Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 2. Teil

In den 50-er Jahren des 18. Jhd. ging KANT von der astronomisch und kosmologischen Weltbetrachtung und von der Anschauung vom absoluten Raum und der absoluten Zeit nach NEWTON aus. Der absoluten Raum beweist die göttliche Allgegenwart. Die Unendlichkeit des Raumes ist aktuale Unendlichkeit Gottes. Ebenso ist auch die Zeit aktuale Unendlichkeit der göttlichen Ewigkeit.

Wenn KANT zwar von naturphilosophischen Fragen ausging, so galt sein eigentliches Interesse, wie HEIMSOETH schreibt, der seelisch-geistigen Substanz des Ich. Die seelisch-geistigen Substanzen und physischen-materiellen Substanzen stehen in einem commercium wirklicher Wechselwirkung?  Zwischen den materiellen und den vorstellenden geistigen Substanzen ist ein wechselseitiger influxus realis anzunehmen? Ähnlich argumentiert bis heute die Hirnforschung und evolutionäre Erkenntnistheorie: Von der transzendentalen Kritik der Erkenntnisart KANTS oder gar den transzendentalen Handlungsarten eines Ich, damit ein Wissen überhaupt möglich ist – das dürfte bis dorthin nicht vorgedrungen sein!  

Übernimmt KANT nicht mehr alles von LEIBNIZ, so hält er zumindest an dem Harmoniegedanken fest, dass sowohl in der bloß materiellen und kausalen Welt wie in der Welt der einzelnen geistigen Substanzen ein teleologisch Aufeinander- Abgestimmtsein herrschen müssen. (Später unter dem Begriff der „Physikotheologie“ in der KrV behandelt.) Aber wie diese Harmonie und Voraussetzung erklären? Der wechselseitige Influxus ist kein blinder, sondern ist ermöglicht durch das urbildliche Zusammenstehen der Dinge im ordnenden Verstand Gottes als dem gemeinsamen Einheitsgrunde ihres Soseins und Daseins. Aber natürlich ist auf die Dauer gesehen dies ebenfalls eine unbefriedigende Erklärung, denn wie kann die Harmonie begründet werden, ohne die erkenntniskritische Basis zu verlassen?  Der Mechanismus des ganzen Weltlaufes – ist er nun theologisch durch einen Weltenschöpfer und Weltenbaumeister zu erklären, oder ist er naturalistisch zu erklären: Es ist eine große, sich selbst entwickelnde Natur, die sich zu ihren Ordnungsformen selbsttätig entwickelt hat. (Evolution). Am Ende gipfelt alles entweder in einer teleologisch-idealistischen Weltsicht: Alle Mängel der Wirklichkeit sind bloß relativ, im Ganzen herrscht die „beste aller möglichen Welten“  – oder am Ende gibt es gar keinen teleologischen Sinn, alles sei materialistisch bedingt. 

Die kritischen Anfragen an die Metaphysik und die nach DESCARTES erneut einsetzenden Veränderungen  hin zu einer transzendental-kritischen Sicht der Wirklichkeit kamen von verschiedenen Seiten z. B. durch den Einfluss ROUSSEAUS oder MENDELSOHNS, LAMBERTS, SULZERS. 

Der Satz vom Grunde galt bis dahin als das Prinzip des Zusammenhangs und der Ordnung schlechthin, ergo gibt es einen ontologischen Gottesbeweis? Die Realübergänge von Ursache zu Wirkung seien logisch einsehbar? Aber liegt die Existenz im Grund und der Folge bzw. in der Ursache und in der Wirkung? Ist alles eine Frage der ratio der logischen Vernunft? Bedarf es dazu nicht eines meta-logischen Übergangs? Auch lässt sich nicht alles auf den logischen Widerspruch eines Gegensatzes reduzieren ohne eigene Erkenntnisquelle der  Anschauung! Die kritisch einzufordernde empirische Anschauung sollte bei KANT konstitutiv werden; bei FICHTE zusätzlich die „intellektuelle Anschauung“, d. h. das intelligierende Verstehen der Anschauung. Nach KANT und FICHTE kam es leider sehr schnell wieder zu einem anti-kritischen Abfall und Dogmatismus:  Ein Schelling oder Hegel  kümmerten sich nicht mehr um einen Anschauungsbeweis – oder gaben nur mit Worten einen vor! Ihre „intellektuelle Anschauung“ war wieder Realismus/Idealismus.  

Zurück zur Mitte  des 18. Jhd.: Immer mehr tauchten die von der „Kritik der reinen Vernunft“ oft  so benannten „unauflöslichen Begriffe“ und die „unerweislichen Grundsätze“ auf. Als letzte Grundkräfte, so jetzt das Resultat bei KANT, stellte sich die Willensfreiheit und die Naturkausalität heraus. Natürlich konnte es dabei auch nicht bleiben, wie FICHTE, sowohl in Fortsetzung wie in Vollendung zur KANT, die Freiheit als Grundprinzip des Wissens gefunden hat.   

HEIMSOETH beschreibt die Akzentverlagerung ab Mitte des 18. Jhd. als „inhaltliche Erschütterungen des früheren Weltgedankens“. (ebd. 92)

Mit KANT  wuchs das Interesse am sittlichen Tun des Menschen und eine Neubegründung der Metaphysik stand an. Hat KANT in seinen Frühschriften noch die Theodizee vertreten, so schreibt er 1791 vom „Misslingen aller Versuche in der Theodizee“. Letzte theoretische Erkenntnis der Vernunft könne es gar nicht geben, weil die Reinheit der sittlichen Handlung darunter leiden täte. Der Mensch ist nicht bloß ein spiegelndes, erkennendes Wesen im raumzeitlichen Kosmos, vielmehr ragt er seinem eigentlichen Wesen und seinen tieferen Kräften in eine ganz andere Ordnung und Welt hinaus, in die Welt der Freiheit und des Sittengesetzes. 

Es gibt Grundprinzipien der natürlichen sinnlichen Welt und Grundprinzipien der geistigen Welt, die miteinander inkompatibel sind. Wie Körper im Raume gegenwärtig sind, mag mathematisch noch irgendwie verständlich zu machen sein, wie aber die Seele in der Welt gegenwärtig ist, ist eine andere Frage. Die alte Frage nach dem Sitz der Seele im Leibe, nach ihrem Ort im Körper, brach wieder neu auf. Darf man dem Seelisch-Innerlichen einen Ort, eine Bewegung und Bewegungswirkungen im Raume zuschreiben?

KANT geht 1769/70 zur Neufassung der Metaphysik über: zu einem Neuansatz, den er später „Transzendentalphilosophie“ nennen wird. Kaum richtig selbst gelesen von KANT und FICHTE muss aber eindeutig gesagt werden, dass  ante eventum ein R. DESCARTES viele Gedanken vorweggenommen und aufgeschrieben hatte, ja in manchen Dingen bereits über KANT hinausgegangen war z. B. in seiner Erfassung der „notition“ der Zeit oder in der Begründung des Wissens in der „veracitas Dei“. Selbst ein FICHTE wird bezüglich der Begründung des Wissens  nicht über DESCARTES hinausgehen können und wollen.

Zur bessere Begründung der Erkenntnis müssen Zeit und Raum als a) Anschauungsformen (nicht Denkformen) und b) apriorisch, vor jeder Erfahrung, angesehen werden. So jetzt KANT. Woher die Anschauungsformen kommen, darauf gab KANT keine Antwort. Die Deduktion derselben fehlt. Erst FICHTE wird in Fortführung dieses Ansatzes von KANT das Problem lösen. Der nicht ausgewiesene Reflexionsstandpunkt Kants, wie er die apriorischen Anschauungsformen und apriorischen Begriffe selbst erkennen und begründen kann, das wird erst die WISSENSCHAFTSLEHRE Fichtes lösen können. (Die Epigonen von Fichte objektivierten leider wieder einen Standpunkt wie Kant, aber schlimmer, weil sie das Absolute relativierten! Kant behielt das wenigstens noch als Regulativ bei.) 

Für KANT heißt – im Vergleich zu Fichte ein noch vorläufiger, selbst nicht ausgewiesener  transzendentale Standpunkt  – das: Die apriorischen Anschauungsformen bringen eine supponierende Folge der Geformtheit mit sich, sodass die Gegenstände der Erfahrung nur Erscheinungen sein können.

Wie aber sollten dann seelische Dinge oder Gedanken, Motive, Ereignisse der Geschichte etc. wissenschaftlich erfasst werden? Am besten mathematisch, meint KANT, da es hier nur eine apriorische Anschauungsform gibt, den Raum. Über die Seele kann man schlecht eine Wissenschaft aufstellen (Vgl.  die Vorrede zu den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, Riga 1786)!  Die Kantische Reduktion der „denkenden Natur“  Mensch soll auf die Raumdimension als ihrem einzigen anschaulichen Ordnungsprinzip  zurückgeführt werden? Das hat natürlich früh den Widerstand hervorgerufen: Das Hermeneutik-Verständnis eines SCHLEIERMACHERS,  DILTHEYS und vieler anderer;  später das phänomenologische Denken eines HUSSERL. Dabei wäre im transzendentalen Denken eines FICHTE der Schlüssel gelegen auch für das Geschichtsdenken und generell für alle seelische und interpersonale Welt! Es gibt bis jetzt, so scheint mir, eine offene Diskussion, wie die Geistes- und Sozialwissenschaften wissenschaftlich begründet und „gemessen“ werden können. Ein LUHMANN spricht z. B. von einem Differenzdenken zwischen der Perspektive der ersten und der dritten Person, ein DERRIDA favorisiert ein Interpersonalitätsdenken auf der Basis der notwendig grundsätzlichen Anerkennung des Anderen als Anderen. HUSSERL spricht von Korrelations-Apriori von Bewusstsein und Gegenständlichkeit. Einen Rationalismus oder dessen Kehrseite, einen Naturalismus, treffen wir allerorten wieder an. KANT hätte hier viel Arbeit, die sozial- und geisteswissenschaftlichen Begriffe auf ihre transzendentale Gültigkeit hin zu prüfen. M. E. würde er nicht alle Anschauungen in sein erkenntniskritisches Modell der mathematischen Erfassbarkeit bringen können,  aber hinter seinen erkenntniskritischen, transzendentalen Grundansatz, wenn auch noch unvollständig, kann wohl nicht mehr zurückgegangen werden.  

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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