Zum Sinnbegriff bei Niklas Luhmann – 4. Teil

Die  Zusammenhänge eines Beobachters können vorstellungsmäßig ins Unendliche teilbar gesetzt werden. Ja, aber was ist der Grund dieser angeblichen Unendlichkeit? Dies kann doch nicht empirisch abgelesen werden? Der Begriff des Unendlichen müsste zuerst selber abgeleitet werden. Da der Begriff der Unendlichkeit mittels hegelscher Dialektik nicht begriffen wird, wird jedesmal ad hoc, empirisch, mit dem Unterscheiden und erneuten Beziehen begonnen. Es gibt keinen absoluten Anfang, sondern nur einen erscheinungsmäßig gesetzten, willkürlichen Anfang – und auch kein richtiges Ende und keine Vollendung.

Luhmann, und mehr noch Derrida, sind mir hier sehr einseitig: Das Unterscheiden und Gegensetzen, das in einem geistigen Akt auf ein verborgenes Mit-Setzen von etwas anderem verweist, das ist doch, sobald überhaupt gesetzt wird, (Spencer Brown, laws of form, „Triff eine Unterscheidung“), ein (mehrere) gemeinschaftliche Korrelate setzendes Unterscheiden (=Gegensetzen).

S. Maimon hat in seinem „Versuch zur Transzendentalphilosophie“ im Anschluss an Kant hervorgehoben „Die Setzung des einen ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern ein von derselben verschiedene Setzung“ (Versuch, 115). Eine Unterscheidung und Gegensetzung ist zugleich eine Neu-Setzung eines erkannten Zusammenhangs.

Die Möglichkeit von Unterscheidung und Entgegensetzen ist deshalb ein höheres Bedingungsverhältnis, das nicht selbst in der Dialektik einer wechselseitigen Bestimmungen aufgeht, sondern in jeder Unterscheidung als Grund zur Folge (nicht als Ursache-Wirkung) vorausgesetzt werden muss.

IDie Negation in der Entgegensetzung, wie sie m. E. Luhmann oder Derrida stets gebrauchen, ist von der offenen Ausschließung in thetischen Urteilen zu unterscheiden. Diese offene Ausschließung kann nur als Aufgabe oder „problema“ einer durch Freiheit zu vollendeten Aufforderung verstanden werden – und führt in ein ganz anderes Gebiet als die theoretische Vereinigung der Gegensätze in der Vorstellung, nämlich in das Gebiet des Praktischen, wodurch der Grund des Herausgehens zur Vorstellung in einem sein sollenden Interpersonalverhältnis liegt, in einem rückbezüglichen Wissen einer sich selbst bejahenden Vernunft.  

Gibt es bei Luhmann oder Derrida diese thetischen Urteile, die auf eine potentielle und praktische Unendlichkeit einer Aufgabe oder einer Aufforderung zu einem freien Handeln verweisen? Mir scheint, dass der Systembegriff und die Sinnkonstitution nicht über das Wechselverhältnis eines beobachtenden Erkennens und einer davon zu unterscheidenden Welt/Umwelt hinausgehen können, da ja beide Wechselglieder  nur einem empirischen und zeitlichen Unterscheidungs- und Beziehungsgrund begründet liegen sollen, nicht in einer apriorischen und zeitlosen, höheren Einheit der Denkbarkeit und Bestimmbarkeit von Wechselbeziehung.

Die Identität in der Sinnkonstitution zwischen System und Welt (Umwelt) kann für mich bei N. L. (oder oft bei DERRIDA) nur eine scheinbare, übertragene Identität sein, aber nicht eine explizit in und aus der Selbstbezüglichkeit des Wissens abgeleitete Identität. Wenn nur begrifflich per negationem Wissen und Welt (System und Umwelt) vermittelt werden sollen, so kann sich logisch nie eine Vermittlung ergeben. Es wird halt irgendwie die Wechselwirkung supponiert (statuiert) und die Synthese des Funktionierens wird festgestellt oder nicht, und das ergibt den „Sinn“ (bzw. Sinnwidrigkeit.)

Es fehlt der Wechselwirkung psychisches/soziales System und Umwelt die zur begrifflichen Implikation hinzukommende Apposition des Werdens und die konkrete Realisation der Sinnidee. Das ist die eigentliche Domäne ja der fichteschen Transzendentalphilosophie, dass sie mittels Schweben der Einbildungskraft die Einheit von Denken und Anschauen rekonstruiert. Transzendentalphilosophie ist ja nicht bloße Kritik des Empirismus, auch Kritik des Idealismus. Reines Denken in Begriffen vermag keine Wirklichkeit zu geben. Die Kategorie des von weg – zu hin und das vorher/nachher kommt aus der Anschauung, aus der appositionellen Setzung und dem darin liegenden Bilden von Sinn mittels Verstand und denkerischem Erfassen des Werdens. Es kommt zur Anschauungsform der Zeit. Die Teilung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist bereits eine vorgestellte Anwendung des Werdens auf die Anschauung.

Der Begriffsumfang der psychischen und sozialen Systeme wird bei N. L. vorausgesetzt, ebenfalls die Zuordnung zueinander und übereinander durch diesen merkwürdig, letztlich nicht genetisch ergründbaren Formbegriff (Unterscheidung, Grenzziehung).

Die historischen Anleihen in der Biologie, in der Kybernetik, bei diesen und jenen Logiken, können natürlich erhoben werden, N. L. beschreibt dies immer wieder, aber die Begründung und Rechtfertigung der verwendeten Begriffe bleiben natürlich aus.

Die beobachteten „Systeme“ wie Natur, Recht, Wirtschaft, Geschlecht, Religion, Kunst etc. diese „Systeme“ sind als Menge definiert und die Zuordnung wird durch einen Regelkreislauf, der durch N. L. weiten Formbegriff autopoietisch oder selbstreferentiell abläuft, geregelt und gesteuert.

Dieser kybernetische Regelkreislauf kann form-intern verstanden werden, alles d‘accord, in einem zweifachen Sinn unterscheidbar a) in eine interne maschinelle Repräsentation oder b) in einen form- internen Informationsaustausch unter biologischen Systemen,  aber generell wird c) wie in einer Mengenlehre der Mathematik die Wirklichkeit reduziert auf einen a) Begriff von losen Elementen und „Systemen“ und b) auf einen Zuordnungsbegriff der Beobachtung und Kommunikation: Beobachtung von Wahrnehmung, Beobachtung der Rede dieser Wahrnehmung, und Beobachtung der Beobachtung dieser Rede.

Die Wahrnehmung, die Kommunikation darüber, und die Beobachtung (oder erneute Wahrnehmung) der Kommunikation der (ersten) Wahrnehmung, sie ergeben einer immer höhere Zirkularität, aber keine transzendental-reflexive Zirkularität des Sich-Wissens.

Die Zirkularität zwischen wahrnehmbarer Systeme (der Menge der beobachteten Systeme) und die Zuordnung der Kommunikation dieser Systeme, und dieses Kommunikation nochmals als untereinander und übereinander wahrzunehmende Kommunikation, das setzt eine klassische petitio principii, die Erschleichung eines Begründungsprinzips: Empirie wird durch Empirie erklärt. Systemintern wird immer auf ein (anderes) System referiert, und systemextern gehört die ganze Wirklichkeit zu einer Eigenschaft des Begriffes „System“. Aber der Begriff selbst zu diesem System von Systemen, worin ist der begründet und gerechtfertigt? Was ist die Bedingung der Wissbarkeit dieses Begriffes?

Es ist ein seltsamer, leerer Form- oder Wesensbegriff der bloßen Möglichkeit nach, worin natürlich alles hineingepackt werden kann. Aus den losen Elementen der beschreibbaren Wirklichkeit (einer Menge von Systemen) entspringt aber gerade nicht der klassische, geistige Form-Begriff der Antike.

Die Form des Denkens nach N. L. über die vielfältigen Bereiche der Wirklichkeit setzt im Grunde das Wesen der zu erkennenden Bereiche voraus, sonst könnte er ja gar nicht intersubjektiv verständlich davon reden, deutet sie aber anders und reduziert sie zu einem funktionierenden, autopoietischen System unter möglichen anderen Systemen. Die Sinn-Bestimmung dieser Systeme und ihrer inneren und äußeren Wechselwirkungen, wer und was bestimmt hier den „Sinn“?  

© Franz Strasser, 22. 2. 2017

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser