Formale Logik und Philosophie – 2. Teil

Was ist der Begriff des Begriffes? Wie hängen Anschauung und Begriff zusammen?

Transzendentale Logik I (1812), Reihe: Die späten wissenschaftlichen Vorlesungen IV. Neu herausgegeben von Hans Georg von Manz und Ives Radrizzani unter Mitarbeit von Erich Fuchs, fhS 4,1 Stuttgart, 2019.

Worum geht es in diesen Vorlesungen?
1. Stunde: Es geht um das Verhältnis Logik und Philosophie und inwiefern die Logik als philosophische Wissenschaft anzusehen ist.
Vor allem aber geht es um eine Hinführung zum substantiell wissenschaftlichen Denken, wie es die WL aufgestellt hat.1

Die Philosophie sieht an das Wissen, hat das ganze Wissen zum Gegenstand. Nur ein Teil davon wird angesehen durch das Organ der Logik.
Wissen ist unter anderem eine Verbinden eines Mannigfaltigen zur Einheit.

Der Blick ist die organische Einheit eines Mannigfaltigen, inklusiv eines darin vorkommenden Verbindens und Trennens. (vgl., ebd., S 5)
Die Logik enthält das Vorstellen in Begriffen, Urteilen und Schlüssen.

Das Verbinden, wie es für die Logik Gegenstand ist, ist eins mit einem bestimmten Bewusstsein. Die unmittelbare Apperzeption ist das Verbindende. (vgl., ebd. S 6)

Der Blik, das unmittelbare Sehen, u. Ersehen in seinem Werden ist das Verbinden.“ (S 6)

Das Ersehen hat keine diskreten Teile, sondern tritt konkresziert heraus als solches. „Das Sehen, als das frei verbindende. -. Im ersehen: ist das Sehen, es sieht sich nicht: das verbinden thut‘s eben im sehen, sieht es nicht: weil es dann sich sehen müßte. In der Reflexion oder Nachconstruction, sieht es sich – eben als gethan habend: u. Durch sich hindurch, das was es getan hat.“ (S 7)

2. Stunde (wahrscheinlich Nachtrag zur 1. Stunde 21. 4. 1812)

Im Unterschied zu den „Thatsachen des Bewußtseyns“ (gelesen 1810/1811; vgl. fhS Bd, 2, 283-391) geht es in der „Transzendentalen Logik“ (abk=TL) nicht um Reproduktion eines Bildes, sondern um das eigentliche Vorstellen als solches, „ob ein solches absolut unmittelbares ursprüngliches Vorstellen, (…) als abgesondertes Faktum vorkomme, oder nur durch abgesondertes Denken des W.L. gezeigt werde.“ (S 8)

Der Begriff ist: Beziehung durch das Setzen der Einheit einer Mannigfaltigkeit.“ (S 8) Es geht um das Sehen, das sich sieht, das Verbinden wird gesehen, und es geht um das „Ich“, das damit gebildet wird. (vgl. S 9)

Ist das Wissen nur Akzidens des Ichs als Substanz?

Für die Philosophie ist das Sehen eine geistige Kraft, die durch sich selbst sich gestaltet zu einem solchen synthetischen Blicke des Ich; die Logik sieht das Verbindende, sie ist aber bloß Prinzipiat des Ichs. Die Philosophie ist Begreifen des Begriffes selbst. (vgl. S 11) „Die ganze Form des Wissens wird von ihr begriffen; nur der absolute Inhalt nicht, weil er ist unmittelbares Bild des absoluten.“ (ebd. S 11) – „Nähere Erklärung der Philosophie: [sie ist] Begründung des Phänomene [des] logischen Ich.“ (ebd.)

Die WL ist im gewissen Sinne auch Nachkonstruktion, Bild, aber nicht aus dritter Hand, sondern „aus zweiter Hand: nicht theilweise, u. gestükelt, sondern im ganzen, u. aus einem Stüke.“ (S 13). WL ist Erkennen der Form des Wissens.

3. Stunde:  Die WL will eine „erschöpfende Uebersicht des gesammten objektiven Wissens: (…) S 17

4. Stunde  Wieder zum Begriff der Logik: Es ist ein Denken in Begriffen, Urteilen und Schlüssen.

Was heißt Denken nach der WL? „Das Wissen soll sich begreifen als das, was es ist, Erscheinung des absoluten. [Dies ist der Grundsatz der W. L.[ein] ein analysierender.) S 19

Das Sehen sieht sich aber nicht überhaupt objektiv – nur unter der Bedingung des Sein-Sollens des Begreifens.

Das Sich-Sehen ist eine Sich-Begreifen und umgekehrt, in absoluter Vereinigung.

das erste, das blosse hinsehen =Anschauung. Das damit vereinigte hinsehen des bestimmten Charakters des Angeschauten=verstehen, oder begreifen; den Charakter selbst [- das als – nennt man] den Begriff: das erzeugen des Charakters: Denken.“ (ebd. S 20)

Keine Anschauung ohne Denken und umgekehrt – in absoluter Unabtrennlichkeit sind beide vereint.

Beispiel: das Wissen soll sich verstehen, als Bild des absoluten. – . Es müsste drum, scheint es, vor allen Dingen sich verstehen, als Bild, von diesem GrundPunke seiner Selbstverständigung ausgehen.“ (ebd. S 21)

Es ist ursprünglich und in seinem absoluten Sein Bild. Damit ist sein Sein geschlossen.

Zufolge des Gesetzes wird es erst mehr: wird es ein Leben. [Es] müste sich sehen, u. dieses gesehene verstehen eben als Bild:“ (…) (ebd.)

Das Bild schlechtweg macht sich kenntlich und charakterisiert sich, begreift sich als Bild. „Bildwesen: ursprünglich u. erster Begriff. Ein Bild Bild eben vom Bilde überhaupt, u. seiner reinen Form, ohne alle Bestimmung. Dies ist das erste Denken, durch welches das erste, das Bild, verstanden wird, als solches.“ (ebd. S 21)

5. Stunde: Es geht um die absolute Vereinigung von Anschauung und Begriff. „Ein Begriff [wird] erst innerhalb des schon zu Stande gebrachten Sehens erzeugt: von etwas, das für ein BildSeyn gehalten worden, als ein Bild gefunden wird, [ein Characterisiren bleibt es immer, aber der Begriff der Empirie ist ein Factum u. nun [wird] sein Grundseyn gesucht: das wissenschaftliche intelligiren.“ (ebd. S 22)

Das Sein im Bildsein wird a) als seiend begriffen, und b) als genetisch begründet, weil die Gründe, wie es zu diesem Seienden kommt, intelligiert werden.

Der Logiker geht gleich von den Begriffen in plurali aus ohne zu bedenken, dass sie innerhalb des Wissens gebildet und gemacht werden durch ein freies Denken. Sie werden gemacht auf der Grundlage einer vorausgehenden Vorstellung, in welcher Mannigfaltigkeit liegt. (vgl. S 23)

Innerhalb der Mannigfaltigkeit geschieht dann a) Absonderung und b) Abstraktion, umfassend ein Mannigfaltiges von möglichen Vorstellungen.

Es herrscht hier in der Logik eine Konfusion, weil sie nicht weiß, woher die Abstraktion kommt. Der abstrahierte Begriff von einem Nichtbegriff?

Sodann wird in der Logik Mannigfaltigkeit vorausgesetzt, von der abstrahiert wird. Woher kommt diese? Bezieht sie sich auf die mannigfaltigen Vorstellungen, woher aber der terminus a quo des Mannigfaltigen?

Es werden abstrakte Begriffe gebildet und je nach philosophischen System verschieden gedeutet. Die Abstraktionen werden zu Dingen.

Es folgen Nebenbemerkungen zu Jacobi und Kant – und eine schöne Stelle zu Platon: Plato (sagt), [die] Urbilder der Dinge [lägen];} als Ideen, in dem göttlichen Verstande? Wie, wenn, abgerechnet, was abgerechnet werden muß, das wahre dieser Ansicht sich in einfache wissenschaftl[iche]. Prosa einkleiden,

u. in ihr bewahrheiten ließe[?]. Dann wäre freilich aller dieser Streite, u. Verwirrungen ein Ende.“ (ebd. S 26.27)

6. Stunde:  Bei den Logikern herrscht Willkür der Abstraktion, „zuletzt etwas Sprache“ [?] (ebd. S 27). Es wird unbewusst nach einem Vernunftgesetz verfahren.

Die Logik muss aufgelöst werden in Philosophie.

Die Lehre der Philosophie zur Logik setzt voraus
a) eine Mannigfaltiges, d. h. der vorausgesetzte Stoffe der Absonderung und Abstraktion der Logik.
b) Das Bewusstsein, worin Anschauung und Begriffe unabtrennlich beisammen sind – als Begriff.

Zusammenfassungen bestehen aus einem vorausgegebenen Mannigfaltigen, „worüber sich der Logiker nicht gerne auslässt.“ (ebd. S 28)

Das Mannigfaltige wird bereits vorausgesetzt, es ist ein „besonderer Begriff“ (ebd.). Die genauere Charakterisierung kommt noch.

Sehen eines überhaupt Gesehenen, als eines bestimmten, mit einem Charakter:“ (ebd. S 29)

Andere Beispiele, wie „Mannigfaltiges“ ist der Begriff „Einheit“ auch ein Bild, wodurch alles Mannigfaltige in dem Angeschauten, inwiefern es begriffen und subsumiert wird, durchaus ausgeschlossen wird.
Das Mannigfaltige ist noch nicht das charakteristische Wesen des Begriffs.

Wo liegt jetzt genauer diese Art „Mannigfaltigkeit“ im Geschlecht der Begriffe?

Im Bewusstsein sind Anschauung und Begriff vereinigt. Es soll hier das unbestimmte Etwas (Mannigfaltiges) ein „Zusammen von Elementen der Anschaubarkeit, die hernach wohl wieder unterschieden werden können. (….) der Begriff, der Exponent, was es sey, [ist] durchaus die Einheit einer solchen Mannigfaltigkeit.“ (ebd. S 29)

Das angeschaute Etwas ist das, was der Begriff aussagt.

7. Stunde: Der Grundcharakter des Begriffes ist aber das Bild, das Bild als dem Sein entgegengesetztes Wesen. Es ist „schlechthin durch sich selbst.“ (ebd. S 30)
Der Begriff ist somit apriorisch, und wenn wir später etwas unterscheiden, so muss die Bekanntschaft des zu Unterscheidenden schon bekannt gewesen sein. Alles wirkliche Unterscheiden ist „nur Subsumtion unter den als bekannt schon vorausgesetzten Begriff. -. Hier liegt der Eingang u. das Zwangsmittel der WL. – wem hier nicht das Licht aufgeht, dem geht es nie auf.(…)“ (ebd. S 31)

Nach der bisherigen Theorie des Begriffs ist keine Anschauung ohne Begriff und umgekehrt – und das Wissen ist ein Begreifen seiner selbst, es ist gar nicht für sich als Anschauung, außer dass es sich begreift und zufolge des Gesetzes begreift. (vgl. ebd. S 31)

Es gibt keine abgesonderte Region, keine bestimmte Anschauung ohne ihren bestimmten Begriff und umgekehrt.

A fortiori gilt das jetzt für das empirische Bewusstsein: Dort gibt es ebenfalls keine Anschauung ohne Begriff; „ (…) die Anschauung ist ein Mannigfaltiges, der Begriff drum eine Einheit bestimmter Mannigfaltigkeit.“ (ebd. S 32

Das hier besonders thematisierte, in der Auseinandersetzung mit der Logik bezeichnete empirische Bewusstsein ist so von einem apriorischen Charakter.

Die apriorischen Begriffe sind die vorgängige Möglichkeitsbedingung des empirisch Wirklichen.

Aller Begriff – [erhellt den ] Charakter des so [u] soseyn des Daseyns. So auch der empirische. Dieser insbesondere [ist] der allgemeine Charakter der empirischen Wirklichkeit: sie bedingend: als Gegenstand des Bewußtseyns schaffen, – . So auch die Begriffe, die empirischen, als ein System betrachtet.“ (ebd. S 33)

Jede begriffliche Charakterisierung eines empirischen Gegenstandes zeigt eine Zusammensetzung und eine Verschiedenheit der Zusammensetzungen.

Alles Angeschaute wird begriffen durch Unterscheidung und durch erneute Zusammensetzung, „nichts als ein empirisches zu begreifen; es begreife es denn als bestimmtes Mannigfaltige nach einem Gesetze.“ (ebd. S 34)

In der Anmerkung der fhs, nach der Abschrift C: „Im Begriffe liegen nur die Bilder – der ganze Begriff spricht nichts aus als das Gesetz nach welchem ein solches Mannigfaltige der Anschauung beisammen ist.“ (ebd. S 34)

8. Stunde Das Was-Sein (Wesen) eines Gegenstandes, einer Pflanze, eines Tieres, ist eine bestimmte Zusammensetzung von Elementen, eine Zusammensetzung von Elementen gegenüber allen! anderen.

Was etwas ist, ist es nur im Gegensatz zu allen anderen, was es nicht ist. Alles andere (anderen Elemente) werden dabei ebenfalls als Zusammenfassung gesehen, als „geschloßenes, u. vollendetes System.“ (ebd. S 35)

Das empirische Bewußtseyn wäre sonach ein durch sein eignes Gesez bestimmtes System von ursprünglichen Begriffsweisen zur Einheit eines in demselben Bewußtseyn liegenden System von Elementen.“ (ebd. S 35)

Alle Begriffe des in der Empirie vorkommenden Wirklichen sind deshalb „schlechthin apriorisch, d. i. Im Wissen, durch das Wissen, u. dessen innere Gesetze sich selbst machen, ohne Zuthun irgend eines fremden Princips außer dem Wissen.“ (ebd. S 37)

Begriffe drücken nicht aus irgend ein wirkliches und gegebenes Dasein aus, sondern nur das „Ur-Bild eines solchen Daseyns, dem im Begreifen das Daseyn subsumirt, dadurch verstanden und begriffen wird.“ (ebd.)

Alle Begriffe sind Bilder im Wissen, „(…), absolute Bilder; Grundbestimmungen des Einen Urbildes des inneren Wissens, die sich als solche eben dadurch ankündigen, dass sei gar nicht sprechen vom Daseyn, sondern vom nothwendigen Wesen des Daseyns, und diesem, wie hier in der Empirie, überhaupt das Gesez vorschreiben, unter welchem allein es dazuseyn vermöge, (….)“ ebd. S 38)

Anmerkung 1 meinerseits: In allen 11 ersten Vorlesungsstunden geht es um das Verhältnis Logik und Philosophie. Ab der 4. Stunde kommt er zum Wesen des Begriffes, ab der 8. Stunde kommt er hier zum Wesen des empirischen Begriffes. Das empirische System der Begriffe ist im Voraus der kommenden Stunden gesehen in einer besonderen Funktion gesehen: Die Apriorizität und Realität der empirischen Begriffe sind ein Teil des Lebens und des absoluten Wissen. Es gibt schlechthin zur Empirie gehörige Begriffe wie Materialität, Körperlichkeit, und es gibt „höhere“ empirische Begriffe, die sich einem höheren Gesetz des empirischen Bewusstseins verdanken wie „Pflanze, Tier, Mensch. 2

Ab der Hälfte der 11. Stunde wird dann die Frage nach dem letzten, äußersten Begriff gestellt. Es wird zur Form des Ichbegriffes kommen, das Ich schließlich als Prinzipiat gesehen, und zu einer Art Meditation des Grundsatzes fortgeschritten: das Wissen soll sich selbst begreifen.
So dient sowohl die „Transzendentale Logik“, wie die zuvor gelesenen „Thatsachen des Bewußtseyns“ einer Einführung in die eigentliche Philosophie der WL.

Anmerkung 2: Es ist ja bis heute ein Problem höchsten Grades, wie die Apriorizität eines Begriffes eingesehen werden kann. Es ist der alte Universalienstreit, der automatisch auf der Ebene einer Prädikatenlogik auftaucht, sobald von einem vorausgesetzten Seienden und dem dazugehörigen Akt der Prädikation durch ein Subjekt ausgegangen wird.  Nach dem Realismus ist Allgemeinheit  eine Eigenschaft von Sachen (res). Nach dem Nominalismus ist Allgemeinheit nur eine Eigenschaft von Namen (nomina): Manche Namen wie ‚Mensch‘ treffen auf mehrere Sachen zu.
Auf der Ebene der Aussagenlogik mit Subjekt, Prädikat und einem dazugehörigen Urteil im „ist“ ist die Disjunktion zwischen Denken und Sein so weit fortgeschritten, dass die von der WL angestrebte Akteinheit von Intuieren und Intelligieren, von Evidenz der Anschauung und Begriff einer legitimierten Einheit von Wissen und Erscheinung des Absoluten, nicht mehr erreicht werden kann.

Man verheddert sich auf der Ebene des verobjektivierenden Sehens und Denkens schnell in Referenzprobleme zwischen Begriff und Sein: inwiefern kann ein Begriff einen Gegenstand überhaupt abbilden und repräsentieren? Sind Begriffe nur mental, im Subjekt, oder existieren sie ontologisch nur in den Dingen? Es ist ein weites historisches Themengebiet – und übersteigt auch hier meine Kompetenz. (Siehe z. B. Artikel zum Universalienproblem in wikipedia). Schließlich weicht man mangels transzendentaler Einheit des Wissens in und aus der Erscheinung des Absoluten aus auf metasprachliche Argumente für einen Nominalismus, man redet nicht über Dinge, sondern über Konzepte und ist dabei sprachgebunden usw.

Wie eine unbildbare Einheit das Bilden im Wissen und als Wissen (als Erkennen des Erkennens) legitimiert – siehe z. B. die Position von Marek J. Siemek oder meine (unmaßgebliche) Position – Link zur Sprachentstehung, 2. Teil –interner Link

Eine transzendentale Einheit des Wissens muss unabhängig von einem realistischen oder nominalistischen Ansatz gewonnen werden, weil sie den Standpunkt des Wissens selbst erklären können muss. In der TL 1. Vortrag von 1812 bleiben die idealistisch eingefärbten Begriffe – zumindest in allen Teilen der ersten 11 Vorlesungen – sehr wohl auf die konkreten empirischen Dinge bezogen, auf die Empirie überhaupt und auf konkrete empirische Hauptbegriffe. Die Wahrnehmung wird nicht ausgespart, aber eine bloß willkürliche, subjektive Bezeichnungslogik wird ebenso ausgeschlossen. Die Begriffe sind nicht konventionell gebildet. Sie lassen das wirkliche Bewusstsein bedingend wachsen, bis es die Kompetenz hat, sich selbst zu überschreiten (siehe dann 10. Stunde).

Die „Universalien“ sind wohl im Wissen und im übergehenden Bewusstsein gebildet, dort existierend, aber nur im Konkreten von Anschauung und Begriff, in und durch die Praxis der Exemplifizierung in der Empirie, bestätigt und bewährt.

Anmerkung 3: Die bisherigen Stunden 1- 8 möchte ich aus der Sicht der GWL von 1794 und anhand der Dialektik-Analyse von K. Hammacher noch anders betrachten.3 In der GWL kommt FICHTE zu den apriorischen Begriffen und apriorischen Denkformen (oder Reflexionsformen) durch Ableitung. Diese Ableitung geht thetisch davon aus, dass alle Sätze, die aus dem ersten und zweiten Grundsatz, dem absoluten Ich und dem teilabsoluten Nicht-Ich, gewonnen werden, die Sphäre der Erkenntnis disjunktiv ausschließend teilen. Sie bilden eine Totalität, die eingeschränkt und bestimmt werden kann.„Dasjenige, welches ein anderes von der Totalität ausschließt, ist insofern es ausschließt, die Totalität“ (Hammacher, a. a. O., S. 474) Das Ganze der Totalität ist deshalb immer ein aus Spontaneität handelndes Ich, das aber deshalb auch das Vermögen besitzt, dieses Totalität ins Unendliche zu begrenzen. (ebd. S 473) Die bestimmte Zusammensetzung erfolgt nach dem Gesetz der Totalität, dass etwas bestimmt wird, indem alles andere ausgeschlossen wird.

Die Spontaneität des Ichs ist eine wandelbare Unwandelbarkeit, eine geschlossene Totalität von Bewusstseinsformen, die aber zugleich in der Erscheinungsform der Zeit und des Raumes den Wandel bestimmt, indem sie die Gegensätze im Schweben der Einbildungskraft zu vereinen weiß. M. a. W., die Spontaneität ist Akteinheit und zugleich Quellpunkt einer Disjunktion von Denken und Sein und dem Vermögen, ins Unendliche zu teilen und zu begrenzen. Mit den Worten HAMMACHERS: FICHTE entdeckt das logische Grundgesetz der Totalitätsbildung durch Beschränkung. Die Beschränkung (Begrenzung) geschieht dabei mittels Denkrelationen wie Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung, Identität, Satz vom Widerspruch, die sich als konstituierenden Denkakte in der konkreten Erfahrung und in der Praxis des Experimentes verifizieren und falsifizieren lassen. „Das Experiment besteht darin, (so in der Diktion HAMMACHERS) dass – modern ausgedrückt – die Genese eines Klassenkalküls nachvollzogen wird. (…) Es wird also die quantitative Bestimmung in der extensionalen Deutung vollzogen.“ (ebd. S 474) – und zugleich ein wissenschaftstheoretisches Argument geliefert, warum denn ein Experiment zwecks Beweissicherung in der Empirie überhaupt angenommen und durchgeführt werden kann.

9. Stunde
Der Begriff [ist] eine durchaus von allem Daseyn unabhängige Ansicht des Daseyns, wie es seyn kann, u, wenn es seyn soll, [wie] seyn muss, seines Wesens, u. [des] nothwendigen Charakters, den es tragen muß.“ (ebd. S 38)

Jeder Begriff ist apriorisch, auch der empirische.

Das wirkliche Bewusstsein ist die absolute organische Einheit des Begriffs mit der Anschauung. „(…) nur inwiefern ein angeschautes überhaupt subsumirt wird, ist wirkliches Bewußtseyn: in dieser Subsumtion u. Anerkennung besteht es eben, u. das subsumirte ist das wirkliche. (Schlechthin nichts andres, denn dies.)“ (ebd. S 39)

Es folgt ein kurzer Verweis auf Kants „Transzendentale Logik“, wo er von einem „Noumenon“ sprechen wollte, das aber seine Schüler nicht fassen konnten.

Die Logiker wollen die Apriorizität der Begriffe nicht sehen. (vgl. ebd. S 40)

Das Faktische, das der Logiker ausspricht, ist nämlich immer schon ein Urteil im Bewusstsein, ohne Wissen, wie er genetisch zu diesem Faktischen von Anschauung und Begriff gekommen ist.

Fichte stellt einige Fragen an den Logiker: Wie verfahre ich beim Abstrahieren? Oder wie verstehe ich eine Frage nach einem Begriff?

Der Transzendentalphilosoph abstrahiert ebenfalls ähnlich, aber er weiß um dieses Verfahren und um die Apriorizität der Begriffe. Es gibt keine Erscheinung ohne Begriff.

Alles ist gefasst unter dem Grundbegriff des Seins, und hier, in weiterer Bestimmung als „empirische Wirklichkeit. Als letzre [ist es] mannigfaltig: Materie überhaupt, Einheit derselben: (…). Bewußtseyn der Körper ist schlechthin alles empirisches Bewußtseyn ohne Ausnahme. Körperlichkeit aber ist ein Begriff, u. Charakter der Anschauung: (…) “ (ebd. S 42)

Die Abstrahiermöglichkeit wird vom Logiker auf die Bedingungen der Wissbarkeit nicht mehr reflektiert.

10. Stunde:
Ein Begriff der Körperlichkeit genügt aber oft nicht. „ An ihnen drum (sc. den empirischen Begriffen) (…) auf Veranlassung ihrer Wahrnehmung müste der Begriff selbst sich ausdehnen, u. erweitern, und mit seiner ersten, u. einfachsten Gestalt der Körperlichkeit nicht mehr zufrieden seyn, (…)“ (ebd. S 43)

Der Begriff selber treibt zu näherer Bestimmung und zu näherem Verstehen, nach Verwandschaft zu Zwecke der Reproduktion der Bewegung. „wegen der Erweiterung des Reichs des Verstehens.“ (ebd. S 43)

Das Begreifen dehnt sich aus, nicht als ursprüngliches, „denn dieses ist, dadurch daß Wissen ist, ewig gegeben, sondern als wirkliches Bewußtseyn: denn als solches wirkliches Bewußtseyn der ursprünglichen Begriffe ist es bedingt durch angemessene Anschauungen.“ (ebd. S 44)

Dieses wirkliche Bewusstsein entwickelt sich quasi von selbst, „blitzschnell“, es entsteht das Phänomen der „Evidenz“ (ebd. S 44)

Die allererste Subsumtion in einem individuellen Bewusstsein unter einem Begriff macht sich selbst. hierin erzieht, entwikelt, steigert sich nun das absolute objektive Bewußtseyn selbst.“ (ebd. S 44).

Das Bewusstsein ist absolut eine organisch, geschlossene Einheit – und deshalb gibt es ursprüngliche Begriffe (wie ein Tier), und der Begriff dazu ist nicht konventionell, durch die Gesellschaft erst vereinbart. Wir haben diese Begriffe nicht durch Mitteilung gelernt. Der wahre Begriff einer Sache bildet sich selbst, ist Subsumption. Eine Evidenz ergreift und bildet das Ich.

Das absolute objektive Bewusstsein steigert sich selbst. Empirisch bewusst werden wir uns aber dessen nicht, weil a) das Bewusstsein bereits eine organische geschlossene Einheit ist, das nicht ad infinitum begründet werden kann und b) es daneben auch gesellschaftlich-konventionell entstandene Begriffe gibt. Der wahre Begriff kann aber nicht mitgeteilt werden, sondern nur in eigener, innerer Anschauung muss er erzeugt und gesehen werden, und durch unmittelbare Subsumption eine Anschauung unter einen Begriffe, „als dem erklärenden Exemplare“ tritt die Evidenz ein.

Die sogenannte „Bildung“ mit Wörtern verhindert sogar oft das eigene Nachvollziehen eines Begriffes.

Deshalb die Philosophie. Sie will, dass man selbst werde der wirkliche Begriff, ihn lebe und sein Leben daran setze. Erziehung beginnt nicht bei einem Worte, sondern bei wirklichen Bewusstsein der Anschauung. „Dies ist der Geist. Dies im Vorbeigehen.“ (ebd. S 45)

Der Begriff wird zuerst gebildet und „im Bewußtseyn niedergelegt“ (ebd. S 46), dann folgt der Fall der Anwendung, das ist eine wiederholende Subsumption. Und hier erst beginnt die Abstraktion der Logiker, deren genetische Erzeugung sie aber nicht kennen: Ich gehe das Mannigfaltige ordnend nach Klassen, nach den Regeln des Begriffes, den ich von der ersten Subsumtion habe, fallenlassend u. behaltend: alles nach der Regel dieses mir beiwohnenden Begriffs.“ (ebd. S 46) Durch die Abstraktion des Logikers wird der Begriff nicht erzeugt, sondern wird nur als ein sich in dieser Anschauung wiederholender anerkannt.

11. Stunde:
Hier bahnt sich jetzt ein Abschluss der ersten Vorlesungen an und ein Überstieg zur höheren Reflexion des Begreifens des Wissen selbst. Es folgt eine Art Zusammenfassung:

Fichte beginnt mit „Uebersicht“ (ebd. S 46)

Es gibt empirische Begriffe, die a) den Begriff der Empirie überhaupt, ihrem Dasein nach, mitbringen. Diese sind rein apriorisch, angeborene, unerzeugte. Das Grundschema dafür ist die Körperlichkeit. Materialität ist ein Unterbegriff des Seins, Repräsentant des wahren Seins in der Empirie.

Es gibt b) höhere Begriffe, die zum Vorschein kommen in der Zeit und „(….) sich entwickeln nach dem Gesetz des wirklichen Bewusstseins, in dem sie dieses selbst entwickeln – schlechtweg, dadurch daß sie sich entwikeln, nicht durch irgendeine Freiheit, sondern erst bestimmende, und überhaupt erschaffend durch ihre Entwiklung diese Freiheit. Genetisch, in Beziehung auf das wirkliche Bewußtseyn: aber nicht willkürlich, u. gesezlos, sondern nach einem Gesetze. [Von dieser Art waren denn die Begriffe Mensch, Pflanze, Thier. (ebd. S 47)

Diese höheren Begriffe schreiben dem wirklichen Dasein ihr Gesetz vor, sie sind dem Wissen nach auch apriorisch, aber in dem Sinne, als das Bewusstsein durch sie wächst. Sie sind nicht rein apriorisch, sondern genetisch.

Fichte unterscheidet hier das Wissen, als a) „das absolute, wie es ist schlechtweg durch das Erscheinen Gottes, u. durch sein inneres Grundgesez sich zu begreifen als das was es ist.“ (ebd. S 48) und b) das Wissen als „wirkliches Bewußtseyn: dieses fließt in der Zeit u. wird; in diesem werden, als wirkliches Bewußtseyn, die höheren empirischen Begriffe: aber als ein seyendes, also nach dem Gesetze. In dieser Beziehung sind diese Begriffe a priorisch als Gesetze.“ (ebd. S 48)

FICHTE geht nochmals auf den Unterschied des Logikers zum Philosophen ein. Ersterer nimmt die abstrahierten Begriffe als empirische Fakten, sein ganzes Wesen ist Empirie; für den reflektierenden Philosophen sind die Begriffes des wirklichen Bewusstseins genetisch ableitbar aus der Subsumption der Anschauung unter einen apriorischen Begriff, wobei das bereits reflexiv und in zeitlicher Zerdehnung formuliert ist: Die ursprüngliche Erscheinung des Begriffs im wirklichen Bewußtsein geschieht „bei der allerersten Subsumtion, die ein Individuum macht (das erste Thier, das ich sehe) u. der nachmaligen Wiederholung.“ (ebd. S 48), geschieht also von selbst, ohne Freiheit und Willkür. (siehe oben S 47)

Es folgt eine nochmalige Zusammenfassung, S 49 – 51:

1) Das Wissen schlechtweg ist Erscheinung oder Bild des Seins Gottes, einfaches Wesen, ohne innere Bestimmung.

2) Das Bewusstsein ist Begreifen dieses einfachen Wesens des Wissens. Im philosophischen Reflektieren ergibt sich so ein doppeltes Sein des Bewusstseins, ein auf sich bezogenes Sein jenes einfachen Seins, „ein darüber schweben über sich selbst, sich haben im blossen Bilde: Emanzenz doch sich haben: Immanenz.“ (ebd. S 49)

3) Das Bewusstsein ist ein Sich-Begreifen, „(…) nicht ein sich sehen, u vorbilden überhaupt, (…) als bestimmtes das u. das; u. zwar nicht anders sich überhaupt sehen, als in irgend einer Bestimmtheit. Das anschauen ein begreifendes, das Begreifen im Anschauen. Das Bewutseyn [besteht] durchaus nur aus diesen Bestandtheilen, weil es ja nur durch das Gesez des Begreifens Bewußtseyn ist, (…)“ (ebd. S 49)

4) Der letzte Begriff (in der Reflexion der Transzendentalphilosophie, der Einheit von Anschauung und Begriff) kommt aber nur zustande durch eine „freie u. besonnene Erhebung des Bewußtseyns über sich selbst.“ (ebd. S 50)

Der letzte Begriff ist. „das Wissen soll sich begreifen als Bild des Seyns: ich setze wohl hinzu[:] des absoluten.“ (ebd. S 50)

Es liegt ein Gegensatz im Begriff des Seins, der Begriff des Seins des Absoluten. Er wird durch den Gegensatz im Begriffe des Seins gefasst – und darf doch nicht dadurch relativiert werden, möchte ich anfügen. (Anmerkung: in der WL 1804/2 arbeitet FICHTE den Grund der Behauptung eines absoluten Seins in der 15. Stunden und! den nachfolgenden Stunden viel genauer heraus. Man merke, dass die TL doch nur Vorstufe ist, populärer Vortrag.)  „Das Bewußtsein sieht u. begreift ein Seyn, das sich hernach nicht als [das] rechte wahre absolute findet: eben durch die Erhebung des Bewußtseyns über sich selbst, (…)“ (ebd. S 50)

Die Begrifflichkeit und Begreiflichkeit des Seins im Wissen offenbart eine Disjunktion zum Sein des Absoluten und offenbart einen neuen Begriff des „rechten“ und „wahren“ Seins. „Das Nichtrechte Seyn [ist] lediglich die Begreiflichkeit des rechten u. wahren, und weiter nichts.“ (ebd. S 50)

Anmerkung 4: In den weiteren Vorlesungen der TL wird dieses Sich-Begreifen des Wissens als Erscheinung des Absoluten, als bewährtes und repräsentiertes Erscheinungswissen, ausgeführt – worauf ich hier nicht mehr eingehen kann. Aber diese Vorausblick in der 11. Stunde, und natürlich die Ausführung des Erscheinungs-Wissen rechtfertigt sozusagen auf Kredit, dass der bisherige Weg eines ursprünglichen Begreifens des Seins, ohne Freiheit und Willkür, (als Bildung eine Synthesis von Anschauung und Begriff, durch Subsumption der Anschauung in eine Form der Begrifflichkeit) in der Empirie und jedem auftretenden, konkreten Seienden mit der ganzen Explikation als „ursprüngliche“ und „höhere“ Begriffe, richtig gewesen ist, Die Empirie wird eine Bestimmung und Begründung, eine Funktion im Wissen und durch die Erscheinung des Absoluten bekommen: Sie soll wirkliches (Selbst-) Bewusstsein ermöglichen.
Die
in der 11. Stunde festgestellte, transzendierende Möglichkeit des Bewusstseins, sich über sich selbst zu erheben und zum Bild des „rechten“ und „wahren“ Seins der Erscheinung des Absoluten zu kommen, ist umgekehrt, so wird sich herausstellen, die conditionale und kausale Bedingung, ein wirkliches Bewusstsein unter empirischen Verhältnissen zu denken.

Die vordergründige Auseinandersetzung mit der Logik und ihrer bloß faktisch aufgefassten, empirischen Abstraktionen, führt genetisch zur transzendentalen Logik der Bedingungen der Wissbarkeit eines wirklichen Bewusstseins, oder, m. a. W., zur Herausarbeitung der Logik der WL.  Gäbe es nicht von vornherein schon eine unabtrennliche Einheit zwischen Anschauung und Begriff, könnte auch später das die Empirie übersteigende, transzendierende Denken weder das Wesen des Begriffes noch das Bild des Seins erfassen. (siehe oben 4. Stunde und 7. u. 8. Stunde). 

Der letzte Begriff des Begreifens des Wissens über sich selbst als rechtes und wahres Bild des Seins – das kommt natürlich erst, aber, soweit sein Vorausblick, das empirische Bewusstsein beweist das transzendierende Bewusstsein, sobald man die Bedingungen der Wissbarkeit als Synthese von transzendentalem Wissen und konkreter Erfahrung freilegt. Die Transzendenz des Wissens ist in konkreter Erfahrung und Wahrnehmung (Empirie) beginnend, „(..) zu dem es auch wohl erst durch Zwischenstufen der freien Erhebung des Bewußtseyns über sich selbst kommen mag. Aber grade dieses beweißt, daß das Bewußtseyn ausgehen müsse, von einem solchen nichtrechten Seyn, welches sich nicht durch eine freie Erhebung, sondern dadurch macht, daß das Bewußtseyn ist, mit seinem seyn gegeben wird, [von] Einem solchen Begriffe, Charakteristik der Anschauung. Dies ist nun das empirische Bewußtseyn; (…) “ (ebd. S 50)

Anmerkung 5: Es ist hier alles so beiläufig eingeordnet und gesagt, aber der Beweis der transzendierenden Erhebung des Bewusstseins über sich selbst  gerade durch das empirische Bewusstsein, das legt so typisch Zeugnis ab, dass die WL als Erscheinungslehre die prinzipielle Aufgabe hat, Erfahrungswissen und transzendentales Wissen zu verbinden – ohne in einen bodenlosen Idealismus oder in einen dogmatischen Realismus zu verfallen. Die Theorie des Bewusstseins wird als geschlossene Einheit gesehen, beginnend mit dem empirischen Bewusstsein bis zum abgeschlossenen, wissenschaftlichen Bewusstsein aller grundlegenden Wissensprinzipien. Die vorausgesetzte Einheit des Wissens offenbart immer und überall, von jedem, für jeden, die apriorische Begreifbarkeit jedes konkreten und empirischen Wissens bzw. auch das intelligible  Wissen der Logik – hier speziell von FICHTE herausgegriffen, neben vielen anderen Wissensbereichen.  Das Tun des Wissensaktes als Subsumption der Anschauung unter einen Begriff als solches, als Vollzugseinheit und Disjunktionspunkt von Denken und Sein, ist theoretisch von FICHTE vollendet worden. Im praktischen  Tun ist diese Vollzugseinheit und Disjunktionseinheit im Begriffe im Grunde noch neutral, bis zur konkrete Anwendung und Exemplifizierung eines Begriffes in der Empirie oder in der Gesellschaft übergegangen wird. Dann bildet sich, d.h. vorausgesetzt, dass alle empirischen und transzendentalen Bedingungen richtig gefasst sind, von selbst die unbildbare Einheit alles Rechtseins- und Wahrseins im Begreifen des Begriffes ab.

Diese 11 Vorlesungsstunden dienten „zur Erweiterung u. Vorbereitung auf die eigentlich, freie und besonnene Erhebung u. Erweiterung des Bewußtseyns in der Wissenschaft.“ (ebd. S 51) Natürlich geht es nicht nur um den Begriff der Wissenschaft im engeren Sinne, aber gerade die Grundlagen der Wissenschaft zu klären, das wollte FICHTE mit seiner Philosophie erreichen. 

(c) Franz Strasser, 17. 10. 2020

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1Da mir die Zugänge zu Bibliotheken und historischen Arbeiten fehlen, kann ich nur mutmaßen: Fichte wird wohl die formale Logik, wie sie Aristoteles mit seiner Lehre aufgestellt hat, vor Augen gehabt haben, die so genannte „Prädikatenlogik“, aufgeteilt in Begriff, Urteil, Schluss. Heute spricht man von vielen anderen Logiken. Der Vergleich dieser modernen Logiken mit der Transzendentalen Logik Fichtes übersteigt hier meine Kompetenz. Selbst Kant nahm die formale Logik des Aristoteles noch als allein geltend an. Bekannt ist aus der 2. Vorrede, KrV, „Merkwürdig ist  noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat thun können  und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint.“

2Hans Georg von Manz, Fichtes Theorie des Begriffs und der Empirie in der „Transzendentalen Logik I“: Zur Methodik, zu ihrem Status als Propädeutik für die Wissenschaftslehr und eine kurze Darstellung ihrer Ausgangsthesen, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 44 – 60, S 55.

3 K. HAMMACHER, Zur Transzendentallogischen Begründung der Dialektik bei FICHTE, Kant-Studien, Nr. 79, 1988. Oder siehe z. B, ders., Problemgeschichtliche und systematische Analyse von Fichtes Dialektik. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, 388 ff

Das analytisch-synthetische Verfahren, ausgehend von einem Einheitsbegriff der Vernunft, kann mit historischem Vorbehalt „dialektisch“ genannt werden, insofern das Hin- und Herschweben der Einbildungskraft zwischen Anschauung und Begriff durch Denken exakt bestimmt wird. Das später „dialektische“ Verfahren eines Hegel u. Nachfolger hat dieses Schweben nicht mehr eingebunden und ist zur bloßen Begriffsdialektik verkommen. Der Begriff „Dialektik“ ist leider in Verruf geraten. Er ist historisch vorbelastet.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser