Kritik einer Bildtheorie – Dieter Mersch

Dieter Mersch, Sichtbarkeit/Sichtbarmachung: Was heißt ›Denken im Visuellen‹? Platonismus als Herausforderung, 2013 siehe Internet: www.dieter-mersch.de

Ich hörte zufällig einmal Prof. Dieter Mersch in einem Vortrag in Linz und war sehr angetan! Daraufhin sah ich im Internet nach und fand viele Aufsätze von ihm. Es ist ihm nur zu danken, dass er mit seinen Vorträgen und Meinungen nicht hinter den Berg hält, sondern sie alle zur öffentlichen Lektüre und Diskussion stellt.

Leider bedauere ich es ja besonders bei Publikationen zur Kunst und Kunsttheorie, dass sie a) in einem unhandlichen, teuren Kunstbuch oft versteckt sind, b) meistens dort kleingedruckt, auf Glanzpapier unleserlich, als Anhang und subjektive Deutung nachgeschoben, immer in Relation zu den thematisierten Bildern selbst stehend, nicht aber für sich als philosophische Theorie sprechend.?

Die Bildtheorie, die Ikonizität, das Bildliche überhaupt, wie ist das der transzendentalen Bedingung der Möglichkeit nach denkbar und wissbar? Verschwindet oder beweist sich das „visuelle Denken“, wie D. Mersch es in diesem Aufsatz gegebenüber dem sprachlichen Denken und sonstiger Logizität des Denkens herausstellen und retten will, bloß in der faktischen künstlerischen Ausübung, aber begründen kann es sich nicht? Gibt es eine philosophische Theorie der Erkenntnis des Bildlichen selbst, Erkenntnis der Erkenntnis des Bildens, des Schauens, des Sehens, ohne vorschnell durch ein logisches oder sprachliches Denken vereinnahmt und restringiert zu werden?

D. Mersch kennt eine jahrzehntelang geschulte Begrifflichkeit in der Beschreibung der Linien, Farben, Graphen, bildlicher wie sprachlicher Darstellungen, ich staune darüber, aber warum bleibt er dann beim faktischen „Beweis“ der Eigenständigkeit des „visuellen Denkens“ stehen ohne dessen Transzendentalität der Bedingung der Möglichkeit explizit auszusprechen? Was ich sehr bedauere, bei dieser großen Kenntnis der Philosophiegeschichte, der großen Kenntnis graphischer Darstellungen von mathematischen und geometrischen Zahlen und Formen, bei Kenntnis der Kunstgeschichte in allen Facetten – dass plötzlich bei dem Phänomen der Erscheinung überhaupt stehen geblieben wird, beim Phänomen des Bildlichen und Ikonischen, beim Phänomen der Sichtbarmachung, der Sichtbarkeit durch Differenziation – aber a) der Begriff der Erscheinung selbst, warum etwas sein soll und ein Sehen sein soll,b) was die Durchsichtigkeit und die Sichtbarkeit ist (nach der Transzendentalphilosophie Fichtes das Licht), das wird nicht hergeleitet. Im Faktischen der Beobachtungen einer „Spiel-Stätte“ ästhetischer Kreativität“ beweist sich das „visuelle Denken“(ebd. S 37) – ja, es beweist sich ihre Faktizität, doch woher diese Existentialform des Differenzieren-Könnens und was ist das Wesen dieser Faktizität?

Warum nicht ein expliziter Verweis, dass sich die Bedingung der Möglichkeit „visuellen Denkens“ gerade nicht durch die bereits zirkelhaft angesetzten Grenzziehungen, Figurationen oder Nicht-Figurationen der Kunst, des Zeigens, der sprachlichen Bilder, der mathematischen Graphen, der logischen Metaerklärungen etc. erklären lässt, sondern transzendental muss die Sichtbarkeit oder der Prozess der Sichtbarmachung (die Darstellungskraft, die Vorstellungskraft) einer absoluten Spontaneität, mithin einer absoluten Sphäre zugerechnet werden – ohne deshalb dogmatisch oder blind vorausgesetzt zu werden.

Natürlich sind die synthetisch gebildeten Figurationen der Einbildungskraft, das, was wir „Anschauung“ nennen, beliebig analysierbar, aber dann stehen zu bleiben bei einem „Charakter des Ereignens“ (ebd. S 36), dass sie „passieren als Effekte im Prozess der Differenzialität“ (ebd.), das heißt, zu kapitulieren vor der Frage nach dem Grund und der transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit und der Sichtbarkeit.

Gerade D. Mersch‘ Schlusspassagen des starken Aufsatzes bleiben dann bei Worterklärungen wie „experiens“ „expeditio“, „experentia“ (ebd. S 36) stehen und kreisen um das Phänomen des „Hervor“ des Bildlichen. Das sind aber keine Herleitungen und Begründungen, wie es zur Vorstellung und zur Anschauung kommen kann, zur beschworenen „Differenzialität“. Dass es die begriffliche Differenziation und einen Gegensatz zwischen Sein und Existenz gibt, ist augenscheinlich, doch was repräsentiert sich in dieser Sichtbarkeit und in dieser Existentialform des Wissens?

„(…) Das Sichverbergende zum Vorschein kommen lassen, auf ständig anderen Wegen das gewöhnlich sich Nichtzeigende zu ersuchen und zur Erscheinung zu bringen, synästhetische Brücken zu schlagen, das Verräumlichte zu verzeitlichen und die Zeit in Raum rückzuverwandeln oder ganz auf Figurationen zu verzichten, um die Beziehungen des Bildlichen zu Präsenz und Performativität aufzudecken – darin erfüllt sich beispielhaft die eigentümliche Kraft jener künstlerischen Praktiken, die eine eigene Weise des Denkens darstellen. Weder kann es auf die Logik von Unterscheidungen noch auf eine Praxis der Negativität zurückgeführt werden, vielmehr geschieht es vorzugsweise durch die Erfindung von Paradoxa, wie sie in Anamorphosen, in »Aspektwechseln« (Wittgenstein) oder visuellen Irritationen, in Apophenien und Pareidolia oder anderen Formen metastabiler Verschränkung zum Ausdruck kommen, die zuletzt die vielfältigen Widersprüche und Aporien zwischen Bild und Rahmung, Figur und Grund oder Symbolisation und Materialität auszubeuten suchen.“ (ebd. S 37)

D. Mersch‘ gewählten Begriffen und Ausdrucksweisen zeigen zwar alle die vielfältigen Möglichkeiten und Beschreibungen des begrifflichen Differenzierens, weit gefasst, die Möglichkeiten sogar des Bildens und Symbolisierens, sei es in der Ikonizität der ästhetischen Kunst, sei es in der symbolischen Kunst der Sprache, aber deshalb fehlt für mich die alles begründende, praktische Komponente des Wollens und Handelns, der Kommunikation und der Absicht und des Zweckes – oder wie Platon das begründet, es braucht die ideenmäßige Schau des Begriffes von „Gutsein“, um Wahrheit begründen zu können – damit verstandlich/begriffliches und vorstellungsmäßig/visuelles Denken erst möglich werden. D. Mersch überschreibt seinen Aufsatz als „Platonismus als Herausforderung“ – und eigentlich lese ich seinen Aufsatz als Hommage an Platon, weil er ja an die Möglichkeit des Bildens und des „visuellen Denkens“ glaubt bei aller Herausdifferenzierung materieller und zeichenhafter Bedingungen.

Bekanntlich gibt es ja bei Platon eine gewisse Diskrepanz zwischen Ablehnung der „eidola“, aber dann doch wieder vielfältige, bereitwillige Verwendung der Bilder (siehe auch Hinweis Anm. 2 bei D. Mersch).

Das Sich-Wissen der Ideen und das stufenweise tiefer stehende Wissen der Bilder sind ja kein Widerspruch, sondern selbst, mit D. Mersch gesprochen, konstrastierendes, „visuelles Denken“ – weshalb ich seinen Artikel gerade nicht als antiplatonisch lesen kann.

Zwei Kritikpunkte an diesem hervorragenden Aufsatz:

1) Die nur faktische und begriffliche Begründung der Ikonizität mittels medialer Praktiken.

2) Das zweite wäre, diese begrifflich-theoretische Einseitigkeit, theoretische Überlastigkeit, die die gefühlshaft-praktischen Ursprünge der Reflexion und der Sichtbarmachung von Welt, von Gegenständen, Visionen, Bildern, Paradoxien etc. vergessen lassen.

Wenn ich will, kann ich unendlich viele Aporien zwischen Bildern und ihrer Rahmung, zwischen Figur und Grund ihrer Entstehung, zwischen Symbolisation und Materialität aufstellen und „ausbeuten“ (siehe Zitat oben), aber das ist ja bereits das einseitige theoretische Verhältnis zu Anschauung. D. Mersch Gewährsleute wie Hegel, Heidegger, Luhmann, Adorno, Derrida u. a. strotzen ja geradezu von bloß begrifflicher Vermittlung eines Widerspruchs zwischen Bildlichem und denkerischer Bemächtigung. Ich kann hier nicht auf die ganze Fraglichkeit der Begründung von Negation und des Begriffes der Negativität eingehen („Unterscheiden und Negativität“, ebd. S 21 – 26), das dann weiterführt zu einer höchst theorielastigen Begrifflichkeit der „Intentionalität“ bei Brentano und Husserl (ebd. S 26 – 30) – das alles verläuft für mich bereits in einer praxisfernen Bahn der Reflexion und Reflexivität und vermag nicht mehr, die dahinterliegende, lebendige Praxis des Vorstellens und theoretisch-praktischen Bildens einzuholen.

Wovon ich rede, möchte ich in Auszügen aus der „GRUNDLAGE DER GESAMMTEN WISSENSCHAFTSLEHRE“ (abk.=GWL, 1794/95 ) von J. G. FICHTE verdeutlichen, d.h. die gefühlsmäßige, inkarnatorische, körperliche, personale, praktische und theoretische Vorstellungskraft und Darstellungskraft eines zur Reflexion fähigen Wesens beschreiben. Was das Wesen dieses Phänomens der Reflexion und Vorstellungskraft ist – das müsste dann nochmals anhand späterer Wln deduziert werden (z. B. anhand der WL 1805 oder WL 1810)

Leider sind die Kapitel ab § 5 der GWL, – die ich hier nur heranziehe -, die die praktische Seite der „Theorie der Vorstellung“ in § 4 begründen und oft direkt komplimentär zu § 4 formuliert sind, von Hegel und Gefolgsleuten nie gelesen worden!
Mein Kommentar zu D. Mersch halte ich in rot, damit der Kontrast, wie er im bildhaften Denken vorherrscht, und ich durch diesen Artikel lernte, besser herauskomme.

Denken im Visuellen“?

1) „In der Bildphilosophie dominiert immer noch, trotz anhaltender Medienreflexion und Metaphysikkritik im 20. Jahrhundert, der Platonismus. In Augenschein genommen wird, was ein Bild zu sehen ›vor-gibt‹, was es darstellt oder abbildet, was also das Sichtbare ist, das es in die Sichtbarkeit bringt. Stets steht damit die Repräsentation, das Sujet oder das jeweilige »Bildobjekt« (Husserl) im Vordergrund, und nicht, wie Bilder ein Sichtbares hervorbringen, wie sie eine Sicht aufrichten und hinstellen oder aufgrund welcher Bedingungen etwas als Sichtbares erscheint oder es aus dem Unsichtbaren herkommt und in es wieder mündet.“ (ebd. S 1) (Hervorhebung von mir).

Dieses Zitat erklärt m. E. in aller Kürze und deutlich das Anliegen D. Mersch. Später sagt er, er möchte konkret vier alternative Theoreme der Bedingungen der Sichtbarmachung von Bildern herausarbeiten, d. h. a) die „Hervorbringung“ betonen, b) die „Bedingungen des Erscheinens“, c) das sichtbar gemachte „Als“ und d) das „Spiel zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit“. (ebd. S S 1 u. 2)

„Wir werden demgegenüber darauf abzielen, jenseits metaphysischer Vorurteile das Bild als Medium anzusehen und seine besondere Medialität aufzuweisen. Das Bild ›als Medium‹ – das, was im weitesten Sinne das ›Ikonische‹ genannt werden kann – steht dabei expressis verbis in Opposition zum Bild als ›Ab-bild‹. Nicht die Bezugnahme, die Darstellung von etwas, ist das Wesentliche, sondern die Erscheinungsweise, die Errichtung von Sichten, auf die ein Blick antwortet. (ebd. S 2) (…)

Gibt es Bedingungen, durch die im Bildlichen mit den Mitteln der Bildlichkeit ein Sichtbares als Sichtbares zum Vorschein gelangt? Das Durch – griechisch dia, lateinisch per – bezeichnet dabei die spezifische Performativität des Medialen; sie präzisiert den bekannten, von Paul Klee entliehenen Ausdruck der »Sichtbarmachung«. Der Unterschied von ›Sichtbarkeit‹ und ›Sichtbarmachung‹ setzt dann eine mehrfache Differenzialität voraus, einmal als Unterschied zwischen Prozess und Resultat, zum anderen als beiderseitige Unterschiedenheit von einem ›Unsichtbaren‹, das im Bild wiederum auf mindestens vierfache Weise mitanwesend ist, und zwar so sehr, dass man sagen muss, dass sich das Bildliche überhaupt der Differenz zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verdankt.“ (ebd. S 2./3)

2) D. Mersch will sich von einer Art „Abbildtheorie“ abgrenzen, die er PLATON unterstellt, wonach seine Ideen auf etwas Bestimmtes verweisen und etwas Bestimmtes repräsentieren, und diese sich somit bereits entfremde haben von der Welt und der Wahrnehmung und der materiellen Bedingungen. 1

Die Kraft der Sichtbarmachung des Bildes beruht nach D. Mersch dabei auf einer mehrfachen Differenzialität :

a) den Unterschied zwischen Prozess und Resultat

b) die beiderseitige Unterschiedenheit von einem „Unsichtbaren“, das im Bild wiederum auf mindestens vierfache Weise mit anwesend ist.
Das Bildliche verdankt sich geradezu einer Differenz zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

„In der Tat gehören die Ausdrücke des ›Sichtbaren‹ wie der ›Sichtbarmachung‹ und des ›Unsichtbaren‹, das überall vorangeht, zusammen. Als mindestens vierfach erweist sich diese Vorgängigkeit insofern, als das Bild selbst einerseits schon eine Grenze markiert, die gleichsam sein Dargestelltes oder Szenisches allererst einräumt, um es gegenüber seinem Anderen als einem wörtlich ›ob-skenen‹ abzuscheiden: Kein Bild kommt ohne diese Trennung zwischen Innen und Außen, dem, was seine eigentliche Rahmung ausmacht, aus wir werden noch darauf zurückkommen. Ihr eignet selbst wiederum eine Negativität, denn die Differenz konstituiert das Bildliche, ohne selbst Teil dessen zu sein, was durch (dia) seine Rahmung sowie durch (dia) die spezifischen Strategien oder Techniken (technē) der Sichtbarmachung jeweils sichtbar wird. Zum Zweiten entzieht sich das, was man das Mediale oder besser: die medialen Praktiken nennen könnte, durch (dia) die ein Sichtbares instituiert und ›aufgestellt‹ wird, um etwas als etwas zur Darstellung zu bringen. Entsprechend zeigt sich das Bild als ein buchstäblich ›Durch-Sichtiges‹ (dia-phanes), das aber als solches undurchsichtig bleibt: Es verweigert sich seiner eigenen Sichtbarkeit im Bild. ›Durch-Sichtigkeit‹ ist in diesem Zusammenhang aktivisch zu verstehen: nicht als passive Transparenz, sondern als etwas, durch (dia) das eine Sicht oder ›Sichtigkeit‹ allererst hervorkommt und in die Welt gebracht wird. Dabei bildet das Sichtbare oder das, was ein Bild vorstellig macht und zur Schau stellt, immer Anderes als das, was diese Sichtbarkeit erzeugt, sodass die Mittel, die medialen Bedingungen als Bedingungen im Bild durchweg verhüllt bleiben. Man könnte hier von einer Verweigerung oder Negativität des Ikonischen sprechen –(ebd. S 3) „Wenn somit vom Herkommen des Bildes aus einem je spezifischen Spiel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit die Rede ist, dann bedeutet dies nichts anderes, als dass wir immer schon dieses besondere Spiel, seine konkrete Differenzialität in Rechnung stellen müssen, will man überhaupt von dem sprechen, was wir die ›Ikonizität des Ikonischen‹ nennen – übrigens ohne damit auf Charles Sanders Peirce’ Begriff des »Ikons« oder auf die Bildsemiosis anzuspielen. 5

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: die Ikonizität, die Differenzialität zwischen demSichtbaren und Unsichtbaren, beschreibt ein Dispositiv oder vielmehr: ein dispositionäres Regime, das die spezifischen Performanzen der Sichtbarmachung ebenso ermöglicht wie einschränkt – und es ist diese Anordnung, diese Duplizität von Eröffnung und Verschließung, die in der Bildtheorie vorrangig interessiert, weniger die Repräsentation, die ›Ab-bildung‹ oder das im Einzelnen Dargestellte.“ (S 4)

Ich habe mich des längeren schon mit Derrida befasst und kam dort auf keinen grünen Zweig.: Offensichtlich wird dieser hier zum Kronzeugen von D. Mersch Sicht des Bildlichen:

„Man muss deshalb von der ikonischen Differenz als einem ikonischen différance-Prinzip ausgehen, soweit sich durch (dia) die Praktiken der Kontrastierung und Inskription sowie ihren komplexen Ökonomien von Einrahmung und Ausrahmung der bildliche Innenraum erst ›er-gibt‹, um die jeweiligen Darstellungen ›in Szene‹ setzen zu können. Als ikonische différance ist sie jedoch der ›Grund‹ oder ›Ur-sprung‹ aller Differenzen und damit innerhalb und außerhalb des Bildes, Teil wie nicht Teil, denn jeder ›Rahmen-Akt‹, jede Praxis der Einschließung und Ausschließung stellt heraus, was das Bild zeigt und dem Blick zu sehen gibt, ohne sich im Bild als solcher zu erkennen zu geben. Von der »différance«, deren Analogon wir auf diese Weise fürs Bildliche postulieren, hatte Jacques Derrida in seinem gleichnamigen Text gesagt, es sei derjenige »Unterschied« zum »Unterschied« (différence),  der gleichzeitig die »Differenzen hervorbringt«: Als der »nicht-volle, nicht-einfache Ursprung der Differenzen«, der nicht wiederum unter die Kategorie des Zeichens fallen kann, dem damit auch »der Name ›Ursprung‹ nicht mehr zu[kommt]«, ja sogar nicht einmal etwas ist, was sich überhaupt bezeichnen ließe, fällt er buchstäblich aus dem Rahmen. Für die Rahmen-Differenz gibt es demnach nicht wieder einen Rahmen: Dieselbe Paradoxie ereilt die »ikonische Differenz«, die sich ebenso sehr jeder Bestimmung verweigert, wie sie nicht selbst als ein Begriff oder eine Kategorie angesprochen werden kann, vielmehr befindet sie sich im selben Maße im Sichtbaren wie unsichtbar am ›Grund‹ der Visualisierung – gleichsam als ›Ur-Sprung‹ jener Praktiken, die im Visuellen etwas als etwas allererst sichtbar machen.“ (ebd. S 11)

Gerade die von D. Mersch jetzt eingemahnten Konstituentien wie die medialen Praktiken, wodurch Bilder erzeugt werden, „die Rahmung“ (ebd. S 12), das begriffliche „dia“, wodurch eine „Signifikanz“ (ebd. S 12) entsteht, die „Konstruktion“ (ebd.), das „Als“ als „Blickgabe“ und Repräsentation und „spezifischer Bild-Sinn“ (ebd. S 13), die „differentielle Arbeit im Visuellen“ (ebd.), das sind für mich alles theorielastige Einschübe, die von irgendwo hergeholt sind, aber nicht ihren Ursprung im Sehen selbst haben, d. h. nicht aus der Reflexion und dem Sehen selbst heraus analytisch abgeleitet sind.

Die für mich nicht abgeleitete Theorie der Vorstellung geht dann so weiter:

„Was den ‚Bild-Sinn‘ hervorbringt, ist nicht das ‚Ab-bild‘, sondern eine Pluralität von Differenzen, wie sie durch (dia) die ikonische Differenz evoziert wird, und als deren sekundärer Effekt wiederum die jeweiligen Abbildungen oder Repräsentationen entstehen. Denken im Visuellen bedeutet diese Praxis der Differenzierungen.“ (ebd. S 13).

Es klingt zwar das Wort „Praxis“ an, doch gemeint ist nur ein theoretisches Analysieren der Vorstellung, ohne Rückbezug auf eine Praxis des Fühlens, Handelns, Lebens. (Siehe dann unten den Ausgangspunkt bei FICHTE).

„Aus dieser kurzen und deshalb immer anfechtbaren Rekonstruktion stechen zwei ›maß-gebende‹ Merkmale hervor: Das unbedingte Primat des Aussagens und so auch von Sprache und logos einerseits, die die Kraft der Rede ebenso wie das Nichtdiskursive einschnürt, sowie andererseits die Unmöglichkeit eines Denkens in Bildern und mit Bildern, denn das Bild erweist sich danach als nicht rational, weil es aus den genannten Gründen weder das noein als dialegesthai noch als logos im Sinne der mathematischen ratio kennt, auch wenn seit der frühen Neuzeit und vor allem unter den Bedingungen des Technischen seine Konstruktion auf ihnen zu basieren scheint.“ (ebd. S 15)

Ich möchte hier einwerfen: Gerade in dieser von D. Mersch hervorragend, ausdifferenzierten Begrifflichkeit von Rahmung, Delineation, Schattierungen, Farbgebungen, in den graphischen Ordnungen, in der Beschreibung von Diagrammen (Diagrammatologie) und ähnliches mehr, da setzt er bewusst ein visuelles Denken dem sprachlichen Denken entgegen, weil er meint, diese Eigenständigkeit des Ikonischen müsste gerettet werden. Er nimmt dann das Logik-Denken eines Aristoteles oder den Begriff der Intentionalität bei Husserl ins Visier (ebd. S 16.17), worin ich ihm ja nur zustimmen kann, dann aber widerspricht er auch wieder Platons Idealisierung (ebd. S 20), um eine eigene Logik des Bildes und der Ikonizität zu entwerfen. Dies beginnt dann auf den Seiten 21 – 38.

D. Mersch bringt u. a. starke Einflechtungen aus der Mathematik und Geometrie, worin gewisse Formen des visuellen Denkens praktiziert werden. Sie sind für ihn aber schließlich nicht hinreichend, das visuelle Denken zu begreifen:

„(….) Erstens die Statuierung eines endlichen Raumes, einer Topologie, wie sie bereits durch die Rahmung gesetzt wird, und zweitens, was noch viel schwerer wiegt, die Reduktion aller Bildlichkeit aufs Graphische, d.h. auf die Idealität der Form und die Identität der Linie. So scheint der Linearismus in den mathematischen Figuren der Geometrie obligat, ebenso wie in den Visualisierungen der Logik, wie sie Leonhard Euler, John Venn oder Charles Sanders Peirce vorgeschlagen haben. Sie reduzieren das Bild auf die Form und ihre Syntax – Materialitätenfällt kein logisches Gewicht zu; dasselbe gilt von Einfärbungen, solange sie nicht als explizite Differenzmarker eingesetzt werden. Was mithin allein entscheidet, sind räumliche oder zeitliche Relationen wie spatiale Ordnungen oder Sukzessionen. (….)“ (ebd. S 19)

(….) Diese mathematischen und geometrischen Visualisierungen erreichen aber nicht selbst das umfassendere visuelle Denken. Es stellen sich bald Schwierigkeiten in den Visualisierungen dieser Disziplinen ein (was ich nicht nachprüfen kann!). „In Ansehung bildtheoretischer Überlegungen wäre schließlich noch auf eine weitere Schwierigkeit hinzuweisen. Weil Venn-Diagramme häufig skizzenhaft hingeworfen werden, verleiten sie zu Fehlschlüssen – denn es gibt etwas am Bild, das sich der logischen Konstruktion widersetzt, das jedoch zu ihm selbst gehört: seine Singularität, die Irreduzibilität seines Erscheinens, die für den Logiker, der diskursiv denkt, ohne Belang ist. Notwendig bedarf es nicht nur der Linearisierung, sondern auch der Idealisierung, die die Latenz des Platonismus erneut aufruft. Denn an der Visualisierung zählt allein die idea, wie Platon anhand des Linien-Gleichnisses und anderer geometrischer Beweise unterstrich: Logische Bild-Programme schnüren die Bildlichkeit ein, verwenden sie als Vehikel, als wegwerfbare Leiter, sodass es nicht auf das Bild als Bild, auf den sichtbaren Umriss oder das konkrete Schema ankommt, sondern auf deren Idealität als etwas Nichtbildlichem.“ (ebd. S 20)

Die Sichtbarkeit, oder das, worauf D. Mersch hauptsächlich ausgeht, die Produktion der Sichtbarmachung der Sichtbarkeit, des Ikonischen, Bildlichen überhaupt – er nennt es auch „bildtheoretische Entwürfe“ – damit könnte ich völlig d‘accord gehen, bliebe es nicht bei der faktischen Beweisführung einer Sichtbarkeit der Grenze, der Delineation, der Diagramme, der faktischen Bilder, der Farben – aber damit wird der Inhalt der Sichtbarkeit und die Form des Sehens nicht selbst angesprochen. Mit der WL 1810 gesprochen – auf die ich aber hier nicht eingehe: die Sichtbarkeit IST die Form der Erscheinung des Absoluten, und die allgemeine Form des Erscheinens wird nach-gebildet, nachkonstruiert im Wissen, in der Ichform des übergehenden, intuierenden Wollens und angeschaut in der mannigfaltigen Erscheinung.  Ich möchte das bi-polare Schweben der (angehobenen) Möglichkeit eines „visuellen Denkens“ anhand der GWL von 1794/95 nachzeichnen.

3) Aus einer bloßen Differenzialität eines begrifflichen Denkens, wie es die Identitätsphilosophie eines Schelling oder Hegel von FICHTE glauben lassen will, kann in Ewigkeit kein Bild geschaffen und keine Grenze gezogen werden, weil jede Differenziation wieder relativ ist es sei denn, es würde in der Sichtbarkeit selbst das göttliche Licht und das Wissen als nachkonstruierender Akt des vorkonstruierenden göttlichen Wissens herausgearbeitet.

Zu der von Hegel, Derrida, Luhmann u. a. weit überzogenen, unbegründeten, begrifflichen Negativität müsste jetzt weiter ausgeholt werden, D. Mersch beruft sich leider darauf.

FICHTE hat die Grundform der Negativität in der GWL als erneute positive Setzung beschrieben und in langen dialektischen Ketten der Aufstellung von Widersprüchen und deren synthetischen Lösungen hat er mittels Widerspruchslogik und Differenziation die Einheit der transzendentalen Bedingung der Möglichkeit im Theoretischen abgeleitet: Es ist dies das Schweben der Einbildungskraft (dia-legein) – (Anfang des § 4 SW I, 123 bis zur Seite 217).

FICHTE arbeitet mit seiner analytisch-synthetischen Methode die kategorialen Begriffe wie Wechselbestimmung, Wirksamkeit, Substantialität heraus, leitet die transzendental vorauszusetzende unabhängige Tätigkeit und den Wechsel der Glieder Ich und Nicht-Ich ab, prägt die Begriff der Übertragung und Entäußerung des Ichs auf das Nicht-Ich, analysiert weiter Form und Materie des Wechsels, bis er die transzendentale Einheit aller Differenz erreicht, das Zusammenfassen und Zusammentreffen der Gegensätze im Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft. (Differenzdenken ante eventum einer Differenzphilosophie des 20. Jhd.)

Nebenbei werden die verschieden möglichen Dogmatismen besprochen, die qualitativen und quantitativen Idealismen und deren Pendants, die qualitativen und quantitativen Realismen.

Es ist dieser ganze Abschnitt ein Meisterwerk der Philosophiegeschichte und ein Meisterwerk dialektischer Kunst.

Unumwunden sagt darin FICHTE öfters, dass die Vorstellung zwar im Schweben der Einbildungskraft zum Substrat aller Anschauung führt, aber der Grund, warum es zu einer Bestimmung des Ichs durch das Nicht-Ich kommen kann, ja kommen soll, kann im theoretischen Teil nicht gefunden werden. Zitate siehe z. B. SW I, 127; S 156; Trotzdem ist von allem Anfang des § 4 aber auch klar, dass es nur eine synthetische Lösung geben kann. Auch der praktische Teil der §§ 5 ff könnte ohne § 4 nicht vorgestellt werden!

Deshalb schwenke ich jetzt zum praktischen Teil und steige quer ein in die §§ 6- 8 – mit dem Wissen im Hintergrund, dass der theoretische Teil des „visuellen Denkens“ (D. Mersch) komplimentär dazu zu lesen ist und umgekehrt.

3. 1) In einer ebenfalls sagenhaften Dialektik der zu vereinenden Tätigkeiten von Ich und Nicht-Ich in § 5 (SW I 246- 285), jetzt ausgehend vom Satz, dass das Ich das Nicht-Ich bestimmend setzt, legt FICHTE die vorbegrifflichen Grundlagen der Definition des Begriffes „Gefühl“.

In § 6 werden die begrifflichen Grundlagen der widerstrebenden Tätigkeiten geschaffen. Die Grundintention oder Intentionalität wird herausgearbeitetbei Brentano und Husserl leider wieder bloß theorielastig -, das Streben, Gegenstreben und das Gleichgewicht der widerstrebenden Tätigkeiten. 2

Nach allen diesen Analysen und Synthesen wird erst in § 7 und § 8 die explizite Ebene des Gefühls und der darin anzusiedelnden Reflexionskraft (Vorstellungskraft, Darstellungskraft) erreicht. Es kann jetzt vom aller-allgemeinsten Begriff einer Wahrnehmung ausgegangen werden – später spricht FICHTE nur mehr vom „Leben“ – ohne das hier schon differenziert wäre zwischen einem Allgemeinen und einem Besonderen, zwischen einem Resultat und dem Prozess einer Zeichenbildung, zwischen sprachlichen Zeichen und symbolischen Zeichen. Es gibt auf dieser Stufe noch keine Abbildung von Dingen, Geschichten, Spuren, materiellen Eigenschaften, oder Techniken der Konstruktion, keine bildhaften Kontraste, keine Farben, Erscheinungsweisen, überhaupt noch keine strittige Differenz, noch nicht einmal den expliziten Begriff des Gefühls, weil letzterer noch eine strebende Kraft braucht – den Trieb.

Das Gleichgewicht widerstrebender Tätigkeiten wird durch den „Trieb“ gehalten.

§.7. Vierter Lehrsatz.
Das Streben des Ich, Gegenstreben des Nicht-Ich, und Gleichgewicht zwischen beiden muss gesetzt werden.

A. Das Streben des Ich wird gesetzt, als solches.

1) Es wird überhaupt gesetzt, als Etwas, nach dem allgemeinen Gesetze der Reflexion; mithin nicht als Thätigkeit, als etwas, das in Bewegung, Agilität ist, sondern als etwas fixirtes, festgesetztes.

2) Es wird gesetzt, als ein Streben. Das Streben geht auf Causalität aus; es muss daher, seinem Charakter nach, gesetzt werden, als Causalität. (….) (SW I, 287)

Kraft des Triebes gelangt FICHTE zur Definition des „Gefühls“.

„(….) Die Aeusserung des Nicht-könnens im Ich heisst ein Gefühl. In ihm ist innigst vereinigt Thätigkeit — ich fühle, bin das fühlende, und diese Thätigkeit ist die der Reflexion — Beschränkung — ich fühle, bin leidend, und nicht thätig; es ist ein Zwang vorhanden. Diese Beschränkung setzt nun nothwendig einen Trieb voraus, weiter hinaus zu gehen. Was nichts weiter will, bedarf, umfasst, das ist — es versteht sich, für sich selbst — nicht eingeschränkt. (sc. Die Grenze ist hier für das Bewusstsein im strikten Sinne noch nicht bewusst, einschränkend, das ist bereits aus der Sicht des analysierenden Beobachters formuliert).

Das Gefühl ist lediglich subjectiv. (Im strikten Sinne für das Bewusstsein ebenfalls nicht sagbar – siehe dann unten das Zitat) Wir bedürfen zwar zur Erklärung desselben, — welches aber eine theoretische Handlung ist, — eines begrenzenden; nicht aber zur Deduction desselben, inwiefern es im Ich vorkommen soll, der Vorstellung, des Setzens eines solchen im Ich. (sc. „Setzen“ ist der Urbegriff aller Ableitung; die Tathandlung allen Bewusstseins, über die Logik transzendental hinausgehend – siehe § 1 der GWL). (SW I, 289)

Das noch gänzlich indifferente Gefühl wird in § 8 weiterverarbeitet:

§.8. Fünfter Lehrsatz.
Das Gefühl selbst muss gesetzt und bestimmt werden.

Zuvörderst einige allgemeine Bemerkungen zur Vorbereitung auf die jetzt zu erhebende höchst wichtige Untersuchung.

1) Im Ich ist ursprünglich ein Streben, die Unendlichkeit auszufüllen. Dieses Streben widerstreitet allem Objecte* (Anm. Sich-abschließen im einzelnen Objecte). (SW I, 291)

Hier an dieser Stelle entspringt das Vorstellungsvermögen, m. a. W., entspringt das „visuelle Denken“.

Es wird von einem Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht der Tätigkeiten ausgegangen, schließlich von einer unterstellten Kraft des Triebes, der dann zum Gefühl führt, worauf die Vorstellung aufsetzen kann. (In einer transzendentalen Bestimmung der Sinneswahrnehmung wäre hier der tiefste Punkt erreicht, von einem Tastgefühl bis zu den höchsten Sinnen des Sehens und Hörens kann aufgestiegen werden.)

M. a. W., mit eherner Bestimmtheit geht die Grundintention des Bewusstseins (der Vernunft) über jede mangelhafte Realisation hinweg, die durch den Anstoß gesetzt ist, was eine Nicht-Befriedigung des Triebes gleichkommt, und die Kraft der Vorstellung entspringt kraft „absoluter Spontaneität.“ (Zitat dann unten). 3

Bei allen begrifflichen Dialektikern, beginnend mit Schelling und Hegel, wird entweder schon eine empirische „Grenzerfahrung“ oder ein bloß idealistisch/realistische Grenze vorausgesetzt, aber nie eingeholt. Hier wird die Grenze des Beginns der Differenziation im Gefühl festgelegt, aber damit ist die absolute Spontaneität des Darüberhinausgehens nicht empirisch oder begrifflich vermittelt. Die Differenziation beginnt hier, gemäß Thema der GWL, praktisch-theoretisch mit einer Gefühlserfahrung, aber diese Erfahrung dient nur der Erklärung des ganzen theoretisch-praktischen Bewusstseins und der Erfahrung von Bilden, Wissen, „visuellem Denken“

M. a. W., wenn wir handelnd in actu nichts verändern können, müssen wir notwendig zur Transzendierung dieser Grenze in der Vorstellung übergehen können. Wo die Wirklichkeit nicht so erfahren wird, wie sie der Grundintention nach sein soll, entspringt notwendig die reflexive Tätigkeit des Zurückgehens und des idealisierenden Hinausgehens in der Vorstellung und geht über jede Grenzerfahrung und den Grenzfall hinaus. Eine rein theoretische, sozusagen „beschauliche“ Betrachtung von etwas, ist ein Grenzfall und Sonderfall des sonstigen praktischen, wertenden Hinausgehens. Im Normalfall betrachten wir nicht nur und stellen nicht nur vor, sondern werten und wollen und handeln. Es ist umgekehrt ein Grenzfall, nur beschaulich und theoretisch betrachten zu wollen – aber selbst dort ist ein Interesse dahinter.

(Aus § 8, siehe oben SW I, 291 Das noch gänzlich indifferente Gefühl wird in § 8 weiterverarbeitet:

§.8. Fünfter Lehrsatz.
Das Gefühl selbst muss gesetzt und bestimmt werden.) (…)

2) Das Ich hat in sich das Gesetz, über sich zu reflectiren, als die Unendlichkeit ausfüllend. Nun aber kann es nicht über sich, und überhaupt über nichts reflectiren, wenn dasselbe nicht begrenzt ist. Die Erfüllung dieses Gesetzes, oder — was das gleiche heisst — die Befriedigung des Reflexionstriebes ist demnach bedingt, und hängt ab vom Objecte. Er kann nicht befriedigt werden ohne Object, — mithin lässt er sich auch beschreiben als ein Trieb nach dem Objecte.

3) Durch die Begrenzung vermittelst eines Gefühls wird dieser Trieb zugleich befriedigt, und nicht befriedigt.

a. befriedigt; das Ich sollte schlechthin über sich reflectiren: es reflectirt mit absoluter Spontaneität, und ist daher befriedigt, der Form der Handlung nach. (Hervorhebung von mir) Es ist daher im Gefühle etwas, das sich auf das Ich beziehen, demselben zuschreiben lässt.

b. nicht befriedigt dem Inhalte der Handlung nach. Das Ich sollte gesetzt werden als die Unendlichkeit ausfüllend (Hervorhebung von mir), aber es wird gesetzt als begrenzt. — Dies kommt nun gleichfalls nothwendig vor im Gefühle.

c. Das Setzen dieser Nichtbefriedigung aber ist bedingt durch ein Hinausgehen des Ich über die Grenze, die ihm durch das |

Gefühl gesetzt wird. Es muss etwas gesetzt seyn, ausser der vom Ich gesetzten Sphäre, das auch zur Unendlichkeit gehöre, auf welches demnach der Trieb des Ich auch gehe. Dies muss gesetzt werden, als durch das Ich nicht bestimmt.

Wir untersuchen, wie dieses Hinausgehen, also das Setzen dieser Nichtbefriedigung, oder des Gefühls, welches das gleiche heisst, möglich sey. (SW I, 291.292)

M. a. W.: Wir haben innerhalb der Wirklichkeit zwei Verhältnisse: Entweder halten sich die Tendenz des Ich und die des auf das Nicht-Ich übertragenen Tendenz das Gleichgewicht, und in diesem Falle erfolgt keine tätige Veränderung der Realität; oder wir versuchen sie real zu verändern, sie widersteht, es kommt zum Hinausgehen und Idealisieren der Vorstellung über das Widerstehende hinaus, da die grundlegende Tätigkeit, das Setzen, nicht aufgehoben werden kann.

Tätig die Realität verändern, d. h. zu reflektieren. Parallel dazu kann hier der Anfang § 4 eingefügt werden:
Wir setzen uns zuvörderst recht fest auf dem Puncte, bei welchem wir angekommen waren. Auf die ins Unendliche hinaus gehende Thätigkeit des Ich, in welcher eben darum, weil sie ins Unendliche hinaus geht, | nichts unterschieden werden kann, geschieht ein Anstoss; und die Thätigkeit, die dabei keinesweges vernichtet werden soll, wird reflectirt, nach innen getrieben; sie bekommt die gerad’ umgekehrte Richtung.  Man stelle sich die ins unendliche hinausgehende Thätigkeit vor unter dem Bilde einer geraden Linie, die von A aus durch B nach C u.s.w. geht. (….) (SW I, 227.228)

Nach „außen“ hin – von den Dogmatikern wird „außen“ und „innen“ als bekannt vorausgesetzt – kann z. B. heißen, auf andere Personen zu wirken, Gegenstände, die Welt, aufzubauen, nach innen hin heißt, sich selbst verändern, den eigenen Willen bestimmen. (Siehe die Anknüpfungspunkte der Disziplinen der WL: Naturphilosophie, Gesellschaftsphilosophie usw.)

In diesem Fall des Realisierens nach „außen“ und nach „innen“ überwinden wir die Hemmung.

Die Bestimmung ist wertrelevant in der „Grenz“-Erfahrung oder im „Grenz“-Fall da, sie ist da und sollte nicht da sein, da bleibt uns nichts anderes übrig als – bei der faktischen Bestimmung der Grundintention – den Widerstand vorzustellen – die Welt, der Gegenstand, die andere Person, das Selbst.

Natürlich geschieht das Vorstellen nicht wie bei einer „elastische Kugel“, die bei Zurückweichen des Druckes zurückkehrt in ihren alten Zustand, oder wie die Empiristen sagen, stufenweise von der Empfindung zur Anschauungsform aufsteigend, von der Anschauungsform zum Verstand aufsteigend, sondern mit „absoluter Spontaneität“, frei. Es ist gerade umgekehrt: das empirische Gefühl, die Anschauungsformen von Zeit und Raum, die Verstandesformen, die Reflexionsideen, das sind alles unselbstständige Momente für sich betrachtet, und können nur im Zusammenhang der ganzen Tätigkeit des Ichs vorkommen. (Analog gesprochen, aber auf einer viel tieferen Ebene der transzendentalen Erkenntnislehre: Anschauungen ohne Begriffe sind leer, Begriffe ohne Anschauungen sind blind.)

Die explizit angesprochene Möglichkeit der Ikonizität, des Bildlichen, die Möglichkeit der Reflexion, sie beginnt hier in § 8 S 291 ff. „mit absoluter Spontaneität“ – aber immer in Rückbezug auf den praktisch-gefühlten Bezug.

Nur in Synthese mit dem Trieb ist die Reflexion möglich denkbar.

(….) . 1) Das ursprünglich im Ich liegende | I294 und oben aufgestellte Zwiefache — Streben und Reflexion — wird dadurch innigst vereinigt. Alle Reflexion gründet sich auf das Streben, und es ist keine möglich, wenn kein Streben ist. — Hinwiederum ist kein Streben für das Ich; also auch kein Streben des Ich, und überhaupt kein Ich, wenn keine Reflexion ist. Eins erfolgt nothwendig aus dem anderen, und beide stehen in Wechselwirkung. 2) Dass das Ich endlich seyn müsse, und begrenzt, sieht man hier noch bestimmter ein. Keine Beschränkung, kein Trieb (in transscendentem Sinne): kein Trieb, keine Reflexion (Uebergang zum transscendentalen): keine Reflexion, kein Trieb, und keine Begrenzung und kein Begrenzendes u.s.f. (in transscendentalem Sinne): so geht der Kreislauf der Functionen des Ich, und die innig verkettete Wechselwirkung desselben mit sich selbst. 3) Auch wird hier recht deutlich, was ideale Thätigkeit heisse, und was reale; (SW I, 294)

Die im Ich angesetzte Tendenz ist gleichzeitig begleitet von einer Fähigkeit zu reflektieren. Eine bloße Differenzialität in der Betrachtung des Ikonischen und des visuellen Denkens – und weiterzudenken wäre die Sache für die Welt der sprachlichen Zeichen, worin es zuallererst um Kommunikation geht, dann erst um die sprachlichen Bilder und die sprachlichen Verwendungszusammenhang – kann m. E. nie den Ursprung der Differenz, der a) in der Erscheinung des Absoluten und b) in der Sichtbarkeit des Lichts und in der werthaft-praktischen Freiheit des Wollens und Handelns und Vorstellen liegt, erreichen.
Es ginge dann um eine abgestufte Differenziation: Die Durchsichtigkeit und Sichtbarkeit des existentialen Wissens überhaupt und die Differenziation dieses Existentialaktes des Wissens in Wollen, Handeln und Vorstellen.  
M. a.W., auch wenn wir uns nur scheinbar theoretisch zum Gegenstand verhalten oder ein Anschauung der Geometrie oder Mathematik entfalten, so verhalten wir uns äußerlich und innerlich gegenüber einer praktischen Hemmung mittels Vorstellungstrieb. Schon der rein faktische Zustand, wie die obigen kurzen Zitaten von gezeigt haben mögen, ist nicht ein rein faktischer Zustand, sondern innerhalb der dynamischen Auseinandersetzung des Ichs mit dem Nicht-Ich soll das Nicht-Ich völlig ichlich sein und ichlich werden. Wenn wir die Realität aufbauen an dem Nicht-Ich – für die meisten Philosophen noch immer eine Realität an sich, wodurch sich immer ein Zirkel in der Ableitung der Vorstellung ergibt4 – , so bauen wir sie im Zentrum auf als etwas, wo wir ständig in actu tätig sind, und wollen den Widerstand überwinden. Aus einem rein statischen Verhältnis der Realität gegenüber entspringt keine Vorstellung und Reflexion und ist keine mehr möglich; es ist vielmehr umgekehrt, das statisch Fixierte – wie es D. Mersch und alle Aristoteliker und Modelltheoretiker beherrschen – ist ein Grenzfall des dynamischen Verhältnisses, in dem wir uns der Wirklichkeit gegenüber verhalten.5 In einem absolut statischen Verhältnis wäre die Hemmung als solche gar nicht wahrnehmbar und als solche vorstellbar, wäre nicht die Intention und unser Wollen und Handeln darüber hinausgehend. Es wäre die „unabhängige Tätigkeit“, wie FICHTE sie in § 4 der GWL abgeleitet hat, nicht möglich, somit auch keine Vorstellung und Differenzialität . Das ständige Hinausgehen über die Hemmung – das wären die ersten 13 Punkte des § 4, SW I 217 – 227. Und diese sind noch viel zu kurz geraten! Die reinen Anschauungsformen von Zeit und Raum, die in der Vorstellung entspringen, sie fehlen hier noch.

Umgekehrt ginge es aber auch nicht: wäre die reale nicht begrenzt, käme es auch zu keiner Vorstellung und zu keiner Reflexion, weil nicht einmal ein fühlendes, lebendiges Wesen da wäre.6

Weitere Literatur von D. Mersch – siehe seine Website.

Ich las folgenden Aufsätze:

Ders., Ikonizität. Theorie des Bildlichen nach Wittgenstein.

Ders., Schrift/Bild – Zeichnung/Graph – Linie/Markierung. Bildepisteme und Strukturen des ikonischen „Als“.

Dieter Mersch, Sichtbarkeit/Sichtbarmachung: Was heißt ›Denken im Visuellen‹? Platonismus als Herausforderung.

Dieter Mersch, „Wittgensteins Bilddenken“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 6, 2006, S. 925-942.

© Dr. Franz Strasser

09.02.19

1„Platon verfehlt also von Anbeginn an die Medialität des Ikonischen und seine Negativität –

stattdessen erblickt er im Bild nur eine doppelte Fälschung: Entfremdung von der Welt und

ihrer ousia, wie gleichermaßen von der Wahrnehmung und ihren Sinnen.“ (ebd.S 6)

2 §.6. Dritter Lehrsatz.
Im Streben des Ich wird zugleich ein Gegenstreben des Nicht-Ich gesetzt, welches dem ersteren das Gleichgewicht halte. (SW I, S 285). „Das Streben des Ich soll unendlich seyn, und nie Causalität haben. Dies lässt sich lediglich unter Bedingung eines Gegenstrebens denken, das demselben das Gleichgewicht halte, d.i. die gleiche Quantität innerer Kraft habe. Der Begriff eines solchen Gegenstrebens und jenes Gleichgewichts ist im Begriffe des Strebens schon enthalten, und lässt durch eine Analyse sich aus ihm entwickeln. Ohne diese beiden Begriffe steht er im Widerspruche mit sich selbst.“ (ebd.)

3 Im theoretischen Teil der Ableitung der Vorstellung § 4 hat FICHTE schon angekündigt, dass für die Vermittlung der Gegensätze Ich und Nicht-Ich und der Sichbestimmung des Ichs durch das Nicht-Ich notwendig eine zeitliche Appositionsreihe eintreten müsse. Sie kommt dann im praktischen Teil vor. Hier wäre jetzt diese Stelle, neben einer implikativen Widerspruchslogik eine appositionelle Bild-Logik des Nebeneinanders auszuführen – und mit der Ableitung der Anschauungsform der Zeit, und was wiederum alleine nicht möglich wäre, mit einer Anschauungsform des Raumes zu beginnen.

Die Nicht-Befriedigung des Triebes in der gegenwärtigen Bestimmung wird zum Anlass, die gegenwärtige Bestimmung zu verlassen und eine neue Bestimmung einzugehen. Wäre das nicht der Fall, würde sich das Ich (der Sich-Vollzug des Wissens, die Tätigkeit) in einer gegenwärtigen Bestimmung einzementieren, es wäre nichts als gegenwärtige Bestimmung, es war aber dann schlechthin unaufhebbar und schlechthin endlich. Das ist aber nicht der Fall, sondern es ist dieser praktische Moment des Strebens (die Grundintention), der Zukunft (auch wieder dann projektiv mittels Vorstellungskraft) entwirft.

4 „(Hier zeigt sich sonnenklar, was so viele Philosophen, die, trotz ihres vermeinten Kriticismus, vom transscendenten Dogmatismus sich noch nicht losgemacht haben, nicht begreifen können, dass und wie das Ich alles, was je in ihm vorkommen soll, lediglich aus sich selbst, ohne dass es je aus sich herausgehe und seinen Cirkel durchbreche, entwickeln könne; wie es denn nothwendig seyn musste, wenn das Ich ein Ich seyn soll. — |“ (SW I, 289)

5§ 8 SW I, 295 „5) Hieraus erfolgt denn auch auf das einleuchtendste die Subordination der Theorie unter das Praktische; es folgt, dass alle theoretischen Gesetze auf praktische, und da es wohl | nur Ein praktisches Gesetz geben dürfte, auf ein und ebendasselbe Gesetz sich gründen; demnach das vollständigste System im ganzen Wesen; es folgt, wenn etwa der Trieb sich selbst sollte erhöhen lassen, auch die Erhöhung der Einsicht, und umgekehrt; es erfolgt die absolute Freiheit der Reflexion und Abstraction auch in theoretischer Rücksicht, und die Möglichkeit pflichtmässig seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, und von etwas anderem abzuziehen, ohne welche gar keine Moral möglich ist. Der Fatalismus wird von Grund aus zerstört, der sich darauf gründet, dass unser Handeln und Wollen*[2] von dem Systeme unserer Vorstellungen abhängig sey, indem hier gezeigt wird, dass hinwiederum das System unserer Vorstellungen von unserem Triebe und unserem Willen abhängt: und dies ist denn auch die einzige Art ihn gründlich zu widerlegen. — Kurz, es kommt durch dieses System Einheit und Zusammenhang in den ganzen Menschen, die in so vielen Systemen fehlen.) „

6§ 8 SW I, 297 „Der Trieb sollte gefühlt werden, als Trieb; d.i. als etwas, das nicht Causalität hat. Inwiefern er aber wenigstens zu einer Production seines Objects durch ideale Thätigkeit treibt, hat er allerdings Causalität, und wird insofern nicht gefühlt, als ein Trieb.

Inwiefern der Trieb ausgeht auf reale Thätigkeit, ist er nichts bemerkbares, fühlbares; denn er hat keine Causalität. Er wird demnach auch insofern nicht gefühlt, als ein Trieb.

Wir vereinigen beides: — es kann kein Trieb gefühlt werden, wenn auf das Object desselben nicht die ideale Thätigkeit geht; und diese kann darauf nicht gehen, wenn die reale nicht begrenzt ist.

Beides vereinigt giebt die Reflexion des Ich über sich als ein begrenztes. Da aber das Ich in dieser Reflexion seiner selbst sich nicht bewusst wird, so ist dieselbe ein blosses Gefühl.

Und so ist das Gefühl vollständig deducirt. Es gehört zu ihm ein bis jetzt sich nicht äusserndes Gefühl der Kraft, ein Object desselben, das sich gleichfalls nicht äussert, ein Gefühl des Zwanges, des Nicht-könnens; und das ist die Aeusserung des Gefühls, welche deducirt werden sollte.“

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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