Athanasius († 373) Dem ganzen Menschen ist Heil widerfahren

Aus dem Brief an Epiktet.  
„Der Apostel sagt, das Wort habe sich der
Nachkommenschaft Abrahams angenommen.“

Von Anfang an wird von Athanasius eine überhistorische, geistige Zeitreihe angenommen, eine durch die göttliche Erwählung zusammengefasste Reihe und Richtung: Abraham – die Propheten – Jesus – die pilgernde Kirche.
Es ist  somit eine Art zeitüberhobene ewige, als auch  eine zeitlich vorstellbare Inkarnationsbewegung geschaffen mit dem Ziel: das a) Unbegreifbare und Unbleitbare einer Offenbarung Gottes überhaupt, als auch b) im Folgeschluss, „wenn – dann“ die Offenbarung als Konkretes, Zeitliches, Interpersonales, Individuelles zu denken. Die genetische Erscheinung Gottes, der Begriff der Offenbarung,  wird aufgelöst in eine faktische Erscheinung.

„Es musste darum in allem seinen Brüdern gleich sein (1) und einen uns ähnlichen Leib annehmen.“

Für die leibliche Erscheinung war die Gottesmutter Maria erwählt – so die unvergänglichen Geschichten im Lukas-Evangelium. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria rückt dabei an höchster Stelle der Erst-Erlösung hinauf, weil die reflexiv angesetzte,  ur-bildliche Erscheinung Gottes a) das bestehende menschliche Sein und die ganze Schöpfungswirklichkeit und die leibliche Natur  nicht für schlecht erklären will, – im Hinblick auf den Erlösertod  Christi –  und b) durch freies und überlegtes Wollen, zu Bedingungen der Freiheit, kann die menschliche Natur ihr teleologisches Ziel wieder erreichen: Im Schweben der Einbildungskraft und kraft des Heiligen Geistes die Totalität der Offenbarung  in individueller Mitwirkung realisieren.  

Die gefallene menschliche Natur leuchtet in der Jungfrau und Gottesmutter in ihrer ursprünglichen Schönheit und Schöpfungsabsicht  wieder hervor, nicht zuletzt durch ihre konstitutive Mitwirkung am Erlösungswerk Gottes.

Von der menschlichen Natur aus gesehen brachten  Maria und JESUS ein gleiches Opfer der Bejahung und Freiheit. Von einem absoluten Standpunkt aus manifestiert sich in der individuellen Freiheitstat JESU aber ebenso die ganze  Erscheinungs- und Inkarnationsbewegung Gottes, die sich konstitutiv in Jesus zeigt, und partizipativ teilhabend, im Schweben der Einbildunskraft, in der Jungfrau und Gottesmutter MARIA  – und späteren Zeugen.

Schöpferisch kann die ursprüngliche Absicht Gottes in Maria erkannt werden, die das WORT aufnimmt und annimmt, und so „Eva“, „Mutter aller Lebendigen“ wird.  Die menschliche Natur ist durch ihre partizipative Mitwirkung wieder rein und  unbefleckt gezeichnet, weil diese Erkenntnis aus einem ur-bildlichen, konstitutiven Akt der Freiheitstat Jesu folgt, in der Gott sein ursprüngliches Wesen zeigt.  

Maria ist nicht die genetische Evidenz einer vollkommenen Freiheitstat, wie sie Jesus gebracht hat, aber die faktische Evidenz des intellektuell und leiblich Möglichen der Teilnahme an Gottes Absicht und teleologischem Wirken.  Die faktische Evidenz  ist korrespondierend und antwortend auf die vollkommene, genetische Evidenz der Freiheitstat Jesu bzw. der positiven Offenbarung in Jesus, geschildert. 

„Die Schrift erwähnt die Geburt und sagt: „Sie wickelte ihn in Windeln“ (2); die Brust, die ihn stillte, wird seliggepriesen (3), und weil er der Erstgeborene war (4), wird für ihn das Opfer dargebracht. Gabriel übermittelte ihr zurückhaltend und klug die Botschaft (5). Er sagte nicht einfach: „Was in dir wird“, damit man nicht meint, der Leib werde von außen in sie hineingebracht. Er sagt vielmehr: „aus dir“; denn dies sollte der Glaube sein: „Was da gezeugt wird, hat seinen Ursprung aus ihr.“

Das „aus dir“ betont Athansius, um sowohl die freie Mitwirkung der Gottesmutter wie die genetische Begründung dieses individuellen wie leiblichen Empfangenkönnens durch die  Schöpfungskraft des HEILIGEN GEISTES zu betonen. 

Die göttliche Absicht sollte sich völlig frei und rein äußern. Maria  brachte ihr Antwort als „Opfer“ dar im Glaubensakt:

„Das war die Absicht: Das Wort nahm das Unsrige an und brachte es als Opfer dar und nahm es damit gänzlich hinweg.“

Das Opfer einer gewählen Bestechung Gottes hat  aufgehört zugunsten des Opfers des Lobes und der freien Antwort. Ein „Opfer“ ist nur sinnvoll, wenn es freiwillig geschieht, im Glauben, dass Gott alles weiß und erkennt und hält – und das Opfer selbst wieder zurückgeben wird in einem größeren Maß der Erfüllung als im Maß des Verlorengegangenen.

„Als er uns dann mit dem Seinigen bekleidete, konnte der Apostel schreiben: „Dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit“ (6).
Das ist keine erdichtete Annahme, wie einige gemeint haben. Keineswegs! Als
vielmehr der Erlöser wahrer Mensch wurde, erlangte der ganze Mensch das Heil. Unser Heil ist wahrlich keine erdichtete Sache, und es geht nicht bloß den Leib, sondern den ganzen Menschen an. Leib und Seele ist im Wort Heil widerfahren.“

Athanasius will den Erlösungsgedanken ganz in die individuelle wie universale Welt hineintragen. Dem ganzen Menschen ist Heil widerfahren, er kann als einzelner und in Gemeinschaft zur Ganzheit teleologisch sich wieder verwirklichen.  

„Was aus Maria gemäß der Schrift hervorging, war seinem Wesen nach ein wirklicher Mensch, und es war der wahre Leib des Herrn. Wirklich: ein wahrer Leib war es, weil er dem unsern gleich war. Denn Maria ist unsere Schwester, weil wir alle von Adam abstammen. Wenn es bei Johannes heißt: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (7), so ist damit dasselbe gemeint, wie wenn Paulus sagt: „Christus hat für uns den Fluch auf sich genommen“ (8). Dem menschlichen Leib ist aus der Gemeinschaft mit dem Wort großer Reichtum zugewachsen: denn aus dem sterblichen Leib wurde ein unsterblicher; er war ein irdischer Leib und wurde ein überirdischer (9);“ 

In Maria sah Athanasius die menschliche Natur wieder rehabilitiert und zur ursprünglichen Würde zurückgeführt. Er deutet das als naturale Verwandtschaft an, „weil wir alle von Adam abstammen“, aber gemeint ist, dass durch die Inkarnation Gottes die menschliche Natur selbst zum Zeichen und Ausdruck der Rettung werden kann, insofern mitkonstitutiv eine neue, teleologische Freiheit eröffnet ist für alle Generationen.  

„er war aus Erde gemacht und durfte dennoch das Tor des Himmels durchschreiten. Die Dreieinigkeit bleibt immer Dreieinigkeit, auch nachdem das Wort aus Maria Fleisch angenommen hat, und sie erfuhr weder Zuwachs noch Minderung; sie ist vielmehr immer vollendet, und in der Dreieinigkeit wird der eine Gott erkannt.“ 

Schließlich, wie könnte es bei Athanasius anders sein, wird das neue Denken von Gott und Mensch auf eine reflexive Theologie des Trinität zurückgeführt. Die Entäußerung und Inkarnation Gottes ist „immer gleich“, sie wird gerade durch die menschliche Natur, in hervorragender Weise in Maria, individuell und leiblich ausgedrückt.  

„So wird von der Kirche verkündet: ein Gott, der Vater des Wortes!“ 
1 Hebr 2,16-17.
2 Lk 2,7.
3 Vgl Lk 11,27.
4 Ebd.
5 Lk 1,35.
6 1 Kor 15,53.
7 Joh 1,14.
8 Gal 3,13.

9 Vgl. 1 Kor 15,44.

(c) Franz Strasser, 3. 1. 2026 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser