Ich muss (nolens volens) auf viele komparative Lektüre und textkritische und literarkritische Methoden verzichten mangels Zugang zu Bibliotheken. Eine systematische und transzendentale Lektüre scheint mir aber möglich.
1) Im Mittelpunkt des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, trotz physischer und psychischer Verfolgung, trotz geistiger Angriffen seitens der Gnosis und anderer Irrlehren, trotz Angriffen des jĂĽdischen Glaubens, trotz römischem Ständestaat und römisch-kaiserlicher UnterdrĂĽckung, trotz herrschendem Patriarchat, dĂĽrfte es eine stark erlebte Erlösungs- und Sinnidee dieser christliche Gemeinde in Kleinasien gegeben haben, eine durchaus neue apriorische Sinn-Erkenntnis, die zusammen mit ihrem Autor zur Notwendigkeit einer sakramentalen Ordnung mit einer damit verbundener Art von Sakramentenlehre und anfänglichen „Ämtern“ gefĂĽhrt hat – mit gefährlicher Ambivalenz zu einer metaphysischen Konstituierung. Â
Die historische Handlungsfolge bleibt immer ein StĂĽck weit das „Unbegriffene“, wie Fichte in der GdgZ (1806) die eine Seite des geschichtlichen Denkens fasst – im GegenĂĽber zur apriorischen Idee. Die andere Seite ist die unwandelbare Einheit des Sich-Bildens von Glaube, Hoffnung und Liebe, ein Sinn-Ganzes des Verstehens (ein „noematisches System“, das uns ĂĽber die Zeiten verbindet – nach Husserl), oder anders gesagt, eine Kritik der transzendentalen Lebens-Bedingungen, die als Akt des Glaubens (nicht bloĂź theoretischen Wissens) zusammengefasst werden können.
Eine genetische Erkenntnis begrĂĽndet diesen umfassenden Akt des Glaubens und Lebens, begrĂĽndet jede Aussageform, begrĂĽndet alle Zeit- und Geschichtsform und sogar eine sinnliche Erkenntnis.
In wesentlicher Einheit mit dem Geltungsgrund werden die Aussagen (durch genetische Erkenntnis) vom Autor reflexiv und appositionell auf die Zeit ĂĽbertragen. Der dazugehörende Wille manifestiert sich in theoretischen und praktischen Schematisierung  – immer in RĂĽckbezug zum absoluten Geltungsgrund – im Wirken, Wollen und Handeln, d. h. in diesem Falle in einer anfänglichen sakramentalen Heils- und Sinnordnung in pragmatischen, juridischen, kulturellen, personalen Begriffen und deren Handlungsfolgen.
Warum sich nicht andere Gemeindemodelle durchgesetzt haben, wie es deren viele gegeben haben mag und uns die Exegeten und Kirchenhistoriker beteuern, das mag alles stimmen, hilft uns aber in Entscheidungen für heute nicht weiter, denn natürlich sind diese Prozesse keine naturgeschichtlichen, notwendigen Phänomene gewesen, die wir im Rückwärtslesen einfach interpretieren und erklären könnten. Die Interpretation vermag sich bloß auf geistige und sprachliche, unableitbar freie! Zusammenhängen und Handlungsfolgen beziehen.
Wir haben die gleichen Rechtfertigungs- und Begründungsrechte und Pflichten wie die Christen damals! Eine bloß historische Nacherzählung und Weitertradierung ist nicht möglich, weil die Zweckhaftigkeit der Aussagen und Antworten, Beschreibungen und Zuschreibungen, zuerst aufgedeckt und dann schematisiert und appositionell-zeitlich dargestellt werden müssen.
Vom transzendentalen Gesichtspunkt her gesehen gibt es zuerst ein universale Bestimmung des Menschengeschlechtes, wie eine individuelle Berufung und Aufgabe eines Vernunft-Totums. Der eine, absolute Geltungsgrund verbindet und verpflichtet uns zu einer zusammenhängenden Reihe des Denkens und Handelns. Wir sind nicht naturnotwendig aneinander gebunden, aber frei aneinander „gebunden“. 1
Die Generation um 110 oder eher 160/170 n. Chr. hat sich fĂĽr eine männliche Hierarchie entschieden, das ist historisch nicht umzudeuten. Prinzipiell und schematisierend ging es aber gerade nicht um die männliche Hierarchie selbst, sondern um Fragen der Existenz, der Einheit und Kontinuität und Universalität der positiven Offenbarung. Man stand vor einer Wahl mit möglichen Handlungsoptionen – und entschied klug und angemessen sich fĂĽr eine männliche Bischöfe-Priester-Diakone-Hierarchie. Das gemeindliche, solidarische Zusammenleben, der beginnende Kult und die Sakramente, die kirchliche Hierarchie,2 die soziale Gleichstellung der Menschen, die alle Völker und Kulturen verbindende Einheit u. a. m., sie sind m. E. nur aus dieser ĂĽbergeordneten Einheit eines Zusammenhanges erklärbar, sprich aus einer Erkenntnis des absoluten Geltungsgrundes, der die freien Entscheidungen zu einer zusammenhängenden Reihe verbindet – zu einem Licht genetischer Erkenntnis.
Nur aus sozialgeschichtlichen Faktoren etwas zu erklären, z. B. die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Seelsorge zu vermuten, weil reichere Leute mehr AnsprĂĽche stellten – siehe bei M. Ă–hler, M. Theobald -, das ist nur Spekulation und berĂĽcksichtigt nicht die Freiheit der damaligen Entscheidungen und kann im ĂĽbrigen keinen Zusammenhang der Ereignisse herausstellen.3
Ich brauche eine feste analytische Basis der „Deduktion“, d. h. eine Basis des transzendentalen Zusammenhangs, die die Christen in einem innerlich spürbaren Interpersonalverhältnis zu Gott und untereinander gehabt haben müssen, und dieses Interpersonalverhältnis wurde in die Zeit und Geschichte schematisiert und in eine Geschlechterfolge umgelegt mit ersten rudimentären Institutionen einer hierarchischen, sakramentalen Ordnung. Die gewisse hierarchische Ordnung wurde nicht aus Angst der Männer vor Frauen geschaffen, sondern um die Einheit und Kontinuität der positiven Offenbarung zu wahren bzw. die Einheit untereinander.
Wir verdanken viel an Wissen und Geltungsanspruch diesen apostolischen „Vätern“ und halten diese Texte für große Autorität, weil sie Erinnerungen an handlungsrelevante Situationen speichern, die vielleicht für heutige Fragen genauso noch dienlich sein können.
2) Ich könnte verschiedene Spekulationen und systemtheoretische Notwendigkeiten und sozialgeschichtliche Faktoren aufzählen, warum und wie es zu solchen Texten gekommen sein könnte. Es läuft m. E. auf die Alternative hinaus:
a) Der Heilige oder der anonyme Autor oder die Christen der damaligen Zeit waren vor die Entscheidung gestellt, entweder durch Rückschluss auf einen absoluten Werthorizont und auf eine wie immer vermittelte historische Geschichte von Jesus eine Art konstitutive Gesetzgebung zu etablieren, um in der Zeit und Gesellschaft bestehen zu können. Das wäre dann eine Art metaphysische, durch Abstraktion gewonnene sittlich-hochstehende Zweckordnung gewesen, damit das überlieferte Erbe nicht verloren ginge,
oder b) sie handelten unmittelbar auf die Geschehnisse der Zeit bezogen, aber nicht willkürlich, sondern ebenso klug und pragmatisch, begründet und gerechtfertigt aus einer „genetischen Erkenntnis“ heraus. Diese Begründungen fanden sie in der Rekursion auf die Hl. Schrift und mündliche wie schriftliche jüngere christliche Tradition, aktualisiert und schematisiert in lebendiger Erinnerung, kraft des Heiligen Geistes und kraft kirchlicher Gemeinschaft.
Die anstehenden geforderten Entscheidungen für eine beginnende, sakramentale Sinn- und Heilsordnung war in Verantwortung gegenüber dem Sinngehalt der positiven Offenbarung getroffen, nicht, weil JESUS ein Mann war, oder die Apostel männlichen Geschlechts, sondern weil konstitutiv die positive Offenbarung Anfang, Wert, Liebe versprach, neue Zusammengehörigkeit über Grenzen und Zeiten hinweg, Rettung und ewiges Leben, natürlich völlig gleichberechtigt, ob Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener, Grieche oder Römer, Freier oder Sklave, Armer oder Reicher.
Anders gesagt:Â Der absolute Geltungsgrund einer biblischen Heils- und Sinnordnung wurde neu gesehen, neu aktualisiert und schematisiert, nicht bloĂź abstrakt ausgedacht als neue BetriebsfĂĽhrung.
Eine bloß selbst ausgedachte Betriebsführung wäre bestenfalls eine Spiegelung der damaligen Gesellschaftsordnung geworden, vielleicht mit leichten Nuancierungen, aber die tradierten Beschreibungen und Zuschreibungen von Verantwortlichkeiten und Ämtern und Hierarchien hätten sich letztlich nicht sehr von der Umwelt unterschieden.
Es stand aber eine neue gesellschaftliche und kirchliche Ordnung an, und wohl konsensual mit Zustimmung der anwesenden Frauen und Kinder wurde u. a. eine kirchliche Hierarchie eingeführt. Der Geltungsgrund dieses Handelns war die genetische Erkenntnis. Die Handlungsweise ist heute noch nachvollziehbar, die, wie gesagt, aber nicht sagen muss, dass wir heute noch gleicher Meinung sein müssten. Der Geltungsgrund hat sich nicht verändert, die Handlungsanforderungen wohl stark!
Die BegrĂĽndung und Rechtfertigung kirchlicher Ă„mter in „Lumen Gentium“ 20 (promulgiert 1964) ist nur in historisierender Weise wiederholt, als seien diese Texte selbst ĂĽber-historische Wahrheiten und Anweisungen, die nur befolgt werden mĂĽssten. Es muss aber transzendental-hermeutische Erklärungen dafĂĽr geben, warum ein Hl. Lukas oder ein Hl. Ignatius so geschrieben hat. Das Verstehen dieser Texte, ihre Auswertung und Autorisierung, das hängt von geltungsspezifischen Erklärungen und Interessen ab – und diese sind, mit Schleiermacher gesagt, neben der grammatischen und psychologisch-technischen und meditativ-kompositorischen Verstehensbasis die doktrinal-kritischen Verstehensmuster.
Ein Rechtstext schließlich, wie z. B. das Kirchenrecht CIC 1983, übernimmt die historisierenden Erzählungen überhaupt als blanke Autoritätsargumente, die Apostel waren Männer, ergo können nur Männer Bischöfe und Priester und Diakone sein. Damit bricht aber die Verstehensbasis einer frei gewählten, teleologischen Sinnbestimmung kirchlicher Ämter zusammen, die z. B. den Hl. Ignatius und die damalige Gemeinde zur Installierung einer kirchlichen Hierarchie bewogen hat. (Zumindest wird das massiv verdeckt in einem Rechtstext.)
BloĂź „historische“ Nacherzählung zu bringen wie LG 20 das tut, oder bloĂź metaphysische Begrifflichkeit ohne GeltungsbegrĂĽndung wie der CIC, das ist keine lebendige Ăśberlieferung, in der der Akt der Konstitution noch eingesehen werden könnte.4
© Franz Strasser, Juli 2025Â
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1Fichte hat die interpersonale Seite der Zeit und Geschichte in der WLnm 1796-1796 schön herausgearbeitet. Es ergibt sich, dass die Geschlechterfolge zusammenhängend gesehen werden muss, transzendental-apriorisch. Eine geistige Gemeinschaft ist denknotwendig! „Andernfalls ist ein Zusammenhang zwischen Personen nicht möglich bzw. sind sie überhaupt als einzelne nicht möglich.“ Vgl. dazu Franz Bader, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.
„Das Handeln mehrerer Vernunftwesen in der Sinnenwelt ist eine einzige große Kette, die durch Freiheit bestimmt wird. Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln, ein INDIVIDUUM fängt es an und das andere sezt es fort, und so wird der ganze Vernunftzweck von (unendlich) vielen Individuen bearbeitet, und es ist das RESULTAT von der Einwirkung mehrerer (.) – Allein, es ist dieses Handeln keine Kette physischer Nothwendigkeit, denn wo Vernunftwesen handeln, da geschieht es mit Freyheit, deswegen geschieht der Übergang hier immer durch einen (unableitbaren Freiheits-)Sprung, die Kette hängt aber doch zusammen, wenn gleich eines nicht durch das andere bestimmt (weil eben nur aufgefordert) ist.“ (Wlnm, GA IV; 2, 253f)
2Der Begriff der Hierarchie bezeichnet im etymologischen Sinne lediglich den heiligen Ursprung bzw. das heilige Prinzip (im Sinne des Anfangs) einer Ordnung. Dabei denke ich nicht gleich an eine institutionelle, unangreifbare Hierokratie. Der Heilige/der Autor beansprucht zwar märtyrerhafte und charismatische Autorität, ruft immer wieder zum Zusammenhalt und zum Gehorsam auf, aber nie beansprucht er für seine Person und seine Machtposition eine Art Hierokratie, eine heilige Repräsentation und Verehrung. Ein Verhältnis zu denken von Souverän (personaler Souverän, der Hl. Ignatius, der Autor) und Repräsentation der damaligen Gemeinde – das grenzt schon an moderne „repräsentative“ Demokratiemodelle, die in sich aber durchaus aporetisch sein können. Entweder ist der Souverän bereits unabhängig von der Gemeinde, also kritiklos hinzunehmen, oder die Gemeinde bestimmt partizipativ das politische Leben so mit, dass ein einzelner Souverän gerade nicht mehr Souverän ist. Siehe dazu Literatur von Giuseppe Duso. Die moderne politische Repräsentation: Entstehung und Krise des Begriffs Übersetzung aus dem Italienischen vonPeter Paschke, 2006.
3In der Professionalisierung, so könnte ja die Situation heute beschrieben werden, mangelt es heute nicht! Aber deshalb kommen wir nicht auf die Idee, das Bischof-, Priester- oder Diakonenamt nur Männern vorzubehalten. Das waren damals keine Geltungsgründe und sind es heute nicht.
4Ives Radrizzani, Bemerkungen zu Fichtes Geschichtsphilosophie. In: Philosophie als Denkwerkzeug, WĂĽrzburg 1998, S. 99. „Da die Triebfeder der Geschichte die Freiheit ist, muss immer mit einem katastrophalen RĂĽckschlag gerechnet werden. Nichts Erworbenes ist endgĂĽltig; jeder Fortschritt kann rĂĽckgängig gemacht werden; jede Aufforderung zur Freiheit enthält ein Risiko. Der Mensch ist es, der durch seinen Gebrauch der Freiheit die Geschichte nach dem Bild der Ziele gestaltet, die er sich auferlegt.(…)“.