Nochmals: 5. Teil – oder die Priesterweihe von Frauen?

Ich habe die andere Seite der Skepsis und der Ablehnung der Priesterweihe von Frauen  gelesen anhand der päpstlichen Dokumente ab 1994 und diverse Zeitungsartikel. Es werden durchaus  hehre, hohe Absichten vertreten, der Dienstcharakter des Amtes betont, vor allem geschichtliche Gründe vorgebracht,  anthropologische,  die jahrhundertealte  Überlieferung der Kirche usw.

Ich möchte gleichfalls das Wort Jesu wie die Texte der Kirchenväter rezipieren, aber gerade dieser Übergang von der Heiligen Schrift zu einer langen Traditionsgeschichte bedarf ja wiederum eines lebendigen Nachvollzugs in actu.
Die Geschichte erklärt sich ja nicht von selbst, sondern wird von uns interpretiert und gedeutet. R. Lauth drückte es einmal so aus: „Die Reflexion verarbeitet ihr erinnerndes Handeln, die schöpferischen Gesichte und die Hemmungsgestaltungen zu einer Mittelwelt, in der sich die genannten Komponenten zu einer „geistigen Natur“ (wie Fichte es nennt), vereinigen.“ (R. Lauth, Der systematische Ort von Fichtes Geschichtskonzeption in seinem System, a. a. O., S 104.) Eine kirchliche Hierarchie nur historisch oder metaphysisch zu begründen, das ist letztlich geschichtslos und unbegründet.  

Ich möchte transzendental-kritisch die hermeneutischen Bedingungen der Worte Jesu und der Kirchenväter zu verstehen versuchen, die Texte literarkritisch dekonstruieren, die anthropologischen Bedingungen von transzendentalen Argumenten unterscheiden können u. a. m. Die jüngst entstanden, literarkritischen Methoden der Auslegung der Hl. Schrift – ich denke an Dekonstruktion und differenzspezifische Lektüre – haben zwar ebenfalls ihre Grenzen, sie bedürfen einer transzendentalen Begründung, aber immerhin, sie lassen die alten Texte in einem spezifischen Sinn aufleuchten und befreien zu einer neuen Sicht. Die historisch-kritische Bibellektüre, wie wir sie in den 80-er Jahren kennenlernten, Textkritik, Formkritik, Gattungskritik, Redaktionskritik, Kanonkritik war m. E. zu philologisch und textlastig.  

Es gehen heute die Meinungen deshalb so durcheinander (Maria 2.0 etc..), weil die verwendeten Begriffe epistemologisch nicht begründet sind. Es fehlt die deduktive Mitte ihres Verständnisses. 

Ich verstehe auf historischer Basis die Argumente des Hl. Papstes Karol, die Argumente von Papst Benedikt, die jüngsten Argumente aus dem Jahre 2018, da ich ferner ein kirchlich sozialisiertes Wesen bin, sind es für  mich bedeutende, zu hörende, oft berührende, gut gemeinte Äußerungen des Lehramtes. Es müsste m. E. aber unbedingt eine transzendental-kritischen Bibelauslegung hinzukommen. Was ist der überzeitliche, unwandelbare Gehalt eines Jesus-Wortes, die apriorische Wahrheit, die unwandelbar ist (und auch kein Lehramt verändern kann), die aber transzendental-hermeneutisch auf die Bedingungen der Zeit und faktisch umzulegen ist, falls wir an eine göttliche Welt überhaupt glauben. 

Die hermeneutischen Bedingungen eines Jesus-Wortes oder Texte von Kirchenvätern (der Hl. Ignatius mit seinen sieben „Briefen“ ist nur ein Beispiel) sind nicht belanglos, betreffen und determinieren uns in gewissem Sinne der geschichtliche Überlieferung – sie stehen aber nicht über einer transzendentalen Erkenntniskritik.

———-

Hier ein paar päpstliche oder kirchenamtliche   Quellen:

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

 

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995 – Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

 

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

Ich möchte hier auf dem Weg Fr. Dr.in Marianne Schlosser danken für die einfache, linkhafte  Zitierung  der einschlägigen Texte.

(c) Dr. Franz Strasser

29. 9. 2019

 

Ignatius von Antiochien – oder die Priesterweihe von Frauen? 4. Teil

„(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Da die WL 1805 (oder auch anhand der WL 1804/1; 1804/2 u. 3 wäre das darlegbar) mit ihrem problematischen „Soll, so muss“ zu einer geschlossenen Einheit der Wissensprinzipien einerseits, aber zu einer offenen Bestimmung der erscheinenden Wirklichkeit in ihrem qualitativen Wertcharakter mittels Glauben andererseits kommt, ist es jetzt an der Zeit, das Repräsentationsvermögen der Ichheit praktisch und theoretisch zu konstituieren. Andernfalls würden zwar die apriorischen Wissensformen wie die glaubensmäßig zu erkennende Wert- und Sinnhaftigkeit eine Gewissheit des Absoluten behauptet, aber die aus der Gewissheit abzuleitende Erkenntnis der Erkenntnis (im göttlichen Lichte) fehlt noch total. (Analog dazu ist die WL 1804/2 genau so zweigeteilt: I – XV, XVI – XXVIII)

Zur den theoretischen Konstitutionsleistungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft – siehe die GWL § 4 oder Blog „Kritische Husserllektüre 2. Teil“ oder Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 2. Anfrage

Zu den praktischen Konstitutionsleistungen wären die großartigen Ableitungen der GWL (1794/1795) ab § 5 heranzuziehen: (Siehe dazu z. B. 2. Teil v. „Kritik einer  Bildtheorie – zu Dieter Mersch

1) Dass das Ich (der Repräsentant) intelligieren soll, realisiert sich unter der intelligiblen Bedingung des Glaubens in der faktischen Konstitution einer Grundtendenz, die im Triebgefühl zuerst bewusst wird, das, aufgenommen ins Ich, als Selbstgefühl, reflektiert als Selbstbewusstsein in Interpersonalität, auftritt. Das Ich fasst dabei frei reflektierend Zwecke und verfolgt Absichten – und kann als solches auch das glaubenmäßig gefasste kategorische Gesollte realisieren (nicht gezwungen). Der Repräsentant, das Ich, ist nicht ein leeres Schema, sondern aktive Vorstellung, Fühlen, Wollen und Handeln, getrieben in dem Sinne, dass es notwendig nach der absoluten Wertfülle verlangt im gehemmten Gefühl.

Im höchsten Sinne ist dieser Triebe natürlich kein Zwang mehr, sondern freie Realisierung einer im Absoluten begründeten Wertfülle. Wie geschieht aber wiederum die Realisierung dieser Wertfülle, erkenntniskritisch vorstellbar und im sinnlichen Bereich beginnend? Wie geschieht ein Übergehen einer geistigen Vorstellung in eine praktische Handlungsweise? Wie die in Ichform deduzierte Repräsentation des Absoluten übertragen auf einen genetischen Akt sinnlicher, moralischer, interpersonaler, religiöser und geschichtlicher Wirklichkeit?

Die Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität in der Natur, in der Moralität und im Leib, in der Realisierung einer Rechtsordnung und in einer Religion, muss im zeitlichen Werden ihren Ausgangspunkt nehmen. Dies ist ein vorgestelltes Linienziehen, welches wiederum nur innerhalb einer absoluten Quantitabilität möglich gedacht werden kann. Die hinzukommende Empfindung als konkreter Ausgangspunkt verwandelt sich in eine Empfindbares in ihrer Ausdehnung im Raume. Die Linie wird in ihren Punkten ständig erneuert, anfangs noch nicht in alle Richtungen hin, aber durch die reflektierende Urteilskraft wird die Vorstellung der Wechselfolge in eine unendliche Deklinationsmöglichkeit von Raumpunkten aufgebaut. Es ergibt sich die Vorstellung des Körpers, in dem die Totalität aller Deklinationserstreckungen vorgestellt ist.

Durch die unumkehrbare Nachfolgeordnung des zeitlichen Werdens bleibt das Ich an den Punkt gebunden, von dem aus es zuerst bestimmend fortgeht – und so kann nicht überall zugleich im Raume wechselweise übergegangen werden. Jeder fortgehende Raumbestimmung hängt von einer absoluten ab, in Bezug auf die sie erfolgt. Dadurch setzt das Ich nicht eine bloß willkürliche, beliebige Ordnung, sondern eine feste objektive Ordnung voraus.

Die Einbildungskraft sondert in weiterer Folge den Raum von dem Dinge, das ihn wirklich erfüllt, ab und entwirft versuchsweise einen leeren Raum, der aber sogleich mit anderen Substanzen erfüllt ist.1 Dies bedeutet zugleich eine Setzen von gleichzeitig vorhandenen Kraftäußerungen in einer gemeinsamen Sphäre. Intensität und Extensität werden synthetisch notwendig vereint.

Wie die weitere Grundlegung des Raumes verläuft, überspringe ich hier – und verbleibe im Bereich des Werdens und der Zeit: Wir bauen stets zeitliche und geschichtliche Entscheidungsreihen auf, im natürlichen Bereich, im moralischen und leiblichen, im gesellschaftlichen  und geschichtlichen Bereich, und ordnen sie nach einer Hierarchie der Sinnordnung.

Wenn schließlich von einer positiven Offenbarung in der genetischen Erkenntnis gesprochen worden ist, so deshalb, weil eine höchste, alles andere an Wert übertreffende Sinnidee vorausgesetzt wird, die wir in uns tragen, und nicht eher in unserem Streben uns zufrieden geben, bis sie geschichtlich gefunden ist. Die Geschichtserkenntnis hängt dabei nochmals mit allen transsubjektiven Bereichen der Reflexion des Ichs zusammen (mit der Natur, in der wir eine „Evolution“ hineinlegen können, in der Moralität, die sich als Leib äußert, in der Legalität, die sich als Gesellschaft äußert, in der Religion, die sich in einem sakramentalen Kult äußert), steht aber auch unabhängig zu dieser transsubjektiven Objektivität, weil eben das zeitliche Werden und das Linienziehen hier spezifische, dynamische Sinneinheiten zu einer geschichtlichen Reihe zusammenfassen.

Für den Heiligen war es in seiner genetischen Erkenntnis unmittelbar klar, dass sowohl apriorische wie positive Offenbarung im Begriff eins sind, vom implikationslogischen  Denken her, aber auch appositionell und phänomenologisch erkannte er das in der positiven Offenbarung Christi.  Weder eine rein  historische, noch eine nur begriffliche Erkenntnis könnte diese genetische Erkenntnis erreichen, wenn nicht im Denken selbst logische und erinnernde Einsicht zusammengingen. Die logische Erkenntnis bezog sich auf das repräsentative Licht einer apriorischen Vernunftoffenbarung, die geschichtliche Erkenntnis (mit der ganzen Vorschule der Hl. Schrift und ihrer Gestalten) auf die Erscheinung Jesu Christi. Beides gingen für den Heiligen in einer genetischen Erkenntnis zusammen – und musste auch so zusammengehen, wollte er selbst und die ganze christliche Gemeinde in eine gegenwärtige und zukünftige Repräsentation der göttlichen Idee glauben.  

Ohne geschichtliche Rückbindung und Erinnerung wäre eine apriorische  Erkenntnis  Gottes eventuell ein Wahngebilde, bloße Phantasie und Poesie. Die Einbildungskraft verfährt aber nicht ohne Reflexion. Die Kunst der Philosophie ist es, die natürlichen Handlungen der Einbildungskraft zwischen einer empirischen und transzendentalen Perspektive zu unterscheiden als auch wieder zusammenzuhalten –  und die entsprechenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen der Vernunft in ein implikationslogisches wie appositionelles  System der Vernunftrealisation  zu bringen.

2) Gemäß der Reflexion der WL 1805 muss die Reflexion auf die Undarstellbarkeit des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn sie zugleich die Darstellbarkeit und Repräsentanz des Absoluten so genau und deduktiv wie möglich zur Darstellung (zur Erkenntnis der Erkenntnis) in der Erscheinungswelt bringt. Keine Dekonstruktion ohne gleichzeitige differentielle Bestimmung alles Seienden in der Erscheinung. 

Der Begriff der genetischen Erkenntnis soll genau diesen Übergang, diesen Mittelpunkt einer in die Erscheinung tretenden Ur-Erscheinung des Absoluten fassen. Die Vernunft kann gar nicht anders als sich selbst in genetischer Einsicht verstehen: Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit.  So ist z. B. die juridische Beschreibung einer Anerkennung von anderer Freiheit in Formen einer repräsentativen Demokratie oder die Beschreibung einer heiligen Hierarchie von dieser Seite her gesehen selbst nur ein eingeschränkter Bereich einer repräsentativen Vermittlung einer Erkenntnis der Erkenntnis; die Naturwissenschaft hat wieder eigene Naturgesetze des Begreifens einer physikalischen oder biologischen Welt; die sittliche Welt kommt z. B. zu einer universalen Deutung des menschlichen Leibes usw. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt,  d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte…, S 402)

3) Ich möchte zum Abschluss kommen: Vom Begriff der Repräsentation her könnte zu allen Wirklichkeitsbereichen der Bestimmung übergegangen werden (in der Natur, Moralität, Legalität, Religion). Mir sollte es hier nur um den Bereich der Repräsentation in den rechtlichen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gegangen sein bzw. im eingeschränkten Sinne um die kirchliche Repräsentation. Wie es Repräsentation in den repräsentativen Demokratien braucht, gewissenhafte Verantwortung gegenüber einem sittlichen Gesetz und Dienst für andere, so braucht das kirchliche Zusammenleben, mit der Zielsetzung einer moralisch-sittlichen und religiösen Sinnordnung, gewisse Formen der Repräsentation, damit die Differenz (der Erscheinung Gottes) in Einheit erreicht werden kann. 2

Keine repräsentativen Formen in der Religion zu kennen, würde eine Vielgötterwelt öffnen, wie sie die Naturreligionen oder der Hinduismus bieten. Es gibt freilich dann keine geregelte Freiheit, nur Anarchie oder erst recht ausbrechende Klassengesellschaft, unlegitimierte Machtausübung, Kastenwesen, Patriarchalismus. (Wie sich eben die  gesellschaftliche Natur des Menschen oft unvernünftig organisiert.) 

Repräsentative Formen zwar zu kennen, aber keinen Inhalt einer Rückbeziehung auf eine positive Offenbarung und einen moralischen Gottesbegriff zu haben, würde aber  ebenfalls in autoritären Formen erstarren. (Siehe viele Formen des Islams, tlw. auch in der Kirchengeschichte auffindbar.) 

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allen moralischen Appellen und juridischen Gehorsamsansprüchen, bei allen Mängel einer männerspezifischen Hierarchie – es sind Aussagen einer positiven Gottesrede. In Differenz und doch juridischer Repräsentation wird über Gott und die geschenkte Sinnidee etwas gesagt. Es sind letztlich keine autoritären Anweisungen, sondern transzendental-kritische Aussagen, sich bewährende Bilder der Gottesrede in konkreter, prekärer Stunde.

Sobald aber vom prinzipiellen Wahrheitsanspruch zum bestimmten Wahrheitsanspruch übergegangen wird, beginnt auch die Relativität und Fehlerhaftigkeit des synthetischen Zusammenhangs von realer Hemmung und idealer Bestimmung.

Dass eine prinzipielle Repräsentanz in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein möglich sein muss, steht außer Frage; dass es eine Form institutionalisierte Legalität und damit institutionalisierter Machtausübung geben muss, steht prinzipiell ebenfalls nicht in Frage, will die Erkenntnis der Erkenntnis realisiert werden; die Frage ist nur, welche dafür zu nehmenden Personen oder Geschlechter und Aufgaben kommen dafür in Frage. Nur Männer? Nur Bischöfe? Nur Presbyter? Welche Aufgaben hat eine positive Religion? Es stellen sich sofort unendlich viele Aufgaben – die aber im Hinblick auf das Soll der Erscheinung Gottes in der positiven Offenbarung stets gelöst werden müssen und auch gelöst werden können, wenn sie sollen.
Gäbe
es keinen Bezug mehr zur positiven Offenbarung, ja dann entfällt auch das Licht der apriorischen Gottesoffenbarung – und entfällt jede Legitimität kirchlicher Hierarchie und christlicher Gemeinde. Bliebe der Rückbezug auf die positiven Offenbarung nur historisch- traditionell, ohne Nachvollziehbarkeit in einer genetischen Erkenntnis, erstirbt aber auch die lebendige Weitergabe der Sinnidee.

M. a. W., in der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung scheint mir die Geschlechterunterscheidung Mann und Frau wesentlich und von tieferem Sinn. Dieser Sinn kann nicht leichtfertig umgedreht werden. Dies betrifft aber nur den naturalen und sittlich-moralischen Sinn von Mannsein und Frausein. Aber ich sehe bis jetzt nicht, warum die genetische (transzendentale) Erkenntnis, die wesentlich Akt-Erkenntnis in und aus der apriorischen und positiven Offenbarung ist, zu geschlechterspezifischen Unterschieden in der juridischen und religiösen Repräsentationsphäre führen soll. Das Geschlecht ist eine abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins, nicht des rechtlichen und religiösen Seins.

Der Übergang zu einem Subjekt einer Rechtsgemeinschaft – das natürlich ebenso ein objektivierender Akt des Wissens ist – setzt andere Maßstäbe der Realisierung : Anerkennung von Freiheit, rechtliche Freiheitssphäre, Kultur, Gerechtigkeit, Bildung usw. In einer rechtlichen Ordnung kann es nicht um Geschlechterpräferenz gehen, denn dann wäre das rechtliche Verhältnis selbst von naturalen Determinanten bestimmt und nicht apriorisch.
Analog sehe ich das so für eine rechtliche Ordnung in der Kirche: Es kann in einem eingeschränkten Bereich „nur“ um die juridische Repräsentation gehen, weil im Begriff der positiven Offenbarung selbst die juridische Grundkonstante vorgegeben ist: Anerkennung von anderer Freiheit mit logisch-praktischen Konsequenzen. Was darüber hinaus das Mannsein und Frausein an repräsentativen Formen der Erkenntnis der Erkenntnis zulässt, ist ein anderer Bereich transsubjektiver Objektivität und ebenfalls in differentieller Einheit zu bestimmen.

Manche Frauen werden auch kein Problem haben, kein kirchliches Amt bekleiden zu dürfen; es gibt genügend andere Repräsentationsformen der naturalen, moralisch-sittlichen und religiösen Sphäre.

Der heilige Ignatius, so scheint mir, war von der genetischen Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung so gepackt und ergriffen, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Vermittlung auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich keine positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen, die aber ebenfalls in dieser genetischen Erkenntnismöglichkeit eröffnet wäre. M. a. W., diese Nicht-Erwähnung und stillschweigende Nicht-Einbeziehung der Frauen in ein kirchliches Amt ist deshalb kein totaler Ausschluss der Frauen vom kirchlichen Amt, sondern nur ein zeitlich bedingter, der nicht das Verhältnis zur erlösenden Erkenntnis Gottes in Jesus Christus selbst betrifft. (Soweit ich die Briefe las, fand ich keine abwertenden, negativen Äußerungen zu Frauen!?)  

Das Ziel der kirchlichen (männlichen) Hierarchie war  nicht Selbstzweck, sondern Ziel war die lebendige Weitergabe und die lebendige Nachvollziehbarkeit der genetischen Erkenntnis für Männer wie Frauen,  gleich welchen Standes, welcher ethnischen Zugehörigkeit, welchen Alters, welcher Nation.  Ziel war die sittlich-moralische Einheit der Gemeinde, die lebendige Repräsentation einer religiösen Sinnordnung, gestiftet durch eine positive Offenbarung.  Alle  kirchliche Hierarchie war nicht Selbstzweck, sondern Dienst in und  an dieser religiösen Sinnordnung. 

Sollten die damaligen gesellschaftlichen Determinanten wegfallen (Christenverfolgung, weitgehend patriarchale Herrschaftsmuster), so müsste die differentielle Erkenntnis der positiven Offenbarung – die in ihrem Gehalt eine unwandelbare Erkenntnis ist – sich auch auf ein neues Durchdenken der repräsentativen Formen der Hierarchie auswirken. Denn was rechtfertigt dann noch die geschlechterspezifische Unterscheidung, wenn ausdrücklich nur rückbezogen auf die positiven Offenbarung die Repräsentation einer Ur-Erscheinung Gottes gedacht werden kann – und geschichtliche Hemmnisse weggefallen sind? In die genetische Erkenntnis einer apriorischen und positiven Offenbarung mit allen ihre Implikationen von Rettung, Erlösung, Wiedergutmachung, Auferstehung, ewiges Leben, leuchtet eine alles andere an Wert übersteigenden Sinnidee auf, die den Sinn und den Wert einer geschlechterspezifischen Weitergabe doch wohl übertrifft?! 

Die Frage und das Problem ist vielmehr, wie die differentielle Sicht der alles leitenden Sinnidee als Aufgabe der Erziehung, Bildung, als Kultur, als Form der Gerechtigkeit, auf das gesellschaftliche Leben (und auf die Natur, die Moralität, die Feier der religiösen Sinnordnung) glaubwürdig und geschichtlich übertragen werden kann.

Man kann geschichtlich viel versäumen, wenn man nicht geschichtlich selbst die Schlüsse zieht. Ein heiliger Ignatius gab zu seiner geschichtlichen Stunde eine genetische, leidenschaftlich geprägte Erkenntnis wieder. Dass nach außen hin, 1900 Jahre später,  das „patriarchal“ sich anhört, wenn wir durchaus nur von männlichen Bischöfen, Presbytern und Diakonen lesen, so werden unbewusst unsere Fragen auf seine Fragen und Problemstellungen übertragen. Es werden aber damit nur transzendental-hermeneutische Interpretationen ausgetauscht, nicht genetische Erkenntnisse und Begründungen.

Vielleicht habe ich mich in meiner Ableitung einer kirchlichen Hierarchie und kirchlichen Repräsentation (von Amtsträgern und die ganzen christlichen Gemeinde) aus einer genetischen Erkenntnis getäuscht, habe vielleicht ein Zwischenglied der Erkenntnis übersehen, dann fiele mehr oder minder die ganze Ableitung zusammen. Nur historisch oder metaphysisch aber etwas behaupten, das begründet nichts, wie mir das in den Diskussionen um das Priesteramt der Frauen oft vorkommt. 

M. a. W., ein Heiliger Ignatius mag hundertmal von seiner Umwelt patriarchal und psychisch geprägt gewesen sein, er hat in seiner Argumentation primär nicht patriarchal motiviert geredet. Es ging ihm und der christlichen Gemeinde um viel mehr und anderes: Um das Überleben und das kostbare Glaubensgut. Der Enthusiasmus ist aus seinen „Briefen“ deutlich herauszuhören. Da spricht nicht ein von der Vernunft frustrierter Rousseau, kein von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Hobbes. Der Freiheitsgewinn war übergroß. Hätte eine apriorische oder überlieferte göttliche Botschaft gezwungen aufgenommen werden müssen, hätte es keine Wahlfreiheit gegeben; hätte es keine positiven Offenbarung Gottes gegeben, hätte es aber auch kein Nachbilden (Repräsentieren) und keine in der Geschichte sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee gegeben. Diese gewusste und gefühlte Freiheit überstieg alle Geschlechterdifferenz und repräsentierte eine sittlich-moralische und religiöse Sinnordnung. An keine Repräsentanz und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis zu glauben, sozusagen alle göttliche Repräsentanz in juridischen Machtstrukturen überhaupt zu leugnen, wäre ein tiefer Unglauben und Überheblichkeit: denn es würde dann implizit behauptet, es gäbe keine überirdische Welt und keine Ur-Erscheinung Gottes, die in der Ichform nachgebildet werden kann. Ohne göttliche Rückbindung wird alle Machtausübung sofort autoritär.  Es blieben nur irdische Scheinformen von „Repräsentation“, die aber letztlich ein Widerspruch sind – siehe dazu die Argumentation oben 2. Teil, von R. Schottky zu Rousseau und Hobbes.

Warum sollte bei genetisch und geschichtlich begründeter Repräsentation ausgeschlossen werden, dass Frauen nicht ein sakramentales Amt bekleiden können? Es würde so werden, wie beim hierarchischen Amt der Männer: Manche wäre sehr gute Repräsentantinnen, manche weniger.

(c) Dr. Franz Strasser

21. 9. 2019
—————–

1Ich verweise zur näheren Erklärung z. B. auf R. LAUTH, Naturlehre, 1984, ebd. S 63f.

2Wenn ich kurz die WL 1805 verlassen darf: Fichte wurde die geschichtliche Vorgegebenheit der Offenbarung immer bewusster: „[…] das ins unendliche fortbildende Leben ist es, das Vermögen selbst des Bildens ist das UrBild, u. nichts anderes. Wie nun ein solches Vermögen? Princip, Grundlage, u. was ist in ihm. Es ist nur im Bilde, habe ich erweisen wollen. Aber es ist auch ausser dem Bilde, dem wirklichen u. als Bedingung desselben“ {FICHTE, Diarium, 175, Anmerkung 2)