Zum Sinnbegriff in den TdB – 6. Teil (vorläufiger Schluss)

6. u. 7. Vorlesung: Immer tiefer dringt Fichte in den Begriff der (äußeren) Wahrnehmung ein, und kommt in der 6. Vorlesung – die 7. ist nur mehr sehr kurz – zu einer Art Zusammenfassung, wie dieses Phänomen einer Sinnerfahrung (auf einer erste Stufe) transzendental verstanden werden kann. Nach der Zusammenfassung des unendlichen Vermögens (zu teilen) in einem Blicke, d. h. in einem Bild und Schema, dem hinzukommenden unsichtbaren Faktor des Denkens, zeigt sich: „Der Inhalt der Wahrnehmung ist eine sich selbst Anschauung des Wissens.“ (ebd. S 299) Wahrnehmen ist dann bereits eine Erscheinung des Wissens: „(…ein) Schematisieren des Schematisieren“(ebd.)

Da wir aber doch noch auf der basalsten Ebene der äußeren Wahrnehmung sind, tritt für die Wahrnehmung dieses Bewusstsein des Schematisierens noch nicht ein, sondern nur das Bewusstsein des Nichtschemas, eines „Dinges“.

Fichte ist sich wohl seiner besonderen Erkenntnistheorie bewusst, deshalb wiederholt er sehr oft in den TdB die bislang erreichten Ergebnisse. Er bringt auch hier eine Übersicht: (ebd. S 299- 300)

Die Wahrnehmung in der Reflexion derselben ergab eine bloßes Bild eines Ausgesagten. Sie ist nicht das Wissen selbst, was sie aussagt, sondern ein schwebendes Bild. Aber indem die Wahrnehmung das aussagt, geht sie über das Schema hinaus. Sie behauptet eigentlich das Gegenteil von dem Schematisierten. Wie ist das möglich? In der Reflexion erscheint sie noch als Bilden. In der Wahrnehmung sagt man: „(….) es ist, und überspringt das Bild“(ebd. S 300)

In der Nachschrift Cauer zur 6. Vorlesung wird diese Wahrnehmung weiter befragt: Warum ist in der Wahrnehmung bloß das Nichtschema im Bewusstsein? Weil durch die Reflexion gar nicht die Wahrnehmung selbst, sondern nur ihre Form verändert wird. Sie wird charakterisiert, indem sie als Sein oder Nichtbild erscheint.

Ich zitiere die Zusammenfassung der 7. Vorlesung (die Wortwahl und Stil der 6. Vorlesung ist in der Nachschrift Cauer verschieden von der Nachschrift Halle; die 7. ist m. E. wieder klarer.)

Die Wahrnehmung wird durch Reflexion charakterisiert, d. h. sie wird durch einen höhere Standpunkt des Sehens („die Sehe“ – 6. Vorlesung, ebd. S 301) gesehen, welche Akt des Sehens aber nicht gesehen wird.

Wir sind damit zu einer ersten, wie möchte ich sagen, vorreflexiven, ersten Definition der Wahrnehmung gekommen: Sie ist „verständiges, sich verstehendes (….) Schematisieren.“ (6.Vorlesung, nach Cauer, ebd. S 301) Dies dank des bisher noch verborgen liegenden Faktors des Denkens.

In der kurzen 7. Vorlesung, Übersicht, heißt es: Dieser Akt des Sehens, oder das „Gesetz des Denkens tritt in die Wahrnehmung mit der Anschauung zusammen, daher das Sein außer uns als Produkt hervor tritt. Es ist hier kein Akt des Verstehens, sondern nur inneres radikales Sein der Verständigkeit. Denken oder Charakterisieren ist nicht neues Hinschematisieren, sondern ein Sich selbst bestimmen der Sehe.“ (7. Vorlesung, Nachschrift Halle, S 302)

Die äußere Wahrnehmung, wenn ich jetzt abschließend auf den Sinnbegriff wieder rekurriere, ist ein erstes Verstehen, „eine Synthesis von Qualität und Ausdehnung“(6. Vorlesung, ebd. S 301), und wird jetzt auf weitere Bedingungen der Wissbarkeit hinterfragt. Damit entwickelt sich von selbst der Sinnbegriff aus der Synthesis von Qualität und Ausdehnung in weiterer Folge zu eine höheren Begriff einer praktischen Sinnidee des Gefühls, des Triebes und schlussendlich zu einem Gesicht einer Erkenntnis der Erkenntnis: Alles, was ist, ist Erscheinung eines Gesetzes der Freiheit.

In den Anfangsmomenten der Qualität und der Ausdehnung, innerhalb der faktischen, äußeren Wahrnehmung, liegt bereits das System des Wissens als eine erste Sinnes-idee oder Sinnidee verborgen und – wie könnte es anders sein in der WL? – die Konkretisierung des transzendentalen Wissens weist zurück auf ein Grundprinzip des Setzens bzw. umgekehrt, expliziert sich das transzendentale Wissen in relevanter Weise bis in die anfängliche Sinneserfahrung und Wahrnehmung hinein.

Nochmals zurückblickend auf die Dialektik der Sinnbildung bei N. LUHMANN. Der Sinnbegriff bezieht sich unzusammenhängend auf verschiedene Sphären des Lebens, sei es auf den naturalen oder gesellschaftlichen oder rechtlichen oder wirtschaftlichen Bereich usw. (ein immenses Wissensgebiet hat sich hier N. LUHMANN angeeignet). Es ist die Form des Unterscheidens und der damit gesetzte Sinnbegriff aber stets ein medialer Prozess wechselseitiger Bestimmung von psychischem und sozialem System einerseits, Welt und Umwelt andererseits, sodass nur zufällige Synthesen des Sinns entstehen können, aber ohne konstitutiven und relevanten Wert in dieser Bildung. Es gibt keine Selbstregulation der Werte oder keine Hierarchie der Werte, wenn eine Sinnes-Erfahrung und Sinn-Erfahrung wahrgenommen wird. Naturale Sinnes-Erfahrung steht neben interpersonaler Sinn-Erfahrung, aber welch universelles Vermögen regelt einzeln und im ganzen die Sinn-Erfahrung? Und sind nicht letztlich alle wechselseitig und zufällig entstandenen Sinn(es)-Erfahrung notwendige Wechselwirkung, sodass eine Freiheit in diesem System der Interaktion und Kommunkation nicht mehr möglich ist. Es ist ein Reiz- und Reaktionsgeschehen, wenn der Geist auch offensichtlich die Fähigkeit bekommen hat, sich diese Wechselseitigkeit vorzustellen.

Allein in den ersten sieben Vorlesungen der TdB mit der ansatzweisen Herausarbeitung der Wissensbedingungen der äußeren Wahrnehmung (in ihren Phänomenen der Qualität bzw. Empfindung und Ausdehnung) wird hingegen klar, dass in der äußeren Wahrnehmung nur durch die Freiheit die Abstraktion eines Totalsinns und das Vermögen zu teilen gefasst werden kann. Die Freiheit ist erstes und treibendes Motiv – treibend von Trieb –, eine Sinn(es)-Erfahrung als solche erst machen zu können.

Die naturale Sinnes-Erfahrung, die gesellschaftliche Wirklichkeit anderer Personen, die Sinnerfüllung durch moralische Selbstbestimmung, die religiöse Sinnerfüllung, und schließlich die geschichtliche Sinnidee – diese Bereiche sind zwar je nach Standpunkt der Reflexion verschieden abstrahierbar, gehören aber im ganzen System des Wissens zusammen, beschränken sich und ergänzen sich gegenseitig – und führen von selbst zu einer höheren und höchsten Sinn-Idee. Die ganze Wirklichkeit ist von der Sinnidee der Freiheit durchdrungen. 1

© Franz Strasser, 22. 12. 2018

1Das heißt jetzt nicht, dass N. LUHMANN nicht wüsste, was Freiheit heißt. Manche Analysen arbeiten sehr gut die Freiheit in einem negativen Sinne heraus, d. h. als Mangel. So gefiel mir z. B. die Reflexion auf die materialen Erkenntnisbedingungen, die die Entscheidungsprozesse wirklich leiten, sodass die „Freiheit“ leicht eine prekäre Sache werden kann. Das ist für mich „soziologische Aufklärung“ im besten Sinne einer vernünftigen Erkenntnisleitung. Ich frage mich nur, welche Begründung gäbe es für eine positive Freiheit, wenn die Dialektik der Freiheit sich auf Unterscheidung gründet. Zu einem Pseudo-Begriff von Freiheit siehe z. B.: „Paradoxie des Entscheidens“ , in: Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik, 84. Band, Heft 3, 1993.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser