Ignatius von Antiochien – oder die Priesterweihe von Frauen? 4. Teil

„(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Da die WL 1805 (oder auch anhand der WL 1804/1; 1804/2 u. 3 wäre das darlegbar) mit ihrem problematischen „Soll, so muss“ zu einer geschlossenen Einheit der Wissensprinzipien einerseits, aber zu einer offenen Bestimmung der erscheinenden Wirklichkeit in ihrem qualitativen Wertcharakter mittels Glauben andererseits kommt, ist es jetzt an der Zeit, das Repräsentationsvermögen der Ichheit praktisch und theoretisch zu konstituieren. Andernfalls würden zwar die apriorischen Wissensformen wie die glaubensmäßig zu erkennende Wert- und Sinnhaftigkeit eine Gewissheit des Absoluten behauptet, aber die aus der Gewissheit abzuleitende Erkenntnis der Erkenntnis (im göttlichen Lichte) fehlt noch total. (Analog dazu ist die WL 1804/2 genau so zweigeteilt: I – XV, XVI – XXVIII)

Zur den theoretischen Konstitutionsleistungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft – siehe die GWL § 4 oder Blog „Kritische Husserllektüre 2. Teil“ oder Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 2. Anfrage

Zu den praktischen Konstitutionsleistungen wären die großartigen Ableitungen der GWL (1794/1795) ab § 5 heranzuziehen: (Siehe dazu z. B. 2. Teil v. „Kritik einer  Bildtheorie – zu Dieter Mersch

1) Dass das Ich (der Repräsentant) intelligieren soll, realisiert sich unter der intelligiblen Bedingung des Glaubens in der faktischen Konstitution einer Grundtendenz, die im Triebgefühl zuerst bewusst wird, das, aufgenommen ins Ich, als Selbstgefühl, reflektiert als Selbstbewusstsein in Interpersonalität, auftritt. Das Ich fasst dabei frei reflektierend Zwecke und verfolgt Absichten – und kann als solches auch das glaubenmäßig gefasste kategorische Gesollte realisieren (nicht gezwungen). Der Repräsentant, das Ich, ist nicht ein leeres Schema, sondern aktive Vorstellung, Fühlen, Wollen und Handeln, getrieben in dem Sinne, dass es notwendig nach der absoluten Wertfülle verlangt im gehemmten Gefühl.

Im höchsten Sinne ist dieser Triebe natürlich kein Zwang mehr, sondern freie Realisierung einer im Absoluten begründeten Wertfülle. Wie geschieht aber wiederum die Realisierung dieser Wertfülle, erkenntniskritisch vorstellbar und im sinnlichen Bereich beginnend? Wie geschieht ein Übergehen einer geistigen Vorstellung in eine praktische Handlungsweise? Wie die in Ichform deduzierte Repräsentation des Absoluten übertragen auf einen genetischen Akt sinnlicher, moralischer, interpersonaler, religiöser und geschichtlicher Wirklichkeit?

Die Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität in der Natur, in der Moralität und im Leib, in der Realisierung einer Rechtsordnung und in einer Religion, muss im zeitlichen Werden ihren Ausgangspunkt nehmen. Dies ist ein vorgestelltes Linienziehen, welches wiederum nur innerhalb einer absoluten Quantitabilität möglich gedacht werden kann. Die hinzukommende Empfindung als konkreter Ausgangspunkt verwandelt sich in eine Empfindbares in ihrer Ausdehnung im Raume. Die Linie wird in ihren Punkten ständig erneuert, anfangs noch nicht in alle Richtungen hin, aber durch die reflektierende Urteilskraft wird die Vorstellung der Wechselfolge in eine unendliche Deklinationsmöglichkeit von Raumpunkten aufgebaut. Es ergibt sich die Vorstellung des Körpers, in dem die Totalität aller Deklinationserstreckungen vorgestellt ist.

Durch die unumkehrbare Nachfolgeordnung des zeitlichen Werdens bleibt das Ich an den Punkt gebunden, von dem aus es zuerst bestimmend fortgeht – und so kann nicht überall zugleich im Raume wechselweise übergegangen werden. Jeder fortgehende Raumbestimmung hängt von einer absoluten ab, in Bezug auf die sie erfolgt. Dadurch setzt das Ich nicht eine bloß willkürliche, beliebige Ordnung, sondern eine feste objektive Ordnung voraus.

Die Einbildungskraft sondert in weiterer Folge den Raum von dem Dinge, das ihn wirklich erfüllt, ab und entwirft versuchsweise einen leeren Raum, der aber sogleich mit anderen Substanzen erfüllt ist.1 Dies bedeutet zugleich eine Setzen von gleichzeitig vorhandenen Kraftäußerungen in einer gemeinsamen Sphäre. Intensität und Extensität werden synthetisch notwendig vereint.

Wie die weitere Grundlegung des Raumes verläuft, überspringe ich hier – und verbleibe im Bereich des Werdens und der Zeit: Wir bauen stets zeitliche und geschichtliche Entscheidungsreihen auf, im natürlichen Bereich, im moralischen und leiblichen, im gesellschaftlichen  und geschichtlichen Bereich, und ordnen sie nach einer Hierarchie der Sinnordnung.

Wenn schließlich von einer positiven Offenbarung in der genetischen Erkenntnis gesprochen worden ist, so deshalb, weil eine höchste, alles andere an Wert übertreffende Sinnidee vorausgesetzt wird, die wir in uns tragen, und nicht eher in unserem Streben uns zufrieden geben, bis sie geschichtlich gefunden ist. Die Geschichtserkenntnis hängt dabei nochmals mit allen transsubjektiven Bereichen der Reflexion des Ichs zusammen (mit der Natur, in der wir eine „Evolution“ hineinlegen können, in der Moralität, die sich als Leib äußert, in der Legalität, die sich als Gesellschaft äußert, in der Religion, die sich in einem sakramentalen Kult äußert), steht aber auch unabhängig zu dieser transsubjektiven Objektivität, weil eben das zeitliche Werden und das Linienziehen hier spezifische, dynamische Sinneinheiten zu einer geschichtlichen Reihe zusammenfassen.

Für den Heiligen war es in seiner genetischen Erkenntnis unmittelbar klar, dass sowohl apriorische wie positive Offenbarung im Begriff eins sind, vom implikationslogischen  Denken her, aber auch appositionell und phänomenologisch erkannte er das in der positiven Offenbarung Christi.  Weder eine rein  historische, noch eine nur begriffliche Erkenntnis könnte diese genetische Erkenntnis erreichen, wenn nicht im Denken selbst logische und erinnernde Einsicht zusammengingen. Die logische Erkenntnis bezog sich auf das repräsentative Licht einer apriorischen Vernunftoffenbarung, die geschichtliche Erkenntnis (mit der ganzen Vorschule der Hl. Schrift und ihrer Gestalten) auf die Erscheinung Jesu Christi. Beides gingen für den Heiligen in einer genetischen Erkenntnis zusammen – und musste auch so zusammengehen, wollte er selbst und die ganze christliche Gemeinde in eine gegenwärtige und zukünftige Repräsentation der göttlichen Idee glauben.  

Ohne geschichtliche Rückbindung und Erinnerung wäre eine apriorische  Erkenntnis  Gottes eventuell ein Wahngebilde, bloße Phantasie und Poesie. Die Einbildungskraft verfährt aber nicht ohne Reflexion. Die Kunst der Philosophie ist es, die natürlichen Handlungen der Einbildungskraft zwischen einer empirischen und transzendentalen Perspektive zu unterscheiden als auch wieder zusammenzuhalten –  und die entsprechenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen der Vernunft in ein implikationslogisches wie appositionelles  System der Vernunftrealisation  zu bringen.

2) Gemäß der Reflexion der WL 1805 muss die Reflexion auf die Undarstellbarkeit des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn sie zugleich die Darstellbarkeit und Repräsentanz des Absoluten so genau und deduktiv wie möglich zur Darstellung (zur Erkenntnis der Erkenntnis) in der Erscheinungswelt bringt. Keine Dekonstruktion ohne gleichzeitige differentielle Bestimmung alles Seienden in der Erscheinung. 

Der Begriff der genetischen Erkenntnis soll genau diesen Übergang, diesen Mittelpunkt einer in die Erscheinung tretenden Ur-Erscheinung des Absoluten fassen. Die Vernunft kann gar nicht anders als sich selbst in genetischer Einsicht verstehen: Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit.  So ist z. B. die juridische Beschreibung einer Anerkennung von anderer Freiheit in Formen einer repräsentativen Demokratie oder die Beschreibung einer heiligen Hierarchie von dieser Seite her gesehen selbst nur ein eingeschränkter Bereich einer repräsentativen Vermittlung einer Erkenntnis der Erkenntnis; die Naturwissenschaft hat wieder eigene Naturgesetze des Begreifens einer physikalischen oder biologischen Welt; die sittliche Welt kommt z. B. zu einer universalen Deutung des menschlichen Leibes usw. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt,  d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte…, S 402)

3) Ich möchte zum Abschluss kommen: Vom Begriff der Repräsentation her könnte zu allen Wirklichkeitsbereichen der Bestimmung übergegangen werden (in der Natur, Moralität, Legalität, Religion). Mir sollte es hier nur um den Bereich der Repräsentation in den rechtlichen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gegangen sein bzw. im eingeschränkten Sinne um die kirchliche Repräsentation. Wie es Repräsentation in den repräsentativen Demokratien braucht, gewissenhafte Verantwortung gegenüber einem sittlichen Gesetz und Dienst für andere, so braucht das kirchliche Zusammenleben, mit der Zielsetzung einer moralisch-sittlichen und religiösen Sinnordnung, gewisse Formen der Repräsentation, damit die Differenz (der Erscheinung Gottes) in Einheit erreicht werden kann. 2

Keine repräsentativen Formen in der Religion zu kennen, würde eine Vielgötterwelt öffnen, wie sie die Naturreligionen oder der Hinduismus bieten. Es gibt freilich dann keine geregelte Freiheit, nur Anarchie oder erst recht ausbrechende Klassengesellschaft, unlegitimierte Machtausübung, Kastenwesen, Patriarchalismus. (Wie sich eben die  gesellschaftliche Natur des Menschen oft unvernünftig organisiert.) 

Repräsentative Formen zwar zu kennen, aber keinen Inhalt einer Rückbeziehung auf eine positive Offenbarung und einen moralischen Gottesbegriff zu haben, würde aber  ebenfalls in autoritären Formen erstarren. (Siehe viele Formen des Islams, tlw. auch in der Kirchengeschichte auffindbar.) 

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allen moralischen Appellen und juridischen Gehorsamsansprüchen, bei allen Mängel einer männerspezifischen Hierarchie – es sind Aussagen einer positiven Gottesrede. In Differenz und doch juridischer Repräsentation wird über Gott und die geschenkte Sinnidee etwas gesagt. Es sind letztlich keine autoritären Anweisungen, sondern transzendental-kritische Aussagen, sich bewährende Bilder der Gottesrede in konkreter, prekärer Stunde.

Sobald aber vom prinzipiellen Wahrheitsanspruch zum bestimmten Wahrheitsanspruch übergegangen wird, beginnt auch die Relativität und Fehlerhaftigkeit des synthetischen Zusammenhangs von realer Hemmung und idealer Bestimmung.

Dass eine prinzipielle Repräsentanz in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein möglich sein muss, steht außer Frage; dass es eine Form institutionalisierte Legalität und damit institutionalisierter Machtausübung geben muss, steht prinzipiell ebenfalls nicht in Frage, will die Erkenntnis der Erkenntnis realisiert werden; die Frage ist nur, welche dafür zu nehmenden Personen oder Geschlechter und Aufgaben kommen dafür in Frage. Nur Männer? Nur Bischöfe? Nur Presbyter? Welche Aufgaben hat eine positive Religion? Es stellen sich sofort unendlich viele Aufgaben – die aber im Hinblick auf das Soll der Erscheinung Gottes in der positiven Offenbarung stets gelöst werden müssen und auch gelöst werden können, wenn sie sollen.
Gäbe
es keinen Bezug mehr zur positiven Offenbarung, ja dann entfällt auch das Licht der apriorischen Gottesoffenbarung – und entfällt jede Legitimität kirchlicher Hierarchie und christlicher Gemeinde. Bliebe der Rückbezug auf die positiven Offenbarung nur historisch- traditionell, ohne Nachvollziehbarkeit in einer genetischen Erkenntnis, erstirbt aber auch die lebendige Weitergabe der Sinnidee.

M. a. W., in der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung scheint mir die Geschlechterunterscheidung Mann und Frau wesentlich und von tieferem Sinn. Dieser Sinn kann nicht leichtfertig umgedreht werden. Dies betrifft aber nur den naturalen und sittlich-moralischen Sinn von Mannsein und Frausein. Aber ich sehe bis jetzt nicht, warum die genetische (transzendentale) Erkenntnis, die wesentlich Akt-Erkenntnis in und aus der apriorischen und positiven Offenbarung ist, zu geschlechterspezifischen Unterschieden in der juridischen und religiösen Repräsentationsphäre führen soll. Das Geschlecht ist eine abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins, nicht des rechtlichen und religiösen Seins.

Der Übergang zu einem Subjekt einer Rechtsgemeinschaft – das natürlich ebenso ein objektivierender Akt des Wissens ist – setzt andere Maßstäbe der Realisierung : Anerkennung von Freiheit, rechtliche Freiheitssphäre, Kultur, Gerechtigkeit, Bildung usw. In einer rechtlichen Ordnung kann es nicht um Geschlechterpräferenz gehen, denn dann wäre das rechtliche Verhältnis selbst von naturalen Determinanten bestimmt und nicht apriorisch.
Analog sehe ich das so für eine rechtliche Ordnung in der Kirche: Es kann in einem eingeschränkten Bereich „nur“ um die juridische Repräsentation gehen, weil im Begriff der positiven Offenbarung selbst die juridische Grundkonstante vorgegeben ist: Anerkennung von anderer Freiheit mit logisch-praktischen Konsequenzen. Was darüber hinaus das Mannsein und Frausein an repräsentativen Formen der Erkenntnis der Erkenntnis zulässt, ist ein anderer Bereich transsubjektiver Objektivität und ebenfalls in differentieller Einheit zu bestimmen.

Manche Frauen werden auch kein Problem haben, kein kirchliches Amt bekleiden zu dürfen; es gibt genügend andere Repräsentationsformen der naturalen, moralisch-sittlichen und religiösen Sphäre.

Der heilige Ignatius, so scheint mir, war von der genetischen Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung so gepackt und ergriffen, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Vermittlung auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich keine positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen, die aber ebenfalls in dieser genetischen Erkenntnismöglichkeit eröffnet wäre. M. a. W., diese Nicht-Erwähnung und stillschweigende Nicht-Einbeziehung der Frauen in ein kirchliches Amt ist deshalb kein totaler Ausschluss der Frauen vom kirchlichen Amt, sondern nur ein zeitlich bedingter, der nicht das Verhältnis zur erlösenden Erkenntnis Gottes in Jesus Christus selbst betrifft. (Soweit ich die Briefe las, fand ich keine abwertenden, negativen Äußerungen zu Frauen!?)  

Das Ziel der kirchlichen (männlichen) Hierarchie war  nicht Selbstzweck, sondern Ziel war die lebendige Weitergabe und die lebendige Nachvollziehbarkeit der genetischen Erkenntnis für Männer wie Frauen,  gleich welchen Standes, welcher ethnischen Zugehörigkeit, welchen Alters, welcher Nation.  Ziel war die sittlich-moralische Einheit der Gemeinde, die lebendige Repräsentation einer religiösen Sinnordnung, gestiftet durch eine positive Offenbarung.  Alle  kirchliche Hierarchie war nicht Selbstzweck, sondern Dienst in und  an dieser religiösen Sinnordnung. 

Sollten die damaligen gesellschaftlichen Determinanten wegfallen (Christenverfolgung, weitgehend patriarchale Herrschaftsmuster), so müsste die differentielle Erkenntnis der positiven Offenbarung – die in ihrem Gehalt eine unwandelbare Erkenntnis ist – sich auch auf ein neues Durchdenken der repräsentativen Formen der Hierarchie auswirken. Denn was rechtfertigt dann noch die geschlechterspezifische Unterscheidung, wenn ausdrücklich nur rückbezogen auf die positiven Offenbarung die Repräsentation einer Ur-Erscheinung Gottes gedacht werden kann – und geschichtliche Hemmnisse weggefallen sind? In die genetische Erkenntnis einer apriorischen und positiven Offenbarung mit allen ihre Implikationen von Rettung, Erlösung, Wiedergutmachung, Auferstehung, ewiges Leben, leuchtet eine alles andere an Wert übersteigenden Sinnidee auf, die den Sinn und den Wert einer geschlechterspezifischen Weitergabe doch wohl übertrifft?! 

Die Frage und das Problem ist vielmehr, wie die differentielle Sicht der alles leitenden Sinnidee als Aufgabe der Erziehung, Bildung, als Kultur, als Form der Gerechtigkeit, auf das gesellschaftliche Leben (und auf die Natur, die Moralität, die Feier der religiösen Sinnordnung) glaubwürdig und geschichtlich übertragen werden kann.

Man kann geschichtlich viel versäumen, wenn man nicht geschichtlich selbst die Schlüsse zieht. Ein heiliger Ignatius gab zu seiner geschichtlichen Stunde eine genetische, leidenschaftlich geprägte Erkenntnis wieder. Dass nach außen hin, 1900 Jahre später,  das „patriarchal“ sich anhört, wenn wir durchaus nur von männlichen Bischöfen, Presbytern und Diakonen lesen, so werden unbewusst unsere Fragen auf seine Fragen und Problemstellungen übertragen. Es werden aber damit nur transzendental-hermeneutische Interpretationen ausgetauscht, nicht genetische Erkenntnisse und Begründungen.

Vielleicht habe ich mich in meiner Ableitung einer kirchlichen Hierarchie und kirchlichen Repräsentation (von Amtsträgern und die ganzen christlichen Gemeinde) aus einer genetischen Erkenntnis getäuscht, habe vielleicht ein Zwischenglied der Erkenntnis übersehen, dann fiele mehr oder minder die ganze Ableitung zusammen. Nur historisch oder metaphysisch aber etwas behaupten, das begründet nichts, wie mir das in den Diskussionen um das Priesteramt der Frauen oft vorkommt. 

M. a. W., ein Heiliger Ignatius mag hundertmal von seiner Umwelt patriarchal und psychisch geprägt gewesen sein, er hat in seiner Argumentation primär nicht patriarchal motiviert geredet. Es ging ihm und der christlichen Gemeinde um viel mehr und anderes: Um das Überleben und das kostbare Glaubensgut. Der Enthusiasmus ist aus seinen „Briefen“ deutlich herauszuhören. Da spricht nicht ein von der Vernunft frustrierter Rousseau, kein von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Hobbes. Der Freiheitsgewinn war übergroß. Hätte eine apriorische oder überlieferte göttliche Botschaft gezwungen aufgenommen werden müssen, hätte es keine Wahlfreiheit gegeben; hätte es keine positiven Offenbarung Gottes gegeben, hätte es aber auch kein Nachbilden (Repräsentieren) und keine in der Geschichte sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee gegeben. Diese gewusste und gefühlte Freiheit überstieg alle Geschlechterdifferenz und repräsentierte eine sittlich-moralische und religiöse Sinnordnung. An keine Repräsentanz und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis zu glauben, sozusagen alle göttliche Repräsentanz in juridischen Machtstrukturen überhaupt zu leugnen, wäre ein tiefer Unglauben und Überheblichkeit: denn es würde dann implizit behauptet, es gäbe keine überirdische Welt und keine Ur-Erscheinung Gottes, die in der Ichform nachgebildet werden kann. Ohne göttliche Rückbindung wird alle Machtausübung sofort autoritär.  Es blieben nur irdische Scheinformen von „Repräsentation“, die aber letztlich ein Widerspruch sind – siehe dazu die Argumentation oben 2. Teil, von R. Schottky zu Rousseau und Hobbes.

Warum sollte bei genetisch und geschichtlich begründeter Repräsentation ausgeschlossen werden, dass Frauen nicht ein sakramentales Amt bekleiden können? Es würde so werden, wie beim hierarchischen Amt der Männer: Manche wäre sehr gute Repräsentantinnen, manche weniger.

(c) Dr. Franz Strasser

21. 9. 2019
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1Ich verweise zur näheren Erklärung z. B. auf R. LAUTH, Naturlehre, 1984, ebd. S 63f.

2Wenn ich kurz die WL 1805 verlassen darf: Fichte wurde die geschichtliche Vorgegebenheit der Offenbarung immer bewusster: „[…] das ins unendliche fortbildende Leben ist es, das Vermögen selbst des Bildens ist das UrBild, u. nichts anderes. Wie nun ein solches Vermögen? Princip, Grundlage, u. was ist in ihm. Es ist nur im Bilde, habe ich erweisen wollen. Aber es ist auch ausser dem Bilde, dem wirklichen u. als Bedingung desselben“ {FICHTE, Diarium, 175, Anmerkung 2)

Ignatius von Antiochien – oder die transzendentale Repräsentation, 3. Teil

1) Zurückblendend auf die genetische Erkenntnis des heiligen Ignatius: Fürs erste wirken die Ansprüche des Gehorsams dem Bischof, den Presbytern, den Diakonen gegenüber reichlich überzogen. Bedenkt man aber jetzt die genetische Herleitung einer kirchlichen Hierarchie und die angezielte sittliche Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, die nochmals überboten wird von einer „civitas dei“, einer religiösen Sinnordnung, gewinnen die Bilder und Begriffe einen Kontext, der vorallem einen intelligierten und geschichtlichen Sinn offenbart – jenseits einer gewissen Schwere übertriebener Metaphern. Ich würde literarisch die „Briefe“ so zusammenfassen: Es geht um eine positive (kataphatische) Rede von Gott, weil a) eine repräsentierende Form des Wissens und des Glaubens in den konkreten Personen des Bischofs/der Presbyter(Priester)/des Diakons für möglich gehalten wird und b) das Kriterium der Titeln und Machtbefugnisse gewisser Ämter strikt rückbezogen und beschränkt bleibt auf die positive Offenbarung und das Bild des dreifaltigen Gottes. Nie wird eine überirdische Macht usurpiert! Dem Bischof gehorchen wie Christus Gott-Vater, der Bischof vertritt die Stelle Gottes, die Presbyter vertreten das Apostelkollegium usw…. Siehe nochmals Igantiustexte –  so übertrieben das klingen mag, es ist kein metaphysische Anspruch damit verbunden, sondern eine Bild-Sprache wird gewählt, um die positive Offenbarung einer Ur-Erscheinung, einer Ur-Repräsentation Gottes weiterzugeben und zu bewahren. Man kann wohl bei jedem Titel, der vorkommt, die geschichtliche Rückbezogenheit nachprüfen. Ohne diesen Rückbezug wären die Amtsträger nichts.

M. a. W., die Repräsentanten mögen so vom Bild des dreifaltigen Gottes, von der Überlieferung der Apostel, vom Beispiel Jesu Christi, ergriffen und durchdrungen sein, dass im Verhalten des Bischofs, des Presbyters, des Diakons etwas phänomenal aufscheine, was in der positiven Offenbarung intelligierend eingesehen werden kann. Oder auch bezogen auf das Verhalten der christlichen Gemeinde und der Feier der Sakramente, dass in ihr etwas eingesehen werden kann, was zur religiösen Sinnordnung gehört. Der/die einzelne, wie die sittliche Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, können und sollen die positive Offenbarung repräsentieren – und deshalb die Rede von der Notwendigkeit von Hierarchie, Überlieferung, vom Geltungsanspruch der Sakramente.

Mit der Repräsentation in den Herzen der kirchlichen Hierarchen, des einzelnen Christen/der einzelnen Christin und der christlichen Gemeinde ist a) eine moralische Selbstverpflichtung im Innersten verbunden, analog zum gewissenhaften Befolgen des formalen, positiven Rechts-Gesetzes bei den Abgeordneten einer repräsentierenden Demokratie, und b) eine Verpflichtung zur Interpersonalität, für die anderen da zu sein.

Dies kann ebenfalls analog zu den Repräsentanten in einem demokratischen System gesehen werden, die letztlich ja dem Volke dienen sollen, wodurch sie nach einem Wahlverfahren und nach einer Verfassung eingesetzt und dem sie auch verpflichtet sind. Gegebenenfalls können die Repräsentanten auch abgesetzt werden. Die äußeren Formen der Repräsentation in Staatstheorien und die kirchlichen Formen der Repräsentation bei Ignatius – sie müssen vom formalen Sinn her ähnlich sein, sofern von Vernunftbedingungen überhaupt gesprochen wird.

2.) Damit ist aber bis jetzt noch keine transzendental-kritische Herleitung des Begriffes der Repräsentation geleistet worden, eher nur eine historische Beschreibung.

Dazu steige ich jetzt in das Zentrum der fichteschen Transzendentalphilosophie ein. Der Begriff der Repräsentation in der WL 1805 (Erlangen) kann eine epistemologische Ableitung des Begriffes der Repräsentation bieten.1

Das Absolute als Grund des Lichtes „im Grundseyn“ des Existentialaktes ist formal erweisbar, aber sobald es projiziert und objektiviert wird, gilt es nicht mehr. „Dies gilt nicht, u. dies nicht gelten lassen ist eben der Glaube, durch welche allein die W.L. zum Absoluten kommt, u selber wird.“ (13. Vorlesungsstunde, ebd. 238, Z 15, Hervorhebung von mir )

Fichte kommt am Schluss der 12. Vorlesungsstunde auf den Existentialakt des Wissens zurück: Die höchste, oberste Einsicht in das Absolute ist sein „existieren, als existieren, in der sich selber aufgehenden Form des Intelligierens“ (Ende 12. Vorlesungsstunde, GA II, 9, S 237, Z 12).

Wenn es diese Existentialform des Absoluten gibt, so existiert das Lichtsein ebenfalls in einer Selbstständigkeit des Grundseins.

„denn das Existiren ist ja selbst Licht: Licht aber ist Grundseyn, u. So bringt allerdings das Licht, aber nicht das vorborgene der W. L., sondern das ihr offenbare des göttlichen Existieren den Grund mit. – Sie die W. L. kann nichts mitbringen, denn sie vernichtet sich, u. wird erst durch diese Selbstvernichtung.“ (ebd. Z 22ff)

Fichte analysiert das Lichtsein in seiner Existentialform des Absoluten näher:

„Innerhalb A. (=Absolutes) ist a/a x1 (ich lese: gesetztes Wissen, Wissen als Wissen, einmalig gesetzt. In anderen WL spricht Fichte einfachhin von der „Erscheinung“ des Absoluten in a) nothwendig zufolge des innern WesensGesetzes des Lichts. Offenbar sezt diese Argumentation «es» , daß das Licht sey, stehend und ruhend auf sich selber (wirklich u. an sein Seyn gebunden), u. in diesem stehen eben sey nach seinem Gesetze.“ (ebd. S 239, Z 10ff, Hervorhebung)

Es scheint hier auf, dass, falls die glaubensmäßige Freiheit des Wollens und Erkennens und des Vollzuges gewahrt wird, zugleich eine transzendentale, notwendige Wesensgesetzlichkeit dieses Vollzuges gedacht werden muss. Eine zwingende Notwendigkeit (im transzendentalen Wissen) muss auffindbar sein, damit die Freiheit des Vollzuges und des glaubensmäßigen Realisieren von Wahrheit, Rechtheit und Lichtheit ebenfalls möglich und kompatibel werde bzw. umgekehrt, die Höhe der Erkenntnis einer formalen Wesensgesetzlichkeit des Wissens durch Freiheit und Glauben ermöglicht werden kann.

Nun ist das göttliche Existiren allerdings Licht; aber es ist dadurch noch nicht unmittelbar ges<ag>td, daß das Lichte ist, in äusserer, in sich selbst geschloßner ExistentialForm. Darauf haben wir gestern schon gedeutet, sagend, dieses göttliche Grundseyn ist ein geschloßenes, u. vollendetes, also nicht bloß Existiren, sondern Existenz zugleich: die äussere Existenz des Existirens also wäre erst das selbstständige Seyn des Lichtes.“ (ebd. S 239, Z 13ff)

Beim Stichwort Existieren fällt sofort auf, dass selbst die selbstständige, tragende Existentialform des Lichtes nicht aus sich, von sich, durch sich, sein kann, sondern vom Absoluten her bedingt (geschaffen) ist. Wie dieses Verhältnis der Lichtform/Existentialform des Lichts zum Absoluten denken?

Fichte erlaubt einen Einwurf, dass diese äußere Existentialform des Wissens tout court auch „Bewußtseyn“ bezeichnet werden kann. (ebd. Z 19)

Die Wurzel und der Träger der Existentialform des Lichtes, die in Abgrenzung zum Absoluten eine äußere Existentialform sein muss, ist und bleibt offenbar das Absolute! Aber damit ist eine neue Bestimmung der Lichtform möglich: das Licht/die Lichtform ist ein „Zustand“.

Das leztere ist innerhalb des ersten, heißt daher: es hat darin die Wurzel seines Seyns, u. Beruhens auf sich, seinen lezten Hälter, u. Träger; u. ist nu«r>Zustand da<ran). Zustand; sage ich mit Bedacht: keinesweges Akt: Ist nur das Licht, so ist dies mit; denn dies ist seine Weise zu seyn, seine Form.“ (ebd. S 239, Z 22ff, Hervorhebung)

Fichte möchte in diesen Zustand der äußeren Existentialform des Lichtes eindringen, die einerseitsdoch nur eine bloße Form ist, andererseits begründet und gerechtfertigt allein in ihrem Lichtsein im und durch das Absolute, doch von Wahrheit und Richtigkeit sein muss. Es soll diese Form nicht bloßer Exponent und Verobjektivierung des Absoluten sein, denn dann wäre das Absolute realistisch oder idealistisch relativiert – und das ganze Niveau der bis jetzt transzendental eingesehene Einheit in der Lichtform (von Absolutem und Licht) wäre überhaupt wieder am Boden bzw. fallen gelassen. Die bloße Faktizität begründet und bewährt noch nicht.

Fichte beschreibt diesen kritische Punkt so: „2.). Innerhalb a/a x1 ist A. – denn das erstere ist die intelligirende Exposition des Wesens des letzterns, u. schaut es in dieser Exposition objectivirend hin. Wie nennen wir dieses objectivirte Seyn, zum Unterschiede?i existirt eben als existent, und bloß existent. Daß daher das ganze Verhältniß sich also ausdrüken liesse: innerhalb a existirt A, ohnerachtet das erstere (selber in diesem existent machen,) innerhalb des indem a «in> A. ist, und dadurch, daß dieses in ihm ist, in absoluter Untheilbarkeit des Zustandes.
Das Innerhalb des ersten Satzes redet realistisch, u. von einer realistischen Folge: das des zweiten idealistisch, u von einer solchen Folge. Die Blindheit verfällt nothwendig in irgend einen Idealismus, eine bloße Existenz, welche sie aber, eben drum weil sie blind ist‘ (,) für Realismus hält
. (ebd. S 239.240, ab Z 26ff) 2

Der modus essendi der Wissensform/Existentialform (im weiteren Sinne der Zustand des Bewusstseins) ist nicht eine einseitige Supposition eines realistisch gesetzten Wissens „a“ oder idealistisch gedachtem Absoluten – wie sich Schelling bzw. Hegel das ausdenken (ebd. Z. 12) – sondern ist vielmehr eine gesuchte „vollendete Klarheit“ (ebd. Z 13).

Falls man in diesen Gegensätzen von Realismus und Idealismus verbleiben möchte, könnte ohne Glaubean die Begründung und Rechtfertigung im Absoluten nichts entschieden werden. Wenn aber schon in diesem Zusammenhang der realistisch/idealistischen Suppositionen gedacht würde – wobei es aber nicht bleiben kann! – nähme der Glaube die realistische Seite ein. Aber das ist eigentlich auch nicht die transzendental eingesehene und gesuchte Lösung.

„Dem sehenden, die absolute Reflektirbarkeit erblikendem Auge, müste, ohne Glauben, beides gleich gelten, u. er könnte nie zwischen ihren entgegengesezten Ansprüchen entscheiden; das Resultat wäre ein absoluter Skepticismus. (Ich habe mehrmals den Vorsatz gefaßt pp um unsre seyn wollenden Philosophen recht in die Irre hineinzuführen.— . Historische Anwendung. Schelling. pp was aus einem nicht in der Tiefe durchdringenden Studium der W.L. – seitdem er selber speculiren will, etwas untergeordneters) Der Glaube erst, der nur der vollendeten Klarheit möglich ist, unterordnet auf immer, u entschieden die idealistische Ansicht unter die realistische.“ (ebd. S 240, Z 6ff)

Sehr fein beschreibt Fichte jetzt die erreichte Höhe des Denkens: Die Anschauung der Erscheinung „a“, des absoluten Wissens, der äußeren Existentialform des Lichtes, enthält in sich ein „substantielles Licht, sich selber unsichtbar, intuitiv, sich selber unbegreiflich, intelligibel.“ (ebd. S 240, Z 20)

Sobald es aber begriffen wird, „in absoluter Einheit des Intuierens und Intelligierens, welche hier erst erzeugt werden“ (ebd. Z 22) ist es schon schon in einem einseitigen modus des Als-Erkennens und reflektierenden Erkennens.

  1. a. W. Auf die Aussage hin, „das Licht ist“, wird zwar der Ausdruck und die Aussage eines Grundsein des Absoluten mitbehauptet, aber ipso facto ist diese getätigte Aussage gerade nicht mehr das Grundsein des Absoluten, es ist bereits verobjektiviert und reflektiert und ist nicht die völlige Möglichkeit der Aussage in der realisierten Wirklichkeit. Das Gesagte fällt nicht zusammen mit der gedachte Möglichkeit, sondern ist bereits deren ausgesagte Form mit Mitteln der Einsicht und der Intellektion.

Fichte hat in vielen WL auf diesen Widerspruch von Denken und Sagen hingewiesen: Man kann das nicht sagen, was gedacht wird, weil es dann nicht mehr die Möglichkeit des Gedachten selbst ist. Man kann das wahre Bildsein im Gesagten nur umgekehrt vom gedachten wahren Sein her selbst verifizieren lassen, ob es dessen wahres Bildsein ist oder nicht, sobald eben gebildet und das Wissen vollzogen wird.

Aber die Frage ist jetzt von grundsätzlicher und von viel fundamentalerer Bedeutung, als es im Einzelfall oft zutrifft (der Widerspruch von Denken und Sagen): Wie kann dann prinzipiell noch ein Grundsein in der äußeren Existentialform des Lichts (=des Wissens) in und aus dem Absoluten behauptet werden? Fichtes Antwort hier – und in den weiteren Vorlesungsstunden der WL 1805 wird er dies weiter erklären und deduzieren, wie das übergehende Licht der Rechtheit und Lichtheit im Intelligieren selbst festgehalten werden kann:

Der Akt des Intuierens und Intelligierens ist ein selbstständiges Bilden und Begreifen der Möglichkeit nach, sobald aber diese Möglichkeit realisiert wird, ist ein bestimmter Wissensbezug zum Absoluten realisiert.

Dies setzt aber notwendig, weil einerseits das Absolute nicht projiziert und objektiviert werden soll, andererseits doch ein bestimmtes Realisieren geschieht und das Licht der Rechtheit und des durch sich selbst bestimmten Willens glaubensmäßig mitgenommen wird, eine Form der Repräsentation des Absoluten voraus. 3

Nicht allgemein repräsentiert sich das Absolute in einer Art gedachter Emanation zweiter Ordnung hinein, sondern, wie in der 10. und 11. Vorlesungsstunde schon deduziert, in der existentialen Lichtform muss das Absolute vorausgesetzt werden. Die Projektionsform des Lichtes ist unmittelbar Gottes Existenz, oder „Existentialakt“. Wenn Gott sich projiziert, dann trägt die göttliche Existenz schlechthin notwendig die Lichtform an sich, (vgl. ebd. 10. Stunde, S 224, Z 14ff), und diese wiederum schließt notwendig Gottes Aufnahme in die Ichform ein. 4

Kraft existentialer Lichtform ist das Absolute in der Ichform, aber nur kraft dieser Ichform, in persona des Glaubenden, kann das Absolute in Erscheinung treten. Das, was zur Erscheinung kommt, ist kein bloßes Etwas, sondern die aus der Rechtheit und Lichtheit des Absoluten in einen substantiellen Selbstbestimmungs- und Denkakt eines Ichs übergehende Soll.

Unmittelbar vermittelt sich das Absolute nicht in einem Existentialakt des Lichtes, aber vermittelt (in Differenz) vermag der Repräsentant der Lichtform, die Interpersonalität eines Wir, Ich und Du, der Vernunft überhaupt, die werthafte Forderung des Absoluten, den durch sich selbst bestimmten Willen, zu realisieren.

Die Gebrochenheit und Differenz einer nur vermittelten Realisierung liegt an der Notwendigkeit einer nur glaubensmäßig zu erreichenden Qualität der Rechtheit und Lichtheit; dass aber überhaupt vermittelt werden kann, wenn auch in Differenz, liegt an der Existentialform des Lichtes, in die sich das Absolute schon veräußert haben muss. „Existieren ist Repräsentieren“ 5, aber nicht automatisch ist das Repräsentieren das vollkommene und vollendete Leben des Absoluten, sondern erst im wahren Bildsein, in der Bewährung des wahren Bildseins vom Sein, wird das Absolute repräsentiert, andernfalls wird es verdunkelt und verleugnet.

Die Repräsentation des Absoluten im „Ich“ ist dadurch einerseits fähig, rückbezüglich zu sein im Wissen um einen durch sich selbst bestimmten Willen, andererseits kann sie sich nur so rückbeziehen auf sich selbst, indem es diese Forderung auch realisiert und somit in Differenz zum Absoluten sich setzt. Das „Ich“ ist repräsentativ, weil es das Absolute zur Erscheinung zu bringen mag – in einer Form der „angehobenen“ Möglichkeit nach – , die folgende Realisierung ist aber bedingt, sowohl a) durch die Freiheit des Repräsentanten wie b) durch die Mannigfaltigkeit der in der Realisierung entstehenden Welt.

Das „Ich“ (die Ichheit, das Wir und Ich und Du, die Vernunft) ist qua Rückbezüglichkeit des Wissens und der in dieser Rückbezüglichkeit aufscheinenden Existentialform des Lichts, gnadenhaft!, repräsentativ, substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt, und als solcher substantieller Akt kann es auf die innere Wesensgesetzlichkeit des Existentialaktes des Lichtes vertrauen, bzw. mit der 12./13. Vorlesungsstunde der WL 1805 gesprochen, daran glauben.6 Durch die wesentliche, notwendige Form des Glaubens ist die repräsentative Form des Sich-Wissens im Absoluten begründet und gerechtfertigt.

Sowohl das Wissen in seiner bloß formalen Form der Wissensprinzipien hat einen konkreteren Anknüpfungspunkt an das Absolute gefunden, den Repräsentanten desselben in der Ichheit, als Ichheit, aber auch der Glaube in seiner Verwiesenheit auf inhaltlich Absolutes, auf eine qualitative Rechtheit und Lichtheit, hat einen konkreten Inhalt gefunden.

  1. a. W. diese qualitative Rechtheit und Lichtheit ist die erste und oberste Sinnidee, wodurch das transzendentale wie das abgeleitete geschichtliche Erkennen – zum Geschichtlichen später – ihren Ausgangspunkt und Endpunkt findet, ihre Mitte in einer unerschöpflichen Wertfülle des Guten und durch sich selbst bestimmten Willens.

Die Glaubensform wie die Lichtform/Wissensform sind durch diese Analyse nochmals näher bestimmt:

  1. a) Das Produkt der Glaubensform, das, unterschieden von der objektiven, äußeren Existentialform des Wissens und des Lichtes, ein unabhängiges Dasein des Absoluten setzt, ist nicht ein allgemeines, unbestimmtes Produkt, sondern ist immer schon im repräsentierenden Vollzug, ein „ichhaftes“ Produkt; der Glaube glaubt zwar nicht an die Form des Produzierens, d. h. an die Wissensform, aber wenn er die Rechtheit und Lichtheit des Absoluten dem Inhalte nach glauben und realisieren will, ist er auch genötigt, diese in einer bestimmten Form einer ichhaften und überindividuell wie persönlichen Repräsentation festzuhalten und zu glauben. Die ichhafte Form kann der Glaube wissen.
  2. b) Das geläuterte Wissen zeigt sich so: Die intuitive und intelligierende Einsicht in das Dass des Existentialaktes/Lichtaktes des Absoluten der Form nach, das transzendental weder bloß realistische Supposition, noch idealistische Spekulation sein kann, muss die Produktionsform eines dieses Licht repräsentierenden Ichs haben, h. in allen vier Bereichen der Natur, der Moralität, der Legalität und der religiösen Ordnung auffindbare Sinn-Vollzüge des Wissens.
  3. a. W.: Das Absolute kann nur so innerhalb des Wissens gedacht werden, dass nicht nur via negativa (durch begriffliche Negation, apophatisch), aber auch nicht nur via positiva (durch Glauben, kataphatisch) erfasst werden kann, sondern in jedem Erkenntnisvollzug wird die innere Wesensgesetzlichkeit des Wissen negativ wie positiv gleichzeitig, in dauernder Differenz und dauernder Einheit zugleich, gewusst. Das Absolute wird aufsteigend wie absteigend erreicht im differentiellen Denken bei dauerndem Glauben an diese Einheit in der Form.

Der Glaube verschafft Klarheit im Unterschied zwischen absolutem Wissen und dem Absoluten, und bindet zugleich die Wissensform/Lichtform zurück auf eine unmittelbare Repräsentation des Absoluten.

Schließlich die Auflösung dieses allgemeinen Begriffes der Repräsentation:

„ Ferner: was ist, d<a>s“ dieses Formgeben unabtrennlich, als sein Neben, u. Wechselglied mitbringt, oder von ihm mitgebracht wird? Antw. Die absolute Reflektirbarkeit, das Wir, oder Ich: und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/] W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten.“ (ebd. S 242, Z 6ff Hervorhebung von mir)

3) Ich möchte die genetische Erkenntnis als Begründung und Rechtfertigung der kirchlichen Hierarchie und der sittlichen und religiösen Ordnung der christlichen Gemeinde behaupten. Welche Kriterien sollten sonst angelegt werden? Eine historische Begründung ist ein Zirkel, vielmehr nur aus der Ableitung eines Denkzusammenhangs kann die phänomenale Wirklichkeit einer kirchlichen Hierarchie und einer sittlich-religiösen Gemeinschaft der Kirche begründet werden. Das soll aber nicht heißen, dass die deduktive Begründung buchstäblich ohne transzendental-hermeneutischen Bedingungen auskäme. Natürlich werden historische Determinanten ebenfalls mitbestimmt haben: die prekäre Situation der Christenverfolgung, die Überlieferung des Hl. Paulus, die historischen Institutionen der damaligen Zeit, die patriarchalen Ordnungsmuster, aber diese historischen Deutungen stehen selbst in einem deduktiven Verhältnis einer Ableitung zu einer genetischen Erkenntnis, die diese Determinanten in einer sozusagen regulativen Idee zusammenfasst.

Das Existieren als solches zu erfassen (in Wissensform) ist bereits eine Repräsentation, und die Glaubensform bindet die Ichform (die Wissensform/Lichtform/Repräsentationsform) zurück auf den Inhalt einer unerschöpflichen Wertfülle eines durch sich selbst bestimmten Willens.

Noch zwei Abgrenzungsbedingungen seien besprochen: a) Keinesfalls liegt in der genetischen Erkenntnis eine bloß intuitionistische Erkenntnisform, wie es vielleicht ein Jacobi gern gehabt hätte, sondern intelligierend wird die Existentialform des Wissens durchdrungen von der Ur-Erscheinung des Absoluten. Das Wissen spaltet sich infolge dieses Ursprungs erst in einen intuierenden und reflexiven Akt – und dadurch kommt es zu einer verobjektivierten Form des Wissens.

  1. b) Die genetische Erkenntnis ist auch nicht bloße realistische oder idealistische Supposition eines gedachten Absoluten, wie sich Schelling und Hegel das ausgedacht haben, womit sie sowohl die formale Geschlossenheit des Wissens, wie den glaubensmäßigen Inhalt der Erscheinung des Absoluten verfehlten, sondern lebendige Genesis einer Erkenntnis der Gewissheit des Absoluten und Erkenntnis der Erkenntnis durch die Lichtform des Wissens und des Glaubens.

Die mystische Teilhabe am göttlichen Leben, wie oben kurz angesprochen, ist in der höchsten Form der Repräsentation des Absoluten keine irrationale, romantische, intuitionistische, idealistische Teilhabe, sondern differenzierte Teilhabe an der Lichtform des Absoluten (als Als-Erkenntnis, als Wissensform) und wesentlich bezogen auf die geschichtliche Sinnidee einer positiven Offenbarung.

Den Aufstieg zu einer Begründung des Wissens aus dem Absoluten zu erreichen (in transzendentaler Analyse und negativer Theologie), ist deshalb nur die halbe Wahrheit; genauso entscheidend und in gewissem Sinne schwieriger ist der Abstieg und die synthetische Anwendung des genetischen Anspruches von Wahrheit auf die real-geschichtlichen Freiheits- und Sinnbildungen in repräsentativer Form!

Dazu der 4. Teil. 7

(c) Dr. Franz Strasser
20. 9. 2019
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1J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, WL 1805 in Bd. II, 9: Nachgelassene Schriften 1805-1807. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993. Aus dem Einleitungstext der GA: „Für philosophisch Fortgeschrittene las Fichte Wissenschaftslehre (1805); diese Ausarbeitung wollte er als die vierte und abschließende, vom Winter 1804 an zählend, verstanden wissen. In dieser Wissenschaftslehre stellt Fichte die Transzendentallehre Schritt für Schritt in Auseinandersetzung mit Schellings Position in „Philosophie und Religion“ (1804) und als Überwindung der spekulativen Metaphysik dar.

2  Analog könnte ich sagen: Wie Heidegger das Denken in ein  Verhältnis zum Sein stellte – und so dogmatisch wurde – so steht bei Fichte das Wissen im Verhältnis zur Existenz; aber dieses fragliche Verhältnis ist nicht dogmatisch oder relativistisch angesetzt, sondern nochmals höhererseits bedingt durch das  daseiende Absolute, das implizit in jedem Wissensakt/Lichtakt mit ausgesagt wird, negativ wie positiv.

3Zum Begriff der „Repräsentation“ siehe z. B. Gaetano Rametta, Der Begriff „Repräsentation“ in der Wissenschaftslehre 1805. In: Fichte-Studien Bd, 34, 2009, 153 – 170.

4Gaetano Rametta, ebd. S 163.

5Gaetano Rametta, ebd. S 167.

6 Im Duktus dieser zwei Vorlesungen heißt Glaube nicht blindes Wissens, sondern wie herausgearbeitet, das transzendentale Sehen der Rechtheit und des Guten des durch sich selbst bestimmten Willens. Gäbe es hier kein Vertrauen und keinen Glauben, könnte diese Lichtform und Existentialform des Wissens zwar als Denknotwendigkeit eventuell festgestellt werden, aber diese Faktizität wäre zu wenig. Deshalb der Glaube zwecks Begründung und Rechtfertigung.

7 Der Glaube wurde als dialektischer Gegensatz eingeführt, um die materiale Wahrheitserkenntnis des Wissens als Wissen zu garantieren. Die intelligible Bedingung des Glaubens wirkt zurück auf das notwendige Wesensgesetz des Wissens: Bei aller auffindbaren Notwendigkeit des hervorgehenden Wissens aus der Lichtform der Ur-Erscheinung Gottes muss die Freiheit des Glaubens trotzdem erhalten bleiben, andernfalls käme das Wissen selbst zu keiner letztgültigen und begründeten und gerechtfertigten Erkenntnis, weil es einem metaphysischen Zweifel nicht stand hielte. Die WL mit ihren notwendigen Denk- und Wissensformen ist erst gültig und wahr, wenn sie zugleich im Glauben und in Freiheit realisiert werden kann. Die Aufforderung zum freien Nachvollzug ist konstitutive Bedingung der reflektierenden Analyse. Deshalb aber auch die unendliche Mannigfaltigkeit der vorgegebenen Welt, der Moralität und der Subjekte und der religiösen Ordnung – im ablaufenden Bewusstsein.