Zur Frage Priesterweihe von Frauen – 6. Teil, nochmals Exkurs zum Begriff der Repräsentation

Zwecks Hervorhebung der religiösen und sakramentalen Sinn-Ordnung sei nochmals ein Exkurs gemacht zum Begriff der „Repräsentation“ im säkularen wie sakramentalen Bereich.

1) Eine kirchliche Ordnung unterscheidet sich für mich m. E. von einer  säkularen Gesellschaftsordnung dahingehend, dass a)  der Rückbezug auf eine apriorische und positive  Offenbarung explizit gemacht wird und b) die sakramentale Sinnordnung in einer von Gott selbst garantierten Einheit von Intention und Leistung erfüllt ist während in einer bloß säkularen Ordnung juridische und sittliche Ordnung zwar gewollt, aber nicht garantiert werden können. Außerdem bietet eine sakramentale Sinnordnung zusätzliche Zeichen und Mitteln an,  wie  Gebet, Liturgie, Kunst, um die Heilsordnung zu erreichen – die eine staatliche Ordnung so nicht kennt. (Der Staat bedient sich anderer Mittel.) 

Die performativen Sprechakte – um sie hier behelfsmäßig so zusammenzufassen – , des Hl. Ignatius/des Autors zielen nicht auf die Etablierung und Repräsentation a) einer  starken, machtpolitischen Einrichtung, ja zielen b) nicht einmal auf eine höchste, sittliche Ordnung und Disziplin an sich, als ginge es um eine perfekte Idee eines vollkommenen Gesamtwillens des Volkes. Die Sprechakte sind zuerst Appelle an den Glauben und das Herz jedes einzelnen, dass a) jeder selbst den Zugang zur Gnade finde und b) diese Gnade sich gemein-gesellschaftlich, kirchlich-sakramental auswirke und sichtbar werde. Die kirchliche Hierarchie hier ist selbst nur ein Mittel und ein Werkzeug unter anderen Werkzeugen, diese individuelle wie gemeinschaftliche Wirksamkeit zu erreichen.
Trotzdem ist diese Legitimation von kirchlicher Hierarchie und Herrschaft besser garantiert als eine nur säkulare Legitimation. Im Begriff einer „Weihe“ eines
kirchlichen Hierarchen liegt die Einheit von Intention und Leistung in der göttlichen Gnade; in der Bestellung eines Repräsentanten des Volkes oder des Gesetzes besteht nicht diese eindeutige Gewissheit – der Repräsentant kann fehlerhaft das Gesetz und den Willen vollziehen, die Untergebenen sind ihm ausgeliefert….. Es besteht die grundsätzliche Gefahr im säkularen Bereich, dass die repräsentative Macht, je mächtiger, umso gefährlicher und repressiver werden kann. Der Bezug der repräsentativen Gesetzgebung und der ganzen judikativen und administrativen und exekutiven Machtausübung kann leicht in Willkür und Despotismus umschlagen. (Natürlich gibt es Ähnliches im kirchlichen Bereich.)

2) Gehen wir jetzt nicht gleich vom Missbrauch der Macht und des Repräsentationsbegriffes aus: In vielen modernen Demokratien wird der Macht- und Herrschaftsanspruch mit dem Begriff der „Repräsentation“ m. E. gut begründet und ist dort meistens gerechtfertigt.

Ein rein laizistischer Staat oder eine a-religiöse, atheistische Herrschaft werden immer wieder mit ihrer fehlenden Legitimation  kämpfen müssen, falls der Geltungsbezug zum Unsichtbaren und Transzendenten einer Repräsentation ausdrücklich abgelehnt wird, der Geltungsbezug zur Realität einer Idee, die den Menschen Recht und Freiheit schenkt. 
Ebenso ist aber eine rein theokratische Herrschaft, die sich nicht auf die Vernunftform einer
freien Realisierung des göttlichen Anspruchs und auf die Vernunftform der Freiheit des einzelnen und seines Urrechtes berufen kann, autoritär und illegitim. Abgesehen jetzt vom Missbrauch des Gottesbegriffs folgt gerade aus dem nicht einsichtigen Geltungsgrund einer theokratischen Herrschaft eine repressive Form der Herrschaft.

Der Begriff der „Repräsentation“ kann ein sinnvoller Begriff sein, wenn sein transzendentale Herleitung beachtet wird: Repräsentation einer Idee zu sein, Repräsentation eines Urrechtes von Freiheit, von Schutz, von Sicherheit  – im säkularen Bereich – und im kirchlichen Bereich Repräsentation einer rettenden, befreienden Heils- und Sinnordnung. 

Ich berufe mich hier auf eine rechtstheoretische Lektüre von R. Schottky1 und wiederum auf eine grundlegende Ableitung des Begriffes der Repräsentation in FICHTES „Grundlage des Naturrechts“ von 1796.2

2) Der Einfachheit und Kürze halber darf ich zum Einstieg zitieren zum Begriff einer „repräsentativen Demokratie“: wikipedia: In der Herrschaftsform der repräsentativen Demokratie (auch indirekte Demokratie oder mittelbare Demokratie genannt) werden politische Sachentscheidungen im Gegensatz zur direkten Demokratie nicht unmittelbar durch das Volk selbst, sondern durch Abgeordnete getroffen. Die Volksvertreter werden gewählt und entscheiden eigenverantwortlich. Da die Volksvertretung meist ein Parlament ist, nennt man das System häufig auch parlamentarische Demokratie. Davon zu unterscheiden ist das parlamentarische Regierungssystem.“ (Hervorhebung von mir)

Gewählte Abgeordnete repräsentieren das Volk, sind aber zugleich unabhängig vom Volk in ihrer Entscheidung, weil sie auch individuo und vor ihrem Gewissen handeln müssen.

2. 1) Ein J. J. Rousseaus (28. Juni 1712; † 2. Juli 1778) kennt in seinem „Gesellschaftsvertrag“3 zwar eine vertragliche Autorisierung eines Herrschers, aber die Volkssouveränität, als Kollektivwesen, ist unteilbar und unrepräsentierbar, unvertretbar und unveräußerbar.4 Träger legitimer Herrschaft kann nur das ganze Volk als Kollektivwesen sein, dieses kann, wie Kap. II/1 proklamiert, „nur durch sich selbst dargestellt werden“. „(…) le souverain […) ne peut être représenté que par lui-même“, formuliert Rousseau und macht so von vornherein deutlich, dass er zusammen mit jeder Veräußerung oder Abtretung der Souveränität auch den Gedanken ablehnt, die Gesamtheit könne oder solle ihre Souveränität durch Repräsentanten, z.B. durch gewählte, ihr verantwortlich bleibende Vertrauensleute, ausüben.

Folgerichtig heißt es dann in III/15: „La souveraineté ne peut être représentée, par la même raison qu’elle ne peut être aliénée“ (96).  Nur die Bürgergesamtheit selbst darf die Souveränität ausüben, weil nur ihr Wille sich mit innerer Notwendigkeit auf „le bien commun“ richtet.“ 5

2. 2.) Vor Rousseau wurde  bei T. HOBBES (5. April 1588; † 4. Dezember 1679) der Repräsentationsbegriff zum Theorie- und Legitimationsbegriff neuzeitlicher Herrschaft schlechthin aufgewertet. Bekanntlich wird in seinem „Leviathan“ (1. Auflage 1651) der Herrscher zu einer unumschränkten Machtinstanz befugt, weil er nur so gesetzgebende und richterliche und strafende Funktion ausüben kann bzw. aus Sorge um den Frieden und die Sicherheit muss er diese absolute Souveränität erhalten. Anfänglich wird der Herrscher in gewisser Weise noch vertraglich vom Volk autorisiert, aber die einmal abgetretene Macht und Gewalt ist dann uneingeschränkt gültig und kann nicht mehr aufgehoben werden. Der Souverän „repräsentiert“ dann die Macht, die politische Einheit – aber nicht mehr das Volk!?
Die ihm ergebenen und angestellten Beamten repräsentieren weder ein direktes Mandat des Volkes, noch entscheiden sie mit eigener Freiheit und mit Gewissen, sie sind nur Vollzugsorgane des einzigen „Repräsentanten“, und üben dessen Exekutiv- und Strafvollmacht aus.6

Der Herrschafts- und Souveränitätsbegriff eines T. HOBBES sollte sich immer mehr durchsetzen, wie ich z. B. bei Pufendorf (gest. 1694 Berlin) fand.

Dazu aber kritisch eine Analyse von G. Duso: „Hält man sich vor Augen, dass das juristisch-politische Denken Pufendorfs in den Zusammenhang der modernen Souveränität eingebettet ist, dann wirkt es weniger verwunderlich, dass Pufendorf trotz der vertraglichen Begründung der persona moralis composita den Willen der civitas (als Wille einer überindividuellen Person) mit dem Willen des souveränen Organs vertauscht: In der Demokratie wird das Volk mit dem concilium populi identifiziert und in der Monarchie mit dem König. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn es handelt sich um ein recht schlüssiges logisches Verfahren, das aber eine grundlegende Aporie aufweist. Denn eigentlich darf es nicht heißen, trotz der Konzeption der civitas als überindividuelle Person, die ihre Grundlage im Vertrag zwischen den Individuen hat, komme es zum Bruch der Repräsentation und somit zur Gleichsetzung des Willens der persona moralis composita mit demjenigen des repräsentativen Organs, sondern eben wegen der auf die Vielheit der Individuen gegründeten Konzeption der Einheit der Person der civitas.“ 7 (Hervorhebung von mir)

Ich verstehe hier Duso so: Sobald es in der Rechtssprache zu einer überindividuellen, öffentlichen Rechtsperson z. B. des Staates kommt, ist durch die ganze Vermittlung und Symbolik die Rechtsperson der „civitas“ wegen der delegierten Vermittlung eine unsichtbare Machtübertragung geschehen, die die unmittelbare Repräsentation nicht mehr einsehen lässt. Eine Delegation ist Machtübertrag und ipso facto Machtentzug auf der anderen Seite. Die Aporie ist eröffnet, je mächtiger die delegierte Macht ist, umso unkontrollierbarer, gefährlicher ist sie – und umso weniger repräsentativ in der ursprünglichen Absicht des Begriffes.

Der jetzt in einer repräsentativen Demokratie angedachte politische Mitvollzug und die politische Teilhabe müsste möglich sein – aber eine gewisse Problemlage bleibt. Sobald die Vermittlungsinstanz eines Delegierten oder Repräsentanten zur überindividuellen Person aufgewertet ist, kann  der einzelnen Person Kompetenz entzogen werden  – und die volle Freiheit und Position eines „Urrechtes“ kann – muss nicht, je nach Verfassung – verloren gehen. Wir sind wieder bei Hobbes angelangt.

2. 3) Die Macht-Legitimation und Herrschaft durch Repräsentation wurde von J. J. ROUSSEAU abgelehnt. Das Problem der Begründung der Macht tauchte aber immer wieder auf: In der französischen Verfassung 1791, die noch wesentlich Bezug auf Rousseau nimmt, kommt seltsamerweise der Begriff der „Repräsentation“ bereits wieder vor: „La Nation de qui seule émanent tous les pouvoirs, ne peut les exercer que par délégation. La constitution française est représentative; les représentants sont le Corps législatif et le Roi.“8

Nochmals zurückgeblendet auf Rousseau: Nach dem II Kapitel seines „Gesellschaftsvertrages  kann nur die Bürgergesamtheit die Souveränität ausüben, weil nur sie das „Gemeinwohl“ („le bien commun“) wollen kann, während ein einzelner, denkbarer Repräsentant auch seine privaten Interessen mit dem Gemeinwohl vermischen würde. Deshalb ist und muss der „Gesellschaftsvertrag“ („contrat social“) unteilbar und unveräußerlich und unrepräsentierbar sein. Die repräsentative Veräußerung widerspräche dem Begriff des „contrat social“. Das Volksganze kann und darf seine Gewalt nicht abgeben.9

Dies führt bei Rousseau  aber immer wieder zu mannigfaltigen Problemen und Widersprüchen, „die Regierung kämpft (…) ständig gegen die Souveränität (des Volkes)“ (Kap III/10).

Seine normative Sichtweise der Herrschaftsbegründung und die tatsachengesetzliche, soziologische und historische Wirklichkeit kommen sich ständig in die Quere – und das fundamentale Problem der begrifflichen Anwendung der legitimen Herrschaft lässt sich praktisch nicht lösen. 10

Um der normativen Begründung des Rechts willen (durch den Gesamtwillen des Volkes) nimmt er die drohenden Widersprüche in der Anwendung und Realisierung des Rechts in Kauf. Die Volksgesamtheit ist sogar so souverän und unvertretbar, dass selbst ein hypothetisch in einem Naturzustand vorgestelltes Naturrecht eines einzelnen, welches es historisch nicht gab und gibt, dem staatlichen Recht untergeordnet werden müsste. „Denn wenn einem einzelnen (beim Abschluß des contrat social) Rechte verblieben, so wäre er, da kein gemeinsames Oberhaupt zwischen ihm und der Gemeinschaft entscheiden kann, diesbezüglich sein eigener Richter in seinen eigenen Belangen und bald in allen anderen Angelegenheiten auch. Der Naturzustand würde fortbestehen […].“ (Kap. 1/6)

Es ist, so denke ich, leicht erkenntlich, dass diese Form von Souveränität, wenn sie anscheinend auch im demokratischen Gesamtwillen des Volkes (im „contrat social“) begründet sein soll, schnell umschlägt in eine Diktatur. Die Medien können ihr Übriges beisteuern, dass bei der nächsten Wahl wiederum der Diktator gewählt wird. Die Manipulation des Volkes ist leicht, wenn gewisse Grundrechte nicht mehr gelten.  Man lese die unmittelbaren grausamen Folgen des anfänglichen Rufes: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 

2. 4) Wenn die Legitimation der Herrschaft in den Staatstheorien des 17. u. 18. Jhd. oder auch in den modernen Demokratien nach dem 1. u. 2. Weltkrieg immer noch durch den Begriff der „Repräsentation“ oder durch die Eigenschaft „repräsentativ“ begründet werden, so bleibt zwar der Begriff nicht unproblematisch, ganz abgesehen von den Irrwegen des „contract sociale“ eines ROUSSEAU oder vom diktatorischen Repräsenstationsbegriff bei Hobbes, aber er hat einen regulativen, transzendentalen Sinngehalt von Freiheit und Recht. Repräsentiert kann eine Idee werden, sei es die Idee eines freien und friedlichen und gerechten Zusammenleben auf Staatsebene, oder sei es die Idee einer sakramentalen Heils- und Sinnordnung in einem kirchlichen Rahmen. Ich durchdenke das jetzt nicht systematisch, sondern nur historisch nach Fichte: Er sieht wohl das Problem einer diktatorische Herrschaft, behält aber aus verschiedenen Gründen den Begriff einer „repräsentativen Herrschaft“ bei, weil sie öffentlich nachvollziehbar und kritisierbar und im Notfall absetzbar ist. 11

Er begreift in der GNR v. 1796 den Staat abenfalls als „Vereinigungsvertrag“, als „Staatsbürgervertrag“, der aber nicht automatisch Herrscher und Untergebene erzeugen muss, sondern, je nachdem, wie jeder/jede sich selbst standesmäßig und politisch einbringt, aktive, an der Macht partizipierende Mitglieder oder eben passive Untertanen hervorbringt.

H. G. v. Manz beschreibt diesen „Staatsbürgervertrag“ so: „ Dies ist möglich, wenn zugleich mit dem Vertragsschluss die Leistung erbracht wird. Im Staatsbürgervertrag ist dies möglich, da hier mit dem Vertragsschluss zugleich die schützende Macht errichtet wird, indem jeder, der in diesen Vertrag tritt, seinen Beitrag leistet. Vertragspartner ist auf der einen Seite der einzelne; auf der anderen Seite sind es auch die einzelnen, aber nicht als Bestimmte. Jeder einzelne kann betroffen sein und des Schutzes bedürfen. Die Vorstellung, dass es jeden gleichermaßen treffen kann, verbindet die einzelnen zu einem Ganzen. »Diese Unbestimmtheit, diese Ungewissheit, welches Individuum der Angriff zuerst treffen werde, also dieses Schweben der Einbildungskraft, ist das Vereinigungsband. Es ist dasjenige, vermittelst dessen Alle in Eins zusammenfließen; und nicht mehr in einem abstrakten Begriffe, als ein compositum, sondern in der Tat vereinigt sind, als ein totum« (GNR 196/203).“ 12

Die sukzessiv gewonnene Konstruktion eines Staatsbürgervertrages definiert das politische Gemeinwesen nicht nur logisch-begrifflich, wie Rousseau, sondern der „Repräsentant“ eines politischen Gemeinwesens empfängt seine Legitimation  sowohl in einer anschaulichen Rückbindung an den einzelnen wie in einer projektiven Sinnidee des Ganzen. Es gibt genau genommen dann drei Bindungen: a) Die Achtung der Handlungsfreiheit des einzelnen, das „Urrecht“, b) den „Eigentumsbegriffes“ mit dem dazugehörigen Schutzvertrag, und c) den Vereinigungsvertrag – und nur dank dieser stufenartigen Einhaltung der Verträge kann dann von einer „Repräsentation“ der politischen Einheit „Gemeinwesen“ gesprochen werden, ja, muss von „Repräsentation“ in diesen Belangen der Machtausübung gesprochen werden!

M. a. W.: Fichte kennt den Begriff der „Volkssouveränität“ wie Rousseau, aber diese Volkssouveränität nimmt seinen Ausgang nicht von einem bloß formalen Gesetz, sondern umgekehrt vom konkreten, einzelnen Freiheitsrecht des Wollens (eines Individuums) und einem materialen Gesetz sittlicher Vollkommenheit.13 Der individuelle Wille ist in seiner Wirksamkeit – in intellektueller Anschauung – ein allgemeiner, sittlicher Wille. „Einen Willen zu finden, der nur dann, dann aber auch unfehlbar eine Macht ist, wenn er das Gesez will“ (GA I/3, 399). Diesen angestrebten, individuell wie universell gedachte „Gemeinwillen“ nennt Fichte den Willen der Bürgergesamtheit:
Das Einzigmögliche […), worüber ihr Wille sich vereinigt, ist […] das Recht in Anwendung auf sie, d. h. ihr positives Gesez.“ (GA I/3 400)

In der „Bürgergesamtheit“ wird intentional die rechte Gesetzgebung von allen für alle zu allen Zeit gewollt, sodass alle Bürger im Willen motiviert sind, diesen gemeinsamen Willen anzustreben und zu einer gemeinsamen Kraft des Staates zu vereinen. Sie sollen den allgemeinen Staatswillen als ihren eigenen Willen finden und verstehen können und der jeweilige Eigenwille – durchaus auch als rationaler Eigennutz verstehbar – konstituiert die „Bürgergesamtheit“ des Staates und umgekehrt der Gesamtwille konstituiert das einzelne Wollen.14

Diese in der Natur des Vernunftwesen angelegte Verschränkung von individuellem und allgemeinem Willen erlaubt es jetzt, eine repräsentative Herrschaft zu denken.  „Gerade diese Annahme, das apriorische Gesetz lasse sich rein logisch durch ’Anwendungder formalen Rechtsregel auf die zufällig-faktischen Gegebenheiten des jeweiligen Volkslebens deduzieren, macht es Fichte möglich, im Gegensatz zu Rousseau die Gesetzgebung den Regenten, den Trägern der Exekutive, anzuvertrauen.“15(Hervorhebung von mir.)

Durch die persönliche, subsumptionslogische Anwendung des Rechts unter ein positives Gesetz, d. h. unter einer lebendigen Idee des Gesamtwillens der Bürger und der Förderung individueller Freiheit, kann und muss FICHTE das Recht im Hinblick auf die sein sollende, verwirklichende Anwendung einem Regenten (bzw. einer verantwortlichen Exekutive)  anvertrauen, damit es auch Macht und Durchsetzbarkeit gewinnt.

Während Rousseau die volonté générale (wie den Willen überhaupt) einer wahren Repräsentation nicht für fähig hält – sie bedeutet gegenüber jedem Willen eine potentielle, ja wahrscheinliche Verfälschung – glaubt Fichte gerade die absolute (juridische) Notwendigkeit der Repräsentation einzusehen, glaubt, „aus reiner Vernunft“, in strenger Deduktion, zeigen zu können, dass Repräsentation „eine durch das Rechtsgesetz absolut geforderte Einrichtung ist(GA I, 3, 449). 16

3) Der Begriff der Repräsentation auf die kirchlichen Ämter übertragen schützt natürlich nicht vor Missbrauch und Missachtung der Rechte des einzelnen. Nur der Begriff an sich trägt den Vorteil an sich, dass die Wechselseitigkeit von juridischem  Recht und gewünschter sittlicher, freier Ordnung letztlich nicht nur vom einzelnen, schwachen Menschen abhängt, sondern von Gottes Gnade. Diese Gnade Gottes kann bei Gelegenheit aus kategorischen und teleologischen Gründen ebenfalls juridifiziert werden, trägt aber in sich den Vorbehalt, dem menschliche Zugriff letztlich entzogen zu sein. Die kirchliche Rechtslehre hat deshalb auch verschiedene Instrumente gefunden, z. B. den Begriff des forum externum und des forum internum u. a. m., um sich hier selbstkritisch zu bescheiden. Die Repräsentation, mit dem Vokabular einer platonischen Bildlehre noch weiter ausführbar, bietet den Anschluss an eine sakramentale Wirklichkeitsordnung. Intention und Leistung in diesem Begriff einer angebotenen Gnade sind von Gott garantiert. Konkret auf meine Frage zur Priesterweihe der Frauen bezogen: Warum sollte die repräsentative und gnadenhafte Vermittlung einer sakramentalen Heils- und Sinnordnung nur an das männliche Geschlecht gebunden sein? Sicherlich wird stets gesagt, Frauen vermitteln genauso priesterliche Dienste, haben im metaphorischen Sinne ebenfalls eine Mission, eine Art „Weihe“. Inwiefern soll der Mensch hier regulativ und sanktionierend bei den konkreten Weihämtern eingreifen? Gerade hat Papst Franziskus am Mo. 28. 11. 2022 wieder auf die verschiedenen Berufungen hingewiesen, die Männer wie Frauen haben. Sicherlich historisch ernst zu nehmen –   das petrinische und das marianische Prinzip. So dort gedacht und formuliert, wäre eine Weihe von Frauen kein regulativer Zweckbegriff  – siehe Link Papst Franziskus_ Keine Weiheämter für Frauen – print – Vatican News

© Franz Strasser, 29. 11. 2022

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1Richard Schottky, Untersuchungen zur Geschichte der staatsphilosophischen Vertragstheorie im 17. und 18. Jahrhundert: Hobbes, Locke, Rousseau, Fichte : mit einem Beitrag zum Problem der Gewaltenteilung bei Rousseau und Fichte, 1995.

2J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. I, 3 für die „Grundlage des Naturrechtes“ (abk.=GNR) in: Band 3: Werke 1794-1796,
hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob unter Mitwirkung von Richard Schottky. 1966

3Jean-Jacques Rousseau: Du contrat social ou Principes du droit politique. Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Französisch/Deutsch. (1762) In: Reclams Universal-Bibliothek. Philipp Reclam jun., Stuttgart 20

4Wie das freilich gehen sollte, dass der allgemeine Volkswille herrsche und regiere , das sagt uns Rousseau nicht und ist praktisch unmöglich. Die Rede vom „volonté générale“ ist eine „Chimäre.“ (R. Schottky)

5Zitiert nach R. Schottky, ebd., S 325.

6Siehe zur Darstellung des Vertragsinhaltes des autoritären Staates bei Hobbes, R. Schottky, ebd., S 10 – 17; zum Begriff der Repräsentation des Souveräns bei Rousseau und Hobbes, R. Schottky, ebd., S 325, Anm. 8.

7G. Duso, ebd. S 92.93.

8Zitiert nach R. Schottky, ebd. S 325, Anm. 9.

9Dem Wortlaut nach wird allerdings in Kap. III/1 diese „unrepräsentierbare“ Sicht des Volksganzen wieder etwas zurückgenommen, indem Rousseau neben der Legislative des Volkes doch einen Zwischenkörper einer eigenständigen Exekutive einschiebt. Also gibt es doch eine repräsentative Macht des Souveräns? R. Schottky führt das Verständnis Rousseaus dahingehend aus, dass jener die eigenständige Macht der Exekutive nur als logisch-praktische und mechanische Fortsetzung der Legislative sehen will. Sie hat im Grunde doch keinen Eigenwillen und repräsentiert deshalb nicht eine andere Macht. (R. Schottky, ebd., S 327f) Generell wird die Legislative des Volkswillens über jede Regierung gestellt, die jederzeit vom Volk abgesetzt werden könnte.

10R. Schottky, ebd. S 329-331.

11Inwieweit FICHTE die in der „Repräsentation“ liegenden Aporie eines möglichen Machtmissbrauchs in allen seinen Facetten wirklich gesehen hat, mag dahingestellt sein. Er baute in der GNR das „Ephorat“ als Instrument der Machtkontrolle ein. In der Rechtslehre 1812 scheint ihm das nicht mehr zu genügen.

12Hans Georg v. Manz, Fichtes transzendentale Gerechtigkeitskonzeption, a. a. O., S 23.

13M. a. W., Rousseau fehlt das transzendentale Mittelglied und die Synthese zwischen dem abstrakten Allgemeinwillen und der Anwendung des Allgemeinwillens, die intellektuell anschaubare Interpersonalität, die interpersonale Bestimmtheit der Selbstbestimmung.

14Vgl. R. Schottky, ebd. S 356

15R. Schottky, ebd. S 356.

16Ebd., S 357.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser