J. G. Fichte, Transzendentale Logik I (1812).
Worum geht es in diesen Vorlesungen? Fichte selber geht es um eine Vorbereitung und Hinführung zur Wissenschaftslehre.1
Ich möchte subjektive Eindrücke meinerseits hier noch voranstellen: 1) Der Universalienstreit des Mittelalters offenbart ganz gut die versteckten Fragen: Nach dem Realismus ist Allgemeinheit eine Eigenschaft von Sachen (res).
Nach dem Nominalismus ist Allgemeinheit nur eine Eigenschaft von Namen (nominal). So werden Namen wie ‚Mensch‘ vergeben und treffen dann auf mehrere „Sachen“ (Menschen) zu, aber Allgemeines an sich existiert nicht.
(Siehe z. B. Artikel zum Universalienproblem bei wikipedia.)
Es kommt darauf an, so jetzt Fichte in der „Transzendentalen Logik“ (1812) (abk.= TL 1), den „letzten Sehpunkt“ der Bildlichkeit (fhS, 4, 1, ebd. S 160) zu gewinnen, aus dem Bild wie Begriff (Anschauung und Begriff in organischer Einheit) abgeleitet werden können. Das hat a) einen analytischen Wert in sich selbst, aber darüberhinaus will Fichte ja mit der TL 1812 (1 und 2) b) die Einheit des absoluten Wissens und die Genetisierung aus dem absoluten Sein erreichen, um daraus ableiten zu können – siehe dann meine weiteren Teile, Paraphrase 2. – 4. Teil
Nach der TL 1 geht es a) um schlechthin die Empirie bezeichnende Begriffe wie Körperlichkeit (Materialität) oder „Natur„, siehe ab 12. Stunde, als auch um b) „höhere“, empirische Begriffe, die sich einem Unter-Gesetz des empirischen Bewusstseins verdanken wie z. B. „Pflanze, Tier, Mensch“. 2
Beide Begriffsarten, höhere wie niedrigere Begriffe, sind aber weder realistisch abgeschaute Abbilder, als könnte das Sein der Dinge an sich erkannt werden, noch bloß konventionell gebildete Begriffe, bloße nomina, die, unbekannt aus welcher Quelle, für jedes Sein und Ding vergeben werden, sondern die Begriffe sind Bilder des Seins in einem Verhältnis zum konzeptionellen Bilden des Bildes vom Sein – und sind genau zwischen Realismus und Idealismus im Schweben der Einbildungskraft in selbstanschauender Ichform gebildet.
Die höhere transzendentale Reflexion ist ein notwendiges Sehen, ist genetische Vernunft, die die Begriffe und die Anschauungen setzt, implikationslogisch und appositionell.
Anders gesagt: Das Sehen zeigt sich als eine Form des Lebens und zeigt sich in Formen des Seins und Werdens.3
Gerade diese Konzeptualisierung und das Bilden des Bildes vom Sein zu erfassen und zu verstehen in einem transzendental-genetischen Sehen, das ist Aufgabe der Philosophie und der Wissenschaftslehre – und hier z. B. als Prolegomena demonstriert, als Formen der Phänomenalität einer Logik, die sich erschöpft in einer transzendentalen Reflexibilität.4
(Ein Einschub jetzt von mir: Sobald man im Bereich der Anschauung auf eine nicht mehr reflektierte Ebene der Logik und der sprachlichen Gebilde überwechselt und dort zu denken beginnt, ist bereits eine unüberbrückbarer Kluft zwischen Begriff und Sein (Anschauung) aufgetan, die nie mehr zu schließen ist. Nach meiner bescheidenen Lektüre der Analytischen Philosophie verheddert sich diese von Anfang an in eine Menge von Relationsproblemen zwischen Denken und Sein, zwischen Wörtern und ihrer Bedeutung. Sie supponiert ständig eine Einheit im Sprechen, aber ist ständig hinterher, das Denken dieser Supposition einzuholen. Sie kommt zu keiner Einheit, weil prinzipiell die Möglichkeit und Wirklichkeit des Seins den Bedingungen der Wissbarkeit nach in den Begriffen der Reflexivität, letztlich der Reflexibilität der WL, nicht adäquat gebildet und eingeholt sind.
Man weicht mangels transzendentaler Einheit (in der transzendentalen Bildlichkeit des Wissens) auf metasprachliche Argumente aus und redet über den Sprachgebrauch, von einer Performativität der Sprechakte, redet von Lebensformen, die in der Sprache zum Ausdruck kommen, von der unhintergehbare Logik der Grammatik in der Sprache usw. Man vermag bestenfalls faktisch zu erklären, dass gewisse Konzepte, Zeichen, Sprechakte, oh Wunder!, funktionieren, aber nicht, warum diese Konzepte/Zeichen das wahre Sein des Bezeichneten tatsächlich abbilden und enthalten sollen. Das Regelwerk ihrer (ich meine, der Analytischen Philosophie) aufgestellten Funktionen und Analysen und konventionellen Begriffe bleibt im Dunkeln. Die Vorlesungen der TL I hingegen, allein die Stunden 1- 11, sind m. E. so markant und deutlich in ihren Aussagen zur Logik und zur Empirie, dass ich mich frage, wann gibt die Analytische Philosophie endlich sich selber auf!)
2) In den ersten elf Vorlesungsstunden geht es in erster Linie a) um das Verhältnis Logik und Philosophie und b) wie es zum Begriff der Empirie und der Logik überhaupt kommen kann. Logik ist eine Form von Empirie.
In den Stunden 1. – 3. werden die Grenzen abgesteckt: Was ist das Wesen des Begriffes und was ergibt sich deshalb als Aufgabe für die Philosophie? Ab der 4.- 7. Stunde dreht sich alles um das Selbstverständnis des Begriffes im Allgemeinen, ab der 8. Stunde bis zur 11. Stunde um den Begriff im Besonderen.
„Ziel der WL ist, die genetischen Grundformen aller je möglichen Denkverfahren des Bewusstseins vollständig zu erfassen und objektivierend zu beschreiben.“5
2. 1) Die formale Logik, indem sie Regeln des Denkens erstellt und sie abstrahiert zu reinen Formen des Denkens, vergisst ihr eigenes Denken d. h. das die logischen Formen erstellende Denken. Es verobjektiviert und versinnlicht sozusagen die Regeln des Denkens, sowie in einer empirischen Anschauung die transzendental vorhergehenden Regeln der reinen Anschauung und der darin liegenden Begriffe vergessen sind. Die Analysen einer formalen (oder wie immer gearteten) Logik sind geschaffene Produkte der Reflexibilität der Vernunft, gebildet in der Geltungsform eines „Ich“ (einer „Ichheit“)6
Es ist die Frage Kants, wie können die apriorischen Erkenntnisbedingungen, die er nach seinem Dafürhalten herausgearbeitet hat, d. h. die reinen Anschauungsformen und die apriorischen Begriffe, mit wahrem Geltungsanspruch auftreten? Er löst das Problem mit dem genialen Begriff des Schemas, wodurch Anschauung und Begriffe aufeinander bezogen werden, Anschauungen werden appositioniert, Begriffe restringiert.
Fichte wird jetzt ergänzen: Es liegen noch viele andere Synthesen a priori zwischen reinen Anschauungsformen und Begriffen, so z. B. das Gefühl, der Trieb, wodurch das praktische Streben erst gedacht werden kann. Es bedarf deshalb bei Beobachtung des Schematisierens noch genauerer Begriffe, um Erkenntnis erreichen zu können.
In der Logik wie im Naturerkennen (Empirie), so Fichte, geschieht immer ein Akt des Subsumierens und Sehens mittels Unterscheiden und Beziehen und mittels kategorialer Begriffe und reiner apriorischer Anschauungen von Zeit und Raum.
Es ist ein Soll – nicht als Unterbereich einer Sittenlehre gleich zu vereinnahmen, wiewohl moralische Fragen immer enthalten sind – das sowohl ein conditionales wie ein causales Verhältnis von Denken und Sein (Begriff und Anschauung) ermöglicht und verbindet, d.h. a) das antezedens einer vorausgesetzten Vermittlung und consequens eines begrifflich Gedachten, als auch b) die causa sui und den effectus einer wirklichen Kausalität – hier z. B. als Gegenstand „Logik“ abstrahiert und angeschaut.7
Es ist dabei nochmals zu differenzieren zwischen einem absoluten Soll der Seinsvoraussetzung der Existenz (des kontingenten Ichs) überhaupt, als auch einem reflexiv-begrifflichen Soll eines Prinzips der Konsequenz, aus dem die Empirie (Natur), oder nochmals als Unterbereich abgeleitet, die formale Logik, folgt.
„Der reine Begriff des Soll setzt in seiner Form den Anfang von Logik als die bloße Möglichkeit zur Konkretisierung logischer Zusammenhänge.“8
Die so erscheinenden „Universalien“, realistische Allgemeinheiten in den Dingen oder bloße Namen, wie zur Debatte stand, sind a) Empirie, Natur, Körperlichkeit überhaupt und b) Pflanze, Tier, Mensch, als darunter zu verstehende Begriffe, sind abgeleitete Bilder des Bildes vom Sein, gebildet durch einen Reflex des Sehens, der a) conditional mitbedingt ist durch die Reflexibilität des Sich-Wissens (der Ichheit), wie b) real-kausal durch ein praktisches Interesse und Wollen bedingt.
Allgemeinheiten („Universalien“) existieren nicht realistisch vor der Möglichkeit ihres Begreifens, sie sind aber auch nicht bloße Wörter, „nomina“, weil in der Konkretisierung ihrer Möglichkeit (im Begriff des „Reflexes“ nach der TL I) eine genetisch-faktische und genetisch-praktische, zweckhafte Realisierung einer Idee einfließt.
Das Sehen von „Empirie“, „Körperlichkeit“, „Pflanze“, „Tier“, „Mensch“ entspringt einem notwendigen Sehen, d. h. einem realen, gesetzhaften Sehen in und aus praktischem Interesse zwecks Gewinnung eines „substantiellen Denk-und Selbstbestimmungs-Aktes“ (Ausdruck bei F. Bader), begründbar und rechtfertigbar in der Erscheinung des Absoluten, im Bild des wahren Seins.
Anders gesagt: Empirie, Körperlichkeit, Pflanze, Tier, Mensch, so Fichte hier in der TL I, sind in ihrem Bildsein kraft des notwendigen Sehens ideell und reell zugleich gesetzt. (Siehe dann TL – I, vorallem 11. Stunde u. a.). Die Frage nach den Allgemeinheiten liegt disjunktiv begründet in der genetischen Einheit und Dynamis eines Solls, das sowohl die Bedingung der Möglichkeit des Denkens bereitstellt, d. h. die idelle Bildlichkeit des Sich-Wissens, als auch die realen Anschauungs- und Begriffsbedingungen eines prinzipiellen Konsequenz offenbart, wie z. B. die Anschauung einer formalen „Logik“ oder die Synthesen eines Gefühls, einer interpersonalen Aufforderung oder einer anderen Anschauung.
Anders gesagt: Die Begriffe in ihrer epistemischen Bedeutung sind aus der selbst unbildbaren, epistemologischen, ideell-reellen Mitte eines Seins und Werdens – als Grundform des Bildseins – gewonnen, dank der Einheit der Reflexibilität. Sie können als untergeordnete (subsumierte) Bilder des reflexiven Bildseins (des tätigen Bildens) dargestellt und nach-konstruiert werden.
Das Bildsein eines in Ich-Form erscheinenden Urbildes kann selber nicht konstruiert werden, sonst fiele die Wissbarkeit und Sichtbarkeit der Konstruktion jedes anderen Bildseins weg. (Siehe genauere Begründung bei M. J. Siemek – Blog „Bild und Bildlichkeit“)
Anders gesagt: Ein Begriff z. B. einer sinnlichen Qualität (hart, weich, süß, sauer, heiß, kalt……) oder ein abstrahierter, logischer Begriff wie Urteil, Schluss, sind epistemologisch und epistemisch zugleich gebildet in der Bildlichkeit des Ichs und seiner reellen Gesetze.
„Nun ist es uns Ernst nicht mit der Logik: diese [dient uns] nur als Mittel: aber mit der ϕ. – [Dieser Vortrag ist auch eine] Einleitung drum, von der ich mir eine grosse Klarheit, u. zum verstehen zwingende Kraft verspreche. – . Der philosophische Sinn wird dadurch genetisch, als Erhebung u. Losreißung vom logischen.“ “9
(c) Franz Strasser, 20 11. 2025
1Vgl. dazu Alessandro Bertinetto, Die Grundbeziehung von Leben und Sehen. Fichte-Studien 20 (2003), NY, S. 203-213.
Ich zitiere dann aus der Studientextausgabe: J. G. Fichte, Transzendentale Logik I, frommann-holzboog Studientexte (fhS) 4,1, Stuttgart-Bad Cannstatt 2019. Reihe: Die späten wissenschaftlichen Vorlesungen IV. Neu herausgegeben von Hans Georg von Manz und Ives Radrizzani unter Mitarbeit von Erich Fuchs. (in der GA II/14)
1812 hat Fichte zweimal über Transzendentale Logik gelesen, vom April bis August und vom Oktober bis Dezember. Sie dienten als Einleitung zur WL neben seinen Vorlesungen „Über das Wesen der Philosophie“ und über „Die Tatsachen des Bewußtseins.“ Siehe dazu Jacinto Rivera de Rosales, FS-31 (2007), 245 – 254, S. 245)
2Hans Georg von Manz, Fichtes Theorie des Begriffs und der Empirie in der „Transzendentalen Logik I“: Zur Methodik, zu ihrem Status als Propädeutik für die Wissenschaftslehre und eine kurze Darstellung ihrer Ausgangsthesen, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 44 – 60. Vgl. „Die Apriorizität und Realität der (empirischen) Begriffe, S. 54.
3 Vgl. dazu A. Bertinetto, Die Grundbeziehung von „Leben“ und „Sehen“, ebd. Anm. 1.
4 Die TL I und II ist im Unterschied zu den im ähnlichen Zeitraum viermal vorgetragenen „Thatsachen des Bewusstseyns“ analytische Hinführung und Aufstieg zur höchsten Einheit der WL. Letztere „Thatsachen“ sind bereits Erscheinungslehre des Absoluten in der Wahrnehmung und jeglicher Sinn-Erfahrung.
5J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 100.
6Vgl. dazu Manfred Zahn, Die Idee der formalen und transzendentalen Logik bei Kant, Fichte und Hegel. In: Schelling-Studien. Festschrift f. M. Schröter. Hrsg. v. A. M. Koktanek, München/Wien 1965, S 153-191. Sammelband verschiedener Aufsätze von ihm, Hrsg. v. M. Scherer unter „Selbstvergewisserung“, Würzburg 1998.
7Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur, ebd. S 101ff.
8J. Widmann, ebd. S 103.
9 Transzendentale Logik I, frommann-holzboog Studientexte (fhS) 4, 1, S 5 Z8)