Charles William Morris, Zeichentheorie – 1. Teil (Anfrage)

Die Lektüre von „Grundlagen der Zeichentheorie“ und „Ästhetik der Zeichentheorie“ von Charles William Morris, Erstauflage 1938/39, ist zweifellos sehr gefällig und kurzweilig.

C. W. Morris möchte die Philosophie auf eine klare Sprache zurückführen und sie selbst zu einer reinen Semiotik transformieren. Die Philosophie habe viel gesündigt, weil sie die „verschiedenen Funktionen der Zeichen durcheinander gebracht hat.“ (Ausgabe 1988, ebd. S. 88).

Im Verhalten aller lebendigen Wesen, in den mannigfaltigen Gesten und Ausdrücken, in Sprache und Kunst, in den Relationen der Zeichensysteme in den verschiedenen Wissenschaften, „im Verständnis der Hauptformen menschlicher Aktivität und ihrer Wechselbeziehungen, denn all diese Aktivitäten und Beziehungen drücken sich in den sie vermittelnden Zeichen aus“ (ebd. S 88), kann, nach einer Analyse und Deskription der Verwendungsweisen der Zeichen, zu einer alle sie umfassenden, integrierenden Wissenschaft der Semiotik übergegangen werden.

Die Schreibweise dieses kurzen Büchleins glänzt m. E. durch viele Definitionen, durch kurze Kapitel, durch einen bescheidenen Stil, durch großen Weitblick in die Vielfalt philosophischer Themen hinein wie Empirismus und Rationalismus und ihrer jeweiligen Sprachgestalten (Zeichengestalten) und vieles mehr. Es kommt auf die richtige Verwendung und dem richtigen Verständnis der Zeichen an, dann können philosophische Fragen neu gelöst werden.

Da es auf meine lobenden Worte aber nicht ankommt, möchte ich direkt in die Kritik dieser Denk- und Erkenntnisart über Zeichen einsteigen: Diese Denk- und Erkenntnisart möchte ich so zusammenfassen: Es wird wieder einmal Prinzip und Prinzipiat, Bedingung und Bedingtes verwechselt.

C. W. Morris verfällt in großer Präzision und Klarheit einem dogmatischen Realismus, weil er die Gegenstände als Zeichenträger oder generell die Zeichen selbst als positives Sein voraussetzt, als objektive Natur, sodass eine empiristische und behavioristische und materielle Sicht (ja teilweise technologische Sicht) der Zeichen übrig bleibt. Die Transzendentalphilosophie nach KANT und FICHTE erstellt demgegenüber die Realität der Dinge und Zeichen mittels reflexiver Kategorien, d. h. mittels reflexiver Erkenntnisbedingungen, die die materielle Natur und Realität erstellen. Vor und außerhalb des Erkenntnisaktes gibt es kein Notiz-Nehmen von Zeichen, keinen Interpretanten und Interpreten, kein Designat und keinen Ausschnitt daraus in Form von Denotaten, keine Semantik und keine Pragmatik. Alles Sprachverstehen in ihrer internen Syntax, alle semantische Verstehen, alle Pragmatik des Sich-Beziehens auf etwas, sind ihrerseits schon projizierte, intuierte und intelligierte Wissensbedingungen, die sich einem Sich-Wissen der Erkenntnis verdanken.

Die kurze Schrift hat für mich einen sehr einnehmenden, sehr überzeugenden Charakter bei der ersten Lektüre gehabt, aber je mehr man zu hinterfragen beginnt, umso metaphysischer wird die Schrift, als hätte C. W. Morris eine innere Wesensschau alle Zeichen gehabt, analog zu ARISTOTELES‘ „species intelligibiles“ in allem Seienden.

1) Das Zeichen selbst wird zum Thema der Erkenntnis, aber nicht die Erkenntnisbedingungen legen bei Morris das Zeichen fest, sondern umgekehrt die Erkenntnisart der Zeichen beschreiben und erklären die Erkenntniszusammenhänge, Funktionen, Sprechweisen, Handlungsweisen, (ästhetischen und technologischen) Wertaussagen. Das ist für mich metaphysisch, von einem positiven Sein ausgehend, ohne deren Rationalität der Herleitung zu begründen. Ich zitiere aus dem zweiten Teil des Büchleins, aus „Ästhetik der Zeichentheorie“ (1988, S 92 – 94), weil dort noch präziser (m. E.) und im Wortlaut fast identisch mit Teil 1, die „Natur der Zeichen“ (ebd. S. 20f)m grundlegenden Begriffe definiert werden. (inklusiv seines berühmten „Dreiecks“ als Anhang – download).

Semiotik

Es ist angebracht, den Gebrauch einiger Grundbegriffe der Semiotik, die in diesem Text immer wieder vorkommen, anzugeben. Als Zeichenprozeß (Semiose) bezeichnen wir jede Situation, in der etwas durch die Vermittlung eines Dritten von etwas, das nicht unmittelbar kau­sal wirksam ist, Notiz nimmt; jeder Zeichenprozeß ist also ein Prozeß des „mittelbaren Notiz-Nehmens-von“. Ein Pfeifen bestimmter Art bringt je­manden dazu, so zu handeln, als ob sich ein Eisenbahnzug nähert, von dem er sonst nichts wahrnimmt; für die Person, die dieses Pfeifen hört, be­zeichnet der Laut dann einen sich nähernden Zug. Das, was als Zeichen operiert (d. h. was die Funktion hat, etwas zu bezeichnen) nennt man Zeichenträger; die Handlung des mittelbaren Notiznehmens wird Interpretant genannt und von einem Interpreten ausgeführt; das, wovon mittelbar Notiz genommen wird, nennen wir Designat. Entsprechend dieser Definition muß jedes Zeichen designieren („ein Designat haben“), aber es braucht nicht akutell irgendetwas zu denotieren („braucht keine Denotate zu haben“). Man kann von einem näherkommenden Zug Notiz nehmen (so handeln, als ob sich ein Zug näherte), selbst wenn in Wirklichkeit kein Zug kommt; in diesem Falle designiert der vernommene Laut, aber er de­notiert nicht („hat ein Designat, aber keine Denotate“). Ein Designat ist also eine Klasse von Objekten, die durch bestimmte definierende Eigen­schaften ausgezeichnet sind, und eine Klasse braucht keine Elemente zu haben; die Denotate sind die Elemente — falls es überhaupt welche gibt — der betreffenden Klasse.

Die Beziehungen der Zeichenträger zu dem, was designiert oder denotiert wird, sollen semantische Dimension der Semiose heißen und die Untersu­chung dieser Dimension Semantik; die Beziehungen der Zeichenträger zu den Interpreten wollen wir pragmatische Dimension der Semiose und die Untersuchung dieser Dimension Pragmatik nennen; die semiotisch rele­vanten Beziehungen der Zeichenträger zu anderen Zeichenträgern be­zeichnen wir als syntaktische Dimension der Semiose und ihre Untersuchung als Syntaktik. Als allgemeine Wissenschaft von den Zeichen ent­hält die Semiotik also die Teildisziplinen Syntaktik, Semantik und Prag­matik.

Ein Zeichen ist vollständig analysiert, wenn seine Beziehungen zu den an­deren Zeichen, zu seinen aktuellen oder potentiellen Denotaten und zu sei­nen Interpreten bestimmt worden sind. Die Bestimmung dieser Beziehun­gen in konkreten Fällen von Semiose heißt Zeichenanalyse. Eine gründlichere Diskussion dieser Dinge findet sich in den Grundlagen der Zeichentheorie; das folgende Diagramm soll den Gebrauch der Be­griffe festigen helfen: (siehe Link – download pdf)

Wenn Morris zwar „auf die Hauptformen menschlicher Aktivität und ihrer Wechselbeziehung“(ebd. S 88) durch das Leitmotiv und den Leitgedanken einer reinen Zeichentheorie eingehen möchte, so ist damit aber gerade nicht, in Analogie zu Kant gesprochen, eine transzendentale Erkenntnisart gemeint in dem Sinne, dass die Bedingungen dieses Verständnisses (der menschlichen Aktivität und ihrer Wechselbeziehung in Zeichenhandlungen) durch eine Apperzeption oder ein Wissen zusammengefasst und umspannt werden können, sondern die Semiose der Zeichenbildung legt in der Syntaktik, Semantik und Pragmatik hinreichend fest, was Erkennen, Wollen und Handeln heißt. Die Semiose der Zeichenbildung ist die „transzendentale Erkenntnisart“, kategorial eingebunden in ein Klassifikationssystem der Syntax, Semiotik und Pragmatik, bzw. in eine ästhetische Theorie der Beziehung zu Werten, die zureichende Gewissheit bietet bzw. zu einem System der Wissenschaft ausgebaut werden kann, zur sogenannten Semiotik. Philosophie wird transformiert in eine Zeichentheorie und kehrt als zeichentheoretische Erkenntnis der Prinzipien der Wirklichkeit, als Semiotik, zurück.

Dieser Zeichenprozesse bzw. die syntaktischen und semantischen und pragmatischen Regeln des Gebrauchs der Zeichen sind beobachtbare Vorgänge, die für sich nach ehernen Gesetzen ablaufen, und analysiert werden können. Ich bringe ein Beispiel: Der beobachtbare Warnruf eines Tieres oder die Warnung eines ausgesprochenen Wortes des Menschen hat die pragmatische Funktion, eine Situation oder ein Objekt relevant (beobachtbar) zu machen, um darauf reagieren zu können. Die semantische Bedingung der Warnung verweist auf die pragmatische Bedingung des Sich-Schützens – und diese wiederum zurück auf einen Interpreten, der nach der Gewohnheit des angelernten Verhaltens den Interpretanten mitbringt, das Wort der Warnung so zu verstehen.

2) Die Zeichengebung dient dem mittelbaren Notiz-Nehmen, dieses wiederum einer behavioristischen Verhaltensschema (oder vielleicht einem höheren Sinn-Schema – das lasse ich hier offen; ich kenne bisher keine andere Schrift von Morris). Oder umgekehrt ausgedrückt: das pragmatische Schema gehorcht semantischen Bedingungen der Beschreibung, die semantischen Bedingungen gehorchen syntaktischen Gesetzen – und so vollzieht sich das behavioristische Verhalten.

Die Funktionalisierung beschreibt Morris m. E. in mathematisch-bildlichen Theoremen der Mengenlehre – so zumindest in dieser kleinen Schrift „Grundlagen“: Eine Anzahl von Elementen (Denotaten) einer gegebenen Menge (Klasse der Designaten) wird einer Anzahl anderer Elemente einer anderen Menge zugeordnet, sodass ein fester Zeichenzusammenhang entsteht, der den Interpretanten bildet und in-formiert, sodass der Akteur des Interpretierens (der Interpret) die Denotate einer Klasse zu einem gewissen pragmatischen Zweck erkennen kann.

Ein Beispiel: Die Pflanzen gehören zur Klasse der unbeweglichen Substanzen, die Denotate der Pflanzen legt z. B. die Botanik fest, die Funktion dient dem Vergleich der unbeweglichen Welt mit der beweglichen Welt. Es entsteht ein Reich der „Pflanzen“ und der „Tiere“. Die Zeichen sind Teilmengen des Raumes aller Zeichen, welche Raum wiederum in die besagten drei Hauptfunktionen zerfällt. Die Art der Funktion der Zeichen kann dann verschieden ausfallen, statisch, dynamisch, werthaft-künstlerisch, es werden Objekte, Sätze, Begriffe, Anschauungen gebildet, wobei es auch Pseudo-Objekte gibt, die gar nicht existieren, wie Morris einmal warnt.

Im Zuge einer funktionalen Einordnung aller Beziehungen der Zeichen ist z.B. der Begriff der „Bedeutung“, der in der philosophischen Sprachwelt hohe Valenz besitzt, höchst entbehrlich, um in keine Scheinwelt zu geraten. Siehe dort den Abschnitt VI. Die Einheit der Semiotik. Zum Begriff der „Bedeutung, ebd. S 68 – 75. Ebenso lassen sich Fragen um die Allgemeinheit von Begriffen klären, das, was die Philosophiegeschichte unter „Universalien“ beschäftigt hat, ebd. S 75 – 79.

 

3) Meine Kritik – hier nur höchst fragmentarisch: Die von Morris für sich selbst sicherlich durchdachte, intuitiv aufgestellte Gewissheit seiner Semiotik in den drei Dimensionen von Syntaktik, Semiotik und Pragmatik, erwartet sich ihre Bestätigung stets nur von außen: Vom Funktionieren bzw. Beobachten der syntaktischen, semantischen oder pragmatischen Regeln. Natürlich, in großer Belesenheit, schickt er immer auch mit, dass diese oder jene Frage im Bereich der Syntax, der Semantik und der Pragmatik noch nicht gelöst sei, es besteht also kein Grund zur Überheblichkeit, aber de facto kann durch eine gediegene Zeichenlehre eine wissenschaftliche Anwendung, sei es für naturwissenschaftliche oder geisteswissenschaftliche Dinge, behauptet und praktiziert werden.

Die formallogische Identität in der Beschreibung der Gegenstände der Zeichen wird aber unkritisch und nur faktisch vorausgesetzt. Was verbürgt mir im Wissen, dass ein Designat das ist, als was es im Verfahren der Semiose bezeichnet wurde, und dass es nicht ganz anders ist? Was verbürgt mir, dass es so sein soll, wie es ist und so ist, wie es sein soll? Das hängt wieder, würde Morris sagen, von anderen zeichentheoretischen Regeln ab. Diese sind aber wiederum zeichenhaft vermittelt. Was ist das letzte Axiom der Syntax oder Semantik oder der letzte Grund des pragmatischen Handelns? Es wird der Satz der Identität im Designat als für immer gültig vorausgesetzt, weil es a) bisher immer so war und funktionierte, oder b) weil es willkürlich und konventionell eben so festgesetzt wird, aber über die Faktizität hinaus, was berechtigt im Wissen selbst, dass etwas von etwas identisch ausgesagt werden kann?

Und kann durch die von Morris klassifizierte Wertaussage im ästhetischen Wahrnehmen tatsächlich erklärt werden, nicht nur ob etwas und wie etwas ist, sondern auch warum es ist und ob und warum es sein soll und schließlich ob es ist wie es sein soll und sein soll wie es ist? Die philosophische Frage ist nicht nur die Frage nach dem Wesen und Sein des Ganzen der Wirklichkeit, sondern auch die nach seinem Wert und seinem Sinn – das hat offensichtlich Morris ja in seiner „Ästhetik der Zeichentheorie“ als Beispiel bringen wollen – aber gerade hier fehlt m. W. wieder der letzte reflexive Erkenntnisakt über Wert und Sinn. Diese letzteren Begriffe werden auf andere Bedingungen zurückgeführt, also gelten sie nur mehr unter Apostroph!?

Eine Identität oder eine Wert kann nur aufgrund der Gewissheit einer Unveränderlichkeit im Wesen des Benannten und Bezeichneten behauptet werden, d. h. sie muss im Bilden eines Gebildeten (eines Seins) zweifelsfrei erkannt werden. Was gewährt mir diese Gewissheit und Begründung einer zweifelsfreien Identität und eines Wertes in einem Designat, außer der Akt des Wissens selbst ? Das materiell vorausgesetzte Zeichen bzw. eine behavioristische Reiz-Reaktion-Schema kann keine Vorstellung der Identität und kein Empfinden eines Wertes (einer Erfüllung oder eines Mangels) erzeugen.

Noch ein paar Begriffe, die hinterfragt zu werden verdienen – und von mir hier nur angerissen sind:

a) Die Handlung des mittelbaren Notiznehmens wird Interpretant genannt und von einem Interpreten ausgeführt. Meine Sicht: Eine Handlung als solche muss zurückgebunden sein auf die Erkenntnis eines Wollens im Selbstbewusstsein. Ich kann nicht von „Handlung“ sprechen, wenn von vornherein das Handeln schon durch das System der Zeichen festgelegt ist. Da gibt es kein Wissen mehr um das Tun.

Meine Sicht: Jede Wahrnehmung – Morris spricht im 2. Teil auch von der „ästhetischen Wahrnehmung“ – ist vor dem Wahrnehmen als Zeichen zuerst ein Gefühl der Hemmung und des gehemmten Triebes, wodurch spontan gegen die Hemmung angegangen wird – und die Einbildungskraft erstellt die Begriffe und Anschauungen. Die Zeichen hingegen bei Morris müssen, aufgrund der mangelnden Reflexion auf den eigenen Erkenntnisakt blind sein in ihrer Anschauung, denn es fehlt der Begriff ihrer Bildung – sie sind nur äußerlich „begriffen“ und beschrieben durch ein ebenfalls äußerlich aufgefasstes System der Syntax, Semantik und Pragmatik – und sind leer in ihren begrifflichen Bildung, denn die formallogischen Regeln der Syntax, die auf Gegenstände verweisende Semantik und das Woraufhin der Pragmatik setzen als Regeln das anschauliche Funktionieren schon voraus, ohne allerdings diese Regel selbst innerlich anzuschauen und als solche, als notwendige Handlungen des menschlichen Geistes, zu durchschauen. Es sieht so aus, als ob etwas syntaktisch, semantisch, pragmatisch geschehe, aber das Sehen dieses Geschehens wird nicht gewusst.

Es wird die syntaktische, semantische und pragmatische Regel behauptet, aber die Anschauung derselben und das Wissen ihrer Brauchbarkeit wird nur nachträglich festgelegt als eine Funktionsbeschreibung. Ja, z. B. ein Warnruf funktioniert offensichtlich, weil eben die Semantik stimmt, die Syntax richtig ist, das Woraufhin festgelegt ist. Aber kann nicht vorher aus der Semantik und gewissen Regeln der Syntax und aus der Form der Kommunikation festgelegt werden, was eine Warnung sein soll oder bloß ein heiterer Zuruf? Es wird im Nachhinein die Anschauung als „Warnruf“ identifiziert (begrifflich bestimmt), oder ein „Zuruf“ identifiziert. Im Vorhinein der Erkenntnis kann aber nicht gesagt werden, das soll eine Warnung oder ein Zuruf sein.

Die semiotische Erkenntnisakt wird vorausgesetzt, ebenso das Notiz-Nehmen, worin die Tätigkeit des Zeichen-Verstehens im Kernpunkt zusammengefasst ist. Das ist aber weltfremd und entspricht nicht einem ureigenen Empfinden in jeder Sinnesempfindung, worin der Impuls zur Freiheit des Reagierens bestehen bleibt, bzw. die Gewissheit, dass die Zeichen adäquat zu den Dingen und Verhältnissen selbst! gebildet sind. Natürlich kommen hier auch Täuschungen vor, aber selbst diese können durch ein höheres Wissen ja korrigiert werden. Normalerweise bilden die Vorstellungen das Vorgestellte adäquat ab, und philosophisch kann diese Verarbeitung der Einbildungskraft nachkonstruiert werden. Dass die Vorstellungen aber durch die Relation der Zeichen entstehen und in einem Komplex der verschiedenen Dimensionen durch eine Metatheorie der reinen Semiotik erklärt werden können, das ist nicht denkbar.

Es fehlt mir bei Morris der letzte reflexive Erkenntnisakt, dass nicht die Zeichen selbst handeln und ein notwendiges System der Regeln erstellen, sondern die theoretische Philosophie ist die Darstellung der „notwendigen Handlungen des menschlichen Geistes“ (Fichte), nach denen die Vorstellung aus dem Abgebildeten (dem Sein) in der Einheit des Bildens folgt; in der praktische Philosophie ist es umgekehrt, da folgt hingegen die Darstellung der „notwendigen Handlungen des menschlichen Geistes“ aus dem Bild des Erkennens, Wollens und Handelns und bestimmt durch den Zweckbegriff das Abgebildete (das faktische Sein).

Das Notiz-Nehmen bei Morris ist eine großteils passive Sache der Widerfahrnis mit einem kleinen Rest freier, im großen Zusammenhang der materiellen Bedingungen aber letztlich begrenzter Reaktionsmöglichkeiten. Aus einem passiven Vorgang kann aber kein tätiges Notiz-Nehmen abgeleitet werden, kein Erkennen, Wollen und Handeln.

b) Es werden Dinge, Objekte, Vorstellungen nach Morris „designiert“ (mit möglichen Denotaten oder auch keinen Denotaten). Man kann – siehe Zitat oben – von einem näherkommenden Zug Notiz nehmen (so handeln, als ob sich ein Zug näherte), selbst wenn in Wirklichkeit kein Zug kommt; in diesem Falle designiert der vernommene Laut, aber er de­notiert nicht („hat ein Designat, aber keine Denotate“). Ein Designat ist also eine Klasse von Objekten, die durch bestimmte definierende Eigen­schaften ausgezeichnet sind, und eine Klasse braucht keine Elemente zu haben; die Denotate sind die Elemente — falls es überhaupt welche gibt — der betreffenden Klasse. Alles gut und schön, aber hat dieses mathematisch-visuelle Denken in Kategorien der Mengenlehre mit den tatsächlichen und relevanten Relationen der Identität von Wissen und Gewusstem, Bild und Abgebildeten zu tun?

„Die Bestimmung dieser Beziehun­gen in konkreten Fällen von Semiose heißt Zeichenanalyse.“ Wenn schon von echter Semiose, Zeichenbildung und Zeichenwerdung, gesprochen werden soll, müssen die realen und intelligiblen Bedingungen der Möglichkeit derselben eingesehen werden. Der Weg zur Semiose fehlt mir total. Es wird ein abstrakter Begriff mit Anlehnung an naturwissenschaftliche Beschreibungsvorgängen gewählt, der aber nicht erklärt, warum die nachfolgenden syntaktischen und semantischen und pragmatischen Regeln des Funktionierens der Zeichen so sein müssen und welchen Grund sie haben. Die „Semiose“ ist nur ein Wort, ein Hilfsbegriff, ohne Erkenntnis- und Seinsgrund.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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