Schöpfungserzählung 2. Teil, der substantielle Denk- und Selbstbestimmungsakt und die Zeitvorstellung

Um zum zeitlosen „Im Anfang“ von Gen 1, 1 aufzusteigen, ist es notwendig, den Ursprung der Zeitvorstellung zu erreichen: 1) FICHTE setzt in § 3 seines NATURRECHTS 1796 mit dem als Zirkel beschriebenen Verhältnis von zwecksetzender freier Wirksamkeit und Objektvorstellung an, in dem sich ein endliches Vernunftwesen („Subjekt“) als dem Ausgangspunkt seiner freien Wirksamkeit anfänglich befindet. Die Objektvorstellung, (die Welt, die Schöpfung) geht der freien Wirksamkeit (des Vernunftwesens) als Ermöglichungsbedingung, d. h. als Sphäre für seiner freie Wahl zeitlich voraus. Denn sonst wäre dem Subjekt nichts gegeben, woraus es für seinen Zweckentwurf und seine freie Entscheidung auswählen könnte. Umgekehrt gehen aber Wirksamkeit und Zweckentwurf der Objektvorstellung als Ermöglichungsbedingung zeitlich voraus, denn wenn sich die Freiheit nicht zuwendet und attendiert, ist ihre keine Sphäre für ihre freie Wahl gegeben. Eines führt aufs andere als seine Konstitutionsbedingungen zurück, es gibt keinen Anfang des Bewusstseins und der Freiheitsvorstellung. Daraus folgert FICHTE, nicht deduktiv, sondern in synthetischer, eine weitere Konstitutionsbedingung hinzupostulierender Methode, die freie Wirksamkeit muss mit der Objektvorstellung zugleich, also ohne Dazwischentreten von Zeit, erfasst werden, damit das Subjekt sie sich zuschreiben kann. Dies ist nur möglich, wenn die freie Wirksamkeit mit und in der Objektvorstellung zugleich mitgegeben wird, dem Subjekte gegeben wird. FICHTE nennt es ein „Bestimmtseyn des Subjekts zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschließen.“ (SW, III, 33) ( GA I, 3, 343) (Hervorhebung von mir)

Die niederste Form des Willens ist der deliberierende, das heißt beratschlagende und erwägende Wille, der alternativ-freie Wille, der aus der Unentschiedenheit übergeht zur Bestimmtheit seiner durch sich selbst, zum Wollen in actu. (GA IV, 2 113f; 134; 188;) Davon ist dann zu unterscheiden – und das ist die großartige Herausarbeitung der Wlnm 1796/97 bis § 12/13 – der prädeliberative Wille, der durch sich selbst bestimmte, reine Wille. 1 Es liegt diesen Unterscheidungen gemäß dem deliberierenden, übergehenden Willen eine prädeliberativer Wille zugrunde, der nur als substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt verstanden werden kann. Dieser prädeliberative Wille ist ein konstitutiver Vernunftakt im empirischen Ich, ein vorbewusster Ichakt, ein vor aller Zeit geschaffener Selbstbewusstseins- und Selbstbestimmungsakt. „Erst auf dieser Basis kann es dann zu einem deliberativen Selbstbestimmen und dem ihm inhärenten zeitlichen Übergang kommen.“ 2

2) F. BADER führt diesen substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsakt anhand des prädeliberativen Willens in der Wlnm weiter aus: In jedem faktischen Vollzug des Willens bewährt sich das Sein eines prädeliberativ gewussten Wollens, das „unum argumentum“ des ANSELMS. 3 Ich muss immer schon zu Bedingungen dieses Wollens übergehen können, wissen können, was „Wollen“ heißt, wenn ich will. Ich muss in meinem Übergehen, überzeitlich, prädeliberativ schon konstitutiert sein.4 Es ist dies keine neue Lehre, sondern das bei PLATON wiederholt angesproche „apriorische Vorwissen“, die Einheit von Denken und Sein. 5 Ich kann mich als Individuum und andere als Individuen gar nicht wissen, wenn ich nicht ein apriorisches Vorwissen der Vernunfteinheit (in der WL 1801/02 spricht FICHTE von „universeller Vernunft“) als solcher besitze. Ich muss die Einheit wissen können, aus der ich mich als besondere Einheit ausgrenze; die Korrelation muss dabei immer schon ermöglicht und offen sein. Ließe sich das nur regulativ denken, sozusagen Gott nur als „regulative Idee“ ansetzen, wäre die Vernunfteinheit nicht konstitutiv; ich wüsste nicht um meine Individualität und nicht um die Individualität anderer. Ich muss mich (und andere) in der Vernunfteinheit von vornherein wissen können und in weiterer Folge die gemeinsame Welt und gemeinsame Zeit. Die Vernunfteinheit oder „universelle Vernunft“ ist dabei als solche Vollzug. Sie denkt allaugenblicklich in uns und nimmt relativ zu uns bestimmte Ansichten ein – und wir nehmen als Individuen relative Ansichten zu ihr ein. Die Individualität des einzelnen Menschen ist dabei nicht solcherart in der Einheit der Vernunft eingeschlossen, dass das Individuum dadurch in einem implikationslogischen Verhältnis determiniert wäre; das Verhältnis ist ein Aufforderungs – und Aufgabeverhältnis, erscheinend unter uns und für uns. Wir sind Ausgliederungen der Vernunfteinheit in der Form eines Aufrufs, welcher Aufruf uns zugleich frei lässt als individuierte Vernunftwesen. Das geistige Schauen und Erkennen des prädeliberativen Willens wird dabei nicht verdoppelt zum empirischen, deliberierenden Willen hinzugesetzt, sondern mittels diskursiver Schritte wird schematisierend die Wirklichkeit der sinnlichen wie der intelligiblen Natur bestimmt, d. h. ihre kategoriale Bestimmung abgeleitet und gerechtfertigt aus der Grundbestimmung des reinen Willens. Der reine Wille schematisiert sich zur Vollendung in die Zeitform hinein. Die interpersonal sich ausschematisierende Aufgabe ist und bleibt auch in der Zeitform die eine zeitlose, überzeitliche, transzendentale Lichtheit und Helligkeit ihrer selbst, die sich als selbstständige Quelle der Wahrheit und des Gutseins (als Zurückkunft des GEISTES in einem bestimmten Wissen) durchhält. Das Quale dieser Lichtheit ist untrüglich und absolut recht; sie erlischt auch nicht als lebens- und lichtzeugende Quelle durch die Zeit hindurch und kann in der Zeit nicht erschöpft werden, weil sie aus der Selbstbeschränkung des reinen Willens selber kommt. Der reine Wille „procreirt“, wie FICHTE in der WL 1801/02 sagt, die Zeit als Form seiner Selbsteinschränkung und als Form des Schöpfertums, sich unter zeitlichen Bedingungen zu verwirklichen.

M. a. W.: Die formale und materiale Bestimmtheit der Welt (der Schöpfung), wie sie der Hymnus Gen 1 erzählt, ist, hervorgehend aus einer prädeliberativen Konstitutions- und Willensordnung, weder mythenhaft-verklärte, göttlich-emanierte Natur,  noch determiniertes Kausalgeschehen, zu einer überheblichen Beherrschung und Zerstörung frei gegeben; sie ist mehr als anonyme, angsteinflößende Macht, mehr als ausbeutbare Masse,  mehr als Gesellschaft, die bloß Blutsverwandtschaft kennt, mehr als Kultur, die sublimiertes Triebleben sein soll, mehr als eine projektive Fläche für Religion. Die Schöpfung – die Natur, die Gesellschaft, der einzelne Mensch, die Kultur  –  sie sind Arten eines apriorischen Vorwissens,  einer Ur-Aufforderung durch Gott, damit Freiheit als mitkonstituierende Bedingung in jedem spezifischen Sein  miteinfließen  und realisiert werden kann.  

3) In den „Im Anfang“ wird oft eine zeitliche Prozessualität hineingelegt, sodass einerseits Gott selbst verendlicht wird und in einer Art Emanation sich mitteilt, oder umgekehrt, die Schöpfung als von Gott ganz losgelöst, absolut immanent und a-theistisch (naturalistisch) gesehen wird. Die Existenzialphilosophie des letzten Jahrhunderts hat ihr Übriges getan, die Wahrheit zu verzeitlichen! Man kann den Widerspruch konstruieren, „Beginn ist nicht Anfang“, wie im Aufsatz von H. Lüssy (siehe Anm.)6, aber damit ist das Problem rational nicht erklärt, wie eine zeitliche Sicht zusammen mit einem zeitlosen Schöpfungsakt bestehen kann. Das Problem des zeitlichen Anfangs löst KANT mit Hilfe einer Differenzierung in Erscheinungswelt, worin alles unter den Prämissen der Zeitanschauung und der Raumanschauung fällt, und einer dahinterliegenden intelligiblen Welt. Die Vernunft täuscht uns hier, wenn wir über intelligible Dinge, wie z. B. über den Begriff eines (absoluten) Anfangs etwas bestimmen wollen, denn wir haben nur Begriffe von sinnlichen Erscheinungen. Der Verstand ist auf diese sinnlichen Anschauungsformen restringiert. Dies ist aber einerseits ein idealistisches Prinzip, die Vorstellungen von Zeit und Raum sollen bloß von uns und für uns gelten, andererseits ein realistisches Prinzip, die Erscheinungen sind nicht bloßer Schein, sondern haben ein reales Substrat. Gibt es eine Herleitung dieses Wechsels? FICHTE wird später einmal sagen, KANT habe die Frage der Antinomien zwar gut gestellt, aber schlecht gelöst (WL 1804), denn der Grund der Differenzierung zwischen Erscheinungswelt (Phänomenalität der Dinge) und realer Welt (das „Ding an sich“) ist von KANT nicht eingesehen. Vielmehr wird von vornherein ein idealistisch-realistischer Wechsel angenommen. Die Welt ist einmal bloß erscheinend, dann wieder real existierend. Das Ich der transzendentalen Apperzeption synthetisiert die Erscheinungen dieser Welt in eine abstrakte Einheit hinein, zu der die reale Welt dahinter realistisch, uneingesehen hinzupostuliert werden muss. Hier das Zitat der Zeitantinomie nach KANT. Die Zeitantinomie und die indirekt dazugehörende Teilungsantinomie – sie lassen sich nicht eindeutig nach falsch oder wahr hin auflösen.

  1. Antinomie
    • Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen.
    • Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als auch des Raums, unendlich.

Die Zeitantinomie, um sie noch etwas weiter zu problematisieren, könnte in Hinblick auf die mathematische Antinomie dahingehend auch verstanden werden, dass gezählt wird. Nach der bekannten Definition „Zeit ist das Maß der Bewegung“ (ARISTOTELES) – kann ich den gesuchten Übergang (zeitloser Schöpfergott – zeitliche Schöpfung) durch den Maßbegriff und durch Zählen erreichen? Die Zahlen sind ebenfalls Quanta, ebenfalls diskrete Quanta im Unterschied zu kontinuierlichen Quanta. Sobald ich der Eins etwas entgegensetze, bekomme ich eine zweite Eins und dieser zweiten Eins muss ich eine dritte Eins entgegensetzen u. s. w. ins Unendliche – eine Frage bereits bei PLATON. Sobald ich mit der Zweiheit anfange, komme ich zur Unbegrenztheit und Unendlichkeit, und habe den absoluten ersten Anfang wieder verfehlt. 7 Nach KANT lässt sich die Antinomie, es gibt einen Anfang/es gibt keinen Anfang, mit Verweis auf die Täuschungsmanöver unserer Vernunft, nicht befriedigend lösen. Hier muss aber kritisch eingewandt werden: Das ist dogmatischer Realismus! Es ist nur ein „relativ transzendentaler Ansatz“8. Der behauptete Wechsel der Ansicht Erscheinungswelt/reale Welt ist eine von KANT selbst eingenommene, unausgewiesene Position und bedingt einerseits eine Verabsolutierung des Denkaktes, andererseits eine realistische Auffassung der Gottesidee (der „intelligiblen Welt dahinter“), wodurch dieselbe nolens volens selbst verendlicht und verzeitet wird. KANT spricht hier von einer „regulativen“ Idee des Gottesbegriffes (KrV B 599 – 611; 642 – 648), aber was sind die Bedingungen der Wissbarkeit derselben Idee, wenn sie doch nicht mit endlichem Verstand begriffen werden kann? Irgendwie wird sie ja doch begriffen! „Nach Kant ist unserem endlichen Wissen ein konstitutives Wissen von Gott als absoluter Vernunft verschlossen, denn das endliche Wissen relationiert und relativiert alles in ihm Gewußte.“9 ? Ich muss ein konstitutives, apriorisches Vorwissen von Gott haben können, zumindest implizit, wie es ebenfalls in der Philosophiegeschichte oft formuliert worden ist, aber hier von KANT abgelehnt wird. Transzendentalkritisch und erkenntnistheoretisch muss gesagt werden, dass a) die Bedingungen der Begreifbarkeit des endlichen Wissens nur durch ein absolutes Wissen abgeleitet werden können und b) die „regulative“ Idee von Gott als bloßes Regulativ müsste selbst von einer unbedingten Idee aus deduziert werden, um als „regulative Idee“ überhaupt qualifiziert werden zu können. KANT ließ diese Fragen offen, obwohl er z. B. in dem Gedanken des „transzendentalen Ideals“ diese unbedingte Idee schön formuliert hatte (KrV, B 605-607). Ein nicht vollständig durchgeführter transzendentaler Ansatz (wie hier bei KANT) führt zu einem dogmatischen, unbewiesenen Realismus bzw. treibt einen beständigen Wechsel zwischen idealistischen und realistischen Positionen hervor. Weder darf die in der Selbstbezüglichkeit der Vernunft liegende Gottesidee relativiert werden, als müsse Gott sich darin selbst verendlichen, noch darf umgekehrt die Selbstbezüglichkeit der Vernunft verabsolutiert werden, denn sie bleibt abhängig von der Genesis aus dem Absoluten.

4) Sobald ich im „Punkt“ (anschaulich nicht vorstellbar, denn er wird zum Kontinuum) eines Anfangs zum Schweben der Einbildungskraft komme, die die Gegensätze zweier Setzungen vereinen will – und dies nicht anders kann bzw. zu vereinen vermag als in einer appositionellen Synthesis -, komme ich zu einem Kontinuum und einem zählbaren, messbaren Quantum und zu einer Teilbarkeit von Realität, die einerseits in der Ichform (und in Gott) bleibt, andererseits ins Nicht-Ich übertragen wird. Die Selbstbezüglichkeit des Wissens wird zu einer erscheinungsmäßigen, verobjektivierten Reflexion, mithin entsteht eine Verzeitung und Verräumlichung.

Der Text Gen 1 wahrt unübertrefflich die Unableitbarkeit des „Punktes“, die Genetisierung der Erscheinung (Schöpfung) aus dem Absoluten – und kennt doch den „procreiierenden“  reinen, prädeliberativen Willen dahinter, der sich in seinem Übergehen öffnet zu einer Versinnlichung und Verobjektivierung hin. Implikative Grund-Folge-Ordnung der Erscheinung überhaupt und appositionelle und initiatorische Aufforderungs- und Aufruf-Ordnung, die weiterführt zu einer zeitlichen und räumlichen Schematisierung dieser Erscheinung. Diese reflexive, zweite Erscheinungsordnung ist aber nicht trügerisch, täuschend, denn sie ist gerechtfertigt durch den supponierten, reinen, übergehenden Willen.

(c) Dr. Franz Strasser, 15. 10. 2015

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1WLnm, siehe z.B. (GA IV 2, 134. 135) „(es gibt kein Übergehen mehr vom Bestimmbaren zum Bestimmten), sondern ein reines wollen (…), das die Erkenntniß seines Objekt(s) nicht erst voraussezt sondern gleich bey sich führt, dem kein Objekt gegeben ist, sondern das es sich selbst giebt, das auf keine Berathschlagung (/) sich gründet, sondern das ursprünglich u. reines wollen ist – u. ohne alles zuthun als empirischen Wesen (,) bestimmte(s) wollen, es ist ein Fodern – aus diesem wollen geht alles empirische wollen erst hervor.“

2F. BADER, Zu Fichtes Lehre vom prädeliberativen Willen, in: Transzendentalphilosophie als System, hrsg. v. ALBERT MUES, Hamburg 1989, 215.

3F. BADER, ebd. S 216 – 226.

4 In der WLnm hört sich das so an:

„Dieses Übergehen u.Fließen – muß daher in jenem Wollen als intellectuell angeschaut und ganz und gar weg gedacht werden; es bleibt uns also blos die Anschauung unserer (sc. konstituierten) BESTIMMTHEIT übrig, die da ist aber nicht wird.“ (§ 12, ebd. 134)

„Durch das discursive Denken wird dieses (sc. prädeliberative) Wollen daurend, und dadurch entsteht uns die Zeit, obgleich mein (sc. prädeliberatives) Wollen in keiner Zeit ist, denn es ist nicht (sc. durch zeitlich vorhergehende Faktoren ) bedingt.“ (§ 12, ebd. 126).

5„Notwendig also kennen wir das Gleiche schon vor jener Zeit, als wir zuerst, gleiches erblickend, bemerkten, daß alles dergleichen strebe zu sein wie das Gleiche, aber doch dahinter zurückbleibe?“ (vgl. ebd. „Phaidon“, S 75a)

6In einer symbolorientieren Auslegung, die ich aber nicht genau überprüfen kann, wird m. E. richtig erkannt, dass mit dem Wort „Anfang“ nicht ein zeitlicher Beginn gemeint sein kann, sondern ein transzendent-immanentes, zeitloses Verhältnis – so deute ich die Aussage von H. Lüssy – siehe online Quelle: „ Gehört nun der Anfang selber auch zur geschaffenen Zweiheit, muss er nicht vielmehr als das Prinzip von allem, was existiert, eines sein? Einer solchen vorsokratisch griechischen Deutung der Schöpfung wehrt die Exegese der Tora, indem sie ernst nimmt, dass der erste Buchstabe darin Bet, eine Zwei ist, nicht Alef, die Eins. bereschit – בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ :Genesis 1, 1 lautet auf hebräisch bara elohim et haschamaijim weet haarez. Die Reihenfolge der ersten Buchstaben der ersten vier Wörter ist demnach: Bet Bet Alef Alef, oder nach dem Zahlenwert: 2 2 1 1. ראשית – reschit, Anfang, ist ein feminines Abstraktum zum Substantiv ראש – rosch, was ›Kopf‹ heißt. Diese Ableitung von einem Substantiv nach Analogie der Adjektivabstrakta ist selten. Als Zeitangabe erscheint das Wort mit vorgestellter Präposition und ohne Artikel: b-, wörtlich demnach: In–Anfang. Solche präpositionalen Zeitbestimmungen stehen in der Regel vor dem Prädikat. Die Wortstellung im biblischen Satz entspricht also der syntaktischen Regel. Soweit zur Wortbildung und Grammatik. Im Talmud wird die Fügung bereschit als ein eigenes Substantiv genommen, das ›Schöpfung‹, ›Urzeit‹ heißt, ferner ›Erstling‹, ›Bestes‹. Jeder dieser Begriffe setzt, ebenso wie der Kopf den Rumpf, eine von ihm abhängige Folge bereits voraus. Der letzte Buchstabe des Worts ת – taw ist der letzte Buchstabe des Alefbets und deutet hier an, dass dem Beginn bereits das Ende innewohnt. Im Beginn steckt, wenn wir die Etymologie von bereschit mithören, demnach der Kopf des Wesens, das nachfolgt, und es wäre untunlich, den Kopf vom Rumpf zu trennen, wie denn – wie Friedrich Weinreb in diesem Zusammenhang pointiert – das Enthaupten eine »sehr prinzipielle Angelegenheit« ist. Dass der ganze Text Genesis 1 hinsichtlich der Reihenfolge feinsinnig verfährt, beweist der Refrain zum ersten Schöpfungstag. Es heißt: Und es ward Abend und ward Morgen: ein Tag (אחד יום – iom echad), nicht »der erste Tag« (das wäre ראשון יום – iom rischon; in rischon steckt rosch, ›Kopf‹), denn die Ordnungszahl würde eine bestehende Reihe bereits voraussetzen.“ Der hebräische Buchstabe „Bet“ als Zwei offenbart sehr schön die transzendentale Differenz zwischen Gott und der Schöpfung, dass das Prinzip der Schöpfung nochmals über der Schöpfung ist, Grund einer Folge, aber nicht verdoppelte Zwei, unendliche Zwei.

7(Die mit der Schöpfungsvorstellung entwickelten weiteren Theorien von der Tora, dem Logos, der chochma (=sophia), vom Hl. Geist, von der schchina usw. möchte ich hier nicht vergessen, aber bedürften ebenso einer rationalen Durchdringung. Eine Zählung in das Wort Gottes hinzubringen, eine Trinität als mathematische Reihe zu denken, würde die feinsinnige Einheit des Monotheismus, wie er in Gen 1 zum Ausdruck kommt, bereits übergehen.

8F. BADER, Die Ursprünge der Transzendentalphilosophie bei Descartes. Erster Band: Genese und Systematik der Methodenreflexion. Bonn, Bouvier. 1979, 235.

9F. Bader, ebd., S 235.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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