Leo der Große (+ 461) Das Geheimnis unserer Versöhnung

(Zitate vom Hl.  Leo in schwarz, meine Deutung in rot, Nummerierung bei Leo von mir.)  Aus dem Brief an Flavian.

1) Die Majestät hat die Niedrigkeit angenommen, die Kraft die Schwachheit, das Ewige die Sterblichkeit. Um die Schuld zu lösen, die auf uns lastet, verband sich die unverletzliche Natur mit der leidensfähigen.“

Die „unverletzliche“ mit der „verletzlichen“ Natur zusammenbringen, das war das geniale Denken der Kirchenväter ab dem 3. Jhd. Das könnte mannigfaltig belegt werden in den Diskussionen um die Trinität oder in Konzilsbeschlüssen oder hier beim Hl. Leo.

Was faszinierte den Hl. Leo so sehr, wenn er auf diese Doppelnatur Jesu schaute? Diese Einheit zweier Naturen, das ist ja eine gewaltige Abbreviatur für das Zusammenwirken von Gott und Mensch, vollkommen erfüllt und dargestellt in der Person Jesu, partizipativ eröffnet für jedes Vernunftwesen, wenn auch höchst fehlerhaft und oft misslingend, im teleologischen Denken  genetisch abgeschlossen und zu unendlicher Verwirklichung in der Zeit eröffnet. Ich möchte, höchst fragmentarisch, die Predigt des Hl. Leo in die Reflexivitätsbegriffe der Transzendentalphilosophie übersetzen. Denn einen Nachteil haben vielleicht diese intuitiv richtig erkannten Aussagen der Kirchenväter: sie werden in realistischer Vorstellungsweise gelesen, sodass sie indirekt vom Mitvollzug und Nachvollzug dispensieren und zu objektivistischer Vorstellung neigen. 

2) Das Heilmittel entsprach unserer Lage: der eine und derselbe Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus (1 Tim 2,5. ), sollte in der einen Natur sterben können, in der anderen nicht. Der wahre Gott ist also geboren worden in der unverkürzten und vollen Natur eines wahren Menschen, ganz Gott in seinem Bereich, ganz Mensch in dem unsrigen. Unseren Bereich nenne ich, was der Schöpfer in uns am Anfang ins Dasein rief und was er annahm, um es wiederherzustellen.“

Im Hinblick auf die qualitative und reale Idee der Erlösungstat Christi konnte LEO die Argumentationslinie finden, dass a) das Allgemeine Gottes und des Menschen, sozusagen in seiner ganzen Intentionalität der Schöpfung und Erlösung, wieder erreichbar wurde durch Jesus Christus, der „unseren Bereich“ annahm“ und „wiederhergestell hat“.
Dem Allgemeinen der Schöpfungs-
und Erlösungsintention entspricht der Gegensatz b) des Besonderen der Person Jesu, weil er in sich substantiell die göttliche und menschliche Natur vereint. (Ein typischer Urteilsschluss der reflektierenden Urteilskraft, die vom Besonderen ausgeht und zu einem allgemeinen Gesetz kommt).
Das Besondere der beiden Naturen ist sozusagen eine Feststellung zur Person Jesu. Die Person Jesu ist nicht nachträglich aus zwei Teilen zu einer Doppelnatur zusammengebastelt, sozusagen ein atomistisch durch zwei Teile zusammengesetztes Ganzes, sondern in der Person Jesu ist eine  synthetische Idee und Deduktion im Gottesbegriff selbst gefunden. Gott will sich mittels menschlicher Natur deduktiv notwendig offenbaren, in einer Doppelnatur JESU CHRISTI, und in der menschlichen Natur zu einer Vollendung kommen durch das Wirken des Heiligen Geistes.  
Ein neues Gottesbild (das Allgemeine), aber auch ein neues Nachdenken über die menschliche Natur (das zweite Allgemeine) hat mit Jesus und durch ihn begonnen, oder ist, reflexiv gesagt, zeitlos und unmittelbar in die Welt gekommen – so wie es beispielhaft hier der Hl. Leo verkündet (oder andere Zeugen dieser Zeit).

Der gefallene, sündige Mensch ist wiederhergestellt, weil er zu Bedingungen seiner sterblichen Natur, d. h. zu Bedingungen seiner Freiheit, die Intention Gottes jetzt intellektuell eingesehen und nachvollzogen werden kann. Das Vernunftwesen „Mensch“ ist (wieder) als „Bild Gottes“ eingesetzt und zu einem teleologischen Zweck bestimmbar. Ein kategorisches Soll ist von Gott her eröffnet und ein teleologisches Zweckdenken vom Menschen durch die Person Jesu Christi gefunden.  
Ich möchte nur Assoziationen, Stichworte, formulieren:1

a) Jesu Doppelnatur ist nie so verstanden worden, als wäre Jesus unvollkommen gewesen, adäquat auf Gottes Aufruf und Aufforderung zu antworten. Es ist vielmehr, wie besonders im Johannes-Evangelium betont, eine einzige,  zwecksetzende freie Wirksamkeit angesetzt, von Gott ausgehend, und von Jesus Christus deduktiv notwendig, homologisch aktiv aufgegriffen und voll bewusst erfüllt. 2

Der Aufruf oder die Aufforderung aus einem göttlichen Soll zum aktiven menschlichen Vollzug in der Person Jesu ist wiederum nicht als realistischer Zirkel zu lesen, hier Gott, dort der Mensch, weil diese vielen zeitlichen und räumlichen Vorstellungen in die Irre führen, sondern in der Reflexivität des Denkens von Gott ist die intendierte göttliche Wirksamkeit mit der freien Wirksamkeit der menschlichen Natur in der Person Jesu absolut zusammenspielend. Es ist ein Handeln, ein Wille, eine Offenbarung, die sich in den beiden Naturen Jesu zeigt.

3) Von dem, was der Betrüger hereinbrachte und was der Mensch getäuscht hereinließ, gibt es im Erlöser keine Spur. Wenn er sich den Schwächen des Menschen unterwarf, so hatte er deswegen doch nicht teil an unseren Sünden. Er nahm Sklavengestalt an, ohne sich mit der Sünde zu beschmutzen. Er erhöhte das Menschliche, ohne das Göttliche zu mindern; denn die Entäußerung, in der sich der Unsichtbare sichtbar darbot und der Herr und Schöpfer aller Dinge ein Sterblicher sein wollte, war eine Herablassung der Barmherzigkeit, nicht eine Einbuße an Macht.“

Jesus verkörpert a priori in seinem Selbstbewusstsein die intendierte Wirksamkeit und Erlösungsabsicht Gottes. Nicht zeitlich und räumlich hintereinander sind Gott und der Mensch Jesu zu denken, wenn dies auch eine zeitliche Erscheinung und zeitliche Inkarnation und eine folgende Versinnlichung und Individuation nicht ausschließt, sondern unabhängig von Zeit und Raum sind Gott und Freiheit des Vernunftwesens „Mensch“  a priori vereint.3

Im schematisierenden Bewusstsein taucht die Vorstellung auf, hier spricht Gott, dort antwortet der Mensch JESUS, sondern gleich ursprünglich sind göttliche Ur-Aufforderung und menschliche Antwort Jesu zu denken. Die Ur-Aufforderung Gottes in Jesus ist nicht die alleinige konstituierende Bedingung der Erlösung und Versöhnung, sondern in einem zeitlos-korrelationalem Verhältnis ist Jesus mitkonstituierend beteiligt an der Ur-Aufforderung Gottes. Der Begriff zweier Naturen in Jesus ist stets aus der Einheit heraus zu denken, sonst wäre weder die Ur-Aufforderung Gottes noch das Andere der Antwort als interpersonales Prinzip  und als heilswirksam zu verstehen. 4

Der HL. Leo versuchte eine teleologische Argumentation zu erreichen, d. h. aus dem synthetisch  Besonderen der Person Jesu ist eine allgemeine Handlungsanleitung zur Idee Gottes (seines Begriffes) zu finden (in reflektierender Urteilskraft).

Dies ist vergleichbar einem transzendentalen Denken von Zweckhaftigkeit in einem Organismus. Der „Organismus“ Mensch (oder jedes Lebewesen) wird als eine teleologische und distributive Zweckeinheit gedacht und verstanden. Hier übertragen: Das Leben des Menschen kann (wieder) als sinnvolle und zweckvolle Einheit verstanden werden – dank Inkarnation und vollkommene Realisierung Gottes in Jesus und dank ideeller Realisierung durch die Kraft des HEILIGEN GEISTES.

Das platonische Ganze der Welt/der Schöpfung ist durch die besondere Zweckhaftigkeit der vollkommenen Freiheitstat Jesus (als Teil und in Teilen seiner Freiheitstat) wieder begründbar. Die menschliche Natur ist wieder gerechtfertigt.

(Die zu denkende Inkarnation sollte ja nicht zu einer manichäischen Spaltung in eine gute und  böse Welt, in eine gute und böse Natur, führen, sondern zur ursprüngliche Einheit der Schöpfungsintention zu Bedingungen der Freiheit durch Jesus Christus mit einem absehbaren guten, eschatologischen Ende.)

Anders gesagt, die platonische Einheit der Idee des Guten, die Einheit des einen GUTEN, sollte durch die bestimmte Differenz der Erscheinung Gottes in Jesus genetisch vollendet und  eschatologisch für jedes Vernunftwesen vollendbar sein. 
Es ist gerade die innige, gleichbleibende, unwandelbare Einheit der Person Jesu, Gott und Mensch zugleich,  die den wechselnden, in der Zeit wandelnden Vernunftwesen eine ideelle und ideal zu erstrebende Einheit in den Grenzen menschlicher Natur ermöglicht. Die Vernunftwesen können in ihrer sterblichen Natur wieder Teile eines
geschöpflich intendierten (platonischen) Ganzen werden.

Gäbe es nicht diese bestimmte Differenz der  Offenbarung Gottes überhaupt in Jesus und dessen absolut unwandelbare Einheit seiner doppelten Natur –  nicht wie Arius dachte, „es gab eine Zeit, in der er noch nicht war“, –  wüssten wir nicht, wie sich die „Teile“ der menschlichen Natur, d. h. die Pluralität der Vernunftwesen, wieder zu einem Ganzen  in der unwandelbaren Einheit Gottes zusammenfügen sollten.  Wir könnten zwar von irgendeiner göttlichen Idee träumen, die uns mit Gott und untereinander verbindet, doch wäre diese Spekulation leer und nichtig, wenn die anschauliche, personale und integrative, kausale Kraft der Wirksamkeit der Erlösung und Versöhnung nicht in der menschlichen Natur und als menschliche Natur tätig und wirksame wäre.

Anders gesagt: Wir wollen eine lineare Kausalitätswirkung (als Gnade, als Kraft des Heiligen Geistes) behaupten, aber zugleich in einem apriorischen Wissen, dass wir  als natürliche, sterbliche Wesen weiterhin teleologisch frei handeln können. Die linearen Kausalität der Gnadenwirksamkeit ist eine symmetrisch genau dem gegenüberliegenden Zweck-Denken von Freiheit zugeordnete Denkweise. Die Kausalität der Gnade wird nicht als mechanische Kausalwirkung gedacht, als wäre ohne Zutun der menschlichen Natur die Vergebung und Versöhnung möglich und wirksam, nein, zu beiderlei Bedingungen Gottes wie des Menschen ist die Vergebung und Versöhnung möglich dank der Doppelnatur Jesu Christi.

Die vergängliche, verloren gegangene Menschennatur ist durch die menschliche Natur JESU wieder teilhaftig der göttlichen Natur geworden, d. h. wir sind wieder  restituiert als „Bilder Gottes“, als „Kinder Gottes“,  aber natürlich nicht mechanistisch, naturalistisch, sondern als schöpferische Idee des Solls, des Aufgefordertseins, die wirksame Gnade  schöpferisch (teleologisch) nachzuvollziehen und anzuwenden.5

Die Anknüpfungsmöglichkeit an Gnade und Erlösung ist dabei nicht bloß regulativ zu denken, als kann ich daran glauben oder nicht – das ist nur im sekundären Wollen einer Wahlfreiheit möglich – sondern im primären Wollen überhaupt ist die Anknüpfung an die reale Wirksamkeit der göttlichen Gnade konstitutiv zu veranschlagen, um ebenso konstitutiv zu einem teleologisch-schöpferischen Handeln und Wollen der menschlichen Natur übergehen zu können. Ein nur regulatives Zwecksystem würde es zu keinem konstitutiven, distributiven Organismus bringen. Das Ganze der Menschheit/der Welt könnte einen Sinn haben oder keinen Sinn –  das ist zwar sekundär denkbar, aber primär handle ich immer zweckhaft, nehme also Bezug auf eine konstitutive Wahrheit. 

Mit anderen Worten:  Der Hl. Leo reflektiert  hier nicht so über das Vermögen der Urteilskraft, wie es ein Kant vorexerziert hat, dass es sowohl eine kausale wie eine teleologische Ursachenkette und Welterklärung gäbe, sondern offenbarungsspezifisch wird von vornherein ein zweckhaftes Denken und Handeln angesetzt, das geschichtlich sichtbar und begründet und gerechtfertigt ist in der Doppelnatur Jesu.

Die Freiheit der menschlichen Natur zum Handeln ist mit der Person Jesu nicht aufgehoben, im Gegenteil als sinnvoll möglich erwiesen und gerechtfertigt.

Nochmals anders gesagt: Nicht asymmetrisch wird die Kausalität der Gnade beschworen, als sei durch die Doppelnatur Jesu die menschliche Natur  doch geringer und wertloser  gegenüber der göttlichen Natur einzustufen, sondern gerade durch die Doppelnatur soll die Werthaftigkeit der menschlichen Natur (und generell der Welt und Schöpfung) bestätigt werden. Die lineare Kausalität der Wirksamkeit der Gnade setzt die teleologisch handelnde Freiheit  und menschliche Natur nicht außer Kraft, sondern in ihrer Kraft wieder ein.

Die Erniedrigung (Kenosis) oder die Inkarnation Gottes ist nicht bloße Bekanntmachung  von etwas oder ein bloßer  schöner Gedanke, sondern ist  Ermöglichung und Kraft zu teleologischem und schöpferischen Handeln in menschlicher Weise. 

Siehe hier folgende Passage von der Einheit einer kausalen wie teleologischen Erklärung. Die wirksame  Kausalität der Gnade ist neue Freiheitsmöglichkeit des Wollens überhaupt und Kraft zum Können und Entscheiden und Tun. Sie sie Theorie einer Praxis, nicht bloße Theorie. (Hervorhebungen von mir): 

Er, der in der Gestalt Gottes den Menschen schuf, er wurde in Sklavengestalt ein Mensch. Der Sohn Gottes tritt also in unsere Welt ein, steigt vom Thron des Himmels herab und wird in einer neuen Ordnung und in einer neuen Geburt gezeugt, ohne sich der Herrlichkeit des Vaters zu begeben.
In neuer Ordnung: Unsichtbar in seinem Bereich, wurde er sichtbar in dem unsrigen; unfaßbar, wollte er sich erfassen lassen; er blieb überzeitlich und begann doch ein Dasein in der Zeit; der Herr des Weltalls verhüllte seine unermeßliche Herrlichkeit und nahm Sklavengestalt an; Gott, der keines Leidens fähig ist, weigerte sich nicht, ein leidensfähiger Mensch zu werden und sich, obwohl unsterblich, dem Gesetz des Todes zu unterwerfen. Der wahrer Gott ist, ist wahrer Mensch, und an dieser Vereinigung ist nichts trügerisch. Menschliche Niedrigkeit und Erhabenheit Gottes sind in ihr ja verbunden. Denn wie sich Gott durch sein Erbarmen nicht ändert, so wird der Mensch nicht aufgehoben durch die göttliche Würde.“

Das göttliche Konstitutionsprinzip der Person Jesu bringt von sich her schon die leidende, menschliche Natur mit sich, ganz wie der Hl. Leo das ja sagt (…weigerte sich nicht, ein leidensfähiger Mensch zu werden und sich, obwohl unsterblich, dem Gesetz des Todes zu unterwerfen ), weil der Reflexivität des intelligiblen Substrates des ganzen Offenbarungsgeschehens nichts von außen hinzugesetzt werden sollte – Jesus hatte auch zufällig eine leidende Natur –  sondern die versinnlichende Darstellung (die leidensfähige Natur)  oder das Schema der Offenbarung ist und entspricht dem inneren Sein Gottes.

Das ist wohl das Eindrücklichste und Stärkste der biblischen und christlichen Geschichte, dass die göttliche Idee nicht mehr nur reduktiv oder vom Identitätsprinzip her gedacht wird, sondern von einer  Personen-Differenz einer alle Wirklichkeit umfassenden, bestimmenden und generierenden Einheit.6

Dies führt jetzt zu dieser wiedergewonnen Freiheit eines teleologisch Denkens einer menschlichen Natur, einer wiederhergestellten, schöpferischen Freiheit eines „Bildes Gottes“ – dank des Denkens einer Personen-Einheit in Gott, repräsentiert in der Zweieinheit der Doppelnatur Jesu Christi.
Anders gesagt: Die Gottesidee ist dank der Doppelnatur Jesu nicht in eine objektivistische Transzendenz abgeschoben, sondern in intellectu des Denkens ist die göttliche Natur in die menschliche Natur integriert und umgekehrt.
(Alles ja stark vom Hl. Leo gesagt!)

Die Intellektion des Seins in actu muss in reflexiver Weise dargestellt werden, was so viel heißt wie: In einer Bildlehre wird an das „Bild Gottes“ des Schöpfungsmorgen angeknüpft, sodass in schöpferischer Weise und dank der Doppelnatur Jesu und der Kraft des HEILIGEN GEISTES die menschliche Natur ebenfalls zur mitkonstitutiven Bedingung der Erfassung der göttlichen Natur aufgewertet und bestimmt ist.
Die endliche, menschliche Natur ist rehabilitiert, zuerst überräumlich, überzeitlich, überleiblich, überindividuell, dann auch sinnlich und individuell, die Offenbarung Gottes  in einem ethisch-teleologischen Zweckdenken eines erstrebten Ideals mitzuvollziehen.
Die Einheit und Übereinstimmung mit dem göttlichen Ich (dank Jesu Doppelnatur) und die Einheit der Pluralität der Iche in einem alles umfassenden Begriff der Einheit der Liebe ist ermöglicht – kraft des HEILIGEN GEISTES.

Die platonische Teilhabe an der EINEN göttlichen Offenbarung, bildhaft in der Doppelnatur Jesu vollkommen dargestellt, geschieht partizipativ im Schweben zwischen Gottes Sein in actu und unserer Endlichkeit. Aus einer ichlichen Handlung des göttlichen Willens des VATERS, des mitkonstituierenden (freien) Tuns der menschlichen Natur des SOHNES, und der partizipativen, schwebenden Teilhabe an dieser göttlichen Gnade im HEILIGEN GEISTE, ist die eine Inkarnation Gottes überzeitlich und zeitlich ermöglicht. Genetisch ist in Gott die Inkarnation abgeschlossen, bildhaft in der Doppelnatur Jesu einsehbar, und zeitlich und räumlich und individuell und überindividuell-interpersonal ist sie kraft des HEILIGEN GEISTES zu einem teleologischen Zweckdenken erschlossen und eröffnet.

4) In der Gemeinschaft mit der andern Natur tut eine jede, was ihr zukommt: Das Wort wirkt, was des Wortes ist, der Mensch vollbringt, was des Menschen ist. Die eine Natur leuchtet in den Wundern auf, die andere unterliegt den Schmähungen, und wie das Wort die Wesensgleichheit mit dem Vater nicht aufgibt, so verlässt der Mensch das Wesen unseres Geschlechtes nicht. Immer wieder muss es gesagt werden: einer und derselbe ist wahrhaft Sohn Gottes und Menschensohn, Gott dadurch, dass er „im Anfang das Wort war und das Wort bei Gott und das Wort Gott war“ ( Joh 1,1. ), und Mensch dadurch, dass „das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte“ (Joh 1,14. ).

Durch die Doppelnatur Jesu, oder von Leo als Versöhnung, Wiedergutmachung, Erlösung, Rettung beschrieben, ist ein apriorisches, personales Beziehungsgeschehen, sich interpersonal und zu Bedingungen der Freiheit ansprechen zu lassen – nach der Vorgabe des absoluten Ichs, das in vollkommener Hingabe und Liebe diese Beziehungsfähigkeit IST.

Die oftmalige Betonung der Doppelnatur Jesu ist somit begründete Kurzformel und paränetische Predigt, die menschliche Natur in ihrer wiederhergestellten Form an Gottes Willen und Liebe wieder partizipativ teilhaben zu lassen – im Schweben zwischen Totalität und Individualität einer Übereinstimmung im HEILIGEN GEIST.7

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Noch ein paar abschließende Stichworte, die ich aus einem Artikel von Marco Ivaldo nehme und mir dazupassend scheinen:8

Die Freiheit zum Werden, zu einem wiederhergestellten „Bild Gottes“,  setzt  die Erkenntnis des Nichtsein ebenfalls voraus, die Erkenntnis der Grundlosigkeit, der Sünde und des Verlorenseins – denn dieses Denken einer Wiederherstellung und Restitution  ist ein „(…) Uebergang von einem Nichtseyn, nemlich Grundseyn, zu einem Seyn, nemlich dem Grundseyn, der Kausalität“ (Fichte, SL-1812, GA II, 13, 311).

Das transzendentale Reflektieren über die Doppelnatur Jesu führt von selbst zum Nachdenken über Nichtsein, über Sünde und Verlorensein der menschlichen Natur – und zu einer neuen Kausalitätsmöglichkeit dank der Gnade und der Inkarnation.
Zu
Bedingungen der Freiheit ist die menschliche Natur zum totalen Untergang – oder zu einer kausalen, schöpferischen Weise begabt dank der dreifaltigen Erscheinungsweise.

Der Mensch ist durch die Personeneinheit der Erscheinung Gottes frei gesetzt, zu wollen oder nicht zu wollen, kausal schöpferisch zu wirken oder dem Tod verfallen zu bleiben. Fichte spricht hier von der „recht verstandenen“ Freiheit des Willens. (SL-1812; GA II, 13, 320).

Es ergäben sich noch viele weiterführende Themen:

1) Die Freiheit des schöpferischen Sich-Bildens, als selbstgegebener Grund gegenüber dem Nicht-Sein, bedarf  der ständigen Vermittlung eines „Solls“ und vieler medialer und interpersonaler Vermittlungen. Die menschliche Natur in ihrer ganzen Spannbreite von Interpersonalität, sinnlicher Natur, Rechtlichkeit, Moralität, selbst in Form der Projektion des Sittengesetzes als Religion, lebt dank einer medialen  und geschichtlichen Vermittlung göttlicher Inkarnation. Jesu doppelte Natur erlaubt die Rede, dass die menschliche Natur als reale Idee (als „sittliches Gesicht“) wieder erkannt werden kann, als Sinnzusammenhang  in allen Bereichen der Wirklichkeit. 

2) Wie ist im besonderen die erstrebte Einheit und Gemeinschaft mit Gott und untereinander möglich? Wie vollzieht sich diese Einheit und Übereinstimmung im Mitteilen und wechselseitigen Geben und Nehmen?

3) Wie ist eine individuelle Realisierung der Gnade dank fortwährenden Wirkens des HEILIGEN GEISTES in der konkreten Selbstbestimmung zu denken? 9

(c) Franz Strasser, 25. 3. 2026 

1 In einem Aufsatz hat Franz Bader das Trinitätsdenken durch die Interpersonallehre Fichtes dargestellt. Ohne wörtlich das zu wiederholen, ich nehmen daraus viele Ideen: F. Bader, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.

Offensichtlich führt uns die Sprache FICHTES in ein begründendes Prinzip der Trinitätslehre, die zumeist nur dogmatisch behauptet wird, aber nicht bewiesen werden kann: Das absolute Ich des Vaters, der sich im Sohn zur Antwort aufgibt, welche Antwort durch den Hl. Geist schon vollendet gegeben ist, bleibt in der Verendlichung durch den Geist ausgedehnt auf alle Geistwesen, je nachdem, wie sie in ihren geistigen Augen diese Selbstindividuation des absolutum im empirischen Leben erkennen. (Frei nach F. Bader).

2In der Terminologie fichtischer Interpersonallehre im „Naturrecht“ (1796) ausgedrückt: Interpersonalität ist ein „Bestimmtseyn des Subjekts zur Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschließen.“ (SW, III, 33) ( GA I, 3, S. 343)

3Fichte sieht einen problematischen Zirkel in seiner Naturrechtslehre, falls man die Personwerdung in einem zeitlichen Hintereinander und räumlichen Nebeneinander denken würde. Es sollen zwei Personen in einer unmittelbaren, zeitlosen Synthesis sich gegenseitig aufrufen und antworten können, d. h. reflexiv sich ihres Subjekt- wie Objektseins bewusst sein, d. h. in einem integrierten Ganzen eines Sich-Wissens.


„Die Frage war: wie vermag das Subject sich selbst zu finden als ein Object? Es konnte, um sich zu finden, sich nur als selbstthätig finden; ausserdem findet es nicht sich; und, da es überhaupt nicht findet, es sey denn, und nicht ist, es finde sich denn, findet überhaupt gar nichts. Es konnte, um sich als Object (seiner Reflexion) zu finden, sich nicht finden, als sich bestimmend zur Selbstthätigkeit (wie die Sache an sich, von dem transcendentalen Gesichtspuncte aus, seyn möge, davon ist hier nicht die Frage, sondern nur, wie sie dem zu untersuchenden Subjecte vorkommen müsse), sondern als bestimmt dazu durch einen äusseren Anstoss, der ihm jedoch seine völlige Freiheit zur Selbstbestimmung lassen muss: denn ausserdem geht der erstere Punct verloren, und das Subject findet sich nicht als Ich. (GNR, SW, III, 33.)

4Vgl. F. Bader, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, ebd. S. 69.

5Die Emanationstheorien von Religionen fassen m. E. nicht den Inkarnationsbegriff, weil der Emanationsgedanke keine teleologische Freiheit in der menschlichen Natur ermöglicht.

6F. Bader führt dieses Denken in diesem besagten Artikel aus: Er meint, man sollte den Argumentationsgang § 3 des NATURRECHTS in den reduktiven Teil der WLnm einschreiben, worin der Zirkel zwischen Sinnengefühl und freier Handlung in § 13 auf den reinen Willen hin überstiegen wird. Anm. 21, ebd. 76.

7 Wie es zu einer individuellen Vollzugsform kommt, zur medialen Vermittlung der Schöpfungs- und Erlösungsidee, zur Wahlfreiheit innerhalb der gnadenhaft ermöglichten Freiheit, zu einer universalen Du-Form einer interpersonalen Gemeinschaft, das ist beim Hl. LEO implizit natürlich mitgewusst, führt mich aber über den kurzen Abschnitt der Predigt hinaus.

8Vgl. die Auslegung der SL-1812 von Marco Ivaldo, Fichtes späte Sittenlehre, Hildesheim-Zürich-NY, 2006. In: Fichtes praktische Philosophie. Eine systematische Einführung. Hrsg. v. Hans Georg v. Manz und Günter Zöller. Zitat ebd. S. 183. Ein ebenfalls ausgezeichneter Artikel!

9Vgl. Marco Ivaldo, ebd. S. 196.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser