Bildtheorien 1. Teil – zu G. BOEHM

Zufällig fielen mir zwei Rezensionen von ANTJE KAPUST in die Hände, worin ich  einen Überblick über neuere Aspekt der Ikonik und Bildforschung fand.  Ich las die zwei Artikel nicht ungern, zumal ich mich a) gerne an solche Vorlesungen erinnere (KU Linz) und b) mich sonst leider nicht diesen Themen widmen kann. Deshalb eine willkommene Abwechslung!

Aber eines fiel mir sofort auf: Das Denken von Bildlichkeit kann doch nicht ohne  transzendental-reflexives Sehen erfolgen? Der Bildphilosoph schlechthin  ist für mich  J. G. FICHTE, der weitab von allen anderen Philosophen den Bild-Begriff selbst zum Zentrum seines Denkens gemacht hat. Wie sich keine Wissenschaft, keine Religion etc.  generell der apriorischen Wissensbedingungen entziehen kann, die zugleich ontologische Konstitutionsbedingungen sind, so kann sich erst recht nicht eine Bildwissenschaft den transzendentalen Grundlagen des Bildens entziehen. Transzendentalphilosophie ist Bildphilosophie. Sie ist Selbstreflexion des Wissens auf der Basis von Sehen und Leben. 

Im Bilden geht es sowohl um den höchsten Begriff des theoretischen Erkennens (Wissens), als auch um das geistige Handeln im praktischen Sinne, und dies nochmals gewusst und gesehen in und aus einem höheren Sehen.   Bilden ist wissendes Bilden aller Subjektivität und Objektivität, Nach-Bilden des reflexiven Seins des Wissens (des Lebens) und zugleich theoretisches wie praktisches Voraus-Bilden eines Werdens,  lebendige Sichbezüglichkeit des Lebens, Erscheinung des Absoluten als Ur-bild, worauf sich das vernunftgemäße Bilden und der Reflex des Sehens konkret in seiner Bild-Werdung und Ich-Werdung bezieht.  Im Bilden sind formale Reflexivität und inhaltlicher Glaube  vereint, d. h. die äußere Existentialform des Wissens, begründet im Grundsein einer Erscheinung des Absoluten (Siehe z. B. Blog zur WL 1805, 12. u. 13. Vorlesung) und im Glauben an ein sich selbst rechtfertigendes Wahres und Gutes. Das Bildsein des Wissens stellt sich dabei fünffach dar, je nach Standpunkt des reflektierenden Denkens: als äußere objektive Bildform einer stehenden Natur, als innere objektive Bildform einer dynamischen Natur (Leib und Moralität), als äußere subjektive Bildform einer stehenden Interpersonalität und als innere subjektive Bildform einer die Interpersonalität ergreifenden, göttlichen Idee der Religion. Alles ist  im und durch das setzende und gegensetzende Reflektieren (in der Bildform, Ichform) und Sehen gefasst.

Quer zu dieser fünffachen Bildform muss ein geschichtliches Werden des subjektiven  und objektiven Bildens gesehen werden, wodurch unmittelbar die Bildform des Wissens (die Ichform) sich praktisch-aktiv bestimmt und praktisch-passiv bestimmt wird. 

Ich möchte verweisen auf Literatur von A. Bertinetto:  „Bild ist differenzierte Einheit von sich selbst und dem, was nicht Bild ist, als dem Anderen des Bildes: Bild ist Einheit von Bild und Sein. Das Andere des Bildes erscheint im Bild, und ohne dessen Erscheinung wird kein Bild, weil das Bild in seiner Erscheinung besteht.“1

Die Reflexion auf das Bilden des Bildens (in jedem Wissensvollzug) und dem damit entstehenden Bild, das fehlt mir in der Spekulation von G. BOEHM, schlicht und einfach deshalb, weil der Bild-Begriff auf ästhetische Phänomene eingegrenzt bleibt.  Irgendwann ist bei ihm dann eine Grenze der Unerklärbarkeit des Sehens und Sich-Zeigens erreicht und  eine realistisch/idealistische Grenze wird dezionistisch gesetzt, die die Begründung und Rechtfertigung für das Bilden des Bildens liefern soll.  Beschäftigen wir uns gut 200 Jahre nach KANT und FICHTE und 2400 Jahre nach PLATON  noch immer mit einem objektivierenden Denken und Bilden?

ANTJE KAPUST, Sprachen der Ikonizität. Neuere Ansätze in der Bildforschung (Teil 1), in: Philosophische Rundschau, Bd. 62, Nr. 3, Sept. 2015, 191 – 224.

und PhR 62, Nr. 4, Dez. 2015, S. 291–331, 2. Teil.

GOTTFRIED BOEHM: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2007. Berlin University Press. 282 S. (zitiert als Sinn erzeugen)

Gottfried Boehm/Birgit Mersmann/Christian Spies (Hg.): Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. München 2008. Wilhelm Fink. 435 S. (zitiert als Movens)

Gottfried Boehm/Sebastian Egenhofer/Christian Spies (Hg.): Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. München 2010. Wilhelm Fink. 463 S. (zitiert als Zeigen)

Gottfried Boehm/Matteo Burioni (Hg.): Der Grund. Das Feld des Sichtbaren. München 2012. Wilhelm Fink. 490 S. (zitiert als Grund).

Was ist ein Bild? Der Begriff des Bildes hat enorme semantische Kraft, es ist aber nur Bild durch das, was es darstellt. Mit FICHTE gesprochen, sozusagen als These vorangestellt: „Der Begriff Bild erlaubt zu verstehen, dass es unmöglich ist, das Absolute unmittelbar zu erfassen, da auch das Wort „Absolutes“ nur das mittelbare Sprachbild eines als unbegreifbar Begreifbaren ist: denn das, was der Begriff (und deswegen auch das Wort als Begriffsbild) ergreift, ist eben ein Bild des Absoluten, aber dann nicht das Absolute als solches selbst.“ 2

In der überblickshaften Zusammenschau des Denkens von Bildlichkeit, wie sie A. KAPUST unter Begriffen wie Bildhermeneutik, Bildakttheorie, Bild-Phänomenologie, Bild-Anthropologie und Bildarchäologie bietet – anhand der zitierten Autoren! –  kommt dort tatsächlich die transzendentale Bildenslehre Fichtes nicht vor? 

1) Nach A. KAPUST (1. Teil, zur Bildhermeneutik) geht es z. B.  bei G. BOEHM um die „ikonische Differenz“, die letztlich das Bild in seiner Eigenmacht und seinem Eigengehalt beschreibt und zur Wirkung bringen soll. Die Relevanz von Bildern in ihren Bestandteilen von Wirkung, Materialität und Sinn ist gefragt –  und das gesuchte Wesen wird in der Wissenschaft der Ikonik bestimmt. Wie und womit wird der jeweilige Sinn und die erfahrene Wirkung generiert? Wie und womit wird von den Universen des Zeigens und den herkömmlichen Symbolisierungsformen des „Sagens“ abgegrenzt? (A. Kapust, ebd. S 193)

Als Leitfaden dienen drei Fragen: Was meinen wir, wenn wir vom Bild reden? Warum dient eine Sprachkritik dem Verständnis des Bildes? Was bedeutet die Logik der Bilder? Zur Klärung skizziert Boehm wesentliche Grundzüge des Ikonischen. Die ursprüngliche Ausgangsfrage »Was ist ein Bild« (1994) geht über in die Frage nach der Macht von Bildern durch Movens und Affekt und stößt schließlich vor zur zentralen Frage nach der Sinnerzeugung. Stand in den frühen Überlegungen noch das Moment der Darstellung im Vordergrund, wird dies später zugunsten eines Unsichtbaren und Ungesagten akzentuiert. War zuvor der Begriff der Evidenz leitend, so wird nun von Differenz gesprochen.“ (A. Kapust, ebd. S 194)

Die philosophischen Versuche des Denkens einer Differenz wurden in den Symbolisierungsformen nicht-verbaler Art  wie im Sinn eines Zeigens gegenüber dem Sagen – oder Symbolisierung durch Sagen –  schon mehrfach dargestellt. BOEHM will das weiter ausführen und die Organisationsform des ästhetischen Bildens begreifen.
A. KAPUST hebt vier Punkte der Beschreibung der ikonischen Differenz bei BOEHM heraus.
Ich möchte die 3. Charakteristik zitieren:
„Diese Differenz aktiviert die entscheidenden Strukturelemente eines Kontrastes zwischen kontinuierenden Momenten und diskreten Elementen, die ein Bild zum Bild machen.“ (ebd. S 195). Schließlich wird durch die ikonische Differenz das Bild als Ereignis umkreist. Die ikonische Differenz wird zum „visuellen Dispositiv für theoretische Begründungskomplexe“ (A. Kapust, ebd., S 195)

Mit Verlaub gesagt, es müssen die Begriffe bei G. BOEHM immer mehrdeutig  und schwammig herauskommen, weil ein umfassendes Bilden von theoretischem und praktischen Erkennen in Einheit nicht angedacht ist. Es sind die Begriffe einmal mehr in theoretischer Funktion, dann wieder praktisch gemeint. Was gilt?  Was ist ein „visuelles Dispositiv“? Ist es nicht gerade umgekehrt, dass eine visuelle oder virtuelle Dispositivität, oder besser und prinzipiengerechter gesagt, dass für eine Handlung des Bildens (für einen visuellen Eindruck)  ein praktischer Handlungsraum der Disposition (voluntativ) vorausgesetzt werden müsste, damit es überhaupt zu einer Begründung kommen kann? Spreche ich von einem „visuellen Dispositiv“ ist ja ein Bild bereits als Objektivation abgesetzt und eine zirkelhafte Erklärung eröffnet: Das Visuelle beruht auf der Disposition, und die Disposition wird gezeigt durch etwas Visuelles.  Das gesuchte „Zeigen“ ist in den Zirkel der Disposition hineinverschwunden und – was ist der Gehalt des Zeigens? Natürlich gibt G. BOEHM in seiner Belesenheit einer Antwort – siehe  unten. Aber es bleibt m. E. mehrdeutig und ungewiss. Es endet alles mit einem hermeneutischen „Ereignis“.  Siehe dann die Zusammenfassung bei A. KAPUST, S 195.196.

BOEHM: „(…) Die ikonische Differenz generiert Sinn, ohne »ist« zu sagen, sie eröffnet Zugänge zur Realität, die sich erweisen, die sich zeigen. Bilder sind deiktische Ereignisse, ihr Sinn der Effekt einer materiellen Ordnung und Disposition.« (Rheinsprung, S. 174)“

Der Sinnbegriff soll die Frage nach dem Gehalt und nach der Bedeutung des objektivierten Bildes und des objektivierten Zeigens tragen, generiert von der ikonischen Differenz: Aber ist nicht dieser Sinn-Begriff selber bloß  eine realistisch/idealistische Konstruktion (Objektivation) ohne transzendentalphilosophische Begründung eines Sich-Wissens? Eine Sinn-Objektivation wird dem Sehen des Bewusstseins unterstellt, aber ist das schon sich wissendes Sehen und Selbst-Reflexion des Sehens?  

 2) J. G. FICHTE hat ja eingehend des Bildbegriff in seiner reflexiven Form untersucht, sei es für den empirischen Bereich des Erkennens in der „Transzendentalen Logik“ von 1812 (Logik I und Logik II), oder sei es für Rechtslehre, Sittenlehre, „Staatslehre“, WL –  abgeleitet aus dem Begriff des praktischen Wollens und des Lebens.   Das Bild ist Erscheinung des Absoluten als Erscheinung – aber nicht wieder metaphysisch hingestellt, sodass das Absolute als Bild gerade wieder verobjektiviert würde, sondern als Form und Inhalt des Sehens und der Erscheinung gedacht. Das Bild ist Sehen als Reflex des Lebens. Das Bild ist „absoluter Begriff“, und zwar als „ursprünglicher und erster Begriff“3. „Tatsächlich ist das Bild absolut, weil es nicht mittels der Beziehung auf etwas anderes, sondern nur durch sich selbst begreifbar ist; denn das andere (das Ab-gebildete) ist nur durch das Bild als etwas Nicht-Bildliches begreifbar. Das Ab-gebildete ist eben nur dank der Beziehung eingesehen, die es als Gebildetes mit dem Bild verbindet.“ 4

Außerhalb der Form der Bildlichkeit etwas anzusetzen hieße soviel wie außerhalb des Bewusstseins etwas vorzustellen. Das ist nicht möglich. „Die Bildform – und dies ist eine der wichtigsten Leistungen der Spätphilosophie Fichtes – stimmt mit der Ichform (bzw. mit der Verstandesform) überein, derzufolge die Sich-Erscheinung (des Wissens, des Sehens) die Möglichkeitsbedingung des Erscheinens (sc. des Absoluten) ist.“ 5 

In der Terminologie der frühen Wln könnte der Sachverhalt der Einheit von Bewusstsein und Sein so gefasst werden:6 Die Vernunft existiert als sich ergreifende und bildende Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Die Vernunft strebt theoretisch, sich vollkommen zu wissen; praktisch intendiert sie, vollkommen tätige Vernunft zu sein. Beides zusammengefasst:  Das Bilden fasst theoretisches Vorstellen und praktisches Tun und Wollen zusammen in einem sich wissenden Bilden und Sehen.

Die Vernunft ergreift sich, das besagt, dass die Vernunft nur als Selbstbestimmung im Selbstbestimmen da ist. Sie stellt kein einfaches Sein dar, sondern ist wesensmäßig ein Sein im Reflex und in der Reflexion, ein Sein im Selbstbezug und der mit diesem sich realisierenden doppelten Reihe des Gewussten und zugleich Wissenden, des Wissenden und in diesem Wissen zugleich Gewussten, des Bildenden und Gebildeten.

Dies ist nicht so zu verstehen, als ob das Wissende schon existierte, noch ehe es auf sich als das Gewusste trifft, oder als ob das Gewusste ontisch vorgegeben wäre und erst hernach durch ein Wissendes und für dieses erstellt würde. Vielmehr entfaltet sich die Vernunft im Reflektieren ineins zu der gedoppelten Realität des Wissenden und des Gewussten, des Bildenden und des Gebildeten, allerdings so, dass das Wissende und das Gewusste, das Bildende und Gebildete nur synthetisch an- und miteinander gesetzt sind, und zwar als Momente ein und derselben Einheit.

Trotz ihrer Differenz als Wissen und Gewusstes sind Wissendes und Gewusstes ein einiges Sein, nämlich Wissen bzw. Vernunft.7 Das Bildende wird ausdrücklich, unbeschadet seiner spezifischen Differenz, als identisch mit dem Gebildeten, das Gebildete als identisch mit dem Bildenden, gesetzt. Das, was hier gewusst wird, ist das Sein des Wissens selbst und nicht ein anderes.

Infolge der überwiegenden Ausgerichtetheit auf das Objekt fassen wir für gewöhnlich das gesehene Ich wie ein vom sehenden Ich getrenntes Objekt auf, oder wir objektivieren es doch zum mindesten. Dies ist aber nur ein entstellendes und irreführendes Bild, das die Reflexeinheit, die das Sichwissen tatsächlich immer ist, verdeckt. Es bedarf eine besonderen geistigen Anstrengung, eben derjenigen des Wissenswissens, bzw. der intellektuellen Anschauung, um diese Reflexeinheit als tragenden Grund der Reflexion zu erfassen.

Was hier an der theoretischen Seite des Sichbildens dargelegt wird, gilt genauso für die praktische Seite desselben. Der praktischen Intention nach realisiert dieses Bilden stets sich; die Vernunft existiert nur als die absolute Tendenz und als angehobener Akt, sich selbst vollständig und vollkommen zu realisieren. Was sie verwirklichen will, ist das absolute Ich, d. h. vollständig sich selbst.

Sie realisiert sich allerdings immer nur im Sichwissen, aber in diesem als Vernunft in praktischer Supposition. Die theoretische Seite der Reflexion dient dem praktischen Sichbilden der Vernunft. Das, was durch jeder ihrer Realisationen gesetzt werden soll, ist vollkommene Vernunft, dieselbe praktisch genommen als vollkommene Selbstbejahung, als Vernunft, die Vernunft bejaht, und dies material inhaltlich, das ist als Liebe, die Liebe bejaht. Da auch auf dieser praktischen Seite die Identität auf der Seite des Subjekts und Objekts gesetzt ist, so wird eine Liebe bejaht, die selbst Liebe bejahende Liebe ist. Die Reflexeinheit ist in praktischer Rücksicht Liebesliebe. Die in Subjekt und Objekt entfaltete Liebe setzt die Einheit der Liebe in einem identischen Vernunftseins als ihren Endzweck, und auf dieser Grundlage ist die Vernunft praktische Vernunft.8

Das Bilden ist immer aktives Vorstellen mittels ursprünglich produzierender Einbildungskraft und dekonstruierendes Denken, dass und ob etwas einer  praktischen Sinnrealisation entspricht (oder nicht). Die absolute Vernunfttendenz ist in ihrem Bilden und in ihrer Ichform (Bildform) wie A. BERTINETTO in der Besprechung der TRANSZENDENTALEN LOGIK schreibt, immer „schöpferisch“ wie „dekonstruktiv“ 9. Das schöpferische, freie Ausgehen-Auf ist zugleich auch „dekonstruktiv“ in dem Sinne, dass jedes schöpferische Bestimmen zugleich eine Selbsteinschränkung des umfassenden schematisierenden Reflexes in und aus der unerschöpflichen Wertfülle darstellt – und folglich stets eine me-ontische Bestimmung des Seins, eine Negation des ganzen Seins der Vernunft, darstellt.

M. a. W., das für das endliche Ich nur mögliche genetische Nachkonstruieren des göttlichen Lebens im schematisierenden Bilden ist im empirischen Sehen notwendig eine Selbsteinschränkung der reinen Bildform, eine „Subtraktion seiner be-greifenden und schematisierenden Tätigkeit“. 10

Die phänomenologische Seite des Bewusstsein (des ganzen Seins) – und damit einhergehend, eine hermeneutische Bilderklärung im Sinne der Ikonik – wäre aber unbegreiflich, könnte nicht die höchste Bedingung des transzendentalen Wissens, die Bildform der Erscheinung des Absoluten (WL 1819/1811) bzw. die Ableitung aus einem praktischen Soll/so muss, gefasst werden.  

Ich möchte in diesem Zusammenhang des Begreifens einer Ikonzität (Bildlichkeit) und eines Bildes dabei besonders betonen: Der Einheitspunkt des Wissens, der Übergang von der Erscheinung des Absoluten in den Reflex des Lebens bzw. in dessen formale  Reflexionseinheit von Bilden und Sein im Vernunftakt,  ist stets eine doppelte begriffliche Form: a) eine begrifflich-implikative und b) eine ordinal-appositionelle Form.

Übertragen auf die Ikonik und einer darin liegenden Sinn-Erzeugung würde das heißen: Das Moment der Sinnerzeugung ist gespeist (begründet) a) von der Reflexeinheit eines erscheinenden, wertkonstitutiven, göttlichen Lebens und b) aus der Reflexionseinheit eines theoretischen Vorstellens und praktischen Wollens-in-actu, worin Bilden und Sein zu einem konkreten Sein des Bildes zusammenwachsen bzw. differentielles und appositionelles Bilden eröffnet werden. Wie stark, klar, deutlich, gut dieses differentielle Bilden gelingt, das ist Frage der Ästhetik bzw. praktischen und sittlichen Tuns. 


3) Es ist konkret schon in jeder
Wahrnehmung ein Sinn gesetzt, ein bereits unmittelbares Wissen, das weiter differenziert werden kann.  (Siehe z. B. Schlussteile der WL 1801/02) Ein Sinn-Bild zu haben, das ist notwendiges Gesetz der Reflexion, wenn es sich durch Einbildungskraft und  Verstand und reflektierender Urteilskraft weiter bestimmen will. Diesem Sich-Bestimmen durch reflexives Bestimmtwerden liegt ein sittlich-praktischer Wert in der prinzipiellen Vernunfttendenz zugrunde, sich theoretisch wie praktisch zu realisieren. Das Bilden als Verhältnis des Bildes zum Abgebildeten vorgestellt, bzw. als Verhältnis des Bildes zum Sein, ist somit in seiner letzten Konsequenz ein Selbst-Wollen, ein Verhältnis des Wollens zu einem anderen Wollen in der Einheit eines Willens, ästhetisch zu bilden und praktisch zu leben.

Der Sinnbegriff im Bilden, worauf sich die Bildhermeneutik und jede Phänomenologie konstitutiv immer beziehen,  verweist damit auf eine lebendige, rechtfertigende, explizit als solche anzusprechende Sinnidee, die nur im Miteinander und Zueinander einer implikativ-logischen wie appositionell-ordinalen Erkenntnisordnung realisiert werden kann. Diese Sinnidee ist praktisch  unserem Vorstellen, Streben, Handeln, Wollen apriorisch vorgegeben.
M. a. W., auf einen sittlich-praktischen Sinnbegriff in der Bildwissenschaft zu verzichten, wie mir das im Denken der Ikonizität bei G. BOEHM vorkommt – aber bitte, ich kenne nicht alle Literatur von von! – das hieße, von einem einseitigen, idealistisch/realistischen Suppositionsstandpunkt  auszugehen!?

4) Für BOEHM ist die Evidenz das Kriterium, die Bilder zu verstehen. Bilder lassen etwas aufleuchten, bewirken etwas. Die Evidenz wird zur Abgrenzung gegenüber Bildanthropologie, Bildsemiotik, Bildakttheorie und Bildpragmatik. A. KAPUST gliedert dies in acht Punkten auf (ebd. S 197). Im Bild liege sowohl eine Sichverweis (index sui), wenn es sich zur Evidenz steigert, und ein Sachverweis (index veri). Es sind zwei Seiten des Zeigens, der Deixis.

Evident ( ἐνάργεια ) besagt einerseits die unmittelbare Offenkundigkeit, Selbstbezeugung und Augenscheinlichkeit eines Gegebenen, andererseits die diskursivgewonnene Gewissheit von etwas.

Die Präsentation als Selbstgebung grenzt sich

a) von den Modi der Medialität (Darstellungen in einem Medium oder Materialität), der Konstruktivität (Erzeugung von Vorstellungen) wie auch der Repräsentationalität (Vergegenwärtigung und Stellvertretung) ab. Die »Offenkundigkeit« wurde zunächst vor aller diskursiven Beschlagnahmung den sinnlichen Qualitäten  schon entnommen.“ (A. Kapust, ebd. S 198.199).

A. Kapust beschreibt dieses Anliegen so: „Evidenz erfüllt bei Boehm einen dreifachen Zweck. Sie schafft einen Anfangspunkt; sie eröffnet Felder von Differenzen; sie erlaubt die Fokussierung auf das Ikonische und bietet den Raum für ikonische Duplizität.“ (ebd. S 199)

A. Kapust spricht dann auch von „Modalitäten“, wodurch die Denkform der ikonischen Duplizität BOEHMS systematisch noch weiter ausgearbeitet werden (ebd. S 200).

Ich zitiere Kapust – und in roter Schrift meine Rückfragen: „Bildlichkeit entsteht, wenn ein Bild-Ding als Bild aufgefasst wird und auf diese Weise im Bild ein Bildsujet zu sehen ist.

Anfrage meinerseits: Ist das Bildsujet also objektivistisch schon vorgegeben? Richtet sich das vorstellende Ich doch nach dieser Ähnlichkeit des Bildsujets? Wird eine doppelte Wirklichkeit zwischen Bildsujet und vorstellender Tätigkeit vorgestellt? Das Sehen eines Ähnlichen als Bild repräsentiert ja wiederum bloß eine Drittes zwischen Anschauung einer Sache und Begriff einer Sache. Was begründet wiederum dieses vermittelnde Dritte in der Repräsentation?

Bildlichkeit geht daher nicht auf die Verdoppelung der äußeren Wirklichkeit zurück, die »re-präsentiert« wird. Husserl unterscheidet zwischen dem physischen Ding (das aus einer Leinwand, Papier oder anderen Materialien besteht), dem Bildobjekt (das Erscheinende bzw. der Repräsentant) und dem Bildsujet (das Repräsentierte). Gerade auf dieser Grundlage war es für nachfolgende Denker möglich, Momente wie das Zwischen zu betonen, wobei zu notieren ist, dass das Zwischen als eine Figur der Differenz gilt.“ (ebd. S 201)

Was begründet wirklich das Zwischen des Zwischens? Die Geltungsbegründung bei HUSSERL – und auch bei diversen anderen „Differenzdenkern“ – wird nicht ausdrücklich Thema einer Genese des Wissens als Wissen. Das sich selbst darstellende Wesen des Wissens als Möglichkeitsbedingung des objektivierenden Wissens – das finde ich nicht?! Was kann dann „Evidenz“ noch heißen?

5) Es fehlt mir bei dieser Rede von der „Evidenz“ die Zusammenschau der zwei Ordnungen des Denkens, des implikativen und des appositionellen Ordnung. Nur gemeinsam, integrativ, können sie zum Begriff eines zureichenden Grundes erkenntniskritisch führen. Fichte nennt es „Intellektion“.

Eine logisch-begriffliche Identität, wie sie von KANT durch die logischen Funktionen des Urteils als gültig vorausgesetzt wurde, ist selbst schon eine eingeschränkte Form des Sich-Bildens des Bewusstseins und ein Bild. Wir wird dieses „Ich denke“ selbst eingesehen? Nach der WL 1810 so beschrieben: 

a) Wenn mit allen Konsequenzen philosophiert werden soll, so wird argumentativ ausgegangen von einer Hypothesis der Erscheinung (GA II, 11, 293 – 302). Allein schon mit die Möglichkeit des Wissens wird eine gegenseitige Bestimmbarkeit von Wissen/Bild und Erscheinung des Absoluten vorausgesetzt.

b) Die Denkbarkeit dieser gegenseitigen Bestimmbarkeit setzt eine „intellektuelle Anschauung“ voraus, eine Anschauung der Erscheinung,  die der Möglichkeit nach vollzogen und gebildet werden kann. Die Existenzsphäre dieser durch die Erscheinungen ermöglichten Form der Denkbarkeit (Bildbarkeit) vollzieht sich als direkte Erscheinung des Absoluten, eröffnet aber ein Werden der Bildform (=Ichform) in der Phänomenalität des Wissens (des Bildens).

Die WL als solche,  die Abstraktion einer Philosophie, schafft mittels Einbildungskraft eine systematische Nachkonstruktion dieser Phänomenalität des Wissens. Sie rekonstruiert die ERSCHEINUNG in kreativer Nach-Konstruktion einer Bildlehre. Sie ist Reflex, Schema, Zeichen, Bild der Erscheinung – in vielfältigen Formen – und selbst ein Reflex des Sehens.

FICHTE kann in der transzendentalen Logik sagen (1812): Das Bild oder die Bildlichkeit ist Begriff, etwas Gesehenes, eine „absolute sich Aeusserung, u. Darstellung“ (Transzendentale Logik 1812, SW IX, 147). Der Begriff offenbart das in der Anschauung tätige Schematisieren des Sehens.

(c) Franz Strasser, 11. 7. 2016

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1Alessandro Bertinetto, Das Bild als Durch-Einheit. Das Bild und die Wissenschaftslehre. In: Fichte-Studien, Bd. 42, 2016, 63 – 72.

2ALESSANDRO BERTINETTO, „Sehen ist Reflex des Lebens“. Bild, Leben und Sehen als Grundlage der transzendentalen Logik Fichtes. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 269 – 306, ebd. S 271.

3Fichtezitate – siehe alle bei A. BERTINETTO, ebd. S 272.

4Ebd., S 272.

5Ebd. S 274.

6  R. Lauth, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Hamburg, 1984.

7R. LAUTH, Die transzendentale Naturlehre, ebd.,  S 17.18.

8R. LAUTH, ebd. S 18.

9A. BERTINETTO, „Sehen ist Reflex des Lebens“, ebd. S 305.

10Ebd. S 306.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser