Zum Begriff der Repräsentation

FICHTE hat wiederholt den Begriff der Repräsentation gebraucht. Ich lese hier exemplarisch zwei Vorlesungsstunden aus der WL 1805 (12. u. 13. Vorlesungsstunde, Erlangen).1

Das Absolute als Grund des Lichtes ist „im Grundseyn“ des Existentialaktes formal gewusst. Sobald es aber reflektiert und projiziert und objektiviert wird, kann es nicht mehr das Absolute sein. „Dies gilt nicht, u. dies nicht gelten lassen ist eben der Glaube, durch welche allein die W.L. zum Absoluten kommt, u selber wird.“ (13. Vorlesungsstunde, ebd. 238, Z 15, Hervorhebung von mir )

Fichte kommt am Schluss der 12. Vorlesungsstunde auf den Existentialakt des Wissens zurück: Die höchste, oberste Einsicht in das Absolute ist sein „existieren, als existieren, in der sich selber aufgehenden Form des Intelligierens“ (Ende 12. Vorlesungsstunde, GA II, 9, S 237, Z 12).

Wenn es diese Existentialform des Absoluten gibt, so existiert das Lichtsein ebenfalls in einer Selbstständigkeit des Grundseins.

„denn das Existiren ist ja selbst Licht: Licht aber ist Grundseyn, u. So bringt allerdings das Licht, aber nicht das verborgene der W. L., sondern das ihr offenbare des göttlichen Existieren den Grund mit. – Sie die W. L. kann nichts mitbringen, denn sie vernichtet sich, u. wird erst durch diese Selbstvernichtung.“ (ebd. Z 22ff)

Fichte analysiert das Lichtsein in seiner Existentialform des Absoluten näher:

„Innerhalb A. (=Absolutes) ist a/a x1 (ich lese: gesetztes Wissen, Wissen als Wissen, einmalig gesetzt. In anderen WL spricht Fichte einfachhin von der „Erscheinung“ des Absoluten in a) nothwendig zufolge des innern WesensGesetzes des Lichts. Offenbar sezt diese Argumentation «es» , daß das Licht sey, stehend und ruhend auf sich selber (wirklich u. an sein Seyn gebunden), u. in diesem stehen eben sey nach seinem Gesetze.“ (ebd. S 239, Z 10ff, Hervorhebung)

Es scheint hier auf, dass, falls die glaubensmäßige Freiheit des Wollens und Erkennens und des Vollzuges gewahrt wird, zugleich eine transzendentale, notwendige Wesensgesetzlichkeit dieses Vollzuges gedacht werden muss. Eine zwingende Notwendigkeit (im transzendentalen Wissen) muss auffindbar sein, damit die Freiheit des Vollzuges und der glaubensmäßigen Realisierung von Wahrheit, Rechtheit und Lichtheit ebenfalls möglich und kompatibel sein kann.

Nun ist das göttliche Existiren allerdings Licht; aber es ist dadurch noch nicht unmittelbar ges<ag>td, daß das Lichte ist, in äusserer, in sich selbst geschloßner ExistentialForm. Darauf haben wir gestern schon gedeutet, sagend, dieses göttliche Grundseyn ist ein geschloßenes, u. vollendetes, also nicht bloß Existiren, sondern Existenz zugleich: die äussere Existenz des Existirens also wäre erst das selbstständige Seyn des Lichtes.“ (ebd. S 239, Z 13ff)

Beim Stichwort Existieren fällt sofort auf, dass selbst die selbstständige, tragende Existentialform des Lichtes nicht aus sich, von sich, durch sich, sein kann, sondern vom Absoluten her bedingt (geschaffen) ist. Wie dieses Verhältnis der Lichtform/Existentialform des Lichts zum Absoluten denken?

Fichte erlaubt einen Einwurf, dass diese äußere Existentialform des Wissens tout court auch „Bewußtseyn“ bezeichnet werden kann. (ebd. Z 19)

Die Wurzel und der Träger der Existentialform des Lichtes, die in Abgrenzung zum Absoluten eine äußere Existentialform sein muss, ist und bleibt offenbar das Absolute! Aber damit ist eine neue Bestimmung der Lichtform möglich: das Licht/die Lichtform ist ein „Zustand“.

Das leztere ist innerhalb des ersten, heißt daher: es hat darin die Wurzel seines Seyns, u. Beruhens auf sich, seinen lezten Hälter, u. Träger; u. ist nu«r>Zustand da<ran). Zustand; sage ich mit Bedacht: keinesweges Akt: Ist nur das Licht, so ist dies mit; denn dies ist seine Weise zu seyn, seine Form.“ (ebd. S 239, Z 22ff, Hervorhebung)

Fichte möchte in diesen Zustand der äußeren Existentialform des Lichtes eindringen, die einerseits doch nur eine bloße Form ist, andererseits begründet und gerechtfertigt allein in ihrem Lichtsein im und durch das Absolute doch von Wahrheit und Richtigkeit sein muss. Es soll diese Form nicht bloßer Exponent und Verobjektivierung des Absoluten sein, denn dann wäre das Absolute realistisch oder idealistisch relativiert – und das ganze Niveau der bis jetzt transzendental eingesehene Einheit in der Lichtform (von Absolutem und Licht) wäre überhaupt wieder am Boden bzw. fallen gelassen. Die bloße Faktizität begründet und bewährt noch nicht.

Fichte beschreibt diesen kritische Punkt so: „2.). Innerhalb a/a x1 ist A. – denn das erstere ist die intelligirende Exposition des Wesens des letzterns, u. schaut es in dieser Exposition objectivirend hin. Wie nennen wir dieses objectivirte Seyn, zum Unterschiede?i existirt eben als existent, und bloß existent. Daß daher das ganze Verhältniß sich also ausdrüken liesse: innerhalb a existirt A, ohnerachtet das erstere (selber in diesem existent machen,) innerhalb des indem a «in> A. ist, und dadurch, daß dieses in ihm ist, in absoluter Untheilbarkeit des Zustandes.
Das Innerhalb des ersten Satzes redet realistisch, u. von einer realistischen Folge: das des zweiten idealistisch, u von einer solchen Folge. Die Blindheit verfällt nothwendig in irgend einen Idealismus, eine bloße Existenz, welche sie aber, eben drum weil sie blind ist‘ (,) für Realismus hält
. (ebd. S 239.240, ab Z 26ff) 2

Der modus essendi der Wissensform/Existentialform (im weiteren Sinne der Zustand des Bewusstseins) ist nicht eine einseitige Supposition eines realistisch gesetzten Wissens „a“ oder idealistisch gedachtem Absoluten – wie sich Schelling bzw. Hegel das ausdenken (ebd. Z. 12) – sondern ist vielmehr eine gesuchte „vollendete Klarheit“ (ebd. Z 13).

Falls man in diesen Gegensätzen von Realismus und Idealismus verbleiben möchte, könnte ohne Glaube an die Begründung und Rechtfertigung im Absoluten nichts entschieden werden. Wenn aber schon in diesem Zusammenhang der realistisch/idealistischen Suppositionen gedacht würde – wobei es aber nicht bleiben kann! – nähme der Glaube die realistische Seite ein. Aber das wäre, wie vermutet und intendiert, eigentlich  nicht die transzendental eingesehene und gesuchte Lösung.

„Dem sehenden, die absolute Reflektirbarkeit erblikendem Auge, müste, ohne Glauben, beides gleich gelten, u. er könnte nie zwischen ihren entgegengesezten Ansprüchen entscheiden; das Resultat wäre ein absoluter Skepticismus. (Ich habe mehrmals den Vorsatz gefaßt pp um unsre seyn wollenden Philosophen recht in die Irre hineinzuführen.— . Historische Anwendung. Schelling. pp was aus einem nicht in der Tiefe durchdringenden Studium der W.L. – seitdem er selber speculiren will, etwas untergeordneters) Der Glaube erst, der nur der vollendeten Klarheit möglich ist, unterordnet auf immer, u entschieden die idealistische Ansicht unter die realistische.“ (ebd. S 240, Z 6ff)

Sehr fein beschreibt Fichte jetzt die erreichte Höhe des Denkens: Die Anschauung der Erscheinung „a“, des absoluten Wissens, der äußeren Existentialform des Lichtes, enthält in sich ein „substantielles Licht, sich selber unsichtbar, intuitiv, sich selber unbegreiflich, intelligibel.“ (ebd. S 240, Z 20)

Sobald es aber begriffen wird, „in absoluter Einheit des Intuierens und Intelligierens, welche hier erst erzeugt werden“ (ebd. Z 22) ist es schon schon in einem einseitigen modus des Als-Erkennens und reflektierenden Erkennens. M. a. W. , auf die Aussage hin, „das Licht ist“, wird zwar der Ausdruck und die Aussage eines Grundsein des Absoluten mit behauptet, aber ipso facto ist diese getätigte Aussage gerade nicht mehr das Grundsein des Absoluten, es ist bereits verobjektiviert und reflektiert und ist nicht die völlige Möglichkeit der Aussage in der realisierten Wirklichkeit. Das Gesagte fällt nicht zusammen mit der gedachte Möglichkeit, sondern ist bereits deren ausgesagte Form mit Mitteln der Einsicht und der Intellektion.

Fichte hat in vielen WL auf diesen Widerspruch von Denken und Tun hingewiesen: Man kann das nicht sagen, was gedacht wird, weil es dann nicht mehr die Möglichkeit des Gedachten selbst ist. Man kann das wahre Bildsein im Gesagten nur umgekehrt vom gedachten wahren Sein her selbst verifizieren lassen, ob es dessen wahres Bildsein ist oder nicht, sobald es eben gebildet und vollzogen wird (getan wird.)

Die Frage ist jetzt von grundsätzlicher und von viel fundamentalerer Bedeutung, als es im Einzelfall oft zutrifft (der Widerspruch von Denken und Tun): Wie kann dann prinzipiell noch ein Grundsein in der äußeren Existentialform des Lichts (=des Wissens) in und aus dem Absoluten behauptet werden? Fichtes Antwort hier – und in den weiteren Vorlesungsstunden der WL 1805 wird er dies weiter erklären und deduzieren, wie das übergehende Licht der Rechtheit und Lichtheit im Intelligieren selbst festgehalten werden kann – ist, der Akt des Intuierens und Intelligierens ist ein selbstständiges Bilden und Begreifen der Möglichkeit nach, sobald aber diese Möglichkeit realisiert wird, ist ein bestimmter Wissensbezug zum Absoluten realisiert.

Dies erzeugt, weil einerseits das Absolute selbst nicht projiziert und objektiviert werden kann, andererseits doch ein bestimmtes Realisieren geschieht und das Licht der Rechtheit eines durch sich selbst bestimmten Willens glaubensmäßig mitgenommen wird, notwendig eine Form der Repräsentation des Absoluten.3

Nicht allgemein repräsentiert sich das Absolute in einer Art gedachter Emanation zweiter Ordnung hinein, sondern, wie in der 10. und 11. Vorlesungsstunde der WL 1805 vorbereitet, in der konkreten, existentialen Lichtform. Die Projektionsform des Lichtes ist unmittelbar Gottes Existenz oder „Existentialakt“. Wenn Gott sich projiziert, dann trägt die göttliche Existenz schlechthin notwendig die Lichtform an sich (vgl. ebd. 10. Stunde, S 224, Z 14ff), und diese wiederum schließt notwendig Gottes Aufnahme in die Ichform ein.4

Kraft existentialer Lichtform ist das Absolute in der Ichform, und kraft dieser Ichform, in vollendeter Interpersonalität und in persona und in individuo des Glaubenden, kann das Absolute in Erscheinung treten. Das, was zur Erscheinung kommt, ist kein bloßes Etwas, sondern das aus der Rechtheit und Lichtheit des Absoluten in einem substantiellen Selbstbestimmungs- und Denkakt eines Ichs übergehende Soll

Unmittelbar vermittelt sich das Absolute nicht in einem Existentialakt des Lichtes, aber vermittelt (in Differenz) vermag der Repräsentant der Lichtform, die interpersonale sittliche Gemeinschaft eines Wir, und die sittliche Vervollkommnung in individuo, die werthafte Forderung des Absoluten, den durch sich selbst bestimmten Willen zu realisieren. Der Begriff der Ichform ist dabei apriorische Wissensbedingung sowohl einer im sittlichen Endzweck zu denkenden interpersonalen Gemeinschaft, wie Wissensbedingung eines Ichs in individuo und in persona.

Die Gebrochenheit und Differenz einer nur vermittelten Realisierung liegt an der Notwendigkeit einer nur glaubensmäßig zu erreichenden Qualität der Rechtheit und Lichtheit. (Siehe oben beschrieben im Begriff des Maßes gegenüber dem Absoluten). Dass der Form nach vermittelt werden kann, wenn auch in Differenz, liegt an der Existentialform des Lichtes, in die sich das Absolute schon veräußert haben muss. Es fällt das m. E. großartige Wort: „Existieren ist Repräsentieren“.5 Damit ist nicht automatisch das Repräsentieren das vollkommene und vollendete Leben des Absoluten, sondern erst im wahren Bildsein, in der Bewährung des wahren Bildseins vom Sein, wird das Absolute repräsentiert, andernfalls wird es verdunkelt und verleugnet.

Die Repräsentation des Absoluten im „Ich“ (in der pluralen Ichform und in individuo) ist dadurch einerseits fähig, rückbezüglich zu sein im Wissen auf einen durch sich selbst bestimmten Willen, andererseits kann sie sich nur so rückbeziehen auf sich selbst, indem es diese Forderung auch realisiert und in Differenz zum Absoluten sich setzt. Das „Ich“ ist repräsentativ, weil es das Absolute zur Erscheinung zu bringen vermag – in einer Form der „angehobenen“ Möglichkeit nach.

M. a. W.:
a) Der durch die Philosophie geläuterte Glaube zeigt sich so: Das Produkt der Glaubensform, das, unterschieden von der äußeren Existentialform des Wissens und des Lichtes ein unabhängiges Dasein des Absoluten voraussetzt, ist nicht ein allgemeines, unbestimmtes Produkt, sondern ist im repräsentierenden Vollzug, ein „ichhaftes“ Produkt; der Glaube glaubt nicht an die Form des Produzierens, d. h. an die Wissensform, aber wenn er die Rechtheit und Lichtheit des Absoluten dem Inhalte nach glauben und realisieren will – was sonst? – , ist er auch genötigt, diese in der bestimmten Form einer ichhaften und interpersonalen wie individuellen Repräsentation festzuhalten und zu glauben, d. h. in einer qualitativen Rechtheit und Lichtheit, als Vernunft, die Liebe will und Liebe bejaht (in pluralis und in individuo). Die ichhafte Form der qualitativen Rechtheit und Lichtheit ist sozusagen das privilegierte Wissen des Glaubens. Unter zeitlichen Bedingungen ist dieses Wissen nicht erreichbar, in einer religiösen Sinnordnung aber zeitlich antizipierbar und, da ja die Realisierung in pluralis und individuo zu Bedingungen der Freiheit gewollt ist, repräsentierbar.

b) Das geläuterte Wissen zeigt sich so: Die intuitive und intelligierende Einsicht in das Dass des Existentialaktes/Lichtaktes des Absoluten der Form nach, das transzendental weder bloß realistische Supposition noch idealistische Spekulation sein kann, hat die Produktionsform eines Lichtes, d. h. einer repräsentierenden Ichform, sodass in allen fünf Bereichen des Denkaktes, d. h. der sinnlichen Natur, der Moralität, der Legalität, der religiösen Ordnung und des Sich-Wissens, ein absoluter, werthafter Bezug aufleuchtet. Die in diesen Bereichen gefühlten, werthaften Bestimmungen haben einen relativen Wert, kausiert aus dem absoluten Wert der Produktionsform des Lichtes.

M. a. W.: Das Absolute kann nur so innerhalb des Wissens gedacht werden, dass es nicht nur via negativa (durch begriffliche Negation, apophatisch), aber auch nicht nur via positiva (durch Glauben, kataphatisch) erfasst werden kann, sondern in jedem Erkenntnisvollzug wird die innere Wesensgesetzlichkeit des Wissens negativ wie positiv gleichzeitig, in dauernder Differenz und dauernder Einheit zugleichzeitlos und geschichtlich, gewusst. Das Absolute wird aufsteigend wie absteigend zu erreichen gedacht, im differentiellen Denken bei dauerndem Glauben an den Inhalt einer qualitativen Rechtheit und Lichtheit. Das Wissen differenziert seine Form des Wissens ex negativo zum Absoluten, in Abgrenzung zur Totalität des Absoluten, kann dies aber nur bei gleichzeitigem Standpunkt des Glaubens, ex positivo, kataphatisch, tun, weil das Absolute repräsentativ in der Wissensform und Lichtform (Existentialform) geglaubt wird.

Schließlich die Auflösung dieses allgemeinen Begriffes der Repräsentation:

„ Ferner: was ist, d<a>s“ dieses Formgeben unabtrennlich, als sein Neben, u. Wechselglied mitbringt, oder von ihm mitgebracht wird? Antw. Die absolute Reflektirbarkeit, das Wir, oder Ich: und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/] W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten.“ (ebd. S 242, Z 6ff Hervorhebung von mir)

Noch zwei Abgrenzungsbedingungen möchte ich andeuten:
a) Keinesfalls liegt in der repräsentativen Wissensform eine bloß intuitionistische Erkenntnisform, wie es vielleicht ein Jacobi gern gehabt hätte, der dann den Glauben über das Wissen stellen musste, sondern intelligierend wird die Existentialform des Wissens durchdrungen. Das Wissen spaltet sich infolge dieses Ursprungs erst nachfolgend in einen intuierenden und reflexiven Akt – und dadurch kommt es zu einer verobjektivierten Form des Wissens.

b) Die analytisch-synthetische Erkenntnis der Erscheinung des Absoluten in der Wissensform und im Glauben ist auch nicht eine bloße realistische oder idealistische Supposition eines gedachten Absoluten, wie sich Schelling und Hegel das ausgedacht haben. Dadurch würde sowohl die transzendentale Einheit des Wissens nicht erfasst, als auch der Sinn der glaubensmäßigen Bejahung der Rechtheit und der Lichtheit des Absoluten (in seiner Erscheinung) verfehlt. Der Erkenntnisprozess würde durch Realismus und Idealismus vorzeitig abgebrochen, und durch Machtentscheid, nicht durch Freiheit, müsste entschieden werden, was den von dem realistischen/oder idealistischen Absoluten (in seiner Erscheinung) zu glauben sei. Das würde ganz der biblischen und christlichen Tradition widersprechen, wonach Gott sich lebendig, im freien Nachvollzug, im genetischen Hervorgehen geoffenbart hat und sich weiter offenbart.6

Die mystische Teilhabe am göttlichen Leben ist in der höchsten Form der Repräsentation des Absoluten keine irrationale oder romantische, intuitionistische oder idealistische Teilhabe, sondern differenzierte Teilhabe an der Lichtform des Absoluten (als Als-Erkenntnis, als Wissensform und Glaube) und wesentlich bezogen auf ein zeitliches Werden, also auf eine geschichtlich zu realisierende religiöse Sinnidee. Religion muss früher oder später sich läutern können zu einem zeitlichen Werden einer Sinnidee, und kann nur im Rückbezug zu einer positiven Offenbarung begründet werden. Die anderen Formen der Religion sind vergebliche Versuche, die Gottheit zu gewinnen. Sie bieten vielleicht einen gewissen Trost, aber sind vernunftkritisch nicht haltbar. Deshalb wohl die scharfen Ablehnungen der gnostischen Irrlehren in der apostolischen Zeit, die Ablehnung dieser Schein-Religion ohne geschichtlichen Rückbezug und ohne Kirche.

Den Aufstieg zu einer Begründung des Wissens aus dem Absoluten zu erreichen (in transzendentaler Analyse und negativer Theologie), ist deshalb nur die halbe Wahrheit; genauso entscheidend, und in gewissem Sinne schwieriger, ist der Abstieg und die synthetische Anwendung des genetischen Anspruches von Wahrheit auf die real-geschichtlichen Freiheits- und Sinnbildungen in repräsentativer Form.

© Franz Strasser

25. 3. 2019

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1J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, WL 1805 in Bd. II, 9: Nachgelassene Schriften 1805-1807. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993. Aus dem Einleitungstext der GA: „Für philosophisch Fortgeschrittene las Fichte Wissenschaftslehre (1805); diese Ausarbeitung wollte er als die vierte und abschließende, vom Winter 1804 an zählend, verstanden wissen. In dieser Wissenschaftslehre stellt Fichte die Transzendentallehre Schritt für Schritt in Auseinandersetzung mit Schellings Position in „Philosophie und Religion“ (1804) und als Überwindung der spekulativen Metaphysik dar.

2 Analog könnte ich sagen: Wie Heidegger das Denken in ein  Verhältnis zum Sein stellte – und so dogmatisch wurde – so steht bei Fichte das Wissen im Verhältnis zur Existenz; aber dieses fragliche Verhältnis ist nicht dogmatisch oder relativistisch angesetzt, sondern nochmals höhererseits bedingt durch die daseiende Erscheinung des Absoluten, das implizit in jedem Wissensakt/Lichtakt mit ausgesagt wird, negativ wie positiv.

3 Zum Begriff der „Repräsentation“ siehe z. B. Gaetano Rametta, Der Begriff „Repräsentation“ in der Wissenschaftslehre 1805. In: Fichte-Studien Bd, 34, 2009, 153 – 170.

4 Gaetano Rametta, ebd. S 163.

5Gaetano Rametta, ebd. S 167.

6 Ein Islam, der sich auf die mediatisierte Form eines Buches verlassen muss, kann qua dieser faktischen Vermittlung nicht die genetische Vermittlung in und aus der Erscheinung des Absoluten erreichen, d. h. falls die Gläubigen nur diese faktische Vermittlung haben sollten. Sie kennen auch das Gebet, den Gesang, die Kunst, das sind andere Formen der Vermittlung. Ein Buch oder mediatisiertes Zeichen als solches lebt nicht. Der Koran stellt Behauptungen auf, die dem Buchstaben nach auf eine Offenbarung zurückgehen, doch die Bewährung dieser Offenbarung kann nur eine geistige Einschauung sein, eine ständige und bleibende Realisierung in und aus dem absoluten Bestimmungsgrund. „Der Begriff ist der Grund der Welt“ (Fiches, SL 1812). Das Johannes-Evangelium hebt in besonderer Weise die Rückbezüglichkeit des Wissens JESU hervor und lädt in performativer Weise ein, diese „begriffliche“ Erkenntnisweise einzulernen und zu übernehmen. (Z. B.: Johannes 8,54–55 u. a. „Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so gilt meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich ehrt, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest….“

Leider, möchte ich hier sagen, hat FICHTE diese lebendige Erinnerung und die kirchlich-sinnliche, religiöse Sinnordnung im Berlin seiner Tage nur sehr rudimentär kennengelernt. Er quält sich z. B. in der SL 1812 mit der Legitimierung eines „Symbols“ des Glaubens usw. Er hätte die begrifflichen Grundlagen einer repräsentativen Sinnordnung geschaffen, aber sie leider selber nicht erleben und erfahren dürfen.

Nietzsche oder die Ewige Wiederkunft des Gleichen

Natürlich habe ich in meiner Jugend, sozusagen in der pubertären Phase, gerne NIETZSCHE (abk.=N) gelesen.  Jetzt viel mir zufällig ein Artikel in der Hände, der das innere Dilemma N‘s anspricht, ja sein tragisches Schicksal als Folge dieses Denkens. Ein widersprüchliches Wollen, so meine Deutung, muss sich früher oder später auflösen und die Freiheit des Menschen zerstören.  Zuerst kurz zu dem Artikel: Andreas Luckner, Die ewige Wiederkunft des Gleichen. In: Der Blaue Reiter, Bd. 29., S 67 – 71.

Der Autor macht es sich zur Aufgabe, die „Ewige Wiederkunft des Gleichen(nicht „Wiederkehr des Selben“) als Schlüsselgedanke der späteren Werke N‘s (so ab „Fröhliche Wissenschaft“, 1882, dann „Zarathustra“) herauszustellen, als Paradigma seiner Philosophie, oder, wenn nicht so platonisch, als Erklärungsmuster.
Wie ist diese Anschauung und Formulierung der Möglichkeit nach zu verstehen?

N sei hier keine historische Wiedergabe altbekannter, zyklischen Zeitvorstellung vorgeschwebt, auch keine naturphilosophischer Sicht der Welt, wie sie ebenfalls im 19. Jhd. kursierte, sondern voll bewusst, allen Ernstes, wollte er mit diesem Schema seine Grundgedanken veranschaulichen: die Anschauung eines kreativen Wollens, den „Willen zur Macht“ – und so den Verzicht auf die Vorstellung eines Schöpfergottes und den Verzicht auf eine göttliche Erlösung erreichen. Mittels „Ewiger Wiederkunft des Gleichen“ könnte der unverrückbare Stein der Vergangenheit und die damit verbundene Schuld aufgehoben und verändert werden. Es gibt dann zwar keine Hoffnung auf Erlösung, aber der Gewinn ist: Es gibt dann auch keine Schuld, von der wir erlöst werden müssten.1

N äußerte sich bekanntlich sehr kritisch über abendländische und christliche Moralvorstellungen (siehe z. B. in „Jenseits von Gut und Böse“, „Genealogie der Moral“), und mittels kreativen Willen und „Ewiger Wiederkunft des Gleichen“ wollte er zu einer neuen Form der Bejahung des Daseins und zu einer neuen Dankbarkeit gelangen.
(Kritisch merkt allerdings der Autor des Artikels zuletzt an, warum N trotzdem nicht zu einer größeren Gelassenheit gekommen ist, wenn er schon
die überlieferten Moralvorstellungen als ressentimentbeladen abgelehnt hatte.?)

N war, mit eigenen Worten ausgedrückt, geradezu geblendet von der philosophischen Kraft des Wollens, die sich steigerte zu dieser Weltsicht der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Seine Aphorismen und Gedankensplitter zum starken Willen bedurften eines einheitlichen Schemas der Zeitlichkeit – und das meinte er in diesem Zeit-Gebilde gefunden zu haben. Irgendwie musste der Wille sich ja versinnlichen und verzeitlichen, und deshalb dieses Schema der Ewigen Wiederkunft des Gleichen“.

Der Autor im Blauen Reiter beschreibt dieses Schema natürlich viel spannender als ich hier kann: Es sei mir erlaubt, diese „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ als Formel zu verwenden, analog, wie es die Mathematiker tun, um einen unendlichen Gedanken in eine endliche Form zu bringen. Die Detailableitungen dieser Formel – siehe dortiger Artikel.

Die Mitte der Zeit sei der Augenblick – und im Augenblick findet das Wollen seine höchste Form und seinen höchsten Zweck. Was kann aber noch übrig bleiben, wenn ein Schöpfergott und eine himmlische Zielbestimmung und eine Erlösung geleugnet werden? Was kann der kreative Wille noch wollen können? Die Antwort: Die Bejahung des Werdens.
„Lebe so, dass du wollen kannst, dass jeder Augenblick Deines Lebens wieder kommen darf!

Wenn man sich zu dieser „Bejahung“ durchgerungen hat, benötigt das Leben keine Erlösung mehr, es hat sich mit der self-fulfilling-prophecy der ewigen Wiederkunft des Gleichen fernab jedweder Resignation und Weltflucht gleichsam selbst erlöst.
Ich möchte daraufhin sagen: Ja, wenn das Werden im geistigen Vorstellen, im verstandlichen Bestimmen und in der denkerischen Verarbeitung des eingeschauten Wollens, richtig bestimmt worden wäre, hätte N den kreativen Wille schon mit einer erinnerten, lebendigen Vergangenheit erfüllen, das gegenwärtige Schaffen neu finden und die Zukunft lebhaft antizipieren können, aber eine „Wiederkunft des Gleichen“ tötet jede freie Vorstellung, jedes Erinnern, jedes Erzeugen eines Neuen.

1) Ich möchte rein vernunftkritisch die Frage stellen: Ist es transzendentallogisch denkbar, die Zeit und Geschichte in diesem von ihm aufgegriffene Schema der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“ zu denken?

Die Zeit ist sicherlich nichts Äußerliches, kein äußerer Behälter, keine Sinneserfahrung wie rot, grün, heiß, kalt… Sie entspringt im Bewusstsein und stellt für sich ein hochkomplexes Gebilde da, worin der Mensch seine Selbstbestimmung und seine Identität finden kann. Werden die Gesetze der Generierung der Zeit aber nicht gesehen, wie mir das bei N fehlt, so überfordert sich schlussendlich der Wille selbst, verwickelt sich in Widersprüche und wird am Ende ganz aufgegeben, denn das tragende Ich des Willens gibt es nicht mehr, wenn die Gesetze der Zeit nicht beachtet werden. Eine Vergangenheit verändern zu können, diesen Stein zu verschieben, das begehrte N, aber das geht vernunftlogisch nicht – und zusätzlich ohne Erlösung und Zukunft zu sein, das vernichtet alle Anschauung des Werdens.

2. 1.) Die Zeit gehört konstitutiv zum Willen in seinem Übergehen und Wollen. Das hat N wohl richtig erkannt. Nur muss sich früher oder später im übergehenden Willen ein höchster Wert und eine diesen Wert verwirklichenden Existenz offenbaren. Es leuchtet im Willen etwas auf, worum es uns absolut und immer geht, eine Pertinenz, die wir zugleich in unserem Existieren realisieren möchten. Der Bestimmungsgrund des Willens für die Generierung der Zeitlichkeit – der kann nicht wiederum durch zeitliche Kategorien wie „Wiederkunft“ gedacht werden, sondern muss selber absolut zeitlos („ewig“ ist schon wieder zeitlich vorgestellt) und von absolutem Wert sein.

2. 2.) Die Vorstellung des von N beschworenen „Werdens“ ist getragen von diesem pertinenten Bestimmungsgrund, der sich in der Erscheinung des Selbstbewusstseins als substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt des Ichs zeigt – und die damit verbundenen Leistungen des Bewusstseins zur Generierung der Zeitanschauung (des Werdens) schafft. Die dem Werden zugrundeliegende Substanz kann dabei nicht nach außen objektiviert werden, dann wäre es nicht mehr das substantiell Gleiche und Zeitlose. Was tut N? In der Vorstellung der „Ewigen Wiederkehr“ und dem „Gleichen“ ist gerade diese Verobjektivierung gesetzt und der initiierende und kreative Wille vermag sich ohne freies Vorstellen und ohne Denken einer zeitlosen Identität des Ichs gerade nicht zur gesuchten „Bejahung des Daseins“ durchzuringen.

In diesem nicht denkbaren Gedanken einer „Ewigen Wiederkehr“ und des „Gleichen“ müsste der Wille, per impossible dictum, selbst zeitlich werden und das Denken und freie Vorstellen müsste in diese Zeitlichkeit eingehen. Aber damit ist überhaupt kein Werden und keine Zeit und kein kreativ, schöpferischer, effizierender Wille mehr vorstellbar und einschaubar, auch nicht diese leere Phrase einer „ewigen Wiederkunft“. Erst das zeitüberhobene Denken und freie Vorstellen ermöglicht dem Willen, sein effizierendes Wollen und seine reale Kraft angesichts des höher abzuleitenden Widerstands einzuschauen und zeitlich zu setzen und als Gegenwart mit Vergangenheit und Zukunft zu erfüllen. Die „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ ist keine Erfahrungsmöglichkeit des Willens, weil so der Wille in seiner Zeitentfaltung nicht denkbar ist. Das ist nur leeres Pathos.


2. 3.) Der Wille braucht für seine Darstellung ein Schema und eine Anschauung und Verbildlichung und Verzeitlichung. Völlig richtig, aber gerade mit dieser besagten Vorstellung (Formel) kann es nicht gelingen. Der Wille verstrickt sich notwendig in Widersprüche:
idealistisch wie realistisch:

a) Eine zyklische Zeitvorstellung kann es nicht geben, denn dann gäbe es überhaupt keine Vorstellung mehr von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es wird mit „zyklisch“ und „Ewiger Wiederkunft“ auch der Schein aufgebaut, als könnte in der Vergangenheit eine laufende Zeit vorgestellt werden, die sich sozusagen wiederholen kann. Zeit ist aber wesentlich existentielle Setzung eines Ichs, übergehender Wille eines absoluten Bestimmungsgrundes mit zugrundliegendem Schema einer gerichteten Zeit und einer erinnerten Zeit und einer prinzipiierenden Kausation einer erwarteten Zukunft. Es sind laufend unverwechselbare Momente gesetzt, die sich nicht wiederholen können.

b) Die ausgezeichnete Gegenwart, die N mit dem „Augenblick“ ja ansprechen will, kann als solche nur mit der erfüllter, erinnerter Vergangenheit und mit einer projizierten Zukunft ausgezeichnet und existentiell erfahren werden. Wenn aber die Vergangenheit abgewertet und verdrängt wird, wie von N kritisch beschrieben, was bleibt dann noch für die existentielle Setzung der Gegenwart? Der übergehende Wille, der mittels Einbildungskraft eine Werden anschaut, muss sich mittels Verstandesformen und Reflexionsformen notwendig! auf eine Vergangenheit und notwendig! auf eine Zukunft beziehen, damit er überhaupt sich wollen kann. N begeht einen schweren Fehler, wenn er die Vergangenheit meint beliebig umändern zu können und aus einem nicht genau bestimmten Willen (Bestimmungsgrund des „Willens zur Macht“) diese Vergangenheit interpretiert und uminterpretiert und daraus, ebenfalls undurchschaubar, eine Zukunft entwirft, es fehlt dann jede Rechtfertigung. Das Bild der Deutung der Vergangenheit und des Entwurfes der Zukunft muss sich bewähren und beweisen können, d. h. der Wille muss unweigerlich auf eine unwandelbare Einheit und Pertinenz ausgehen, sonst kann er gar keine Zeit bilden und sich selbst nicht bilden und bewähren. Wenn der Wille in seiner „Bejahung des Daseins“ keinen prinzipiierenden Grund seiner Bejahung kennt, wie möchte er adäquat antworten auf die Interpretation der Vergangenheit und wie adäquat Prinzipiengrund eines zukünftigen Prinzipiats sein? Wie möchte er adäquat in seinem Werden übergehen, wenn er das Werden mittels Einbildungskraft nicht an einer unwandelbaren Sinn- und Wertbestimmung ad-äquarieren will? Die Aussage von derBejahung des Daseins“ ist nur eine leere Formel, pathetisch und leer.

c) Die vertrackte Sicht der Zeit und Geschichte aufzufangen als „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ beschwört eine gewisse Anschauung der Kontinuität, so als gäbe es etwas „Ewiges“, aber dieser Gedanke ist ebenfalls nicht denkbar. Die Zeitlosigkeit („Ewiges“) kann nur entgegengesetzt zum übergehenden Willen gesetzt werden in einer absoluten Einheit und einem absoluten Setzen, aus welchen Setzen uns die Zeit entsteht und zugänglich wird. Ich, das Sich-Bestimmende, sehe mich doppelt an: als mich bestimmend unter dem Gesichtspunkt des Bestimmens, so ergibt sich die Erscheinung des Zwecksubjekts; und als mich bestimmend unter dem Gesichtspunkt des Bestimmtseins, das ergibt das Bild des Wollens, meiner als Wollender. Zwecktätigkeit und reelle Wirksamkeit (Wollen) sind aber nur etwas Gedachtes. Die Versinnlichung des Strebens in der Zeit, die durch Verstandesformen gleichzeitig geschaffene Verrräumlichung des Strebens, die ganze Versinnlichung der reinen Kraft der Intelligenz zur Naturkraft als zielbezogene dynamis des Handelns, als Leibeskraft, als physische Kraft in der Natur, das alles hat N gekannt und poetisch-pathetisch beschrieben, aber damit kaschierte er den eigentlichen Setzungs- und Wissensakt, worauf der Wille Bezug nehmen muss, wenn er sich in seinem Werden einschauen will. Die Zeitlosigkeit der ungeschichtlichen Wahrheit war ihm aber, aus welchen Gründen immer, suspekt geworden. So bleibt aber umgekehrt sein übergehender Wille selbst nur etwas Gedachtes, idealistisch oder realistisch Verabsolutiertes.

d) Der Wille wird notwendig mit sich uneins und gespalten, denkt er nicht beides zugleich: eine unwandelbare Einheit im Bewusstseins und einen absoluten pertinenten Bestimmungsgrundg – und die Anschauung des Werdens mittels Einbildungskraft und dazukommender Gegenwart, erinnerter Vergangenheit und erwarteter Zukunft. N schwankt einmal idealistisch, dann wieder realistisch hin und her zwischen bloßer unaufhörlicher Vorstellung des Werdens (idealistisch), per impossible dictum, denn ein Werden ohne Rückbezug auf etwas Gleichbleibendes ist nicht möglich – und voluntativer Generierung neuer Zeit in der „Bejahung des Daseins“, das aber ohne einsichtigen pertinenten Grund im Ich/im Willen und ohne Bejahung eines Wertes in der vergangenen oder erhofften Geschichte, nicht möglich ist. Es bleibt ein scheinbar realistischer Grund des „Willens zur Macht“, der aber machtlos ist, weil er auf keine Werte Bezug nimmt – außer auf die irgendwie pathetisch beschriebenen „Werte“ N‘s.

e) Ich möchte dieses idealistische oder realistische Schwanken noch weiter beschreiben: Man kann in der Konstitution der Zeit im Bewusstseins m. E. nur beides wollen, Unwandelbarkeit und Wandelbarkeit in dem beschriebenen Sinne einer dynamischen Einheit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Das Wollen ist zugleich analytisches Wollen eines ewigen Sinns, einer ewigen Wahrheit, und synthetisches Wollen im Zweckdenken und Wollen des Daseins. Eine Zerstörung dieser Balance von Analyse-Synthese des Selbstbewusstseins führt notwendig entweder zu einer idealistischen Überhöhung des Zweckdenkens und des ewigen Wandels („Wiederkehr“), oder zu einer realistischen Überhöhung des Willens zur Macht, der machtlos ist. Beide Formen sind vernunftkritisch nicht haltbar, unbewiesen und dogmatisch.

f) N überzieht die Wirkungskraft des Willens idealistisch, indem der Wille dieses Schema der ewige Wiederkunftermöglichen soll. Aber das Werden kann nur in Rückbezug auf eine unwandelbare Einheit angeschaut werden, nicht wieder als Werden und „ewige Wiederkunft“. N‘s Werden und seine „ewige Wiederkunft“ zerfließt in totale Unanschaulichkeit, in ein totales Nichts.


g) N
überzieht die Wirkungskraft des Willens aber auch realistisch, denn gerade dann, wenn er den Willen zur Macht versinnlichen will, den „Übermenschen“ schaffen will u. a. m., fehlt ihm die Anschauung und Versinnlichung dieses Gedachten ohne Zeitvorstellung und sich bewährendes Bild. Er veräußert eine Leerstelle in seinem Willen – und nennt die Veräußerung und Verobjektivierung „das Gleiche“, und kann theoretisch und praktisch alles hineinpacken, aber das ist nur begrifflich, nur poetisch.

3) Die idealistische Fehleinschätzung der Zeit, die realistische Überhöhung des Willens (zur Macht), so der Autor, musste schlussendlich zur Auflösung des den Willen tragende Ich führen, deshalb auch das tragische Ende. Das selbstbewusste Ich hat realistisch sein Wollen verloren, weil der Wille nicht mehr frei war, zu wählen zwischen verschiedenen Bestimmtheiten. Der Wille wollte quasi alles, und so nichts. Der Wille hat sich aber auch idealistisch verloren, weil eine „Ewige Wiederkunftgerade das selbstbewusste Gebilde einer ausgezeichneten Gegenwart, einer erinnerten Vergangenheit und eine erhofften Zukunft zunichte machte, mithin die Konstitution der Zeit im Bewusstsein.

M. a. W.: In der „Ewigen Wiederkehr“ musste sich N das Prinzipiieren eines zu bejahenden Daseins und zu bejahender Werte (Prinzipiate) verbauen, denn was sollte noch beginnen und entstehen, was sollte überhaupt sein, wenn der Wille ja weder einen pertinenten Grund hat, noch eine Sinnidee oder Werte, für die er sich einsetzen will?

Und er hat sich realistisch alles verbaut, wenn die Anschauung von Prinzipiaten als das „Gleiche“ beschrieben wird.

Wie der Mathematiker eine Formel findet, um in einem endlichen Begriff die Unendlichkeit einer Zahlreihe, vorstellbar zu machen, so stellt das Denken zwar eine „unendliche Wiederkehr“ formelhaft vor, spricht es aus, aber de facto kann der Wille diese „Zahlenreihe“ einer unendlichen Wiederkehr nicht wollen und zählen, weil er dann nichts will, nicht einmal die Bejahung des Werdens. Eine aktuale Unendlichkeit erfasst er nicht, worauf er den Modus des Werdens aufbauen will, was gänzlich undenkbar ist, ein nur deliberativ, wählender Wille ist aber schließlich zu wenig, die Zeitlichkeit zu fassen.
Der Wille muss a priori wissen, was wollen heißt, sonst könnte er nicht wollen, d. h. aber, er muss gleichzeitig im Wollen eine ungeschichtliche Wahrheit voraussetzen, einen absoluten Zwecks des Selbstwollens, damit er überhaupt von einer
Bejahung des Werdens“ sprechen kann, und damit, relativ zum absoluten Wert, andere Werte wollen und bejahen.

Realistisch wie idealistisch führt eine voluntaristische Zeitbetrachtung gerade nicht zur Einsicht in das Werden, zu einem Erinnern und Erhoffen in einer ausgezeichneten Gegenwart und zu einer Bejahung und Dankbarkeit. Es müsste m. E. alles gerade umgekehrt gesehen werden: Wie die Zeit gebildet wird aus einer ausgezeichneten Gegenwart heraus, befüllt mit erinnerte Vergangenheit, im Guten wie im Bösen, und befüllt mit erhoffter Zukunft – aus einem absoluten Bestimmungsgrund heraus.

Ich könnte N insofern geradezu zustimmen, dass er den kreativen Willen so stark betont hat, aber leider konnte er diesen Willen nicht mehr in den Dienst einer denkbaren Zeitlichkeit stellen. Das Schema „Ewige Wiederkehr“ ist nicht denkbar. Das Schema des Christentums ist geradezu diametral entgegengesetzt: Versinnlichung, Verzeitlichung, Inkarnation eines göttlichen Willens, Bejahung des Daseins“, wenn man so sagen will.

© Franz Strasser, 24. 3. 2020

1Ich finde diese Gedanken deshalb interessant, weil ja die naturalistischen Philosophien von heute ebenfalls den Menschen ständig exculpieren und ihm alle Last und Schuld der Geschichte abzunehmen versuchen. Ich denke an die Vorstellung der Zeitlosigkeit des Unbewussten in der Tiefenpsychologie, oder an die Evolutionstheorie, die Geist und Welt zu einem ungerichteten, anonymen Prozess macht. Ich habe dafür selber nur eine psychologische Antwort: Evolutionstheorie ist eine, mit FREUD gesprochen, „Deckerinnerung“, Verdrängung. Siehe dazu andere Blogs von mir.