Zur Deduktion des Rechtsbegriffes in der GNR – 2. Teil

Transzendentale Interpersonalitätslehre in Überleitung zum Rechtsbegriff – nach HANS GEORG von MANZ – 2. Teil.
FICHTE geht in der Schilderung des Anerkennungsverhältnisses sehr detailliert vor (siehe MANZ unter dem Titel: „Der Intersubjektivitätsschluss als der transzendentale Rechtsbegriff“, Fairneß und Vernunftrecht, a. a. O. S.99 – 103):

  1. In einem ersten Schritt wird die Möglichkeit der Anmutung auf Anerkennung dargelegt.(GNR, § 4, S 44)
  2. Im zweiten Schritte wird die Notwendigkeit der Anmutung auf Anerkennung in universeller Geltung bewiesen; d. h. ohne sie wäre ein Selbstbewusstsein nicht denkbar. (ebd. S 45)
  3. Aus der Struktur der Anerkennung und der Notwendigkeit ihrer Anmutung folgt die Notwendigkeit des Anerkennungsverhältnisses überhaupt. Jemanden anerkennen heißt aber, „d. i., dass ich ihn als ein solches (freies, vernünftiges Wesen) behandelte – denn nur Handeln ist ein solches gemeingültiges Anerkennen.“ (ebd. S 47)

Der Wille der einen Freiheit in der Selbstbeschränkung der Freiheit soll zugleich EIN Wille mit der Freiheit der anderen Selbstbeschränkung sein, die eine Sphäre (theoretisch wie praktisch in allen Formen mediatisierter Kunstprodukte und Kommunikationsformen) gemeinsamer Handlungen ausmachen.

Offensichtlich geht es FICHTE hier in der GNR in aller Kürze und Schnelle  um die aus der Aufforderung folgenden Struktur der Anerkennung und der daraus folgenden formalen Willenseinigung. Was dies in materialer Hinsicht bedeutet, einen gemeinsamen Willensinhalt zu stipulieren und anzuschauen, vorallem in Hinsicht auf die Kommunikabilität, das kommt in der GNR sicherlich zu kurz, historisch gesehen absolut verständlich. Zur materialen Basis der Zeichensetzungen und der Sprache – siehe dazu andere Schriften FICHTES aus dieser Zeit.

Ist das Anerkennungsverhältnis einmal gesetzt, stehen alle folgenden Beziehungen unter ihm. Dies betrifft konkret den Begriff der gegenseitigen Zuerkennung von Eigentum oder die Findung einer gerechten sozialen Ordnung oder der Austausch in mediatisierten Formen. Die Vernünftigkeit erweist sich darin, ob in der Folge konsequent nach dem etablierten Anerkennungsverhältnis gehandelt wurde.

Wieweit in logischer Konsequenz es auch zu einem Zwangsgesetz und zu einer staatlichen Ordnung kommen muss, falls ein gemeinsamer Willensentschluss nicht vorausgesetzt werden kann,  ist eine wichtige Frage und wird von FICHTE explizit thematisiert und deduziert. Ohne institutionelle Absicherung der Rechtsverhältnisses wäre die Anerkennung anderer Freiheit höchst fragil.  Die Verbindlichkeit eines Gesetzes in einem gemeinsamen Staatswesen mit entsprechender Zwangsbefugnis  folgt ebenfalls nach deduktivem Gesetz.

„Dieses Verbindende ist keineswegs das Sittengesetz: sondern das Denkgesez; und es tritt hier ein eine praktische Gültigkeit des Syllogismus“ (GNR, § 4, S 50)

Es folgt dann FICHTES Definition des Rechtsverhältnisses bzw. die Grundlegung der späteren Positiven Rechts (ab den §§ 7ff).

„Das deducirte Verhältniss zwischen vernünftigen Wesen, dass jedes seine Freiheit durch den Begriff der Möglichkeit der Freiheit des anderen beschränke, unter der Bedingung, dass das erstere die seinige gleichfalls durch die des anderen beschränke, heisst das Rechtsverhältniss; und die jetzt aufgestellte Formel ist der Rechtssatz.“ (§ 4 ebd. S 52)

Die gegenseitige Anerkennung wird in dem Moment gültig, wenn das aufgeforderte Subjekt (B) dem auffordernden anderen Subjekt (A) antwortet. Die erste Aufforderung oder Anmutung durch das Subjekt (A) ist noch problematisch; wenn das aufgeforderte Subjekt (B) antwortet, dann anerkennt es die Aufforderung als solche und anerkennt damit das Subjekt (A) als freies Vernunftwesen kategorisch. Mit dieser Antwort wird für das Subjekt (A) die zunächst problematische erste Aufforderung (an B) kategorisch gültig, und Subjekt (A) muss Subjekt (B) ebenfalls als freies Subjektwesen anerkennen. Mit der Anerkennung bestimmen die Subjekte einen gemeinsamen Teilbereich ihrer jeweiligen Freiheitssphären und bestimmen damit zugleich ihre Freiheitssphäre selbst bzw. ihre Individualität.

Es liegt in diesen §§ 3- 6 eine äußerste Präzision; die Deduktion des Leibes in den §§ 5- 6 lasse ich hier weg, aber allein wie der Begriff der Individualität sich aus der Interpersonalitätslehre (-theorie) begründet wird, ist sehr entscheidend, wenn in späteren Wln aus dem Begriff der Ichheit oder des absoluten Wissens zur konkreten Anschauung des Vernunftbegriffes in einem einzelnen, personalen Ich und Du und Wir übergegangen werden wird.

„Der Begriff der Individualität ist aufgezeigtermassen ein Wechselbegriff, d.i. ein solcher, der nur in Beziehung auf ein anderes Denken gedacht werden kann, und durch dasselbe, und zwar durch das gleiche Denken, der Form nach, bedingt ist. Er ist in jedem Vernunftwesen nur insofern möglich, inwiefern er als durch ein anderes vollendet gesetzt wird. Er ist demnach nie mein; sondern meinem eigenen Geständniss, und dem Geständniss des Anderen nach, mein und sein; |sein und mein; ein gemeinschaftlicher Begriff, in welchem zwei Bewusstseyn vereinigt werden in Eines. (§ 4, ebd. S 47/48) (….) Es muss ein uns gemeinschaftliches, und von uns gemeinschaftlich nothwendig anzuerkennendes Gesetz geben, nach welchem wir gegenseitig über die Folgerungen halten; und dieses Gesetz muss in demselben Charakter liegen, nach welchem wir eben jene Gemeinschaft eingegangen: dies aber ist der Charakter der Vernünftigkeit; und ihr Gesetz über die Folgerung heisst Einstimmigkeit mit sich selbst, oder Consequenz, und wird wissenschaftlich aufgestellt in der gemeinen Logik. (ebd. § 4, S 48)

© Franz Strasser, fr.strasser@eduhi.at, 11. 12. 2016

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser