Zur Beweglichkeit der Ideen (Politeia 7. Buch, 533b)

Es wurde immer wieder die Frage gestellt, wie die Ideen und die Einzeldinge der sinnlichen Welt zusammengehören. Wie kann die Teilhabe der Dinge an den Ideen vorgestellt werden? Sich billig damit zu begnügen, von einer Verdoppelung der Welt zu sprechen, hier die Sinnenwelt, dort die Ideenwelt, erklärt weder die Begriffe, die ja doch für die sinnliche Welt gelten sollen, an die selbst der Naturalist zeitweilig glaubt, noch erklärt eine Verdoppelung (Ideen hier, Sinnendinge dort) die Phänomene, die offensichtlich sich wandeln und ändern, welche Wandel aber auch Dauer voraussetzt. Zur Zeit PLATONS wurde die Frage der Teilhabe der Ideen an den Sinnendingen bereits heftig diskutiert – und heute muss man schon viel suchen und forschen, um dieses Niveau wieder zu erreichen.

Ein ARISTOTELES verteidigt einmal den Lehrer PLATON/SOKRATES1, wie er ihm dann wieder eine unerlaubte Trennung von Ideen und Einzeldingen vorwirft. Die Vorwürfe sind als das  „Chorismos“- Problem im Neukantianismus emporgehoben worden, ohne selbst eine Antwort bieten zu können. Inwiefern der Vorwurf des ARISTOTELES unberechtigt ist, siehe z. B. den Blog von mir wurde ebenfalls schon vielfach beschrieben – siehe z. B. „Transzendentale Deutung der Ideenlehre“ – oder siehe  Wikipedia-Artikel.

PLATON hat mit seiner Ideenlehre wesentliche erkenntnistheoretische Voraussetzungen des apriorischen Vorwissens eingebracht. Selbst die mathematischen oder geometrischen Voraussetzungen müssen ideenmäßig konstitutiert sein, sonst bleiben sie voraussetzungslos und unbewiesen. Das Zitat aus „Politeia“ möge diese konstitutive Funktion eines transzendentalen Wissens abschließend belegen – siehe download zwecks griechischer Orthographie. – pdf – Politeia 7. Buch 533b (Zur Unbegründheit geometrischer Voraussetzungen) 

Die „Kinetisierung“ (Beweglichkeit der Ideen) ist nichts anderes als die reflexive Begründung und systematische Anwendung der transzendentalen Wissensbedingungen auf Raum und Zeit. Bewegung ist bereits ein ideell- praktischer Begriff. Eine Bewegung zu denken und mithin auch eine abgeschrittene Zeit zu denken, gelingt nur durch Vorstellung eines räumlich Dauernden. Der Raum ist aber umgekehrt notwendig auch auf die Zeit bezogen, möchte der menschliche Geist (das Denken) Verschiedenes apprehendieren und appositionieren. Die Vorstellung ist durch die Darstellungskraft darin genötigt, die Erscheinungen in einer bestimmten zeitlichen Sukzession zu denken – und mit einer unterlegten Substanz im Raume, die gleich bleibt im Vergleich zu dem, was sich verändert. Die gegensätzlichen Bestimmungen eines Sich-Bewegenden sind denknotwendig in eine Zeit-Raum-Relation aufgeschlüsselt, sollte eine Vereinigung gegensätzlicher Bestimmungen dialektisch gelingen. Mit Platon gesagt: die Ideen sind beweglich (mit der stillschweigenden Voraussetzung von Zeit und Raum) Ein bekanntes Bild dafür ist: Das fahrende Schiff kann als solches nur gegenüber dem dauernden Ufer so prädiziert werden. Die Vereinigung des fahrenden Schiffes – die Beweglichkeit der Ideen –  geschieht durch das Denken und ist keine Anschauung. Bewegung ist Schematisierung auf Raum und Zeit, gedacht, nie an sich.     

© Dr. Franz Strasser, 11. 7. 2015

1 Metaphysik XIII 4, 1078b: „Doch Sokrates setzte das Allgemeine und die Definition nicht als Abgetrenntes an. Die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es und nannten derartiges Ideen.“

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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