Bildtheorien 1. Teil

Zufällig fielen mir zwei Aufsätze von ANTJE KAPUST in die Hände, worin ich  einen Überblick über neuere Aspekt der Ikonik und Bildforschung fand.  Ich las die zwei Artikel nicht ungern, zumal ich mich a) gerne an solche Vorlesungen erinnere und b) mich sonst leider nicht diesen Themen widmen kann. Deshalb eine willkommene Abwechslung!

Aber eines fiel mir sofort auf: Das Denken von Bildlichkeit kann doch nicht ohne  transzendental-reflexives Sehen erfolgen? Der Bildphilosoph schlechthin  ist für mich  J. G. FICHTE, der weitab von allen anderen Philosophien den Bild-Begriff selbst zum Zentrum seines Denkens gemacht hat. Keine Wissenschaft, keine Kunsttheorie, keine Religion etc. kann sich der apriorischen Wissensbedingungen entziehen, die ja zugleich ontologische Konstitutionsbedingungen sind – und die, wie kein anderer, FICHTE im Bildbegriff freigelegt hat.
Antje Kapust erwähnt ihn nicht in den „Neueren Ansätze der Bildforschung“. Kommt ein transzendental-reflexiver Ansatz der Bildwissenschaft,
wie sie herausragend FICHTE geboten hat, bei den zitierten Autoren tatsächlich nicht vor? 

ANTJE KAPUST, Sprachen der Ikonizität. Neuere Ansätze in der Bildforschung (Teil 1), in: Philosophische Rundschau, Bd. 62, Nr. 3, Sept. 2015, 191 – 224.

und PhR 62, Nr. 4, Dez. 2015, S. 291–331, 2. Teil.

GOTTFRIED BOEHM: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2007. Berlin University Press. 282 S. (zitiert als Sinn erzeugen)

Gottfried Boehm/Birgit Mersmann/Christian Spies (Hg.): Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. München 2008. Wilhelm Fink. 435 S. (zitiert als Movens)

Gottfried Boehm/Sebastian Egenhofer/Christian Spies (Hg.): Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. München 2010. Wilhelm Fink. 463 S. (zitiert als Zeigen)

Gottfried Boehm/Matteo Burioni (Hg.): Der Grund. Das Feld des Sichtbaren. München 2012. Wilhelm Fink. 490 S. (zitiert als Grund).

Was ist ein Bild? Der Begriff des Bildes hat enorme semantische Kraft, es ist aber nur Bild durch das, was es darstellt. Mit FICHTE gesprochen, sozusagen als These vorangestellt: „Der Begriff Bild erlaubt zu verstehen, dass es unmöglich ist, das Absolute unmittelbar zu erfassen, da auch das Wort „Absolutes“ nur das mittelbare Sprachbild eines als unbegreifbar Begreifbaren ist: denn das, was der Begriff (und deswegen auch das Wort als Begriffsbild) ergreift, ist eben ein Bild des Absoluten, aber dann nicht das Absolute als solches selbst.“ 1

In der überblickshaften Zusammenschau des Denkens von Bildlichkeit, wie sie A. KAPUST unter Begriffen wie Bildhermeneutik, Bildakttheorie, Bild-Phänomenologie, Bild-Anthropologie und Bildarchäologie beschreibt – anhand der zitierten Autoren! –  fehlt mir die transzendental-kritische Ableitung des Bildbegriffes überhaupt. Dieses Fehlen ist nicht A. KAPUST anzulasten, sondern, wie ich vermute, einer generellen Unkenntnis der fichteschen Transzendentalphilosophie bei den besprochenen Autoren.

1) Nach A. KAPUST (1. Teil, zur Bildhermeneutik) geht es bei G. BOEHM um die „ikonische Differenz“, die letztlich das Bild in seiner Eigenmacht und seinem Eigengehalt beschreibt und zur Wirkung bringt. Die Relevanz von Bildern in ihren Bestandteilen von Wirkung, Materialität und Sinn – das ist gefragt und das gesuchte Wesen wird in der Wissenschaft der Ikonik zu bestimmen versucht. 

Wie und Womit wird der jeweilige Sinn und die erfahrene Wirkung generiert, abgegrenzt von den Universen des Zeigens und den herkömmlichen Symbolisierungsformen des „Sagens“? (A. Kapust, ebd. S 193)

Als Leitfaden dienen drei Fragen: Was meinen wir, wenn wir vom Bild reden? Warum dient eine Sprachkritik dem Verständnis des Bildes? Was bedeutet die Logik der Bilder? Zur Klärung skizziert Boehm wesentliche Grundzüge des Ikonischen. Die ursprüngliche Ausgangsfrage »Was ist ein Bild« (1994) geht über in die Frage nach der Macht von Bildern durch Movens und Affekt und stößt schließlich vor zur zentralen Frage nach der Sinnerzeugung. Stand in den frühen Überlegungen noch das Moment der Darstellung im Vordergrund, wird dies später zugunsten eines Unsichtbaren und Ungesagten akzentuiert. War zuvor der Begriff der Evidenz leitend, so wird nun von Differenz gesprochen.“ (A. Kapust, ebd. S 194)

Die philosophischen Versuche des Denkens einer Differenz wurden in den Symbolisierungsformen nicht-verbaler Art  wie im Sinn eines Zeigens gegenüber dem Sagen – oder Symbolisierung durch Sagen –  schon mehrfach dargestellt. BOEHM will das weiter ausführen und die Organisationsform des Bildes begreifen. (A. Kapust, ebd., S 195)

A. KAPUST hebt dann vier Punkte der Beschreibung der ikonischen Differenz bei BOEHM heraus. Ich möchte die 3. Charakteristik zitieren: „Diese Differenz aktiviert die entscheidenden Strukturelemente eines Kontrastes zwischen kontinuierenden Momenten und diskreten Elementen, die ein Bild zum Bild machen.“ (ebd. S 195).

Offensichtlich schwingen hier  metaphysische Begründungen des Bildseins mit („kontinuierende Momente“),  aber ohne Erklärung, wie das gehen soll!? Das wäre ja das Interessante, was in der Präsenz und im Kontinuum  zum Ausdruck kommt – und dies erkenntniskritisch abgleitet, nicht bloß dem Phänomen nach poetisch beschrieben und „umschrieben“.  Schließlich wird durch die ikonische Differenz das Bild als Ereignis umkreist. Die ikonische Differenz wird zum „visuellen Dispositiv für theoretische Begründungskomplexe“ (ebd. S 195)
Das wäre das Interessante, wie ist ein Dispositiv vorzustellen? Es wird Unbekanntes durch Unbekanntes „erklärt“. 

Ich will hier nicht auf jede These eingehen, was bei BOEHM  Bildsein und Bildlichkeit besagen kann bzw. wie ein Bild zu einem hermeneutischen Ereignis wird – siehe die treffende Zusammenfassung bei A. KAPUST, S 195.196.

BOEHM: „(…) Die ikonische Differenz generiert Sinn, ohne »ist« zu sagen, sie eröffnet Zugänge zur Realität, die sich erweisen, die sich zeigen. Bilder sind deiktische Ereignisse, ihr Sinn der Effekt einer materiellen Ordnung und Disposition.« (Rheinsprung, S. 174)“

Vergisst hier BOEHM das Absolute, das erscheint, oder unterschlägt es nur KAPUST in ihrer Rezension? Warum sollte ein Bild, beliebigen Inhalts, zu einem sinnhaften Zeigen werden? Liegt der Sinn im Bild oder im Sehenden? Das wird alles nicht genau erklärt, sondern verobjektiviert vorausgesetzt, zumindest in dieser Rezension.  

2) Um den Weg vorausschauend auf die spätere Bildwissenschaft abzukürzen, sei nochmals ganz oben begonnen: Der Begriff Bild taucht bei FICHTE ab der WL 1804 häufig auf; A. BERTINETTO (siehe Anm. 1) untersuchte ihn anhand der „Transzendentalen Logik“ I und II von 1812.

Das Bild ist Erscheinung des Absoluten als Erscheinung. Bilder sind Schemata, durch die das Absolute im Wissen erscheint und das Wissen sich selbst als Schema auffasst. Das Bild ist Sehen als Reflex des Lebens. Das Bild ist „absoluter Begriff“, und zwar als „ursprünglicher und erster Begriff“2Tatsächlich ist das Bild absolut, weil es nicht mittels der Beziehung auf etwas anderes, sondern nur durch sich selbst begreifbar ist; denn das andere (das Ab-gebildete) ist nur durch das Bild als etwas Nicht-bildliches begreifbar. Das Ab-gebildete ist eben nur dank der Beziehung eingesehen, die es als Gebildetes mit dem Bild verbindet.“ 3

Außerhalb der Form der Bildlichkeit etwas anzusetzen, hieße soviel wie außerhalb des Bewusstseins etwas vorzustellen. Das ist nicht möglich. „Die Bildform – und dies ist eine der wichtigsten Leistungen der Spätphilosophie Fichtes – stimmt also mit der Ichform (bzw. mit der Verstandesform) überein, derzufolge die Sich-Erscheinung die Möglichkeitsbedingung des Erscheinens (sc. des Absoluten) ist.“ 4 (Ich möchte nochmals hervorheben: Diese Terminologie der Bildlichkeit, der Bildform, des Bildens schlechthin als ganzheitlicher Akt, als Einheit von Erkennen und Handeln, widerspricht nicht dem Denken der ersten WLn FICHTES, bestenfalls wird das (frühere) Denken noch schärfer gefasst.) 

In der Terminologie der frühen Wln müsste der Sachverhalt der Einheit von Bewusstsein und Sein so gefasst werden:5 Die Vernunft existiert als sich ergreifende und bildende Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Das bedeutet zunächst im Gebiet des Theoretischen: die Vernunft strebt, sich vollkommen zu wissen. Im Praktischen bedeutet es: die Vernunft intendiert, vollkommen tätige Vernunft zu sein. Beides zusammengefasst: die Vernunft sucht sich absolut zu bilden. Das Bilden fasst theoretisches Vorstellen und praktisches Tun und Wollen zusammen. 

Die Vernunft ergreift sich, besagt, dass die Vernunft nur als Selbstbestimmung im Selbstbestimmen da ist. Sie stellt kein einfaches Sein dar, sondern ist wesensmäßig ein Sein im Reflex und in der Reflexion, ein Sein im Selbstbezug und der mit diesem sich realisierenden doppelten Reihe des Gewussten und zugleich Wissenden, des Wissenden und in diesem Wissen zugleich Gewussten, des Bildenden und Gebildeten.

Dies ist nicht so zu verstehen, als ob das Wissende schon existierte, noch ehe es auf sich als das Gewusste trifft, oder als ob das Gewusste ontisch vorgegeben wäre und erst hernach durch ein Wissendes und für dieses erstellt würde. Vielmehr entfaltet sich die Vernunft im Reflektieren ineins zu der gedoppelten Realität des Wissenden und des Gewussten, des Bildenden und des Gebildeten, allerdings so, dass das Wissende und das Gewusste, das Bildenden und Gebildete nur synthetisch an- und miteinander gesetzt sind, und zwar als Momente ein und derselben Einheit.

Trotz ihrer Differenz als Wissen und Gewusstes sind Wissendes und Gewusstes ein einiges Sein, nämlich Wissen bzw. Vernunft.6 Das Bildende wird ausdrücklich, unbeschadet seiner spezifischen Differenz, als identisch mit dem Gebildeten, das Gebildete als identisch mit dem Bildenden, gesetzt. Das, was hier gewusst wird, ist das Sein des Wissens selbst und nicht ein anderes.

Infolge der überwiegenden Ausgerichtetheit auf das Objekt fassen wir für gewöhnlich das gesehene Ich wie ein vom sehenden Ich getrenntes Objekt auf, oder wir objektivieren es doch zum mindesten. Dies ist aber nur ein entstellendes und irreführendes Bild, das die Reflexeinheit, die das Sichwissen tatsächlich immer ist, verdeckt. Es bedarf eine besonderen geistigen Anstrengung, eben derjenigen des Wissenswissens, bzw. der intellektuellen Anschauung, um diese Reflexeinheit als tragenden Grund der Reflexion zu erfassen.

Was hier an der theoretischen Seite des Sichbildens dargelegt wird, gilt genauso für die praktische Seite desselben. Der praktischen Intention nach realisiert dieses Bilden stets sich; die Vernunft existiert nur als die absolute Tendenz und als angehobener Akt, sich selbst vollständig zu realisieren. Was sie verwirklichen will, ist das absolute Ich, d. h. vollständig sich selbst.

Sie realisiert sich allerdings immer nur im Sichwissen, aber in diesem als Vernunft in praktischer Supposition. Die theoretische Seite der Reflexion dient dem praktischen Sichbilden der Vernunft. Das, was durch jeder ihrer Realisationen gesetzt werden soll, ist vollkommene Vernunft, dieselbe praktisch genommen als vollkommene Selbstbejahung, als Vernunft, die Vernunft bejaht, und dies material inhaltlich, und das ist als Liebe, die Liebe bejaht. Da auch auf dieser praktischen Seite die Identität auf der Seite des Subjekts und Objekts gesetzt ist, so wird eine Liebe bejaht, die selbst Liebe bejahende Liebe ist. Die Reflexeinheit ist in praktischer Rücksicht Liebesliebe. Die in Subjekt und Objekt entfaltete Liebe setzt die Einheit der Liebe in einem identischen Vernunftseins als ihren Endzweck, und auf dieser Grundlage ist die Vernunft praktische Vernunft.7

Phänomenologisch, von der Basis des Bewusstseins und von der Basis der endlichen Vernunft her gesehen, müssen jetzt, wenn die Einheit des Wissens richtig und wahr ist, die Vielheit und Mannigfaltigkeit der Bilder des Seienden genetisch abgeleitet werden können. Das führt zu keiner Emanation des Absoluten oder direkten Ableitung aus dem Absoluten  oder zu sonstigem Pantheismus, sondern erst in der Sich-Erscheinung des Bewusstseins und aller Phänomene kommt das göttliche Leben, das Urbild, das Ur-Schema, zur Erscheinung – und in dieser Sich-Erscheinung kommt es zur genetischen Erklärung der Mannigfaltigkeit des Seienden. 8

Das transzendentale Sehen wird zum empirischen Sehen. Das transzendentale Wissen weiß allerdings (epistemologisch in und aus dem Absoluten begründet), warum das phänomenale Bewusstsein, das Denken und Sein, so erscheint, wie es erscheint: durch die Ichform und Bildform der Erscheinung des Absoluten.

Ich müsste das hier noch viel weiter ausführen: FICHTE kennt z. B. hier die Rede von der Bedingung des Soll/so muss in der WL 1804/2, wodurch die genetische Erklärung des Vielen aus dem Einen ermöglicht und begründet wird. 9

Jedes Wissen (und jede Wissenschaft) arbeitet mit dieser genetischen Einsicht und einem dahinterliegenden apriorischen Vorwissen, nur ist es sich in der Verlorenheit seines empirischen Sehens dessen oft nicht bewusst. Es muss sich auch nicht auf die genetische Einsicht in die gebildeten Zusammenhänge von Bild und Sein jedesmal rückbesinnen, weil es eben die Bestimmtheit des Bildes und des Seins im Konkreten geradezu will, wenn es empirisch etwas betrachten und schaffen will – und vielleicht schöpferisch bzw. dekonstruktiv zusätzlich Neues in das Bild hineinträgt.

Die absolute Vernunfttendenz ist in ihrem Bilden und in ihrer Ichform (Bildform) wie A. BERTINETTO in der Besprechung der TRANSZENDENTALEN LOGIK schreibt, immer „schöpferisch“ wie „dekonstruktiv“ 10, weil sie einerseits das göttliche Lebens in sich trägt, das für sich als unerschöpfliche Wertfülle und Vollkommenheit vorausgesetzt werden muss, und andererseits selber auf absolute Vernunfttendenz ausgeht. Dieses schöpferische, freie Ausgehen-Auf ist zugleich auch „dekonstruktiv“ in dem Sinne, dass jedes schöpferische Bestimmen zugleich eine Selbsteinschränkung des umfassenden schematisierenden Reflexes in und aus der unerschöpflichen Wertfülle darstellt – und folglich stets eine me-ontische Bestimmung des Seins, eine Negation des ganzen Seins der Vernunft besagt.

Das für das endliche Ich nur mögliche genetische Nachkonstruieren des göttlichen Lebens im schematisierenden Bilden ist im empirischen Sehen notwendig eine Selbsteinschränkung der reinen Bildform, eine „Subtraktion seiner be-greifenden und schematisierenden Tätigkeit“. 11

Die Philosophie muss das Gesetz der Entstehung und Bildung des Vielen reflektieren, wenn sie der alten Berufung der Frage nach dem zureichenden Grund gerecht werden will.

Die phänomenologische Seite des Bewusstsein (des ganzen Seins) – und damit einhergehend, eine hermeneutische Bilderklärung im Sinne der Ikonik – wäre aber unbegreiflich, käme nicht die höchste Bedingung des transzendentalen Wissens, die Bildform der Erscheinung des Absoluten (WL 1819/1811) bzw. die Ableitung aus dem Soll/so muss (WL 1804), hinzu.

3) Gerade in dieser ontologischen Differenz zum Absoluten, als Sich-Erscheinung des Bewusstseins reflektiert (siehe genauere Ableitung bei FICHTE selbst), bzw. als Bedingungsgefüge eines absolutes Sollensanspruch und einer frei darauf antwortenden Vollziehung dieses Anspruch erkannt –  darin liegt die praktische und damit verbundene theoretische Möglichkeit, in Ichform und Bildform zu bilden.

Dies sei noch etwas ausgeführt und begründet: Die Vernunft als theoretische und praktische kann nur bilden, indem sie sich bestimmtwerdend bestimmt. Die Vernunft als Reflexeinheit ist nicht (und wird nicht) die absolute Vernunft Gottes, sondern sie setzt sich frei als Vernunft, tendenziell als absolute Vernunft, in einer Mannigfaltigkeit der Koexistenz der Individuen. Sie kann sich aber solcherart nur als sich aufgegebene und d. h. bestimmt werdende, und sich selbst einschränkende Vernunft setzen, indem es ineins doppelt

a) unter Negation der Seinsverschiedenheit des Wissenden vom Gewussten das Bestimmte voraussetzt, von dem es folglich bestimmt wird und

b) dieses bestimmende Voraussetzen eines Bestimmten nur unter Erfassung von dessen Seinsidentität im Reflex wieder selbstbestimmend setzt.

Der transzendental-kritische Standpunkt muss einerseits die ontologische Differenz zum Absoluten festhalten, weil gerade in dieser Differenz und absoluten Transzendenz die Möglichkeitsform der Bildlichkeit und des schöpferischen Bildens und Dekonstruierens liegt, aber das Wesen dieser Möglichkeitsform ist andererseits gerade ein besonderer Begriff des Absoluten, den die absolute Vernunfttendenz bilden soll. M. a. W., einerseits wird in Ichform oder Bildform das Absolute mit dem besonderen Akzidenz (nicht Attribut) einer werthaften Erscheinung in der Möglichkeitsform behauptet, doch die Realisationsform dieser werthaften Erscheinung ist sich bewährendes Bildsein, wahrhaftes Bildsein dieser vorausgesetzten Möglichkeitsform.  Die Behauptung der Erscheinung des Absoluten – nicht wie es in sich selber ist – ist eröffnete systematische Erkenntnis des Ganzen der Wirklichkeit in und aus Prinzipien,  und  interpersonal ein konkreter  Aufruf und Aufforderung, Wahrheit und Sinn zu  bilden und individuell wie universell zu realisieren. 

Transzendental-kritisch muss diese schöpferische Bildungsform im Bildungsakt des Vorstellens stets vollendet sein, weil im Akt des Bildens das Sein des Bildens und das Wissen dieses Seins (Gewusstes und wissendes Wissen) konkreszieren zu einem sinn- und wertkonstitutiven Ganzen. Der formale Bildungsakt des Wissens oder der Anschauung, worin Anschauendes und Angeschautes geeint sind, sofern er bezogen ist auf Wahrheit und Güte, da stets eine praktische Komponente enthalten ist, vermag nicht in Zweifel gezogen werden, insofern der Zweifel sich selber wieder auf eine wahre Aussage und auf eine wahre Bild-Einheit von Denken und Sein berufen muss. Der Zweifel bestätigt selbst  nur die Schlussform des Bildens (der Ichform) und setzt deren Wahrheit voraus. Die materiale Bewährung dieses  formalen Bildungsaktes ist aber damit noch nicht ausgesagt und verweist auf einen Grund, der unwandelbarer Grund des Sollens und Wollens ist, und zugleich sich inkarnieren will, zu Bedingungen der Freiheit (und je nach ästhetischem Vermögen) in einem sich bewährenden Bild.

Das Ich setzt sich in seinem Existieren notwendig ein Nicht-Ich entgegen und bezieht es in sich (im absoluten Ich) auf sich. Das Ich ist bestimmtes Sein, aber gerade darin, in dieser Bestimmtheit, immer auch freie, sich selbstbestimmende Vernunft. Es in seinem Bilden (zum Bild) eines relativ selbstständigen Nicht-Ich material bedingt (d. h. genötigt; die Hemmungen und Aufrufe sind empirisch bedingend), aber immer auch in seiner Negationsfähigkeit des Entgegensetzens  als freie Tätigkeit befähigt zum Bestimmen (Selbstbestimmen). Die Setzung der Negation (Entgegensetzung) ist noch nicht das differenzierende Setzen eines späteren Grund-Folge Denkens (worum es m. E. BOEHM geht – siehe dann 2. Teil meines Blogs),  obwohl merkwürdigerweise für die begriffliche Fassung der Entgegensetzung die Differenz bereits in Anspruch genommen werden muss, d. h. die Unterscheidung von Form und Inhalt.
Die „Tathandlung“ (GRUNDLAGE) des Entgegensetzens ist der Form nach unbedingt, der Form und dem Inhalt nach aber bereits differentieller Grund aller Erfahrung. Damit ist aber nicht nur eine implikative Grund-Folge-Ordnung des Wissens und Seins eröffnet, sondern ebenso eine ordinale, zeitlich schematisierte Ordnung des Seins, christlich ausgedrückt, eine geschichtliche Inkarnation und Bewährung der apriorischen Vernunftwahrheit ist kreativ vorgesehen. 

Der Einheitspunkt des Wissens, der Übergang von der Erscheinung des Absoluten in den Reflex des Lebens bzw. diese formale  Reflexionseinheit von Denken und Sein im Vernunftakt,  ist somit bereits von einer doppelten begrifflichen Form: einer begrifflich-implikativen und einer ordinal-appositionellen Form.

Übertragen auf die Ikonik und einer darin liegenden Sinn-Erzeugung, würde das heißen: Das Moment der Sinnerzeugung ist gespeist von der Reflexeinheit eines erscheinenden, wertkonstitutiven, göttlichen Lebens und der Reflexionseinheit des Bildaktes, worin Bildform und Seinsform zu einem konkreten Sein des Bildes zusammenwachsen bzw. differentielles und appositionelles Bilden eröffnen. Wie stark und gut dieses differentielle Bilden gelingt, das ist Frage der Ästhetik überhaupt bzw. der Kunst im besonderen. 

In der Terminologie des Ichs und Nicht-Ichs und deren Einheit auf der Basis der ersten Wln gesprochen: Durch den Trieb und im Trieb ist bereits eine Hinordnung und eine realistische Vermittlung von Wert und Werthaftigkeit in einem unmittelbaren Gefühl gesetzt.
M. a. W. von der theoretischen und praktischen Seite her betrachtet: Es ist konkret schon in jeder Wahrnehmung ein Sinn gesetzt, ein bereits unmittelbares Wissen, das weiter differenziert werden kann.  (Siehe z. B. Schlussteile der WL 1801/02) Ein Sinn-Bild zu haben, das ist notwendiges Gesetz der Reflexion, wenn es sich durch Einbildungskraft und  Verstand und reflektierender Urteilskraft weiter bestimmen will. Diesem Sich-Bestimmen durch reflexives Bestimmtwerden liegt letztlich ein sittlich-praktischer Wert in der prinzipiellen Vernunfttendenz zugrunde, sich theoretisch wie praktisch zu realisieren, d. h. auch sich ästhetisch zu realisieren. Das Bilden als Verhältnis des Bildes zum Abgebildeten vorgestellt, bzw. als Verhältnis des Begriffes zum Sein, ist somit in seiner letzten Konsequenz ein Selbst-Wollen, ein Verhältnis des Wollens zu einem anderen Wollen in der Einheit eines Willens, logisch aufgelöst, ästhetisch erst zu bilden und zu explizieren. 

Der Sinnbegriff im Bilden, worauf sich die Bildhermeneutik und jede Phänomenologie konstitutiv immer bezieht,  verweist damit auf eine Sinnidee, die nur im Miteinander und Zueinander einer implikativ-logischen wie appositionell-ordinalen Erkenntnisordnung realisiert werden kann. Diese Sinnidee ist transzendentallogisch  unserem Vorstellen, Streben, Handeln, Wollen apriorisch vorgegeben, die ästhetische Realisierung (im weitesten Sinne des Wortes) steht in Händen der Freiheit und des künstlerischen Vermögens.  Gäbe es keine apriorische Sinnidee, würde es auch kein Differenzieren und kein Denken eines zureichenden Grund geben.  Oder m. a. W., auf den Sinnbegriff in der Bildwissenschaft zu verzichten, in seiner ganzen praktisch-sittlichen Bedeutung, das hieße, den transzendentalen Standpunkt der Konstitutionsbedingungen des Wissens aufzugeben und einen idealistisch/realistischen Suppositionsstandpunkt zu erzeugen. Man könnte dann zwar transzendentallogisch vom „Sinn“, einer „Spur“, einer „Urschrift“ schwärmen (wie Husserl, Derrida), aber die Bedingungen der Wirklichkeit der eigenen Existenz werden nicht eingeholt, wird nur ein „künstliches“  Sinngebilde vorgestellt.  Nichts gehen das Vermögen der Phantasie, aber das wäre eine Verwechslung von  Phantasie-Bild  mit dem wahren Sinn-Bild! 

4) Für BOEHM ist die Evidenz das Kriterium, die Bilder zu verstehen. Bilder lassen etwas aufleuchten, bewirken etwas – und durchaus kann in der Wahrnehmung schon die Evidenz liegen, die dann im Bild vertieft wird.

Soweit ich dürftig HUSSERL kenne und hier jetzt nur die Vorlage von A. KAPUST lese, ist das „Repräsentationsmodell“ der Entstehung einer Bildwirklichkeit nach HUSSERL für mich aber alles andere als transzendental-kritisch. In vielen Punkten gehe ich mit HUSSERL nicht konform: das Korrelations-Apriori von Bewusstsein und Gegenständlichkeit, die eidetische Reduktion, das „transzendentale Bewusstsein“, der Sinn-Begriff selbst, die „genetische“ Erklärung etc., diese „phänomenologischen“ Grundlagen sind für mich erkenntniskritisch nicht haltbar.  Es sind subjektive Spekulationen! Hat HUSSERL tatsächlich im phänomenalen Bewusstsein und im intentionalen Wollen den notwendig vorauszusetzenden praktischen Wert und Sinn jeder Sinnaussage getroffen? Kennt er ein systematisches Ganzes der Erkenntnisprinzipien? Ein intentionales Gerichtetsein auf eine unbekannte Gegenständlichkeit und ein vorstellendes Ich, wodurch die Ähnlichkeit zwischen einem Bild und einer Sache geschaffen wird, ist das nicht schon eine verspätete Analyse eines Erkenntnis- und Handlungsaktes, worin subjektives Reflektieren und objektives Reflektiertes bereits getrennt sind? Die von HUSSERL phänomenale Klassifizierung der Vorgänge des Bewusstseins, die von ihm eingeführten Begriffe wie „Noema“ etc., das sind von der Seite eingeschobene Hilfsbegriffe ohne transzendental-abgeleitete Bedeutung. Wo bleibt die Epistemologie ihrer Bedeutung?  Es wird die Einheit von Denken und Sein und der einheitliche Akt von Erkennen und Handeln nicht mehr eingeholt, sondern nur behauptet. 

Auf das Theorem der Evidenz scheint sich G. BOEHM zu verlassen? Die Evidenz wird zur Abgrenzung gegenüber Bildanthropologie, Bildsemiotik, Bildakttheorie und Bildpragmatik? A. KAPUST gliedert dies in acht Punkten auf (ebd. S 197). Im Bild liege sowohl eine Sichverweis (index sui), wenn es sich zur Evidenz steigert, und ein Sachverweis (index veri). Es sind zwei Seiten des Zeigens, der Deixis.

Evident ( ἐνάργεια ) besagt einerseits die unmittelbare Offenkundigkeit, Selbstbezeugung und Augenscheinlichkeit eines Gegebenen, andererseits die diskursivgewonnene Gewissheit von etwas. Die Präsentation als Selbstgebung grenzt sich

a) von den Modi der Medialität (Darstellungen in einem Medium oder Materialität), der Konstruktivität (Erzeugung von Vorstellungen) wie auch der Repräsentationalität (Vergegenwärtigung und Stellvertretung) ab. »Offenkundigkeit« wurde zunächst vor aller diskursiven Beschlagnahmung den sinnlichen Qualitäten  schon entnommen.“ (A. Kapust, ebd. S 198.199).

A. Kapust beschreibt dieses Anliegen so: „Evidenz erfüllt bei Boehm einen dreifachen Zweck. Sie schafft einen Anfangspunkt; sie eröffnet Felder von Differenzen; sie erlaubt die Fokussierung auf das Ikonische und bietet den Raum für ikonische Duplizität.“ (ebd. S 199)

A. Kapust spricht dann auch von „Modalitäten“, wodurch die Denkform der ikonischen Duplizität BOEHMS systematisch noch weiter ausgearbeitet werden (ebd. S 200).

Ich zitiere Kapust – und in Klammer, in roter Schrift, gleich meine Rückfragen: „Bildlichkeit entsteht, wenn ein Bildding als Bild aufgefasst wird und auf diese Weise im Bild ein Bildsujet zu sehen ist. (Anfrage meinerseits: Ist das Bildsujet also objektivistisch schon vorgegeben? Richtet sich das vorstellende Ich doch nach dieser Ähnlichkeit des Bildsujets? Wird eine doppelte Wirklichkeit zwischen Bildsujet und vorstellender Tätigkeit vorgestellt? Das Sehen eines Ähnlichen als Bild, repräsentiert ja wiederum bloß eine Drittes zwischen Anschauung einer Sache und Begriff einer Sache. Was begründet wiederum dieses vermittelnde Dritte in der Repräsentation? Die angestrebte Evidenz müsste höher hinauf begründet werden!) Bildlichkeit geht daher nicht auf die Verdoppelung der äußeren Wirklichkeit zurück, die »re-präsentiert« wird. Husserl unterscheidet zwischen dem physischen Ding (das aus einer Leinwand, Papier oder anderen Materialien besteht), dem Bildobjekt (das Erscheinende bzw. der Repräsentant) und dem Bildsujet (das Repräsentierte). Gerade auf dieser Grundlage war es für nachfolgende Denker möglich, Momente wie das Zwischen zu betonen, wobei zu notieren ist, dass das Zwischen als eine Figur der Differenz gilt.“ (ebd. S 201) (Was begründet das Zwischen des Zwischens? Die Geltungsbegründung bei HUSSERL und auch bei diversen anderen „Differenzdenkern“ – muss notwendig entfallen, wenn keine transzendentale Einheit des Wissens zugegeben wird bzw. kein Ende der Dekonstruktion – das begründet aber keine Evidenz?!) 13

5) Jetzt meine transzendental-kritische Sicht nach FICHTE, der, zumindest meinem Eindruck nach, seit 200 Jahre für die Bildwissenschaft totgeschwiegen wird. Es fehlt mir bei dieser Rede von der „Evidenz“ die Zusammenschau der zwei Ordnungen des Denkens, des implikativen und des appositionellen Ordnung, die zusammen zum Begriff eines zureichenden Grundes erkenntniskritisch hinführen könnten. Fichte nennt es „Intellektion“.14

Eine logisch-begriffliche Identität – wie von KANT durch die logischen Funktionen des Urteils als gültig vorausgesetzt – kann es nur geben dank einer übertragenen Identität aus der Ichform. Das Übertragen geschieht dank des Vermögens der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft, das von KANT schon kongenial angesprochen, aber von FICHTE in ihrem dialektischen Schweben erst begriffen werden konnte (§ 4 der GRUNDLAGE).

Es kommt hinzu, das ist das nächste Entscheidende, die appositionelle Ordnung, die zugleich mit der logischen Ordnung gedacht werden muss, damit zugleich ein theoretisch wie werthaft-praktischer Bildungsakt möglich ist. Der Weg sei mir abgekürzt durch den Verweis auf die WL 1810 – wobei aber jede andere WL genauso zitiert werden könnte: Die Ableitung des Wissens wird dort aus der Erscheinung des Absoluten – und für Wissen kann Bild, Schema, Ichform, Leben, eingesetzt werden – in folgenden Schritten dargelegt: 15

a) Die Hypothesis der Erscheinung (GA II, 11, 293 – 302). Allein schon durch die Möglichkeit des Wissens, des Bildens, wird eine gegenseitige Bestimmbarkeit von Wissen/Bild und Erscheinung des Absoluten vorausgesetzt.

b) Die Denkbarkeit setzt eine intellektuelle Anschauung voraus, eine Anschauung der Erscheinung, eine Hypothesis der Erscheinung, die der Möglichkeit nach vollzogen und gebildet werden kann. Die Existenzsphäre dieser durch die Erscheinungen ermöglichten Form der Denkbarkeit (Bildbarkeit) vollzieht sich in der Behauptung der Wahrheit als wirklich, wodurch der Weg des Aufstieges zur Wahrheit zugleich einen Weg der Bewährung dieser eingesehenen Wahrheit in der Phänomenalität des Wissens (des Bildens) eröffnet.16

Die WL als solche,  die Abstraktion einer Philosophie sein will – freilich in höchster ästhetischer Form (siehe Anm. 9) – schafft mittels Einbildungskraft ein systematisches Gebäude. Sie rekonstruiert die ERSCHEINUNG in kreativer Nach-Konstruktion.  Neben dieser spezifischen Tätigkeit einer Philosophie ist aber das ganze Leben der Vernunft diese Bildlichkeit und sagt sich in vielen anderen Formen des Bildens – im ästhetischen Bilden, im schöpferisch sittlichen Bilden, in der Sprache usw. aus.
WL oder Philosophie ist eine (abstrakte) Form der genetischen Erklärung der mannigfaltigen Formen der Erscheinung.

c) Das Verhältnis Erscheinung/Absolutes wird von FICHTE analysiert als Sein außer dem Sein. 17

d) Die Erscheinung ist die grundlegende Form des Schemas überhaupt, der Bildlichkeit oder Bildform überhaupt, der Ichform – und der verschiedenen Modalitäten dieses Schemas.

e) FICHTE analysiert die Erscheinung als schematisierendes Leben.18 Das schematisierende Leben ist es, das die Spaltung zwischen Wissen und Gewusstes, Gebildetes und Abgebildetes herbeiführt.

f) Dieses schematisierenden Leben ist die Erscheinung als Wissen, als Bildlichkeit in einer dreigestuften Form des Wissens: Anschauung der Erscheinung wird Begriff und der Begriff ist dieses Zusammenwachsen, Konkreszieren von anschaulichen kontinuierlichen und punktuellen, begrifflichen Momenten.

Zum Schweben der Einbildungskraft – siehe bereits diverse andere Blogs von mir.

FICHTE kann in der transzendentalen Logik sagen (1812): Das Bild oder die Bildlichkeit ist Begriff, etwas Gesehenes, eine „absolute sich Aeusserung, u. Darstellung“ (Transzendentale Logik 1812, SW IX, 147), die Ichform, wodurch sich das Wissen der reinen, im Hinblick auf Freiheit angehobenen Möglichkeitsform, in reiner Bildform, fassen kann. 19

g) Die Erscheinung wird von FICHTE weiter analysiert als Sichtbarkeit des göttlichen Lebens 20 und als

h) Ichform, wodurch die Sichtbarkeit des göttlichen Lebens sichtbar wird.21

Die Bildform stimmt mit der Ichform völlig überein. Im Bildungsakt geschieht diese Teilhabe am göttlichen Leben, geschieht diese Erscheinungsform und Sichtbarkeit des göttlichen Lebens, geschieht ein schöpferisches Vollziehen und ein Brechung des Lichts durch das Prisma der Ichform in der fünffache Weise des gebildeten Wissens.

Das Bild zeigt so, wie oben in Punkt 2 zur Analyse der Erscheinung gesagt, diese dreifache Struktur des Wissens: Das Bild  ist auch die Ichform und ist sich wissendes Wissen (reflexiv gewendet). Das (verstandene und verstehende) Bild ist Reflex des dahinterliegenden göttlichen Lebens, „Reflex des Sehens“ und führt zur genetische Erklärung und zur fünffachen Explikation des gebildeten Seins.

Die damit einhergehenden Sinn-Idee in allem Bilden ist höchstes transzendentales Postulat, ist als Aufgabe in jeder Bildung (ästhetisch, sittlich-praktisch) angesetzt, und ist  nicht selbst relativ und zeitlich, wiewohl sie im Setzungsakt der Vernunft  notwendig zeitlich und geschichtlich erscheint, wie aller Wille nur in seiner Wirkung erscheint, nicht als Ursache selbst.  Die Sinn-Idee liegt begründet im unzeitlichen Soll des Sittengesetzes, welches unbedingt gilt und nicht bloß ein replikatives Abbild und Reflexionsbild eines empirischen Bedürfnisses ist.  Eine unmittelbare Evidenz der Bewährung des Wissensbildes im Seinsbild und umgekehrt des Seinsbildes im Wissensbild – wie BOEHM anscheinend von der Evidenz als Begründung und Rechtfertigung vertrauensvoll spricht – ist nur die genetisierte, phänomenologische Folge der Sinnidee, ist bestenfalls nachträglicher Beweis und Bestätigung, aber nicht untrüglich.

Hier tun sich natürlich Welten auf zwischen einem bloßen phänomenologischen, dialektischen oder differenztheoretischen  Beweisgang einerseits und einer transzendental-reflexiven Erkenntnistheorie andererseits:  Der Reflexionsvollzug der Vernunft verlangt zwar die zeitlich-geschichtliche Entfaltung der geschlossenen Wissenseinheit, doch die Wahrheit und Güte und Schönheit dieses zeitlichen und geschichtlichen, phänomenalen Handelns und Verstehens liegt selbst in einer zeitlosen Sinnidee, die urbildlich als reelle Idee dem Reflexionsvollzug  vorausliegt. Jedes Ideal ist nur eine bestimmte zeitliche und geschichtliche Fixierung auf der Linie einer reellen Idee. Notwendig muss das Sein der Freiheit und des Bewusstseins sich zeitlich und geschichtlich entfalten, doch der Geltungsanspruch und die Realisierungsforderung dieses zeitlichen und geschichtlichen Vollzuges liegt in einem unzeitlichen, durch sich selbst bestimmten reinen Willen – wie ANSELM, DESCARTES, FICHTE das Absolute gedacht haben – und kann nur eine geöffnete, materiale Sinnfülle sein, die zeitlos allem zeitlichen und geschichtlichen Setzen vorausliegt, sprich hier, einem zeitlichen und räumlichen Bilden. Die Evidenz des Lichtes und der Wahrheit ist eine zeitlose, unwandelbare, materiale Wertfülle und kommt nicht aus dem „Licht“ der formalen Reflexion der Vernunft selbst. Die Reflexion der Vernunft ist Teilhabe am Licht. Die Form der Reflexion alleine könnte eine Täuschung sein. Die Realisierung der materialen Wert-Fülle generiert erst die Evidenz (als sichtbare Wirkung).   22

Die Terminologie der Bildform oder Bildlichkeit wird von FICHTE nochmals weitergeführt in der Begrifflichkeit des „Prinzips“ (WL 1810, GA II ). M. a. W.: Die Ichform oder Form der Bildlichkeit ist immer eine eingeschränkte Form der Sich-Erscheinung des göttlichen Lebens, eine Form der Selbstanschauung des göttlichen Lebens, gebrochen durch das Prisma des ichhaften (und bildhaften) Existenzvollzuges eines individuellen Ichs. Das Licht dieses Prismas kommt von der Erscheinung des Absoluten her, die Möglichkeitsbedingung dieses Lichts zeigt sich in der Sichtbarkeit der Ichform, zeigt sich als Bild, als Reflex von einem Anderen her, zeigt sich als Gesetz der Entstehung des mannigfaltigen Seins im Bild.

(c) Dr. Franz Strasser, 11. 7. 2016

1ALESSANDRO BERTINETTO, „Sehen ist Reflex des Lebens“. Bild, Leben und Sehen als Grundlage der transzendentalen Logik Fichtes. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 269 – 306, ebd. S 271.

2Fichtezitate – siehe alle bei A. BERTINETTO, ebd. S 272.

3Ebd., S 272.

4Ebd. S 274.

5  R. Lauth, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Hamburg, 1984.

6R. LAUTH, Die transzendentale Naturlehre, ebd.,  S 17.18.

7R. LAUTH, ebd. S 18.

8Gutes Gegenbeispiel wäre hier SPINOZA: Er versuchte mittels der Unendlichkeit der Attribute, worin die cogitatio und die extensio nur zwei sind, die unendliche Substanz zu beschreiben. Der Abstieg zur Mannigfaltigkeit der Dinge konnte so nicht gelingen. „Phänomenologisch“ meine ich hier nicht im Sinne HUSSERL, der m. E. viel Verwirrung in die Begrifflichkeit brachte. Er bezog es auf die objektiven Sachen. Ebenso verwendete er „genetisch“ nicht im wörtlichen Sinn, sondern bezog es ebenfalls auf faktische Dinge und setzte die Zeitanschauung voraus.

9Wie nebenbei ergibt sich damit nicht nur eine genetische Erklärung und begriffliche Durchdringung der Wirklichkeit im Ganzen – sondern auch eine Definition einer Wissenschaft in specie, falls es sich diese Wissenschaft zur Aufgabe gestellt hat, die Grundprinzipien eine genetische Einsicht aller denkbaren und bildbaren Wissensbereiche (=Seinsbereiche) in abstracto darzustellen, in systematischen Einheit und in endlicher Zahl in einer fünffachen Synthesis. Diese Wissenschaft in specie ist die begriffliche Durchdringung des Sinns der Philosophie.

10A. BERTINETTO, „Sehen ist Reflex des Lebens“, ebd. S 305.

11Ebd. S 306.

13Das Differenzdenkens LUHMANNS, ausgedrückt z. B. in der Differenz zwischen der Perspektive der ersten und der dritten Person, das Interpersonalitätsdenken DERRIDAS mit notwendig grundsätzlichen Anerkennung des Anderen als Anderen und nicht Vereinnahmung des Selbigen ins Allgemeine u. a. das sind realistische Standpunkte, die nicht gerechtfertigt werden können. Man muss auch begründen und rechtfertigen können, wie und warum es zur Differenz kommen kann und kommen soll. Ein G. BOEHM kann in seiner Gelehrtheit vieles überdecken und es klingt irgendwie begründend, ist es aber nicht: „Bilder gewinnen ihre Evidenzen aus der »Erfüllung ihrer eigenen Vorgaben. Sie lassen sich zureichend nicht an einer Idee oder an einem Begriff messen, sondern ausschließlich an ihrem eigenen Spielraum. Die sichtbare Welt schreibt nicht vor, wie ein treffendes Bild auszusehen hat […]. Evidenz entsteht aus dem kunstvoll angelegten Selbstvergleich zwischen dem, was die Vorgabe zeigt und dem, was sie an Sinn induziert. Die Erfüllung will gelingen, erzwingen lässt sie sich nicht. Evidenz ist ihrer Erfahrung nach kein Gegenstand, sondern Wirkung, eine Wir- kung, die ermächtigt, von ihr zu reden.« (G. BOEHM, Movens, S. 31)

14Weil logisches und zeitliches Setzen nicht auseinandergehalten werden können, führt das z. B. zu solcher Kritik DERRIDAS an HUSSERL, dass letzterer nicht unterscheiden konnte zwischen einem strukturellen und einem historischen Denken. Gut erkannt, möchte ich sagen, aber was bietet DERRIDA dafür an? Siehe J. DERRIDA, Genesis und Struktur und die Phänomenologie, in: Die Schrift und die Differenz, 1976, 236 – 258.

15Ich verweise hier auf den Artikel von MATTEO VINCENZO d’ALFONSO, Die vielfältigen Gestalten des Phänomens in der WL 1810, in: In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 209 – 244.

16Die WL 1804/2 geht bereits diesen zweifachen Weg einer aufsteigende Vernunft- und Wahrheitslehre einerseits – und einer Phänomenologie der Erscheinung oder Scheinlehre des Absoluten andererseits. Man bedenke, dass hier „Phänomenologie“ aber eine ganz andere Bedeutung hat als bei HUSSERL. Hier ist aus dem Bildakt der Reflexion die Erscheinung in ihrem Wie der Entstehung eingesehen, weil aus der Verobjektivierung des Reflexionsaktes die objektiven und subjektiven Erscheinungsformen des Wissens folgen.

17D’ALFONSO, ebd. S 221.

18Ebd. S 229 ff.

19Man müsste hier ebenfalls wieder viele Warntafeln aufstellen, dass „Begriff“ hier nicht wie bei HEGEL dialektisch gewonnen ist, sondern gerade aus der Einheit von Denken und Sein abgeleitet wird.

20D’ALFONSO, ebd. S 237ff.

21Ebd. S 241.

22Dies ist natürlich hier von mir nur höchst summarisch gezeichnet. Die Zitate bei FICHTE zur WL 1810 siehe wieder A. BERTINETTO, a. a. O., S 270. Von Seiten des zeitlichen und räumlichen Setzens her gesehen, d. h. von der Reflexion der Vernunft her gesehen, müssen die auftretenden sinnlichen Hemmungen und interpersonalen Aufrufe formal unableitbar und relativ absolut erscheinen, damit eine freie Vernunftbildung ermöglicht werden kann. Gerade deshalb ist die Vernunftwelt keine geschlossene, sondern eine schöpferisch geöffnete Welt, in der die materiale Fülle der Vernunftidee kreativ verwirklicht werden kann, theoretisch, praktisch und ästhetisch zugleich.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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