Zur Bedeutung der Dialektik

Zur Bedeutung der Dialektik

HANS POSER hat in in einem sehr instruktiv und verständlich geschriebenen Buch zur Wissenschaftstheorie (Reclam 2001) die Methode der Dialektik als einen möglich Grundansatz wissenschaftlicher Erkenntnis beschrieben (neben der Analytischen Philosophie und der Hermeneutik und der Evolutionstheorie). Prinzipiell kann ich ihm zuzustimmen, aber leider geht er von einem sehr engen und verworrenen Begriff der Dialektik aus. Es bleibt für POSER nur mehr ein rudimentärer Rest von Dialektik über, charakterisiert als Fragemethode, um Theorien zu falsifizieren (wie bei POPPER) oder bessere Theorien zuzulassen (wie bei FEYERABEND) oder um eine dem hermeneutischen Vorurteil entgegenstehende Meinung besser herauszuarbeiten. Dialektik führt „zwangsläufig auf Elemente des analytischen und des hermeneutischen Ansatzes zurück (….)“ (ebd. S 255).

Nach HEGEL stellt ein bestimmter Begriff von sich her eine bestimmte Bereichsnegation dar, welche Negation er folglich in den Dingen selber sieht! Der dialektische Grund dieser abstrakten Begriffs-Dialektik bleibt völlig im Dunkeln und entbehrt schließlich jeder Rechtfertigung und Moral, weil die angebliche Selbstbewegung des Begriffes höher steht als deren kritische Analyse und deren Unterscheidungs- und Beziehungsgrund. Wenn aus der Wechselwirkung der Begriffe die dialektische Bewegung aus den Phänomenen selbst folgern soll, ist der Weg zu einem dialektischen Materialismus nicht mehr weit, wie ihn F. ENGELS oder K. MARX gegangen sind. Das Bewusstsein ist Ausdruck einer selbst wechselwirkenden Materie. Dadurch kam aber unsäglich viel Leid in die Welt – wenn man an die Ideologien denkt, die solche materiale Dialektik zur Grundlage ihrer Geschichtsphilosophie erkoren haben.

Natürlich weist auch POSER einen materialistischen Begriff von Dialektik zurück, erfasst ihn aber nur mehr als heuristisches Prinzip ohne methodische Konsequenz und wissenschaftlicher Relevanz. Dies sei ihm vielleicht verziehen – bei diesen geschichtlichen Verirrungen!

1) R. LAUTH, K. HAMMACHER und zahlreiche andere kompetente FICHTE-Rezipienten haben darauf hingewiesen, dass gerade FICHTE es war, der den Begriff der Dialektik, wie er bei PARMENIDES und PLATON begonnen und bei ARISTOTELES zu einer Topik transformiert wurde, transzendental wieder neu aufgenommen und als Grundlage der Begründung von thetischen Urteilen und einer transzendentalen Logik angewandt hat. Dem Worte nach hat FICHTE zwar kaum von „Dialektik“ gesprochen, dem Begriffe nach hat er aber das Wesen der antiken Dialektik voll expliziert und vollendet.

Etwas vorläufig von mir gesagt, so kann die Dialektik als methodische Denkform (oder Erkenntnisform) beschrieben werden, um das Wissen der Ideen zu erreichen.

(Zu den historischen Anfängen des Begriffes siehe download: Historisches Wörterbuch der Philosophie. HWPh, Dialektik)

Das antike Dialektik-Verständnis zu erreichen, dazu bedarf es einen transzendental-reflexiven Standpunktes, um die in den Texten der Antike komparativ zu vergleichenden Textstellen angemessen beurteilen zu können. Wenn man selber keinen transzendentalen Standpunkt kennt, gebraucht man z. B. PLATON oder FICHTE für diesen oder jenen beliebigen komparativen Vergleich in einem Verstehenshorizont, der gerade nicht das systematische Ganze der Ideenlehre des PLATON oder der WL FICHTES erreicht. (Dadurch ist vielleicht auch das dialektische Denken bzw. das Denken in dialektischen Formen, unbekannt geworden?)

PLATON unterscheidet im SIEBTEN BRIEF einmal zwischen Benennung, Erklärung, Abbild und Wissen. Der höchste Standpunkt des Wissens – der ist nur durch Dialektik zu erreichen. Könnte ich kein sicheres Wissen erreichen, wären auch die anderen Stufen der Erkenntnis fragwürdig, Benennung, Erklärung, Abbild, genannt.

Im Sinne einer ganz weiten Definition und eines vorläufigen Einstiegs möchte ich Dialektik definieren als philosophische Methode der Erkenntnis der Ideen.


2) Bei KANT ist die Dialektik eine „Dialektik des Scheins“ geworden, die nicht hinreicht, ein sachgerechtes Urteil über die Ideen Gott, Welt und Seele zu fällen.

Warum und wieso kommt das Erfahrungswissen des Subjekts aber doch zu einem „regulativen Vernunftgebrauch“ des Denkens von Gott/Welt/Seele, wenn der Verstand ihm (dem Subjekt) keine Antwort geben kann, weil er an die sinnliche Anschauung gebunden ist? Im Zusammenhang der Vernunftideen spricht KANT sogar von einer „objektiven, aber unbestimmten Gültigkeit“ als subjektive Maxime (KrV A 680). Die Vernunftideen seien ein „heuristisches Prinzip“ und zur „Regel möglicher Erfahrung“ geeignet. Warum ist sich die Vernunft hier so uneins und neigt zu einem „Mißverstand“ (KrV A 663, B 691)? Die Erklärung, kurz gefasst, läuft darauf hinaus, dass die verschiedenen Sehweisen verwechselt werden: Einmal wird von einer phänomenalen Erkenntnisart ausgegangen, sodass die Dinge nur als Erscheinungen begriffen werden; aus den Erscheinungen kann aber nicht auf eine unbedingte Ursache geschlossen werden. Dann wird von einer transzendentalen Erkenntnisart ausgegangen und den Dingen wird ein intelligibles Substrat unterstellt, das die Vernunft im schlussfolgernden, dialektischen Urteil erkennen kann. Aber es kann wohl keinen Widerspruch geben zwischen Erscheinung der Dinge und ihrer vermeintlichen intelligiblen Struktur, aber wie begründet KANT diese transzendentallogische Einheit von Erkenntnis und Sein?

FICHTE wird sich einerseits ebenfalls an die logischen Urteilsformen des Verstandes halten, wenn es um die Kategorien des Verstandes geht, andererseits müssen aber diese Kategorien und Grundsätze des Verstandes von einer höheren Vernunfteinheit evident abgeleitet werden können, damit sie wirklich für das Sein gültig sind. Einen Widerspruch in der Betrachtungsweise der Gegenstände (phänomenal oder transzendental) kann es wohl nicht geben.

3) K. HAMMACHER hat in mehreren Artikeln den hervorragenden Dialektikbegriff bei FICHTE herausgearbeitet: Dieser macht in seiner Dialektik nie die Anschauung selbst zum logischen Grund der Unterscheidung,1 sondern die konträr gesetzten Entgegensetzungen bleiben in der Anschauung und Erfahrung auf einen Denkakt zurückbezogen. Es ist zwar der Anspruch einer Logifizierung der Anschauung gestellt, aber die Anschauungsebene wird nicht idealistisch/realistisch überschritten, sondern mittels der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft werden die Gegensätze auf die Anschauung transzendentallogisch bezogen. HAMMACHER weist dies anhand der logisch-methodischer Beweisführung der GRUNDLAGE von 1794/95 und in der WLnm von 1796/99 nach.

Im Anschluss an S. MAIMON bestimmt FICHTE neu die intellektuellen Anschauung und erkennt die Absolutheit der Position des „Setzens“ für das Ich. Nur das Ich kann als ein Subjekt gedacht werden, das auch als Objekt der Aussage begriffen werden muss. Dabei wird das Ich zwar als Objekt gedacht, jedoch nicht als Objekt bestimmt, sondern als Tätigkeit. Die Position des Setzens generiert ein Subjekt, das Grund (Subjekt) und Gegenstand (Objekt) einer Aussage sein kann. Die „reellen Folgen“ (Begriff bei MAIMON) bestehen dann darin, wenn dieses Setzen weiter analysiert werden soll, dass (wiederum nach Maimons Regel) „wenn überhaupt etwas gesetzt wird, etwas anderes auch überhaupt gesetzt werden muss“. (K. Hammacher, ebd. S 470.471)

FICHTE hat aus dieser Regel des Mit-Setzens das Gegensetzen entwickelt, wonach die Gegensetzung, wenn sie auch logisch Negation ist, dennoch Realität und Negation als gemeinschaftliche Korrelate mit-setzt, d. h. „die Setzung des einen ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern eine von derselben verschiedene Setzung“ (MAIMON, Versuch, S 115): also Gegensetzung des Nicht-Ich ist Mit-Setzung des Ich.

Die Methode und auch Kunst der Dialektik wird es dann sein, die Gegensätze aufzusuchen und sie im Geiste (in der Einsicht eines Begriffes durch das Vermögen der Einbildungskraft) wieder zu vereinen.

Beim thetischen Urteil ergibt sich die Bestimmung durch das Ich als Mitgesetztes in Form einer „Aufgabe“, wie sich Fichte ausdrückt. Diese Aufgabe wird im weiteren als praktisch zu beweisender Satz und als eine mathematische Konstruktionsregel verstanden. Es werden die Gegensätze aufgesucht – und die mitlaufenden Lösungsbedingungen nach einer Regel ebenso bestimmt. FICHTE nennt es analytisches und synthetisches Verfahren.

Dieses Verfahren oder diese dialektische Denkform wird bei C. L. REINHOLD bereits als Reflexion und Abstraktion bezeichnet. Bei Fichte heißt es dann ähnlich, dass man in jedem synthetischen Urteil von dem Unterscheidenden abstrahiert – und auf die Beziehungen zugleich reflektiert. Z. B. wird der synthetische Satz „Der Vogel ist ein Tier“ nur begriffen, weil von dem Unterscheidenden der einzelnen Tierarten abstrahiert wird und zugleich positiv synthetisch der Begriff auf das neue Merkmal „geflügeltes, zweibeiniges Wesen“ bezogen wird.

C. L. REINHOLD erkannte ferner, dass diese Akte des Denkens in Abstraktion und Reflexion Begründungsakte sind. Der Satz vom Grunde ist doppelt, ist Unterscheidungs- und Beziehungsgrund.

K. HAMMACHER (ebd. S. 472) geht dann auf den Unterschied zwischen KANT und FICHTE ein, dass bei KANT die konträren Gegensätze, die Körper ziehen einander an und Körper stoßen einander ab, nur auf der Erscheinungsebene vereinigt werden können, hingegen bei FICHTE in logischer Erkenntnisweise vereint sein müssen, sonst bleibt der Widerspruch der Betrachtungsweise erhalten. Die disjunktiven Urteile müssen selber einen gemeinsamen Denkakt zugrundeliegend haben, der aufgedeckt werden muss, gemäß REINHOLDS Satz vom doppelten Grund, d. h. einen Unterscheidungs- und Beziehungsgrund. FICHTE nennt ihn den „Satz der Teilbarkeit“ (3. Grundsatz der GRUNDLAGE von 1794): wir unterscheiden (analysieren) und beziehen (synthetisieren). (Das betrifft aber nur formale Denkformen, nicht irgendwelche gegenständliche, materiale Zugehörigkeiten.)

Die Einteilung nach Denkformen besagt, dass alle Sätze, die aus dem ersten und zweiten Grundsatz gewonnen werden, die Sphäre der Erkenntnis disjunktiv ausschließend teilen. Sie bilden so und nur so eine Totalität, die weiter eingeschränkt und bestimmt werden kann.„Dasjenige, welches ein anderes von der Totalität ausschließt, ist insofern es ausschließt, die Totalität“ (ebd. S. 474) Das Ganze der Totalität ist ein aus Spontaneität handelndes Ich. (ebd. S 473) 2 FICHTE entdeckt damit das logische Grundgesetz der Totalitätsbildung durch Beschränkung. Um die Beschränkung des Totalitätsanspruches gegenüber der Realität auf Denkrelationen erkennen und zurückführen zu können, muss man die konstituierenden Denkakte durch ein Experiment verifizieren. „Das Experiment besteht nun darin, dass – modern ausgedrückt – die Genese eines Klassenkalküls nachvollzogen wird. (…) Es wird also die quantitative Bestimmung in der extensionalen Deutung vollzogen.“ (ebd. S 474) – und zugleich ein wissenschaftstheoretisches Argument geliefert wird, warum denn ein Experiment zwecks Beweissicherung überhaupt angenommen werden kann z. B. in der Naturwissenschaft.

M. a. W., mit der GRUNDLAGE § 4 gesprochen, mittels Einbildungskraft wird ein Unterscheidungsgrund in der Anschauung mittels logischer Vorzeichnung geschaffen, der zugleich Reflexionsgrund ist der logischen Bestimmbarkeit der Anschauung. Die Einbildungskraft enthält die analytische Unterscheidung und zugleich die logische (synthetische) Bestimmbarkeit, indem sie die Gegensätze auf die Anschauung bezieht und vereinigt.

Es wird die Unterscheidung nicht in der Anschauung selbst gesucht, als hätte man einen Einblick in die Dinge, vielmehr werden konträre Gegensätze in der (sinnlichen und intellektuellen) Anschauung auf eine logische Einteilung in der Einbildungskraft zurückgeführt – und wiederum können die synthetisch vereinten Gegensätze experimentell auf die Anschauung bezogen werden. Deshalb auch die Affinität der Dialektik zur Erfahrungslogik.

Die Einbildungskraft schwebt in der Vereinigung der Gegensätze zwischen den Gliedern (der sinnlichen und intellektuellen Anschauung) hin und her (griechisch „dia-legein“) und ermöglicht das experimentelle Überprüfen der Anschauung in der Erfahrung. Dies „Erfahrungslogik“ der Dialektik ist ihre besondere theoretische und praktische Relevanz!

Die Methode einer begrifflichen Erkenntnissicherung der alltäglichen Erfahrung (und der Fragestellungen eines Sokrates oder anderer Dialoge) ist durch FICHTE zu einer nach festen Regeln des Vorgehens entwickelten Denkform geworden – aber eigentlich noch ganz im Stil der antiken Tradition.

Die Denkformen (m. a. W. die platonischen Ideen) werden bezogen auf die real-konkrete Ebene der Hemmungen und Aufforderungen (Benennungen, Erklärungen, Abbildungen – SIEBTER BRIEF), und je nach deduktiver Höhe der Ableitung werden diese Gegenstände der Erfahrung bzw. die Personen, Rechtsbegriffe etc. durch das theoretische Vorstellen und praktische Streben bestimmt. (vgl. K. H., ebd. S 475)

Das gesetzmäßige Ineinandergreifen von apriorischem Begriff und aposteriorischer Hemmung erlaubt damit eine epistemologisch gerechtfertigte Verwendung der Begriffe (Benennungen, Erklärungen, Abbildungen).

Die methodische Kontrolle dieser setzenden wie gegensetzenden Akte des Geistes kann dabei auf die gesamte Wirklichkeit der Erkenntnis angewandt werden: auf die theoretisch vorgestellte Erkenntnis-Wirklichkeit, wie auf die praktisch-sittlich vorgestellte Wirklichkeit

4) Die Dialektik übertrifft dabei alle anderen Erkenntnismethoden (Analytische Philosophie, Hermeneutik, Evolutionstheorie), die immer von einem idealistischen oder realistischen Überhang ausgehen: Der Idealismus oder Rationalismus, der anmaßend eine höchste Einheit der Erkenntnis behauptet, kann genetisch zu der Vielheit der Erscheinungen nicht übergehen (am konsequentesten war hier SPINOZA), der Naturalismus oder Empirismus kann umgekehrt nicht erklären, wie aus sogenannter „Materie“ ein Übergang zum Bewusstsein möglich sein soll. Erkenntnistheoretisch vollbringt die Theorie des Materialismus ständig das Kunststück, subreptiv aus einem faktischen hoc oder post hoc in der Erscheinung ein zu denkendes propter hoc zu erzeugen. Das positive Sein der materiellen Gegebenheit wird zur Sichbezüglichkeit des Wissens verwandelt, möglichst im mikroskopischen Bereich, worin die Übergänge nicht mehr klar sichtbar sein sollen. Die Analytische Philosophie übernimmt m. E. unkritisch und undialektisch die Elemente und Gebrauchsweise der Sprache, ohne deren Vollzugsform auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin zu überprüfen. Der Evolutionismus kennt m. E. letztlich kein Verstehen unzeitlicher, apriorischer Begriffe.

5) Die Dialektik als Vereinigung der Gegensätze (in formaler Hinsicht, mittels Vermögen der Einbildungskraft) ist in der GRUNDLAGE von 1794/95 bis Ende des § 4 in logisch-theoretischer Weise geschildert. Das logisch ausschließende und einschränkende Verfahren der dialektischen Bestimmungen werden ab § 5 des praktischen Teils aber auch auf das Handeln und Wollen übertragen. Die Einbildungskraft vermittelt ursprünglich nicht nur faktisch zwischen Reflexion und Hemmung, sondern wesentlich auch praktisch zwischen unendlicher und an ihr Ende gekommener Tätigkeit. Die Dialektik offenbart damit nicht nur, wie es zur Identität einer Vorstellung kommen kann, mithin zur Identität von Anschauung und Begriff in einem quantitativen Urteil, sondern offenbart wesentlich auch eine praktische Erkenntnisweise, wenn es gilt, den werthaften-sittlichen Charakter der Wirklichkeit erkenntnistheoretisch zu erfassen. Wiederum ist die Parallelität zu PLATON leicht festzustellen: die platonische „diahairesis“ und die Methode der Erkenntnis der Ideen ist in ihrer höchsten Form schließt ja ab mit der praktischen Idee, „jenseits des Seins“, wie es heißt, in der Idee des Guten.

In der späteren Terminologie FICHTES: Das dialektische Bilden der Einbildungskraft und des Verstandes ist ein freies Selbstbestimmen mit Bezug auf Wahrheit als höchster Wert und bedeutet vom praktischen Handeln her ein intentionales Bezogensein auf ein unbedingtes Soll.

Bekanntlich kann eine pragmatische oder Analytische Philosophie, wie sie im angelsächsischen Bereich verbreitet, die Tür von deskriptiven Ist-Sätzen zu präskriptiven Soll-Sätzen nicht mehr auftun, weil sie prinzipiell schon zu spät kommt, wenn nicht von vornherein die konstitutive Bezug zum Soll der Wahrheit und des Guten feststeht. Moral oder ein Wert kann von einem biologischen Evolutionismus oder einem vorgegebenen Sein nicht abgeleitet werden.

6) Ganz besonders deutlich wird dies im Erfassen der Sinn-Idee. Sie kann nicht relativiert oder geleugnet werden, denn konstitutiv ist die menschliche Vernunft auf Sinn und Erfüllung (in einem umfassenden Sinn von Zeit und Geschichte) hingeordnet. Die Erkenntnis der Sinn-Idee, inklusiv der dem Sinn widersprechenden Sinnwidrigkeiten , kann ebenfalls nur dialektisch erkannt werden.

Das sichbildende Ich muss sich über die Appositionsfolge der nacheinander einfallenden Hemmungen in Identität durchhalten. Es kann dies aber nur in existenzrelevanten Auseinandersetzungen mit diesen ihr zufallenden Hemmungen. Es kann sich nicht in bloße Unbestimmtheit zurückziehen, da es dann nicht mehr wäre. Es kann sich aber als Streben nach absoluter Erfüllung und vollkommener Realisation der Vernunft auch nicht in endlicher Bestimmtheit abschließen. Es schwebt (dia – legein) zwischen diesen beiden Extremen Bestimmtwerden und freies Selbstbestimmen und vermittelt sie in einem synthetischen Punkt miteinander.1

7) Durch das gesamte analytisch-synthetische Verfahren, oder wir können sagen, durch das dialektische Verfahren der Vernunft, sollen die theoretischen wie praktischen Momente der Reflexion in ihrer gegenseitigen Durchdringung und in ihrer Applikation auf die real-konkrete Ebene des Seins eingesehen und kontrolliert werden. Es ergeben sich damit weitere Fragen: Ist das ursprüngliche Licht der Intuition noch erkennbar? Hängen die davon genetisierten apriorischen Erkenntnisprinzipien in einem System zusammen? Kann das ganze apriorisch-deduktive System wenigstens in groben Zügen überschaut werden? Das Ziel wäre, die vernünftige, erkenntnismäßige Durchdringung der ganzen Wirklichkeit und deren sittlich-konkrete Anwendung.

Die apriorische Gesamtstruktur des Wissens in seinen ursprünglichen Akten des Geistes ist vorgegeben. Das grundintentionale Streben nach vollkommener Realisierung der Vernunft und die grundintentionale Ausrichtung auf Wahrheit als Wahrheit, als für das Ich sich bewährende Wahrheit, ist immer offen.

Es bleibt damit sowohl theoretisch wie praktisch ein irrationaler Moment der Erkenntnis bestehen. Weder durchschauen wir vollständig-theoretisch die sinnliche Natur – deshalb bedarf es immer einer induktiven Erfahrungswissenschaft und experimenteller Methoden – noch wissen wir praktisch immer konkret und gewiss, was wir tun sollen, obwohl material-sittlich jedes Handeln und Wollen besetzt ist. Die Hemmung tritt als relativ selbstständiges Moment an und in der Reflexion auf (sie ist aber nicht aus der Reflexion). Die Bedingungen möglichen Bildens (als Grundreflexion des Bewusstseins) bleiben sowohl freies Selbstbestimmen wie ursprüngliches Bestimmtwerden.

8) Damit ergibt sich aber noch eine Aufgabe für das dialektische Erkennen: Weil die Erfahrungslogik durch dieses Selbstbestimmen/Bestimmtwerden aufgebaut wird, kann es sein, dass es durch Gewöhnung zu einer nicht vernachlässigbaren geistigen „Natur“ und zu einer Art Wandel der Wesensformen kommen kann. Dies zeigt sich z. B. derzeit so, dass die Wesensformen der Erkenntnis stark auf einen naturalistischen Ablauf und Betrieb eingeengt sind: Es gibt quasi nur mehr evolutive oder biologische, hirnphysiologische oder physikalische Erklärungen. Dahinter steckt m. E. eine hybride Selbstermächtigung des Menschen, das selbst festzulegen, was Natur heißt, was Menschsein, Recht, Gerechtigkeit heißt. Die vielen Formen der Naturbeherrschung und derAusbeutung der Erde entbehren jeder kritisch-denkenden und sittlich-praktischen Relevanz. Die Disposition freier Reaktionen ist durch falsche Gewöhnung ziemlich getrübt. Kann eine dialektische Erkenntnisform hier Abhilfe schaffen, indem gerade aus dem Gegensatz zu diesen deterministischen Weltanschauungen neue Synthesen freier Selbstbestimmungen geschaffen werden? Die im transzendentalen Wissen ausgewiesene Reflexion könnte vielleicht durch das angewandte, dialektische Verfahren aus den Gewöhnungen und Einseitigkeiten gerissen werden? Es wäre durch die dialektische Erkenntnisform der theoretischen und praktischen Bestimmung die Wirklichkeit viel weiter zu bestimmen. „Das absolute Bilden hat, wo es als freie Stellungnahme sich vollzieht, das Reich des Organischen immer schon oberhalb der geeigneten Materie entfaltet – nicht im realistischen Sinne zeitlich vorher, sondern transzendentallogisch vorher, aus welch letzterem auch resultiert, dass und warum dieses vorher zeitlich gelesen wird.“ (R. LAUTH, Transzendentale Basis, Materialismus und Religion. Vgl. Anm. 5., S 139.) Es kann nicht ein „vorbewusstes“, bloß biologisches Leben geben, das sich von selbst zur Höhe der Vernunft entwickelt bzw. ein geistiges Leben, dass nur eine Art und Weise des biologischen Lebens ist. Zu einer gedanklichen Vorwegnahme einer Zweck- und Zielgerichtetheit ist ein positives Sein (einer Materie) nicht fähig, wie die Evolutionisten gerne behaupten. Hier liegt eine Bewusstseinsleistung vor, und das Bewusstsein ist unteilbar – und kommt nur einem reflexiven Wesen „Mensch“ zu. Das Vernunftwesen ist kraft seines dialektisch bestimmten Handelns (im theoretischen Zweckbegriff und praktischen Wollen) nicht bloß Empirie.

9) Die „dialektische Methode“ als transzendentale Erkenntniskritik und Erkenntnisform kann – um noch ein anderes Beispiel zu bringen – ebenso angewandt werden auf das Soziale: Man ist gemeinhin in dem Irrtum befangen, dass es vor aller gesellschaftlichen, interpersonalen Natur des Menschen schon ein individuelles Bewusstsein gibt. „Man verkennt, dass das Individuum nie nur Objekt, sondern von der einen Seite sich vollziehende transzendentale Apperzeption ist und deshalb von der anderen Seite nur Ausgliederung aus dem Gesamtgeiste sein kann. Das überindividuelle Bilden bildet sich wesensgesetzlich zu einem Personenreich mit der zu den darin befassten Ichen komplementären Natur.“ R. LAUTH, ebd., S 139

10) Ich wollte in diesem kurzen Blog nur die erkenntniskritische Relevanz der Dialektik hervorheben. Es ist keineswegs so, dass sie letztlich, wie oben eingangs behauptet wurde, den anderen Erkenntnismethoden weichen müsste oder darin aufgelöst werden könnte. Gerade umgekehrt ist es, dass  analytische oder hermeneutische Erfahrungserkenntnisse erst durch die dialektische Bestimmung ihren epistemologischen Sinn bekommen.

In der Dialektik offenbart sich sowohl eine erkenntnistheoretische wie sittlich-praktische Relevanz. Es ist immer die Dialektik der basalen Vermittlung der Freiheit mit sich selbst angesichts der sie treffenden Hemmungen und angesichts der interpersonalen Aufforderungen.

Die Methode wissenschaftlicher Erkenntnis kraft Dialektik der Bestimmung müsste jetzt noch viel weiter dargestellt und beschrieben werden – eben für alle Bereiche der theoretischen wir praktischen Wirklichkeit – siehe dazu Literatur z. B. v. K. HAMMACHER. Der Begriff der Dialektik ist durch FICHTE wieder in eine helles Licht gerückt worden. Er knüpft an die große Tradition in der Antike an, schließt an an das analysierende Verfahren bei DESCARTES, und bereitet den Boden für induktiv-experimentelles Wissen der modernen Wissenschaft.

© Dr. Franz Strasser, Mai 2015

1K. HAMMACHER, Zur Transzendentallogischen Begründung der Dialektik bei FICHTE, Kant-Studien, Nr. 79, 1988. Oder siehe z. B, ders., Problemgeschichtliche und systematische Analyse von Fichtes Dialektik. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, 388 ff

2Mit Ausflug zu LUHMANN gesagt: bei ihm ist die Systemtheorie, die praktisch auf alle Bereich der Wirklichkeit angewandt werden kann, ein total dialektisches Verfahren. Die Systemtheorie schafft sich im Beobachten von Kommunikation und Handlungsabläufen ständig selbst, ist autopoietisch, und referiert faktisch in der Form einer Unterscheidung sowohl auf sich selbst wie auf die Welt. Das System trägt sich selbst.  Bei FICHTE hingegen trägt die Spontaneität des „Ichs“ den Begründungsakt der Unterscheidung und Beziehung und ermöglicht dadurch ein System der Prinzipien. Dieses System muss aber notwendig auch ein offenes System bleiben im Hinblick auf die das Bewusstsein treffenden Hemmungen und Aufforderungen. Der Zirkel von Freiheit und Wissen, diese höchste Form der Dialektik, verlangt seinerseits eine metaphysische Begründung.  

1 Keineswegs ist es so, dass das Wissen in diesem Schweben der Einbildungskraft nicht geschlossen und evident wäre. Es ist wiederum eine unzulässige Verdrehung und Verkennung von HEGEL, wenn er von „schlechter Unendlichkeit“ des Wissens bei FICHTE spricht; er kann nicht unterscheiden zwischen geschlossenem Wissensakt in Einsicht – und daraus folgendem Auftrag einer zukünftigen, unendlichen Realisierung.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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