Nochmals: 5. Teil – oder die Priesterweihe von Frauen?

Ich habe die andere Seite der Skepsis und der Ablehnung der Priesterweihe von Frauen  gelesen anhand päpstlicher Dokumente  der letzten Jahrzehnte und diverser Zeitungsartikel. Es werden durchaus  hehre, hohe Absichten vertreten, der Dienstcharakter des Amtes betont, vor allem geschichtliche Gründe vorgebracht,  anthropologische,  die jahrhundertealte  Überlieferung der Kirche usw.

Ich möchte gleichfalls das Wort Jesu wie die Texte der apostolischen Väter und späteren Kirchenväter lesen und  rezipieren, aber gerade jede Rezeption bedarf ja wiederum eines lebendigen Nachvollzugs in actu.
Ein Text oder eine Geschichte erklärt sich nicht von selbst, sondern wird von uns interpretiert und gedeutet. R. Lauth drückte es einmal so aus: „Die Reflexion verarbeitet ihr erinnerndes Handeln, die schöpferischen Gesichte und die Hemmungsgestaltungen zu einer Mittelwelt, in der sich die genannten Komponenten zu einer „geistigen Natur“ (wie Fichte es nennt), vereinigen.“ (R. Lauth, Der systematische Ort von Fichtes Geschichtskonzeption in seinem System, a. a. O., S 104.) Eine kirchliche Hierarchie nur historisch oder metaphysisch zu begründen, das ist letztlich geschichtslos und unbegründet.  

Ich möchte transzendental-kritisch die hermeneutischen Bedingungen der Worte Jesu und der Kirchenväter zu verstehen versuchen, die Texte literarkritisch dekonstruieren, die anthropologischen Bedingungen von transzendentalen Argumenten unterscheiden können u. a. m. Die jüngst entstanden, literarkritischen Methoden der Auslegung der Hl. Schrift – ich denke an Dekonstruktion und differenzspezifische Lektüre – haben zwar ebenfalls ihre Grenzen, aber immerhin, sie lassen die alten Texte in einem spezifischen Sinn aufleuchten und befreien zu einer neuen Sicht. Die historisch-kritische Bibellektüre, wie wir sie in den 80-er Jahren kennenlernten, Textkritik, Formkritik, Gattungskritik, Redaktionskritik, Kanonkritik war mir, mit einem Wort gesagt, zu historisch und erlaubte keine endgültige Entscheidungsmöglichkeit.  

Ich möchte rein exemplarisch eine kurze literarkritische Methode  anfügen, eine dekonstruierende Textmethode, wie ich sie in einem Post v. L. Denks, Hochschule für Philosophie, München (2007), fand.

a) Die Spannungen und Widersprüche sollen im Text gerade verdeutlicht, nicht harmonisiert werden. Warum pocht der Heilige auf eine kirchliche Hierarchie, vergisst aber auf die Möglichkeit, dafür auch Frauen vorzusehen?

b) Ziel ist es, der Gegenläufigkeit von Inhalt und Form nachzugehen, es geht nicht um die Einheit von beiden. Die Form einer männlichen Hierarchie weist gerade die Gegenläufigkeit zu einer universalen und endzeitlichen Rettung des Menschen aus. Unterschiedslos können alle inhaltlich durch den Glauben an Jesus gerettet werden, aber die Form der Repräsentation ist geschlechtsspezifisch!? Woher diese Spannung in Form und Inhalt?

c) Es geht nicht um eine abschließende Deutung, sondern um die Erkundung von Deutungsmöglichkeiten. Kann die unverfälschte apostolische Lehre, der Schriftkanon, die Ämterfrage, das mehr oder minder gleichberechtigte Zusammenleben, der gültige Sakramentenempfang, die eschatologische Erwartung der Christen u. a. m. vor dem Hintergrund der damaligen gnostischen Irrlehren und der Verfolgung der Christen gesehen werden, wodurch sozusagen die Schaffung einer männlichen Hierarchie quasi aufgenötigt wurde? Es bedurfte fester Ordnungen und Strukturen, vertrauter Verhaltensmuster.
Genauso logisch und gefordert war aber auch die Notwendigkeit einer Repräsentation der christlichen Heilsidee selbst, die Sakramentalität der Hl. Schrift, der Glaubenslehre, der Ämter. Die neuen Deutungsmöglichkeiten kamen aus der apriorischen Sinnerkenntnis – und sind verglichen mit andern gesellschaftlichen Repräsentationsformen der damaligen Zeit ja originell, kreativ, revolutionär? (D. h. hier bin ich historisch zu wenig bewandert!)

d) Es geht nicht um die Botschaft eines Textes, sondern darum, was der Text tut. Offensichtlich hat die männliche, kirchliche Hierarchie durch lange kirchengeschichtlichen Zeiten hindurch einen intuitiven und intelligiblen Charakter behalten. Selbst die Reformatoren stießen sich nicht an dieser Qualität. Die Kirche hatte hier gegenüber anderen Lehren etwas anzubieten. Was tut aber ein Text von Ignatius heute? Wie hören wir ihn?

e) Jeder Text trägt die Spuren vieler anderer Texte in sich. Diese Intertextualität ist ein Prozess des sich Fortschreibens in immer neuen Differenzen und stellt die Autorinstanz in Frage. Dies ist auch bei den Ignatiusbriefen deutlich belegt. Es sind großteils unbekannte Autoren, aber gerade diese historische Unschärfe bürgt für die qualitative Echtheit ihrer Begriffe und Sinndeutungen.

f) Text und Interpretation sind keine völlig verschiedenen Aussageweisen, denn literarische Texte sind selbst Kommentare zu früheren Texten. Ein ebenfalls offensichtlicher Befund bei den Ignatiusbriefen. Die männlich-hierarchische Ausprägung der Repräsentation ist ja bereits ein Kommentar zu vorhergehenden Texten, Kommentar zu jüdischer Schriftlesung, hellenistischer Philosophie u. a. m. Es wird bewusst eine Rückbindung an die Hl. Schrift, an Paulus, an die Pastoralbriefe, an Osterpredigten gesucht und gewollt, um die selber apriorische Sinnidee zu verdeutlichen. Die teils anonymen Autoren legitimierten  ihre Begriffe selbst durch eine Vorgeschichte, durch kulturelle Verstehensmuster, durch Schriftzitate.

g) Die ganze Verfahrensweise der Lektüre von Schriften der frühen Zeit schaut auf die Machart und Konstruiertheit, mithin auf den ganzen sprachlich-kontextuellen Zusammenhang des Textes. Ich habe das nur ganz oberflächlich getan, weil mir a) die philologischen Grundkenntnisse fehlen, die systematische Arbeit an Syntax, Grammatik, Rhetorik, Semantik. So könnte wahrscheinlich noch viel Verdrängtes, Gegenläufiges, Heterogenes aufgedeckt werden.
Was mir aber b) besonders an diesen altehrwürdigen Texten der Tradition gefällt, ist diese enthaltene Überzeugungskraft, dieser leidenschaftliche Ton, diese performative Sprechweise. Es spricht eine unmittelbare, genetische Erkenntnis daraus, ein Wissen in actu, woran wir aber alle, zeitübergreifend, Anteil haben.

Es gehen heute die Meinungen deshalb so durcheinander (siehe z. B. in Deutschland die Bewegung „Maria 2.0“),  weil die verwendeten Begriffe epistemologisch nicht aus einer genetischen Erkenntnis des Wissens abgeleitet sind.  Ich verstehe z. B.  auf historischer Basis die Argumente des Hl. Papstes Karol, die Argumente von Papst Benedikt, die jüngsten Argumente aus dem Jahre 2018. Da ich ferner ein kirchlich sozialisiertes Wesen bin, sind es für  mich  zu hörende, oft berührende, gut gemeinte Äußerungen des Lehramtes. Es müsste m. E. aber unbedingt eine transzendental-kritischen Bibelauslegung hinzukommen.  

———-

Hier einige  päpstliche oder lehramtliche   Quellen zur Ablehnung einer Frauen-Priesterweihe.

(c) Dr. Franz Strasser

29. 9. 2019

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

 

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995 – Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

„(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

 

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

Ich möchte hier auf dem Weg Fr. Dr.in Marianne Schlosser danken für die einfache, linkhafte  Zitierung  der einschlägigen Texte.

 

 

Ignatius von Antiochien – oder die Priesterweihe von Frauen? 4. Teil

„(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Da die WL 1805 (oder auch anhand der WL 1804/1; 1804/2 u. 3 wäre das darlegbar) mit ihrem problematischen „Soll, so muss“ zu einer geschlossenen Einheit der Wissensprinzipien einerseits, aber zu einer offenen Bestimmung der erscheinenden Wirklichkeit in ihrem qualitativen Wertcharakter mittels Glauben andererseits kommt, ist es jetzt an der Zeit, das Repräsentationsvermögen der Ichheit praktisch und theoretisch zu konstituieren. Andernfalls würden zwar die apriorischen Wissensformen wie die glaubensmäßig zu erkennende Wert- und Sinnhaftigkeit eine Gewissheit des Absoluten behauptet, aber die aus der Gewissheit abzuleitende Erkenntnis der Erkenntnis (im göttlichen Lichte) fehlt noch total. (Analog dazu ist die WL 1804/2 genau so zweigeteilt: I – XV, XVI – XXVIII)

Zur den theoretischen Konstitutionsleistungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft – siehe die GWL § 4 oder Blog „Kritische Husserllektüre 2. Teil“ oder Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 2. Anfrage

Zu den praktischen Konstitutionsleistungen wären die großartigen Ableitungen der GWL (1794/1795) ab § 5 heranzuziehen: (Siehe dazu z. B. 2. Teil v. „Kritik einer  Bildtheorie – zu Dieter Mersch

1) Dass das Ich (der Repräsentant) intelligieren soll, realisiert sich unter der intelligiblen Bedingung des Glaubens in der faktischen Konstitution einer Grundtendenz, die im Triebgefühl zuerst bewusst wird, das, aufgenommen ins Ich, als Selbstgefühl, reflektiert als Selbstbewusstsein in Interpersonalität, auftritt. Das Ich fasst dabei frei reflektierend Zwecke und verfolgt Absichten – und kann als solches auch das glaubenmäßig gefasste, kategorisch Gesollte realisieren (nicht gezwungen). Der Repräsentant, das Ich, ist nicht ein leeres Schema, sondern aktive Vorstellung, Fühlen, Wollen und Handeln, getrieben in dem Sinne, dass es notwendig nach der absoluten Wertfülle verlangt im gehemmten Gefühl. Im höchsten Sinne ist dieser Trieb natürlich kein Zwang mehr, sondern freie Realisierung einer im Absoluten begründeten Wertfülle, „Trieb“ im metaphorischen Sinne.

Wie beginnt die Realisierung dieser Wertfülle, erkenntniskritisch vorstellbar im sinnlichen Bereich? Wie geschieht ein Übergehen einer geistigen Vorstellung in eine praktische Handlungsweise? Wie kann die in Ichform deduzierte Repräsentation des Absoluten übertragen werden auf einen Akt sinnlicher, moralischer, interpersonaler, religiöser und geschichtlicher Realisierung?

Die Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität in der Natur, in der Moralität und im Leib, in der Realisierung einer Rechtsordnung und in einer Religion, muss im zeitlichen Werden ihren Ausgangspunkt nehmen. Dies ist ein vorgestelltes Linienziehen, welches wiederum nur innerhalb einer absoluten Quantitabilität möglich gedacht werden kann. Die hinzukommende Empfindung als konkreter Ausgangspunkt verwandelt sich in eine Empfindbares in ihrer Ausdehnung in Zeit und Raum.  Die Linie wird in ihren Punkten ständig erneuert, anfangs noch nicht in alle Richtungen hin, aber durch die reflektierende Urteilskraft wird die Vorstellung der Wechselfolge in eine unendliche Deklinationsmöglichkeit von Raumpunkten aufgebaut. Es ergibt sich die Vorstellung des Körpers, in dem die Totalität aller Deklinationserstreckungen vorgestellt ist.

Durch die unumkehrbare Nachfolgeordnung des zeitlichen Werdens bleibt das Ich an den Punkt gebunden, von dem aus es zuerst bestimmend fortgeht – und so kann nicht überall zugleich im Raume wechselweise übergegangen werden. Jeder fortgehende Raumbestimmung hängt von einer absoluten ab, in Bezug auf die sie erfolgt. Dadurch setzt das Ich nicht eine bloß willkürliche, beliebige Ordnung, sondern eine feste objektive Ordnung voraus.

Die Einbildungskraft sondert in weiterer Folge den Raum von dem Dinge, das ihn wirklich erfüllt, ab und entwirft versuchsweise einen leeren Raum, der aber sogleich mit anderen Substanzen gefüllt ist.1 Dies bedeutet zugleich eine Setzen von gleichzeitig vorhandenen Kraftäußerungen in einer gemeinsamen Sphäre. Intensität und Extensität werden synthetisch notwendig vereint.

Wie die weitere Grundlegung des Raumes verläuft, überspringe ich hier – und verbleibe im Bereich des Werdens und der Zeit: Wir bauen ebenfalls stets zeitliche und geschichtliche Entscheidungsreihen auf, im natürlichen Bereich, im moralischen und leiblichen, im gesellschaftlichen  und geschichtlichen Bereich, und ordnen sie nach einer Hierarchie der Sinnordnung.

Wenn schließlich von einer positiven Offenbarung in der genetischen Erkenntnis gesprochen worden ist, so deshalb, weil eine höchste, alles andere an Wert übertreffende Sinnidee vorausgesetzt wird, die wir in uns tragen, und nicht eher in unserem Streben uns zufrieden geben, bis sie geschichtlich gefunden ist. Die Geschichtserkenntnis hängt dabei nochmals mit allen transsubjektiven Bereichen der Reflexion des Ichs zusammen (mit der Natur, in der wir eine „Evolution“ hineinlegen können, in der Moralität, die sich als Leib äußert, in der Legalität, die sich als Gesellschaft äußert, in der Religion, die sich in einem sakramentalen Kult äußert), steht aber auch unabhängig zu dieser transsubjektiven Objektivität, weil eben das zeitliche Werden und das Linienziehen hier spezifische, dynamische Sinneinheiten zu einer geschichtlichen Reihe zusammenfassen.

Für den Heiligen war es in seiner genetischen Erkenntnis unmittelbar klar, dass sowohl apriorische wie positive Offenbarung im Begriff eins sind, vom implikationslogischen  Denken her, aber auch appositionell. Weder eine rein  historische, noch eine nur begriffliche Erkenntnis könnte diese genetische Erkenntnis erreichen, wenn nicht im Denken selbst logische und erinnernde Einsicht zusammengingen. Die logische Erkenntnis bezog sich auf das repräsentative Licht einer apriorischen Vernunftoffenbarung, die geschichtliche Erkenntnis (mit der ganzen Vorschule der Hl. Schrift und der auf den Heiligen einwirkenden Tradition) auf die Erscheinung Jesu Christi. Beides gingen für den Heiligen in einer genetischen Erkenntnis zusammen – und musste auch so zusammengehen, wollte er selbst und die ganze christliche Gemeinde an eine gegenwärtige und zukünftige Repräsentation der göttlichen Idee glauben können, voll bewusst und im Wissen legitimiert.  

Ohne geschichtliche Rückbindung und Erinnerung wäre eine apriorische Erkenntnis  Gottes eventuell ein Wahngebilde, bloße Phantasie und Poesie. Die Einbildungskraft verfährt aber nicht ohne Reflexion. Die Kunst der Philosophie ist es, die natürlichen Handlungen der Einbildungskraft zwischen einer empirischen und transzendentalen Perspektive zu unterscheiden,  als sie auch wieder zusammenzuhalten –  und die entsprechenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen der Vernunft in ein implikationslogisches wie appositionelles  System der Vernunftrealisation  zu bringen.

2) Gemäß der Reflexion der WL 1805 muss die Reflexion auf die Undarstellbarkeit des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn sie zugleich die Darstellbarkeit und Repräsentanz des Absoluten so genau und deduktiv wie möglich zur Darstellung (zur Erkenntnis der Erkenntnis) in der Erscheinungswelt bringt. Keine Dekonstruktion ohne gleichzeitige differentielle Bestimmung alles Seienden in der Erscheinung. 

Der Begriff der genetischen Erkenntnis soll genau diesen Übergang, diesen Mittelpunkt einer in die Erscheinung tretenden Ur-Erscheinung des Absoluten fassen. Die Vernunft kann gar nicht anders als sich selbst in genetischer Einsicht verstehen: Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit.  So ist z. B. die juridische Beschreibung einer Anerkennung von anderer Freiheit in Formen einer repräsentativen Demokratie oder die Beschreibung einer heiligen Hierarchie von dieser Seite her gesehen selbst nur ein eingeschränkter Bereich einer repräsentativen Vermittlung einer Erkenntnis der Erkenntnis; die Naturwissenschaft hat wieder eigene Naturgesetze des Begreifens einer physikalischen oder biologischen Welt; die sittliche Welt kommt z. B. zu einer universalen Deutung des menschlichen Leibes usw. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft, bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt,  d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte,  S 402) (Interessant wäre hier: J. G. Fichte, Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, Studientexte, fhS III, 2012)  

3) Ich möchte zum Abschluss kommen: Vom Begriff der Repräsentation her könnte zu allen Wirklichkeitsbereichen der Bestimmung übergegangen werden (in der Natur, Moralität, Legalität, Religion). Mir sollte es hier nur um den Bereich der Repräsentation in den rechtlichen Formen des kirchlichen Zusammenlebens gegangen sein.  Wie es Repräsentation in den repräsentativen Demokratien braucht, gewissenhafte Verantwortung gegenüber einem sittlichen Gesetz und Dienst für andere, so braucht das kirchliche Zusammenleben, mit der Zielsetzung einer moralisch-sittlichen und religiösen Sinnordnung, gewisse Formen der Repräsentation, damit die Differenz (der Erscheinung Gottes) in Einheit erreicht werden kann. 2

Repräsentative Formen in einer Religion zu kennen, ohne sie aber auf einen Wissens- und Glaubensakt zurückführen zu können,  würde eine Vielgötterwelt  alten Zuschnitts, oder einen Hinduismus oder einen säkularen, naturalistischen Polytheismus herbeiführen, mit der Konsequenz, dass u. a. auch keine genaue Differenzierung zwischen geistlicher und weltlicher Repräsentation und Macht mehr getroffen werden kann. Das führt zu vielen juridischen und politischen Macht-Unklarheiten, zu staatlicher Unterdrückung, zu religiöser Dikatatur.  Es kommt  zu ständigen Machtüberschreitungen, zu willkürlicher, autoritärer weltlicher und geistlicher Macht, zu  feudalen und patriarchalen Verhaltensmustern, zu  kapitalistischen Ausbeutung. Ohne klaren, rationalen, legitimierten Repräsentationsbegriff –  das gesellschaftliche Chaos. Ohne rational ausweisbare Einheitsform einer weltlichen und religiösen Repräsentation – keine Entfaltung geregelter Freiheit. 

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allen moralischen Appellen und juridischen Gehorsamsansprüchen, bei allen Mängel einer historisch bedingten, männerspezifischen, patriarchalen Hierarchie – es sind Aussagen einer positiven Gottesrede. In Differenz und doch transzendentaler  Repräsentation wird über die apriorische und positive Offenbarung Gottes und die geschenkte Sinnidee ausgesagt. Sie klingen äußerlich gesehen vielleicht noch autoritär, patriarchal,  aber sie sind nicht so gedacht und nicht irrational begründet. Im Gegenteil, es sind aus der genetischen Erkenntnis abgeleitete, auf die prekäre Situation gnostischer und diskriminierender Situation antwortende Repräsentations-Bilder, Aussagen mit einem prinzipiellen Wahrheitsanspruch.

Sobald aber eine prinzipielle Einsicht zu einem bestimmten Wahrheitsanspruch übergeführt wird – siehe oben 2. Teil -, beginnt auch die Relativität und Fehlerhaftigkeit des synthetischen Zusammenhangs von realer Hemmung und idealer Bestimmung. Dass eine prinzipielle Repräsentanz in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein möglich sein muss, ist der historische Fortschritt der Aussagen eines Ignatiusbriefes (oder Klemens könnte ähnlich zitiert werden, oder die Didache), weil die genetische Erkenntnis von sich her überleitet zu einer naturalen, moralischen, rechtlichen, religiösen und geschichtlichen Erkenntnis. Die Frage ist nur, wie die applizierte Anwendung auf diese Erkenntnisgebiete  geschehen soll? Hier beginnt eine gewisse Relativität der unfehlbaren genetischen Erkenntnis, weil die Hemmungskonstellationen nicht ableitbar sind. So lag es wohl für den Heiligen außerhalb seiner Weltsicht, dass Frauen genauso repräsentieren könnten. Es lag aber nicht eine ausdrückliche Ausschließlichkeit der Männerwelt in seinem Denken von Repräsentation vor. (Ich fand keine explizite Ablehnung von Frauen!?)
Die Rezeptionsgeschichte der Ignatianischen Briefe, das wird dann das Problem sein, ist per se nicht unabhängig von einer eigenständigen, selbstverantworteten  Stellungnahme. Wenn autoritäre und patriarchalische Herrschaftsmuster in sie hineinlegt werden, so entspringt dies m. E. nicht einer genetischen Erkenntnis der Gottesoffenbarung.   
Bliebe der Rückbezug auf die positiven Offenbarung nur historisch- traditionell, rezeptionell, ohne Nachvollziehbarkeit einer genetischen Erkenntnis, erstirbt die lebendige Weitergabe der Sinnidee. Ein nur hermeneutisch-historisches Prinzip, z. B. metaphysisch behauptet als „apostolische Sukzession“,  „sola scriptura“,  ist per se selber historisch wandelbar und nicht genetisch begründet. 

M. a. W., in der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung scheint mir die Geschlechterunterscheidung Mann und Frau wesentlich und von einem tiefen Sinn zu sein. Dieser Sinn kann nicht leichtfertig umgedreht werden. Dies betrifft aber nur die naturale und sittlich-moralische Seite des Mannseins  und Frauseins.
In diesem von mir ausgewählten Zusammenhang der Repräsentation religiöser Sinnerkenntnis, w
arum soll die genetische (transzendentale) Erkenntnis, die wesentlich Akt-Erkenntnis  in und aus der apriorischen und positiven Offenbarung ist, zu  apriorisch notwendigen,  geschlechterspezifischen Unterschieden in der juridischen und religiösen Repräsentationsphäre führen?  Warum nur eine männliches Repräsentationssystem von Bischof/Presbyter/Diakon? Das Geschlecht ist für mich  eine abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins, nicht eine des rechtlichen und religiösen Seins.  

Der Übergang zu einem Subjekt in einer Rechtsgemeinschaft und zu einer rechtlich verfassten Kirche – welcher Übergang natürlich ein objektivierender, fehleranfälliger Akt des Wissens wird, – setzt primär andere Maßstäbe der Realisierung als geschlechterspezifische Unterschiede. Die Gleichheit der Geschlechter, der Völker, der Sprachen, diese ungemeine Befreiung der Menschen der damaligen Sklavenhaltergesellschaft, sie wird ebenfalls durch die apostolischen Väter bezeugt. Die patriarchal erscheinenden Repräsentationsformen sind aber damit historisch-relativ.  Die aus der transzendentalen Sinnidee gefolgerten Formen der Repräsentation überhaupt, der Bedeutung der Taufe und Eucharistie, die Gleichheit aller Menschen, das sind für mich  geschlechts- und standes- und altersunabhängige Realisationen der Sinnidee und prioritär zu werten verglichen mit geschlechterdifferenzierte Realisationen.  

M. a. W., es hat die geschlechterspezifische und anthropologische Differenzierung von Mannsein und Frausein  hinsichtlich Lebensformen und Lebensweisen, hinsichtlich sinnlicher und leiblicher Schönheit etc. einen tiefen Sinn, aber gilt das auch für die rechtliche und religiöse Sinnidee? Die Ikonographie zur Anastasis-Ikone, in der Christus Adam und Eva aus dem Grab gleichzeitig und gleichseitig heraufholt, drückt für mich diese differentielle Einheit aus: Beider werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt, und sind doch spezifisch dargestellt. Unter zeitlichen Bedingungen realisiert sich die religiöse Sinnordnung und die apriorische Sinnidee logisch-konsequent und appositionell nur unter der Anschauung beiderlei Geschlechts, das berührt aber nicht die rechtliche Geschlechtergleichheit.  

Der heilige Ignatius, so scheint mir, war von der genetischen Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung so gepackt und ergriffen, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Vermittlung auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen, denen aber selbstverständlich diese  genetische Erkenntnismöglichkeit eröffnet ist. M. a. W., diese Nicht-Erwähnung und stillschweigende Nicht-Einbeziehung der Frauen in ein kirchliches Amt ist kein ausdrücklicher Ausschluss der Frauen vom kirchlichen Amt, sondern ein zeitbedingtes Verhaltensmuster des Heiligen. Bekanntlich bedarf es aber eines langen Lernprozesses, ein verfestigtes Verhalten neu zu affizieren und auszurichten.  (Soweit ich die Briefe las, fand ich keine abwertenden, negativen Äußerungen zu Frauen!)  

Das Ziel der kirchlichen-männlichen Hierarchie, die der Heilige verhaltens- und zeitbedingt aufstellte, war  nicht Selbstzweck, sondern Ziel war die lebendige Weitergabe und die lebendige Nachvollziehbarkeit der genetischen Erkenntnis für Männer wie Frauen,  gleich welchen Standes, welcher ethnischen Zugehörigkeit, welchen Alters, welcher Nation.  Ziel war die sittlich-moralische Einheit der Gemeinde, die lebendige Repräsentation einer religiösen Sinnordnung, gestiftet durch eine positive Offenbarung.  Seine männlich-dominierte,   kirchliche Hierarchie war nicht Selbstzweck, sondern Dienst in und  an dieser religiösen Sinnordnung. 

Sollten die damaligen gesellschaftlichen Determinanten wegfallen sein (Christenverfolgung, weitgehend patriarchale Herrschaftsmuster), was hindert uns, die differentielle Erkenntnis der positiven Offenbarung, dessen unwandelbarer Gehalt für mich feststeht, auch in neuen Formen der Repräsentation zu fassen? Oder umgekehrt gefragt: Was rechtfertigt  noch die geschlechterspezifische Unterscheidung, wenn es um die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt geht, wenn ausdrücklich nur rückbezogen auf die positiven Offenbarung die Repräsentation einer Ur-Erscheinung Gottes gedacht werden kann – und geschichtliche Vorurteile weggefallen sind? In die genetische Erkenntnis einer apriorischen und positiven Offenbarung mit allen ihre Implikationen von Rettung, Erlösung, Wiedergutmachung, Auferstehung, ewiges Leben, leuchtet eine alles andere an Wert übersteigenden Sinnidee auf, die den Sinn und den Wert einer geschlechterspezifischen Weitergabe doch wohl übertrifft?! 

Die Frage und das Problem ist vielmehr, wie die differentielle Sicht der alles leitenden Sinnidee als Aufgabe der Erziehung, Bildung, als Kultur, als Form der Gerechtigkeit, auf das gesellschaftliche Leben (und auf die Natur, die Moralität, die Feier der religiösen Sinnordnung) glaubwürdig und geschichtlich, geschlechtergerecht und wohl auf geschlechterspezifisch!, übertragen werden kann.

Man kann geschichtlich viel versäumen, wenn man nicht geschichtlich selbst die Schlüsse zieht. Ein heiliger Ignatius gab zu seiner geschichtlichen Stunde eine genetische, leidenschaftlich geprägte Antwort. Dass nach außen hin, 1900 Jahre später,  viele Aussagen sich  „patriarchal“ anhören, so sind wir nicht tiefer in der genetischen Erkenntnis vorgedrungen oder gescheiter geworden als die apriorische und positive Offenbarung, aber die Rezeptionsgeschichte hat sich geändert. Transzendental-hermeneutische Interpretationen austauschen, wie es vor 1900 Jahren und im Mittelalter und im 19. Jhd. gewesen ist – oder in der Jerusalemer Urgemeinde, oder bei Paulus usw.  –  mag historisch interessant sein, aber gibt letztlich kein Entscheidungskriterium an die Hand.   

Vielleicht habe ich mich in meiner Ableitung einer kirchlichen Hierarchie und kirchlichen Repräsentation (von Amtsträgern und die ganzen christlichen Gemeinde) aus einer genetischen Erkenntnis getäuscht, habe vielleicht ein Zwischenglied der Erkenntnis übersehen, dann fiele mehr oder minder die ganze Ableitung zusammen. Nur historisch oder metaphysisch aber etwas behaupten, das begründet nichts, wie mir das in den Diskussionen um das Priesteramt der Frauen oft vorkommt. 

M. a. W., ein Heiliger Ignatius mag hundertmal von seiner Umwelt patriarchal und psychisch geprägt gewesen sein, aber er hat in seiner Argumentation primär nicht patriarchal motiviert geredet. Es ging ihm und der christlichen Gemeinde um viel mehr und anderes: Um das geistige Überleben und das kostbare Glaubensgut. Der Enthusiasmus ist aus seinen Briefen deutlich herauszuhören. Da spricht nicht ein von der Vernunft frustrierter Rousseau, kein von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Hobbes, kein Verfassungsrechtler unserer Zeit.  Der Freiheitsgewinn war übergroß. Hätte eine apriorische oder überlieferte göttliche Botschaft gezwungen aufgenommen werden müssen, hätte es keine Wahlfreiheit gegeben; hätte es keine positiven Offenbarung Gottes gegeben, hätte es aber auch kein Nachbilden (Repräsentieren) und keine in der Geschichte sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee gegeben. Diese gewusste und gefühlte Freiheit überstieg alle Geschlechter-, Standes-, Völkerdifferenz und repräsentierte eine sittlich-moralische und religiöse Sinnordnung. An keine Repräsentanz und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis zu glauben, sozusagen alle göttliche Repräsentanz in juridischen Machtstrukturen überhaupt zu leugnen, wäre ein tiefer Unglaube und führte zu rechtlich ungeregelter Freiheit: denn es würde dann implizit behauptet, es gäbe gar keine überirdische Welt und keine Ur-Erscheinung Gottes, die in der Ichform nachgebildet werden kann. Ohne göttliche Rückbindung wird aber alle repräsentative Machtausübung unbegründet und autoritär.  Es bleiben dann nur irdische Scheinformen von „Repräsentation“, die aber letztlich ein Widerspruch sind – siehe dazu die Argumentation oben 2. Teil, von R. Schottky zu Rousseau und Hobbes.

(c) Dr. Franz Strasser

21. 9. 2019
—————–

1Ich verweise zur näheren Erklärung z. B. auf R. LAUTH, Naturlehre, 1984, ebd. S 63f.

2Wenn ich kurz die WL 1805 verlassen darf: Fichte wurde die geschichtliche Vorgegebenheit der Offenbarung immer bewusster: „[…] das ins unendliche fortbildende Leben ist es, das Vermögen selbst des Bildens ist das UrBild, u. nichts anderes. Wie nun ein solches Vermögen? Princip, Grundlage, u. was ist in ihm. Es ist nur im Bilde, habe ich erweisen wollen. Aber es ist auch ausser dem Bilde, dem wirklichen u. als Bedingung desselben“ {FICHTE, Diarium, 175, Anmerkung 2)