Zum Sinnbegriff bei N. L. – 4. Teil

Die erkannten Zusammenhänge des Beobachters können vorstellungsmäßig ins Unendliche beobachtet werden. Ja, aber was ist der Grund dieser angeblichen Unendlichkeit? Dies kann doch nicht empirisch abgelesen werden. Der Begriff des Unendlichen müsste zuerst selber abgeleitet werden. Da der Begriff der Unendlichkeit mittels hegelscher Dialektik nicht begriffen wird, wird ad hoc, empirisch, mit dem Unterscheiden und erneuten Beziehen begonnen. Es gibt keinen absoluten Anfang, sondern nur einen erscheinungsmäßig gesetzten, willkürlichen Anfang – und auch kein richtiges Ende und keine Vollendung.

Luhmann, und mehr noch Derrida, sind mir hier sehr dogmatisch: Das Unterscheiden und Gegensetzen, das in einem geistigen Akt auf ein verborgenes Mit-Setzen von etwas anderem verweist, das ist doch, sobald überhaupt gesetzt wird, (Spencer Brown, laws of form, „Triff eine Unterscheidung“), ein (mehrere) gemeinschaftliche Korrelate setzendes Unterscheiden (=Gegensetzen).

S. Maimon hat in seinem „Versuch zur Transzendentalphilosophie“ im Anschluss an Kant hervorgehoben „Die Setzung des einen ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern ein von derselben verschiedene Setzung“ (Versuch, 115). Eine Unterscheidung und Gegensetzung ist zugleich eine Neu-Setzung eines erkannten Zusammenhangs.

Die Möglichkeit von Unterscheidung und Entgegensetzen ist deshalb ein höheres Bedingungsverhältnis, das nicht selbst in der Dialektik einer wechselseitigen Bestimmungen aufgeht, sondern in jeder Unterscheidung als Grund zur Folge (nicht als Ursache-Wirkung) vorausgesetzt werden muss.

Die Negation in der Entgegensetzung, wie sie m. E. Luhmann oder Derrida stets gebrauchen, ist von der offenen Ausschließung in thetischen Urteilen zu unterscheiden. Diese offene Ausschließung kann nur als Aufgabe oder „problema“ einer durch Freiheit zu vollendeten Aufforderung verstanden werden – und führt in ein ganz anderes Gebiet als die theoretische Vereinigung der Gegensätze in der Vorstellung, nämlich in das Gebiet des Praktischen, wodurch der Grund des Herausgehens zur Vorstellung in einem Interpersonalverhältnis begründet wird.

Gibt es bei Luhmann oder Derrida diese thetischen Urteile, die auf eine potentielle und praktische Unendlichkeit einer Aufgabe oder einer Aufforderung zu einem freien Handeln verweisen? Mir scheint, dass der Systembegriff und die Sinnkonstitution nicht über das Wechselverhältnis eines beobachtenden Erkennens und einer davon zu unterscheidenden Welt/Umwelt hinausgehen können, da ja beide Wechselglieder explizit nur den Unterscheidungs- und Beziehungsgrund kennen, aber nicht die höhere Einheit der Denkmöglichkeit dieser Wechselbeziehung.

Die Identität in der Sinnkonstitution zwischen System und Welt (Umwelt) ist nur eine vorgetäuschte, scheinbare, von der Einbildungskraft auf die Anschauungen übertragen Identität. Dem reinen Denken nach bleiben Sinn (oder System) und Welt immer verschieden und können nie vereinigt werden.

Es fehlt, um den Begriff der Identität im Sinnbegriff (oder Systembegriff ganz allgemein) wirklich zu fassen, a) der Begriff der Unendlichkeit (ableitbar aus dem Schweben der Einbildungskraft) und b) der Wahrheitsbegriff als Kriterium der Methode dieses analytisch-synthetischen Vorgehens. Der Begriff einer genetischen Evidenz aus der Wahrheit entlässt sozusagen in einem Aufruf (aber nicht im Sinne „triff eine Unterscheidung“) die Methode eines analytisch-synthetischen Vorgehens und legitimiert und begründet sie zugleich in ihrem weiteren Vorgehen. 

© Dr. Franz Strasser, 22. 2. 2017

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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