E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen – 3. Teil

Im Abschnitt III (Das Problem der „Repräsentation“ und der Aufbau des Bewusstsein) lesen wir zuerst eine herrliche Wiedergabe des „Sophistes“ und einmal mehr blitzt PLATON in all seiner Schönheit auf (ebd. S 25 – 27); es folgt eine Art Deduktion der Verstandesbegriffe Qualität, Modalität, tlw. des inneren Sinnes der Zeit, der Analogien der Erfahrung (ebd. S 27-29), die Quantitäts- und Substanzkategorie (ebd. S 30) – und in einer Art „metaphysischen Seinslehre“ (ebd. S 30) wird die Totalität der geistigen Funktionen im Bewusstsein zu fassen versucht. Ich will hier nicht im einzelnen auf diese Deduktionen eingehen, es soll alles auf die Reflexivität des Wissens und auf den Begriff der „Repräsentation“ (ebd. S 31) hinauslaufen.

Denn jedes einzelne Sein des Bewußtseins hat eben nur dadurch seine Bestimmtheit, daß in ihm zugleich das Bewußtseinsganze in irgendeiner Form mitgesetzt und repräsentiert wird. Nur in dieser Repräsentation und durch sie wird auch dasjenige möglich, was wir die Gegebenheit und „Präsenz“ des Inhalts nennen.“ (ebd. S 31)

Ich müsste gegen diesen Begriff der „Repräsentation“ gar nichts einwenden und gegen die herrliche Wiedergabe der Antike, wenn nicht dahinter dieses ganze Konvolut einer Subjektphilosophie und einer kantischen Erkenntnistheorie stecken würde! Die apriorischen Anschauungsformen, die transzendentalen und empirischen Apprehensionen und Apperzeptionen, sie sollen die erkenntniskritischen Grundlagen liefern über die nicht hinausgegangen werden kann, damit „Repräsentation“ und Sprache ermöglicht werden, aber was versteht dann E. C. unter „Repräsentation“? Nicht ein Abbilden einer übergeordenten geistigen Einheit bzw. ein Abbilden einer göttlichen Wahrheit, sondern ein psychologisches Vermögen soll die „Repräsentation“ leisten?

Denn es liegt schon im Begriff der Sprache selbst, daß sie niemals bloß sinnlich sein kann, sondern eine eigentümliche Durchdringung und Wechselwirkung sinnlicher und begrifflicher Faktoren darstellt, sofern in ihr stets die Erfüllung der individuellen sinnlichen Zeichen mit einem allgemeinen gedanklichen Bedeutungsgehalt vorausgesetzt wird.“ (ebd. S 33)

Das Vermögen der Sprache und ihrer Funktionen, sie werden psychologisch repräsentiert im Bewusstsein! Die geistigen, und nennen wir sie hier „symbolischen“ Formen der Sprache, obwohl geistig, werden räumlich lokalisiert vorgestellt im Bewusstseinsraum der Seele (des Subjektes). Wo ist der Beweis und die einschränkende Bedingung des Wissens zu dieser Repräsentation?

Diese subjektivistische Bewusstseinstheorie, mit dem Begriff „Repräsentation“ etwas zugedeckt, spiegelt die ganze Schwäche der kantischen Erkenntnistheorie wider, wonach es von inneren, psychologischen Vorgängen keine adäquate Erkenntnis gäbe. Das praktische Streben und die intellektuelle Anschauung eines Erkenntnisaktes werden abgelehnt, weil sich aber ohne Streben und intellektuelle Anschauung doch nicht denken lässt, kommt alles indirekt wieder zur Sprache, nur unkritisch und krude. Das Sprachvermögen und die geistigen und „symbolischen“ Formen sind im Bewusstsein erzeugt und lokalisiert – das ist nicht KANT und verdankt sich doch seiner theoretisierenden Einseitigkeit.

Es geht dann weiter: E. C. verfällt von der Repräsentation in eine relationale Art des Denkens von Präsenz (ohne ausdrücklichen Gottesbegriff), d. h. das Denken wird relationales Denkmoment einer vorgestellten Gegenwärtigkeit und wird durch Präsenz erzeugt – und umgekehrt relationiert sich das Denken in symbolischen Formen der Vorstellung und der Präsenz hinein.

Es folgt dann eine weitere Beschreibung der Bewusstseinsleistungen, wie sie KANT beschrieben hat (ebd. S 35 – 39) – und wieder eine Rückkehr zur Antike im Sinne der damals gefassten Reflexivität.

Das Verhältnis, das, vom Standpunkt des absoluten Seins betrachtet, um so paradoxer erscheinen mußte, je schärfer es betrachtet und analysiert wurde, ist das notwendige, das aus sich unmittelbar verständliche, wenn es vom Standpunkt des Bewußtseins gesehen wird. Denn hier gibt es von Anfang an kein abstraktes „Eines“, dem in gleich abstrakter Sonderung und Loslösung ein „Anderes“ gegenübersteht, sondern das Eine ist hier „im“ Vielen, wie das Viele „im“ Einen ist: in dem Sinne, daß beide sich wechselseitig bedingen und sich wechselseitig repräsentieren.“ (ebd. S 39)

Das ist für mich nur relationales Denken eines nicht explizit gefassten Absoluten, bloße Begriffsphilosophie ohne Ableitung aus einer absoluten Einheit und ohne Ableitung aus einem genetischen Disjunktionspunkt von Denken und Sein.

(c) Dr. Franz Strasser, 13. Mai  2017

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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