Zur Deduktion des Rechtsbegriffes in der GNR – 2. Teil

Transzendentale Interpersonalitätslehre in Überleitung zum Rechtsbegriff – nach HANS GEORG von MANZ, 2. Teil. 

Es liegt apriorisch im Denken der Vernunft, wenn ein Ich-Bewusstsein/Selbstbewusstsein und freie Wirksamkeit sein soll, dass (metaphysisch) die Existenz mehrerer Vernunftwesen vorausgesetzt werden muss. Wie deren Verhältnis und Gemeinsamkeit geregelt und gestaltet werden soll, ist die uns beschäftigende Frage nach dem Recht.

In der spezifischen Eingrenzung einer bestimmten Sphäre von Freiheit erfasst das Subjekt zugleich sich selbst als Vernunftwesen und erkennt ein Vernunftwesen außerhalb seiner selbst ebenfalls zugleich als freies Wesen an.

Würden zwei Individuen als freie Wesen sich nicht primär erkennen und anerkennen (bejahen) können, könnte auch ein späteres Rechtsverhältnis nicht erreicht werden. Es käme mithin zu gar keinem erkennbaren Verhältnis, sondern führte sogar zur gegenseitig physischen Vernichtung  (vgl. GNR, 121f, worin FICHTE ausdrücklich darauf eingeht.).

Die Aufforderung und ein damit implizit mitgesetztes Bejahen und gegenseitiges Verstehen und Vertragen bedingt alles weitere Handeln als praktisch-logische Konsequenz.

Das Recht und die Gerechtigkeit muss nicht erst erstritten werden, es folgt logisch-praktisch.

G. v. Manz beschreibt dieses Aufforderungs- Anerkennungsverhältnis als den „Intersubjektivitätschluss“, als „transzendentalen Rechtsbegriff.“ (ebd. S 99).

FICHTE erläutert diesen transzendentalen Rechtsbegriff – nach der Ableitung der notwendigen Existenz der Pluralität von Vernunftwesen in § 3 – in § 4 (ebd. S 41 – 56)

(…) Die Erkenntniss des Einen Individuums vom anderen ist bedingt dadurch, dass das andere es als ein freies behandele (d.i. seine Freiheit beschränke durch den Begriff der Freiheit des ersten). Diese Weise der Behandlung aber ist bedingt durch die Handelsweise des ersten gegen das andere; diese durch die Handelsweise und durch die Erkenntniss des anderen, und so ins Unendliche fort. Das Verhältniss freier Wesen zu einander ist daher das Verhältniss einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit. Keines kann das andere anerkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig anerkennen: und keines kann das andere behandeln als ein freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behandeln.“(§ 4, ebd., S 44)

Der aufgestellte Begriff ist höchst wichtig für unser Vorhaben, denn auf demselben beruht unsere ganze Theorie des Rechtes. Wir suchen ihn daher durch folgenden Syllogismus deutlicher und zugänglicher zu machen.

I. Ich kann einem bestimmten Vernunftwesen nur insofern anmuthen, mich für ein vernünftiges Wesen anzuerkennen, inwiefern ich selbst es als ein solches behandele.“ (§ 4, ebd. S 44)

1. 1) Der Interpersonalitäts- oder Intersubjektivitätssschluss verdient noch weiterer Betrachtungen. Ich verweise hier auf J. Widmann: Eine Synthesis auf ein anderes Ich scheint ein sehr einfacher abstrakter Schluss zu sein, ist aber nur möglich, wenn sich ein reales anderes Ich in der Tat und konkret selber gebildet hat. „Die Synthesis von Ich und Du ist keineswegs eine bloß logische Konsequenz des einzelnen Sichbildens, das Bewusstheit von sich erzeugt, sondern „ineins lebendige und konkrete Bewusstwerdung eines andern konkreten Bewusstseins. Ein anderes selbständiges Ich fassen wir aber im Begriff des Du.“1

Erlebt wird in dieser Bewusstwerdung eine unmittelbar nicht weiter durchschaubare Doppelung des konkreten Ichbegriffs. Das Besondere an dieser Doppelung wird darin erfahren, dass nur einer der beiden Ichbegriffe mit dem Gefühl der unmittelbaren Selbstgewissheit verbunden ist – der andere zwar auch faktisch gewiss da ist, diese Gewissheit sich aber qualitativ von der ersten unterscheidet. Die Differenz beider Gewissheitsweisen wird auf den Begriff des Anderen projiziert und verschmilzt ihn und den zweiten Ichbegriff zum Begriff des Du.
Durch diese Synthesis treten zwei Formen von sichtbarer Geschlossenheit ins Licht des individuellen Bewusstseins: die erinnerte ursprüngliche des reinen Ichbegriffs und die neugeschaffene eines besonderen Ichbegriffs. Das Sichbilden selbst erscheint gespalten in ein ursprüngliches und ein neues, fremdes Sichbilden. (…)“2

Dem abstrakten philosophischen Denken auf der Suche nach einem apriorischen Rechtsbegriff muss  das unmittelbare Konkretum eines anderen, realen Ichs vorausgehen, weil die ideale Voraussetzung eines Bildes notwendig die reale Konkretion verlangt – so vielleicht deutlicher der Beweis nach der WL 1804/2. 3

1. 2) Noch ein wichtiger Aspekt scheint mit wichtig zu sein, auf den G. v. Manz später hinweist: Aus der transzendental vorausgesetzten Existenz mehrerer Personen und einem möglichen Relationsverhältnis derselben zueinander soll das Anerkennungsverhältnis folgen. Das heißt aber jetzt offenbar, dass eine Zeitspanne und Zeitdauer aufgemacht wird zwischen Aufforderung und intentierter Antwort (und Anerkennung). Woher jetzt die Zeit? Was tun mit dieser Zeit? Verfälscht sie nicht die ganze Absicht, die vielleicht in der Aufforderung liegt, oder verhindert sie überhaupt eine transzendentale Synthesis „partes integrantes“?

Der Reflexionsakt eines einzelnen Vernunftwesens in der Zeit (=Z1) kann von einem anderen Vernunftwesen in seiner Zeit (=Z2) gar nicht eingeholt werden, ergo gibt es kein ursprüngliches Erkennen der Absicht des anderen?

Die genauere Analyse würde uns zurückführen zu den Ableitungen der Zeit in der GWL und in der WLnm. Es ist alles von FICHTE hier so selbstverständlich hingesagt, aber trotzem sehr genau und pointiert:

Aber dasselbe (sc. Aufforderungsobjekt) wird nicht anders begriffen, und kann nicht anders begriffen werden, denn als eine blosse Aufforderung des Subjects zum Handeln. So gewiss daher das Subject dasselbe begreift, so gewiss hat es den Begriff von seiner eigenen Freiheit und Selbstthätigkeit, und zwar als einer von aussen gegebenen, verstanden. Es bekommt den Begriff seiner freien Wirksamkeit, nicht als etwas, das im gegenwärtigen Momente ist, denn das wäre ein wahrer Widerspruch; sondern als etwas, das im künftigen seyn soll. (Hervorhebung von mir; GNR, § 3, S 33)

Das in der Zeit und durch die Zeit geprägte Anerkennungsverhältnis offenbart das Postulat, es möge zusätzlichen zur möglichen freien Wirksamkeit und prinzipiellen Willensgleichheit der Subjektes zu einem kategorisch fortbestehenden Verhältnis kommen.

Es liegt ein seltsames Werden und eine postulierte Hoffnung drinnen, dass ich als „genetisches“ Werden bezeichnen möchte, weil es nicht nur um irgendein Zeitverhältnis und um irgendwelche äußerlichen Zeitquanta geht, sondern um das Zustandekommen einer genetischen Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung innerhalb einer Dauer, die besonders ausgezeichnet ist. Bloßes Werden von Zeit ist noch nicht faktisches Dauern von Zeit. Das Werden der Zeit muß Werden der Zeitdauer sein, soll es zur Dauer faktischer Zeit führen können. Der Momente der erhofften Anerkennung der Aufforderung, nennen wir es dritte Zeit (=Z3), in dem sich das Werden von Z1 zu Z2 in einer (ersten) Zeitdauer vollendet, zeigt, dass das problematische Anerkennungsverhältnis zu einem kategorischen Anerkennungsnexus geschlossen wird. Diese anfängliche (erste) Zeitdauer bleibt dabei, so scheint mir, in gewissem Sinne trotzdem fragil, weil es zwar eine sein sollende Dauer einer faktischen Kontinuität der Zeitsetzung (siehe dann bei FICHTE § 4, S 50) kategorisch verlangt, aber theoretisch infolge weiterer Setzungsmöglichkeiten wieder abgebrochen oder unterbrochen werden kann. 4

M. a. W., es bleibt in diesem synthetischen Ansinnen der „Aufforderung“ die praktische Supposition anderer Freiheit auf Hoffnung und Zukunft (der Kategorizität) hin gesetzt.

G. v. Manz beschreibt den Intersubjektivitätschluss weiter so:

Ist das Anerkennungsverhältnis einmal gesetzt, stehen alle folgenden Beziehungen (bzw. die Handlungen, die zu solchen Beziehungen führen), unter ihm. Die Vernünftigkeit erweist sich darin, ob in der Folge konsequent nach den etablierten Anerkennungsver hältnis gehandelt wird. (Mit dem einmal gesetzten Anerkennungsverhältnis beginnt eine gemeinsame Geschichte.)“5

Ganz richtig betont G. v. Manz, dass aus dem Aufforderungs-Antwortverhältnis nicht automatisch das Anerkennungsverhältnis folgen muss, so als sei die Freiheit der Reflexion zu einer Affirmation anderer Freiheit und nochmals innerhalb einer gemeinsamen Sphäre vieler anderer Vernunftwesen gezwungen. Das würde sowohl den Begriff der „Freiheit“ aufheben, als generell jeden Erkenntnisbegriff, der mit der Freiheit beginnt, und generell jedes freie Relationsverhältnis in der Rechtslehre bzw. jeden freien Zusammenschluss von Vernunftwesen in der Sittenlehre wäre aufgehoben.

M. a. W. in dem „Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen.“ (GNR, § 3, ebd. S 33) wird das andere, reale Subjekt nicht determiniert, sondern nur „an-determiniert“ (R. LAUTH).

Die je eigene Subjektivität ist der Bestimmung durch alle potentiellen anderen Vernunftwesen ausgesetzt; d. h. im Verhältnis zu einem anderen kann die Subjektivität ermöglicht werden, wenn eine gegenseitige Anerkennung vollzogen wird, oder sie kann bedroht sein, wenn es zu keinem Anerkennungsverhältnis kommt. Zugleich ist sie bei bereits gesetzten Verhältnissen dem zeitlichen Verlauf ausgesetzt. Das Anerkennungsverhältnis kann bei konsequentem Handeln Bestand haben oder es bricht bei inkonsequentem Handeln ab.“ 6


„(…) Das Rechtsverhältnis ist nichts anderes als die notwendige Bedingung für das Anerkennungsverhältnis.“ 7

Das deduzierte Verhältnis zwischen vernünftigen Wesen, daß jedes seine Freiheit durch den Begiff der Möglichkeit der Freiheit des anderen beschränke, unter der Bedingung, daß das erstere die seinige gleichfalls durch die des anderen beschränke, heißt das Rechtsverhältnis(ebd. § 4, S 52)

Die Formulierung des Rechtsbegriffs nennt Fichte den Rechtssatz:

Ich muss das freie Wesen ausser mir in allen Fällen anerkennen als ein solches, d. b. meine Freiheit durch den Begriff der Möglichkeit seiner Freiheit beschränken“ (ebd. § 4, S 52)

1. 4) Zusammenfassend kann gesagt werden: Der Rechtsbegriff erweist sich als Konstitutivmoment (Bild) der Idee eines möglichen Bewusstseins/Selbstbewusstseins (Ich-Bewusstseins), was die subjektive, personale und interpersonale Konstitution betrifft.

Er ist apriorisch aus der Selbstreflexion der Vernunft gewonnen. Er umfasst als Form den qualitativen Inhalt eines möglichen Anerkennungsverhältnisses, das von der Aufforderung zur Antwort, von der Problematizität zur Kategorizität, übergeführt werden soll, und umfasst als Form auch die erst in den §§ 5 -6 folgenden Anwendungsbedingungen des Leibes und der Kommunikabilität.

 

(c) 29. 4. 2021 Franz Strasser

 

1J. Widmann, a. a. O., S 210.

2Ebd. S 210.

3In der Terminologie der WL 1804/2 lässt sich das so darstellen: Das Bilden eines individuellen Ichs innerhalb des „absoluten Ichs“ ist nur denkbar in Hinblick a) auf eine mögliche Idee eines Sich-Bildens hin, was wiederum zur Folge hat, dass ein Sich-Bilden b) nur im Gegenüber zum Begriff des Wirklichen möglich ist. Vgl. dazu J. Widmann, Die transzendentale Struktur, a. a. O., Abschnitt zum Bildbegriff 4. 3, S 174ff und zum Du-Begriff, S 209ff.

Durch diese Synthesis treten zwei Formen von sichtbarer Geschlossen heit ins Licht des individuellen Bewußtseins: die erinnerte ursprüngliche des reinen Ichbegriffs und die neugeschaffene eines besonderen Ichbegriffs. Das Sichbilden selbst erscheint gespalten in ein ursprüngliches und ein neues, fremdes Sichbilden. Der Bezug auf das Sichbilden, den wir in den obigen Synthesen rein betrachten konnten, muß von jetzt an als in sich selbst gespalten angesehen werden.“ (ebd. S 210)

4 Der große Begriff der „Praxis“ scheint mir in der Kategorie der Zeit unterzubringen zu sein? Ich zitiere J. Widmann in seiner Analyse der WL 1804/2: „Mit ihm wiederholt sich nun die spontane Anfangssetzung, die wir von Z1 kennen, denn als erster Anfang der Dauer hat Z3 seinerseits keine bestehenden Dauerform, sondern nur Werdensform sich voraus. Durch diesen Stellung zwischen Werden und Dauer unterscheidet sich Z3 aber auch wesentlich von Z1. Wohl ist es seinerseits Anfang, doch nicht schlechthin unbedingter, sondern durch Werden bedingter Anfang.“ (J. W., Die transzendentale Grundstruktur des Wissens, a. a. O., S 280.281)

Die Gemeinschaft des Bewusstseins dauert immer fort. Ich richte ihn (den anderen) nach einem Begriffe, den er, meiner Anforderung nach, selbst haben muss.GNR § 4, 50)

5G. v. Manz, a. a. O., S 101.

6G. v. Manz, ebd. S 101.

7G. v. Manz, ebd. S 102.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser