tempel in Jerusalem, die Dura-Kirche in Syrien, die sog. „Hauskirche“, das synagogale Bedenken des Wortes Gottes. Es kam die Staatskirche des 4. Jhd. Vor z. B. Ravenna, St. Appolinaris, wurde zitiert, das Kreuz rückte in die Mitte, Christus wird durch den Vorsteher repräsentiert……. Das Mittelalter hatte das weitergeführt, aber eine immer größere Distanz trat ein zwischen Leiter der Liturgie und Volk ….

Die Kunst und Architektur des Kirchenbaus sollte dann, wie gesagt, den neuen liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums angepasst werden.

Aktualisiert wurde gefragt: Wie kommt die Sakralität in das Raumkonzept der Gegenwart hinein? Die Parameter im Linzer Dom sind vorgegeben: Die Größe, der Stein, das Licht. Psychologische und raumsoziologische Argumente wurden vorgebracht. Die Begriffe waren viefältig. Die Sakralität kommt nicht von selbst, sie „muss benannt werden können.“ (Ganz meine Meinung!)

Das liturgietheologische Konzept, die Realsymbole, die Sinnvollzüge, sie können durch den Raum aufgefangen, verbreitet, vertieft werden ……. die liturgischen Handlungen soll ermöglicht werden, die Qualität des Tuns inklusiv tätiger Teilnahme aller Mitfeierenden gewährleistet. Der Raum wird vom Leib her erfahrbar, Raum und Mensch können aufeinander bezogen sein. Die Heiligkeit des Raumes ist ein verdichtetes Beziehungsgeschehen, eine göttlich-menschliche Kommunikation.

Das Hauptkriterium ist diese neue Zone für die Feier der Eucharistie, der communio-Raum, „die Gemeinde versammelt sich“ und viele tragen zum liturgischen Spiel etwas bei. Es braucht keine Bühnenräume für den Chor, sondern die Beteiligung aller ist möglich. Die Communio der Christen ist auch eine Weg-Kirche – um nur ein paar Stichworte zu rekapitulieren.

Der liturgische Vollzug und die Deutung des Raumes sollen zusammenkommen; der ganze Feierraum – er ist ein theologisch-spirituelles Moment.

Auf Ambo und Altar wurde nochmals eingegangen. „Der Mensch wird von außen nach innen gebaut. Es braucht anspruchsvolle Räume, die Ehrfurcht einfordern.“

Es war ein Revival der Liturgiegeschichte und Kunstgeschichte, breit angelegt, aber alle hermeneutischen Bedingungen des Verstehens können nur von obersten transzendentalen Sinnbestimmungen der Liturgie und der communio bestimmt werden. Die heilsgeschichtliche Perspektive – leider ist das Wort „heilsgeschichtlich“ durch die Philosophie des Existentialismus verdorben worden – der Weitergabe der christlichen Sinnidee, wie sie in den Jahrzehnten des Dombaus von 1862 – 1924 durch tüchtige Bischöfe, den Dombauverein, den unzähligen Gläubigen, geleistet wurde, die inständigen Gebete, die großen Feiern und Zeremonien bis heute, sie erst machten die christliche Sinnidee sichtbar und erbauen den Dom bzw. erfüllen den liturgischen Raum.

8Ich habe hier schon meine Erfahrungen gemacht. Mit theologischen oder sachlichen Argumenten kommst du gegen die historische Argumentation eines BDA nicht an. Ein Beispiel war auch zu hören bei dieser Tagung: Es erzählte z. B. eine Architektin aus Berlin, dass die Neugestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale seit zwei/drei Jahren stagniert, weil das Denkmalamt dagegen ist. Transzendentale versus historische Argumente.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.