Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

1) Historische Fakten begründen für mich nichts in erkenntniskritischer und praktischer Hinsicht. Sie sind in gewissem Sinne zwar überall auftauchend, aber die Frage ist, welche letzte Bestimmungsgrund treibt uns, die historischen Fakten, die durch den Schirm der Zeit geschützt sind, neu zu bestimmen und zu interpretieren.

Besonders relevant sind seit jeher religiösen Werte. Sofern jemand in der katholischen Tradition sozialisiert ist, ferner in der Tradition der Linzer Diözesangeschichte steht, verbunden mit dem Linzer Dom, geschieht eine Neugestaltung des Altarraumes nicht ohne Anteilnahme. Man ist mit dem Bauwerk, der Liturgie, der ganzen Geschichte verbunden – und plötzlich soll jetzt die Altarraum neu gestaltet werden? Mit welchem Recht, mit welchen Argumenten?

Um die Akzeptanz der neuen Gestaltung zu erhöhen, wurden viele Gespräche geführt, Informationen ausgesandt, ein Symposion abgehalten. Ich durfte zufällig an diesem Symposion teilnehmen (Okt. 2017). Es gab viele kurze Vorträge zur Platzierung und Gestaltung des neuen Volksaltares. Vorallem aber dominierte das historische Bemühen um das Verstehen der alten und der neuen Platzierung des Altares. 1

So möchte ich jetzt eine zusätzliche Fragestellung einfließen lassen: Zählen eigentlich nur mehr kunsthistorische und kunstästhetische Kriterien, aber keine erkenntniskritisch, theologischen Argumente, um zu entscheiden, wie ein Altarraum aussehen soll? Die Trias eine Altarraumes von Altartisch, Ambo, Sedes in der Mitte des Domes, ist für sich bereits eine starke Fokussierung, die natürlich wieder stark abgeschwächt wird, insofern die ganze Größe und Ausrichtung des Linzer Domes, seine ursprünglichen Absicht, seine Architektur, weiterhin erkenntnis- und erlebnisrelevant bleiben. Trotzdem einen Altarraum auf mensa, Ambo und Sedes zu reduzieren und sie entsprechend pointiert herauszustellen – das ist eine starke Deutung. Natürlich kamen im Symposion die diversen liturgischen Argumente dazu, warum so zentral, den Vorgaben des II Vatikanums entsprechend etc. Ein Architekt alleine hätte nie so eine Altarraumgestaltung für sich alleine schaffen dürfen. Es redeten viele Historiker mit, die Kunstexperten, die Liturgen.  

Alle Achtung vor den historischen, liturgischen, architektonischen, künstlerischen  Fragestellungen und Antworten, aber es sei erlaubt zu fragen, wo bleiben die uns alle betreffenden pertinenten Bestimmungsgründe, warum und wozu es einen Altar und einen ganzen Altarraum, und Kreuze und Bilder etc. geben soll? Ist die Absicht der Versammlung der Gläubigen um einen gemeinsamen Tisch, die Absicht eines gleichberechtigten, auf gleicher Höhe zugänglichen Altarraums, die Absicht, den Altar in die Mitte der Vierung des Domes, der ganzen Stadt Linz, zu stellen, der letzte Bestimmungsgrund, worum es uns als höchsten Wert geht?

Doch wohl nicht. Die Gemeinschaft, die Einbettung des Sakralen in die Mitte der Stadt, die gemeinsame Feier, das sind alles gute und pragmatische Gründe, einen Altarraum so auszulegen und zu gestalten, wie er jetzt aussieht, aber jetzt angefragt: Wie relevant ist heute die Gemeinschaft, das Sakrale im Profanen eines Stadtlebens, die gemeinsame Feier? Wir vermissen oft diese Gemeinsamkeit, das Sakrale – kann ein moderner Altarraum dieses Stils das alles auffangen? Der Ambo, die Sedes, wie bildhaft wird hier das Wesen der christlichen Offenbarungsreligion noch festgehalten? Wenn ein Altarraum im alten Syrien oder manche Kirchen in Rom oder manche Sedesbänke so ausgesehen haben, so respektiere ich das voll und ganz und traue den Christen damaliger Zeit eine existenzrelevante, werthafte Auseinandersetzung mit den Anforderungen der damaligen Zeit und der Überlieferung ihrer Glaubens zu, aber was zeigt die existenzrelevante Auseinandersetzung und Intention einer so modernen Altarraumgestaltung (wie in Linz) mit den Gefühlen, Anfragen, Zweifel unserer Zeit?

Die Sinnidee eines Altares und eines Ambos – bei der Sedes bin ich skeptisch – ist der Rückbezug auf die positive Offenbarung in JESUS CHRISTUS, gipfelnd im Sterben am Kreuz zur Vergebung der Sünden und der folgenden Auferstehung, der folgenden Himmelfahrt  und Geistsendung. Der pertinente Bestimmungsgrund muss über allen kunsthistorischen Argumenten stehen – und über bloß denkmalschützerischen Argumenten.2

2) Das klingt jetzt alles von mir noch sehr abstrakt, bloß begrifflich, vielleicht trivial, doch die Schwierigkeit liegt in der Mediatisierung dieses Bestimmungsgrundes, dieser höchsten Sinnidee der Erlösung des Menschen durch Jesus Christus, gefeiert auf unseren Altären, sichtbar zu machen.
Ich bin mir hier selber noch nicht sicher, aber die phänomenologische Beschreibung eines Altares gründet doch in der geschichtlichen
Repräsentation der Sinnidee, des Opfertodes, der Auferstehung, der geschenkten Hoffnung, der Geistsendung?

Der Begriff der Repräsentation ist zwar wiederum sehr mehrdeutig, notwendig bis umstritten, aber mangels eines besseren Paradigmas, wie ich den Sinn eines Altares und des ganzen Feierraumes und einer liturgischen Rolle beschreiben soll, bleibe ich dabei. Der komplizierte Begriff hat den Vorteil, dass in ihm ein sittlich-praktischer Anspruch zum Ausdruck kommen kann, eine göttliche und interpersonale Forderung, die in einer rein kunsttheoretischen und historischen Betrachtung gerne vergessen wird.

Offensichtlich soll durch einen Altar oder durch einen Kirchenbau und in den  liturgischen Rollen der Personen (inklusiv Mitfeiernde) etwas dargestellt und repräsentiert werden. Eben der pertinente, absolute Bestimmungsgrund unseres Feierns, die lebendige Erinnerung an die Erlösung durch Jesus Christus, die lebendige Erinnerung einer bleibenden Hoffnung, die lebendige Erinnerung einer geistgewirkten Gemeinschaft.

Dazu möchte ich mich hypothetisch leiten lassen von einem „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahren, wie es die STOA oder das spätere Mittelalter oder DESCARTES oder FICHTE gepflogen haben: Das Denken in „Entymema“ ist ein rhetorisches Verfahren, wodurch durch analogisierendes und nachvollziehendes Denken eine Erkenntnis hergestellt wird, die anders gar nicht hätte gefunden werden können. Der Mittelbegriff in einem Schlussverfahren von terminus maior und terminus minor ist das argumentum, das als einleuchtende, intuierende Einsicht in jedem/jeder, der/die diesen Erkenntnisschritt mitvollzieht, sich von selbst einstellt und bewährt. Die Einheit der Erkenntnis, worin das Wissen mit dem Sein zusammenfällt und das Wissen sich im Bilde durch das wahrhafte Bild-Sein bewährt, kann nicht faktisch und tot abgesetzt hingestellt werden, bloß historisch festgestellt, denn dann entfiele die ganze Evidenz;  sie kann nur genetisch nachvollzogen und innerlich eingeschaut und überprüft werden.3

In einem christlichen Altarraum, Tisch, Ambo (Sedes?), in der ganze Architektur eines Kirchenbaus, müsste für einen Hinzutretenden die Hermeneutik des Verstehens sofort anspringen, aber nicht dank bloßer historischer Überlieferung, sondern dank eines überzeitlichen Bestimmungsgrundes, der per entymemischen Verfahrens eingesehen werden kann. Das erkenntniskritische und zeitüberhobene, apriorische argumentum eines Altarraumes ist, so möchte ich es hier zusammenfassen, die repräsentatio dei“ als lebendige Einschau in die positive Offenbarung.

Die kirchliche Hierarchie, die geschwisterliche, liebende Gemeinschaft, die Sakramente, das Sakrale – und wir dürfen folgern, die liturgischen Räume, der Kirchenbau, die Kunst und Architektur – alles soll der „repräsentatio dei“ und der lebendigen Erinnerung an Jesus Christus dienen. Alles möge eine sittlich-praktische, mystisch-existentielle Teilnahme und Teilhabe eröffnen.

Die „repräsentatioist das argumentum als schlusstiftender Mittelbegriff, der das kirchliche Leben, die Glaubensinhalte, die Sakramente, die Hierarchie, die künstlerische und architektonische Gestaltung der Kirchen und Altäre trägt und erhält.

Eine nur kunstgeschichtliche Argumentation kann bestenfalls eine hilfreiche Bedingung sein, die „repräsentatio dei“ zu erreichen. Aber bereits hier ist auffallend, soweit ich die wenigen architektonische Altarraumgestaltungen kenne, dass die kunsttheoretischen Explikationen sehr verschieden waren und sind. Die „repräsentatio dei“ lässt sich offensichtlich auf vielen Wegen erreichen.

Ich wünsche der neuen Anordnung im Linzer Dom, dass sie genauso die Leute begeistert und inspiriert, wie es die alte Anordnung meines Erachtens auch getan hat. Ich wünsche aber auch allen Erneuerern der kirchlichen Räume, dass sie nicht von bloß historischen und denkmalschützerischen Argumenten behindert werden. (Ich habe hier schon leidvolle Erfahrungen gemacht.)

30. 10. 2017

© Franz Strasser, Altheim, Pfarrer.

1Die vielen kunstgeschichtlichen, architektonischen und liturgischen Argumente waren etwa:
a) Das Raumkonzept der Erbauerzeit unterschied zwischen Priesterkirche (Kreuzaltar, Chorgestühl) und Laienkirche
b) Nach Fertigstellung 1924 (im Unterschied zu 1859) war die Differenz zweier Teile irgendwie sichtbar; offene Forschungsfragen gibt es dazu bis heute;

c) Es gab Umgestaltungen in den 1980-er Jahren
d) mehrere Vorarbeiten zur aktuellen Umgestaltung begannen bereits 2009. Die klaren Strukturen, die Größe des Raumes, die verschiedenen räumlichen Zonen des Domes, viele kunsthistorische Fragen tauchten auf, die berücksichtigt werden wollten.

Die Baugeschichte selbst ist nicht unwesentlich für das Verstehen: die Votivkapelle 1869, vorderer Kapellenkranz 1885, Turm 1901, Langhaus 1924.

Die durch das 2. Vatikanum (60-er Jahre) veränderte Liturgie rückte die Eucharistie und die communio ins Zentrum, was natürlich ein Bischof Rudigier oder Baumeister V. Statz (2. Hälfte 19. Jhd.) auch gewusst haben dürften, aber eben anders topographierten. Der Volksaltar wurde geschaffen (in den 1970-er Jahren?), in den 1980-er Jahren einerseits noch im Presbyterium angesiedelt, andererseits aber deutlich vorgerückt … eine Orgel wurde ins Presbyterium verlegt.
Die Liturgie schafft den Raum“

Ab 2009 begannen Pläne der Umgestaltung. Die Vorgaben des ganzen Domes wurde dringlichst und behutsam berücksichtigt, die Vierung einerseits, die Geschlossenheit des oberen Teiles des Presbyteriums andererseits. Man wollte dem Raum gerecht werden – und natürlich der Liturgie. Auf die Vorgaben des 2. Vatikanums und nachfolgender Dokumente, auf pastorale Verlautbarungen der Bischofskonferenzen, diverse Richtlinien etc. wurde geachtet.

Es sollte eine liturgischer Raum der Eucharistie und des gleichberechtigte Volkes Gottes sein – und ein Zeremoniale für eine Bischofskirche mit dort stattfindenden Weihen musste bedacht werden.

Dokumente wurden genannt: Siehe Dokument SC, 7 … siehe besonders Nr. 124; siehe Nr. 128. Die liturgischen Hauptfeiern sollten stattfinden können zwischen „Funktionalität und Symbolgestalt“.

Dann kam die Rede auf die Sedes d. h. auf den Vorsteherort, wiederum auf den Verkündigungsort (Ambo) und auf den Eucharistieort. Auf ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz zur Adaption alter Räume wurde hingewiesen. Die tätige Teilnahme sollte berücksichtigt werden, alles gut hörbar und sichtbar sein, die Egalität der Berufenen sollte zum Ausdruck kommen. Liturgie ist ein Kommunikationsereignis – und deshalb soll der Raum ein Kommunikationsraum sein.

Es kamen dann (interessante) kunstgeschichtliche Schilderungen: Der Tempel in Jerusalem, die Dura-Kirche in Syrien, die sog. „Hauskirche“, das synagogale Bedenken des Wortes Gottes. Es kam die Staatskirche des 4. Jhd. vor z. B. Ravenna, St. Appolinaris, wurde zitiert, das Kreuz rückte in die Mitte, Christus wird durch den Vorsteher repräsentiert……. Das Mittelalter hatte das weitergeführt, aber eine immer größere Distanz trat ein zwischen Leiter der Liturgie und Volk ….

Die Kunst und Architektur des Kirchenbaus sollte dann, wie gesagt, den neuen liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums angepasst werden.

Aktualisiert wurde gefragt: Wie kommt die Sakralität in das Raumkonzept der Gegenwart hinein? Die Parameter im Linzer Dom sind vorgegeben: Die Größe, der Stein, das Licht. Psychologische und raumsoziologische Argumente wurden vorgebracht. Die Begriffe waren viefältig. Die Sakralität kommt nicht von selbst, sie „muss benannt werden können.“ (Ganz meine Meinung!)

Das liturgietheologische Konzept, die Realsymbole, die Sinnvollzüge, sie können durch den Raum aufgefangen, verbreitet, vertieft werden ……. die liturgischen Handlungen soll ermöglicht werden, die Qualität des Tuns inklusiv tätiger Teilnahme aller Mitfeierenden gewährleistet. Der Raum wird vom Leib her erfahrbar, Raum und Mensch können aufeinander bezogen sein. Die Heiligkeit des Raumes ist ein verdichtetes Beziehungsgeschehen, eine göttlich-menschliche Kommunikation.

Das Hauptkriterium ist diese neue Zone für die Feier der Eucharistie, der communio-Raum, „die Gemeinde versammelt sich“ und viele tragen zum liturgischen Spiel etwas bei. Es braucht keine Bühnenräume für den Chor, sondern die Beteiligung aller ist möglich. Die Communio der Christen ist auch eine Weg-Kirche – um nur ein paar Stichworte zu rekapitulieren.

Der liturgische Vollzug und die Deutung des Raumes sollen zusammenkommen; der ganze Feierraum – er ist ein theologisch-spirituelles Moment.

Auf Ambo und Altar wurde nochmals eingegangen. „Der Mensch wird von außen nach innen gebaut. Es braucht anspruchsvolle Räume, die Ehrfurcht einfordern.“

Es war ein Revival der Liturgiegeschichte und Kunstgeschichte, breit angelegt, aber alle hermeneutischen Bedingungen des Verstehens können nur von obersten transzendentalen Sinnbestimmungen der Liturgie und der communio bestimmt werden. Die heilsgeschichtliche Perspektive – leider ist das Wort „heilsgeschichtlich“ durch die Philosophie des Existentialismus verdorben worden – der Weitergabe der christlichen Sinnidee, wie sie in den Jahrzehnten des Dombaus von 1862 – 1924 durch tüchtige Bischöfe, den Dombauverein, den unzähligen Gläubigen, geleistet wurde, die inständigen Gebete, die großen Feiern und Zeremonien bis heute, sie erst machten die christliche Sinnidee sichtbar und erbauen den Dom zu Linz bzw. erfüllen den liturgischen Raum.

2Ich habe hier schon meine Erfahrungen gemacht. Mit absoluten oder theologischen Argumenten kommst du gegen die betonharten, historischen Argumente eines BDA nicht an. Ein Beispiel war auch zu hören bei dieser Tagung: Es erzählte z. B. eine Architektin aus Berlin, dass die Neugestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale seit zwei/drei Jahren stagniert, weil das Denkmalamt dagegen ist. Transzendentale versus historische Argumente möchte ich sagen. Ohne lebendige Übersetzung der absoluten Sinnidee in Kunst und Architektur geht es nicht, aber auch umgekehrt: die Kunst speist sich vom Begriff des Prinzipiellen im Konkreten. Transzendentale Bestimmungsgründe unseres Glaubens und ästhetische Deutungen unseres Glaubens gehören eng zusammen.

3Natürlich ließen sich hier viele Parallelen der Philosophiegeschichte aufzählen, nicht nur die hier von mir genannten. Man denke an die Idee des Guten bei PLATON, an das argumentum bei ANSELM, an die transzendentale Freiheit bei KANT usw. Das verkürzende Verfahren zwecks Gewinnung einer eigenen Anschauung und Erkenntnis nenne ich den Gebrauch eines „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahrens. Es gäbe auch eine schlechte Art und Weise eines „entymemischen“ Verfahren, wenn die ausgelassenen Argumenten im Resultat das  Ausgeblendete absichtlich verfälschen oder vergessen lassen und eine Teilerkenntnis zur Erkenntnis des Ganzen hochstilisieren. Viele Einzelwissenschaften arbeiten so. Sie erzielen Teilerkenntnisse, leiten aber daraus allgemeine Prinzipien ab, die sie auf die ganze Wirklichkeit umlegen. Wenn es um den Begriff der „repräsentatio dei“ gehen soll, so muss eine Notwendigkeit im Denken selbst liegen, diese Repräsentation zu realisieren. Ich nehme mit dem Wort „entymemisch“ Bezug auf Vorlesungen von Prof. R. LAUTH bzw. Literatur von K. HAMMACHER. Letzterer siehe z. B. in: Sein, Reflexion, Freiheit. Hrsg. v. C. Asmuth, 1997, 115- 141 (bes. S 127f).

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser