Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 5. Teil – Schluss

(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Der andere Begriff der „Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen“ ist die frei gewählte Vorstellung, über das im reflexiven Denken liegende Repräsentationsmuster einer sittlich-moralischen Ordnung hinauszugehen, und im Glauben eine sakrale, religiöse Sinnordnung zu entwerfen; der „Nothwendigkeit“ nach, weil ja Repräsentation notwendig ist, aber doch auch frei, weil nur im Glauben zu erhoffen.

An keine Repräsentation und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis (der apriorischen und positiven Offenbarung) zu glauben, sozusagen alle göttliche Repräsentanz im naturalen, moralischen, juridischen und religiösen Bereich zu leugnen, wäre ein tiefer Unglaube und würde selbst  das Wissen als  Existentialform und Lichtform  der Erscheinung des Absoluten verleugnen. 

Der Enthusiasmus für den Glauben trotz schlimmer politischer Verfolgung ist aus den Briefen des Heiligen/des anonymen Autors unleugbar herauszuhören, ebenso die genetische Erkenntnis einer apriorischen und positiven Offenbarung.  Da spricht nicht ein von der Vernunft frustrierter Rousseau, der an keine Repräsentation glaubt, siehe oben 2. Exkurs zur Repräsentation im juridisch-politischen Bereich (4. Teil), auch kein von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Hobbes, der nur eine „Repräsentation“ im diktatorischen Sinne kennt, auch kein Systemtheoretiker unserer Zeit, der die Repräsentation als Funktion in einer differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft sieht – und keiner mehr weiß, was noch repräsentiert wird – sondern in freier Vorstellung werden die (überlieferten) Begriffe neu verwendet und eine religiöse Sinnordnung wird mit der Hoffnung, dass Gott/der Hl. Geist diese Ordnung in unabhängiger Tätigkeit trägt und erhält, geschaffen. Eine sakrale, neue religiöse Weltordnung beginnt sich zu konstituieren.

2) Gemäß der WL 1805 muss die formale Wissensform auf die Undarstellbarkeit der Erscheinung des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn sie zugleich die Darstellbarkeit und Repräsentanz der Erscheinung des Absoluten so genau und begrifflich distinkt wie möglich zur Darstellung (zur Erkenntnis der Erkenntnis) in der Erscheinungswelt bringt. Sozusagen keine Dekonstruktion der Erscheinung ohne gleichzeitige differentielle Bestimmung alles Seienden in einer werthaften Wirklichkeit der Erscheinung des Absoluten.

Die Vernunft kann gar nicht anders als sich selbst in genetischer Einsicht verstehen: Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind a) innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und b) appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft, bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht, das ist
ein Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits.

Vom Begriff der Repräsentation her kann zu allen Wirklichkeitsbereichen der Bestimmung übergegangen werden: Repräsentation in der Natur (wie z. B. BONAVENTURA das ausdrückt in „res et signum“), Repräsentation in der Moralität, in der Legalität, in einer Religion. Mir sollte es hier nur um den eingeschränkten Bereich der gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit gehen. 

3) Repräsentative Formen in einer Religion zu kennen, ohne explizit auf einen absoluten Bestimmungsgrund und auf positive Offenbarung Bezug zu nehmen und sie daraus genetisch zu begründen, wäre eine Art Natur-Religion. Sie führt zu einer Vielgötterwelt  alten Zuschnitts, oder zu säkularisierten Formen eines Polytheismus, worin naturale Prinzipien als Letztprinzipien verkauft werden – z. B. der Entwicklungsbegriff in der Evolutionstheorie.

Der Hl. Ignatius/der anonyme Autor sprach nicht in verschwommener, verdeckter Weise von Repräsentation, sondern in performativer, klarer Rede – eindringlicher geht es wohl nicht – wurden die Repräsentanten einer Hierarchie bzw. alle kirchlichen Mitglieder angesprochen und aufgefordert:  „Seid“, „es sollen sein“, „gehorcht ihnen wie…..Gott-Vater, Jesus Christus, den Aposteln…“

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allen moralischen Appellen und juridischen Gehorsamsansprüchen, bei allem Mangel einer historisch bedingten, männerspezifischen, patriarchalen Vorstellungswelt – es sind Aussagen einer positiven Gottesrede. Die Texte mögen autoritär, patriarchal klingen,   aber der Fokus ihres Wahrheitswertes liegt ganz woanders. (Komplementär zur repräsentativen Sinnordnung könnte auch der Begriff der „katholischenKirche jetzt herangezogen werden. In diesem Begriff „katholisch“ leuchtet ebenfalls eine Neukreation auf. Explizit wird hier die Gleichheit aller Menschen ausgedrückt. Siehe Besprechung einer historischen Untersuchung von R. M. Hübner – Link.)   

Sobald eine prinzipielle Einsicht zu einem bestimmten Wahrheitsanspruch übergeführt werden soll, in Auseinandersetzungen mit den relevanten Gefühlen und Widerwerten, fällt eine bestimmte Aussage unter hermeneutische Bedingungen und es beginnt die zeitliche Bedingtheit aller Aussagen. Es beginnt die Fehlerhaftigkeit des synthetischen Zusammenhangs von realer Hemmung und idealer Bestimmung. Dass aber eine prinzipielle Repräsentanz in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein und in einer interpersonalen Gemeinschaft – man höre die vielfachen Beschwörungen zur Eintracht heraus, das öftere Zusammenkommen, die Feier der Eucharistie – , möglich sein muss, ist eine begriffliche Neukreation, eine geschichtliche Schematisierung. (In ähnlicher Weise könnten der KLEMENSBRIEF oder die DIDACHE gelesen werden.)

4) Hat das jetzt noch etwas zu tun mit der Frage nach der Priesterweihe der Frauen? In der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung ist eine wesentliche Geschlechterunterscheidung von Mann und Frau geschaffen, damit durch die Geschlechter hindurch ebenfalls eine Repräsentationsordnung aufgebaut werde. Somit könnte gesagt werden, die Schöpfungsordnung und die lange Rezeptionsgeschichte gibt dem skizzierten, von mir genannten „dogmatischen Weg“,  starke Argumente. Kann ich diese geschlechterspezifische, sinnvolle, gute, Schöpfungsordnung dem Prinzip nach auch auf die juridische und religiöse Sinnordnung übertragen werden? Hier wäre ich jetzt skeptisch, denn die alle Werte übersteigende und alle Sinnwidrigkeiten restituierende Sinnidee, nennen wir sie Vergebung, Auferstehung, ewigen Leben, kennt keine Geschlechterunterschiede.

Die performativen Sprechakte des Heiligen zielen auf diese neue Sinnidee, auf die religiöse Sinnidee. Die hermeneutischen Mittel waren irgendwie naheliegend, ich beschrieb sie im 1. Teil als „pragmatisch“. Bewusst und explizit und kraftvoll war aber der  Rückbezug auf den absoluten Bestimmungsgrund einer apriorischen und positiven Offenbarung. In diesem  Bestimmungsgrund und einer daraus genetisch hervorgehenden Sinnidee können  m. E. aber keine geschlechterspezifischen Unterscheidungen oder gar Diskriminierungen hineingetragen werden. 1

Das Geschlecht ist, was andernorts transzendental genauer abzuleiten wäre,  eine aus dem Wissensakt (Denkakt) abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins.  Das Geschlecht im Denkakt auf das juridische und religiöse  Sein zu übertragen, verwechselt die Ebenen und würde zu großen Widersprüchen und Kalamitäten führen. 2

Die patriarchal erscheinenden Repräsentationsformen sind  historisch-relativ und hermeneutisch verständlich. Die aus der transzendentalen Sinnidee gefolgerten Formen der Repräsentation überhaupt, der Bedeutung der Taufe und Eucharistie, die Gleichheit aller Menschen u. a. m., das sind für mich ungleich höhere Realisationen der Sinnidee, mithin der eigentliche Kern der Repräsentationsidee.

Die Ikonographie zur Anastasis-Ikone, in der Christus Adam und Eva aus dem Grab gleichseitig heraufholt, drückt für mich diese rechtliche und religiöse Gleichheit aus: Beide Geschlechter werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt, und behalten selbstverständlich ihr spezifisches Aussehen. Der heilige Ignatius/der Autor, so scheint mir, war von der genetischen Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung so gepackt und ergriffen, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Hierarchie auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen in die hierarchischen Repräsentationsformen.

Die geschlechter– und standes- und alters- und ethnische unabhängige Realisationen der Sinnidee sind prioritär zu werten verglichen mit geschlechterdifferenzierten Realisationen, in denen der Heiligen unter damaligen Bedingungen auf die Frauen „vergessen“ hat.  

 

(c) Franz Strasser

21. 9. 2019
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1 Genauso müsste m. E. das letzte Abendmahl JESU interpretiert werden. Der Herr setzte es im Kreis von Zwölf Apostel ein, von zwölf Männer. Das war hermeneutische Bedingung. Die transzendentale Sinnidee war selbstverständlich für alle (oder nach Mk „für viele“) gedacht.

2Im Evangelium lehnt JESUS einmal eine geschlechtliche Unterscheidung im Jenseits ab: Ich darf z. B. verweisen auf das Wort im Zusammenhang der Auferstehung, ob im Jenseits die Menschen wieder heiraten, wessen Frau wird sie sein….

Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 4. Teil

2. Exkurs zur Repräsentation im juridisch-politischen Bereich.

Nach den transzendentalen Grundlagen zum Begriff der Repräsentation überhaupt, inwiefern er überhaupt den Bedingungen des Denkens nach zulässig und sogar geboten ist (anhand zweier Vorlesungsstunden aus der WL 1805), kann und muss die Repräsentation

a) in der interpersonalen Form einer Ichheit als sittlicher Endzweck angesprochen werden. Die sittliche Idee als Ganze, in der vollendeten Sittlichkeit einer interpersonalen Gemeinschaft (das Sittengesetz), ist und soll Erscheinung des Absoluten werden;

b) da aber dieses zweckgerichtete Denken und begriffliche Wissen nicht anders erscheinen und beginnen kann als in individuo einer diesen Endzweck wollenden Person, vermag auch ein einzelnes Vernunftwesen Repräsentant des Sittengesetzes, und somit Repräsentant einer transzendenten Ordnung zu sein;

c) und nochmals differenziert: für beide Denkmöglichkeiten gilt, dass der Wechsel von interpersonaler und individueller Sittlichkeit ermöglicht sein muss von einer unabhängigen Tätigkeit einer religiösen Sinnordnung. Ohne religiöse Sinnordnung, ohne Rückbezug auf einen absoluten Bestimmungsgrund und auf eine positiven Gottesoffenbarung, wäre die juridische wie moralische-sittliche Idealisierung und Realisierung zwar geboten, aber aussichtslos.

1) Wegen der kommenden Unterscheidungen zwischen säkularer und kirchlicher Ordnung, möchte ich den Unterschied zwischen moralisch-sittliche Sinnordnung und religiöser Sinnordnung aufrecht erhalten, aber mit dem Wissen, dass selbst in einer bloß „säkularen“ moralisch-sittlichen Ordnung der Transzendenzbezug gegeben ist. Erst die Erscheinung des Absoluten ermöglicht die Wissensform und das Existieren. Wenn die säkularen Herrschaftsformen sich oft betont „laizistisch“ geben, so wissen sie nicht, was sie tun, was sie sagen, außer sie verleugnen das formale Gesetz und das Gewissen ausdrücklich. Dann bricht allerdings eine sich demokratisch, vom Volk herkommende, „laizistische“ Ordnung zusammen.

Die explizit religiöse Sinnordnung unterscheidet sich in ihrem apriorischen Denken formal nicht vom säkularen Denken; material kommt allerdings hinzu, dass a) der Rückbezug zu einer apriorischen und positiven Offenbarung explizit gemacht wird und b) die religiöse Sinnordnung unabhängig nochmals von dem moralisch-sittlichen Zweckdenken mit gewissen Affekten und Werten erfüllt ist, die eine bloß säkulare Ordnung nicht hat oder haben will: Gebet, Liturgie, Hl. Schrift, mediatisierte Zeichen der Religion u. a. m. Die performativen Sprechakte des Hl. Ignatius legen nicht nur Zeugnis ab von einem formalen absoluten Bestimmungsgrund, sondern mit diesem Bestimmungsgrund (einer genetischen Erkenntnis) sind affektive Erfahrungen verbunden, die in dynamischer Weise empfunden und gefühlt werden.

Könnte die „heilige“ Ordnung der Kirche sogar von der repräsentativen Demokratie lernen, insofern dort das formale Sittengesetz und die juridische Gleichheit durch die „Repräsentanten“ des Staates einsichtig wird, selbstverständlich unabhängig vom Geschlecht? Oder trauen wir dieser „Repräsentanten“ doch nicht so viel an Repräsentationskraft zu, weil der explizite Bestimmungsgrund einer religiösen Sinnordnung fehlt? Oder umgekehrt gefragt: Bedarf der säkulare Staat und die Form einer repräsentativen Demokratie letztlich doch einer religiösen Sinnordnung, andernfalls alles juridische und moralisch-sittliche Ziel zwar geboten, aber nicht erreicht werden kann?

Dazu dieser 2. Exkurs zum Begriff der „Repräsentation“, hier in der Absicht einer juridisch-politischen Betrachtung. (Es ist ein weites Themengebiet – und alles muss hier leider sehr fragmentarisch bleiben!) Ich berufe mich hier auf eine rechtstheoretische Lektüre bei R. Schottky, 1 und in einem zweiten Punkt auf eine grundlegende Ableitung des Begriffes der Repräsentation in der GNR v. 1796 von Fichte im Bereich der Rechtslehre. 2

Schließlich noch eine dritte Variante einer „repräsentativen“ Ordnung der Rechts und der Gesellschaft – die arbeitsteilige und systemtheoretische Sicht einer Repräsentation.

2) Der Einfachheit und Kürze halber darf ich zitieren zum Begriff einer „repräsentativen Demokratie“: wikipedia: „In der Herrschaftsform der repräsentativen Demokratie (auch indirekte Demokratie oder mittelbare Demokratie genannt) werden politische Sachentscheidungen im Gegensatz zur direkten Demokratie nicht unmittelbar durch das Volk selbst, sondern durch Abgeordnete getroffen. Die Volksvertreter werden gewählt und entscheiden eigenverantwortlich. (Hervorhebung von mir) Da die Volksvertretung meist ein Parlament ist, nennt man das System häufig auch parlamentarische Demokratie. Davon zu unterscheiden ist das parlamentarische Regierungssystem.“

Gewählte Abgeordnete repräsentieren das Volk, sind aber zugleich unabhängig vom Volk in ihrer Entscheidung.

2. 1) Ein J. J. Rousseaus (28. Juni 1712; † 2. Juli 1778) kennt in seinem „Gesellschaftsvertrag“3 eine vertragliche Autorisierung eines Herrschers, aber prinzipiell ist die Volkssouveränität, als Kollektivwesen, unteilbar, unrepräsentierbar, unvertretbar und unveräußerbar.4

Träger legitimer Herrschaft kann nur das ganze Volk als Kollektivwesen sein, dieses kann, wie Kap. II/1 proklamiert, „nur durch sich selbst dargestellt werden“

„(…) le souverain […) ne peut être représenté que par lui-même“, formuliert Rousseau und macht so von vornherein deutlich. dass er zusammen mit jeder Veräußerung oder Abtretung der Souveränität auch den Gedanken ablehnt, die Gesamtheit könne oder solle ihre Souveränität durch Repräsentanten, z.B. durch gewählte, ihr verantwortlich bleibende Vertrauensleute, ausüben bzw. ausüben lassen. Folgerichtig heißt es dann in III/15: „La souveraineté ne peut être représentée, par la même raison qu’elle ne peut être aliénée“ (96). Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten bedeutete für Rousseau eben, dass das Volk die Souveränität, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, an die Repräsentanten veräußerte. Aber nur die Bürgergesamtheit selbst darf die Souveränität ausüben, weil nur ihr Wille sich mit innerer Notwendigkeit auf „le bien commun“ richtet.“ 5

2. 2.) Vor Rousseau, bei T. Hobbes (5. April 1588; † 4. Dezember 1679), wird der Herrscher zu einer unumschränkten Machtinstanz aufgewertet, weil er nur so gesetzgebende und richterliche und strafende Funktion ausüben kann. Aufgrund der feindschaftlichen Natur des Menschen ist zwecks Friedenssicherung und Schutz des Menschen voreinander eine solche Souveränität notwendig. Anfangs ist der Herrscher in gewisser Weise vertraglich vom Volk autorisiert, aber die einmal abgetretene Macht und Gewalt ist dann uneingeschränkt gültig und geltend und kann nicht mehr abgesetzt werden. Er ist nicht mehr direkt dem Volk verpflichtet, er „repräsentiert“ es nicht mehr. Die untergeordnete Exekutive des Herrschers könnte im übertragenen Sinn „Repräsentant“ des Herrschers genannt werden, insofern sie dessen Exekutiv- und Strafvollmacht ausüben. Diese untergeordnete Charge ist aber nicht im ontologischen Sinn selbstständig, frei, verantwortlich, denn ihre ganze Machtbefugnis und „Repräsentation“ ist ja ganz von der Machtausübung und dem Belieben des obersten Herrschers abhängig.6

Sowohl bei Rousseau als auch bei Hobbes kann summarisch festgestellt werden, dass beide sich deshalb gegen eine Gewaltenteilung aussprechen, weil der Begriff des Souveränität keine aufgeteilte, veräußerbare, repräsentierbare Gewalt zulässt. 7

Inwieweit in etwas späterer Zeit KANT ebenfalls noch autoritäre Züge aufweist in der Rechtstheorie – siehe meinen Blog zum „Freiheit als Ursprung des Rechts“.

2. 3) In der französischen Verfassung 1791, die noch wesentlich Bezug nimmt auf Rousseau, kommt seltsamerweise der Begriff der „Repräsentation“ bereits wieder vor (den Rousseau ja ablehnte): „La Nation de qui seule émanent tous les pouvoirs, ne peut les exercer que par délégation. La constitution française est représentative; les représentants sont le Corps législatif et le Roi.8

Nochmals zurückgeblendet auf Rousseau: Nach dem II Kapitel des „Gesellschaftsvertrages“, kann nur die Bürgergesamtheit die Souveränität ausüben, weil nur sie das „Gemeinwohl“ („le bien commun“) wollen kann, während ein einzelner, denkbarer Repräsentant auch seine privaten Interessen mit dem Gemeinwohl vermischen würde. Deshalb ist und muss der „Gesellschaftsvertrag“ („contrat social“) unteilbar und unveräußerlich und unrepräsentierbar sein. Die repräsentative Veräußerung widerspräche dem Begriff des „contrat social“. Das Volksganze kann seine Gewalt nicht abgeben.9

Dies führt natürlich bei Rousseau selbst zu mannigfaltigen Problemen und Widersprüchen, „die Regierung kämpft (…) ständig gegen die Souveränität“ (Kap III/10). Seine normative Sichtweise der Herrschaftsbegründung und die tatsachengesetzliche, soziologische und historische Wirklichkeit kommen sich ständig in die Quere – und das fundamentale Problem der begrifflichen Anwendung der legitimen Herrschaft kann er letztlich nicht lösen. 10

Um der normativen Begründung des Rechts willen (durch den Gesamtwillen des Volkes) nimmt er die drohenden Widersprüche in der Anwendung und Realisierung des Rechts in Kauf. Die Volksgesamtheit ist sogar so souverän und unvertretbar, dass selbst ein hypothetisch in einem Naturzustand vorgestelltes Naturrecht eines einzelnen, welches es historisch nicht gab und gibt, dem staatlichen Recht untergeordnet werden müsste.

„Denn wenn einem einzelnen (beim Abschluß des contrat social) Rechte verblieben, so wäre er, da kein gemeinsames Oberhaupt zwischen ihm und der Gemeinschaft entscheiden kann, diesbezüglich sein eigener Richter in seinen eigenen Belangen und bald in allen anderen Angelegenheiten auch. Der Naturzustand würde fortbestehen […].“ (Kap. 1/6)

3) Ableitung des Begriffes der Repräsentation bei Fichte in der GNR (GA Bd. I, 3)

Bei Fichte bekommt der Begriff der Repräsentation wieder hohe Priorität. Dies nicht nur, wie z. B. gezeigt anhand der WL 1805, sondern bereits auch 1796 in der GNR. Kurz gesagt, er kennt nicht bloß eine formale Rechtsregel des Freiheitsgebrauches, sondern von vornherein wird die Rechtsregel schematisiert und konkretisiert auf ein Handeln hin gedacht, sprich, auf die Anerkennung anderer Freiheit hin.

Nach den Reflexionsprinzipien der Vernunft kann das Selbstbewusstseins eines Menschen nur in Interpersonalität existieren, deshalb ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit der Einsicht in die eigene Freiheit und Selbstbestimmung, mithin in das eigene Wesen und Existieren, andere Personen mit gleicher Freiheit vorauszusetzen. Das Postulat anderer Freiheit ist eine ideell wirksame Realität, ideal als Gesamtzweck vorschwebend und im zeitlichen Werden zu realisieren.

Die bei Rousseau auftretende Volkssouveränität – dort aber unveräußerbar und unrepräsentierbar -, gibt es auch bei Fichte, aber die normative Idee der Volkssouveränität ist nicht abstrakt oder kollektivistisch begründet, sondern verläuft über das Mittelglied der individuellen Freiheit und Personwürde. Der staatsbegründende Akt eines Gesellschaftsvertrages mit allen Folgen einer staatlichen Autorität und Souveränität (wie Zwangsgewalt) ist logisch-praktische Folge des formalen und materialen Rechts, das im interpersonalen und individuellen Vollzug beginnt. Sehr besonnen und maßvoll, mit Wahrung der Grundrechte des einzelnen, wird der Allgemeinwille des Gesellschaftsvertrages abstrahiert und bestimmt. Das eigentliche telos der Anerkennung anderer Freiheit ist nicht der Rechtsstaat, sondern die vollendete Sittlichkeit, in der die Anerkennung der Freiheit des anderen gilt, schlussendlich sogar der Staat mit seiner potentiellen Zwangsgewalt seine Funktion verliert und aufgegeben werden kann. 11
M. a. W., Fichte kennt den Begriff der „Volkssouveränität“ wie Rousseau, aber diese Volkssouveränität nimmt seinen Ausgang nicht von einem formalen Allgemeinwillen, sondern umgekehrt vom konkreten, verantwortungsbewussten Wollen des einzelnen Bürgers gegenüber anderen einzelnen und gegenüber und zugunsten des Gemeinwollens.12

Dadurch bekommt der „Allgemeinwille“ eine anschauliche Seite: „Einen Willen zu finden, der nur dann, dann aber auch unfehlbar eine Macht ist, wenn er das Gesez will“ (GA I/3, 399).

Diesen „Gemeinwillen“, einerseits abstrahiert überindividuell vorgestellt, andererseits individuell, persönlich-konkret im Existenzvollzug schon realisiert, nennt Fichte auch den Willen der Bürgergesamtheit, „Das Einzigmögliche […), worüber ihr Wille sich vereinigt, ist […] das Recht in Anwendung auf sie, d.h. ihr positives Gesez.“ (GA I/3 400)

Das bedeutet, dass nur die rechte Gesetzgebung alle Bürger motiviert, ihre in der Vereinigung unwiderstehlichen Kräfte dem Staat zur Verfügung zu stellen und ihm so die notwendige Macht zu verleihen. Darin aber liegt die Voraussetzung beschlossen, dass die Bürger den Staatszwecken aus ihren positiven Eigeninteressen heraus dienen sollen, nicht aus bloßer Furcht, nicht nur unter Zwang. Sie sollen den Staatswillen als ihren eigenen Willen verstehen können. Ihr jeweiliger Eigenwille (im Sinne rationellen Eigennutzes) soll, in Einheit mit dem ihres nächsten Mitbürgers, den Staat konstituieren.13

„Gerade diese Annahme, das apriorische Gesetz lasse sich rein logisch durch ’Anwendung’ der formalen Rechtsregel auf die zufällig-faktischen Gegebenheiten des jeweiligen Volkslebens deduzieren, macht es Fichte möglich, im Gegensatz zu Rousseau die Gesetzgebung den Regenten, den Trägern der Exekutive, anzuvertrauen.“14(Hervorhebung von mir.)

Durch die persönliche, subsumptionslogische Anwendung des Rechts unter ein positives Gesetz, d. h. unter einer lebendigen Idee des Gesamtwillens der Bürger, kann und muss! Fichte das Recht im Hinblick auf die sein sollende, verwirklichende Anwendung einem Regenten und einer verantwortlichen Exekutive anvertrauen.

„Während Rousseau die volonté générale (wie den Willen überhaupt) einer wahren Repräsentation nicht für fähig hält – Repräsentation bedeutet gegenüber jedem Willen potentielle, ja wahrscheinliche Verfälschung – glaubt Fichte gerade die absolute (juridische) Notwendigkeit der Repräsentation einzusehen, glaubt, „aus reiner Vernunft“, in strenger Deduktion, zeigen zu können, dass Repräsentation „eine durch das Rechtsgesetz absolut geforderte Einrichtung ist“ (GA I, 3, 449). 15

(Nebenbei sei noch angefügt: Weil das Recht jemanden anvertraut wird, muss das Recht auch kontrollierbar sein. Im konkreten Fall der GNR, aber nicht mehr in der Rechtslehre von 1812, meint Fichte, das durch ein Ephorat (=Einrichtung eines Weisenrates im alten Sparta) gewährleisten zu können.)

Schottky fasst es so zusammen: „Rousseau musste Gewaltenteilung ablehnen, weil sie logisch die Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten impliziert und diese ihm die Überfremdung des Gemeinwillens durch Privatinteressen wahrscheinlich machte. Fichte dagegen fasst im NR (Naturrecht) den Gemeinwillen eben nicht als immer situationsbezogene konkrete Selbstbestimmungskraft eines je besonderen Verbandes auf, die sich – wie der soziale Organismus selbst – lebendig und unberechenbar wandelt, sondern als überzeitliche, feste allgemeine Norm (Hervorhebung von mir), in deren Anwendung jeder fehlerfrei denkende Verstand durch jeden anderen ersetzbar und also auch vertretbar ist. Fraglich aber scheint ihm – und darin bewährt er mehr Realismus als Rousseau – dass von irgendeinem empirischen Willen angenommen werden könnte, er werde das richtig abgeleitete positive Recht auch mit Sicherheit immer (ohne Ausnahme, ohne Abweichungen, ohne Nachlässigkeit, vgl. GA I, 3, 436-439) von sich aus in der sozialen Realität durchsetzen. So leitet er aus dem Grundsatz, dass das Handeln der Staatsgewalt einer Kontrolle auf seine Rechtlichkeit hin bedarf, die Unumgänglichkeit von Repräsentation her. Nur wenn das souveräne Volk seine Souveränität normalerweise nicht selbst ausübt, steht es für die Aufgabe der Kontrolle zur Verfügung, kann es mit seiner Übermacht der Rechtsaufsicht über das Staatshandeln den nötigen Nachdruck verleihen.“16

Ich interpretiere hier Fichte und R. Schottky so: Die unwandelbare, apriorische Form des Rechtsgesetzes, die jeder Verstand einsehen kann, welcher Verstand deshalb auch (numerisch) ersetzbar ist, verlangt als apriorische Form notwendig einerseits eine überindividuelle Repräsentation des Rechtsgesetzes, die aber andererseits nur konkret und individuell ausgeübt und erscheinen kann: Denn nur a) vom sittlichen Gewissen des einzelnen her ist die Anerkennung anderer Freiheit möglich und b) eine Zueignungs- und Verantwortungs- und Rechenschaftspflicht kann und muss von einzelnen Personen eingefordert werden. So autark ein gesellschaftliches System und eine institutionalisierte Macht auch sein mag, es muss trotzdem die Möglichkeit einer Kontrolle und Rechenschaftspflicht bleiben.

Was aber mir jetzt besonders wichtig erscheint: In dem ganze Verweis auf ein apriorisches, formales Gesetz und in der persönlichen Verantwortung leuchtet noch immer der Transzendenzbezug zur vorausgesetzten Erscheinung des Absoluten heraus. Man könnte wohl auf allen Ebenen der Rechtssprechung, auf der Ebene der Verträge und anderer Kommunikationsformen, die mitschwingende Transzendenz heraushören. Der Begriff der Freiheit ist ohne Transzendenzbezug nicht möglich denkbar.17

4) In der heutigen Diskussion, wenn ich das recht sehe, wird die Gewaltenteilung aus der differenzierten Arbeitsteilung begründet. Es kann nicht jeder/jede das formale Rechtsgesetz gut kennen und anwenden, es kann nicht jeder/jede jede Arbeit für das Gemeinwohl gleich gut erfüllen, deshalb werden Personen für diesen oder jenen Bereich der Repräsentation freigestellt und systemtheoretisch sind diese oder jene Formen der Repräsentation notwendig. 18

Wenn die durch Arbeitsteilung bewirkte und systemtheoretische Begründung von Repräsentationsvollmachten und Repräsentationspflichten tatsächlich ohne Transzendenzbezug auskäme, wäre der Begriff m. E. obsolet geworden. Transzendental kann eventuell noch die Freiheit der Bürger bei der Wahl genannt werden, aber man weiß ja, wie Wahlen geschlagen werden, welche Manipulationsapparate dahinter stecken, wie die Delegation in einem Parlament oder in einer Regierung geschieht, wie formale Rechtssprechung geschieht, wie Gesetze eingeführt oder wieder abrogiert werden usw. Wenn der unausdrückliche Bezug auf Transzendenz in den Verträgen und formalen Verfahren, in den Ausführungen der Legislative, Exekutive, Administrative entfällt, hätte der Begriff keine ideelle Bedeutung mehr.

Oder der Fall, wenn das Recht und Gesetz ungerecht ist und die begriffliche Rückbindung an die Bürgergesamtheit nicht mehr erkennbar ist, vermag der Abgeordnete oder Beamte weiterhin den Gesamtwillen zu „repräsentieren“? Mindestens er/sie persönlich gerät in Gewissenskonflikte. Ohne individuell- gewissenhafte Rückbindung auf ein formales Gesetz und der Achtung von Menschenrechten und Bürgerrechten, von Freiheit insgesamt, wie sollte noch ein individueller, gewissenhafter Vollzug der Repräsentation möglich sein? Ein Abgeordneter oder Machtbefugter eines bloßen Machtapparates, oder ein Funktionär eines Klientels, einer Partei, „repräsentiert“ dem transzendentalen Sinne nach nichts mehr. Schottky hat den Widerspruch eines Repräsentationsbegriffes in einem totalitären Staat wie bei T. Hobbes herausgearbeitet – siehe dort.19

5) Was zu den repräsentativen Formen in den (westlichen) Demokratien gesagt werden kann, gilt  a fortiori für die ausdrücklichen repräsentativen Formen der kirchlichen Organisation, d. h. hier im Raum der Röm.-kath. Kirche gesehen. In den kirchlichen Ämtern (der Röm.-kath. Form) repräsentieren Bischof/Priester/Diakon einen absoluten Bestimmungsgrund, ferner repräsentieren die Sakramente, alle Getauften, die gefeierte Liturgie, die Schriftlesung, die Gebete und Gesänge, die Schöpfung, diesen Bestimmungsgrund. Der Verweis auf den Bestimmungsgrund und auf die positiven Offenbarung ist nicht bloß formal explizit, sondern material, wertethisch – und kann nochmals weiter transzendental expliziert werden als Wirken des HEILIGEN GEISTES, der alles trägt und hält, heiligt,  die Gebete, die Gesänge, Sakramente, Hierarchien, die Schriftlesung usw.

Die kirchliche Hierarchie im Besonderen  soll die materialen Eigenschaften der Güte, der Hingabe, der Liebe, des Dienstes verzeitlichen und inkarnieren, in pluralis und in individuo des Amtes.

Säkulare und kirchliche Ordnung sind beiderseits  in ihrer Begründung auf die Transzendenz verwiesen. Der Transzendenzbezug wird in der kirchlichen Form explizit angesprochen, in interpersonaler und individueller Vermittlung, in eigenständiger und materialer Weise verzeitlicht und versinnlicht.

© Franz Strasser

10. 9. 2019

1 Richard Schottky, Untersuchungen zur Geschichte der staatsphilosophischen Vertragstheorie im 17. und 18. Jahrhundert: Hobbes, Locke, Rousseau, Fichte : mit einem Beitrag zum Problem der Gewaltenteilung bei Rousseau und Fichte, 1995.

2 J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. I, 3 für die „Grundlage des Naturrechtes“ (abk.=GNR) in: Band 3: Werke 1794-1796,
hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob unter Mitwirkung von Richard Schottky. 1966

3 Jean-Jacques Rousseau: Du contrat social ou Principes du droit politique. Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Französisch/Deutsch. (1762) In: Reclams Universal-Bibliothek. Philipp Reclam jun., Stuttgart 20

4Wie das freilich gehen sollte, dass der allgemeine Volkswille herrsche und regiere , das sagt uns Rousseau nicht und ist praktisch unmöglich. Die Rede vom „volonté générale“ ist eine „Chimäre.“ (R. Schottky)

5 Zitiert nach R. Schottky, ebd., S 325.

6Siehe zur Darstellung des Vertragsinhaltes des autoritären Staates bei Hobbes, R. Schottky, ebd., S 10 – 17; zum Begriff der Repräsentation des Souveräns bei Rousseau und Hobbes, R. Schottky, ebd., S 325, Anm. 8.

7 Nach Rousseau muss sowohl das Postulat unveräußerlicher, jedem Staatseingriff entzogener Menschenrechte als auch das Postulat der Gewaltenteilung im Gegensatz zum Gesamtwillen (Allgemeinwillen) niedergeschlagen werden; vgl. R. Schottky, ebd. S 332. Ähnlich, vielleicht noch potenzierter, bei Hobbes.

8 Zitiert nach R. Schottky, ebd. S 325, Anm. 9.

9 Dem Wortlaut nach wird allerdings in Kap. III/1 diese „unrepräsentierbare“ Sicht des Volksganzen wieder etwas zurückgenommen, indem Rousseau neben der Legislative des Volkes doch einen Zwischenkörper einer eigenständigen Exekutive einschiebt. Also gibt es doch eine repräsentative Macht des Souveräns? R. Schottky führt das Verständnis Rousseaus dahingehend aus, dass jener die eigenständige Macht der Exekutive nur als logisch-praktische und mechanische Fortsetzung der Legislative sehen will. Sie hat im Grunde doch keinen Eigenwillen und repräsentiert deshalb nicht eine andere Macht. (R. Schottky, ebd., S 327f) Generell wird die Legislative des Volkswillens über jede Regierung gestellt, die jederzeit vom Volk abgesetzt werden könnte.

10R. Schottky, ebd. S 329-331.

11 Vgl. R. Schottky, ebd. S 350. 351.

12 M. a. W., Rousseau fehlt das transzendentale Mittelglied und die Synthese zwischen dem abstrakten Allgemeinwillen und der Anwendung des Allgemeinwillens, die intellektuell anschaubare Interpersonalität, die interpersonale Bestimmtheit der Selbstbestimmung.

13Vgl. R. Schottky, ebd. S 356

14R. Schottky, ebd. S 356.

15 Ebd., S 357.

16 Ebd. S 357. Ich habe hier lange über den Sinn des Schlusses von R. Schottky und Fichte nachgedacht: Wenn es keine Repräsentation gäbe, gäbe es überhaupt keine mediatisierte Möglichkeit des Nachvollzuges einer genetischen Erkenntnis. Die Repräsentation ist die phänomenologische Sichtbarkeit und Darstellung der Erscheinung des Absoluten, eröffnet zum eigenen Nachvollzug und zur eigenen, freien Einsicht hin.

17Ich kann das hier nur so hinstellen und wäre umfassend zu behandeln. Siehe dazu z. B. Klaus Hammacher, Rechtliches Verhalten und die Idee der Gerechtigkeit. Ein anthropologischer Entwurf. 2011.

18 Link aus wikipedia „repräsentativen Demokratie“: „Da in der Praxis das Staatsvolk jedoch nicht über jedes Detail des politischen Tagesgeschäftes entscheiden kann, haben sich alle bestehenden Demokratien dergestalt organisiert, dass – meist auf mehreren Ebenen wie Gemeinde, Land, Staat etc. gestaffelt – Einzelentscheidungen an gewählte Volksvertreter delegiert werden. Das Volk gibt dann in Wahlen durch Personalentscheidungen die „grobe Linie“ vor, an der sich die gewählten Vertreter idealerweise orientieren, da davon ihre Wiederwahl abhängt. Diese Vertreter sollen als Repräsentanten der Wählerschaft agieren, von der sie gewählt wurden und deren Interessen und Ziele sie in den entsprechenden Gremien im Interesse ihrer Wähler durchsetzen sollen. Insofern ist die repräsentative Demokratie eine Ausprägung von Arbeitsteilung infolge wachsender Sachentscheidungskomplexität.“

19 Siehe bei ihm in „Rechtsstaat und Kulturstaat“, Fichte-Studien Bd. 3, 1991. 118-153. „Mir scheint es aber aus vielen Stellen bei Hobbes unzweifelbar hervorzugehen, daß dessen natürliches Gesetz im unstaatlichen Zustand keine Gültigkeit hat. Vgl. z. B. De Cive,§§1, 3, 5, 6. Wenn es dort in § 3 heißt, dass zur Befolgung der natürlichen Gesetze »eine Sicherheit notwendig ist«, und wenn diese Sicherheit nach §§ 5 und 6 nur durch Errichtung einer gemeinsamen Macht geschaffen werden kann, die einem einheitlichen Herrscherwillen gehorcht, so entspricht das (….) der gerügten Auffassung, dass die Gültigkeit des konkretisierten Rechtsgesetzes davon abhängt, dass es faktisch befolgt wird; denn die Sicherheit schaffende Macht kommt eben nur zustande, wenn die überwiegende Mehrheit der Bürger der Herrscherautorität tatsächlich gehorcht; der Gehorsamsanspruch des Herrschers aber ist durch den staatskonstituierenden Vertrag zum Recht des Herrschers geworden, ist Teil des für Hobbes einzig möglichen positiven Rechtssystems. So kann ja auch Hobbes ausdrücklich sagen, daß die Gehorsamspflicht des Untertanen endet, wenn die Macht des Herrschers, ihn zu schützen, endet (Leviathan, Vol. III von The English Works of Th. Hobbes, ed. Sir W. Molesworth, London 1839, 208 f. und 279, Chapter 21 und 27). In einer Situation der Krise, des inneren Aufruhrs z.B., bedeutet das, dass der bisher als Teil der Rechtsordnung gültige Gehorsamsanspruch, damit aber auch die ganze vom Herrscher gesetzte Rechtsordnung, mich nicht mehr binden (also die Gültigkeit verlieren), sobald ich urteile, dass nicht mehr genug Mituntertanen loyal dessen bisher rechtskräftiger Autorität gehorchen, um seine Macht hinreichend (für Schutzgewährung) erscheinen zu lassen. Auch bei Hobbes »hängt« also das Rechtsgesetz »in seiner Gültigkeit […] davon ab, daß es befolgt wird« (90) – denn ohne Herrschaft ist ja bei ihm auch das natürliche Gesetz nicht praktisch verbindlich. (…)“, ebd., Anm. 11, S 121.122.