Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 1. Anfrage.

Charles Sanders Peirce (1823 – 1914) Neue Elemente, in: Zeichen über Zeichen. Texte zur Semiotik von Peirce bis Eco und Derrida. Hrsg. v. Dieter Mersch, 1998, 37 – 56.

1. […] Ein Zeichen ist mit der » Wahrheit«, d. i. mit dem ganzen Universum des Seins oder, wie manche sagen, mit dem Absoluten auf drei verschiedene Weisen verknüpft. Erstens ist ein Zeichen kein wirkliches Ding. Es ist so beschaffen, dass es in Replikas existiert. Man schaue auf eine Druckseite, und jedes »der«, das man sieht, ist dasselbe Wort, jedes »e« derselbe Buchstabe. Ein wirkliches Ding existiert nicht auf diese Weise in Replikas. Das Sein eines Zeichens ist bloss ein Dargestelltsein. (Hervorhebung von mir) Nun sind wirklich Sein und Dargestelltsein sehr verschieden. Wenn man dem Wort Zeichen den vollen Umfang gibt, der ihm für logische Zwecke vernünftigerweise zukommt, dann ist ein ganzes Buch ein Zeichen; und eine Übersetzung davon ist eine Replika desselben Zeichens. Eine ganze Literatur ist ein Zeichen. (…)“ (S 37)

Richtig, das Bild ist nicht das Sein selbst, damit es aber Bild des Seins sei (Zeichen) bedarf es der genetischen Einsicht, wie der Begriff eines Bildes (Zeichen) gebildet wird. Ch. S. Peirce beschreibt das Zeichen, aber gibt keine Ableitung. Er nennt es „Replika“, d. h. in Nachbildungen existierend, und das dahinterliegenden Dispositiv (Foucault) ist das aristotelische Denken eines logischen Universums.

Der Satz »Roxana war die Königin Alexanders« ist ein Zeichen von Roxana und von Alexander, und obwohl der grammatische Nachdruck auf dem ersteren liegt, ist der Name » Alexander« logisch gesehen ebensogut ein Subjekt wie der Name »Roxana«; und die wirklichen Personen Roxana und Alexander sind wirkliche Objekte des Zeichens. Jedes hinlänglich vollständige Zeichen bezieht sich auf verschiedene wirkliche Objekte. All diese Objekte sind, selbst wenn wir von Hamlets Geisteskrankheit sprechen, Teile von ein und demselben Universum des Seins, der » Wahrheit«. Aber insofern die „Wahrheit“ bloß das Objekt eines Zeichens ist, ist es dessen Aristotelische Materie, die dieses Objekt ist.

Meine transzendentale Interpretation von Peirce: Der Begriff des „Zeichens“ oder das Wissen vom Zeichen scheint ein Akzidenz des blind vorausgesetzten „logischen“ Vollzugs zu sein, wobei aber diese Logik selbst keine Rechenschaft zu geben vermag über ihre Gültigkeit und Wahrheit.  Nun sind manche von Peirce verwendeten Begriffe wie Materialität, Kausalität, Pflanze, Tier, Mensch etc. tatsächlich apriorisch und könnten! in ihrem Seinsvollzug als wahr eingesehen werden – nur kommt es nie zum Begriff und zur Begründung und Rechtfertigung dieser apriorischen Begriffe, inwiefern sie mit den genannten Dingen übereinstimmen. Sie werden als wahr und identisch mit den Dingen bzw. objektivistisch vorausgesetzt. 

Die „logischen Zwecke“ des Zeichens („Wenn man dem Wort Zeichen den vollen Umfang gibt, der ihm für logische Zwecke vernünftigerweise zukommt…“ ) und die spätere Klassifikation der Zeichen in Ikon, Index und symbolisches Zeichen geben keine Rechenschaft über ihr Zustandekommen und der von ihr verwendeten Elemente.

Global gesprochen: dieser gewaltige Anstoß der Logik, der von Aristoteles gesetzt wurde, die Analytik von Begriff, Urteil, Schluss, das alles ist gut erfunden, damit die Wirklichkeit irgendwie bewältigt werden kann, aber ein deduktives Verfahren ist es nicht, wie nämlich z. B. der in Frage stehende Begriff eines Subjekts oder Objekts überhaupt gebildet werden kann bzw. wie der Bedingung der Möglichkeit nach das Ist-Sagen im Urteil geschieht.

Dass das begriffliche und satzlogische Konstruieren einer Aussage nur Nach-Konstruktion und Folgeleistung eines höheren Gesetzes ist, nämlich des Bewusstseinsgesetzes der Reflexion und des Reflexes überhaupt, das wird durch die weitere kritische Reflexion von Aristoteles Aussagen (transzendental) sogar teilweise eingeholt, aber nur teilweise! Die „Wahrheit“ wird differenziert abgehoben von einem bloßen „Objekt eines Zeichens“,  aber schlussendlich dringt die Reflexion nicht durch zur ideellen Wahrheit eines genetischen Wissens, woraus Subjekt und Objekt und das gebildete Zeichen abgeleitet werden können. Es entfällt total die genetische Sinnbestimmung der Sprache und damit die bewährende Einheit eines Zeichens. Wenn das Objekt angeblich zuerst die „Aristotelische Materie“ sein soll, so nimmt es im nächsten Atemzug doch substantielle Wahrheit an, weil die Zeichen (das Symbol, der Interpretant) ja direkt auf Eigenschaften und Qualitäten verweisen. Woher jetzt diese Substanz und die qualitative Auszeichnung? Kann etwas Materielles  eine Substanz sein und eine Qualität und kann es zu einem Zeichen werden? 

Zusätzlich dazu (sc. ich deute das als „zweitens“), dass es Objekte benennt, bezeichnet jedoch jedes hinlänglich vollständige Zeichen noch Eigenschaften oder Qualitäten. In jeder erfahrungsmäßigen Reaktion, sei es die einer Wahrnehmung oder die einer Ausführung (die eine ist theoretisch, die andere praktisch), haben wir ein unmittelbares Wissen von wirklichen Objekten. (S 37)

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Diese sind unmittelbar hier und jetzt. Doch wir weiten die Kategorie aus und sprechen von unzähligen wirklichen Objekten, mit denen uns keine unmittelbare Reaktion verbindet. Wir haben auch unmittelbares Wissen von Qualitäten im peripheren oder viszeralen Empfinden. Doch wir dehnen diese Kategorie auf zahllose Eigenschaften aus, von denen wir kein unmittelbares Bewusstsein haben. All diese Eigenschaften sind Elemente der » Wahrheit«. Jedes Zeichen bezeichnet die » Wahrheit«. Aber es ist nur die Aristotelische Form des Universums, die es bezeichnet. Dem Logiker geht es nicht um irgendeine metaphysische Theorie, und womöglich noch weniger geht es dem Mathematiker darum. Aber es ist überaus bequem, uns in den Begriffen einer metaphysischen Theorie auszudrücken. Wir verpflichten uns nicht mehr zu ihrer Anerkennung, als wir es tun, wenn wir Substantive wie »Menschheit«, »Verschiedenheit« usw. benutzen und von ihnen sprechen, als wenn sie Substanzen im metaphysischen Sinn wären. (S 38)

Das ist m. E. ohne erkenntniskritische Begründung, purer Sensualismus.  Peirce bezeichnet das selbst eine „metaphysische Theorie“, „bequem“ zu gebrauchen. Wozu braucht er diese realistische (materialistische) Voraussetzung? Um eine Adäquationstheorie (Korrespondenztheorie) des Wahrheitsbegriffes zu erreichen, die Identität von Zeichen und Objekt? Diese Übereinstimmung liegt natürlich dem ganzen Wirklichkeitsbegriff der aristotelischen „Entelechie“  zugrunde, aber bitte, das ist schön ausgedacht! Siehe online-Hinweis: Historisches Wörterbuch der Philosophie online Link.

Drittens jedoch ist jedes Zeichen dazu gedacht, ein Zeichen desselben Objekts mit derselben Bezeichnung oder Bedeutung zu bestimmen. Jedes Zeichen B, das von einem dafür geeigneten Zeichen A ohne Verletzung seines, A’s, Zwecks, d. h. in Übereinstimmung mit der » Wahrheit«, auf diese Weise bestimmt wird, obwohl es, B, nur einen Teil der Objekte des Zeichens A benennt und nur einen Teil seiner, A’s, Eigenschaften bezeichnet, jedes solche B nenne ich einen Interpretanten von A. Was wir eine »Tatsache« nennen, ist etwas, das die Struktur einer Aussage hat, aber als Element des Universums selbst anzusehen ist. Zweck jedes Zeichens ist es, eine » Tatsache« auszudrücken und in der Verknüpfung mit anderen Zeichen so weit wie möglich an die Bestimmung eines Interpretanten heranzukommen, der die vollkommene Wahrheit, die absolute Wahrheit und als solche (zumindest dürfen wir uns dieser Sprache bedienen) das Universum selbst sein würde. Aristoteles sucht nach einem Begriff von Vollkommenheit oder Entelechie, den es ihm jedoch nie gelingt klar zumachen. Wir können dieses Wort übernehmen, wenn wir genau diese Tatsache, d. h. das ideale Zeichen, meinen, das ganz vollkommen und mithin mit der benannten Materie, vereinigt mit der von ihm bezeichneten Form, identisch sein sollte – in einer Weise von Identität, wie sie ein Zeichen eben haben kann. Die Entelechie des Universums des Seins, das Universum als Tatsache, ist also das Universum in seinem Zeichenaspekt, die » Wahrheit« des Seins. Die » Wahrheit«, die Tatsache, die nicht abstrahiert, sondern vollständig ist, ist der letzte [ultimate] Interpretant jedes Zeichens.“ (S 38.39)

Um die Adäquation von Denken und Sein, Zeichen und Objekt, begreifen zu können ohne Ableitung der Vernunftgesetze und der kategorialen Erkenntnisbedingungen, das sei Peirce hier geschenkt – zumal m. E. das Denken nicht beliebig, nominalistisch verfährt, sondern sich nach den Verfahrensregel der ursprünglich produktiven Einbildungskraft richtet. Nur bleibt zu erwarten, wie Peirce die Übertragung der Zeichen auf die Objekte begründet bzw. die Erkenntnisbedingungen und Seinsbedingungen zusammenbringt?  Der „Interpretant“ des Zeichens wird ausgelagert auf eine ratio essendi des Seins, aber woher diese ratio? Woher weiß der Interpretant B, dass das zu bezeichnende A ist bzw. das A  ein Element des Universum? Die Aussage des B muss sich bewähren, aber der Bewährungsgrund muss sowohl in B wie in A liegen. Kann der Entelechiebegriff das leisten? Peirce setzt projiziertes Sein idealistisch im Interpretanten an – und zugleich realistisch ein symbolisches Dargestelltsein in der Wirklichkeit (dem logischen Universum), und identifiziert beide in einem unausgewiesenen Denkakt.  Zu einem echten empirischen Begriff (oder zur Form einer bildhaften  Metapher) kann er schlussendlich aber nicht kommen, denn er kennt kein schöpferisches Prinzip dafür. Sein „schöpferisches“  Prinzip ist ein blasses Prinzip einer bloß reflexiven,  denkerischen Vermittlung, wie er selbst zum Schluss dieser 20 Seiten sagt, „Nachdem dann die reine Unbestimmtheit bestimmte Möglichkeiten entwickelt hatte, bestand die Schöpfung in der Vermittlung zwischen den gesetzlosen Reaktionen und den allgemeinen Möglichkeiten durch das Einfließen eines Symbols. Dieses Symbol war der Zweck der Schöpfung….“ (ebd. S 56)

2. Die erste der beiden großen Aufgaben der Menschheit, Theorie und Praxis, nimmt ihren Anfang beim Zeichen eines wirklichen Objekts, mit dem sie vertraut ist, geht von dieser seiner Materie zu aufeinanderfolgenden Interpretanten über, die immer vollständiger seine Form verkörpern, wobei sie wünscht, endlich zu einer unmittelbaren Wahrnehmung der Entelechie zu gelangen. (S 39)

Ich bezeichne das als realistische Wahrnehmungstheorie, wobei nicht zu wissen ist, ob in der sinnlichen Wahrnehmungs die Erkenntnis der Entelechie schon verborgen enthalten ist, oder ob umgekehrt, die Erkenntnis der Entelechie, die ich wohl als geistige annehmen muss, die sinnliche Wahrnehmung begründet. („Die zweite dagegen, die von einem Zeichen ausgeht, das eine Eigenschaft, von der sie eine Idee hat, bezeichnet, geht von dieser seiner Form zu aufeinanderfolgenden Interpretanten über, die immer genauer seine Materie verkörpern, wobei sie hofft, schließlich in der Lage zu sein, eine direkte Anstrengung zu unternehmen, welche die Entelechie hervorbringt.“) 

Den nächstfolgenden Absatz würde ich gnädig beurteilen, weil zu dieser Zeit der Abfassung die strengen wissenschaftstheoretischen Kriterien eines deduktiv-nomologischen Systems, wie es Hempel-Oppenheim entwickelt haben, noch nicht zur Debatte standen: Ein Explanandum ist zu erreichen durch ein Explanans eines nomologischen Gesetzes und gewissen Randbedingungen, damit eine guter, relevanter Grund einer „wissenschaftlichen“ Erklärung geboten werde kann. Um diese „wissenschaftliche“ Erklärung geht es Peirce nicht, sondern er bringt die kategorialen Grundsätze der Erfahrung ein, wonach die Interpretation und Bedeutung einer Wirkursache apriorisch vorgegeben sind. Die Logik macht sich keine Erklärung über ihre Begriffe, woher und wie Antezedenz oder Konsequenz entstehen. Bei Peirce  wird die Konsequenz „ungenau“ (S 39) bezeichnet, aber die Beziehung zueinander ist eine „gedankliche Verwechslung“. Diese Idee finde ich transzendental richtig, aber wie kommt der menschliche Geist notwendig auf diese Verwechslung?

Angesichts dieser beiden Bewegungen zieht es die Logik sehr richtig vor, die Theorie als die primäre zu nehmen. Sie spricht von einem Antezedens als von etwas, dessen Kenntnis dazu führt, dass etwas anderes, das Konsequens, ebenfalls erkannt wird. In unserer Umgangssprache wird das letztere ungenau als eine Konsequenz bezeichnet, ein Wort, das die präzise Terminologie der Logik derjenigen Aussage vorbehält, welche die Beziehung irgendeines Konsequens zu seinem Antezedens ausdrückt, bzw. derjenigen Tatsache, welche diese Aussage ausdrückt. Der Begriff der Beziehung zwischen Antezedens und Konsequens läuft deshalb auf eine gedankliche Verwechslung zwischen dem Bezug eines Zeichens auf seine Bedeutung, der Eigenschaft, die es seinem Objekt zuspricht, und seinem Rekurs auf einen Interpretanten hinaus. (S 39)

M. E. verfällt Peirce unkritisch in eine realistische Theorie: Er erkennt die transzendental-kritische „Verwechslung“, die zwischen den präzisen, logischen Verhältnissen und deren realistischer Interpretation verläuft, d. h. es wird nicht wirklich die Beziehung zwischen Antezedens und Konsequenz beobachtet, sondern nur die Bedeutung eines Zeichens festgelegt, nichtsdestotrotz liegt die logische Bedeutung aber wieder außerhalb des Bezeichnens, irgendwo in der aristotelischen Entelechie. Das bleibt die substantielle, „realistische“ Grundlage.

Das erstere (sc. Die logische Beziehung zwischen Antezedens und Konsequenz) hiervon ist jedoch das wesentlichere. Die Erkenntnis, dass die Sonne alle vierundzwanzig Stunden (Sternenzeit) immer ungefähr einmal aufgegangen ist, ist ein Zeichen, dessen Objekt die Sonne ist; und (richtig verstanden) ist das Aufgehen der Sonne morgen früh ein Teil dessen, was es bezeichnet. Die Beziehung eines Antezedens zu seinem Konsequens ist in ihrer Verwechslung der Bezeichnung mit dem Interpretanten nichts als ein Spezialfall dessen, was in jeder Einwirkung eines Dinges auf ein anderes geschieht, doch so modifiziert, dass sie nur eine Sache des Dargestelltseins statt des wirklichen Seins ist. (S 39.40)

Wie im deduktiv-nomologische Modell d. 20. Jhd. zwecks „wissenschaftlicher“ Erklärung ein allgemeines, nomologische Erklärungsgesetz (zu den empirischen Randbedingungen) explizit reflektiert worden ist, so möchte Peirce ein allgemeines, pragmatisches Gesetz des Bezeichnens und Darstellens der Objekte angeben können, „was in jeder Einwirkung eines Dinges auf sein anderes geschieht, doch so modifiziert, dass sie nur eine Sache des Dargestelltseins statt des wirklichen Seins ist.“ (S 40) Sie  ist die darstellende Einwirkung [representative action] des Zeichens auf sein Objekt. Denn immer, wenn ein Ding auf ein anderes einwirkt, bestimmt es in diesem anderen eine Qualität, die sonst nicht dagewesen wäre. In der Umgangssprache nennen wir eine Wirkung oft eine »Konsequenz«, weil das, was wirklich existiert, richtig dargestellt werden kann. Aber wir sollten es ablehnen, ein bloßes logisches Konsequens eine »Wirkung« zu nennen, weil von dem, was bloß – wie legitim auch immer – dargestellt ist, nicht gesagt werden kann, es existiere wirklich.

Dass die Logik selbstverständlich keine Existenzaussagen machen kann, leuchtet ein, doch ist dieser allgemeine Einwand hier unangebracht, denn es geht um die philosophische Grundsatzerklärung, ob es überhaupt eine „darstellende Einwirkung“ (representative action) geben kann, wodurch so etwas wie ein Konsequens eines Begriffes und einer wahrheitsfähigen Aussage und eines logischen Schlusses abgleitet werden kann.

Wenn wir von einer Argumentation sagen, sie »rufe eine große Wirkung hervor«, so beziehen wir uns jedenfalls nicht auf den Interpretanten selbst, sondern nur auf die besondere Replika davon, die im Geist der Angesprochenen hergestellt wird.

Peirce antwortet hier offensichtlich auf die eingangs angesprochene Form des Zusprechens von Eigenschaften oder Qualitäten über die aristotelische Materie hinaus (Seite 37), wenn er von „großer Wirkung“ spricht, und setzt implizit eine in der Wirkung selbst liegende, bedeutungsvolle, logische, begriffliche Erkenntnis, die eine Einheit ausdrückt (Entelechie des Vollständigen, des Vollkommenen), voraus. Er nennt diese begriffliche Erkenntnis kurze Zeit später „logische Tiefe“ und logische „Breite“.

Wenn ein Zeichen B nur Eigenschaften bezeichnet, die Elemente (oder das Ganze) der Bedeutung eines anderen Zeichens A sind, dann wird B ein Prädikat (oder wesentlicher Teil) von A genannt.

Ich möchte schlicht erkenntniskritische zurückfragen: Was ist die Bedingung der Möglichkeit, ein Prädikat von einem Objekt wirklich aussagen zu können? Die Logik setzt den Begriff des Prädikats schon voraus.

Wenn ein Zeichen A nur wirkliche Objekte benennt, die einen Teil oder das Ganze der von einem anderen Zeichen B benannten Objekte ausmachen, dann wird A ein Subjekt (oder substantieller Teil) von B genannt.

Das ist alles schon realistische Wechselbestimmung, ohne Ableitung dieser Wechselbestimmung: Sobald von einem Subjekt ausgegangen wird, platziert es sich in seinem Akt des Handelns außerhalb des Gesagten. Es ist nicht das, was es sagt, und sagt nicht das, was es ist. DERRIDA wird dann viel später den Interpretanten als Signifikanten aufgehen lassen in das Signifikat, das logische Denken in das Zeichen. Wieweit letzteres hier möglich ist, bezweifle ich zwar ebenfalls, aber es sei hier nur angedeutet.

Die Gesamtheit der Prädikate eines Zeichens sowie die Gesamtheit der Eigenschaften, die es bezeichnet, werden jede für sich ohne Unterschied seine logische Tiefe genannt. Das ist der älteste und passendste Begriff. Synonyme sind die »compréhension« der Port-Royalisten, der Inhalt der Deutschen, die Kraft DeMorgans und die Konnotation J. S. Mills. (Das letztere kann bestritten werden.) Die Gesamtheit der Subjekte sowie ohne Unterschied auch die Gesamtheit der wirklichen Objekte eines Zeichens wird seine logische Breite genannt. Das ist der älteste und passendste Begriff. Synonyme sind die »extension« der Port-Royalisten (von einigen modernen französischen Logikern auch mit dem schlechten »extent« bezeichnet), die Sphäre (der Umfang) der Übersetzer aus dem Deutschen, der Bereich [scope] DeMorgans und die Denotation J. S. Mills. (S 41)

Um die Einheit eines darstellenden B von A in ihrem Dargestelltsein und in ihrer Zeichenhaftigkeit zu beschreiben, genügen m. E. nicht diese Universalien von „Tiefe“ und „Breite“. Als könnte die Einheit von Zeichen und Objekt, von Aussagewahrheit und Aussagebedeutung – im Zeichen und deren materialistischen Grundlage – durch geometrische Anschauungsformen begründet werden. Die Anschauungsform wird in „Tiefe“ und „Breite“ vorausgesetzt, aber nicht abgeleitet, woher und warum. 

Außer der logischen Tiefe und Breite habe ich (1867) die Begriffe Information und Gebiet vorgeschlagen, um die (wahre oder falsche) Gesamtheit von Tatsachen zu benennen, die ein Zeichen auf einem gegebenen Erkenntnisstand verkörpert.(S 41)

(Ich bin mir nicht sicher, ob Peirce das so versteht, dass er zusätzlich zur logischen Tiefe und Breite noch zwei Formen von Zeichen hinzufügen soll, „Information“ und „Gebiet“, oder es im Sinne eine alternativen Erläuterung des Zeichenbegriffs und des Bezeichnens versteht. Ich lasse diesen Hinweis hier beiseite.)

Ch. Peirce geht dann zu zwei „entarteten“ Formen des Zeichnens bzw. Bezeichnens über, zum Ikon und zum Index.

3. […] Bei Zeichen gibt es zwei verschiedene entartete Formen. Aber obwohl ich ihnen diesen pejorativen Namen gebe, sind sie von größtem Nutzen und dienen Zwecken, denen echte Zeichen nicht dienen könnten. Die entartetere der beiden Formen (so wie ich es sehe) ist das Ikon.(…) Die Beziehung zu seinem Objekt ist eine entartete Beziehung. Sie behauptet nichts. (…) (S 41)

Die andere Form entarteter Zeichen ist als Index zu bezeichnen. Er ist als ein Zeichen definiert, das sich zu einem solchen eignet, weil es sich in einer wirklichen Reaktion mit seinem Objekt befindet. (S 41)

Es ist m. E. nicht richtig und nicht wichtig, wie Peirce den Index auffasst. Unter „Index“ verstehe ich eine Metakennzeichnung im Sinne einer mathematischen Funktion, es ist etwas mit Verweis widerspruchsfrei denkbar und im Kontext einer systematischen Vergleichung und im Rahmen eines Gesetzes der großen Zahl ist ein Indexikalisierung (Indizierung) sinnvoll, aber damit sind keine transzendentalen und metaphysischen Fragen verbunden, ob dem Index ein realistisches Objekt entspricht. Der Index steht in keinem existentiellen Zusammenhang mit einem Objekt. M. E. überlädt Peirce den Begriff des Index vollkommen – und dies kommt vorallem dann zum Ausdruck, wenn er vom Index zur Aussage übergeht:

(… ) Das führt zur richtigen Definition einer Aussage, was gegenwärtig eine vielumstrittene Frage ist. Eine Aussage ist ein Zeichen, das sein Objekt separat oder unabhängig indiziert. (….)

Die Bildung der Aussage, wie die Prädikation möglich ist, das wäre ja die Frage! Es mag nur um schlichte Dinge gehen oder um die Semantik von Geltungs- und Wertaussagen – das Thema lässt sich nicht extensional durch einen „Index“ ansprechen.   Die Aussage ist vom Objekt her realistisch indexikalisiert (indiziert)- und das soll genügen? Peirce wird die Aussagewahrheit später noch näher erläutern, aber man sieht wieder Aristoteles durchschlagen und dessen „logisches Universum“.

Es folgt dann m. E. wieder eine höchst abwegige Sicht (nach dem „Index“) – als sei das Ikon das „mathematische Zeichen par excellence“. Die Anschauungen der Mathematik sind methodisch und symbolisch zu fassen, nicht als Ikon. Ferner handelt dann die Mathematik nicht mit „Eigenschaft“ und Qualität, sondern nur mit Quanta, Zahlen, oder besser und noch genauer gesagt, mit der symbolischen Konstruktion einer quantitas – im Unterschied zu den räumlichen Größen der Quanta in der Geometrie. (Das müsste bei KANT nachgelesen werden KrV B 741)

Man dürfte bemerken, daß das Ikon im Hinblick auf die Bezeichnung [signification] höchst vollkommen ist, bringt es doch seinen Interpreten Auge in Auge mit der bezeichneten Eigenschaft. Aus diesem Grund ist es das mathematische Zeichen par excellence. Aber es benennt nichts. Es bietet keine Gewähr, daß so ein Objekt, wie es von ihm dargestellt wird, wirklich existiert Der Index andererseits tut das auf höchst vollkommene Weise, in dem er dem Interpreten wirklich die Erfahrung des benannten Objekts vermittelt (S 42.43)

Selbstwirksam soll der (von Peirce realistisch verstanden?) Index die Erfahrung eines benannten Objekts dem Interpreten vermitteln? Es wird sozusagen, wenn ich das zusammenschaue, eine Art dreifach gestufte Abbildtheorie geboten, selbstwirkend durch die Entelechie des ganzen „logischen Universums“: Index, Ikon und die höchste, dritte Stufe, das „echte Zeichen“, das „Symbol“ (ebd. S 43). Jede Stufe hat ihre Eigenart und ihre spezifische Deutlichkeit wie ihren Mangel.

Wir kommen nun zu dem echten Zeichen, für das ich die technische Bezeichnung Symbol vorschlage, wobei ich einem Gebrauch dieses Wortes folge, der unter Logikern, Aristoteles eingeschlossen, nicht selten ist. Ein Symbol ist als ein Zeichen definiert, das geeignet ist, als ein solches zu dienen, weil es so interpretiert wird. (S 43)

(…) Die Sprache und alles abstrakte Denken, wie es zu einem Geist gehört, der in Wörtern denkt, sind von symbolischer Art. Viele Wörter sind, obwohl sie streng symbolisch sind, soweit ikonisch, daß sie geeignet sind, ikonische Interpretanten zu bestimmen beziehungsweise, wie wir sagen, lebendige Bilder hervorzurufen. (S 43)

Ist der Interpretant also etwas unabgeschlossenes, ein Bezeichnendes, das das symbolische Zeichen bestimmt (beschreibt)? Wobei nochmals dieses Bezeichnende (der Interpretant, das Interpretierende) (nicht der Interpret!) der aristotelischen Entelechie eines auf Vollkommenheit hin zustrebenden Universums, also einem Begriff des Denkens, unterliegt? (Das Gegenteil wäre, wenn das Bezeichnete selbst das ganze System des Bezeichnens in Frage stellt und der Anfang des Bezeichnens zu einem unaufhörlichen Differenzieren im Bezeichnen wird.  Siehe oben den Verweis auf DERRIDA, worin der Signifikant im Signifikat verschwindet.)

Die nächsten Absätze möchte ich nicht einzeln auf die Waagschale legen; es ist ja Peirce zu danken, dass er überhaupt ein gewisses Repertoir an allgemeiner Zeichenlehre geschaffen hat – und überspringe diese Vergleiche mit Ikon und Index. Allerdings in 4. S 44 kommt er wieder zu seinem eigentlichen Anliegen:

4. […] Ein Symbol ist als ein Zeichen definiert, das zu einem solchen wird kraft der Tatsache, daß es als ein solches interpretiert wird. (Hervorhebung von mir.) Die Bedeutung eines komplexen Symbols wird von gewissen Regeln der Syntax bestimmt, die einen Teil seiner Bedeutung ausmachen. Ein einfaches Symbol wird wegen gewisser zufälliger Umstände oder Folgen von Umständen als Bezeichnung dessen interpretiert, was es bezeichnet, wie die Geschichte eines beliebigen Wortes zeigt. (…) (44)

Ein Zeichen hat sein Sein darin, daß es die Ausfüllung einer Funktion übernimmt. Ein Symbol ist geeignet, die Funktion eines Zeichens auszufüllen, einfach durch die Tatsache, daß es sie ausfüllt, das heißt, daß es so verstanden wird. Es ist daher das, als was es verstanden wird. (Hervorhebung von mir.) Wenn deshalb zwei Symbole ungeachtet irgendwelcher Unterschiede zwischen ihnen verwendet werden, so sind sie Replikas desselben Symbols. (S 45)

Dem Begriff des „Symbols“ wird eine Art Kraft-Vermögen zugesprochen, eine Mächtigkeit des Seins und eine Mächtigkeit der Funktion des Bezeichnens (Interpretant) – das aber weit deren Kompetenz überschreitet!  Das Symbol steht über der Form einer bloß spezifischen Qualität, steht  über einen grammatischen oder rhetorischen Unterschied. Es ist für die Funktion des Bezeichnens egal, ob man „Pferd“ oder „Roß“ sagt, „er“ oder „ihn“ meint, das Symbol gilt und trifft. (Ob Peirce die Arbeiten eines F. de Saussure gekannt hat mit seinen formalsyntaktischen und semantischen Strukturen zur Sprache, die vielfältige Morphologie der Zeichen, die komplizierten Rektionen unserer Sprache usw., entgeht meiner historischen Kenntnis. Ein „Symbol“ erklärt noch keinen Kasus, kein tempus, kein „dieses“ oder „dorthin“ usw.)  

Peirce grenzt jetzt wieder die „pejorativen“ Begriffe Ikon und Index vom höherwertigen Begriff des Symbols ab (S 47). Ein Gefühl mit einem Index zu beschreiben, würde die Sache nicht treffen, erst das Symbol. 

Es ist deshalb ganz sicher, dass wir in diesem Gefühl einen eindeutigen Fall eines Symbols haben, das in gewissem Sinn notwendigerweise bezeichnet, was es bezeichnet. (ebd. S 47.48)

Peirce bringt dann die Erfahrung, dass ein Gefühl sich ja tief einzuprägen vermag – und wenn wir es nachträglich wieder erinnern und es dann (symbolisch) bezeichnen, so ist die Ähnlichkeit von vorher und nachher eine ontologische Verknüpfung von symbolischer Bezeichnung (dieser Idee) und erinnertem Gefühl. „Ontologisch“ sage ich hier einmal, denn kurze Zeit später kehrt er wieder mehr zum Begriff des „Ikon“ zurück, also ist die Verknüpfung nur funktional und abbildlich im Denken hergestellt?

In weiterer Folge schreibt er dann von dem „allgemeinen Gefühl der Ähnlichkeit“ – und nimmt zuerst eine psychologische Perspektive ein. Sogar Kant wird mit seinem „Ich denke“ unter dieser psychologischen Perspektive gesehen:

Das allgemeine Gefühl der Ähnlichkeit ist zwar weniger überraschend, aber dennoch von derselben Art. Alle besonderen Vorkommnisse des Ähnlichkeitsgefühls werden selbst dadurch als ähnlich erkannt, daß man dasselbe Symbol der Ähnlichkeit auf sie anwendet. Das ist Kants »Ich denke«, das er für einen Denkakt hält, d. h. für etwas, das seiner Natur nach ein Symbol ist. Aber daß er das ego hineingebracht hat, lag daran, daß er es mit einem andern Element verwechselt hat. (S 49)

Was er mit diesem Seitenhieb auf Kant genau gemeint hat, dafür müsste vielleicht woanders bei Peirce nachgelesen werden: Es zeugt aber von der Tatsache, dass er den transzendentalen Sinn des Vollzugs des Denkens nicht verstanden hat, wenn er „Ich“ und „denken“ auseinanderreißt und „denken“ vielleicht sogar als psychologisches Ereignis sieht?!

Es wird dann von der Psychologie weg wieder mehr die Rückbindung an das Ikon gesucht. Dieser Rückverweis verunklärt aber das ganze Konzept dahingehend, dass „Ikon“, „Index“ und „Symbol“ dieses so schwierige Verhältnis zwischen Zeichen und Objekt insgesamt im Begriff des Abbildes dürftig umschreiben. Aber das wäre ja das Problem, wie abbildlich das Bezeichnen geschieht? Durch die Entelechie vollständiger oder zumindest annäherungsweise erreichbarer Zeichen – oder durch Erinnerung, durch Psychologie? Weder noch, könnte die transzendentale Antwort eines performativen Sprechaktes und eines Gebrauches der Sprache nur sein! 

Wenn ich die Aufmerksamkeit auf dieses Ähnlichkeitssymbol lenke, so besteht mein Hauptanliegen darin, zu zeigen, daß die Bezeichnungen der Symbole verschiedene Grade der Direktheit haben bis hin zu dem Grenzfall, daß sie ihre eigenen Bezeichnungen sind. Ein Ikon bezeichnet mit absoluter Direktheit eine Eigenschaft, die es selbst verkörpert. Und jedes Symbol bezieht sich mehr oder weniger indirekt auf ein Ikon. (S 49)

Nochmals unklarer wird das Verhältnis Entelechie und Zeichen, wenn Peirce Beispiele des Zeigens (deixis) bringt, die die aristotelische Einheit von Zeichen und Wirklichkeit praktisch bestätigen. So könnten auch Beispiele von Indizes entstehen.

Der Leser möge eigene Beispiele ausprobieren, bis in bezug auf Symbole von erfahrenen Gegenständen kein Zweifel mehr besteht, daß sie stets vermittels von Indizes etwas benennen. Ein solcher Beweis wird weit sicherer sein als irgendeine apodiktische Demonstration. (S 51)

Vom Ikon und Index kommt er wieder zurück auf den allgemeineren Begriff des Symbols:

Selbstverständlich ist es für ein Symbol durchaus möglich, sich selbst darzustellen, zumindest in dem einzigen Sinn, in welchem ein Ding, das kein wirkliches Sein, sondern nur ein Dargestelltsein hat und das in Replikas existiert, mit einem wirklichen und daher individuellen Objekt identisch genannt werden kann. Eine Karte kann eine Karte ihrer selbst sein, das heißt, eine ihrer Replikas kann das abgebildete Objekt sein. Als Beispiel für ein Symbol mit dieser Eigenschaft können wir dagegen das Symbol nehmen, das in Worten mit »die Wahrheit« oder mit »das Universum des Seins« wiedergegeben wird. Jedes Symbol muß das benennen, was dieses Symbol benennt, so daß jedes Symbol, aufgefaßt als Benennung der Wahrheit, mit Notwendigkeit das benennt, was es benennt, und indem es das benennt, ist es genau dieses Ding oder ein Bruchteil davon, der für das Ganze genommen wird. Es ist das Ganze, das so weit genommen wird, wie es zum Zwecke des Benennens genommen werden muss.“ (ebd. S 51.52)

Es kommt jetzt wieder auf den „Interpretanten“ an, der diese angebliche Identität zwischen Sagen und Ding im Dargestelltsein des Zeichens (als Nach-Bildung, Replika) garantieren soll. (Was dann später der Ansatzpunkt der Kritik Derridas bei Saussure werden wird.) 

Doch der charakteristischste Aspekt eines Symbols ist, wie es auf seinen Interpretanten bezogen ist. Denn ein Symbol zeichnet sich als Zeichen dadurch aus, daß es kraft dessen ein solches wird, daß es seinen Interpretanten bestimmt. Der Interpretant eines Symbols ist ein Ableger des Symbols. Wir haben die Wendung benutzt, ein Symbol bestimme seinen Interpretanten. Bestimmung impliziert ein Determinandum, ein zu bestimmendes Subjekt. Was ist das? Wir müssen annehmen, daß so etwas wie ein Blatt Papier gegeben ist, das ganz oder teilweise leer ist und worauf man ein Interpretantenzeichen schreiben kann. Worin besteht das Wesen dieser Leere? Indem sie Platz zur Verfügung stellt für das Hinschreiben eines Symbols, ist sie ipso facto selbst ein Symbol, wenn auch ein gänzlich vages. Indem sie Platz für einen Interpretanten jenes besonderen Symbols zur Verfügung stellt, ist sie schon ein Interpretant jenes Symbols, wenn auch ein partieller. Ein vollständiger Interpretant sollte eine Replika des ursprünglichen Symbols einschließen. (S 52)

Soweit ich die Semiotik bei verschiedenen Philosophen nachgelesen habe, so kommt mir diese Anspruch und diese Aufgabe, die hier Peirce formuliert, als Vorform aller späteren sprachanalytischen Dogmatiken  vor, insofern a) entweder ein Zeichen von sich her etwas zu Bezeichnendes festlegt, d. h. dass das Denken selbst vom Zeichen her bestimmt wird – oder b) die andere Variante, dass das Zeichen durch ein übergeordnetes Denken einer Entelechie (oder sonstiger materialistischer oder idealistischer Suppositionen) bestimmt wird. Hier bei Peirce klingt es nach der realistischen Auffassung: die Entelechie des logischen Universums bestimmt das Zeichen notwendigerweise, und deshalb diese berechtigte Annahme eines ikonischen oder indexalischen oder symbolischen Abbildungsverhältnisses. „Ein vollständiger Interpretant sollte eine Replika des ursprünglichen Symbols einschließen“.

Peirce gibt dann auch ausdrücklich zu, dass er „Metaphysik“ gerne umgehen möchte, aber noch falscher wäre es, einen falschen Begriff des Universums vorauszusetzen und keine Vorstellungskraft bzw. Darstellungskraft der Symbole anzunehmen.

Worin besteht der Zweck des Versuchs, einen Begriff des Universums zu bilden, wenn nicht darin, die Dinge verständlich zu machen? Aber wenn das geschehen soll, so stehen wir uns unweigerlich selbst im Wege, wenn wir darauf beharren, alles auf eine Norm zurückzuführen, die jedes Geschehen dem Wesen nach und ipso facto unverständlich macht. Das indessen tun wir gerade, wenn wir nicht das Vermögen von Vorstellungen zugeben, wirkliche Tatsachen zu verursachen. (S 52.53)

Peirce schlittert  immer mehr in den ausdrücklichen Aristotelismus hinein, wenn er metaphysisch das Existieren einer logischen Ordnung annimmt. Wenn A bestimmt werden soll, und etwas ausgesagt wird, dass bestimmt nicht A ist, so ist das A dennoch logisch vorauszusetzen, sofern wir eine symbolische Erklärungsart suchen. Deshalb existiert der logischen Seinsart nach ein A, obwohl es vorläufig noch völlig unbestimmt ist.

Wenn wir das Universum erklären wollen, müssen wir annehmen, daß es am Anfang einen Zustand gab, in dem nichts existierte, keine Reaktion und keine Qualität, keine Materie, kein Bewußtsein, kein Raum und keine Zeit, sondern schlechthin gar nichts. Nicht ein bestimmtes Nichts. Denn was bestimmt nicht A ist, setzt voraus, daß A auf gewisse Weise ist. Völlige Unbestimmtheit. Aber allein ein Symbol ist unbestimmt. Daher ist das Nichts, das Unbestimmte des absoluten Anfangs, ein Symbol. Auf diese Weise allein kann der Anfang der Dinge verstanden werden. Was folgt daraus logisch? Wir müssen uns nicht mit unserem instinktiven Sinn fürs Logische zufriedengeben. Logisch ist, was aus der Wesensart eines e Symbols stammt. Nun gehört es zur Wesensart eines Symbols, daß es einen Interpretanten bestimmt, der selbst ein Symbol ist. Daher erzeugt ein Symbol eine endlose Reihe von Interpretanten.“ (S 53)

Der Interpretant wird zum Zeichen erklärt, als Vorstellung, als psychologische Erinnerung, als wissenschaftliche Erklärungsart, als Theorie, als Metapher – wenn auch die Kette der Deutungen nicht abreißt. (Siehe sehr gut das Vorwort von Dieter Mersch in diesem Buch „Zeichen über Zeichen“.) Die umfassenden Interpretation der Wirklichkeit ist das Ziel, wenn auch nur approximativ erreichbar.

Es folgt dann abschließend a) der Glaube an ein logisches Universum. „Das Universum ist verständlich“ (S 53) und b) „es ist die richtige und logische Weise, mit einer Erklärung des Universums zu beginnen“. Ich würde sagen,  eine Art wissenschaftsgläubiger Option im Sinne der Naturwissenschaft.

Durch die blind vorausgesetzte Identität zwischen Interpretant (=Zeichen) und Wirklichkeit, also einem implizit angenommen Wissen einerseits, andererseits aber einem noch völlig unbestimmt gelassenen Symbol und Zeichen, muss die Kluft zwischen der Wirklichkeit und der „tabula rasa“ des Symbols überbrückt werden: Peirce beschreibt es als „Dargestelltheit“ und „wegen ihrer vollkommenen Vagheit wirkliches Sein.“ (ebd. S 54)

(…) halten wir zunächst fest, daß es zur Natur eines Symbols gehört, eine Tabula rasa und daher eine endlose Reihe von Tabulae rasae zu schaffen, da eine solche Schöpfung bloß Darstellung ist, und diese Tabulae rasae sind mit Ausnahme davon, daß sie etwas darstellen, gänzlich unbestimmt. Hierin liegt eine reale Wirkung, doch ein Symbol könnte nicht ohne dieses A Vermögen sein, eine reale Wirkung hervorzurufen. Das Symbol stellt sich selbst als darzustellend dar. Diese Dargestelltheit ist wegen ihrer vollkommenen Vagheit wirkliches Sein. Denn alles, was dargestellt wird, muß vollständig bestätigt werden.“ (ebd. S 54)

Spätestens hier darf man wohl kritisieren, dass die oben fehlend eingebrachte genetische Erkenntnis, wie es zu einer Vorstellung überhaupt kommen kann und zu Bedingungen des Prädizierens und Bedingungen des Zeichensetzens, ohne dass schon das logische Universum und das logische Widerspruchsprinzip des Bezeichnens vorausgesetzt wird, wie also diese Form der Semiotik zu einer dogmatischen, unbewiesenen Denkungsart führt!  So und nicht anders ist das Bezeichnen zu verstehen, notwendig – und sei das Zeichen noch ganz unbestimmt (wie z. B. der Begriff „Anfang“). Das Denken des Bezeichnens ist nach der Entelechie eines Vollständigen oder Vollkommenen bestimmt.

M. a. W., das Abbildverhältnis des Zeichens (des Interpretanten) zur Wirklichkeit ist nach aristotelischen Denkkategorien festgelegt.

Erkenntniskritisch aber jetzt zurückgefragt: Es wird nicht erkannt, a) warum das geistige Wesen Mensch dieses zeichenhafte Denken oder zeichenhafte Sprechen einsetzt und b) wie konkret es zu den Bildern, Schematen und Symbolen des Denkens kommt. Letztere Anforderung würde den Rahmen natürlich sprengen und sei Peirce nachgesehen. Aber das grundsätzliche Abbildverhältnis von Zeichen (Symbol) und Wirklichkeit ist rein abstrakt gesehen, analog eben zu den verallgemeinerten „spezies intelligibilis“ des Aristoteles. Die platonische Idee der Einheit, woraus begründet das „symbolische“ Denken (wenn man den Begriff schon behalten will?)  bzw. das sprachliche Denken und jede Form der Vorstellungskraft und Darstellungskraft sich herleitet,  das würde ein ganz andere Form der Semiotik begründen. 

Die nächstfolgenden Passagen folgen bereits einer Klassifikation naturwissenschaftlicher und pragmatischer und wissenschaftsgläubiger Erklärungsart. Denn Wirklichkeit ist zwanghaft. Aber die Zwanghaftigkeit ist absolut hier und jetzt. Sie besteht für einen Augenblick und ist dann vorbei. Man lasse sie nicht mehr bestehen, und sie ist absolut nichts. Die Wirklichkeit existiert nur als ein Element der Regelmäßigkeit. Und die Regelmäßigkeit ist das Symbol. Daher kann die Wirklichkeit nur als der Grenzwert der endlosen Reihe von Symbolen betrachtet werden.“ (ebd. S 54)

Ein Symbol ist wesensmäßig ein Zweck, d. h. eine Darstellung, die sich selbst bestimmt zu machen bzw. einen Interpretanten hervorzubringen sucht, der bestimmter ist als es selbst. Denn seine ganze Bedeutung besteht darin, einen Interpretanten zu bestimmen; weshalb es die Wirklichkeit seiner Bedeutung aus seinem Interpretanten ableitet.

Nachdem eine Tabula rasa als Darstellung des Symbols, das sie bestimmt, bestimmt worden ist, neigt diese Tabula rasa dazu, bestimmt zu werden. Das Vage neigt immer dazu, bestimmt zu werden, einfach weil seine Vagheit es nicht dazu bestimmt, vage zu sein (wie der Grenzwert einer endlosen Reihe). Insofern der Interpretant das Symbol ist, wie er es in gewissem Umfang ist, stimmt die Bestimmung mit der des Symbols überein. Aber insofern sie nicht seine bessere Hälfte ist, ist sie imstande, von der Bedeutung des Symbols abzuweichen. Ihr Zweck ist jedoch, das Symbol in seiner Darstellung seines Objektes darzustellen. Deshalb folgt der Bestimmung eine Weiterentwicklung, in der sie verbessert wird.

Es wird abstrahiert und dann eine Identität von Interpretant und Symbol behauptet, ohne die Bedingungen dieser Abstraktion bzw. die Bedingungen der Rezeption eines Objekts auch nur annähernd erkenntniskritisch darzulegen. Woher kommt die Darstellungskraft und Vorstellungskraft? Woher der „Zwang“? Peirce bringt zwar auch transzendentale Gedankensplitter, wenn er sagt, dass die Darstellung das Vermögen einer „Entgegensetzung“ zeigt und dass die Entgegensetzung wiedergutzumachen sei – woher weiß er diese praktische Intention?

Es gehört zur Natur eines Zeichens, eine individuelle Replika und in dieser Replika ein lebendiges Allgemeines zu sein. Kraft dessen wird der Interpretant durch die ursprüngliche Replika oder durch das Zeichen, das sie enthält, mit dem Vermögen erfüllt, die wahre Beschaffenheit des Objektes darzustellen. Das das Objekt überhaupt eine Beschaffenheit hat, kann nur in einer Darstellung, daß dem so ist, bestehen – in einer Darstellung, die das Vermögen hat, jede Entgegensetzung wiedergutzumachen. In diesen beiden Schritten von Bestimmung und Verbesserung zielt der Interpretant mehr auf das Objekt als auf die ursprüngliche Replika ab und kann wahrer und voller als die letztere sein.

Es ist Peirce zu danken, dass er gewisse Begriffe für die Sprachphilosophie und Semiotik eingebracht und formuliert hat, aber nur mit Aristoteles den kommunikativen Sprechakt und generell das Zeichen und Symbol theoretisch aus der Entelechie des vernünftigen Universums abzuleiten, das ist wissenschaftsgläubiger Empirismus. Das schöpferische Prinzip einer ursprünglich produzierenden Einbildungskraft, die intelligierende Kraft einer uns durch Aufforderung, mithin durch Zeichen erschaffenden göttlichen Freiheit und einer uns durch Zeichen vermittelten, interpersonalen Freiheit, das fehlt mir bei Peirce.

Ich lasse jetzt Peirce abschließend sprechen, in seinem Glauben an eine vernünftige Darstellung der Wirklichkeit.

Die Entelechie des Seins liegt im Darstellbarsein. Ein Zeichen kann nicht einmal falsch sein, ohne ein Zeichen zu sein, und insofern es ein Zeichen ist, muß es wahr sein. Ein Symbol ist eine embryonale Wirklichkeit, begabt mit dem Vermögen, in die Wahrheit, in die Entelechie der Wirklichkeit hineinzuwachsen. Das erschient mystisch und mysteriös, bloß weil wir darauf beharren, für das, was klar ist, blind zu bleiben, nämlich dafür, daß es keine Wirklichkeit geben kann, welche nicht das Leben eines Symbols aufweist. Wie konnte so eine Idee wie die von rot entstehen? Das kann nur durch allmähliche Bestimmung aus der reinen Unbestimmtheit geschehen sein. Eine Vagheit, die nicht zum Vagesein bestimmt ist, beginnt ihrer Natur gemäß sich plötzlich selbst zu bestimmen. Anscheinend können wir dem Verstehen des Universums nicht näher kommen als bis dahin. (ebd. S 55)

(….) Und das erste aller logischen Prinzipien lautet, das Unbestimmte soll sich selbst bestmöglich bestimmen. Ein Chaos von Reaktionen, das völlig ohne jede Annäherung an Gesetzmäßigkeit ist, ist absolut nichts. Daher war das reine Nichts ein solches Chaos. Nachdem dann die reine Unbestimmtheit bestimmte Möglichkeiten entwickelt hatte, bestand die Schöpfung in der Vermittlung zwischen den gesetzlosen Reaktionen und den allgemeinen Möglichkeiten durch das Einfließen eines Symbols. Dieses Symbol war der Zweck der Schöpfung. Sein Objekt war die Entelechie des Seins, welche die letzte Darstellung ist. […](ebd. S 56)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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