Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

1) Ich hörte vor kurzem (Okt. 2017) auf der Katholischen Universität in Linz einen Vortrag und eine nachfolgende Diskussion über die neue Platzierung und Gestaltung des Volksaltares im Linzer Dom. Ich fragte mich dann: Zählen eigentlich nur mehr kunsthistorische und kunstästhetische Kriterien, symbolisch-liturgische und metaphysisch festgeschriebene Begriffe, aber der, wie wollte ich sagen, a) kommunikationstheoretische Sinn, was macht wirklich eine christliche Gemeinde aus, die communio, und b) der transzendentale Sinn der Erinnerung des Opfers Jesu am Altar, wird der noch herausgearbeitet? 1

Es war eine zum historischen Werden des Linzer Doms und zum liturgischen und kunstgeschichtlichen Aspekt eines Altarraumes dominierte Veranstaltung, nicht uninteressant für den/die Historiker/Historikerin, aber aller-allgemeinste Fragen in der Art, was ist der Sinn eines liturgischen Raumes, der Sinn eines christlichen Altares, der Sinn der Zusammenkunft und daraus technisch-praktisch, medial, architektonisch, künstlerisch und liturgisch folgernd die entsprechende Gestaltung und Umsetzung eines Altarraumes -, das schwebte zwar stillschweigend irgendwie im Raum und wurde vorausgesetzt, aber ohne prinzipielle Begründung hängen die hermeneutischen Interpretationen, sei es zur bisherigen Architektur des Linzer Doms, sei es zu anderen Kirchenräumen der Vergangenheit, sei es zu den liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums, in der Luft und bleiben relativ.

Ich bin irgendwie erschrocken, als sich eine Architektin aus Berlin meldete, dass dort die St. Hedwigskathedrale nicht umgebaut werden darf (Stand Okt. 2017), weil das Denkmalamt aus irgendwelchen historischen und künstlerischen Gründen dagegen ist. Da dachte ich mir, gibt es nur mehr historische Beweise zur Sicherung einer Bausubstanz, rechtliche Beweisführungen, irgendwelche real-symbolische Erklärungen, oder gibt es höhere Kriterien?

Ich machte mir ein paar Aufzeichnungen – siehe anbei in Punkt 2 -, aber die tiefen Sinnerklärungen, wie sie z. B. SC („Sacrosanctum concilium“ 1963) bringt, kamen nicht vor.

Diese prinzipiell-theologischen Aussagen mögen vielleicht in diesem Fall der hochkarätigen besetzten, historische-liturgischen Veranstaltung gar nicht so relevant gewesen sein, weil a) die Verbundenheit mit dem Linzer Dom durch die ganze Geschichte des Dombaus und der Liebe der Oberösterreicher zu ihrer Domkirche seit jeher bestanden und sich bewährt hat, also der kommunikationstheoretische Aspekt und die communio-Sinnerklärung bis heute irgendwie passt, und b) der Sinn eines Altares und eines Ambos noch tief in den Herzen der Menschen verankert ist, also der transzendentale Aspekt, dass der eigentliche Hohepriester, Lehrer, Hirte und Prophet Jesus Christus selber ist, – und das kann jeder unvoreingenommen erkennen, der das will – oder?  

Aber der landläufige und hermeneutische Konsens kann auch schnell an Grenzen kommen, wenn es um konkrete Schritte der Gestaltung geht – siehe Beispiel St. Hedwigs-Kathedrale. Da entscheiden dann Machtfragen. Historisch-denkmalschützerische „Gründe“ (in Berlin „das große Loch in der Mitte“) stehen einer liturgischen und theologischen Neugestaltung der Kirche im Wege. Dabei kann man sich denken, dass dort in Berlin auf höchster Expertenebene diskutiert worden sein wird; wenn man z .B. als kleine Landkirche mit dem Bundesdenkmalamt über künstlerische Umgestaltung sprechen will, zählt nur mehr die „gewachsene Bausubstanz“, da darf nichts mehr verändert werden. Da ist man auf jeden Fall zu klein und zu schwach!

Es müssten m. e. mindestens zu den historischen Argumenten zusätzliche, wenn nicht sogar erkenntniskritisch entgegenstehende, transzendentale Argumente gebracht werden, um zu angemessenen Richtlinien einer Altarraumgestaltung zu gelangen.   

Ich möchte, vielleicht etwas unbeholfen, a) den transzendental-begrifflichen Sinn eines Altares oder eines Ambos einbringen, – bei der Sedes bin ich mir nicht mehr sicher – und b) den kommunikationstheoretischen Sinn eines kirchlichen Altarraumes. M. a. W, die christliche Sinnbestimmung eines Altares, das Wesen der Liturgie – siehe z. B. SC (manchmal in etwas schwülstiger Sprache!) das muss doch über den hermeneutischen Verstehensbedingungen eines geschichtlich gewachsenen Raumes stehen – und letzte Kriterien einer ideenmäßigen Sinnbestimmung einer Umgestaltung oder Neugestaltung abgeben dürfen!? Denkmalschützerische und kunsttheoretische, architektonische und „symbolische“ Anschauungen, das sind alles hermeneutische Bedingungen des Verstehens, dürfen aber nicht letzte Begründungen sein.

Alle Sinnstiftung eines kirchlichen Raumes, insbesonders eines Altarraums, spezifisch nochmals in einer Bischofskirche, kommt doch a) von der Sinnidee christlicher Erlösung her, die auf die architektonischen und historisch-empirischen Fakten angewandt werden können muss – und b) liegt in der kommunikationstheoretischen Perspektive, communio, Volk Gottes zu verwirklichen.

Alle dabei mitspielenden, kirchlichen Ämter wie Bischöfe, Priester, Diakone, Lektoren, Kantoren dienen ausdrücklich dieser Sinnidee. Ob dieses Ämter einer prinzipiellen räumlichen Hervorhebung bedürfen, d. h. einer Sedes, leuchtet mir nicht mehr ein. Es braucht wohl immer eine gesellschaftliche Wirklichkeit der Ämter, ob sie liturgisch neben Altar und Ambo hervorgehoben werden sollen, das ist für in einer kommunikationstheoretischen Perspektive relativ und variabel. Die christliche communio in einer Zeltkirche wie in Taize kommt ohne Sedes aus.

 

Durch eine Sedes, so mein Argwohn, schleichen sich sofort alt-hierarchische, monarchische und antike Repräsentationsmuster ein, die einer Freiheit und Gleichheit aller Gläubigen widersprechen. Dass es rein soziologisch und praktisch Rollen und Ämter und „Autoritäten“ braucht, damit unser Zusammenleben gelingt, mag richtig sein, aber muss das liturgisch und architektonisch und realsymbolisch dargestellt werden?

Dass ein Hl. Ignatius von Antiochien in höchsten theologischen Begriffen vom kirchlichen Amt gesprochen hat – worauf sich z. B. die Ämtertheologie des 2. Vatikanums beruft – ist mir völlig klar: unter diesen prekären Verhältnisbestimmungen sah er sich und die Gemeindeleiter „in persona Christi“ zu fungieren genötigt – aber können die hermeneutischen Bedingungen des Verstehens von damals heute noch Kriterium sein? Dass der Hr. Bischof oder der Priester irgendwo sitzen muss, ist auch klar, aber muss die Vermittlung der christlichen Sinnidee von Erlösung und communio tätsächlich real-symbolisch durch die Sedes ausgedrückt werden? Wenn auch nur liturgisch?

2) Die vielen kunstgeschichtlichen, architektonischen und liturgischen Argumente waren etwa:

a) Das Raumkonzept der Erbauerzeit unterschied zwischen Priesterkirche (Kreuzaltar, Chorgestühl) und Laienkirche
b) Nach Fertigstellung 1924 (im Unterschied zu 1859) war die Differenz zweier Teile irgendwie sichtbar;
offene Forschungsfragen gibt es dazu bis heute;
c) Es gab Umgestaltungen in den 1980-er Jahren
d) mehrere Vorarbeiten zur aktuellen Umgestaltung
begannen bereits 2009.

Die klaren Strukturen, die Größe des Raumes, die verschiedenen räumlichen Zonen des Domes, viele kunsthistorische Fragen tauchten auf, die berücksichtigt werden wollten.

Die Baugeschichte selbst ist nicht unwesentlich für das Verstehen: die Votivkapelle 1869, vorderer Kapellenkranz 1885, Turm 1901, Langhaus 1924.

Die durch das 2. Vatikanum (60-er Jahre) veränderte Liturgie rückte die Eucharistie und die communio ins Zentrum, was natürlich ein Bischof Rudigier oder Baumeister V. Statz (2. Hälfte 19. Jhd.) auch gewusst haben dürften, aber eben anders topographierten. Der Volksaltar wurde geschaffen (in den 1970-er Jahren?), in den 1980-er Jahren einerseits noch im Presbyterium angesiedelt, andererseits aber deutlich vorgerückt … eine Orgel wurde ins Presbyterium verlegt.
„Die Liturgie schafft den Raum“

Ab 2009 begannen Pläne der Umgestaltung. Die Vorgaben des ganzen Domes wurde dringlichst und behutsam berücksichtigt, die Vierung einerseits, die Geschlossenheit des oberen Teiles des Presbyteriums andererseits. Man wollte dem Raum gerecht werden – und natürlich der Liturgie. Auf die Vorgaben des 2. Vatikanums und nachfolgender Dokumente, auf pastorale Verlautbarungen der Bischofskonferenzen, diverse Richtlinien etc. wurde geachtet.

Es sollte eine liturgischer Raum der Eucharistie und des gleichberechtigte Volkes Gottes sein – und ein Zeremoniale für eine Bischofskirche mit dort stattfindenden Weihen musste bedacht werden.

Dokumente wurden genannt: Siehe Dokument SC, 7 2 … siehe besonders Nr. 124;3 siehe Nr. 1284

Die liturgischen Hauptfeiern sollten stattfinden können zwischen „Funktionalität und Symbolgestalt“.

Dann kam die Rede auf die Sedes d. h. auf den Vorsteherort, wiederum auf den Verkündigungsort (Ambo) und auf den Eucharistieort. Auf ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz zur Adaption alter Räume wurde hingewiesen. Die tätige Teilnahme sollte berücksichtigt werden, alles gut hörbar und sichtbar sein, die Egalität der Berufenen sollte zum Ausdruck kommen. Liturgie ist ein Kommunikationsereignis – und deshalb soll der Raum ein Kommunikationsraum sein.

Es kamen dann (interessante) kunstgeschichtliche Schilderungen: Der Tempel in Jerusalem, die Dura-Kirche in Syrien, die sog. „Hauskirche“, das synagogale Bedenken des Wortes Gottes. Es kam die Staatskirche des 4. Jhd. Vor z. B. Ravenna, St. Appolinaris, wurde zitiert, das Kreuz rückte in die Mitte, Christus wird durch den Vorsteher repräsentiert……. Das Mittelalter hatte das weitergeführt, aber eine immer größere Distanz trat ein zwischen Leiter der Liturgie und Volk ….

Die Kunst und Architektur des Kirchenbaus sollte dann, wie gesagt, den neuen liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums angepasst werden.

Aktualisiert wurde gefragt: Wie kommt die Sakralität in das Raumkonzept der Gegenwart hinein? Die Parameter im Linzer Dom sind vorgegeben: Die Größe, der Stein, das Licht. Psychologische und raumsoziologische Argumente wurden vorgebracht. Die Begriffe waren viefältig. Die Sakralität kommt nicht von selbst, sie „muss benannt werden können.“ (Ganz meine Meinung!)

Das liturgietheologische Konzept, die Realsymbole, die Sinnvollzüge, sie können durch den Raum aufgefangen, verbreitet, vertieft werden ……. die liturgischen Handlungen soll ermöglicht werden, die Qualität des Tuns inklusiv tätiger Teilnahme aller Mitfeierenden gewährleistet. Der Raum wird vom Leib her erfahrbar, Raum und Mensch können aufeinander bezogen sein. Die Heiligkeit des Raumes ist ein verdichtetes Beziehungsgeschehen, eine göttlich-menschliche Kommunikation.

Das Hauptkriterium ist diese neue Zone für die Feier der Eucharistie, der communio-Raum, „die Gemeinde versammelt sich“ und viele tragen zum liturgischen Spiel etwas bei. Es braucht keine Bühnenräume für den Chor, sondern die Beteiligung aller ist möglich. Die Communio der Christen ist auch eine Weg-Kirche – um nur ein paar Stichworte zu rekapitulieren.

Der liturgische Vollzug und die Deutung des Raumes sollen zusammenkommen; der ganze Feierraum – er ist ein theologisch-spirituelles Moment.

Der Vorstehersitz wurde nochmals herausgearbeitet – womit ich, wie gesagt, meine Probleme habe. Dass der Hr. Bischof von der „kathedra“ lehrt, okay, aber jeder Landpfarrer auch seine „kathedra“ braucht? Die symbolische Bedeutung des Vorstehers – in personaler Weise soll der heilige Ursprung der Liturgie abgebildet werden. Der Bischof hat hier besondere Symbolkraft, er tritt an die Stelle Christi, soll die Beziehung Christi zu seiner Kirche abbilden – siehe Lima-Dokumentation. Die Sedes ist nicht ein Ehrensitz, sondern ist hingeordnet auf die Gemeinde….

Auf Ambo und Altar wurde nochmals eingegangen. „Der Mensch wird von außen nach innen gebaut. Es braucht anspruchsvolle Räume, die Ehrfurcht einfordern.“

Es war ein Revival der Liturgiegeschichte und Kunstgeschichte, breit angelegt – aber alle hermeneutischen Bedingungen des Verstehens können nur von obersten transzendentalen Sinnbestimmungen der Liturgie und der communio bestimmt werden. Die heilsgeschichtliche Perspektive – leider ist das Wort „heilsgeschichtlich“ durch die Philosophie des Existentialismus verdorben worden – der Weitergabe der christlichen Sinnidee, wie sie in den Jahrzehnten des Dombaus von 1862 – 1924 durch tüchtige Bischöfe, den Dombauverein, den unzähligen Gläubigen geleistet wurde, die inständigen Gebete, die großen Feiern und Zeremonien bis heute 2017, sie erst machen die christliche Sinnidee sichtbar und erbauen den Dom. Geschichtliche Fakten und hermeneutische Verstehensmuster offenbaren selbst noch nicht die christliche Sinnidee.
(c) Dr. Franz Strasser, 30. 10. 2017

1 Sacrosanctum Concilium, 1963, z. B. Vorwort Punkt 2. In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, „vollzieht sich“ „das Werk unserer Erlösung“ (1), und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, daß das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist, zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, daß dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen (2). Dabei baut die Liturgie täglich die, welche drinnen sind, zum heiligen Tempel im Herrn auf, zur Wohnung Gottes im Geist (3) bis zum Maße des Vollalters Christi (4). Zugleich stärkt sie wunderbar deren Kräfte, daß sie Christus verkünden. So stellt sie denen, die draußen sind, die Kirche vor Augen als Zeichen, das aufgerichtet ist unter den Völkern (5). Unter diesem sollen sich die zerstreuten Söhne Gottes zur Einheit sammeln (6), bis eine Herde und ein Hirt wird (7).

 

27. Um dieses große Werk voll zu verwirklichen, ist Christus seiner Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den liturgischen Handlungen. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht – denn „derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat“ (20) -, wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, so daß, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft (21). Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: (…)

3 124. Bei der Förderung und Pflege wahrhaft sakraler Kunst mögen die Ordinarien mehr auf edle Schönheit bedacht sein als auf bloßen Aufwand. Das gilt auch für die heiligen Gewänder und die Ausstattung der heiligen Orte. Die Bischöfe mögen darauf hinwirken, daß von den Gotteshäusern und anderen heiligen Orten streng solche Werke von Künstlern ferngehalten werden, die dem Glauben, den Sitten und der christlichen Frömmigkeit widersprechen und die das echt religiöse Empfinden verletzen

4 128 Die Canones und kirchlichen Statuten, die sich auf die Gestaltung der äußeren zur Liturgie gehörigen Dinge beziehen, sind zugleich mit den liturgischen Büchern im Sinne von Art. 25 unverzüglich zu revidieren. Das gilt besonders von den Bestimmungen über würdigen und zweckentsprechenden Bau der Gotteshäuser, Gestalt und Errichtung der Altäre, edle Form des eucharistischen Tabernakels, seinen Ort und seine Sicherheit

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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