Zur Theorie des Willens bei FICHTE

1) Der Begriff des Willens konnte erst durch J. G. FICHTE in seiner ganzen Tragweite und geistigen Kraft erkannt werden. Dies war bedingt, wie möchte ich sagen, durch sein Denken von Selbsttätigkeit. Aus den Phänomenen des Handelns und des Wahrnehmens (im weiteren Sinne) kann nachgewiesen werden kann, dass die höchsten Begriffe in der sinnlichen Naturdas Streben und der Trieb – willensbedingt sind.  Streben und Trieb sind aber wiederum durch ein transzendental-metaphysisches Prinzip eines „reinen Willens“ bedingt.

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Evolutionstheorie 2. Anfrage. Der Bestimmungsakt und die Anschauungsformen Zeit und Raum

Barnett Newman, Stockholm

1) Gemäß dem höchsten Standpunkt der Transzendentalphilosophie kann nur von der Position der Einheit des Wissens ausgegangen werden. Diese Einheit ist „Mutter aller Differenz“, Einheit im Wechsel, „Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich, und unendlich zugleich sezt“ (FICHTE, GRUNDLAGE, GA I, 2, 359). Es ist ein Schweben der Einbildungskraft zwischen Unvereinbaren (ebd., S 360) Die Einbildungskraft ist das Vermögen des Vereinens und Unterscheidens – und eigentlich sind die unvereinbaren Gegensätze vor dem Einsatz der Einbildungskraft nicht einmal als unvereinbare denkbar, denn Denken richtet sich bereits auf Vorgestelltes. Vorstellen und Vorgestelltes, Wollen und Gewolltes, Bild und Sein, Erscheinung und Absolutes, sind vor diesem Schweben nicht vorauszusetzen. „So wie sie durch das Denkvermögen vereinigt werden sollen, und nicht können, bekommen sie (erst) durch das Schweben des Gemüths, welches in dieser Funktion Einbildungskraft genennt wird, Realität (d. h. Geltung), weil sie dadurch anschaubar werden.“ (Ebd. S 368)

Genau das, was die Einbildungskraft denkend nicht vereinigen kann, wird als Anschauung exponiert. Die geltende, zutreffende Einbildungskraft erscheint als eine gegebene Einbildungskraft, und gerade diese ist anschaubar. „Anschauung ist also nichts anderes als eine unleugbar waltende, eine zutreffende Leistung der Einbildungskraft. Zutreffendes begegnet als „so ist es“, begegnet in der Gestalt des Gefundenen, ist gefunden.“ 1

Die Einheit des Wissens ist begründet und gerechtfertigt in der intelligierten Einheit des Ichs, des Lichts, der Evidenz – und kein Subjekt- oder Objektzuschreibung darf hier geschehen, woraus eine metaphysizierende Subjekt-Objektphilosophie entstünde. Die Vorstellung wäre ohne intelligierende Einsicht nicht mehr ableitbar, sondern perpetuiere sich in einen unendlichen Regress eines immer wieder erneut vorstellenden Vorstellens.

In und aus der absoluten Einheit des Wissens ist der Wechsel einer späteren Wechselbeziehung auf der sinnlichen und sittlichen Ebene des empirischen Ichs gesetzt, der Wechsel, wie FICHTE in der Wlnm von 1796/97 ausführen wird, zwischen einer idealen und einer realen Reihe des Bestimmens. Die Wechselbeziehung (Beziehung und Unterscheidung) ist für sich nicht absolut, wiewohl sie die höchste Kategorie des Verstandes ist.

Dies würde für sich natürlich jetzt genauere Ableitungen verlangen, aber darauf möchte ich nur verweisen bei R. LAUTH, Naturlehre, 1984, S 31 ff. Das Produkt der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft wird durch reine Anschauungsformen (Vorformen der späteren Zeit- und Raumanschauungen) in die  Anschauung (ebd. S 31- 33), ferner ins Denken durch die Verstandesformen von Qualität, Quantität, Relation und Modalität (ebd. S 34 – 47) aufgenommen, und schließlich nochmals durch Schematisierung praktisch bestimmt (ebd. S 47- 56).  

Speziell für den Bereich der  Vorstellung einer objektiven Außenwelt kommt es zur appositionellen Reihe der Zeitanschauung, (ebd. S 57 – 58) und der Verbreitung der Empfindung zu einer flächigen Anschauung mittels reflektierende Einbildungskraft (ebd. S 58 – 61) und schließlicher Raumanschauung (ebd. S 61 – 64).

Ist es einer sogenannten „Evolutionstheorie“ bewusst, sei es für den anorganischen Bereich oder sei es für den organischen und gesellschaftlichen Bereich, welche Denkleistungen in den selbstverständlichen Vorstellungen von Entwicklungen stecken, damit ein Bewusstsein überhaupt theoretisch und praktisch möglich sein kann?  Welche „Darstellungskraft“ des Bewusstseins! (Siehe z. B. bei FICHTE, EIGNEN MEDITATIONEN. )2

Wenn im kleinsten Bereich des Mikrokosmus die Position eines Elektrons weder rational noch real angegeben werden kann, weil es durch den Akt des Bestimmens erst bestimmt wird, wie könnte die Zeit und der Raum ohne Reflexion auf den Akt des Bestimmens objektivistisch vorausgesetzt werden als gäbe es ein Werden und eine Evolution an sich?  Eine „Evolution“ der anorganischen oder der organischen Welt des Lebens, der gesellschaftlichen Wirklichkeit,  sie muss streng begrifflich unter Anführungszeichen stehen, denn sie erscheint nur so! Ich verweise hier auf zwei Aufsätze von A. MUES.3

Zeit und Raum sind hochkomplexe Gebilde der Einbildungskraft und des Denkens, sodass sie weder idealistisch an sich vorgestellt, oder realistisch an sich an Materie gebunden, einfachhin abgelesen werden könnten. Ein DEMOKRIT und LEUKIPP gingen von fixen Elementar- und Materieteilchen der Natur aus. Die Reduktion auf materialistische Verhältnisse oder materielle Disponibilitäten in der Natur sind in einem transzendentalphilosophischen Erklärungsmodell aber ausgeschlossen, wie das Young 2-Spalt-Experiment zeigt. Es geht  um die Unmessbarkeit der Lozierung von Elektronen. Erst im Akt des Bestimmens (im Schweben der Einbildungskraft) werden sie festgelegt – und folgedessen kann erst von einer Messbarkeit ausgegangen werden. KANT hat diese Antinomien schon benannt – und auf seine Weise (halbherzig) gelöst. Es gibt antinomisch nur Einfaches oder es gibt nur Teilbares.4

Wenn, gemäß dem Artikel von A. MUES nur in einer transzendentalphilosophischen Besinnung auf den Akt des Bestimmens quantenphysikalische Rätsel sich lösen lassen, bräuchte es keine weltanschaulichen Grabenkämpfe zwischen Materialismus und einer wie immer gearteten idealistisch-rationalistischen Form des Naturverständnisses – und viel Ideologie könnte aus der sogenannten, paradigmatisch den Ton angebenden  „Evolutionstheorie“ herausgenommen werden. Dass a) das Elementarteilchen wechselwirkend bestimmt ist und einen Raum real ausfüllend gedacht wird, oder dass es b) quantitativ nicht bestimmbar ist, nicht räumlich und nicht begrenzt, überall und nirgends ist?  Diese Antinomie kann nur transzendental, d. h. im Rückgang auf die Bedingungen der Wissbarkeit gelöst werden.

Der antinomisch erscheinende Charakter der Materie, wobei Raum und Zeit einmal objektivistisch vorausgesetzt, dann wieder total relativistisch angesetzt werden, liegt nicht an den Elementarteilchen selbst, sondern ist als solcher transzendental abgeleitet: Er ist Folge der Kategorie der Wechselwirkung. Die Wechselwirkung wird notwendig im Akt des Bestimmens durch das Schweben der Einbildungskraft begrifflich gesetzt. Die Einbildungskraft überträgt notwendig auf  den Stoff, die sinnlich empfundene Materie, auf ein objektives Sein  – und dies impliziert in weiterer Folge die zeitliche und räumliche Anschauungsformen des Stoffes/der Empfindung/der Materie, und, wenn man so will, die bedingte Vorstellungsweise (Erscheinungsweise) einer evolutiven Weiterentwicklung und Wechselwirkung.

Die Wirkungsweise eines Elementarteilchens ist durch die geistige Entscheidung, wie ich es wechselwirkend setze, realistisch oder idealistischrational vorbestimmt. Wenn ich die Modalität meines existentiellen Erkennens dahin bestimme, dass ich mittels (aposteriorischer) Erfahrung Auskünfte erhalten will, so erhalte ich eine realistische Auskunft; wenn ich mich im Akt des Bestimmens dahingehend bestimme, die apriorische Denkmöglichkeit jetzt zu fassen ohne elementare Anschauungsbasis, so erhalte ich eine rationalistische Antwort. Wenn es aber keine objektiv feststellbare Position eines Elementarteilchens gibt, wie kann ich dann von einer realistisch vorgestellten Zeit- und Raumanschauung der Materie sprechen oder umgekehrt: von einer  idealistische gedachten „Materie“  mittels  Anschauungsformen und Kategorien? Wie könnte der Urknall in einer Zeit gesetzt sein, wenn mangels Materie (die ja vor dem Urknall noch nicht gewesen sein soll?) Zeit und Raum nicht existiert haben, oder umgekehrt, wie könnte „Materie“ bloß aus gedachter Zeit und gedachtem Raum bestehen? 

2) Der transzendentalphilosophische Akt des Bestimmens kann nicht selbst zeitlich oder räumlich sein, weil die Anschauungsformen (Empfindungsformen) gleichzeitig mit den Objekten des Denkens (hier der Elementarteilchen) vorgestellt werden. Wäre der Akt selbst zeitlich und räumlich, per impossibile dictum, könnte das Denken selber nichts begrifflich und verstandlich erfassen, weil der jeweilige Akt des Bestimmens im nächsten Augenblick selber zeitlich überholt und räumlich gefasst werden müsste. Zeit und Raum können nicht als Behälter vor der Materie existieren,  müssen von ihr  unterschieden, können aber auch nicht getrennt von ihr gedacht werden, sollte es zu einem finalen Akt des Bestimmens und zu empirischen Empfindungen und Begriffen kommen.

Eine „Evolution“ von Materie und Weltall im Sinne eines zeitlichen objektivierten und räumlich objektivierten Ausdehnens vergisst die transzendentalen Wissensbedingungen und den hochkomplexen Aufbau des Zusammenspiels von Zeit/Raumanschauung  und Materie, wie es allein das Bewusstsein zu bilden vermag. Es wird entweder eine zeitliche und räumliche  Materie realistisch voraus-gedacht, so, als wüsste man im vorhinein, was ist die Substanz, was sind die wechselnden Akzidenzien in diesem Raum-Zeit-Geschehen von Weltall und Kosmos, oder es wird Zeit und Raum idealistisch von der Materie abgehoben und letztere bloß rational gedacht, als sei mit dem „Urknall“ des absoluten Anfangs  die Materie selbst ins Leben getreten. Der „Urknall“ von Zeit und Raum schafft noch keine Materie und umgekehrt, dem „Ur“ muss ein zeitliches und räumliches Vorher einer Materie vorausgegangen sein,  damit der Anfang ur-anfänglich gedacht werden kann. M. a. W., es muss vorausgehend schon materiell etwas da gewesen sein, damit der „Urknall“ in der Zeit und im Raum  fiktiv gehört und vorgestellt werden konnte.  

Das durch den Verstand und das Denken schlussendlich abgeschlossene Erfassen von Zeit und Raum – und damit denknotwendig verbunden die Materie (als „Noumen“; EIGNE MEDITATIONEN)-,  führt uns immer wieder zurück auf den Akt des Bestimmens selbst, der weder realistisch noch idealistisch vorgegeben ist, sondern den Gebrauch einer Regel darstellt, wie das Schweben der Einbildungskraft aus höheren Gründen der Selbstbestimmung ursprünglich (durch Anschauung und Denkbestimmungen) die Hemmung frei weiterbestimmt. 

Es ist realistischer Dogmatismus, von einer an sich seienden, nachhaltigen „Evolution“ auszugehen, sei es im Bereich der anorganischen oder der organischen Natur oder der kulturellen Welt, als entstünden Zeit und Raum (und Bewegung) (von selbst) durch die Materie, oder umgekehrt, als entstünde Materie und Kraftvorstellung durch das bloße Denken von Zeit und Raum.  

Wie Zeit und Raum mit dem Übergang zur Materie wirklich abgeleitet werden können – dazu verweise ich wieder im Detail auf R. LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1984, S 57ff.

© Franz Strasser, 18.12. 2015

1A. MUES, Die Position der Anschauung im Wissen oder die Position der Anschauung in der Welt. Der Unsinn der Subjektphilosophie. In: Fichte-Studien, Bd. 31, 2007, S 32.

2„Discursiv- Was ist denn eigentlich, die reine Einbildungskraft? Das Subjekt bestimmt sein eignes Seyn in einem Accidens seiner selbst. Nur ist die Frage was heißt bestimmen? – Das Subjekt ist thätig; es ist selbstständig: es hat also Kraft. – Das Subjekt ist (für sich) vermöge seines Seyns: es ist sich selbst Ursache, u. Wirkung seines Seyns: – Dies geschieht durch ein Thätig seyn, dieses Thätig seyn ist Ursache des Seyns, von welchen es doch auch Wirkung ist; dieses Handlung heißt (Darstellen) sich selbst als selbst im Daseyn setzen; u. Die Kraft: Darstellungskraft.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 89).

3A. MUES, Der Grund der Dualität der Materie und des Indeterminismus in der physikalischen Natur. Die Lösung des quantenphysikalischen Rätsels. In: Fichte-Studien, Bd. 6, S 277 – 302, 1994. A. MUES, der Grund der Dualität der Materie. 2. Teil. Der Wellencharakter. In: Fichte-Studien Bd. 22, 107 – 120, 2003.

4a) Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist.

b) Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.

Der Begriff der Einheit bei PLATON und FICHTE

In der POLITEIA PLATONS wird das rechte Gemeinwesen aufgebaut und beschrieben. Der Glück- und Gerechtigkeitsbegriff spielt dabei eine wichtige Rolle. „Lohnt es sich, gerecht zu leben. Ist Gerechtigkeit, wie es die sophistische These behauptet, nur eine Konvention, der wir uns notgedrungen fügen, um größere Übel zu vermeiden, obwohl sie unsere wahre Natur vergewaltigt und unserem Glück im Wege steht, oder ist sie ein Wert in sich selbst?“ (FRIEDO RICKEN, Philosophie der Antike, 88.)

PLATONS Lösung des Problems ist der Begriff der Einheit. „Glück ist Einheit der Menschen in der Gemeinschaft des Staates und Einheit des einzelnen mit sich selbst. Beide bedingen einander.“ (vgl. F. RICKEN, 88). Wer mit sich selbst eins ist, ist zur Gemeinschaft mit anderen fähig, und nur eine geordnete Gemeinschaft kann den einzelnen zur Einheit mit sich selbst erziehen. Diese Einheit wird nicht vorgefunden, sie ist erst zu leisten. Dazu kann allein die Gerechtigkeit befähigen. Für das Verhältnis der Menschen untereinander liegt das auf der Hand: Menschen haben verschiedenen Begabungen und Interessen, die sie zum gemeinsamen Besten aufeinander abstimmen müssen.

Aber auch der einzelnen Mensch ist ursprünglich Vielheit? Es gibt nach der POLITEIA drei Seelenvermögen (435e-441c)

S435e Ist es nun nicht uns ganz notwendig, sprach ich, zu gestehen, daß in einem jeden von uns diese nämlichen drei Arten und Handlungsweisen sich finden wie auch im Staat? Denn nirgends andersher können sie ja dorthin gekommen sein. (Politeia)

Die Seelenvermögen werden im apriorischen Vorwissen und nach einer bestimmten Weise durch die Definition ihres Gegenstandsbereiches voneinander abgegrenzt und definiert:

PLATON geht dabei nach dem formalen Gesetz des Nichtwiderspruchsprinzip vor, dass dieselbe Sache nicht unter derselben Rücksicht und in Beziehung auf denselben Gegenstand zugleich Entgegengesetztes tun oder erleiden kann. Wenn es den Durst gibt, der auf Trank hingerichtet ist, trotzdem aber es ein höheres Begehren als Trank gibt, so muss dem ein anderes Seelenvermögen entgegengesetzt sein. Jede seelische Tätigkeit ist so auf einen spezifischen Gegenstandsbereich bezogen, durch den sie definiert wird.

Es gibt das Vermögen der Begierde und das Vermögen der Vernunft.

Ähnlich wird das Aggressions- und Affektvermögen gegenüber Begierde und Vernunft herausgearbeitet. So ergeben sich die drei Seelenvermögen: Begierde – Affekt – Vernunft.

Das Verhältnis der Vernunft zu den beiden unteren Seelenvermögen wird verglichen mit der politischen Metapher der Herrschaft. Das ganze Kompositionsprinzip der POLITEIA verläuft so: der Staat ist der Mensch im Großen und der Mensch ist der Staat im Kleinen. Die Beziehungen zwischen dem Seelenvermögen entsprechen denen zwischen den Ständen des Staates. Durch ein abgewogenes Verhältnis zueinander – von Begierde, Affekt und Vernunft – funktioniert sowohl der Staat wie die Harmonie sämtlicher Antriebe in der Seele des Menschen.

Nach FRIEDO RICKEN, Philosophie der Antike, 90, ist diese Dreiteilung der Seele im vierten Buch der POLITEIA für PLATON nur eine vorläufige Sicht. Weil die Seele unsterblich ist, kann sie nicht zusammengesetzt sein. Diese Vielheit ergibt sich erst aus der Verbindung mit dem Leib. Das wahre Wesen der Seele ist ihr Transzendenzbezug (POLITEIA, 611e).

Aber, o Glaukon, dorthin müssen wir unsere Blicke richten.

Wohin? fragte er.

S611e Auf ihr wissenschaftliebendes Wesen, und müssen bemerken, wonach dieses trachtet und was für Unterhaltungen es sucht, als dem Göttlichen und Unsterblichen und immer Seienden verwandt, und wie sie sein würde, wenn sie ganz und gar folgen könnte, von diesem Antriebe emporgehoben //V365// aus der Meerestiefe, in der sie sich jetzt befindet und das Gestein

S612a und Muschelwerk abstoßend, welches ihr jetzt, da sie auf der Erde festgeworden ist, erdig und steinig, bunt und wild durcheinander angewachsen ist, von diesen sogenannten glückseligen Festen her.

Wie PLATON den Begriff der EINHEIT zur Lösung des Problems im Staat und in der eigenen Seele paradigmatisch durchhält – so begegnet mir Ähnliches in den verschiedenen Schriften FICHTES in ihrem Verhältnis zueinander.

Die WISSENSCHAFTSLEHREN schildern die letzte transzendental-reflexive Einheit der Erkenntnis, das Wollen-in-actu und Vorstellen ineins. Je nach weiterer Reflexion und Gegenstandsbestimmung werden ähnlich wie in der Abgrenzung der Seelenvermögen bei PLATON die faktischen und genetischen Wissensformen abgeleitet. In der Zeit 1795 bis 1800 wird dies in äußerlich getrennten, aber innerlich von der Einheit der Vernunft bestimmten Werken wie NATURRECHT, SITTENLEHRE, GOTTESLEHRE, NATURLEHRE ausgeführt, ab 1800 in noch breiter gestreuter Form. Jede einzelne Schrift bleibt aber systematisch auf die Einheit der Vernunft bezogen.

Die Aufgabe der Philosophie bestehe darin, „das Mannigfaltige in der continuierlichen Einsicht des Philosophen“ auf die absolute Einheit zurückzuführen: „(…) eben in der continuirlichen Einsicht des Philosophen selber, also: daß er das Mannigfaltige durch das Eine, und das Eine durch das Mannigfaltige wechselseitig begreife, d.h. daß ihm die Einheit =A als Princip einleuchte solcher Mannigfaltigen; und umgekehrt, daß die Mannigfaltigen ihrem Seinsgrunde nach nur begriffen werden können, als Principiate von A. „(1. Vortrag, SW X, 93)

Es muss nach FICHTE das genetisch evidente Urprinzip der Wahrheit aufgewiesen werden. Hier gleichen sich in ihrem wissenschaftlichen Eros ein PLATON wie FICHTE vollkommen: Nur in Evidenz zu diesem Transzendenzbezug zum Göttlichen kann es Wissen geben – und nur durch diese systematische Einheit wird Wissen und Wissenschaft erst möglich.
Abschließend noch eine allgemeine Bemerkung: Man könnte denken, was interessieren 99 % der Menschen diese philosophischen Orchideen? Man merkt es indirekt: Die Kraft des sittlichen Sollens und der konkret jeden Menschen fordernde  Wahrheit trägt das gesellschaftliche und rechtliche (und indirekt damit zusammenhängende naturale) Sein unserer Zivilisation. Plötzlich brechen sittliche Grundanschauungen weg, treten Nationalismen auf, fühlt der Mensch sich heimat- und bodenlos, obwohl man meinte, der Mensch hätte ja die zivilisatorischen Errungenschaften schon kennengelernt. Die Historie hilft hier nicht weiter. Die permanente  sittliche Forderung der Wahrheit ist es –  für alle von allen zu allen Zeiten konstitutiv erkennbar, die unsere Gesellschaft (und Natur) trägt bzw. etwas bescheidener ausgedrückt, zumindest etwas Rationalität in eine ebenso bleibende Irrationalität hineinträgt.  

Aber, o Glaukon, dorthin müssen wir unsere Blicke richten.

Wohin? fragte er.

S611e Auf ihr wissenschaftliebendes Wesen, und müssen bemerken, wonach dieses trachtet und was für Unterhaltungen es sucht, als dem Göttlichen und Unsterblichen und immer Seienden verwandt, und wie sie sein würde, wenn sie ganz und gar folgen könnte,…..

(c) Franz Strasser
6. 7. 2015