Bildtheorien 1. Teil – zu G. BOEHM

Zufällig fielen mir zwei Rezensionen von ANTJE KAPUST in die Hände, worin ich 

Glyptothek, München

einen Überblick über neuere Aspekt der Ikonik und Bildforschung fand.  Ich las die zwei Artikel nicht ungern, zumal ich mich a) gerne an solche Vorlesungen erinnere (KU Linz) und b) mich sonst leider nicht diesen Themen widmen kann. Deshalb eine willkommene Abwechslung! Aber eines fiel mir sofort auf: Das Denken von Bildlichkeit kann doch nicht ohne  transzendental-reflexives Sehen erfolgen? Der Bildphilosoph schlechthin  ist für mich  J. G. FICHTE, der weitab von allen anderen Philosophen den Bild-Begriff selbst zum Zentrum seines Denkens gemacht hat. Wie sich keine Wissenschaft, keine Religion etc.  generell der apriorischen Wissensbedingungen entziehen kann, die zugleich ontologische Konstitutionsbedingungen sind, so kann sich erst recht nicht eine Bildwissenschaft den transzendentalen Grundlagen des Bildens, wie sie kein anderer Philosoph besser als  Fichte dargelegt hat, entziehen.

Im Bilden geht es sowohl um den höchsten Begriff des theoretischen Erkennens (Wissens), als auch um das geistige Handeln im praktischen Sinne. Bilden ist wissendes Bilden aller Subjektivität und Objektivität, Nach-Bilden des reflexiven Seins des Wissens und zugleich praktisches Voraus-Bilden eines Werdens (ebenfalls als Bild), lebendige Sichbezüglichkeit des Lebens, Erscheinung des Absoluten als Ur-bild, worauf sich das vernunftgemäße Bilden (als substantielles Abbild, als substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt)  als Bild (als des Absoluten Erscheinung) bezieht. Im Bilden sind formale Reflexivität und inhaltlicher Glaube eines sich rechtfertigenden Wahren und Guten vereint, mit der WL 1805 gesprochen (siehe Blog zur 12. u. 13 Vorlesung): die äußere Existentialform des Wissens, begründet im Grundsein einer Erscheinung des Absoluten, und Glaube eines sich selbst rechtfertigenden Wahrseins und Gutseins dem qualitativen Inhalte nach, sind analytisch-synthetisch vereinigt. Das Bildsein des Wissens stellt sich dabei fünffach dar, je nach Standpunkt des reflektierenden Denkens: als äußere objektive Bildform einer stehenden Natur, als innere objektive Bildform einer dynamischen Natur (Leib und Moralität), als äußere subjektive Bildform einer stehenden Interpersonalität (Zweckbegriff) und als innere subjektive Bildform einer die interpersonalität ergreifenden, objektiven Form der Religion. Alles im und durch das setzende und gegensetzende Reflektieren gefasst, in der Ichform des Denkens (die Terminologie Fichtes in der Jenaer Zeit), oder, was das Gleiche besagen soll, in der Bildform des Wissens (in der Terminologie der Berliner Zeit) gefasst.

Quer zu dieser fünffachen Bildform muss eine geschichtliche Bestimmtheit des Bildens gedacht werden, wodurch unmittelbar die Bildform des Wissens (die Ichheit, die Bild-Einheit des Wissens) sich bestimmen und sich sehen und sich bilden kann.

Indem die Transzendentalphilosophie – und ich meine die von Kant begonnene Form der Einholung des eigenen Standpunktes, Reflexion auf die Bedingungen der Wissbarkeit von etwas – von einem geistigen Akt ausgeht anstatt vom Sein, setzt sie in ihrem Bilden das gebildete Bild und das Bild dieses Bildes in Einheit voraus: Als absolutes Bilden zur Sichbestimmung, aber in Bezug auf eine aus ihr hervorgehende Aufgabe, die Wahrheit als Wahrheit zu realisieren.

Dadurch kommt eine Doppeltheit in die transzendentalen Apperzeption des Bildens hinein: Das Bilden des (absoluten) Wissens ist zugleich selbst „nur“ ein Bild, Bild eines Bildes.

Ich rezipiere A. Bertinetto, um FICHTE verständlich zu machen: Bilden ist Wissensvollzug, aber gerade deshalb erscheinend nur als Bild, als durch einen Begriff gebildetes Bild (Wissen). Bild ist objektive Beziehung auf etwas anderes hin, letztlich Bild des erscheinenden Absoluten, und subjektive Beziehung auf sich selbst. Das Bild ist Verhältnis zum Abgebildeten (Bild) und Verhältnis zu sich selbst (Bild des Bildens). „Bild ist differenzierte Einheit von sich selbst und dem, was nicht Bild ist, als dem Anderen des Bildes: Bild ist Einheit von Bild und Sein. Das Andere des Bildes erscheint im Bild, und ohne dessen Erscheinung wird kein Bild, weil das Bild in seiner Erscheinung besteht.“1

Wenn man schon die ehrenhafte Aufgabe hat, das Wesen des Bildes zu charakterisieren, so frage ich mich, warum die Bildlehre der WL Fichtes, worin alles um diese Selbstreflexion des Bildes und um die Begründung der Apperzeption kreist, in den rezensierten Schriften, hier konkret bei G. BOEHM,  nicht vorkommt?  

Die WL Fichtes, so kann berechtigt übersetzt werden, ist reine Bildphilosophie, weil sie die philosophische Reflexion in dem Moment begründet, in dem Philosophie selbst erst möglich wird. Sie bildet die Prinzipien der Erkenntnis der Bedingung der Möglichkeit (der Wissensbedingungen)  nach, indem sie sie zugleich in der Wirklichkeit praktisch hineinbildet (sie schematisiert).  Die WL ist vollständiger Schematismus des Wissens, Selbstdarstellung des Wissens in actu – und deshalb reine Bildlehre.

KANT hat die Möglichkeit der Erfahrung in einem eingeschränkten Sinn einer die Mannigfaltigkeit zusammenfassenden Einheit der Apperzeption reflektiert, in einer theoretischen Bildeinheit; FICHTE fand das inkonsequent: Die Einheit der Apperzeption muss die Mannigfaltigkeit selbst in und aus einer  Einheit der Apperzeption (der Selbstbeziehung)  und somit in  Formen der intellektuellen Anschauung und des Bildes fassen können. (Siehe dazu meine Blogs zum Zweckbegriff der WLnm. Der 2. Teil nach dem 15. Vortrag der WLnm ist die praktische Versinnlichung und Verzeitung des Wollens, analytische Bildlehre reeller, praktischer Wirksamkeit.)  Beschäftigen wir uns gut 200 Jahre nach KANT und FICHTE noch immer mit der Suche nach einem Kontinuum, „ikonisches Kontinuum“ nennt es G. BOEHM, uneingedenk der eigenen Standpunktreflexion und uneingedenk der Verobjektivierung, sobald wir etwas unter Bedingungen der Raumanschauung suchen? Soweit ich das herauslesen konnte, übersteigt G. BOEHM nicht das räumliche Denken. Er erreicht nicht die Höhe einer Zentrierung des Wissens, wie es im „THEAITETOS“ des PLATON  schön beschrieben ist (Siehe diverse Blog zu PLATON).  

ANTJE KAPUST, Sprachen der Ikonizität. Neuere Ansätze in der Bildforschung (Teil 1), in: Philosophische Rundschau, Bd. 62, Nr. 3, Sept. 2015, 191 – 224;  PhR 62, Nr. 4, Dez. 2015, S. 291–331, 2. Teil.

GOTTFRIED BOEHM: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2007. Berlin University Press. 282 S. (zitiert als Sinn erzeugen)

Gottfried Boehm/Birgit Mersmann/Christian Spies (Hg.): Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. München 2008. Wilhelm Fink. 435 S. (zitiert als Movens)

Gottfried Boehm/Sebastian Egenhofer/Christian Spies (Hg.): Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. München 2010. Wilhelm Fink. 463 S. (zitiert als Zeigen)

Gottfried Boehm/Matteo Burioni (Hg.): Der Grund. Das Feld des Sichtbaren. München 2012. Wilhelm Fink. 490 S. (zitiert als Grund).

Was ist ein Bild? Der Begriff des Bildes hat enorme semantische Kraft, es ist aber nur Bild durch das, was es darstellt. Mit FICHTE gesprochen, sozusagen als These vorangestellt: „Der Begriff Bild erlaubt zu verstehen, dass es unmöglich ist, das Absolute unmittelbar zu erfassen, da auch das Wort „Absolutes“ nur das mittelbare Sprachbild eines als unbegreifbar Begreifbaren ist: denn das, was der Begriff (und deswegen auch das Wort als Begriffsbild) ergreift, ist eben ein Bild des Absoluten, aber dann nicht das Absolute als solches selbst.“ 2

1) Nach A. KAPUST (1. Teil, zur Bildhermeneutik) geht es z. B.  bei G. BOEHM um die „ikonische Differenz“, die letztlich das Bild in seiner Eigenmacht und seinem Eigengehalt beschreibt und zur Wirkung bringen soll. Die Relevanz von Bildern in ihren Bestandteilen von Wirkung, Materialität und Sinn, ist gefragt –  und das gesuchte Wesen wird in der Wissenschaft der Ikonik bestimmt. Wie und Womit wird der jeweilige Sinn und die erfahrene Wirkung generiert? Wie und womit wird von den Universen des Zeigens und den herkömmlichen Symbolisierungsformen des „Sagens“ abgegrenzt? (A. Kapust, ebd. S 193)

Als Leitfaden dienen drei Fragen: Was meinen wir, wenn wir vom Bild reden? Warum dient eine Sprachkritik dem Verständnis des Bildes? Was bedeutet die Logik der Bilder? Zur Klärung skizziert Boehm wesentliche Grundzüge des Ikonischen. Die ursprüngliche Ausgangsfrage »Was ist ein Bild« (1994) geht über in die Frage nach der Macht von Bildern durch Movens und Affekt und stößt schließlich vor zur zentralen Frage nach der Sinnerzeugung. Stand in den frühen Überlegungen noch das Moment der Darstellung im Vordergrund, wird dies später zugunsten eines Unsichtbaren und Ungesagten akzentuiert. War zuvor der Begriff der Evidenz leitend, so wird nun von Differenz gesprochen.“ (A. Kapust, ebd. S 194)

Die philosophischen Versuche des Denkens einer Differenz wurden in den Symbolisierungsformen nicht-verbaler Art  im Sinn eines Zeigens gegenüber dem Sagen schon mehrfach dargestellt. BOEHM will das weiter ausführen und die Organisationsform des Bildes begreifen. (A. Kapust, ebd., S 195) A. KAPUST hebt vier Punkte der Beschreibung der ikonischen Differenz bei BOEHM heraus.
Ich möchte die 3. Charakteristik zitieren:
„Diese Differenz aktiviert die entscheidenden Strukturelemente eines Kontrastes zwischen kontinuierenden Momenten und diskreten Elementen, die ein Bild zum Bild machen.“ (ebd. S 195). Schließlich wird durch die ikonische Differenz das Bild als Ereignis umkreist. Die ikonische Differenz wird zum „visuellen Dispositiv für theoretische Begründungskomplexe“ (ebd. S 195)

Was könnte ein „visuelles Dispositiv“ sein? Ist es nicht gerade umgekehrt, dass eine visuelle oder virtuelle Dispositivität, oder besser und prinzipiengerechter gesagt, dass für eine Handlung des Bildens (für einen späteren visuellen Eindruck)  schon ein praktischer Handlungsraum der Disposition (sozusagen ein voluntatives Bild) vorausgesetzt werden müsste, damit es überhaupt zu einer Begründung kommen kann? Spreche ich von einem „visuellen Dispositiv“ ist ja eine Form des Bildes bereits als Objektivation abgesetzt und eine zirkelhafte Erklärung eröffnet: Das Visuelle beruht auf der Disposition, und die Disposition wird gezeigt durch etwas Visuelles.  Das gesuchte „Zeigen“ wird nicht mehr in seinem Aktcharakter, theoretisch wie praktisch, gefasst.  

Was  bei BOEHM  Bildsein und Bildlichkeit alles besagen kann bzw. was ein Bild zu einem hermeneutischen Ereignis macht – siehe dann die Zusammenfassung bei A. KAPUST, S 195.196.

BOEHM: „(…) Die ikonische Differenz generiert Sinn, ohne »ist« zu sagen, sie eröffnet Zugänge zur Realität, die sich erweisen, die sich zeigen. Bilder sind deiktische Ereignisse, ihr Sinn der Effekt einer materiellen Ordnung und Disposition.« (Rheinsprung, S. 174)“

Der Sinnbegriff soll  die Bedeutung des Bildes und des Zeigens – das von BOEHM implizit schon objektiviert vorgestellt wird! –  tragen, generiert von der ikonischen Differenz: Das ergibt bestenfalls eine Meta-Charakteriserung  und Sinn-Objektivation eines Bildes, und verweist wiederum im unendlichen Regress auf eine höhere Charakterisierung und Sinngebung (Deutung) des Bildes. Der Sinn verweist auf eine Letztbegründung, ja, auf einen Grund im Begriffe, der aber nur überzeitlich das sein kann, was angestrebt wird: Grund im Sinne eines konstitutiven Begründens zu sein, nicht wieder nur ein räumlich und zeitlich unbestimmtes „Kontinuum“.
Das ehrenwerte Thema einer Frage nach dem Grunde kann nicht außerhalb des Bewusstseins gesucht werden.  Das überzeitliche Bilden,  worauf sich die Bildhermeneutik und jede Phänomenologie konstitutiv immer beziehen,  verweist auf eine lebendige, rechtfertigende, explizit als solche anzusprechende
Sinnidee, die nur in einem überzeitlichen Konstitutionsakt liegen kann, was nochmals heißt in einem sowohl sittlich-praktischen wie theoretischen Konstitutionsakt, sprich im Bild Gottes, wie es sich sittlich-praktisch in Interpersonalität und in geschichtlicher, positiver Offenbarung und in apriorischer Offenbarung zeigt.
Gibt es bei G. BOEHM im gesuchten Begründen  eines Bildes eine explizit sittlich-praktische Begründung des Bildens und des Bildes? M. E. nicht, weil der transzendental-reflexive Grund des Begründens nicht als absoluter Bestimmungsgrund ausgewiesen wird. Dieser absolute Bestimmungsgrund fordert pertinent die Realisierung der Sinnidee und das adäquate Nach-Bilden im Bildungsakt des Sich-Wissens.
Nach meiner spärlichen Lektüre, was ich zugestehen muss, werden m. E. von vornherein die transzendentalen Konstitutionsbedingungen des Bildens nicht erreicht, sodass stets geschwankt wird zwischen realistischer und idealistischer Begründung des Bildens, ausgedrückt in verschwommenen Begriffen wie  „ikonische Differenz“. Im Differenzieren liegt ein Bilden, im Bilden liegt ein Bild, im Bild wieder ein Bild, ja, aber was ist transzendentale Begründung dafür, dass überhaupt gebildet werden kann und in welcher Weise der Sichtbarkeit zeigt sich dieses Bilden? Die Verobjektivierung einer „ikonischen Differenz“ oder eines „ikonischen Kontinuums“ oder eines „Zwischen“ wird m. E. nicht eingeholt.  

2) Für BOEHM ist die Evidenz das Kriterium, die Bilder zu verstehen. Bilder lassen etwas aufleuchten, bewirken etwas. Ja, das könnte ich vorläufig bejahen, aber wie ist das gemeint? Kann in der Wahrnehmung schon die Evidenz liegen, die dann im Bild vertieft wird.

Auf das Theorem der Evidenz scheint sich G. BOEHM zu verlassen.  Die Evidenz wird zur Abgrenzung gegenüber Bildanthropologie, Bildsemiotik, Bildakttheorie und Bildpragmatik. A. KAPUST gliedert dies in acht Punkten auf (ebd. S 197). Im Bild liege sowohl eine Sichverweis (index sui), wenn es sich zur Evidenz steigert, und ein Sachverweis (index veri). Es sind zwei Seiten des Zeigens, der Deixis.

Evident ( ἐνάργεια ) besagt einerseits die unmittelbare Offenkundigkeit, Selbstbezeugung und Augenscheinlichkeit eines Gegebenen, andererseits die diskursivgewonnene Gewissheit von etwas. Die Präsentation als Selbstgebung grenzt sich a) von den Modi der Medialität (Darstellungen in einem Medium oder Materialität), der Konstruktivität (Erzeugung von Vorstellungen) wie auch der Repräsentationalität (Vergegenwärtigung und Stellvertretung) ab. »Offenkundigkeit« wurde zunächst vor aller diskursiven Beschlagnahmung den sinnlichen Qualitäten  schon entnommen.“ (A. Kapust, ebd. S 198.199).

A. Kapust beschreibt dieses Anliegen so: „Evidenz erfüllt bei Boehm einen dreifachen Zweck. Sie schafft einen Anfangspunkt; sie eröffnet Felder von Differenzen; sie erlaubt die Fokussierung auf das Ikonische und bietet den Raum für ikonische Duplizität.“ (ebd. S 199)

A. Kapust spricht dann auch von „Modalitäten“, wodurch die Denkform der ikonischen Duplizität BOEHMS systematisch noch weiter ausgearbeitet wird. (ebd. S 200).

Ich zitiere Kapust – und in Klammer, in roter Schrift, gleich meine Rückfragen: „Bildlichkeit entsteht, wenn ein Bildding als Bild aufgefasst wird und auf diese Weise im Bild ein Bildsujet zu sehen ist.

(Anfrage meinerseits: Sind das Bild-Ding und das Bildsujet also objektivistisch schon vorgegeben? Richtet sich das vorstellende Ich ganz und gar nach dieser Ähnlichkeit des Bildsujets ohne praktische Sinnbildung im Voraus? Wird eine doppelte Wirklichkeit zwischen Bildsujet und vorstellender Tätigkeit vorgestellt? Das Sehen eines Ähnlichen als Bild repräsentiert ja wiederum bloß eine Drittes zwischen Anschauung einer Sache und Begriff einer Sache. Was begründet wiederum dieses vermittelnde Dritte in der Repräsentation? )

„Bildlichkeit geht daher nicht auf die Verdoppelung der äußeren Wirklichkeit zurück, die »re-präsentiert« wird. Husserl unterscheidet zwischen dem physischen Ding (das aus einer Leinwand, Papier oder anderen Materialien besteht), dem Bildobjekt (das Erscheinende bzw. der Repräsentant) und dem Bildsujet (das Repräsentierte). Gerade auf dieser Grundlage war es für nachfolgende Denker möglich, Momente wie das Zwischen zu betonen, wobei zu notieren ist, dass das Zwischen als eine Figur der Differenz gilt.“ (ebd. S 201)

(Wiederum Anfrage meinerseits: Was begründet das Zwischen des Zwischens? Die Geltungsbegründung, von der z. B. HUSSERL redet, aber sie nicht praktisch ansetzt, muss notwendig entfallen, weil keine transzendentale Einheit des Wissens zugegeben wird bzw. kein Ende der Dekonstruktion. Was kann aber dann noch „Evidenz“ bedeuten?)

3) Es fehlt mir bei dieser Rede von der „Evidenz“ die Zusammenschau der zwei Ordnungen des Denkens, des implikativen und des appositionellen Ordnung. Nur gemeinsam, integrativ, können sie zum Begriff eines zureichenden Grundes erkenntniskritisch führen. Fichte nennt es „Intellektion“ oder „Intelligieren“. 

Eine logisch-begriffliche Identität, wie sie von KANT durch die logischen Funktionen des Urteils als gültig vorausgesetzt wurde, kann es nur geben dank einer übertragenen Identität aus der Ichform. Das Übertragen geschieht dank des Vermögens der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft, das von KANT schon kongenial angesprochen, aber von FICHTE in ihrem dialektischen Schweben erst begriffen werden konnte (§ 4 der GRUNDLAGE). Dieses Übertragen kann in Begriffen der appositionellen Ordnung (zusätzlich zur implikativ-logischen Ordnung) gefasst werden, wodurch immer zugleich  ein theoretisch wie werthaft-praktischer Bildungsakt möglich ist – und zugleich wirklich gesetzt werden kann, spontan wie frei.   Nach der WL 1810 wird das so beschrieben: 3

a) Wenn mit allen Konsequenzen philosophiert werden soll, so wird argumentativ ausgegangen von einer Hypothesis der Erscheinung des Absoluten (GA II, 11, 293 – 302). Aber allein schon mit die Möglichkeit des Wissens wird eine gegenseitige Bestimmbarkeit von Wissen/Bild und Erscheinung des Absoluten vorausgesetzt.

b) Die Denkbarkeit dieser gegenseitigen Bestimmbarkeit setzt aber eine intellektuelle Anschauung voraus, eine Anschauung der Erscheinung,  die der Möglichkeit nach vollzogen und gebildet werden kann. Die Existenzsphäre dieser durch die Erscheinungen ermöglichten Form der Denkbarkeit oder Bildbarkeit vollzieht sich in der Behauptung einer sittlich-praktischen Wahrheit als wirklich, wodurch der Weg des synthetischen Aufstieges zu dieser, im Grunde platonischen Idee des Guten, der gesuchten Sinn-Idee, zugleich zu einem analytischen Abstieg in der Erscheinungslehre eines wahrhaften Bildseins führt. Die Evidenz der sittlich-praktischen Wahrheit wird zugleich ein Weg der Bewährung dieser eingesehenen Wahrheit im Bildsein der Ichform.

Es würde mich hier natürlich eines beträchtlichen Aufwands der Zitierung der WL kosten, siehe dazu andere Blogs, aber zur Verständlichmachung meiner Skepsis des Denkenes einer „ikonischen Differenz“ muss ich mich erklären: Das Bild des wahren Lebens, das als Begriff und Grund der Welt allem Philosophieren letztlich zugrundeliegt, wird durch seinen Inhalt selbst entzweit und empfängt seine Form als Ichheit, als Ichform, die sich bei diesem Vorgang reflektiert als Bild des Bildes des Begriffs. Die Reflexion des Bildens kann sich selbst bewähren als wahrhaftes Abbild. Der Modus des Vorgestelltwerdens, in dem das Ich ständig schwebt durch die ursprünglich produzierenden Einbildungskraft, ist die angehobene Möglichkeit des Denkens, die Kategorie der Möglichkeit, die bei eintretender Hemmung/Aufforderung durch das Denken zu einem gedachten Vorgestellten, einem konkreten Gedachten, einer Synthesis des Bildes, gebildet wird. Die Differenz erzeugt nie selbst das Bild, sie geht aus dem Bild des Denkens erst hervor. (Siehe z. B. Blog zum Begriff der Epistemologie bei M. J. SIEMEK).

Die Abstraktion einer Transzendentalphilosophie (WL) rekonstruiert die ERSCHEINUNG in kreativ nachkonstruierender Weise. Neben dieser spezifischen Tätigkeit einer Philosophie (bzw. jedes Denkens, jeder Wissenschaft) ist das ganze Leben der Vernunft diese Bildlichkeit und spricht sich in vielen anderen Formen des Bildens, nicht nur philosophisch-abstrakt, aus: im ästhetisch-schöpferischen Bilden, im sittlichen Bilden, in der Sprache usw. WL oder Philosophie ist eine (abstrakte) Form der genetischen Erklärung der mannigfaltigen Formen der Erscheinung, ist genetische Bildlehre, wissenschaftstheoretische Erklärung des nicht nur theoretischen Bildens.  Solche Kunsttheorie und Bildlehre wie bei G. BOEHM ist ja interessant! Aber die alte Metaphysik eines vorausgesetzten Seins spukt noch immer herum.

c) Ich gehennach der WL 1810 weiter: Das Verhältnis Erscheinung/Absolutes wird von FICHTE analysiert als Sein außer dem Sein. 4

d) Die Erscheinung des Absoluten ist die grundlegende Form des Schemas überhaupt, der Bildlichkeit oder Bildform, der Ichform – und weiterer, verschiedener Modalitäten dieses Schemas.

e) FICHTE analysiert die Erscheinung als schematisierendes Leben.5 Das schematisierende Leben ist es, das die Spaltung zwischen Wissen und Gewusstes, Gebildetes und Abgebildetes herbeiführt.

f) Dieses schematisierenden Leben ist die Erscheinung als Wissen, als Bildlichkeit, in einer dreigestuften Form des Wissens: Anschauung der Erscheinung wird Begriff und der Begriff ist dieses Zusammenwachsen, Konkreszieren von anschaulichen kontinuierlichen und punktuellen, begrifflichen Momenten.

FICHTE kann in der transzendentalen Logik sagen (1812): Das Bild oder die Bildlichkeit ist Begriff, etwas Gesehenes, eine „absolute sich Aeusserung, u. Darstellung“ (Transzendentale Logik 1812, SW IX, 147), die Ichform, wodurch sich das Wissen der reinen, im Hinblick auf Freiheit angehobenen Möglichkeitsform, in reiner Bildform darstellt.

g) Die Erscheinung wird von FICHTE weiter analysiert als Sichtbarkeit des göttlichen Lebens 6 und als

h) Ichform, wodurch die Sichtbarkeit des göttlichen Lebens sichtbar wird.7

Die Bildform stimmt mit der Ichform völlig überein. Im Bildungsakt vollzieht sich Teilhabe am göttlichen Leben, vollzieht sich Sichtbarkeit des göttlichen Lebens,  Brechung des Lichts durch das Prisma der Ichform in der fünffache Weise des bildenden und gebildeten Wissens.

Die damit einhergehenden Sinn-Idee in allem Bilden ist höchstes transzendentales Postulat, ist als Aufgabe in jeder Bildung (ästhetisch, sittlich-praktisch) angesetzt, und ist  nicht selbst relativ und zeitlich, wiewohl sie im Setzungsakt der Vernunft  notwendig zeitlich und geschichtlich und räumlich erscheinen muss, will sie in Ichform gewusst uns vollzogen werden.  

Die höchste Sinn-Idee liegt begründet im  apriorischen, unzeitlichen Soll des Sittengesetzes, welches unbedingt gilt und nicht bloß ein replikatives Abbild und Reflexionsbild eines empirischen Bedürfnisses oder eine empirischen Wahrnehmung ist.  Eine unmittelbare Evidenz der Bewährung des Wissensbildes im Seinsbild und umgekehrt des Seinsbildes im Wissensbild – wie BOEHM anscheinend von der Evidenz als Begründung und Rechtfertigung vertrauensvoll spricht –  kann es in unmittelbarer Weise nicht geben.  „[…]. Evidenz entsteht aus dem kunstvoll angelegten Selbstvergleich zwischen dem, was die Vorgabe zeigt und dem, was sie an Sinn induziert. Die Erfüllung will gelingen, erzwingen lässt sie sich nicht. Evidenz ist ihrer Erfahrung nach kein Gegenstand, sondern Wirkung, eine Wirkung, die ermächtigt, von ihr zu reden.« (G. BOEHM, Movens, S. 31) Das ist nur gläubige Rede, nicht begründet und gerechtfertigt. 

Was die Wirkung des Sinns wirklich ist, der Geltungsgrund, das wäre ja das Interessante. Der kann sich nicht per factum bloß einstellen,  induktiv bewähren, wie immer. M. a. W., die Evidenz des Lichtes und der Wahrheit ist eine zeitlose, unwandelbare, materiale Wertfülle und kommt nicht aus dem Vermögen  der formalen Reflexion der Vernunft alleine bzw. aus der unbestimmt gelassenen „Evidenz“ einer Anschauung. Welche Anschauung ist gemeint? Welche Evidenz?

Es sind hier natürlich Themen angesprochen, die von  G. BOEHM vielleicht  stillschweigend mitreflektiert sind. Vielleicht die gestufte Erkenntnisordnung nach PLATON? Vielleicht der „Seelenfunken“ aus der Stoa und der Mystik? Wie immer, die „Evidenz“ kann als verobjektivierte Form des Wissens nicht Wahrheitskriterium sein.  

(c) Franz Strasser, 11. 7. 2016

 

1Alessandro Bertinetto, Das Bild als Durch-Einheit. Das Bild und die Wissenschaftslehre. In: Fichte-Studien, Bd. 42, 2016, 63 – 72.

2ALESSANDRO BERTINETTO, „Sehen ist Reflex des Lebens“. Bild, Leben und Sehen als Grundlage der transzendentalen Logik Fichtes. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 269 – 306, ebd. S 271.

3Ich verweise hier auf den Artikel von MATTEO VINCENZO d’ALFONSO, Die vielfältigen Gestalten des Phänomens in der WL 1810, in: In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 209 – 244.

4D’ALFONSO, ebd. S 221.

5Ebd. S 229 ff.

6D’ALFONSO, ebd. S 237ff.

7Ebd. S 241.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser