Der Weg zur Transzendentalphilosophie – Teil 3, Schluss

Ich möchte jetzt noch ein Zitat bringen aus der Dissertation KANTS aus dem Jahre 1769/70, das stellvertretend für die Einsicht in die Idealität des Raumes und der Zeit stehen kann; ferner ein Zitat aus der KrV (A 506) von 1781, sozusagen als vorläufiger Abschluss der damaligen Fragen. Der Weg zur Transzendentalphilosophie begann dann erst richtig, sieht man von den großartigen Anfängen bei DESCARTES ab – und endete leider abrupt noch zur Zeit FICHTES. Ein Zeitraum von 25 Jahren, und welche Maßstäbe wurden damals gelegt! Seitdem ist diese Höhe des philosophischen Denkens nicht mehr erreicht worden – ohne Übertreibung gesagt. Denn in vielen Gebieten des Wissens wie Hirnforschung, Psychologie, Kosmologie, Evolutionstheorie,  ist der transzendentale Ansatz vergessen!  Hat NEWTON mit dem absoluten Raum in transzendentalem Sinne nicht doch recht? Müssen nicht Zeit und Raum ebenfalls intellektuell abgeleitet und nicht einfach als apriorische Anschauungsformen faktisch hingestellt werden? Warum sind sie nicht aufeinander reduzibel? Können aus Hirnvorgängen oder Programmiersprachen geistige Akte abgeleitet werden? Ist hinter der Natur ein intelligentes Design zu erkennen? Gibt es ein zeitliches Werden ohne Substanz dessen, was sich überzeitlich durchhält? Usw. usf. !

a) Fragen zum Raum: Wie soll der absolute Raum vorgestellt werden, wenn er nicht nach ontologischen Begriffen wie Substanz und Akzidens und Wirklichkeit und Wirkungskraft erfasst werden kann? Wie vertragen sich die Geometrie des Raumes und die Metaphysik des Raumes nach NEWTON? (Spätere sogenannte 1. Antinomie)

b) Fragen zur Seele: Kann ich mir meiner selbst bewusst sein, reflexiv, oder nur in Ansehung der Welt um mich? Soll man die geistigen Substanzen unterscheiden von den körperlichen als solche, dass sie sozusagen Raum einnehmen, aber ohne ihn mit Undurchdringlichkeit zu erfüllen? (Spätere 2. Antinomie)

c) Gibt es überall Determinismus oder doch Freiheit? (Spätere 3. Antinomie)

d) Kann Gott als dasselbe Wesen an verschiedenen Orten des Raumes zugleich sein und mit sich selbst in einem äußeren Verhältnis stehen? Ist Gott unter räumlichen Bedingungen denkbar, wie es teilweise eine dogmatische Schöpfungslehre heute noch tut ? Kann der Geist den Raum undurchdringlich erfüllen oder ist er darin ausgedehnt? (4. Antinomie)

Ich möchte schlicht und einfach nur die Fragen wiederholen, die KANT damals gestellt hat – und bis heute oft keine befriedigende Antwort gefunden haben.

DE MUNDI SENSIBILIS ATQUE INTELLIGIBILIS FORMA ET PRINCIPIIS. (1769/70), Werkausgabe Weischedel, Bd. V, S 47)

§.14.
Über die Zeit.

1. Die Vorstellung der Zeit entspringt nicht aus den Sinnen, sondern wird von ihnen vorausgesetzt. Denn ob das in die Sinne Fallende zugleich oder nach einander ist, kann nur |

mittelst der Vorstellung der Zeit vorgestellt werden, und die Folge erzeugt nicht die Vorstellung der Zeit, sondern fordert nur dazu auf. Deshalb wird der Begriff der Zeit, als wäre er durch Erfahrung erworben, sehr schlecht als die Reihe von wirklichem nach einander Daseiendem definirt. Denn ich verstehe die Bedeutung dieses Nach nicht, wenn ich nicht schon vorher die Vorstellung der Zeit habe. Denn etwas ist nach einander, was in verschiedener Zeit besteht, //KI149// und das zugleich ist, was in derselben Zeit besteht. (….)

§.15.
Über den Raum.

A. Die Vorstellung des Raums wird nicht von den äußeren Empfindungen abgezogen. Denn ich kann nichts als außer mir gesetzt vorstellen, wenn ich es nicht in einem von dem, wo ich bin, verschiedenen Ort vorstelle, und ebensowenig Sachen außer einander, wenn ich sie nicht in verschiedene Orte des Raumes stelle. Die Möglichkeit äußerer Wahrnehmungen als solcher setzt also die Vorstellung des Raumes voraus und erzeugt ihn nicht; sowie auch das in dem Raum Befindliche die Sinne erregt, während der Raum selbst mit den Sinnen nicht wahrgenommen werden kann.

B. Der Begriff des Raumes ist eine Einzelvorstellung, welche Alles in sich enthält und nicht wie ein abgezogener und gemeinsamer Begriff es unter sich befaßt. Denn was man mehrere Räume nennt, sind es nur als Theile des unermeßlichen Raumes, die durch eine bestimmte Stellung sich auf einander beziehen, und man kann sich keinen Kubikfuß vorstellen, als durch den ihn umgebenden Raum überall begrenzt.

C. Die Vorstellung des Raumes ist deshalb eine reine Anschauung, da es eine Einzelvorstellung ist, die nicht aus Empfindungen zusammengeschmolzen ist, sondern die fundamentale Form jeder äußeren Empfindung. (Werkausgabe Weischedel, Bd. V, S 57)

In der KrV sind die Antinomien so zusammengefasst: siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Antinomien_der_reinen_Vernunft

  1. Antinomie
    • Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen.
    • Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als auch des Raums, unendlich.
  2. Antinomie
    • Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist.
    • Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.
  3. Antinomie
    • Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzunehmen notwendig.
    • Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur.
  4. Antinomie
    • Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil, oder ihre Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist.
    • Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache.

    Stellvertretend für die ausführliche Besprechung KANTS jeder einzelnen Antinomie sei ein Auszug aus dem „kosmologischen Streit“ der Vernunft mit sich selbst gebracht.  Darin wird Bezug genommen auf die 3. Antinomie und die 4. Antinomie:

Ob die Welt als endlich oder unendlich gedacht wird, kann in der Reihe der Bedingungen nie an sich entschieden werden, denn die Totalität aller Bedingungen zu einer Erscheinung ist rein eine Synthesis der Vernunft. Die Synthesis der Vernunft denkt zwar die Totalität in der Reihe der Bedingungen, sei es für die Welt, sei es für die Seele, sei es für Gott, aber davon lässt sich kein Erkenntnisbegriff gewinnen.

Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten Totalität der Größe in der Erscheinung, gesagt worden, gilt auch von allen übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung als einem eigenen, vor allem Regressus gegebenen Dinge anzutreffen. Daher werde ich auch sagen müssen: die Menge der Theile in einer gegebenen Erscheinung ist an sich weder endlich, noch unendlich, weil Erscheinung nichts an sich selbst Existirendes ist, und die Theile allererst durch den Regressus der decomponirenden Synthesis und in demselben gegeben werden, welcher Regressus niemals schlechthin ganz, weder als endlich, noch als unendlich, gegeben ist. Eben das gilt von der Reihe der über einander geordneten Ursachen, oder der bedingten bis zur unbedingt nothwendigen Exi|stenz, welche niemals weder an sich ihrer Totalität nach als endlich, noch als unendlich angesehen werden kann, weil sie als Reihe subordinirter Vorstellungen nur im dynamischen Regressus besteht, vor demselben aber und als für sich bestehende Reihe von Dingen an sich selbst gar nicht existiren kann. (….) KrV B 533. 534; A 506;)

So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kosmologischen Ideen gehoben, dadurch daß gezeigt wird, sie sei bloß dialektisch und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt, daß man die Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine Bedingung der Dinge an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt hat, die nur in der Vorstellung und, wenn sie eine Reihe ausmachen, im successiven Regressus, sonst aber gar nicht existiren. Man kann aber auch umgekehrt aus dieser Antinomie einen wahren, zwar nicht dogmatischen, aber doch kritischen und doctrinalen Nutzen ziehen: nämlich die transscendentale Idealität der Erscheinungen dadurch indirect zu beweisen, wenn jemand etwa an dem directen Beweise in der transscendentalen Ästhetik nicht genug hätte. Der Beweis würde in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein an sich existirendes Ganzes ist, so ist sie entweder endlich, oder unendlich. Nun ist das erstere sowohl als das zweite falsch (laut der oben angeführten Beweise der Antithesis einer- und der Thesis andererseits). Also ist es auch falsch, daß die Welt (der Inbe|griff aller Erscheinungen) ein an sich existirendes Ganzes ||R sei. (KrV B 534.535)

Der antinomische Zustand der Vernunft,  führte KANT 1769/70 zur berühmten „Veränderung der Denkungsart“, zur sogenannten transzendentalen Denkungsart: Die Objektwelt müsse zuerst aus den denknotwendigen Bedingungen erkannt werden, ehe zu weiteren, nur aposteriorisch erkennbaren Fakten übergegangen werden kann.  Wir haben nicht einen realistischen Weltbegriff, so, als könnten wir das An-sich-Sein der sinnlichen Dinge erkennen, sondern mithilfe apriorischer Formen, die den Gegenständen nicht selbst anhaften, erkennen wir die Welt. Die künftige Metaphysik muss eine kritische Transzendentalphilosophie sein, d. h. eine Philosophie, die den Realgebrauch der reinen Verstandesbegriffe zu durchschauen vermag und ihren dialektischen Schein aufdeckt und zugleich die apriorischen Wissensbedingungen auf die sinnliche wie praktische Welt zu applizieren vermag.   

(c) Dr. Franz Strasser, Mai 2015

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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