Affekte oder die Leib-Seele-Einheit

Affekte oder die Leib-Seele-Einheit

Unter Affekte verstehe ich allgemein Emotionen und Gemütszustände der Seele wie Freude, Trauer, Zorn, Neid, Bewunderung, Lust etc.

Wenn ich nun eine Struktur im Handeln erkannen will, so müssen diese emotionalen Regungen (Affekte) mitbedacht werden, um nicht zu vorschnellen Vermischungen von medizinischem Leib und Seele (bzw. geistigem Tun) zu kommen.

In den vielen Analysen des Handelns, worin es primär um ein praktisches Handeln geht, wird die affektive (=emotionale) Seite des Handelns oft unterbewertet oder gar nicht reflektiert. Es werden begriffliche Verhältnisse aufgebaut, dass sich z. B. freier Wille und Werte gegenüberstehen und komplimentär ergänzen, aber wie dieses Verhältnis funktionieren soll, wird nicht mehr erklärt.

Ganz anders verfuhr hier DESCARTES mit seiner Leib-Seele-Einheit in den „Passiones“ – oder FICHTE in seiner „Wissenschaftslehre“.

Ich beschränke mich hier wiederum nur kurz auf FICHTE – obwohl die Leib-Seele-Einheit natürlich durch die ganze Philosophiegeschichte bis zur heutigen Hirnforschung sich durchzieht.

Schon im ersten Augenblick des Entstehens der WL in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE im Frühjahr 1794, ja bereits in § 2 der OFFENBARUNGSCRITIK 2. Auflage (1793), sind ausdrücklich die Affekte/Emotionen als Bedingungen des menschlichen Handelns reflektiert.

1) In der von FICHTE originär entwickelten Dialektik1 des gegenseitigen Bestimmens leitet er in § 2 der OFFENBARUNGSCRITIK, 2. Auflage, Frühjahr 1793, den Triebbegriff aus einer höheren Bestimmung des oberen Begehrungsvermögens ab. Der Trieb wird real gedacht als  „Kausalität ohne Wirksamkeit“, ideal steht er unter der Bedingung der Freiheit, denn er ist negative Einschränkungsbedingung des freien Willens und durch das Sittengesetz selbst bestimmt.  Alle kausale Wirkung, die wir in die reale Welt hineinlegen, ist aus dem inneren Streben erschlossen und vom reingeistigen“ (SW V, 26) Affekt der Achtung und dem Sittengesetz getragen.  

2) Da einerseits der Affekt der Achtung durch sein Herkommen aus der reinen Spontaneität sich nicht dem Rezeptivitätsvermögen und der Sinnlichkeit allein verdanken kann, andererseits aber doch auf die Sinnlichkeit wirken soll, muss es ein synthetisches Vermögen geben, worin sowohl die Seite der Über-Sinnlichkeit wie die Seite der Sinnlichkeit synthetisch vermittelt sind, d. h. so vermittelt sind, dass weder die Rezeptivität der Sinnlichkeit verloren geht, noch die Spontaneität des freien Willens. Dies ist die synthetisch bestimmte Bestimmbarkeit eines sowohl beschränkten wie freien Wollens – der sinnliche Trieb. (SW V, OFFENBARUNGSCRITIK, S 17)
Der Wille, aufgenommen in eine bestimmte sinnliche oder
später übersinnliche, geistige Form, d. h. also eingeschränkt gedacht, das ist die Form des Triebes als anthropologische Bedingung der Freiheit.

In der Diktion Fichtes: Es muss nemlich ein Medium seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung, gegen welche das Subject sich bloss leidend verhält, von der anderen durch Spontaneität, deren Bewusstseyn der ausschliessende Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey; und dieses Medium nennen wir den Trieb. (….) Der Trieb ist also, in|sofern  V18 er auf eine Sinnenempfindung geht, nur durch das Materielle derselben, durch das in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundene, bestimmbar. Was in der Materie der Sinnenempfindung von der Art ist, dass es den Trieb bestimmt, nennen wir angenehm, und den Trieb, insofern er dadurch bestimmt wird, den sinnlichen Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für nichts weiter, als für Worterklärungen geben.  (Sc. Anmerkung 1

*[1] Es sind nemlich, bei der charakteristischen Beschaffenheit endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und durch Spontaneität sich zu bestimmen, bei jeder Aeusserung ihrer Thätigkeit Mittelvermögen anzunehmen, die von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden, von der anderen der Bestimmbarkeit durch Thun fähig sind.

Wie nebenbei kommt hier FICHTE  zu einer neuen Bestimmung der Urteilskraft im Unterschied zu KANT. In deutlicher Unterscheidung zu einer zweigeteilten ästhetischen wie teleologischen Urteilskraft beginnt bei FICHTE die Urteilskraft in der Einheit der praktischen Empfindung und bleibt immer unter einer praktischen Direktive, insofern die Weiterbestimmung des Triebes nach notwendigen Verstandesregeln erfolgt und „das gegebene Gesetz auf gegebenen Stoff anwendet.“ Im Klartext heißt das, dass eine geistige, praktische und ethisch-sittliche Kraft die Wahrnehmung steuert und einen Affekt bestimmt.

Die Weiterbestimmung des Triebes nach Gesetzen (in den späteren Wln oder z. B. in der SL von 1798 zum expliziten Thema gemacht) hört sich nach der Diktion FICHTES 1793 so an ( GA I, Bd. 1 oder SW V 18.19)

Soll von der anderen Seite dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar seyn, so geschieht diese Bestimmung entweder nach gegebenen Gesetzen, die durch die Spontaneität auf ihn bloss angewendet werden, mithin nicht unmittelbar durch Spontaneität; oder sie geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar durch absolute Spontaneität.  Für den ersteren Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebene Gesetze auf gegebenen Stoff anwendet, die Urtheils|kraft:  V19 folglich müsste die Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des Verstandes gemäss bestimmte. — Dies kann sie nun nicht so thun, wie die Empfindung es thut, dass sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt überhaupt nicht, sondern sie ordnet nur das gegebene Mannigfaltige unter die synthetische Einheit.

Soweit Fichte auf der Ebene der Rezeptivität bleibt, führt die erste synthetische und mediale Bestimmtheit des Triebes zum Begriff des (qualitativ-empfindbaren) Angenehmen (ebd. S 19). Erst durch die Vermittlung im Trieb kann eine transzendentallogische Bestimmung der Empfindung z. B. als „angenehm“ gewertet werden. Man bedenke bereits den haushohen Unterschied zu den empiristischen Erklärungen, wonach „angenehm“ durch die Sinne vermittelt wird, oder womöglich noch durch neuronale Ausschüttungen chemischer Substanzen in den Axionen und Dendriten; dort  wird realistisch vorausgesetzt, was aber nur ideal verstanden werden kann.

Der Qualität nach ist das zu beurtheilende durch die Empfindung unmittelbar gegeben; es ist positiv das angenehme, welches ebenso viel heisst, als das den sinnlichen Trieb bestimmende, und keiner weiteren Zergliederung fähig ist. Das Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb bestimmt, und es bestimmt den Trieb, weil es angenehm ist. Warum etwas der Empfindung unmittelbar wohlthue, und wie es beschaffen seyn | V20 müsse, wenn es ihr wohlthun solle, untersuchen wollen, hiesse sich geradezu widersprechen; denn dann sollte es ja auf Begriffe zurückgeführt werden, mithin der Empfindung nicht unmittelbar, sondern vermittelst eines Begriffes wohlthun. Negativ, das unangenehme; limitativ, das indifferente für die Empfindung.

Es folgen nach der Kategorientafel Kants die quantitative, relationale und modale Weiterbestimmung dieses Angenehmen (ebd. S 20), z. B. auch eine analytische Bestimmung des Begriffs vom „Glück“ (ebd. S 20).

Der ganze Gedankengang und die qualitative Bewertung des Angenehmen durch den Trieb ist aber nur möglich durch die transzendentale Bedingung einer unabhängigen Tätigkeit, einer Wirksamkeit durch die Spontaneität des Willens. Die Spontaneität darf nicht nur regelhaft und mittels Urteilskraft erfolgen, sondern es muss eine „absolute“ (ebd. S 25) und „reingeistige“ (ebd. S 26) Spontaneität geben, die ein Gefühl der „Achtung“ (oder Selbstachtung im Sittengesetz) hervorruft.

Dieses transzendentallogische Vorher ist, wie gesagt, die einschränkende Bedingung eines sinnlich Angenehmen, eine „negative Affection — eine Niederdrückung, eine Einschränkung desselben.“ (ebd. S 25) und mithin würde der Trieb (und die Triebkraft) selber dadurch differenziert in einen „sinnlichen Trieb“ und einen, nennen wir ihn kurz und allgemein, geistigen Trieb. Fichte argumentiert wie folgt (SW V 25.26)

Nun aber ist das Empfindungsvermögen, insofern es | V26 blosse Receptivität ist, weder positiv noch negativ durch die Spontaneität, sondern bloss durchs Gegebenwerden eines Materiellen afficirbar; folglich kann die postulirte negative Bestimmung überhaupt nicht die Receptivität betreffen (etwa eine Verstopfung oder Verengerung der Sinnlichkeit an sich seyn); sondern sie muss sich auf die Sinnlichkeit beziehen, insofern sie durch Spontaneität bestimmbar ist (s.oben), sich auf den Willen bezieht, und sinnlicher Trieb heisst. Insofern nun diese Bestimmung auf die absolute Spontaneität zurückbezogen wird, ist sie bloss negativ — eine Unterdrückung der willensbestimmenden Anmaassung des Triebes; — insofern sie auf die Empfindung dieser geschehenen Unterdrückung bezogen wird, ist sie positiv, und heisst das Gefühl der Achtung. Dieses Gefühl ist gleichsam der Punct, in welchem die vernünftige und die sinnliche Natur endlicher Wesen innig zusammenfliessen. (ebd. S 26)

Der Trieb, so möchte ich zusammenfassen, ist das natürliche Vermögen der Freiheit. 

3) Dies hat jetzt aber noch eine andere Konsequenz, die uns zu den transzendentalen Anschauungsformen des Raumes und der Zeit führt. Diese Anschauungsformen  wurden von KANT zwar genial eingeführt, aber in ihrer Genese aus einem praktischen Streben wurden sie überhaupt nicht gesehen.
Ich gehe hier nur auf die Anschauungsform der Zeit ein:
Die Zeitdimension der Zukunft und damit die zeitliche Gliederung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entspringt nämlich genau einem praktischen Streben. Streben erweist sich an der theoretischen Fähigkeit, in den Vorstellungen über die gegebenen Empfindungen hinaus zu gehen. Es gliedert unsere Empfindungen und unsere Erfahrung in ein dynamisches und zeitliches Verhältnis. 2

Es ergibt sich ein objektiv überprüfbarer, gefühlter Zusammenhang von Streben und Zeitlichkeit: Der Genuss (als sinnliche Erfahrung, sinnliches Gefühl) ist „Erfüllung einer einzigen Zeit durch einen gewissen Stoff, als Modification des empfindenden Ich“ (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II,2, 197)

Als solche Modifikationen zählt FICHTE ein reiches Spektrum von Affekten in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE auf: Furcht und Hoffnung, Lachen, Staunen, Neugier, Liebe, Hass, Sympathie, Mitleid, Gutsein, Traurigkeit, Abscheu, Freude (GA II,2, 197f) Sie werden als Modifikationen des Strebens und Gegenstrebens aufgefasst und werden dadurch objektiv, indem sie auf die Linie der Zeit bezogen werden.

Das Denkverhältnis, wodurch wir Punkte in einer Empfindung unterscheiden und beziehen, liegt als Ursache und Wirkung nicht in der empfindbaren Folge selbst, sondern erst durch die Zeitbildung mittels Streben kann die Wirkung als innere Erfahrung bestimmt werden.

Wenn der Trieb bereits auf das Angenehme hingeordnet ist, mithin ein sinnliches Gefühl aus dem „Dürfen“ eines höheren Wollens darstellt, – nach der Methode der „negativen Bestimmung“ und einer klassenlogischen Dialektik -, so ergibt sich ein stufenartig aufgebautes, sinnliches wie intelligibles Selbst der Sinn- und Freiheitsverwirklichung, das mit den vorreflexiven Sinnes-Erfüllungen in den Gefühlen beginnt und in einer materialen „Synthesis der Geisterwelt“ endet.

Endliche und unendliche Sinn-Erfüllung in der Zweiheit eines sinnlichen und eines geistigen Seins sind in dynamischer Weise einander zugeordnet und durch-einander wechselseitig bestimmt in der Einheit und Verträglichkeit eines formalen wie materialen Sittengesetzes.

SW V, S 29 „Wer, der dieses Vergnügen nur einmal innig empfand, möchte nur z.B., das Hinstaunen in den tobenden Sturz des Rheinfalls, oder das Aufblicken an den jeden Augenblick das Herabsinken zu drohen scheinenden ewigen Eismassen, unter dem erhebenden Gefühle: ich trotze eurer Macht*[3] — oder sein Selbstgefühl bei der freien und wohl überlegten Unterwerfung auch nur unter die Idee des allgemeinen nothwendigen Naturgesetzes, dieses Naturgesetz unterjoche nun seine Neigung oder seine Meinung — oder endlich sein Selbstgefühl bei der freien Aufopferung seines Theuersten für die Pflicht, gegen irgend einen sinnlichen Genuss vertauschen? Dass der sinnliche Trieb von einer, und der reinsittliche Trieb von der anderen Seite im menschlichen Willen sich die Wage halten, liesse sich wohl daraus erklären, weil sie beide in einem und ebendemselben Subjecte erscheinen; dass aber der erstere dem letzteren sich so wenig gleichsetzt, dass er vielmehr bei der blos|sen  V30 Idee eines Gesetzes sich niederbeugt, und ein weit innigeres Vergnügen aus seiner Nichtbefriedigung, als aus seiner Befriedigung gewährt — dieses, oder mit einem Worte, das Kategorische, schlechthin unbedingte und unbedingbare des Gesetzes deutet auf unseren höheren Ursprung, und auf unsere geistige Abkunft — ist ein göttlicher Funke in uns, und ein Unterpfand, dass Wir Seines Geschlechts sind: und hier geht denn die Betrachtung in Bewunderung und Erstaunen über. An diesem Puncte stehend verzeiht man der kühnsten Phantasie ihren Schwung, und wird mit der liebenswürdigen Quelle aller Schwärmereien der Pythagoräer und Platoniker, wenn auch nicht mit ihren Ausflüssen völlig ausgesöhnt.

4) Es müssten in einer systematischen Gliederung jetzt noch die  gesellschaftlichen, aus der Koexistenz mit anderen Personen entstehenden Affekte aufgezählt und bestimmt werden – worauf ich aber hier nicht eingehen kann: FICHTE zählt folgende auf: Sympathetische Neigungen, Eitelkeit, Ruhmsucht, Selbstliebe, sympathetische Liebe, Klugheit, Geselligkeitstrieb, Streben nach guter Meinung. Die Bewertung und Beurteilung der „interpersonalen“ Triebe sind letztlich ebenfalls aus einem reinen Trieb synthetisch zu bestimmen.

5) Worauf ich noch eingehen will: Quasi nebenbei,  wie schon in der Frage der praktischen Funktion der Urteilskraft, kommt FICHTE durch diese sinnliche und anthropologische Fundierung der Transzendentalphilosophie zu einer neuen Bestimmung der Gottesidee:

FICHTE entgeht nämlich durch dieses einerseits ganz vom Sittengesetz und vom reinen Willen herkommende Denken, andererseits auf den sinnlichen Stoff und die Rezeptivitäts des Vermögens bezogene, triebhafte Denken, den Widersprüchen einer von Gott zu garantierenden „Glückseligkeit“, wie sie von KANT beschrieben worden ist. Bei KANT bleibt, mit Verlaub gesagt, eine Konfusion: Die Postulatenlehre ist bei ihm nicht wirklich apriorisch und gilt nur bedingt. KANT hat einerseits die Forderung des Sittengesetzes illegitim ausgeweitet auf den Begriff der Glückseligkeit, insofern die Glückseligkeit apriorisch in der Allgemeinheit der Sittengesetzes liegen müsse. Das Sittengesetz fordert aber nur die völlige Angemessenheit der Gesinnungen, nicht auch die reale Kongruenz des Glücks. Bei aller uns sonst bei Kant begegnenden Abwehr von sinnlichen Neigungen in der moralischen Qualität der Handlung liegt eine seltsame eudaimonistische Doppeldeutigkeit in dem Begriff des „höchsten Guts“ bzw. der Glückseligkeit!? Die Glückseligkeit darf zwar nicht Triebfeder des moralischen Handelns sein, aber soll doch, zumindest für das jenseitige Leben, ein Gottespostulat sein? Kommt das nicht einer seltsamen Anthropomorphisierung Gottes gleich?

Andererseits hat Kant die Forderung des Sittengesetzes wieder ungerechtfertigt eingeschränkt. Die Forderung des Sittengesetzes ist total und wendet sich unaufhebbar gegen alle Unsittlichkeit. Wenn die Forderungen des Sittengesetzes, wie von KANT selber aus praktischer Vernunft öfter abgeleitet und postuliert, nicht phantastisch und leer sein sollen, so müssen diese Forderungen erhalten bleiben – und münden in ein berechtigtes Postulat der Existenz Gottes mit einer spezifischen Sinn-Forderung. 3

Das Sittengesetz fordert im Allgemeinen eine Übereinstimmung der sinnlichen Bedingungen mit den sittlichen Bedingungen in der Erscheinungswelt!, doch im Einzelfall vermag es durch negative Bestimmung sogar eine sinnliche Neigung verbieten und ihr widersprechen. FICHTE zählte dafür einige Beispiele in § 2 der OFFENBARUNGSCRITIK auf – und kommt am Schluss von § 2 nochmals auf die möglich Kongruenz von Sittengesetz und sinnlicher Neigung zu sprechen, die er bei KANT widersprüchlich findet:

Diese Gesetzlichkeit des Triebes fordert nun die völlige Congruenz der Schicksale eines vernünftigen Wesens mit sei|nem sittlichen Verhalten, als erstes Postulat der an sinnliche Wesen sich wendenden praktischen Vernunft: in welchem verlangt wird, dass stets diejenige Erscheinung erfolge, welche, wenn der Trieb legitim durch das Sittengesetz bestimmt, und für die Welt der Erscheinungen gesetzgebend gewesen wäre, hätte erfolgen müssen. — Und hier sind wir denn zugleich unvermerkt über eine, von keinem Gegner der kritischen Philosophie, soviel ich weiss, bemerkte, aber darum nicht minder sie drückende Schwierigkeit hinweggekommen: wie es nemlich möglich sey, das Sittengesetz, welches an sich nur auf die Willensform moralischer Wesen, als solches anwendbar ist, auf Erscheinungen in der Sinnenwelt zu beziehen; welches doch, zum Behuf einer postulirten Congruenz der Schicksale moralischer Wesen mit ihrem Verhalten, und der übrigen daraus zu deducirenden Vernunftpostulate, nothwendig geschehen musste. Diese Anwendbarkeit nemlich erhellet bloss aus der, von der negativen Bestimmung des Glückseligkeitstriebes abgeleiteten, Gesetzlichkeit desselben für die Welt der Erscheinungen. (SW I, 37.38)

Nach FICHTE ist eine totale, gesinnungsmäßige Übereinstimmung mit dem Sittengesetz gefordert, worin sich sittliche Neigung und sinnlicher Genuss zwar treffen können, aber die zeitliche Erfüllung des Strebens nach Übereinstimmung ist damit nicht gefordert bzw. die zeitliche Nicht-Erfüllung ist noch kein Widerspruch zur berechtigten Forderung des Sittengesetzes. Dies wäre der reine Gedanke der Seligkeit, der unter endlichen Bedingungen aber nicht erreichbar ist, eben weil es endliche Bedingungen bleiben. Mit dem Postulat der Seligkeit gewinnt aber das Postulat nach der Existenz Gottes in dem Sinne, dass die Idee des Sinns erfüllt werden müsse, d. h. dass der sittlichen Forderung eine göttliche Erfüllung in der Seligkeit entsprechen möge, seine Valenz.

(Aus den Schlusspassagen des § 2 der OFFENBARUNGSCRITIK):

Werden endlich im dritten Momente der Modalität Recht und Würdigkeit in Verbindung gedacht, in welcher Verbindung das Recht seinen positiven Charakter, als Gesetzmässigkeit der sinnlichen Neigung*[4], und die Würdigkeit ihren negativen, als durch Aufhebung eines Rechts durch ein Gebot entstanden, verliert; so entsteht ein Begriff, der positiv für uns überschwänglich ist, weil alle Schranken aus ihm hinweggedacht werden, negativ aber ein Zustand ist, in dem das Sittengesetz keine sinnliche Neigung einzuschränken hat, weil keine da ist — unendliche Glückseligkeit mit unendlichem Rechte, und Würdigkeit**[5]Seligkeit — eine unbestimmbare Idee, die aber dennoch durch das Sittengesetz uns als das letzte Ziel aufgestellt wird, und an die wir uns, da die Neigungen in uns immer übereinstimmender mit dem Sittengesetze werden, folglich unsere | V39 Rechte sich immer mehr ausbreiten sollen, stets annähern; aber sie, ohne Vernichtung der Schranken der Endlichkeit, nie erreichen können.

6) In der späteren Philosophiegeschichte nach FICHTE ist leider undifferenziert Wille mit Trieb gleichgesetzt worden – siehe SCHOPENHAUER und FREUD. Der Trieb selbst wird nur mehr als naturales Kausalgeschehen interpretiert ohne die geistigen Ursprungsbedingungen zu kennen, d. h.  ohne Bezug zum eingeschränkten Willen – und letztlich ohne göttliche Sinnidee eines erfüllten Wollens.

Worauf es mir in diesem kurzen Blog ankommt: Der Ursprung der Leib-Seele-Einheit, diese uralte philosophische Frage, ist klassisch in der Dialektik des § 2 der 2. Auflage der OFFENBARUNGSCRITIK und in der PRACTISCHEN PHILOSPHIE von 1794 neu angegangen und bereits in vielen Facetten einer vernünftigen Herleitung und einer gewissen systematischen Ordnung der Triebe aufgestellt und gelöst worden.

Dr. Franz Strasser, 16. 10. 2016

fr.strasser@eduhi.at

1 FICHTES Dialektik könnte so beschrieben werden: Eine Bestimmung (oder Sache) wird negiert – durch einen impliziten Begriff einer diese Bestimmung umgebenden Sinn-Idee. Die Bestimmung ist zuerst das, was alles andere nicht ist, und das verschieden andere ist alles das, was es selbst nicht ist. Seine Dialektik, so könnte man sagen, ist ein Negationsverfahren teilweiser Ausschließung ( klassenlogisch verstanden, nicht materiell). Ein bestimmtes Gefühl ist eine bestimmte„Hemmung“, welche Hemmung in ihrem Begriff durch Negation weiterbestimmt werden soll. Eine Idee, ein unendliches Urteil, ein Begriff umgreift als Sinn-Idee oder Aufgabe die Bedeutung eines Bezeichneten, und soll gerade mittels dieser Dialektik erkannt werden. Bis auf das Äußerste exerziert FICHTE diese Dialektik immer wieder durch, siehe EIGNE MEDITATIONEN und PRACTISCHEN PHILOSOPHIE, oder § 4 der GWL. Er spricht dabei aber nicht von „Dialektik“, sondern einem analytisch-synthetischen Verfahren. 

Bei S. Maimon verläuft es noch etwas anders: Er versucht durch „nach und nach negative“ Bestimmungen den „reellen Gebrauch“, den wir von Geschmacks-Urteilen machen, einzuschränken, es fehlt ihm aber die analytische Einheit der Begründung dieses Einschränkens. 

K. HAMMACHER bringt dann auch eine leise Kritik an FICHTE an: Da die in einem Verfahren der „Dialektik“ gebotene Aufgabe des Denkens in den Vordergrund drängte, ferner die Aufgabe im praktischen Sinn durch bloße Schlüsse (Syllogismen) ersetzt wurde und der Pflichtbegriff Kants vieles überdeckte, trat die positive Bestimmung der Affekte  in den Hintergrund  so die Meinung Hammachers. Trotzdem gibt es da und dort eine innere Ordnung der Affekte und eine rationale Struktur des affektiven Lebens. Hammacher spricht von „ratiomorphen“ (ebd. S 388) Funktionen der Affekte. Vgl. dazu sehr gut: Klaus Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre. Eine ungenutzte Chance. Fichte-Studien, Bd. 11, 379 – 396.

Nach der Sicht Hammachers versteht FICHTE diese „Aufgabe“ tlw. nur theoretisch, d. h. als theoretische Forderung (Postulat), einen Ableitungsgrund transzendentallogisch zu finden, anstatt praktisch das Postulat als einzuübende Idee des Verhaltens zu bestimmen. Deshalb Hammachers Ansicht, die WL hätte durch eine Affektenlehre vollendet werden können, wäre sie praktisch-ethisch in den höchsten Prinzipien interpretiert worden. M. a. W. FICHTE bemühte sich – nach Hammacher – zu einseitig um eine transzendentallogische Ableitung und Erklärungsform der Gefühle und Affekte und vernachlässigte die praktische Idee der zu realisierenden Gefühle und das erst einzulernende Verhalten. Er konnte damit nur mehr an die Gefühle appellieren (z. B. in den ANWEISUNGEN), anstatt sie anthropologisch-konstitutiv dem Willen als Voraussetzungen der Freiheit und als eingelernte Übung zugrundezulegen. Trotzdem ist das  Konzept für sich selbstständig und theoretisch schlüssig: aus einer inneren, phänomenologischen Beschreibung des höchsten Affektes (der Achtung oder auch Selbstachtung) kommt FICHTE zu einer transzendentallogisch-systematischen Ableitung und Erklärungsform aller Affekte.

2. Die Vorstellungsfähigkeit ist ebenfalls bereits ein Trieb, der Vorstellungstrieb, als Form eines gehemmten Wollens.   Die ursprünglich produzierende Einbildungskraft setzt die Anschauungsformen und den Stoff der Hemmung in der Anschauung in verobjektivierender Weise ab. Der Vorstellungstrieb kommt in der Anschauung und in der Übereinstimmung der Vorstellung mit dem Objekt an sein Ende. 

3Zu dieser ganzen Frage der Postulate bei Gott siehe R. LAUTH, die Frage nach dem Sinn des Daseins, München 1953.

Evolutionstheorie – 8. Anfrage; geschichtliches Sein und Sinnidee

Das Schweben der Einbildungskraft zeigt sich nach der WISSENSCHAFTSLEHRE nova methodo (1796-97) in fünffacher Weise: Indem das Ich seinen Zweckbegriff entwirft und seine Tätigkeit vom ursprünglichen Schweben aus mit einer praktischen Wahl beginnt, setzt es einen Grenzpunkt der idealen Reihe mit dem Sichherausgreifen aus der vernünftigen „Masse“ (ebd.). Es bildet das ursprüngliche, zum Selbstbewusstsein aufgerufene, frei sich bestimmbare und bestimmte Ich – innerhalb einer interpersonalen Aufruf-Antwort-Sphäre.

Die auf der Gegenseite der Wechselbestimmung liegende reale Reihe führt zur sinnlichen Anschauung der Natur – mit der bedingt möglichen Konzeption einer evolutiv anschaubaren Natur in der Erscheinung.

Auf der idealen Seite führt die Anschauung der Einbildungskraft zur geistigen Natur der freien Selbstbestimmung und zu den mannigfaltigen Formen der Interpersonalität, zu Sprache und Kultur –  ebenfalls mit der bedingt möglichen Konzeption eine evolutiv gewordenen, anschaubaren Kultur in der Erscheinung. Die Beziehungs- und Unterscheidungsformen der Einbildungskraft bzw. der reflexiven Denkformen zielen in der sinnlichen Natur auf die theoretische Wahrheit der Übereinstimmung von Vorstellendem und Vorgestellten (einem Gleichgewicht im Streben) mit annäherungsweisen Hypothesen ihrer Erklärung; in der geistigen Natur zielen sie auf die praktische Wahrheit des Soll-Seins der Beziehung und sittlicher-praktischer Realisationen ab – und gerade deshalb kommt es notwendig (nicht im Sinne realer Determination, sondern freier An-Determination) zu zeitlichen und geschichtlichen Anschauungen und Erinnerungen. 

Wie die sinnliche Natur durch den theoretisch-praktischen Reflexionsakt bestimmt ist, gemessen an der Realität des gehemmten Strebens und der Ausgliederung sinnlicher Triebe, so ist  die geistige Natur des einzelnen wie der Gesellschaft bestimmt durch ein apriorisch reflexives Prinzip des Solls und der geschichtlichen Sinnidee. Um speziell bei der geschichtlichen Sinnidee jetzt zu bleiben: Die Zeit kann nur in der Einheit des Ichs gesetzt und gedacht werden. Geschichte, d. h. sich wissende Geschichtlichkeit, entsteht, wo die bloßen, zeitlich apponierten Fakten als vom Bewusstseins-Akt innerhalb des überzeitlich identischen Ichs prinzipierend und prinzipiert erkannt werden. Eine geschichtliche Dimension in einem realen System des Natur-Lebens („Naturgeschichte“) oder Gesellschafts-Lebens, kommt nur insoweit zustande, als das gegenwärtig zeitliche Vorstellen  das vergangene Sein und kraft eines übergehenden Wollens das zukünftige Sein in einer Einheit integriert und vorstellend erinnert. 1

Das zeitliche Werden des Selbstbewusstsein ist ein Übertragen und Entäußern und Entfremden ichlicher Momenten nach außen in eine verobjektivierte Natur oder Gesellschaft hinein 2 .  Primär stammt das  bedingt mögliche evolutive Sein im Basisbereich der sinnlichen Natur, wie oben schon öfter gesagt, vom inneren Sinn der Selbstanschauung in einem sittlich-praktischen und interpersonalen Sinn.  In dem Manuskript PRACTISCHE PHILOSOPHIE wird die Denkbewegung eindringlich geschildert: FICHTE kommt über die Differenzierungen des äußerlich und innerlich Schönen (ebd. S 229), des Erhabenen, (ebd. S 230f), zu einer , wie er  sagt, „dynamischen“ Charakterisierung der Zeit und des Raumes, der Kategorien (ebd. S 231), zum „Mittheilungstrieb“ (ebd. S 233f) und zum „Trieb nach Wahrheit, Einheit, Zusammenhang, (der) empirisch in der menschlichen Seele zu bemerken (ist); theils sind ja hier Theile, die glaub’ich durch den categorischen Imperativ, als höchsten aller Triebe, erst vereinigt, in Ordnung gebracht, zu einem gemacht werden müßen.“ (ebd. S 233), sodass ein „regulatives Princip“ (ebd.) der praktischen Selbstbestimmung des Ichs durch die Einbildungskraft gesetzt wird.

Dadurch, dass die Evolutionstheorie alles Werden auf die sinnliche Natur projiziert, verfällt sie, so paradox das klingen mag, ipso facto einem zeitlosen Mechanismus. Sie wird statisch, entbehrt jeder Dynamik, wird geschichtslos, weil nichts und niemand die Entwicklung bewahren und behalten (anschauen, erinnern) kann.

Das Erinnerungsvermögen und das Denken einer Dynamik ist  konstitutiv erst im Bewusstsein gegeben: (…) denn unser Bewusstsein ist in keinem neuen Augenblick seiner Existenz mehr dasselbe, weil es sich erinnert.“ 3 Die Geschichte ist immer in uns präsent und ereignet sich in jedem Reflexionsakt.  Würden die  Bedingungen der Geschichte wirklich ernst genommen, so müsste die  Evolutionstheorie zu einem ganz anderen Schluss kommen – sozusagen zu einem dynamischen Ziel der größeren Freiheitsverwirklichung.

Mit einer Konstitution der Zeit im Bewusstsein und dem Aufbau eines Geschichtsbewusstseins darf aber auch nicht das Gegenteil einer idealistischen Bewertung des bedingt evolutiven Prozesses in der Erscheinungswelt abgeleitet werden. Ich möchte sagen, dass von einem automatischen Fortschrittsglauben ausgegangen werden kann.  In der transzendentalen Erkenntnis von Freiheit und dem daraus hervorgehenden Wissen einer realen und idealen Reihe des Wissens kann nicht die Hemmung der sinnlichen Natur theoretisch wie praktisch total usurpiert und erkannt werden.  Das Leben der Freiheit ist das Wahrfinden alles Vergangenen und Gegenwärtigen, und stellt insofern eine höchst prekäre Situation dar, da die Geltungsansprüche der Vernunft nicht selbst zeitlich und veränderlich sind, wir hingegen uns zeitlich konstituieren müssen – und deshalb auch irren können. Wir verzeitigen und versinnlichen uns über unsere Freiheit als Medium,  die Geltungsansprüche der Wahrheit und der sein sollenden Realisierungen von Vernunft sind aber unveränderlich und ungeschichtlich. Es gibt keinen logischen oder zeitlichen Fortschritt automatisch, durch bloßes theoretisches Erkennen und  praktisches Tun; es muss sich das Erkennen und praktische Tun in Formen sittlich-praktischer Realisierungen bewähren können.  Es könnte auch zu einem Rückschritt in der Entwicklung der Sinnrealisation kommen. (Die Frage des Fortschritts oder Rückschritts  – kann sich eine materialistische Evolutionstheorie diese Frage überhaupt stellen?)

Gerade in der Ableitung des „empirischen Bewusstseyns“ in der Wlnm (1796-1799) eröffnet FICHTE  deshalb – im Gegensatz zum zeitlosen Geltungsanspruch der Vernunft  –  nicht von ungefähr die geschichtliche Sinnidee,  wodurch  die sinnliche wie die intelligible Welt erklärt und begründet werden kann. (Siehe z. B. auch die letzten §§ der WL 1801/02, wo er vom „Weltenplan“ spricht.) Zur Sinnidee – siehe mehrere Blogs von mir. 

Die letzte synthetische Einheit von idealer Tätigkeit (durch den Zweckbegriff immer präsent) und realer Tätigkeit (durch das Wollen oder durch den formal freien Willen präsent) ist der reine Wille. Diese Wille kann –  als einsichtiger Grund des Übergehens und des Wollens – weder bloß idealistisch entworfen noch bloß realistisch vorausgesetzt werden, sondern muss allem Bewusstsein transzendental vorhergehend gedacht werden, damit er einsichtiger Grund eines Selber-Übergehens in Freiheit bleibt. Der höchste Grund, die „Synthesis“, aus der alles Bewusstsein/Selbstbewusstsein genetisiert werden soll, ist nicht mehr ein Grund-Folge-Verhältnis, sondern eine alle Synthesis des Denkens und Wollens erst ermöglichende Thesis. (Dies wiederum weiter begründet – siehe diverse andere Blogs zu den späteren WLn Fichtes; siehe z. B. zur WL 1811 – die „infinitas des absoluten Solls…..“ )

Um nur ein Zitat zum REINEN WILLEN zu bringen, Ende des § 12, aus dem reichen Fundus der Wlnm:

[Wlnm §12, 134. 135] „[es gibt kein Übergehen mehr vom Bestimmbaren zum Bestimmten], sondern ein reines wollen […], das die Erkenntniß seines Objekt[s] nicht erst voraussezt sondern gleich bey sich führt, dem kein Objekt gegeben ist, sondern das es sich selbst giebt, das auf keine Berathschlagung [/] sich gründet, sondern das ursprünglich u. reines wollen ist – u. ohne alles zuthun als empirischen Wesen [,] bestimmte[s] wollen, es ist ein Fodern – aus diesem wollen geht alles empirische wollen erst hervor.“.

In der HL. SCHRIFT vollzogen die PROPHETEN diese vorreflexive Schau einer alles begründenden, prinzipiellen Vernunftrealisation. Die Philosophie eines PLATONS reflektierte in abstrakter Begrifflichkeit diese Prinzipien der Freiheit und des Seins. Die Transzendentalphilosophie nach DESCARTES, KANT und FICHTE ging  ebenfalls von derselben platonischen Einheit des Wissens, in der sowohl eine theoretisch wie praktisch sich vollziehende Vernunftrealisation angesetzt ist, aus. 4 Hinzukommend ist jetzt durch FICHTE, speziell durch die schärfere Durchdringung des Schwebens der Einbildungskraft, die praktisch wie theoretisch sich vollziehende Vernunftrealisation einer Sinnidee, worauf sich die Reflexion im appositionellen Kausieren notwendig (modal) beziehen muss. Diese Sinnidee liegt in konkreter und geschichtlicher Weise dem apriorischen Wissen (dem Bewusstsein) als Urbild  voraus, damit es sich selbst als freies Reflexions-Wissen (als Abbild) darauf beziehen kann (nicht moralisch muss). 5

Oben (6. und 7. Anfrage) bin ich auf die Ursprünge des Linienziehens und des Deklinierens als formale Elemente der Zeitanschauung (mittels Einbildungskraft) kurz eingegangen. Es wurde festgehalten: Durch die leibliche Vermittlung und leibliche Kraft kommt der Zeit eine konkrete und praktische Funktion zu: Die Zeit ist die ordinale Reihe der Dependenz, sinnlich angeschaut in der Kausalität des Willens und als Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit.

Zeit ist sonach nur die Form der Anschauung des Mannigfaltigen in Vereinigung vermittelst der DEPENDENZ. Durch dieses Verfahren entsteht der Einbildungskraft eine Zeit. Das erste ungetheilte Wollen wird wiederhohlt, u. gleichsam über das Mannigfaltige ausgedehnt u. dadurch entsteht ein Zeitreihe. Das Ich als das Bestimmende in dieser SYNTHESIS des MANNIGFALTIGEN fällt sonach selbst () in die Zeit.“(§ 11, S 120)

Jede zugestandene evolutive Sicht als auf das Nicht-Ich übertragene Erscheinungsweise, sei es im naturalen Bereich der sinnlichen Natur oder im gesellschaftlichen Bereich der menschlichen, geistigen Wirklichkeit, steht somit unter einer praktischen Sinnidee des übergehenden Willens, der sich frei realisieren will – dank der reflexen Einheit und reflexen Ermöglichung durch den absoluten, durch sich selbst bestimmten Willen. 

23. 1. 2016 © Dr. Franz Strasser

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1Literatur dazu: Marco Ivaldo, Zur Geschichtserkenntnis nach der Transzendentalphilosophie. In: Fichte-Studien, Bd. 6, 1994, S 303 – 319.

Siehe ebenfalls R. LAUTH, die Konstitution der Zeit im Bewusstsein, Hamburg 1981.

2Ich erinnere an vorige Aussagen oben: „An sich entsteht die Welt nicht (…) in der Zeit; sie ist fertig.“ (PLATNER-VORLESUNG, GA IV, 1, 409.) Für uns aber fällt ihr Fortgang und die Entstehung neuer Produkte in die Zeit, u. wir müssen die Bildung der Welt auch in die Zeit setzen.“ (ebd.)

3R. LAUTH, Der Vorrang des transzendentalen Zugangs zur Philosophie, in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, R. LAUTH, S 37 . Zur näheren Begründung im ganzen System der WL: „Die Lehre von der reflektierenden Urteilskraft bestimmt im ästhetischen Bereich die faktische und praktische Bedeutung der Gefühle, und geht von da hinauf über die Leistungen der Bildungs- und Urteilskraft (z. B. Ableitung des Körpers als Sphäre der Wirksamkeit des Ichs auf das Nicht-Ich, PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II, 3, S 194 ff,) zu den Ideen und der Tätigkeit des praktischen Vernunft als solcher. „Hier schon erkennt Fichte, dass wir diese praktische Seite auf den höheren Stufen im Objekte selbst tätig erblicken. So erschloss sich ihm die Interpersonalität.“. (ebd. S 35)

4MARTIN HEIDEGGER unterstellte KANT, dass dessen Akt des „Ich-denke“ letztlich selbst zeitlich ist. Eine temporale Konstitution zeichnet das ganz Bewusstsein aus. Die Zeitlichkeit des Daseins ist unser Konstituens. FICHTE würde hier sagen: Die Zeit selber konstituiert nicht realistisch/idealistisch das Bewusstsein, wiewohl das Bewusstsein (Selbstbewusstsein) sich nur zeitlich konstituiert. Die Einbildungskraft liefert zwar den Stoff für Anschauung und Begriff, das Kontinuum der Zeit wird aber erst durch das reale und ideale Übergehen geschaffen, ist also wesentlich bestimmt im konstituierenden Setzen eines Geltungsanspruches.

5 Die Sinnidee wird nach R. LAUTH als objektiv gültiges Urteil in der Erfahrung beschrieben. Er spricht auch berechtigt von einem „Prinzip des Sinns“, insofern aus diesem erkannten Prinzip abgeleitet werden kann. Ein Soll der praktischen Forderung mit dem Ist des Daseins wird vereinigt; zu erwarten steht natürlich, dass die kritische Philosophie die theoretische Erkennbarkeit der Freiheit in diesem praktischen Gesetz leugnet, doch ein grundsätzliches Dass einer praktischen Freiheit [in der Erfahrung] wird selbst von KANT zugegeben; zumindest stellt er diese Sinnforderung. Mit dem Begriff der Sinnidee spreche ich jetzt aber nochmals eine explizit christliche Realisierung von Vernunft und reinem Willen an. Sowie sich aufgrund des strebenden Fühlens die Suche nach einem anderen „fühlenden“ Wesen ableiten lässt, so muss sich im geschichtlichen Erkennen einer konkreten Person und einer konkreten Tat  die zu suchende Sinnidee ableiten lassen. FICHTE hat in seiner „Staatslehre“ klar die christliche Zeitenwende erkannt, wenn er der Person JESU CHRISTI in concreto die entsprechende Bedeutung gab.  Der Rückbezug auf Sinnrealisierungen in concreto, nicht bloß abstrakt!, ist wesentlich, denn nur so ist vollständige und auch sittlich vollkommene! und ganze Einheit im Wollen gesetzt.