Fichte, Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, 1806, – 9. Vorlesung, SW VII, S 128ff

Fichte schließt knapp an die vorige Vorlesung an: An das Unbegriffene einerseits, und das Spekulative, Schwärmerische andererseits.

Es kommt jetzt eine sehr wesentliche Vorlesung zum Geschichtsverständnis und zur Geschichtlichkeit unserers Denkens. Diese Vorlesung ist in gewissem Sinne der Angelpunkt der Vorlesungen vorher und nachher. Was im 20. Jhd. an philosophischer Hermeneutik herausgearbeitet wurde, ist hier von Fichte vorweggenommen! 
(Mein Thema der Herausarbeitung eines Geschichtsbegriffes durch Zeitlichkeit sei deshalb hier beendet. Die weiteren Vorlesungen handeln dann zum Thema der Staatsbildung und des politischen Lebens im weiteren Sinne. Diese Theorien bedürfen aller der hermeneutischen Grundlagen dieses hier ausgearbeiteten Geschichtsbegriffes.)  

1) Vorab ist der  Begriff der Geschichte und Geschichtlichkeit und möglicher Entwicklung nochmals auf die transzendentale Möglichkeit der Wissbarkeit hin  zu prüfen und zu analysieren.
Das Begreifen und Verstehenwollen von
reiner Historie, historischen Daten – das wäre eine empirische Forschung. Geschichte wäre dann die andere Seite von Physik.

„Es ist umsomehr von uns zu fordern, dass wir auf diese Erörterung uns einlassen, da ja die Geschichte ein Theil der Wissenschaft überhaupt, nemlich, neben der Physik, der zweite Theil der Empirie ist, –„ (ebd. S. 129)

Diese mag jetzt verwundern, denken wir aber an die späteren Diskussionen und Gegensätze Naturwissenschaft versus Hermeneutik, Ende des 19. Jhd. – so ist hier  dieser Konflikt schon angesprochen. Es gab hier viele Missverständnisse – bis man wieder zu einer halbwegs gemeinsamen Basis fand. Die Vermittlung zwischen den grundsätzlichen Richtungen leistet ein transzendentaler Standpunkt. 1

Der momentane Standpunkt ist Rückschau auf den transzendentalen Begriff von Zeit, Zeitlichkeit, Geschichte – und markiert den Übergang zur konkreten Anwendung der Geschichtsidee:   „(…) In dieser Beziehung gehörte unsere heutige Rede noch zu demjenigen Theile des Ganzen, in welchem wir bisher eine Schilderung des wissenschaftlichen Wesens überhaupt gegeben haben, beschlösse diesen Theil und eröffnete uns den Uebergang zu einem neuen.“ (ebd. S. 129) 

Ausgangspunkt muss immer die transzendentale Einheit des Bewusstseins sein. Historie  alleine ist bloße Empirie, Erfahrung – das kann aber nur in und aus einer transzendentalen Einheit des Bewusstseins begriffen werden.2

Ich überspringe hier kurz einen Absatz, komme aber wieder darauf zurück.
Jetzt die starke Zusammenfassung zum Zeit- und Geschichtsbewusstsein – siehe bereits zitiert in den Vorbemerkungen zur 1. Vorlesung.

„Das Wissen ist, wie gesagt, Daseyn, Aeusserung, vollkommenes Abbild der göttlichen Kraft. Es ist daher für sich selber: – das Wissen wird Selbstbewusstseyn; und es ist für sich selbst, in diesem Selbstbewusstseyn, eigene, auf sich selbst ruhende Kraft, Freiheit und Wirksamkeit, weil es ja Abbild der göttlichen Kraft ist; alles dieses als Wissen, also in alle Ewigkeit fort sich entwickelnd zu höherer innerer Klarheit des Wissens, an einem bestimmten Gegenstande des Wissens, von welchem es ausgeht. Dieser Gegenstand nun erscheint offenbar als ein bestimmtes Etwas das auch anders seyn könnte, weil er ist, und dennoch in seinem Urgrunde nicht begriffen ist, sondern das Wissen in alle Ewigkeit an ihm zu begreifen und seine eigene innere Kraft zu entwickeln hat: und mit dieser fortgehenden Entwickelung tritt erst die Zeit ein. – Dieser Gegenstand tritt ein lediglich dadurch, dass das Wissen eben ist: also innerhalb seines schon vorausgesetzten Seyns; er ist daher Gegenstand der blossen Wahrnehmung, und nur empirisch zu erkennen. Es ist, sage ich, der Eine, in alle Ewigkeit sich gleichbleibende Gegenstand, da das Wissen alle Ewigkeit hindurch an ihm zu begreifen hat; in dieser stehenden objectiven Einheit heisst er Natur, und die regelmässig auf ihn gerichtete Empirie Physik. An ihm entwickelt sich das Wissen in einer fortfliessenden Zeitreihe; die auf die Erfüllung dieser Zeitreihe regelmässig gerichtete Empirie heisst Geschichte. Ihr Gegenstand ist die zu aller Zeit unbegriffene Entwickelung des Wissens am Unbegriffenen.“ (ebd. S 130.131)

Der Begriff der Geschichte (nicht Historie) zeigt sich als Gesetz einer formalen Freiheit,  als absoluter Geltungsgrund, gerichtet an die Vernunft, oder anders gesagt, ist ein transzendentales Wissen, das zur Vorstellung der Zeit und  Zeitlichkeit übergeht (im Willen) und zu einer Form des Werdens in unendlicher Zeit bzw. zur Vollendung in eschatologischer Ewigkeit. 
Zeit, Zeitlichkeit ist ein Akt des Bewusstseins, ist bereits eine „Empfindungsform“ (EIGNE MEDITATIONEN, 1793) durch die Genese aus einer überzeitlichen Einheit des Bewusstseins.  
Die
Spontaneität des Ichs – ein Begriff, der von vielen Denkern der Zeit vor und nach  Fichte  entscheidend war –  ist unwandelbare Wandelbarkeit, ist  geschlossene Geltungsform und Akteinheit und zugleich Disjunktion von Denken und Sein, übergehender Wille, Bildung von Zeit und Zeitlichkeit.
Anders gesagt: Die Akteinheit ist Form der Anschauung und angeschautes Werden.
3

Alle empirischen und historischen Ereignisse werden an dem überzeitlichen Maßstab der Geltungsform formaler Freiheit  gemessen und innerhalb einer vorgegebenen göttlichen Ordnung (dem Sittengesetz) verstanden.4

Geschichte enthält zwar material in sich zufällige empirische und historische Ereignisse, ist aber selbst eine nicht kontingente, sondern durch die göttliche Weltregierung und die formale Freiheit  überzeitliche Geltungsform einer Sinn-Idee, die verwirklicht werden soll, wie es eingangs geheißen hat, alle Lebens-Verhältnisse nach der Vernunft durch Freiheit einzurichten. Diese apriorische SInnidee verschafft sich in allen Hauptbereichen der Erkenntnis ihren eigenen Ausdruck: In der Natur, im Recht, in der Moralität, in der Religion – und schließlich in der Form der Geschichte. In der Geschichte ist die teleologische Zweck- und Sinn-Idee notwendig angestrebt, notwendig durch das transzendentale Soll der Erscheinung des Absoluten, modal zufällig, aber wirklich wird diese unwandelbare Geltungsform allerdings erst im übergehenden Willen, der in unendlicher Zeit die sittlichen Wertungen überträgt und realisiert.  5

R Lauth: „Hier, an dieser Stelle, zeigt sich die bloße Zeitlichkeit als Konstitutivmoment eines Umfassenderen, der Geschichtlichkeit. Der Fortgang der zeitlichen Setzungen ist gesetzt in dem einen Bewußtsein, als seine gemeinsamen Setzungen. „Dieser Fortgang, die Geschichte, wird gebildet nicht sowohl durch, als an gemeinsamen Begebenheiten“, – gemeinsam hier zunächst durch den einen Bezug in der bewußten Freiheit. Alle Gegenwartsakte sind bedingt durch die vergangenen, nicht zwar kausalnotwendig, aber kausal situiert: es ist dasselbe Bewußtsein, welches gehandelt hat, das da jetzt handelt. Da es frei handelt, ist jeder Akt einmalig, unvorhersehbar und doch bedingt, (konditioniert, nicht necessitiert) durch alle vorhergehenden. Dies gibt eine einmalige Linie der Entwicklung, die notwendig in ihrer Konkretion unbegreiflich ist. So ist der Gehalt der Geschichte, wie oben schon zitiert,  ,,die zu aller Zeit unbegriffene Entwickelung des Wissens am Unbegriffenen (GdgZ, ebd. S. 131)“ 6

Der Gehalt der Geschichte ist von Seiten des ablaufenden Bewusstseins unableitbar, weil es sich nur an den zufälligen Begebenheiten  frei finden und erkennen kann. Ethisch-telelogisch setzt es aber notwendig einen Sinn und Gehalt (religiös, interpersonal, sittlich, rechtlich, in der Natur) voraus, weil seine eigene Dauer und eigene Einheit – die unwandelbare Wandelbarkeit  des Selbstbewusstseins – von dem zeitlosen, unwandelbaren Geltungsgrund einer göttlichen Ordnung und einer apriorischen Sinnidee bedingt ist. 

Die Wirklichkeit der göttlichen Ordnung, d. h. der Verweis auf den absoluten Geltungsgrund, wird in höchst platonisch schöner Weise (wie bei Parmenides) gleich anfangs der 9. Vorlesung so beschrieben – jetzt diese Nachholung:

„Ich beginne meine Bestimmung des Wesens der Geschichte mit einem metaphysischen Satze, – dessen in der Vernunftwissenschaft streng zu führenden Beweis an diesem Orte die Popularität unseres Vortrages uns verbietet; welcher Satz jedoch auch dem natürlichen Wahrheitssinne sich empfiehlt, und ohne dessen Annahme wir überhaupt in dem gesammten Reiche des Wissens auf gar keinen festen Boden kommen, – mit dem Satze: was da nur wirklich nothwendig da ist, ist schlechthin nothwendig also da, wie es da ist; es könnte nicht auch nicht da seyn, noch könnte es auch anders da seyn, als es da ist. In dem wahrhaft Seyenden ist daher an kein Entstehen, an keine Veränderlichkeit und an keinen willkürlichen Grund zu gedenken. – Das Eine wahrhaft seyende und schlechthin durch sich selber daseyende ist das, was alle Zungen Gott nennen. Gottes Daseyn ist nun nicht etwa der  Grund, die Ursache, oder des etwas; des Wissens, so dass beides sich auch von einander trennen liesse, sondern es ist schlechthin das Wissen selber; sein Daseyn oder das Wissen ist durchaus Eins und ebendasselbe; im Wissen ist er da, schlechthin wie er in sich selber ist, als absolut auf sich ruhende Kraft; und – er ist da schlechthin, oder – das Wissen ist schlechthin da, ist ganz dasselbe gesagt. Auch dieser hier nur als Resultat vorgetragene Satz lässt sich in der höheren Speculation ganz anschaulich machen. – Nun ist ferner eine Welt nur im Wissen da, und das Wissen selber ist die Welt: die Welt ist daher mittelbar, und durch das Wissen eben vermittelt, das göttliche Daseyn selbst, so wie das Wissen dasselbe Daseyn unmittelbar ist. (ebd. S 129.130)

Die göttliche Ordnung und der absoluter Geltungsgrund einerseits, das unweigerlich durch das Unbegriffene der historischen Ereignisse geprägte Denken andererseits, offenbaren ein Bedingungsverhältnis im „ablaufenden Strome der wirklichen Reflexion“, d. h. eine Einheit einer unwandelbaren Wandelbarkeit. 7

„Also: das zeitlose Seyn und Daseyn ist auf keine Weise zufällig; und es lässt sich weder durch den Philosophen, noch durch den Historiker eine Theorie seines Ursprunges geben: das factische Daseyn in der Zeit erscheint als anders seynkönnend, und darum zufällig; aber dieser Schein entspringt aus der Unbegriffenheit: und der Philosoph kann zwar wohl im Allgemeinen sagen, dass das Eine Unbegriffene, sowie das unendliche Begreifen an demselben, so ist, wie es ist, eben, weil es in die Unendlichkeit fortbegriffen werden soll; er kann es aber keinesweges aus diesem unendlichen Begreifen genetisch ableiten und bestimmen, weil er sodann die Unendlichkeit erfasst haben müsste, was durchaus unmöglich ist. Hier sonach ist seine Grenze, und er wird, falls er in diesem Gebiete etwas zu wissen begehrt, an die Empirie gewiesen.“ (ebd. S 131)

Es besteht immer ein Verhältnis zwischen transzendentaler Einheit des Wissens (mit einer endlicher Totalität aller Wissensformen) und einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Wissensinhalten im ablaufenden Bewusstsein. 8

Der Unterschied zu Kant oder anderen Geschichtsphilosophen seiner Zeit ist eklatant, denn geschichtliches Denken hilft uns zu verstehen, was uns handlungsrelevant, hermeneutisch und pertinent bestimmt, sei es bewusst oder unbewusst, und eröffnet ein teleologisches Zweckbegriff für das ganze Dasein und Denken.   9

Die Begriff der Geschichte und Geschichtlichkeit  kann  und müsste  jetzt in seiner transzendentalen Erkenntnisart und Eigenständigkeit noch viel weiter durchdrungen werden. Ich muss das hier unterlassen.
Geschichte wird als Aufgabe der Freiheit der Vernunftrealisation, als Aufruf und Antwort in einem Interpersonalgeschehen verstanden, wird zu einer Frage der „sittlicher Natur“ (REDEN, 1808) und zu einer  Frage der intelligiblen Neuschöpfungen des Denkens (BdG-1811), schließlich das Denken einer positiven Offenbarung (StL 1813).

Die apriorische Begriffenheit und die Einheit der Reflexion, ferner die nicht ableitbaren, historischen Ereignisse (das unableitbare „Unbegriffene“, siehe 8. Vorlesung), sie verführen zu einem dialektischen Schein, können aber erkenntniskritisch aufgelöst werden, wenn der transzendentale Standpunkt des möglichen Sich-Begreifens und Erkennens aus einer notwendigen Unendlichkeit gesehen und festgehalten wird: Siehe nochmals Zitat von oben: „(…) aber dieser Schein entspringt aus der Unbegriffenheit: und der Philosoph kann zwar wohl im Allgemeinen sagen, dass das Eine Unbegriffene, sowie das unendliche Begreifen an demselben, so ist, wie es ist, eben, weil es in die Unendlichkeit fortbegriffen werden soll;“ (ebd. S 131).

In der Diktion der vorhergehenden Wln gesprochen: Die jeweilige fakultative Bestimmtheit eines Gebildeten (z. B. in der physikalischen Empirie, in der historischen Empirie, beim Recht, in der Moralität, in der Religion, in der Mathematik) ist bestimmte Weiterbestimmung des grundsätzlich einen, einheitlichen Seh-Aktes. Dieses Sehen in seiner Sichtbarkeit und Lichtform ist nicht faktisches Sehen, sondern in seiner Freiheit genetisches Sehen, weil es die eigene Bedingung der Möglichkeit aus sich selbst, d. h. aus einem  unbedingten Geltungsgrund erklären und bewähren will und durch die Unendlichkeit abgeschlossen sein lässt.

Das Verhältnis absoluter Geltungsgrund und fakultativ notwendiger Bestimmung hat Fichte bis zum Lebensende beschäftigt. 10

Bekannt ist dieses Wort an Reinhold: Das ganze fichtesche System ist ein System der Freiheit.11

Eine Emanation oder Evolution ist nicht denkbar, weil das dem Begriff einer unwandelbaren Wandelbarkeit des Selbstbewusstseins und dem absoluten Begriff einer notwendigen Erscheinung Gottes widerspräche – vgl. ebd. S 131-132 – , ebenso kein zeitlich zu denkender Welt-Ursprung, sofern Zeit immer eine andere, vorhergehende Zeit, voraussetzt  – wie schon in der kantischen Antinomie genannt. (Siehe meinen Blog zu den kantischen Antinomien – 3. Teil – Link)

„Ueber den Ursprung der Welt und des Menschengeschlechtes also hat weder der Philosoph, noch der Historiker etwas zu sagen: denn es giebt überhaupt keinen Ursprung, sondern nur das Eine zeitlose und nothwendige Seyn.“ (ebd. S 132)

Der Mythos ist dabei ein höchst achtenswertes Philosophem, aber nicht als „Faktum“ (ebd.) einer Historie misszuverstehen. 

2) Vom apriorischen Denken einer Einheit des Sich-Wissens und Lebens kommt Fichte jetzt zu den ersten Anwendungs- und Schematisierungsbedingungen: Es sind dies die Bedingungen der Interpersonalität und der Sprachlichkeit.

Keine Freiheit könnte sich setzen außer im interpersonalen Bezug zu anderer Freiheit.12

„Nach dieser Grenzberichtigung gehe ich zuvörderst an das Geschäft, die Bedingungen des empirischen Daseyns, als das, was zur Möglichkeit aller Geschichte vorausgesetzt wird, im allgemeinen zu bestimmen. – Das Wissen spaltet sich im Selbstbewusstseyn nothwendig in ein Bewusstseyn mannigfaltiger Individuen und Personen; eine Spaltung, die in der höheren Philosophie streng abgeleitet wird. So gewiss daher Wissen ist –und dieses ist, so gewiss Gott ist; denn es ist selber sein Daseyn, – so gewiss ist eine Menschheit, und zwar als ein Menschengeschlecht von Mehreren; und, da die Bedingung des gesellschaftlichen Zusammenlebens des Menschen die Sprache ist, mit einer Sprache versehen.“ (ebd. S. 132.133)

Die Vergangenheit ist immer nur von der Gegenwart her entworfen.13

Es kommt zu einer kontingenten, aber auch notwendigen Reihe des Bewusstseins, sofern auf die im Aufruf-Anwort-Schema notwendigen realen Gesetze geschaut wird. Es ist dies für mich eine höchst interessante Konstruktion aus der Vernunft. Es soll ja folgende These aufrecht erhalten werden. Die Geschichte ist die Zeit der vollkommenen Realisierung der Vernunft durch Freiheit, also kann nicht mit einen „Krieg aller gegen alle“ (Hobbes) oder einer anderen bedauerlichen Stimmung – siehe Rousseau oder selbst bei Kant ist die Einführung des Rechts schon auf  den Verdacht der Böswilligkeit des anderen begründet –  begonnen werden, sondern ein freier Wille muss von Anfang an in der Natur des Vernunftwesen „Mensch“ liegen. Dies wird dann von Fichte so vorbereitet und imaginär vorgestellt: Der freie Wille ist zuerst noch instinkthaft vorliegend, durch Widerstand und Konflikt – siehe unten – wurde die Freiheit aber initiiert und eine zweite Epoche entstand, die Zeit der Autorität; diese wiederum wurde durch die  „Aufklärung“ von einer dritten Epoche abgelöst,  die aber ein höchst sündhaftes Zeitalter in ihrer obeflächlichen Weltsicht mündete. 
Anders gesagt: Fichte geht hier in der 9. Vorlesung über zu einer 
schematisierten (nicht historischen) Erklärung des Menschengeschlechtes  mittels zweier  Völker, einem Normalvolk und einem Volk der „Wilden“.
Ein schematisiert: Ein „Normalvolk“ muss es gegeben haben, das von Natur aus schon vernunftbegabt mit freiem Willen gewesen ist, denn die Menschheit hätte sich  aus Unvernünftigkeit nicht langsam zur Vernunft entwickeln können. 
In nuce liegt in dieser von Anfang an nicht gänzlich verdorbenen Menschheit ein großer Gedanke:  Der  Keim einer unmittelbaren Offenbarung Gottes in Menschennatur, wie Fichte die Erscheinung Gottes weiterdenken wird in den AzsL, in den REDEN und in der StL-1813,
wäre ohne instinkhaften Vernunftanlage nicht möglich geworden.

Eine unmittelbare Antwort einer menschlichen Person auf den göttlichen Anruf, neben der unendlichen Zeit einer geistigen und kulturellen Entwicklung, wie die Freiheit sich ihr Vernunftreich aufbauen will, ist somit nicht von vornherein verhindert.  Dieses Thema wird dann in den parallel verlaufenden Vorlesungen der AzsL 1806 bzw. in der StL-1813 immer dringlicher: Die positive Offenbarung aus freien Stücken eines Vernunftwesen, nicht aus einem subjektiven Bedürfnis notwendiger Rettung und Erlösung (Anselm).


Fichte gibt ausdrücklich seine metaphysische Hypothese am Anfang des Menschengeschlechtes zu: „Keine Geschichte unternehme daher, die Entstehung des Menschengeschlechtes überhaupt, oder seines gesellschaftlichen Lebens, oder der Sprache, erklären zu wollen. –„(ebd. S 133)
(Bei Hobbes und Rousseau sind die Anfänge des Menschengeschlechtes ebenfalls spekulativ in die Vergangenheit zurückprojiziert und historisch? Genommen.)

„Ferner, zu den inneren Bestimmungen der Menschheit gehört es, dass sie in diesem ihrem ersten Erdenleben mit Freiheit zum Ausdrucke der Vernunft sich erbaue. Aber zuvörderst: aus nichts wird nichts, und die Vernunftlosigkeit kann nie zur Vernunft kommen; wenigstens in Einem Puncte seines Daseyns daher muss das Menschengeschlecht in seiner allerältesten Gestalt rein vernünftig gewesen seyn, ohne alle Anstrengung oder Freiheit. Wenigstens in Einem Puncte seines Daseyns, sage ich; denn der eigentliche Zweck seines Daseyns ist doch nicht das Vernünftigseyn, sondern das Vernünftigwerden durch Freiheit, und das erstere ist nur das Mittel und die unerlassliche Bedingung des letzteren; wir sind daher zu keinem weitergehenden Schlusse berechtigt, als zu dem, dass der Zustand der absoluten Vernünftigkeit nur irgendwo vorhanden gewesen seyn müsse. Wir werden von diesem Schlusse ausgetrieben zur Hinnahme eines ursprünglichen Normalvolkes, das durch sein blosses Daseyn, ohne alle Wissenschaft oder Kunst, sich im Zustande der vollkommenen Vernunftcultur befunden habe.“ (ebd. S 133)

Damit es zu einem Werden und zu einem Verstehen späterer, selbst geschaffener rechtlicher und staatlicher Gesetze kommen kann, mithin zu einer geschichtlichen Entwicklung, ist zusätzlich und hypothetisch ein zweites Volk anzunehmen: Es ist ein Anfang von „rohe(n), erdgeborene(n) Wilde(n), ohne alle Bildung“ (ebd.) zusätzlich denkbar, die sich durch eine historische Begegnung mit dem „Normalvolke“ zu einer ersten Erkenntnis von Rechts- und Moral- und Staatsleben entfalten konnte.
Die hypothetische Annahme eines „Normalvolkes“ und das „Unbegriffene“ eines Zusammentreffens mit einem rohen Volke der Wilden brachte das Vernunftdenken und das Bewusstsein
auf den Weg eines geschichtlichen Denkens-


Fichte behauptet hier nicht zu viel an historischen Tatsachenwahrheiten, aber auch nicht zu wenig an initiierter Aufforderung und eingeleiteter Rechts- und Staats- und Geschichtsentwicklung.14

Weil ohne transzendentalen Gesetzen von Aufruf und Antwort und religiösem Wissen kein Wissen sein kann, kann weder von einer historischen Entwicklung und Fortbildung bei einem „Normalvolk“ allein (absolut isoliert) ausgegangen werden, noch bei den „Wilden“ alleine (vgl. ebd. S 134), sondern durch Begegnung, Vertreibung, Konflikten und entstehender Wahlfreiheit beginnt die vernunftmäßige und freie Entwicklung des Menschengeschlechts.  
Die Mythe hilft hier weiter, um einen geschichtlichen Anfang zu denken:
„Blieben die Sachen in dieser Verfassung, und die absolute, sich selbst nicht für Cultur, sondern für Natur haltende Cultur, sowie die absolute Uncultur voneinander geschieden: so konnte es theils zu keiner Geschichte kommen. theils, was mehr ist, wurde der Zweck des Daseyns des Menschengeschlechtes nicht erreicht. Das Normalvolk musste daher durch irgend ein Ereigniss aus seinem Wohnplatze vertrieben und derselbe ihm verschlossen werden; und es musste zerstreut werden über die Sitze der Uncultur. Nun erst konnte beginnen der Process der freien Entwickelung des Menschengeschlechtes und die, das Unerwartete und neue aufzeichnende Geschichte, die jenen Process begleitet: denn erst jetzt wurden die zerstreuten Abkömmlinge des Normalvolkes bewundernd inne, dass nicht alles so seyn müsse, wie bei ihnen, sondern dass es ganz anders seyn könne,  weil es eben anders sich fand; und die Erdgeborenen, nachdem sie zur Besonnenheit gekommen waren, bekamen noch viel mehr Wunderbares zum Aufzeichnen. Erst in diesem Conflicte der Cultur und der Rohheit entwickelten sich – ausser der Religion, die so alt ist als die Welt, und von dem Daseyn der Welt unabtrennlich, – die Keime aller Ideen und aller Wissenschaften, als der Kräfte und Mittel um die Rohheit zu Cultur zu führen.“ (ebd. S 134. 135)

Mythos und transzendentale Begrifflichkeit der Entstehung einer Zeitfolge ergänzen sich:  Dazu wieder kurz R. Lauth: „Das anschauliche Substrat des Zeitflusses ist also kontinuierlich; doch ist dieses Substrat nur im Verständnis seiner, welches notwendig diskrete Punkte setzt. Diese Punkte sind immer im Verhältnis der einseitigen Folge (a–b, a−b, a−b, . . .). Sie sind, als reflektierte, willkürliche Fixierungen, die durch andere ersetzt werden können. Statt a kann ich a+ẞ setzen; doch auch diese neuen Fixierungen sind wieder unterteilbar und stehen im Verhältnis der einseitigen Folge. Diese einseitige Folge ist das anschauliche Pendant des gedanklichen Grund–Folge- Verhältnisses.; Zeit ist angeschaute Kausalität. Das Denkgesetz erscheint in der Anschauung als schlechthinnige ausnahmslose einseitige Folge.“ 15

Ein vermeintliches „Faktum“ (von Fichte gesperrt, ebd. S 132. 135) alleine erklärt keinen kontinuierlichen Zusammenhang. Wenn man sich aber einen apriorischen Überblick und Zusammenhang verschafft, könnte ein „Licht aufgehen über die wichtigsten Probleme in der Geschichte.“ (ebd. S 135)

Apriorisch kann gesagt und teleologisch verstanden werden: Ein Menschengeschlecht soll ethisch-teleologisch gebildet werden, also muss es ein rudimentär vernünftig verfasstes Menschengeschlecht von Anfang an gegeben haben, ebenso im Gegensatz dazu ein Volk der Wilden,  und in Konflikt und friedlichem Ausgleich und durch Wahlfreiheit  entstand das erste, rudimentäre Vernunftreich eines freien Zusammenlebens. Wie und wo das geschehen ist, das wäre historisch Empirie und entgeht unserer Erkenntnis. 
„ (…) die Geschichte (sc. verstanden hier als historische Data) ist blosse Empirie; nur Facta hat sie zu liefern, und alle ihre Beweise können nur factisch geführt werden. Ueber das zu erweisende Factum etwa zu einer Urgeschichte aufzusteigen, oder darüber zu argumentiren, wie etwas hätte seyn können, und nun anzunehmen, es sey wirklich also gewesen, – ist eine Verirrung ausserhalb der Grenzen der Historie;“ (ebd. S 136)

3) Fichte führt dann aus, wie ein „factischer Beweis“ geführt wird (ebd. S 136), wie rückgeschlossen wird, z. B. aus dem Beispiel eines Textes, der von Cicero oder Mose stammen könnte.
Ich zitiere aus einem Absatz später:
„ (…) den factischen Zustand der Gegenwart, besonders inwiefern er auf frühere Facta leiten dürfte, rein und vollständig aufzufassen, und scharf und bestimmt zu denken, unter Bedingung welcher früheren Facten allein er sich verstehen lasse“ (ebd. S. 138) – aber das ist nie ganz zu erfassen, weil es Empirie ist.

Es hat oft viel mehr „werth, genau zu wissen, was man nicht wisse, als mit Muthmaassungen und Erdichtungen die Lücken auszufüllen.“ (ebd. S 137)

Das eigentlich Neue und Geschichtliche beginn  im Denken dann mit dem Begriff einer Kultur und eines – zu Bedingungen der Freiheit – entworfenen Zwecks und Ziels.

„Das Normalvolk musste, sagten wir früher, wenn der eigentliche Zweck des Daseyns eines Menschengeschlechtes erreicht werden sollte, zerstreut werden über die Sitze der Rohheit und Uncultur; und erst nun gab es etwas neues und merkwürdiges, das das Andenken der Menschen reizte, es aufzubehalten; – erst jetzt konnte beginnen die eigentliche Geschichte, die nichts weiter thun kann, als durch blosse Empirie factisch auffassen die allmählige Cultivirung des nunmehr durch Mischung der ursprünglichen Cultur und der ursprünglichen Uncultur entstandenen, eigentlichen Menschengeschlechtes der Geschichte.“ (ebd. S 138)

Fakten und empirische Daten alleine führen zu dem „Wahnbegriffe von Wahrscheinlichkeit“ (ebd. S 138). Dieses Denken hat zwar überall „Herberge“ gefunden, „besonders in der Historie.“ (ebd.)

Geschichte kann nur durch den ethisch-teleologischen Zweck  abgelesen oder gedacht werden. Wie schon verlautbart: In diesen beiden Gegensätzen eines apriorischen „Weltplans“ (1. Vorlesung, ebd. S. 6) und durch das faktisch nicht ableitbare „Unbegriffene“ setzt sich Geschichte zusammen (vgl. ebd. S 139).

Fichte schildert nochmals das philosophische Vorgehen, d. h. das, was „die Menschheit wirklich ihrem Zwecke entgegen (förderlich ist)“ (ebd. S. 140) – im Unterschied zum „Annalist“ (ebd.), der möglichst genau alles erforschen muss, wenn nicht, „so hat er gegen die Regeln seiner Kunst gefehlt“ (ebd. )

Man gelangt zu einem „neben- und durcheinander“ der verschiedenen Stoffe der oben deduzierten „Epochen“.

„ (…) der Philosoph (sc. hingegen) bedient sich der Geschichte allerdings nur, inwiefern sie zu seinem Zwecke dient, und ignorirt alles andere, was dazu nicht dient; und ich künftige freimuthig an, dass ich ihrer in den folgenden Untersuchungen mich also bedienen werde. Dieses Verfahren, welches in der blossen empirischen Geschichtsforschung durchaus tadelhaft seyn und das Wesen dieser Wissenschaft vernichten würde, ist es nicht an dem Philosophen; – wenn und inwiefern er den Zweck, dem er die Geschichte unterwirft, unabhängig von der Geschichte schon vorher erwiesen hat. Tadel würde er nur dann verdienen, wenn er das sagte, was niemals gewesen; aber er stützt sich selbst auf die Resultate der historischen Forschung; er gebraucht von ihr nur das allerallgemeinste, und es wäre ein bedeutendes Unglück für jene Forschung selbst, wenn auch sogar dies noch nicht ins reine gebracht wäre; aber er verdient nie Tadel, wenn er verschweigt, was freilich auch gewesen ist. Er bestrebt sich, den inneren Sinn und die Bedeutung der Weltbegebenheiten zu verstehen, und erinnert in Absicht ihrer nur, dass sie waren; das Wie ihres Seyns, das ohne Zweifel noch mancherlei anderes Seyn bei sich führt, überlässt er dem empirischen Historiker:“ (ebd. S 141)

4) Fichte ist ausgegangen von einer apriorischen Einheit von Begriff und Sein, von einem ethisch-teleologischen Wissen und dem Sein von Zeitlichkeit und zeitlich gegliederten Epochen. Die Einheit  des Bewusstseins verweist notwendig auf einen absoluten Geltungsgrund, wodurch die Freiheit schöpferisch diesen apriorischen Weltplan begreift und vollziehen kann. Die historischen Daten und historischen Fakten werden dann durch Urteilskraft gegliedert und gefasst.

Fichte endet keineswegs mystisch-dunkel, aber doch explizit religiös: „ Um alles zusammenzufassen: die Nothwendigkeit ist es, welche uns leitet und unser Geschlecht; keinesweges aber eine blinde, sondern die sich selber vollkommen klare und durchsichtige innere Nothwendigkeit des göttlichen Seyns: und erst nachdem man unter diese sanfte Leitung gekommen, ist man wahrhaft frei geworden und ist zum Seyn hindurchgedrungen; denn ausser ihr ist nichts, denn Wahn und Täuschung. Nichts ist, wie es ist, deswegen, weil Gott willkürlich es eben so will, sondern weil er sich anders, als also, nicht äussern kann. Dies zu erkennen, sich demüthig darein zu bescheiden, und in dem Bewusstseyn dieser unserer Identität mit der göttlichen Kraft selig zu seyn, ist Sache aller Menschen: (…)“ (ebd. S 141.142)

Er gibt noch einen Ausblick auf seine kommenden Vorhaben, d. h. das Denken eines „vernunftgemässen Begriffes des Staates“ – und hofft sogar, gerade durch seine apriorische Denkart von Zeit und Geschichte, dem Historiker sogar zu gefallen und dessen „Zufriedenheit nicht zu entgehen.“ (ebd. S 143.)

© Franz Strasser, 28. 2. 2025

1Bei Dilthey Ende des 19. Jhd. gibt es die starken Auseinandersetzungen, wie Erklären und Verstehen, naturwissenschaftliches Erklären und Hermeneutik, zusammengehen. Selbst die Ansicht von Natur als Objekt menschlicher Bearbeitung und Betrachtung ist vermittelt über die Zuweisung kultureller Bedeutungen an Erscheinungen und Vorgängen in der Natur, wodurch diese selbst, so die Sprache damals, „symbolischen“ Charakter annehmen. Insofern die Naturwissenschaften mit  Zeichen, Zahlen und Sprache operieren, haben sie Anteil an der symbolischen und hermeneutischen Bedeutungswelt. Die naturwissenschaftlichen Probleme und Fragen werden ja nicht vom Naturobjekt her formuliert, sondern vom Menschen in seinen apriorischen und hermeneutischen  Vernunftgesetzen her. 

2R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte, siehe Anm. 1 erste Vorlesung, a. a. O.

3Oder anders formuliert: Das Denken von Geschichte ist durch einen maßgeblichen Faktor bestimmt, in der 1. Vorlesung (siehe oben, SW, ebd. S. 6) „Weltplan“ genannt – oder siehe bereits diesen Begriff in den Schlusskapiteln der WL 1801/02 – begreifbar in der Selbstbewusstseinseinheit einer unwandelbaren Wandelbarkeit und im Begriff des Werdens.

4R. Lauth rekurriert hier auf einen ersten Aufsatz Fichtes „Grundriss des Eigenthümlichen“ SW I, und auf die „Thatsachen des Bewußtseyns“ SW II, 535-691.

5Siehe ebenfalls R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte a. a. O., S 355.

Bekanntlich hat Kant in der KdU (1790) , 2. Teil, „Von der teleologischen Urteilskraft“  das teleologische Denken in seiner Bedeutung zwar erkannt, aber dem Zweckbegriff in seiner sittliche Bedeutung nicht als konstitutiv und transzendental notwendig für Ordnung der Natur angesehen. Er sei nur eine regulative Idee.  Es fehlt Kant, kurz gesagt, der apriorische Zweckbegriff einer Sinnidee, die sich geschichtlich zeigt. Es wären auf diesen Mangel  hin seine anthropologischen und geschichtsphilosophischen Schriften zu hinterfragen. Er glaubt an einen vernünftigen Fortschritt in der Geschichte, an die Durchsetzbarkeit des Rechts im Völkerrecht usw., aber der Geltungsgrund dieses optimistischen Glaubens ist kein unwandelbar begründeter, sondern nur begriffslogisch postulierter. Der christliche Glaube kennt hingege – selbst bei Scheitern einer irdischen Realisierung der Vernunftidee – die Freiheitstat Jesu Christi als Maßstab der Geschichte und als apriorische Sinnidee der satisfactio und restitutio.

6R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte, ebd. S. 317.

7In unmittelbarer Nachbarschaft zu den GdgZ wurden die AsL (1806) vorgetragen. Sie sprechen diese unwandelbare Wandelbarkeit des werdenden Bewusstseins in der Weise des Bildseins aus: „(….) wo bleibt denn also die Eine, in sich geschlossene und vollendete Welt, als |das ebenabgeleitete Gegenbild des in sich selber geschlossenen göttlichen Lebens? Ich antworte: sie bleibt da, woallein sie ist — nicht in einer einzelnen Reflexion, sondern in der absoluten und Einen Grundform desBegriffes; welche du niemals im wirklichen unmittelbaren Bewusstseyn, wohl aber in dem darüber sich erhebenden Denken wiederherstellen kannst; ebenso wie du in demselben Denken das noch weiter zurückliegende und noch tiefer verborgene göttliche Leben wiederherstellen kannst. Wo bleibt denn nun in diesem, durch unaufhörliche Veränderungen ablaufenden Strome der wirklichen Reflexion und ihrer Weltgestaltung das Eine, ewige und unveränderliche, in dem göttlichen Daseyn aufgehende Seyn des Bewusstseyns? Es tritt in diesen Wechsel gar nicht ein, sondern nur sein Repräsentant, das Bild, tritt darin ein.“ (SW Bd. V, 4. Vorlesung, ebd. S 457.458)

8Ich könnte hier verschiedene Wln zitieren, siehe z. B. WL 1804/2, 28. Vortrag, Punkte 6 u. 5  oder siehe GSRL, 22. Vortrag u. a.

9Natürlich ist dieses geschichtsbewusste Denken nichts Neues. Die Vorlage geschichtlichen Denkens findet sich zuhauf in den Genealogien und Geschichtsbüchern der Hl. Schrift, oder dann bei IRENÄUS u. v. a.

10Man könnte jede beliebige WL auf diesen Grundvollzug von Freiheit und  gesetzliches Bild von Freiheit zurückführen, sobald Freiheit sich vollzieht und handelt.  Als Beispiel zitiere ich aus dem „Diarium“ von 1813. Ich zitiere aus den Anfangskapitel: „Das absolut vorauszusetzende eines individuellen wie interpersonalen Ichs) wäre drum das Vermögen dazuseyn; nach einer Regel: d. i. als Bild seiner selbst. Dieses Vermögen kann ich nun sehr gut, vorläufig dem absoluten selbst beilegen. Nun aber wird die Sache verwikelt. 1.) soll ja das absolute nicht erscheinen in der Zeit 2.) soll ja die Freiheit auch in die Mitte treten, als innere Bestimmung des Ich dastehen. -. Zuförderst durch die Freiheit sezt es sich in Fluß, um das erst gebundene anschaubar zu machen: die Bindung, oder das Gesez. NB. És ist dann faktisch Bild seines Thuns. intelligibel Bild seines ursprünglichen, u. gesezlichen Seyns, weil es nicht anders thun kann, als es ist.“ Dadurch sind denn auch die Stufen[.]* [/] 

[*am Seitenende ohne Vermerk:] NB. Die Erscheinung wäre nun an sich, intelligibel, schlechthin u. vor aller Fakticität: Bild des absoluten Lebens, formaliter, u. qualitativ. Das formale erscheint in dem eigenen Leben. dem freien. In der Freiheit Bild seiner selbst, drum Bild jenes Bildseyns. Das 2te Bild in der Freiheit drum unendlich. Dies scheint alles zu lösen. Die Fakticität, von der ich oben rede, liegt nun eben in der Freiheit selbst. – . dem bildlichen Leben, das ich schlechthin voraussetzen muß. Bleibe ich dabei[,] denn dies scheint alles klar zu machen[.]  Ist Bild seiner selber: doch nur inwiefern es ist, Resultat seiner Freiheit: u. dieses Resultat selbst ist als ein Resultat erst im Bilde, durch dasselbe gehalten, u. gefaßt. Die Freiheit selbst ist durchaus unbildlich, sie ist Bild, nicht Bild des Bildes. Nur durch ihr Thun selbst kommt ein Bild derselben zu Stande. – (…) (Hervorhebungen von mir, GA II, 17, S 27)

11„Mein System ist vom Anfange bis zu Ende nur eine Analyse des Begriffs der Freiheit“. Fichte an Reinhold im Brief vom 8. Januar 1800 (GA III/4, S. 182).

12Vgl. R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte. Abschnitt „Interpersonale Natur“, a. a. O., ebd. S. 358.

13Siehe ebenfalls dort bei R. Lauth, ebd. S. 355.

14„Nichts aber verhindert zugleich anzunehmen, dass zu derselben Zeit über die ganze Erde zerstreut scheue und rohe erdgeborene Wilde, ohne alle Bildung, ausser der dürftigen, für die Möglichkeit der Erhaltung ihrer sinnlichen Existenz, gelebt haben; denn der Zweck des menschlichen Daseyns ist nur: das sich Bilden zur Vernunft, und dieses kann an diesen erdgeborenen Wilden gar füglich von jenem Normalvolke aus vollbracht werden.
Diesem zufolge wolle keine Geschichte weder die Entstehung der Cultur überhaupt, noch die Bevölkerung der verschiedenen Erdstriche erklären! – An den mühsamen Hypothesen, welche besonders über den letzteren Punct in allen Reisebeschreibungen aufgehäuft sind, ist unseres Erachtens Mühe und
 Arbeit verloren. Vor nichts aber hüte – sowohl die Geschichte, als eine gewisse Halbphilosophie – sich mehr, als vor der völlig unvernünftigen und allemal vergeblichen Mühe, die Unvernunft durch allmählige Verringerung ihres Grades zur Vernunft hinaufzusteigern; und, wenn man ihnen nur die hinlängliche Reihe von Jahrtausenden giebt, von einem Orang-Outang zuletzt einen Leibnitz oder Kant abstammen zu lassen!“ (ebd. S. 133)

Es ist vielleicht an dieser Stelle noch nötig zu sagen, dass in dem Verhältnis „Normalvolk“, „Menschengeschlecht“ und Individuum eine tiefe Wechselseitigkeit liegt. Fichte wird dem Individuum in der BdG-1811, in der TdB-1812 und in der StL-1813 eine immer wichtigere Rolle zuerkennen. Bei Roberta Picarda las ich zum Begriff „sittlicher Natur“  „(…) „das gemeinsame Gesetz aller freien Individuen“ abgeleitet, demzufolge diese nicht aus der unendlich fortgehenden Perfektibilität fallen können (SW IV, 594). Nach diesem in den TdB deutlich formulierten Gesetz geht notwendig die Schöpfung neuer sittlicher Individuen – welche das stets sich entwickelnde göttliche Leben zur Erscheinung bringt – ins Unendliche fort, wobei das Auftauchen jedes neuen Individuums »>eine Offenbarung des sittlichen Endzweckes von einer neuen, bis jetzt durchaus unsichtbaren Seite<< darstellt (TdB, SW II, 666f). Eben die besondere Seite des sittlichen Endzweckes, die jedem einzelnen Individuum – und ausschließlich diesem – uranfänglich und unmittelbar durch sein bloßes Dasein als Aufgabe vorgegeben ist, entspricht demjenigen, was Fichte in der StL als zweite Gestalt der sittlichen Natur vorstellt. Letztere macht also auch die eigentliche Grundlage der Moralität bei jedem Individuum aus. Beim späten Fichte besteht nämlich die höhere Moralität lediglich darin, die jedem zugeschriebene und unveränderliche sittliche Aufgabe als den an sich selbst gerichteten Gotteswillen bewußt einzusehen und durch »die Erschaffung eines ewigen und heiligen Willens<<< sein eigenes individuelles Leben in »>die höhere und übersinnliche<< Natur umzuwandeln (TdB, SW II, 685) (Roberta Picarda, »Sittliche Natur« und Geschichte beim frühen und späten Fichte. Fichte-Studien Bd. 29 (2006), 111-120; ebd. S. 119)

15R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte, ebd., S 356

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser