Der Begriff des Transzendentalen – 5. Teil

Geben wir zu, bei aller Mehrdeutigkeit des Begriffes der „Erkenntnis“1, dass es in der Philosophie um diese Erkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen in und aus Prinzipien gehen soll – und diese auch vollzogen und realisiert werden kann und muss, so sei hier an dieser Stelle ANSELM zu Hilfe gerufen, der sich zur wahren Erkenntnis ebenfalls in unübertrefflicher Weise geäußert hat. 

Das Erkennen muss erkenntniskritisch in und aus der Norm der Wahrheit (des Seins) gerechtfertigt sein. Wird diese Norm – von ANSELM als „rectitudo“, als Eigenschaft der Richtigkeit bezeichnet -, philosophisch nicht geleistet, so ist dem natürlichen Glaubens- und Wahrheitsbewußtsein, das jeder Mensch in sich trägt, erkenntniskritisch der Vorzug zu geben, ehe einer eitlen Spekulation Folge geleistet wird.  Allein schon von der Seite der Erkenntniskritik darf die Philosophie als Wissenschaft nicht willkürlich den Erkenntnisprozess abbrechen und autoritär-willkürlich entscheiden, was wahr und richtig ist, wenn sie nicht die letzte genetisierte Evidenz der Richtigkeit der Wahrheit im Wissen erreicht haben sollte.
Sich vom Glauben leiten zu lassen, wäre nicht das Problem. Problematisch ist es, wenn pseudowissenschaftlich von der Philosophie ein Anspruch eingefordert würde, der nicht gerechtfertigt werden kann. Es gibt hier zahlreiche Idealismen, Realismen, Skeptizismen, Ideologien! Ich kann hier vieles nicht ansprechen, aber würde z.B. die Philosophie in angeblicher Bescheidenheit einen Reflexionsstandpunkt von sich her abbrechen und damit ihre Skeptizismus verabsolutieren, wäre automatisch ein unendlicher Zirkel und Wechsel aufgemacht, wodurch entweder das Sein das Wissen oder umgekehrt das Wissen das Sein unreflektiert uns bestimmt.  Oder denkbar wäre auch, dass der Wechsel zwischen Sein und Wissen selbst absolut gesetzt würde, weil eben, so die angebliche Bescheidenheit, mangels transzendentaler Begründung und Rechtfertigung nur ein unendlicher Wechsel festgestellt werden kann. Die skeptische „Bescheidenheit“ ist aber widersprüchlich, ja anmaßend: Denn in willkürlicher Verabsolutierung  wird eine letzte, unerkennbare Identität behauptet, die als solche doch Anspruch auf Wahrheit erhebt!?  

Die Frage nach der wahren Erkenntnis muss wissenschaftstheoretisch im Begriff des „Wissens“ präzisiert werden. FICHTE präzisierte deshalb seine Philosophie als „Wissenschaftslehre“.  Allein im Begriff des Wissens müssen die Kriterien der Wahrheit und des Gutseins selbst gefunden werden können.  

Zu wissen, was zu tun ist, ist a) eine praktische Handlungserklärung und ein praktisches Wissen (inklusiv des Wollens dahinter) – und zu wissen b) was geglaubt werden kann, weil die Überzeugung aus der dem Wissen immanenten Erklärung folgt, ist das, was gewusst werden kann (theoretisches Wissen). 3

Beide Male (im Wissen und Glauben) handelt es sich aber um ein und denselben Wissensakt, dessen Bedingung der Möglichkeit nach einzusehen die Aufgabe der transzendentale Analyse ist – und dessen Darstellung die Aufgabe der transzendentalen Synthese. Die transzendentale Frage lautet somit stets gleichbleibend: Was sind die Bedingungen der Wissbarkeit einer Aussage  – und die daraus folgende Darstellung der Erklärungsgründe des theoretischen Vorstellens und praktischen Handelns 4

(c) Dr. Franz Strasser 29. 10. 2015

—————

1Unter Erkenntnis des Prinzipiellen darf auf keinen Fall etwas Abstraktes verstanden werden. Das Konkrete ist vielmehr selbst ein Prinzip.   Es darf in der Realisierung der transzendentalen Einsicht die vorstellungsmäßige Einsicht, die notwendig für sich zuerst etwas Abstraktes und Prinzipielles ist, keinen idealistischen Überhang geben; das konkrete Handeln und Wollen muss in einem integrativen Sinn in einer vollkommenen Erkenntnisbemühung eingeschlossen und mitrealisiert sein. M. a. W., es muss die doxisch-werthafte Seite (R. LAUTH) des Prinzipiellen stets mitbedacht und miterkannt miteinfließen, d. h. auch dessen konkrete Seite. 

3In der sprachanalytischen Zerlegung von Handeln und Wissen finde ich S. RÖDL gut. Siehe ebd. S. 33- 142. Sonst bin ich nicht seiner Meinung. 

4FICHTE hat von allem Anfang an gegenüber dem Empirismus seiner Zeit das apriorische Vorwissen (griechisch bei PLATON „pro-eidenai“) im Bewusstsein verteidigt, worin Evidenz „von allen“ und „für alle“ und „zu allen Zeiten“ behauptet werden kann (FICHTE).  Es kann nicht von einem Sein ausgegangen werden, sondern immer nur vom Sehen selbst. Die transzendental-reflexive Einheit des Sich-Wissens und Sich-Wollens ist deshalb ein Vollzug von universeller Vernunft in individueller Vernunft, erscheinend zuerst in einem Prinzip von Wahrnehmung, sich konkretisierend in mannigfaltigen Wertkonkretionen und geschichtlichen Erkenntnissen, und schließlich als währender Transzendenzdialog auf Sinnbewährung und Sinnerfüllung ausgehend.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.