Analysis und Synthesis in Fichtes Eigne Meditationen und in der Practischen Philosophie

Analysis und Synthesis in „EIGNE MEDITATIONEN“ von 1793/94 und in der „PRACTISCHEN PHILOSOPHIE“ von 1794 bei Johann Gottlieb FICHTE. Eine kurze Bemerkung.1

1) Eingangs in seinen EIGNE MEDITATIONEN bezeichnet FICHTE seine Methode einerseits als „synthetisch“, andererseits als „analytisch“.

Lässt sich nicht dennoch ein Weg denken von der Einheit der Apperception bis zur praktischen Gesezgebung der Vernunft herauf: u. von ihr wieder zu jener herabzusteigen; welches, das erste die synthetische, das letzte die analytische Methode wäre. – Könnten diese einander zur Probe dienen? – Wohin kommt das Princip der ästhetischen, u. teleologischen Urtheilskraft?“ (GA II, 3, 26)

Er benennt dabei – anders als sonst im Traditionsgebrauch üblich – das Hinaufsteigen (griech. „ana“) im theoretischen Teil des Wissens, also im Bereich des Vorstellens und reduktiven Hinaufgehens bis zur transzendentalen Apperzeption „synthetisch“, und möchte – aber dann des Besseren belehrt – im praktischen Teil „herabsteigen“ . d. h. das Wollen und Handeln analysieren, d. h. mittels denkmöglich aufgestellter Begriffe (synthetisch-analytisch gewonnen) das praktische Streben, die Gefühle und den Trieb bestimmen. Aber auch im praktischen Teil des Strebens lässt sich das Nicht-Ich in seiner konkreten Erscheinung und als konkreter interpersonaler Aufruf nicht gänzlich begreifen und auflösen (verichlichen). Es bleibt formal als Nicht-Ich erhalten, und material lässt sich die Bedeutung des Nicht-Ichs ebenfalls nicht x-beliebig festlegen. Ist ihm hier ein terminologischer Fehler unterlaufen, weil er etwas abartig das Hinaufsteigen als synthetische Vorgehen beschreibt, wo man doch sonst von Analysis sprach?

FICHTE hat sich in seinem aufsteigenden Verfahren wohl selbst zugesehen, dass er terminologisch bewusst das Wort „synthetisch“ wählte, denn analytische Lösungsbedingungen implizieren immer auch eine synthetische Resultante, worauf die Lösung hinauslaufen soll. Ein höchster, analytischer Grund muss auch zugleich einen synthetischer Grund der Deduktion der voerst hypothetische angesetzten Denkmöglichkeiten abgeben, bzw. muss im praktischen Handeln und Wollen die synthetischen Anwendungsbedingungen der Freiheit und des sittlichen Gehaltes mitbedenken. Ein analytisches Hinaufsteigen und analytisches Herabsteigen setzt zweifellos schon höchste Konzentration und Intuition von Denkmöglichkeiten voraus, doch die Abstraktionen des Wissens sollen ja nicht bloß reduktiv, anagogisch erschlossen und bewahrheitet sein, sondern der Wesensgehalt der gnoseologisch erkannten Bedingungen sollen zugleich die des Seins und der Wahrheit selbst sein. Die Einheit von Wissen und Sein kann nicht bloß reduktiv-analytisch erreicht werden, sondern nur zugleich progressiv-synthetisch als sich bewährende Einheit für das Ich, für das theoretische Vorstellen und zugleich praktisch bestimmende Wollen und Handeln.

Terminologisch ist FICHTE hier also kein Fehler unterlaufen, sondern scharfsichtig setzt sein analysierendes Vorgehen ein Hinaufsteigen zu einer höchsten Erkenntnisbedingungen voraus, die zugleich synthetisch alle Deduktion eröffnet. Korrigieren muss er sich nur dahingehend, dass im praktischen Teil die synthetischen Lösungsbedingungen ebenfalls nicht bloß analytisch feststellbar sind, vielmehr das Gefühl, das Streben, der Trieb, auf die Ermöglichungsbedingung im Nicht-Ich angewiesen bleiben Das Nicht-Ich bleibt teilabsolut für die Realisation der Vernunft im Ich, sei es für das theoretische Vorstellen, oder für das praktische Handeln und Wollen.

FICHTE stellt deshalb zu Anfang der praktischen Teils fest:

Aber 2.) ich bin auf diese ganze Theorie bloß durch ein Ohngefähr, u. gegen meine vorherige Absicht verschlagen worden. Um sicher zu seyn, dass nicht vergebens gearbeitet worden, so muss ich mir selbst erst beweisen, dass der Weg richtig ist. – Geht mein oben vorgeschlagnes Herabsteigen nicht; u. warum nicht?“ (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, ebd. GA II, 3, S 186)

2) Das Hinaufsteigen war in der Philosophiegeschichte stets ein analytisches Zerlegen und Zergliedern. KANT erklärt in seinen PROLEGOMENA sein geübtes Verfahren im Gegensatz zum synthetischen Verfahren als das „analytische Verfahren, (…) dass man von dem, was gesucht wird, als ob es gegeben sei, ausgeht und zu den Bedingungen aufsteigt, unter denen es allein möglich ist“. Die analytische Methode „könnte besser die regressive Lehrart zum Unterschiede von der synthetischen oder progressiven heißen“ (Proleg. § 5 Anm).2

Die im analytischen Vorgehen mitzubedenkende Synthesis, so erkennt FICHTE, bezieht sich auf beide „Teile“ der theoretischen wie praktischen Vernunft. Er möchte m. a. W. in seiner analytisch-synthetischen Methode alles in die Einheit des Ichs (der Ichheit) hineinsammeln (synthetisieren), auch das Nicht-Ichliche, und zugleich möchte er auch den konkret-realen, auf die Existenz gehenden Zusammenhang alles Wissen nicht aufgeben. Um der freien Realisationsmöglichkeit des Ichs willen darf das Nicht-Ich, vorallem nicht im personalen Sinne, aufgegeben und vernichtet werden 

3) Wenn das Ich im Sinne des 1. Grunsatzes der GRUNDLAGE  die absolute Wertfülle der Realität sein will und nun für das endliche Ich ein Nicht-Ich auftritt, dann äußert sich Wille als derjenige, der das Nicht-Ich, insofern es eine Wertminderung darstellt, nicht will. (R. LAUTH sprach vom me-ontischen Charakter des Nicht-Ich). Der Wille geht dagegen an bzw. setzt in der Interpersonalität andere Freiheit voraus. Das bedeutet,  dass das Ich von der Intentionalität her gesehen ununterbrochen über seine endliche Defizienz hinausgeht, um seine unendliche Wertfülle zu realisieren. In diesem ununterbrochen Herausgehen aus dem einen Zeitmoment in einen anderen Zeitmoment entsteht die Zeit. M. a. W., falls man abstrakt unterscheiden will, im analysierenden Verfahren wird unterschieden, im synthetisierenden Verfahren wird bezogen – und die synthetische Methode folgt dem analysierenden Erkenntnisakt auf dem Fuße. Das synthetische Verfahren, ineins mit dem analytischen Verfahren gesehen, kann, wie folgt, weiter expliziert werden a) auf der theoretischen Ebene des Vorstellens und b) auf der praktischen Ebene des Handelns und Wollens.

Ad a) Mit dem geistigen Vorstellen ergibt sich eine geistige Realität und Anschauung, wie sie in der Geometrie und Mathematik anerkannt ist. EUKLID hat dieses synthetische Verfahren zusammengefasst und in langer Tradition wurde es in Lehrbüchern immer wieder tradiert: R. LAUTH, dem ich meinen Zugang zu FICHTE verdanke, hat es in einem Beispiel einmal so erklärt: (Nach einer Vorlesungsmitschrift): Wir setzen z. B. zwei Linien an, sie treffen in einem Punkt zusammen und bilden einen Winkel, und ausgehend von den zwei Linien und einem bestimmten Winkel konstruiere ich mittels einer dritten Seite – den Begriff des Dreiecks. Habe ich das Dreieck synthetisch-begrifflich entworfen, kann ich es in weiterer Folge arithmetisch nach den Punkten analysieren. Die einzelnen zwei Linien und der Punkt setzen dabei synthetisch die Anschauung des Raumes voraus. Jedes begriffliche Moment (ein Punkt, eine Linie) hat in einem allgemeinen Bereich von Begrifflichkeit schon seinen bestimmten Ort und seine begriffliche Ortstelle, und, wenn das der Fall ist, ist der Begriff durch Allgemeinheiten so verbunden, dass ich konstruierend einen anderen Begriff erschließen kann. Der Begriff eines Punktes, zweier Linien und eines Winkels ergibt den Begriff eines Dreiecks, wenn ich ihn konstruiere. Durch den gesetzlichen Ort der gedachten Linien und des Punktes ergibt sich in einem verstandeslogischen Sinn der neue Begriff und die Anschauung Dreieck. Abgesehen von den Stücken, die ich als Konstruktionsstücke oder Hilfsstücke vielleicht noch angesetzt habe, geschieht immer etwas Grundsätzliches: Ich antizipiere bereits die Gestalt, die herauskommen soll, entwerfe hierbei auch die analytischen Lösungsbedingungen, entwerfe Zeit und Raum, und lasse dann die Synthesis als Probe und als Bewährung der Vorstellung folgen. Die Probe und Bewährung führt in der Geometrie und Mathematik anschaulich den Beweis mit sich.

Was für diese kleinen Bereich der geometrischen und mathematischen Synthesen gilt – wobei man ja fragen kann, worin werden die euklidischen Definitionen, Postulate und Axiome begründet, wenn nicht transzendental im Wissen – , gilt prinzipiell für das alltägliche Erkennen und für das praktische Wollen und Handeln. Ich muss mein Wollen widerspruchsfrei wissen und wollen (einschauen) können, ehe ich zum Handeln fortschreite – und dies ist immer schon ein synthetischer Akt des Erkennens.

Nun wird die Philosophie die mitlaufenden Konstitutionsakte eines geistigen Gebildes selbstkritisch auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin überprüfen und festhalten und darf den Gegenstand der Erkenntnis nicht einfach objektivistisch voraussetzen, sei es materialistisch oder idealistisch. Sie wird im analytischen Vorgehen stets auch die synthetischen Lösungsbedingungen mitbedenken. Das synthetische Verfahren muss dabei, in Anlehnung DESCARTES gesagt, klar, durchsichtig, vollständig und in einem System geschlossen sein (siehe z. B. „Regeln des Verstandes“ u. a. Schriften). Mit M. GERTEN gesprochen,„Die Deduktion ist dann die folgerichtig geordnete Entwicklung einer Kette von Urteilen, die zusammen ein Argument, einen Beweis (im weiteste Sinne) bilden.“3

Ad b) Die Synthesis auf der praktischen Ebene des Wollens und Handelns:  4

Das reflexive Ich-Bewusstsein, worin vorstellendes Ich und vorgestelltes Nicht-Ich in einer höheren Einheit gesetzt sind, ist aber nicht nur ein vorstellendes, theoretisches Wissen (wie die Mathematik oder jede Feststellung des Faktischen), sondern ineins damit praktisches Handeln und Wollen. Die Vorstellungen im Bewusstsein sind in irgendeiner Weise immer praktisch-existentieller Natur. Sie sind gesetzt in einer Existenzbehauptung  des „Ich bin“. Kraft der theoretischen Reflexivität des Wissens könnte das Ich, nach den bisherigen Ausführungen und Beispielen nach EUKLID, nur eine formelle Wissenseinheit erzeugen, aber die Sich-Bezüglichkeit des Wissens hat wesentlich praktisch-existentielle Bedeutung. Eine bloß vorgestellte Einheit des Wissens ist keine. Das ursprüngliche Wissen ist formale wie materiale Sich-Bezüglichkeit.

Der Begriff der Synthesis verlangt deshalb nach einer näheren Bestimmung: Ich möchte nochmals unterschieden zwischen einer a) Synthesis für die höchste Ich-Einheit und einer b) Synthesis im angewandten Fall einer Realisierung im Vorstellen, Wollen und Handeln. Ich nenne die erstere „höhere“, die andere „niedere“ Synthesis – wobei sie im realen Vollzug natürlich nicht getrennt sind.

4) Zuerst zur niederen Synthesis“. Nochmals das Zitat vom 2. Teil seiner Vorarbeiten zur WL:

Aber 2.) ich bin auf diese ganze Theorie bloß durch ein Ohngefähr, u. gegen meine vorherige Absicht verschlagen worden. Um sicher zu seyn, dass nicht vergebens gearbeitet worden, so muss ich mir selbst erst beweisen, dass der Weg richtig ist. – Geht mein oben vorgeschlagnes Herabsteigen nicht; u. warum nicht?“ (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, ebd. GA II, 3, S 186)

Die via demonstrationis, die Synthesis als Probe der vorhergehenden Analysis, kommt hier in seiner praktischen Bedeutung zur Geltung: Denn alle Empfindung bzw. die darin enthaltene geistige Intention, ist nur möglich kraft einer Synthesis von (zu postulierendem) reinem Wollen und empirischem Wollen.

Dabei muss ausgegangen werden – weil das Nicht-Ich ja teilkonstitutiv bleibt für das Bewusstsein – eine Vorgegebenheit a) des einzelnen Gefühls selbst, b) die Verschiedenheit der Gefühles zwecks gegenseitiger Abgrenzung und Bestimmung –  und c) die systematische Ordnung der Sinnesgefühle kraft einer Rezeptivität, worin die Sinnesempfindungen apriorisch geordnet werden mittels Motorik, Sensorik und Organizität.5

Das reine Streben setzt zwar einen absoluten, vollkommenen Inhalt voraus, da es sich aber bezieht auf die wirkliche Existenz, kann es logisch nach dem Widerspruchsprinzip und appositionell nach der Zeit- und Raumanschauung diesen Inhalt nicht auf einmal realisieren, sondern nur diskursiv und in synthetischen Schritten. Die Lösungsbedingungen des mit dem Wollen gesetzten Streben sind deshalb nicht analytisch schon vorgegeben, sondern müssen synthetisch erst gefunden werden: was entspricht dem intentionalen Streben des Ichs, was entspricht einem Gleichgewicht von Streben und entgegengesetzter Hemmung, und was entspricht dem Streben des Ichs nicht. Das intentionale Streben des Ichs kann das nicht (wie ein göttlicher Verstand) vorher wissen, sondern bleibt auf die aposteriorische Seite des Nicht-Ichs verwiesen. (Wie es auch im theoretischen Teil des Vorstellens das Nicht-Ich nicht logisch vernichten kann.) Es kann nicht einfach begrifflich-logisch „herabgestiegen“ werden (mittels analytischer Begriffe). Das „Herabsteigen“, wie FICHTE oben verkürzt meinte im Sinne eines bloß begrifflichen Denkens ohne aposteriorische Erfahrung und ohne reflexive Bewährung, das ließe die Synthesis völlig leer erscheinen.
Das formal unableitbare Nicht-Ich behält auch im praktischen Teil eine unableitbaren Gehalt, wiewohl dieser Gehalt (auf dieser Ebene) praktisch-existentiell gefühlt wird bzw. unter Umständen durch Willensanstrengung sogar verändert werden kann, zumindest was die innere Einstellung betrifft.

5) Dazu seien noch einige Bemerkungen erlaubt: Rein vom didaktischen Vorgehen her will FICHTE den Mitdenkern seiner Philosophie selber die Geistes- und Gedankenschritte nachvollziehen lassen, damit er/sie selbst die höchste analytisch-synthetische Einheit der Erkenntnis einsehen könne. Der Mitvollzug, die „intellektuelle Anschauung“ des vom Philosophen vorgeschlagenen Denkaktes, ist bereits konstitutive Bedingung, die Einheit von Wissen und Sein erreichen zu k önnen. Der Prozess ist eine interpersonale Aufforderung zu einem freien Handeln. Ohne diesem freien Handeln sind weder die synthetischen Lösungsbedingungen noch die Grundanalysis des sich wissenden Wissens erkennbar. FICHTE wählt als einfachstes Prinzip die „notion“ des Widerspruchsprinzips, um jeden Mitdenker so klar wie möglich auf den Weg zur höchsten Einsicht mitzunehmen. In der begrifflichen Wesensgesetzlichkeit des Widerspruchs liegen die synthetischen Lösungsbedingungen der Aufgabe. Weil der Widerspruch gedacht werden kann, muss er auch auflösbar sein. Die analytisch-synthetische Methode, sei es im Bereich der rein geistigen Anschauung wie in der Mathematik oder Geometrie, oder im Bereich der sinnlichen Anschauung, bezeugt von sich her bereits, dass wir nicht auf einen Schlag die Totalität der Realität erfassen können und sollen, sondern nur sukzessive, diskursiv und synthetisch. Wir sind zwar reflexive Vernunft und insofern von der formalen Einheit des Wissens her schon konstituiert, doch im interpersonalen und sinnlichen Vernunftakt sind wir augenblicklich eingeschränkter Vernunftakt, verobjektiviertes Wissen.

FICHTE ist sich wohl der analytischen Tradition bewusst, und großteils wirkt alles wie eine analysierendes Vorgehen, aber das zeitliche Apponieren von mehreren Lösungs-Setzungen und deren dynamische Vermittlung in einer zeitlich und räumlich gedachten Erkenntnisordnung, ist als synthetischer Akt aufgezwungen. Es wird synthetisch-analytisch verfahren, weil zu eigenen Bedingungen der Freiheit die Intuition der Wahrheit und die Lichtheit des Wissens abgebildet werden soll.

6) Jetzt noch zur höheren Synthesis: Die Crux in den ersten Schriften FICHTES ist ja, dass methodisch ein Gegensatz von Ich und Nicht-Ich angesetzt ist, wo doch schlussendlich dieser Gegensatz in einer transzendentalen Sichbezüglichkeit des Wissens aufgelöst werden soll. Fragt sich nur, wie das gemeint ist!

In den EIGNE MEDITATIONEN und in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE – wohlgemerkt als Vorform der späteren Wln – geht das dogmatisch-realistische Element und das transzendentale Element einer reinen Selbstbeziehungslehre noch durcheinander. Es finden sich Stellen wunderbarer transzendentaler Einheit in der Selbstbezüglichkeit des Ichs – dem folgt wieder ein realistisch/idealistisch angesetztes Nicht-Ich. Das Schöne ist, dass uns FICHTE einen introspektiven Einblick in sein lebendiges Denken gewährt – und zu gegebener Zeit offen einen Fehler korrigiert. Man kann ihm im Denken richtig zuschauen.

Die reine Selbstbezüglichkeit des Wissens kann offensichtlich nicht eine rein analytische Einheit sein – obwohl das analytische Element nie fehlen darf – sie müsste zugleich partialisierend in sich eine Einheit erkennen lassen, die höherwertig, vom „absoluten Ich“ her in einem selbst erscheinenden, selbstbegründendem Gehalt, (synthtisch) erkennbar ist – die von mir so bezeichnete „höhere“ Synthesis. Letzterer Ausdruck vom „absoluten Ich“ kommt nämlich bereits in dieser Frühschrift eines „Ich absolutum“ vor! (GA II, 88 Z 29 und mehrmals bis Seite 91) Nolens volens möchte ich sagen, da FICHTES Ausgangspunkt eigentlich der kantische Ich-Begriff war; der transzendentale Gedanke trieb ihn von selbst vom kantischen Ich-Begriff zur höchsten Synthesis des „Ich absolutum“.
Damit zusammenhängend ist, dass die transzendental-deduktive Folgerung, wiederum als synthetisches Vorgehen von Lösungsbedingungen gesehen, vorallem im praktischen Bereich ganz deutlich als übergehender Wille oder einsichtige „Darstellungskraft“ (ebd., GA II, 89) bezeichnet wird. (Ebenso beinhaltet selbstverständlich die Vorstellung bereits diese innere Vorstellungs-Kraft!)

Discursiv- Was ist denn eigentlich, die reine Einbildungsskraft? Das Subjekt bestimmt sein eignes Seyn in einem Accidens seiner selbst. Nur ist die Frage was heißt bestimmen? – Das Subjekt ist thätig; es ist selbstständig: es hat also Kraft. – Das Subjekt ist (für sich) vermöge seines Seyns: es ist sich selbst Ursache, u. Wirkung seines Seyns: – Dies geschieht durch ein Thätig seyn, dieses Thätig seyn ist Ursache des Seyns, von welchen es doch auch Wirkung ist; dieses Handlung heißt (Darstellen) sich selbst als selbst im Daseyn setzen; u. Die Kraft: Darstellungskraft.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 89).

Die höhere Synthesis ist eine Darstellungskraft, Veräußerung- und Versinnlichungskraft, weil deren Kraft und übergehender Wille und Licht vom „Ich absolutum“ selber ausgeht.

7) Insofern FICHTE sich mehr und mehr hineinarbeitet in die synthetische Beziehung von Ich und Nicht-Ich, rückt der Übergang vom theoretischen zum praktischen Bewusstsein ja immer weiter hinauf; es droht ihm ein unendlicher Regress in einem supponierenden Verfahren der Synthesis. Deshalb muss er eine Einheit postulieren, die nicht bloß formal eine Letztbegründung ist, sondern in und aus der die Gegensätze einsichtig hervorgehen, d. h. genetisch hervorgehen. Es muss eine analytisch-synthetische Einheit sein, worin die Ursache zugleich ihre Wirkung ist, der Grund zugleich das Sein seiner selbst.
Wie kann das aber wiederum transzendental im Wissen gesetzt werden, ohne es einfachhin so zu behaupten? Die Frage ist, wie in der Spontaneität selbst ein Grund einer beschränkten Handlung des Ichs gedacht werden muss, sodass das Ich modal notwendig analytisch-synthetisch sich vollzieht. FICHTE reflektiert das oftmals im praktischen Teil.

Das Streben ist zwar als reines Streben unabhängig von allen Hemmungen und Aufforderungen zu sehen, „(…) schlechthin unabhängig.“ (ebd. PRACTISCHE PHILOSOPHIE, ebd. S 186); „Also es ist ein Streben ohne Zwek“ (ebd.)“, aber ohne konkrete und vorgestellte Grenze dieses unendlichen Strebens wäre keine Vergleichbarkeit des Strebens mit sich selbst gesetzt, mithin überhaupt keine Vorstellung gesetzt, kein Bewusstein.

Das reine Streben geht darauf aus, wie es kurz vorher an dieser Stelle heißt, „das Nicht-Ich abhängig vom Ich zu machen“ (ebd. S 187), aber es soll darin zu keinem Charakter eines theoretischen Ursache-Wirkung-Verhältnisses kommen, wie es im 1. Teil der EIGNE MEDITATIONEN aufgestellt wurde; das Streben soll keine „transitive Wirkung“ (ebd. S 189) haben. „Das Streben geht auf ein Wirken außer dem Ich“ (ebd.) d. h., die Selbsttätigkeit es Ich, wenn es gesetzt sein soll, ist um seiner selbst willen gesetzt und soll sich um seiner selbst willen realisieren, sobald es sich aber realisiert, tritt theoretisch notwendig die Grenze des Nicht-Ichs dazuwischen, das es in weiterer Folge aufhält, und das Streben geht zu einer verzeitigenden Appositionsordnung über, sodass es sich nur bedingterweise kraft der Grenze realisieren kann. Mit der Forderung der Verichlichung des Nicht-Ich ist aber der Sinn der Zeit angesprochen: die real-ideale Zeitreihe (und der Raum wäre analog dazu zu bestimmen) ist die Realisierungsforderung und Sinn-Forderung der analytischen und synthetisch-postulierten Einheit des Ichs. Die Zeit und Geschichte wird damit nicht zum Hindernis einer nicht einsehbaren unmittelbaren Einheit und Gewissheit der Wahrheit, vielmehr zum unmittelbaren Ausdruck und zum Prüfstein einer Idee, inwiefern der Realisierungsforderung entsprochen wird oder nicht. Zeit und Geschichte wird eine appositionelle Synthesis, einteilbar in verschiedene dynamische Einheiten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in der die unerschöpfliche Quelle der Lichtheit und Wahrheit eines materialen Sollens aufleuchtet.6 Die Zeit und Geschichte wird selber zu einer Art von Gericht und Entscheidungszeit und Erscheinungszeit für das reflexive Ich. Dies besagt zwar reflexiv eine zeitliche Unabschließbarkeit der synthetischen Setzungen, im material-sittlichen Wollen vermag aber sehr wohl das reine Wollen einzutreten und das sittliche Ich innerlich zu erfüllen (in einer unerschöpflichen Quelle des Sinns und der Verichlichung und Vereinigung mit einem ichlichen Nicht-Ich.).

 

© 20. 10. 2015 Dr. Franz Strasser

 

1Zur historisch-kritischen Einordnung dieser Vorformen der WL siehe das Vorwort in der GESAMTAUSGABE, Nachgelassene Schriften, Bd. II/3. Diese beiden Manuskripte sind eine Fundgrube philosophischen Neuanfangs und nehmen teilweise Fragen vorweg, die in der GRUNDLAGE von 1794/95 nicht mehr so deutlich ausgedrückt sind.

2Zu den Termini: In der Tradition wurde der Terminus bzw. die Methode der „analysis“ auch mit resolutio, divisio, reductio, regressus, via inventionis, ars inveniendi beschrieben. Der Terminus „synthesis“ wurde auch als compositio, ascensio, deductio, via iudicii, via demonstrationis umschrieben.

3 M. GERTEN, Wahrheit und Methode bei Descartes, Hamburg 2001, S 336. Die Methode bei DESCARTES ist in vielem auf FICHTE übertragbar.

4Im alltäglichen und praktischen Leben wird die Verfahrensweise meist nicht nach expliziten analytischen Lösungsregeln erfolgen, aber praktisch werden immer Lösungsbedingungen angesetzt, die das Ziel erreichen zu können glauben.

5 Käme ich zu einer letzten Einheit von Ich und Nicht-Ich in einem mir genehmen, widerspruchsfreien Wollen und könnte ich das synthetisch auf die ganze Wirklichkeit als Wissen übertragen, ergäbe das entweder einen göttlichen Verstand, der setzt, was er vorstellt, und vorstellt, was er ist – oder es wird eine bloß herbeiphantasierte Vorstellung, ohne Gehalt und ohne Wahrheit.

 

6Ist der Zweck des Strebens selbst ein Streben, u. kann er kein andrer seyn, so wird dadurch das Ziel des Strebens, die endliche Kausalität auf das Nicht-Ich, in die Zukunft gesezt. Die Zukunft wird, nicht theoretisch, sondern ästhetisch, vergegenwärtigt.“ (ebd. S 189)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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