Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

Historische oder transzendentale Argumente – zur Gestaltung eines Altarraumes.

1) Historische Argumente begründen für mich nichts in erkenntniskritischer und praktischer Hinsicht, wiewohl ich natürlich selbst ständig auf historische Verweise angewiesen bin und sie selber ständig verwende. Aber wenn es um Erkenntnis geht, besonders um praktisch-werthafte Erkenntnis, begründet eine Hermeneutik des geschichtlichen Verstehens nichts mehr, sondern stellt nur faktisch fest, so ist es gewesen (oder mag es gewesen sein.) Wenn es nun um die liturgische Erklärung und Erkenntnis und Bestimmung eines Altares, eines Ambos, eines Bischofs, eines Priesters, eine Diakons gehen soll, welche Erkenntnismethoden verwende ich dafür?

Ich hörte vor kurzem (Okt. 2017) einen Vortrag und eine nachfolgende Diskussion über die Platzierung und Gestaltung des neuen Volksaltares im Linzer Dom. 1Ich fragte mich dann: Zählen eigentlich nur mehr kunsthistorische und kunstästhetische Kriterien, aber der erkenntnistheoretisch-theologische und sittlich-praktische Sinn eines Altares wird nicht mehr erfragt? Es wird vorausgesetzt, dass der Sinn eines Altares und die zentrale Mitte in einer Kirche allgemein bekannt sind, aber in concreto ist es ja doch umstritten, wo der Altar genau sein soll! Warum genau in der Vierung? Um den Dom eingebunden zu sehen in die Straßen der Stadt? Noch dazu ist werktags alles abgesenkt, man kann also wirklich durch die Mitte gehen! Aber ich verstricke mich hier selbst bereits in architektonische und kunstästhetische Details – und habe vielleicht die Frage schon vergessen, welche erkenntniskritischen und werthaft-praktische Gründe gibt es für einen Altar, ein Ambo, für die Rolle eines Bischofs, Priesters, Diakons.

Ich frage mich: Gibt es keine Normativität einer besonderen Lage eines Altares? Keine Normativität, was der Sinn eines christlichen Altares sein soll? Die Sinnstiftung eines Altares oder eines Ambos innerhalb des ganzen Feierraumes der Kirche – kommt sie durch diese Verlegung in die Mitte des Domes zum Ausdruck?

Es ist mir schon klar, vor allem der Gemeinschaftsaspekt und der kommunikationstheoretische Sinn der Liturgie soll zum Ausdruck gebracht werden. Das ist zweifellos eine sittlich-praktische Argumentation und übersteigt in ihrem Anspruch bereits eine rein theorische Lagebeschreibung.

Ich möchte zwecks erkenntnistheoretischer Bestimmung eines Altares und eines Ambos und in weiterer Folge der Rolle des Bischofs und der anderen liturgischen Diener zum Begriff der Repräsentation greifen. Dieser Begriff ist zwar wiederum sehr mehrdeutig, notwendig bis umstritten, aber mangels eines besseren Paradigmas, wie ich den Sinn eines Altares und des ganzen Feierraumes und einer liturgischen Rolle beschreiben soll, bleibe ich dabei. Der komplizierte Begriff hat den Vorteil, dass in ihm ein sittlich-praktischer Anspruch zum Ausdruck kommen kann, eine göttliche und interpersonale Forderung, die in einer rein kunsttheoretischen und historischen Betrachtung eventuell vergessen werden könnte.

Offensichtlich soll durch einen Altar oder durch einen Kirchenbau und in den  liturgischen Rollen der Personen (inklusiv Mitfeiernde) etwas dargestellt und repräsentiert werden. Im christlichen Glauben möchte ich es so abstrakt zusammenfassen: die Erinnerung an die positive Offenbarung Gottes in Jesus Christus, die Erinnerung an die Erlösung, an die Rechtfertigung,  an die Hoffnung, an das ewige Leben u. a. m. 

Um dieses komplexe Thema der Repräsentation der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus zu verdeutlichen, sei stellvertretend ein Text der Antike herangezogen: Dort ist nicht von einem Altar die Rede, aber von den liturgischen Ämtern des Bischofs, Priesters, Diakons – und offensichtlich stehen diese Ämter in einem engen Zusammenspiel in der Definition eines Altar- oder Kirchenraums. Die Sinnbeschreibung der liturgischen Ämter drückt sich ja architektonisch aus bzw. kann die Architektur das Selbstverständnis der Liturgie und der Rolle des Liturgen widerspiegeln.  

2) Der Heilige Ignatius von Antiochen hat in prekärer Situation die christliche Gemeinde zur Eintracht und Einheit beschworen. Dabei hat er besonders auf das hierarchische Amt des Bischofs/Priesters/Diakons gepocht. In getreuer, katholischer Tradition wurde der Heilige wieder zur Legitimierung des kirchlichen Amtes beim 2. Vatikanischen Konzils zitiert. Siehe „Lumen gentium“ 20:

LG 20, 3. Absatz: „(….) Die Bischöfe haben also das Dienstamt in der Gemeinschaft zusammen mit ihren Helfern, den Priestern und den Diakonen, übernommen (47). An Gottes Stelle stehen sie der Herde vor (48), (Episcopi igitur communitatis ministerium cum adiutoribus preshyteris et diaconis susceperunt(47), loco Dei praesidentes gregi(48)) deren Hirten sie sind, als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung (49). Wie aber das Amt fortdauern sollte, das vom Herrn ausschließlich dem Petrus, dem ersten der Apostel, übertragen wurde und auf seinen Nachfolger übergehen sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort und muss von der heiligen Ordnung der Bischöfe immerdar ausgeübt werden (50). Aus diesem Grunde lehrt die Heilige Synode, daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind (51). Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat (vgl. Lk 10,16)52.

(47) Ignatius v. A., Philad., Vorrede: ed. Funk I, 264.

(48) Ignatius v. A., Philad., 1, 1; Magn. 6, 1: ed. Funk I, 264 u. 234.

(49) Clemens v. Rom, a. a. O., 42, 3-4; 44, 3-4; 57, 1-2: ed. Funk I, 152, 156, 171f. Ignatius v. A., philad. 2; smyrn. 8, Magn. 3; Trall. 7: ed. Funk I, 265 f; 282; 232; 246fu. a.; Justin, Apol., 1, 65: PG 6, 428; Cyprian, Epist. passim.

(50) Vgl. Leo XIII., Enz. Satis cognitum, 29. Juni 1896: ASS 28 (1895-96) 732.

(51) Vgl. Conc. Trid., sess. 23, Decr. de sacr. Ordinis, Kap. 4: Denz. 960 (1768); Conc. Vat. I, Sess. 4, Const. Dogm. 1 De Ecclesia Christi, Kap. 3: Denz. 1828 (3061). Pius XII., Enz. Mystici Corporis, 29. Juni 1943: AAS 35 (1943) 209 u. 212. CIC, can. 329 § 1.

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Es etablierte sich offensichtlich, soweit die historischen Quellen das erlauben zu sagen, bereits im 2./3. Jhd. eine kirchliche Ämterhierarchie, die bis heute gilt. Kommt dieser Geltungsanspruch aus der historischen Überlieferung alleine, oder gibt es dafür auch überzeitliche, apriorische Vernunftgründe, die heute noch erlauben, dieses Amt als einzig richtig anzuerkennen und demgemäß auch die liturgischen Räume zu gestalten?

Die Bischöfe/Priester/Diakone sind, so wird gerne gesagt,  „Repräsentanten“ von Gott bzw. von Christus bzw. seiner Kirche, handeln im liturgischen Akt „in persona Christi“, verkünden von der „kathedra“ ähnlich wie Christus als Lehrer eine Botschaft, weiden die Herde wie der gute Hirte usw… Große Worte fallen in LG mit Berufung auf die Hl. Schrift und mit Berufung auf die Apostolischen Väter. Oder siehe z. B. im Internet die katholische Seite „kathnet“, Stichwort „Weihepriestertum“.

Kann ich aber einfach Begriffe aus der reichen Metaphorik der Hl. Schrift und aus der geschichtlichen Entstehungsphase herausnehmen und sie beliebig auf jede Zeit übertragen? Ich würde das bejahen, aber nur insofern, als gleichzeitig die überzeitlichen Einsichten, die zu solchen Begriffen geführt haben, ebenso mitvollzogen werden (können).  

Wenn ich z. B. nachlese beim heiligen IGNATIUS, wie er oben in LG 20 und in den Anmerkungen zitiert wird, so will ich so ehrfürchtig und respektvoll wie möglich seine kostbaren Worte hören. Ich wähle dafür eine transzendental-kritische Lektüre, die die sittlich-praktischen und überzeitlichen Erkenntnisgründe seiner Aussage herauszufinden versucht. Man hört ja deutlich einen Geltungsanspruch von Wahrheit und besonderer Gotteserkenntnis heraus, sonst hätte er nicht so eindringlich, performativ, bittend, flehend, dankend, geschrieben.

Ohne Nachvollzugsmöglichkeit seiner, ich will sie auch nennen, genetischen Erkenntnis, sind seine Aussagen nur historisch getätigte (und vergangene)  Aussagen. Den Heiligen mit seinen Worten nur zu zitieren, um eine Begründung für ein kirchliches Amt zu erhalten, geht völlig am Sinn einer Zitation vorbei. Die Zitation soll ja erkenntnisrelevanten, praktischen und geschichtlichen Sinncharakter haben. Wenn ich nicht selbst die genetischen Bedingungen der Erzeugung seiner Begriffe einsehen kann, sozusagen ihren tiefen Sinn verstehen kann, verlieren sie ihren Begründungscharakter. (Lessing brachte das ja bekanntlich auf die skeptische Formulierung, dass ein „garstiger Graben“ zwischen historischen Aussagen und Glaubensaussagen läge.)

Die kirchliche Ämterhierarchie kann nicht in historischen oder  metaphysischen Begriffen fix und fertig verpackt liegen, sie verlangt höhere Gründe des Nachvollzugs, damit der Sinn ihrer Legitimierung geöffnet werden kann.  

2. 1) Der Tradition nach schrieb der Heilige seine „Sieben Briefe“ auf dem Schiff nach Rom, als er seiner Hinrichtung entgegenging. Den römischen Christen sandte er einen Brief voraus, in dem er bat, sie mögen nichts für seine Freilassung unternehmen, er möge lieber „von den Zähnen wilder Tiere zermahlen werden, um ein reines Brot Christi zu werden.“ Um das Jahr 110 n. Chr. soll er dann den Märtyrertod gefunden haben. Siehe die sehr fundierten Einleitungen in der „Bibliothek der Kirchenväter“, 2 oder siehe auch andere Meinungen: Bei Reinhard M. Hübner las ich, dass die Datierung der „Ignatianen“ sehr umstritten sei. Er plädiert für die Abfassung der Briefe erst um die Zeit zwischen 165 und 175. 3

Anbei ein paar Zitate des Heiligen, herausgesucht nach den Anmerkungen der Stelle LUMEN GENTIUM Kap. 20 (1964) und nach der „Bibliothek der Kirchenväter“ . Die aus der prekären Situation geborenen Sprechhandlungen des Heiligen, die Ängste und Sorgen um die Eintracht der Gemeinde, die Sorgen um den wahren Gottesdienst – sie weisen deutlich auf hermeneutische Bedingungen hin, die nicht zu übersehen sind, sie tragen aber ebenso überzeitliche, genetische Erkenntnisse  in sich, die bis heute wahr und gültig sind. Wie sind sie zu unterscheiden?   Es ist wohl unüberhörbar ein Ineinander von prekären, historischen Bedingungen und tiefen Glaubenseinsichten. Wie könnte die Mannigfaltigkeit seiner illokutionären und performativen Sprechakte gedeutet werden?

Versuchsweise las ich die Briefe des Heiligen auf seine besondere Gotteserkenntnis hin, und was er als Folge daraus ableitete für das kirchliche Amt. Das von mir Hervorgehobene ist sicherlich stark subjektiv.

Ignatius an die Philadelphier.

[S. 142] Ignatius, der auch Theophorus (genannt wird), an die Kirche Gottes des Vaters und des Herrn Jesu Christi, die in Philadelphia in Asien sich befindet, begnadigt und gefestigt in Eintracht mit Gott, die ohne Aufhören frohlockt im Leiden unseres Herrn und die in seiner Auferstehung vollendet ist in jeglicher Barmherzigkeit, die ich grüße im Blute Jesu Christi, die meine ewige und bleibende Freude ist, besonders wenn sie eins ist mit ihrem Bischof und seinen Presbytern und den nach Jesu Christi Willen eingesetzten Diakonen, die er nach seinem eigenen Willen in Festigkeit gestärkt hat durch seinen Heiligen Geist.

Ignatius an die Magnesier

6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze [S. 128] Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind,(….)

Ignatius an die Philadelphier

2. Kap. Warnung vor Spaltung und Irrlehre.

1. Als Kinder des Lichtes der Wahrheit fliehet die Spaltung und die schlimmen Lehren; wo immer der Hirte ist, dorthin folget wie die Schafe. 2. Denn viele Wölfe, die vertrauenswürdig (scheinen), fangen durch böse Lust die Gottsucher weg. Wenn ihr aber einig seid, haben diese keinen Erfolg.

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

Ignatius an die Magnesier

3. Kap. Achtung vor dem jugendlichen Bischof.

[S. 127] 1. Es ziemt euch aber, das jugendliche Alter des Bischofs nicht auszunützen, sondern entsprechend der Macht Gottes des Vaters jegliche Ehrfurcht ihm zu erzeigen, wie ich erfahren habe, dass auch die heiligen Presbyter seine offenbar in jugendlichem Alter erfolgte Erhebung nicht missbrauchen, sondern als in Gott verständige Männer in Übereinstimmung mit ihm wandeln, doch nicht mit ihm, sondern mit dem Vater Jesu Christi, dem Bischof aller. 2. Zur Ehre dessen nun, der uns erwählt hat, ziemt es sich, ohne jede Heuchelei gehorsam zu sein; denn man täuscht nicht diesen sichtbaren Bischof, sondern man spottet über den unsichtbaren. Ein solches Handeln aber bezieht sich nicht auf das Fleisch, sondern auf Gott, der das Verborgene weiß

Ignatius an die Trallianer
Ignatius, der auch Theophorus (heißt), an die von Gott, dem Vater Jesu Christi, geliebte heilige Kirche von Tralles in Kleinasien, der auserwählten und gotteswürdigen, die gefriedet ist im Fleische und im Geiste durch das Leiden Jesu Christi, der unsere Hoffnung ist in der Auferstehung zu ihm hin; sie grüße ich auch in der (Gnaden-) Fülle, nach Weise der Apostel und wünsche ihr alles Gute.

1. Kap. Des Ignatius Freude über den Besuch des Bischofs Polybius von Tralles und über den guten Stand dieser Kirche.

1. Von eurer tadellosen und in Geduld unverwüstlichen Gesinnung, die euch nicht nur durch Übung, sondern von Natur eignet, habe ich gehört aus dem Berichte des Polybius, eures Bischofs, welcher nach dem Willen Gottes und Jesu Christi in Smyrna war und sich mit mir, der ich in Christus Jesus gefesselt bin, so freute, dass ich in ihm eure ganze Gemeinde erblickte. 2. Da ich also durch ihn euer gottgemäßes Wohlwollen erfahren durfte, pries ich (Gott), da ich in euch, wie ich erkannt hatte, Nachahmer Gottes fand.

2. Kap. Mahnung zum Gehorsam gegen Bischof und Presbyterium; Pflichten der Diakonen.

1. Solange ihr nämlich eurem Bischof untertan seid wie Jesus Christus, scheint ihr mir nicht nach Menschenart zu leben, sondern nach Jesus Christus, der unseretwegen gestorben ist, damit ihr durch den Glauben an seinen Tod dem Tode entrinnet. 2. Daher ist es notwendig – wie ihr es ja haltet – dass ihr ohne den Bischof nichts tuet, und dass ihr vielmehr auch dem Presbyterium euch füget wie den Aposteln Jesu Christi, unserer Hoffnung, in dem wandelnd wir erfunden werden sollen. 3. Auch ist es nötig, dass die Diakonen, welche Geheimnisse Jesu Christi verwalten, auf jede Weise allen genehm seien. Denn sie sind nicht Diener für Speise und Trank, sondern Gehilfen der Kirche Gottes. Daher müssen sie sich vor Anschuldigungen hüten wie vor Feuer.

3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. 2. Dass ihr dieses so haltet, davon bin ich überzeugt. (….)

7. Kap. Anschluss an den Bischof.

1. Hütet euch also vor solchen. Das wird bei euch der Fall sein, wenn ihr nicht aufgeblasen seid und euch nicht trennet von Gott Jesus Christus, vom Bischof und von den Vorschriften der Apostel. 2. Wer sich innerhalb der Opferstätte befindet, ist rein; wer aber [S. 134] außerhalb steht, ist nicht rein; das heißt: wer ohne Bischof, ohne Presbyterium und Diakon etwas tut, der ist nicht rein in seinem Gewissen.
13. Kap. Letzte Grüße und Aufträge.

[S. 136] 1. Es grüßt euch die Liebe (= Gemeinde) der Smyrnäer und Epheser. Gedenket in euren Gebeten der Kirche in Syrien, der anzugehören ich, der geringste von ihnen, nicht würdig bin. 2. Lebet wohl in Jesus Christus, im Gehorsam gegen den Bischof wie gegen (Gottes) Gebot, im Gehorsam gleicherweise gegen das Presbyterium. Und liebet alle einander in ungeteiltem Herzen. 3. Meine Seele opfert1 sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin. Noch bin ich nämlich in Gefahr; aber der Vater ist getreu in Jesus Christus, mein und euer Gebet zu erhören; in ihm möget ihr ohne Tadel erfunden werden.


Ignatius an die Epheser
6. Kap. Den Bischof muss man achten wie den, der ihn gesandt hat; Einigkeit der Epheser.

1. Und je mehr einer sieht, dass der Bischof schweigt (nicht tadelt), um so mehr Achtung soll er vor ihm haben; jeden nämlich, den der Herr des Hauses schickt zur Verwaltung seines Hauses, den müssen wir [S. 120] so aufnehmen wie den Sendenden selbst. Daher ist es klar, dass wir den Bischof so ansehen müssen wie den Herrn selbst.

Ignatius an die Smyrnäer
9. Kap. Haltet zum Bischof; Dank für erwiesene Liebe.

1. Übrigens ist es angezeigt, zur Einsicht zu kommen und, solange es noch Zeit ist, sich zu Gott zu bekehren. Es ist gut, Gott und den Bischof zu kennen. Wer den Bischof ehrt, der wird von Gott geehrt; wer ohne des Bischofs Wissen etwas tut, der dient dem Teufel. 2. Alles möge also euch in Gnade reichlich zuteil werden; denn ihr seid’s wert. In allem habt ihr mich erquickt und euch Jesus Christus. Ob ich abwesend oder da war, ihr habt mir eure Liebe erzeigt. Vergelte es euch Gott, dem zulieb ihr alles ertraget und zu dem ihr gelangen werdet.
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3) Die tiefe Glaubenseinsicht, die kommunikative Kompetenz und die Autorität des Heiligen für die christliche Gemeinde, die ganze intentionale Absicht des Heiligen – legitimiert das das kirchliche Amt? Und weiter gefragt: Müsste sich eine architektonisch-symbolische Gestaltung nach diesem Selbstverständnis eines Amtes richten bzw. nach dem Selbstverständnis einer christlichen Gemeinde?  

3. 1) Dazu möchte ich mich hypothetisch leiten lassen von einem „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahren, wie es die STOA oder das spätere Mittelalter oder DESCARTES oder FICHTE gepflogen haben: Das Denken in „Entymema“ ist ein rhetorisches Verfahren, wodurch durch analogisierendes und nachvollziehendes Denken eine Erkenntnis hergestellt wird, die anders gar nicht hätte gefunden werden können. Der Mittelbegriff in einem Schlussverfahren von terminus maior und terminus minor ist das argumentum, das sich in jedem/jeder, der/die diesen Erkenntnisschritt mitvollzieht, von selbst einstellt und bewährt. Die Einheit der Erkenntnis, worin das Wissen mit dem Sein zusammenfällt und das Wissen sich im Bilde durch das wahrhafte Bild-Sein bewährt, kann nicht faktisch und tot abgesetzt hingestellt werden, denn dann entfiele die ganze Evidenz. Sie kann nur nachvollzogen und innerlich eingeschaut und überprüft werden.4

Ich setze jetzt als eine Art Hypothese im Rückgriff auf IGNATIUS – oder ähnliches wäre bei CLEMENS v. ROM oder DIDACHE wohl zu finden – als erkenntniskritisches und zeitüberhobenes, apriorisches argumentum fest: Es geht um die repräsentatio dei“.

Die Repräsentation des Göttlichen bzw. Jesu Christi und des Heiligen Geistes – das ist die differente Erkenntnis des Wovon eines Wissens, das sich in liturgischen und kirchlichen und ästhetischen und architektonischen Rollen und Bildern Ausdruck verschaffen will.

Aber gerade dieses differente Wissen der „repräsentatio dei“ ist offensichtlich mehr als eine theoretische Aussage, sondern ist geradezu praktisch zugleich, denn nur im Vollzugswissen kann die „repräsentatio dei“ eingesehen und dann weitervermittelt werden. Der Heilige erreichte dieses Vollzugswissen – und offensichtlich die ganze christliche Gemeinde von damals, sonst wäre diese Überlieferung untergegangen.   

Die kirchliche Hierarchie, die geschwisterliche, liebende Gemeinschaft, die Sakramente – und wir dürfen folgern, die liturgischen Räume, der Kirchenbau, die Kunst und Architektur – alles soll der „repräsentatio dei“ und der lebendigen Erinnerung an Jesus Christus erinnern. Alles möge eine sittlich-praktische, existentielle Teilnahme und Teilhabe eröffnen. Noch etwas weiter, rein logisch analysiert, könnte ich die Absicht des Heiligen so beschreiben:  Der Obersatz ist: Die Einheit der Gemeinde, die Heilswirksamkeit des Kreuzes Jesu, die Gegenwart des auferstandenen Herrn, das Wirken des Heiligen Geistes, die Gemeinschaft der „Heiligen“ u. a. – diese christlichen Glaubensinhalte und Verheißungen  sollen trotz Weggang des Heiligen bleiben.

Mit allen Kräften seiner Weisheit und Autorität formuliert, aber vor allem mit seiner tiefen Einsicht in das Wesen Gottes ausgezeichnet,  kann und darf dieser Geltungsgrund von Wahrheit und Liebe nicht verloren gehen. Der Heilige sieht deshalb, wohl aus gemachter positiver Erfahrung, in einer kirchlichen Hierarchie von Bischöfen, Presbytern und Diakonen ein nützliches und gutes Werkzeug der Weitergabe seiner Einsicht. 

Die „repräsentatio“ ist das argumentum als schlusstiftender Mittelbegriff, der das kirchliche Leben, die Glaubensinhalte, die Sakramente, die Hierarchie legitimiert. 

Letztlich müsste alles diesem argumentum der „repräsentatio dei“ dienen: Die kirchliche Gemeinschaft, das kirchliche Amt, und ebenso die künstlerische und architektonische Gestaltung der Kirchen und Altäre. Eine rein kunstgeschichtliche Argumentation kann bestenfalls eine hilfreiche Bedingung sein, die „repräsentatio dei“ zu erreichen. Aber bereits hier ist auffallend, soweit ich architektonische Altarraumgestaltungen der Antike kenne, dass diese kunsttheoretischen Explikationen ja total verschieden sind. Wie „repräsentatio dei“ lässt sich offensichtlich auf vielen Wegen erreichen, das argumentum, entymematisch in der mitfeiernden Gemeinde erlebbar. Ich wünsche der neuen Anordnung im Linzer Dom, dass sie genauso die Leute begeistert und inspiriert, wie es die alte Anordnung (m. E.) auch getan hat.

Ich wünsche aber auch allen Erneuerern der kirchlichen Räume, dass sie nicht von bloß historischen und denkmalschützerischen Argumenten behindert werden.5

30. 10. 2017

© Franz Strasser, Altheim, Pfarrer.

fr.strasser@eduhi.at

1Die vielen kunstgeschichtlichen, architektonischen und liturgischen Argumente waren etwa:

a) Das Raumkonzept der Erbauerzeit unterschied zwischen Priesterkirche (Kreuzaltar, Chorgestühl) und Laienkirche
b) Nach Fertigstellung 1924 (im Unterschied zu 1859) war die Differenz zweier Teile irgendwie sichtbar; offene Forschungsfragen gibt es dazu bis heute;
c) Es gab Umgestaltungen in den 1980-er Jahren
d) mehrere Vorarbeiten zur aktuellen Umgestaltung begannen bereits 2009.

Die klaren Strukturen, die Größe des Raumes, die verschiedenen räumlichen Zonen des Domes, viele kunsthistorische Fragen tauchten auf, die berücksichtigt werden wollten.

Die Baugeschichte selbst ist nicht unwesentlich für das Verstehen: die Votivkapelle 1869, vorderer Kapellenkranz 1885, Turm 1901, Langhaus 1924.

Die durch das 2. Vatikanum (60-er Jahre) veränderte Liturgie rückte die Eucharistie und die communio ins Zentrum, was natürlich ein Bischof Rudigier oder Baumeister V. Statz (2. Hälfte 19. Jhd.) auch gewusst haben dürften, aber eben anders topographierten. Der Volksaltar wurde geschaffen (in den 1970-er Jahren?), in den 1980-er Jahren einerseits noch im Presbyterium angesiedelt, andererseits aber deutlich vorgerückt … eine Orgel wurde ins Presbyterium verlegt.
Die Liturgie schafft den Raum“

Ab 2009 begannen Pläne der Umgestaltung. Die Vorgaben des ganzen Domes wurde dringlichst und behutsam berücksichtigt, die Vierung einerseits, die Geschlossenheit des oberen Teiles des Presbyteriums andererseits. Man wollte dem Raum gerecht werden – und natürlich der Liturgie. Auf die Vorgaben des 2. Vatikanums und nachfolgender Dokumente, auf pastorale Verlautbarungen der Bischofskonferenzen, diverse Richtlinien etc. wurde geachtet.

Es sollte eine liturgischer Raum der Eucharistie und des gleichberechtigte Volkes Gottes sein – und ein Zeremoniale für eine Bischofskirche mit dort stattfindenden Weihen musste bedacht werden.

Dokumente wurden genannt: Siehe Dokument SC, 7 … siehe besonders Nr. 124; siehe Nr. 128. Die liturgischen Hauptfeiern sollten stattfinden können zwischen „Funktionalität und Symbolgestalt“.

Dann kam die Rede auf die Sedes d. h. auf den Vorsteherort, wiederum auf den Verkündigungsort (Ambo) und auf den Eucharistieort. Auf ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz zur Adaption alter Räume wurde hingewiesen. Die tätige Teilnahme sollte berücksichtigt werden, alles gut hörbar und sichtbar sein, die Egalität der Berufenen sollte zum Ausdruck kommen. Liturgie ist ein Kommunikationsereignis – und deshalb soll der Raum ein Kommunikationsraum sein.

Es kamen dann (interessante) kunstgeschichtliche Schilderungen: Der Tempel in Jerusalem, die Dura-Kirche in Syrien, die sog. „Hauskirche“, das synagogale Bedenken des Wortes Gottes. Es kam die Staatskirche des 4. Jhd. Vor z. B. Ravenna, St. Appolinaris, wurde zitiert, das Kreuz rückte in die Mitte, Christus wird durch den Vorsteher repräsentiert……. Das Mittelalter hatte das weitergeführt, aber eine immer größere Distanz trat ein zwischen Leiter der Liturgie und Volk ….

Die Kunst und Architektur des Kirchenbaus sollte dann, wie gesagt, den neuen liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums angepasst werden.

Aktualisiert wurde gefragt: Wie kommt die Sakralität in das Raumkonzept der Gegenwart hinein? Die Parameter im Linzer Dom sind vorgegeben: Die Größe, der Stein, das Licht. Psychologische und raumsoziologische Argumente wurden vorgebracht. Die Begriffe waren viefältig. Die Sakralität kommt nicht von selbst, sie „muss benannt werden können.“ (Ganz meine Meinung!)

Das liturgietheologische Konzept, die Realsymbole, die Sinnvollzüge, sie können durch den Raum aufgefangen, verbreitet, vertieft werden ……. die liturgischen Handlungen soll ermöglicht werden, die Qualität des Tuns inklusiv tätiger Teilnahme aller Mitfeierenden gewährleistet. Der Raum wird vom Leib her erfahrbar, Raum und Mensch können aufeinander bezogen sein. Die Heiligkeit des Raumes ist ein verdichtetes Beziehungsgeschehen, eine göttlich-menschliche Kommunikation.

Das Hauptkriterium ist diese neue Zone für die Feier der Eucharistie, der communio-Raum, „die Gemeinde versammelt sich“ und viele tragen zum liturgischen Spiel etwas bei. Es braucht keine Bühnenräume für den Chor, sondern die Beteiligung aller ist möglich. Die Communio der Christen ist auch eine Weg-Kirche – um nur ein paar Stichworte zu rekapitulieren.

Der liturgische Vollzug und die Deutung des Raumes sollen zusammenkommen; der ganze Feierraum – er ist ein theologisch-spirituelles Moment.

Auf Ambo und Altar wurde nochmals eingegangen. „Der Mensch wird von außen nach innen gebaut. Es braucht anspruchsvolle Räume, die Ehrfurcht einfordern.“

Es war ein Revival der Liturgiegeschichte und Kunstgeschichte, breit angelegt, aber alle hermeneutischen Bedingungen des Verstehens können nur von obersten transzendentalen Sinnbestimmungen der Liturgie und der communio bestimmt werden. Die heilsgeschichtliche Perspektive – leider ist das Wort „heilsgeschichtlich“ durch die Philosophie des Existentialismus verdorben worden – der Weitergabe der christlichen Sinnidee, wie sie in den Jahrzehnten des Dombaus von 1862 – 1924 durch tüchtige Bischöfe, den Dombauverein, den unzähligen Gläubigen, geleistet wurde, die inständigen Gebete, die großen Feiern und Zeremonien bis heute, sie erst machten die christliche Sinnidee sichtbar und erbauen den Dom bzw. erfüllen den liturgischen Raum.

2abgerufen am 29. 10. 2017 – Link http://www.unifr.ch/bkv/kapitel6.html

3Siehe REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

4Natürlich ließen sich hier viele Parallelen der Philosophiegeschichte aufzählen, nicht nur die hier von mir genannten. Man denke an die Idee des Guten bei PLATON, an das argumentum bei ANSELM, an die transzendentale Freiheit bei KANT usw. Das verkürzende Verfahren zwecks Gewinnung einer eigenen Anschauung und Erkenntnis nenne ich den Gebrauch eines „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahrens. Es gäbe auch eine schlechte Art und Weise eines „entymemischen“ Verfahren, wenn die ausgelassenen Argumenten im Resultat das vorher bewusst Ausgeblendete absichtlich vergessen lassen und eine Teilerkenntnis zur Erkenntnis des Ganzen hochstilisiert werden soll. Viele Einzelwissenschaften arbeiten so. Sie erzielen Teilerkenntnisse, legen sie dann aber auf die ganze Wirklichkeit um. Wenn es um den Begriff der „repräsentatio dei“ gehen soll, so muss eine Notwendigkeit im Denken selbst liegen, dass diese notwendig gedacht werden muss. Ich nehme mit dem Wort „entymemisch“ Bezug auf Vorlesungen von Prof. R. LAUTH bzw. Literatur von K. HAMMACHER. Letzterer siehe z. B. in: Sein, Reflexion, Freiheit. Hrsg. v. C. Asmuth, 1997, 115- 141 (bes. S 127f).

5Ich habe hier schon meine Erfahrungen gemacht. Mit theologischen oder sachlichen Argumenten kommst du gegen die historische Argumentation eines BDA nicht an. Ein Beispiel war auch zu hören bei dieser Tagung: Es erzählte z. B. eine Architektin aus Berlin, dass die Neugestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale seit zwei/drei Jahren stagniert, weil das Denkmalamt dagegen ist. Transzendentale versus historische Argumente.

Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein?

1) Nehmen wir an, dass Mohammed tatsächlich Worte (Weisungen) Gottes vernommen hat, die er – nach islamische Überlieferung konnte er nicht schreiben – jemandem diktierte, damit sie im Koran als Worte Gottes festgehalten würden. Diese Worte Gottes sollen mehr als interpersonale, sollen göttliche Manifestationen gewesen sein. Für einen unbefangenen Leser fällt aber unbestreitbar auf, dass diese Worte sehr unterschiedlich ausgefallen sind: Von intimen und durchaus moralischen Aufforderungen bis hin zu kriegerischen und unmoralischen Aufforderungen ist alles zu finden.

Die moralischen Aufforderungen müssten jetzt herausgesucht werden – worunter ich hauptsächlich diese ganze Position des Ein-Gott-Glaubens gegenüber der heidnischen Umwelt und ihrer Vielgötterwelt, die Abrahams-, Hagar-, und Ismaelgeschichten, die Aufforderung zur Hingabe und zum rechten Leben vor Gott verstehe, aber was tun mit den nicht zu leugnenden kriegerischen, patriarchalen, antisemitischen und antichristlichen und unmoralischen Forderungen? Was tun mit der Aufforderung zur Zwangsbekehrung, zum Töten, zur Kopfsteuer, zur Vielweiberei  u. a. m.?

Es braucht deshalb moralische Kriterien eines möglichen Offenbarungsbegriffes, wie er vernunftgemäß gedacht werden kann. Alle nicht-moralischen Äußerungen vertragen sich nicht mit der Freiheit des Menschen, geschweige mit dem Heiligen selbst.

Deshalb hier ein paar Anfragen und Versuch einer Kritik in dem Sinne, dass wenigstens die Bedingungen der Möglichkeit einer Offenbarung einsichtig sein müssen, wenn schon tatsächlich von einem Faktum der Offenbarung ausgegangen wird.

Dazu sind erkenntniskritische Reflexionen notwendig, wie die Philosophie sie uns bietet, was das Prinzipielle des Wissens betrifft.
Das Konkrete einer Offenbarung oder eine Manifestation Gottes kann philosophisch nicht abgeleitet werden. Da bleiben wir auf die Erfahrung (im weitesten Sinne des Wortes) angewiesen.

2) Nun glaube ich nicht, dass Mohammed aus purer Selbstsucht und purem Machtinteresse alles erfunden hat, was im Koran steht, aber einige „Offenbarungen“ und Forderungen widersprechen klar einem reinen, moralischen Gottesbegriff und der Freiheit des Menschen, mithin auch der Form der Erkenntnisbedingungen, sofern sie in ihrer ganzen Einheit gesehen werden – als theoretische und praktische und geschichtlich sich realisierende Erkenntnisbedingungen.
Dass Gott sich geoffenbart hat, widerspricht noch nicht dem Vernunftbegriff, aber die Prinzipien der Erkenntnis sind für alle Gebiete des Wissens, auch für die Religion, nicht zu dispensierende Regeln.

3) Jede Aussage setzt implizit einen Wahrheitsbezug, sonst wäre sie nicht möglich. Aber eine Aussage konstituiert sich nicht von selbst mit ihrem Wahrheitsbezug, sondern kommt nur durch Freiheit zustande. Nur im Zusammenspiel von beiden, von Wahrheit und Freiheit, vollzieht sich das Bilden einer bestimmten Aussagen und deren Bewährung.

Der äußeren Erscheinung nach handelt es sich um ein Kommunikationsgeschehen zwischen Gott und dem Propheten – analog zu einem Kommunikationsgeschehen zwischen Personen – mit dem Unterschied, dass als Grund der Worte und Forderungen die „Barmherzigkeit“ und die Heiligkeit und Einzigkeit Gottes angesetzt werden muss, deren Folge dann die gehörten und empfangenen Worte/Forderungen auf der Seite des Propheten ausmachen.

Das Kommunikationsgeschehen, abgesehen einmal davon, dass Mohammed dazu gezwungen werden musste, was ich als psychologische Reaktion verstehe, verlangt auf Seiten des Hörers sowohl a) ein reflexives Sich-Verstehen der Botschaft und b), da ja Mohammed das weitergeben will, ein intentionales Hingerichtetsein auf andere Personen.

Wie kann der Prophet die Evidenz und Rechtheit der Worte/Forderungen Gottes ausweisen? Wie beweist und bewährt er seine Aussagen?

Wenigstens in einem Minimum des Verstehens muss eine freie Rezeption von Seiten des Propheten selber wie von Seiten seiner Zuhörer vorausgesetzt werden, sonst käme es zu überhaupt keinem Verstehen und zu keinem Nachvollzug.
Aber wie ist einer bloß vermittelten Erkenntnis zu trauen? Wenn Mohammed auf die mediatisierten Formen der Sprache und Kultur seines Stammes und der ihn umgebenden Welt zurückgreifen musste, so sind das bereits sekundäre Wissensformen, die vom einzelnen Hörer auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft und hinterfragt werden konnten. 1

Offensichtlich sind auch seine „Offenbarungen“ kritisiert und verworfen worden, zumindest von einem Teil der Bevölkerung. Welches Mittel der Bewährung der Aussagen hatte dann der Prophet? Die Geschichtsschreibung um die Entstehung des Islam erzählt wohl unmissverständlich und ziemlich einhellig, dass machtpolitische und ökonomische und kriegerische Erfolge den Ausschlag gaben, um die Wahrheit des Islam und des „ungeschaffenen“ Korans zu beweisen. Gewinnt aber damit der göttliche Grund der in Folge gehörten Worte/Forderungen eine moralische Legitimation?

Widerspricht es nicht dem Begriff des Heiligen und seiner Barmherzigkeit, mit Gewalt sich durchzusetzen und nur mit Zwang und Druck der Wahrheit der Worte/Forderungen Gehör zu verschaffen? Wie konnte von Seiten des Menschen noch irgendwie eine freie Rezeption und eine freie Stellungnahme und freie Realisation der erschienen Offenbarung möglich sein, wenn keine alternative Realisierung von Freiheit und Rezeption erlaubt geblieben ist? Ein absolut patriarchales, von oben nach unten in einer Befehlskette verlaufendes, aufnehmendes Verstehen – das ist kein gegenseitiges Verstehen und freies Antworten mehr.

Eine nur implikative Begründung der Wahrheit als Wahrheit kann zu keiner sich bewährenden Antwort im Bilden des Menschen führen. Es bedarf eines Minimums von reflektierendem Verstand und intentionalem Verwiesensein auf andere Freiheit, um überhaupt das Wissen einer geoffenbarten Wahrheit zu erreichen und im Gehorsam antworten zu können. Diese vorauszusetzende Freiheit des Reflektierens und der Intention ist begründet im übergehenden Schweben der Einbildungskraft, wodurch es zu einer zweiten Ordnung, gleichrangig zur implikativen Grund-Folge-Ordnung kommt, zu einer Reihe von Setzungen nacheinander. Ich nenne sie appositionelle Ordnung.

Jedes Bilden einer Aussage nimmt implikativ Bezug auf Wahrheit, als bestimmte Aussage ist sie aber immer auch eine gebildete neue Setzung im Geiste, mithin eine appositionelle Reihe.

Wenn die Evidenz einer göttlichen Offenbarung im Hören des Propheten vorausgesetzt werden soll, so kann er a) sich selbst nur verstanden haben und ebenso b) seine damit angesprochenen Hörer, wenn er selbstständig frei in appositioneller Reihe der bestimmten Aussagen den Wahrheitsgehalt bewähren konnte bzw. die Hörer das nachvollziehen konnten. Das in den Aussagen gebildete Wort/Forderung verlangte von sich her eine Bewährung.

Waren die militärischen Erfolge für den Propheten und seinen Anhängern die Bewährung seiner Auditionen und empfangenen Forderungen? Der ganze Gesamtzweck der Gottesoffenbarung, die Sinnidee der empfangenen und im Koran niedergelegten Worte/Forderungen, welche Evidenz der Bewährung bleibt übrig? Die militärischen Erfolge können per se nicht als erschienener Gesamtzweck und als moralische Gottesoffenbarung angesehen werden, denn sie sind alles andere als selbstbegründend wahr und gut. Eine solche Sinnidee von Wahrheit und Gutsein kann aber alleiniges Merkmal der Gottesoffenbarung sein. Ein nur behaupteter Grund einer selbstevidenten Einsicht in das Wesen Gottes, wodurch der Prophet sich selbst verstehen konnte und in weiterer Folge intentional den anderen das mitteilen wollte, konnte für ihn ja selbst fraglich werden, wenn er keine anderen als militärische Mittel zur Bewährung fand. Er musste nolens volens auf erzwungene und gewaltsame „Beweise“ zurückgreifen, um die Wahrheit seiner empfangenen Botschaften zu bewähren?

Die implikative Zurückführung einer außergewöhnlichen Manifestation auf Gott ist die eine notwendige Seite – und ist von der Vernunft her möglich gesetzt. Ich will prinzipiell jedem Vernunftwesen diese apriorische Gottesoffenbarung zugestehen – aber die Bewährung und Rechtfertigung eines Wortes, einer Forderung, einer „Offenbarung“ harrt ebenso einer notwendigen appositionellen Bestätigung und muss sich zumindest in einem moralischen Gesamtzweck auf Zukunft hin öffnen können – das ist die andere Seite. Dass spätestens in den militärischen Kriegen (Siege und Niederlagen) Zweifel hätte aufkommen müssen – warum wird das so auffallend aus dem Koran ausgeblendet? (Zumindest nach meiner schwachen Kenntnis des so schwierig zu lesenden Buches.)

Wird die von Gott an Mohammed ergangene Forderung nach einem rechten Leben, wie dies m. E. wieder schön und gut im Koran zu lesen ist, in einer moralischen Form der Realisierung bewährt? Was heißt ein rechtes Leben, Glauben und Gehorchen? Das ist für jede Religion eine stets bleibende Herausforderung.

Ein implikativer Rückschluss der Reflexion auf einen absoluten Grund könnte eine Täuschung sein; zur Reflexion gehört auch eine intentionale, apponierende Reihe maßgeblicher Zeichen, die den Grund der angeblichen Evidenz auch für andere nachvollziehbar und einsehbar werden lässt. Wie könnte aber diese Evidenz erreicht werden, wenn, wie oben schon gesagt, keine freie Alternative der Annahme oder Verweigerung möglich wäre – und jetzt, nach den kurzen Andeutungen einer appositionellen Synthesis in jeder Erkenntnis, wie könnte ein Nach-Bilden und Nach-Vollziehen der ergangen Botschaft erreicht werden, wenn der Gesamtzweck gar nicht auf eine moralische, hoffnungsvolle, in einer großen Sinnidee endenden Zukunft hinausläuft? Zumindest für einen Teil der Zwangsbekehrten kann dieser Gesamtzweck und diese Sinnidee nie aufgeleuchtet haben.

M. a. W., wie könnte ein sich bewährendes Bilden von Gottes-, Menschen- und Welterkenntnis erreicht werden, wie es ja der Prophet in einem Geltungsgrund der empfangenen Worte/Forderungen beansprucht, wenn dieser Gesamtzweck der „Offenbarung“ gar nicht als reine, moralische Sinnidee herauskommt, als eine alles Suchen und Streben erfüllende Sinnidee und Vergebung der Sünde und des Bösen? Bleibt nur ein eudaimonistisches Glück im Garten des Paradieses?

Eine bewährende, universale und alle Lebensbereiche umfassende Sinnidee ist konstitutiv in unserem theoretisch-praktischen Streben und Bilden. Bieten die von Mohammed gehörten Worte/Weisungen/Forderungen eine endgültige Klarheit über diese Sinnidee? Soweit ich den Koran gelesen haben, gibt es nicht diese Sinnidee einer Wiedergutmachung des Leids, universale Vergebung, Genugtuung für alles erlittene Übel, die universale Auferstehung und das ewige Leben für alle Menschen. Wenn ja, so würde der implikativen Grund-Folge-Ordnung der empfangenen Worte/Forderungen Gottes eine appositionelle Reihe der Realisierungen dieser Sinnidee zumindest ansatzweise zeigen und eröffnen. (Gilt ebenfalls für jede Religion).

Führt z. B. die Rezitation des Korans zu einer Art interpersonaler, dauernder Beziehung des Menschen zu Gott und auch zu einer sich in Einigkeit und Eintracht verbindenden, positiven Freiheit anderen Personen gegenüber? Die von Gott an Mohammed angetragenen Intentionen seien, so ein Artikel kürzlich in der ThpQ Linz, keine bloß sinnlichen Empfindungen gewesen, sondern Willensäußerungen, Gemütsbewegungen. Ja klar. Sie seien ein „ästhetische Ereignis“ gewesen, ein existentielles Erzittern. Irgendwie psychologisch ebenfalls zu verstehen, aber ist das genügend Evidenz und Intellektion der Offenbarung?2

Wenn ich arabisch könnte, hätte ich vielleicht ebenfalls ein ästhetisches Erlebnis beim Lesen des Korans, und unter dem weiten Himmelszelt in der Wüste ein mystisches Erleben. Alles verständlich und nicht zu übersehen. Aber wie beweist sich eine ästhetische und psychologische und existentielle Erfahrung als eine göttliche Manifestation? Wenn eine so hohe Anspruchsgeltung damit verbunden werden soll, dass alle Menschen diesen Worten/Forderungen Glauben schenken müssen, muss ein vernunft-kritisches Hinterfragen und sich in der Wirklichkeit beweisendes Verfahren erlaubt sein. Die Wahrheitsfrage ist keine bloß ästhetische oder psychologische oder existentielle Erfahrung – die hat jeder Mensch, wenn er sich besinnt – die Wahrheitsfrage ist eine alles andere an Wert- und Sinnhaftigkeit übertreffende Erfahrung.

Die Wahrheitsfrage muss immer gestellt werden dürfen, ob es den Koran oder die Bibel betrifft Die Zeichen der Manifestation Gottes (als Hl. Schrift, als Koran) sind meditatisierter, existentiell erfahrener, lebendiger Willensaustausch, Vertrauen, Liebe, und daraus folgend ein Sich-Verstehen und Verstehen des anderen. Die Bewährung der Evidenz des Vertrauens und der Liebe, kann nur in einer appositionellen Reihe geschehen, d. h. untergliedert  in einer geschichtlichen Nachbildung dessen, was a) als Vorbild schon vorgegeben ist und b) als daraus entsprießender Gesamtzweck für die Zukunft erwächst.

Wenn das kriegerische Tun der Beweis sein soll einer adäquaten Interpretation des ergangenen Wortes, das Nachbild des vorausliegenden Vorbildes und einer heilvollen Zukunft, in welche unmoralisch Hermeneutik des Sich-Verstehens und der intentionalen Weitergabe geraten wir dann? Wir verwickeln uns in Machtansprüche und  selbstgemachte Widersprüche – und rechtfertigen das mit dem unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten, heiligen Willen?

 

7. 10. 2017 © Dr. Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

 

1 Gemäß einer Lektüre in der Theologisch-praktischen Quartalschrift Linz wird nach etwa 200 Jahren Tradition der Koran sogar als „ungeschaffen“ bezeichnet – siehe ebd., Franz Schupp, ThpQ, Linz, 2014 – sodass der Prophet einen ungeschaffenen Koran erhielt. Die Frage der Mediatisierung drängte offenbar die Korangelehrten zu einer gewagten These.

2 A. M. Karimi, ThpQ, Linz, Nr. 164 (2016), 265-271.