Zur Deduktion des Leibes – WLnm 2. Teil

Dem formal freien Willen in den §§ 4 – 12 sind zwei zwei Bedingungen vorgegeben:
a) Die für den Zweckbegriff und Zweckentwurf immer wieder vor-gegebenen Mannigfaltigkeiten in den Sinnengefühlen und
b) die über die Sinnengefühle hinausgehende Bedingung von Sollensgefühlen, wie sie dem reinen Willen selbst entspringen.

c) Schließlich die methodische Rechtfertigung des Überstiegs von der Wechselbestimmung eines freien Zweckentwurfes und dem dazugehörigen Objekt des Gewollten in eine reine Einheit von Wollen und Gewollten, mithin, der Überstieg zu einer Einheit eines durch sich selbst bestimmten, reinen Willens.

d) Schließlich die erste, auf den formal freien Willen selbst gehende Vermittlung einer „Aufforderung“ zu einem freien Wollen und Handeln im Interpersonalbereich. Die sinnliche und erscheinungsmäßige Vermittlung der Aufforderung fällt dabei schon in den Bereich der sinnlichen Bestimmtheit des Selbstbewusstseins und kann eigentlich erst nach der Deduktion der ersten sinnlichen, realen Bestimmtheit des Leibes (§ 13) erfolgen, also viel später in der Wlnm (in den letzten §§). Die transzenental zu denkende Möglichkeit der Aufforderung ist aber zentraler Begriff der höchsten Einheit des synthetischen Denkens überhaupt und kann nur im Zusammenhang des REINEN WILLENS vorkommen in § 12.

FICHTE durchdenkt immer wieder die Dialektik, die im freien Bilden des Ichs liegt: Im Erkennen der Welt finde ich mich gebunden; Die Welt ist etwas, deren Grund nicht in mir liegen soll, aber ich bin das, wovon der Grund in mir liegen soll. Die Freiheit der Reflexion scheidet sich deshalb von der Welt. Das Anschauen derselben wird ihm aber deshalb zufällig, weil das Ich auch handeln könnte. 1

FICHTE differenziert in den Platner-Vorlesungen treffend zwischen einer bloßen Vorstellung und Rezeption (oder Attention) eines Objektes – und davon unterschieden das verändernde Handeln auf das Objekt.

In der bloßen Vorstellung ist die Wirksamkeit des Ichs gesetzt und auch nicht gesetzt; sie ist „bloß“ vorstellend gesetzt; die Wirksamkeit des Ichs ist eine nachbildende in der Vorstellung.Erkenntniskonstitutiv heißt das, es gibt a) die Freiheit der Reflexion  und b) die selbst im theoretischen Erkennen innenliegende praktische Intention, insofern eine sinnliche Intension bereits eine Intention und Tendenz enthält.

Die Vernunft ist immer nur die eine Vernunft, die sich in natürlich-sinnlicher und geistig-ästhetischer und sittlicher Triebhaftigkeit ausdrückt.

Die Sinnesempfindung wird durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft umgewandelt in die Vorstellung eines Geruchs, eines Geschmacks, eines Tast-Gefühls, in ein Gehörtes und Gesehenes, und weiterverarbeitet in ein Ganzes einer sinnlichen Natur, die höherseits begründet und gerechtfertigt ist in der Erscheinung einer geistigen Natur. 3 Ausgehend vom transzendentalen Akt des Sich-Bildens der Vernunft liegt im reinen Anschauen und Reflektieren des Ichs ein von einem Gegenwartspunkte ausgehendes Linienziehen, mithin die Zeitvorstellung – und die in Räumlichkeit sich verbreitende Gleichzeitigkeit mehrerer Setzungen.

Es gibt nicht nur eine verstandliche Grund-Folge-Ordnung, sodass notwendig (modal oder fakultativ) eine Setzung zur anderen führt, sondern ebenso notwendig und konstititutiv muss für das Bewusstsein eine appositionelle Ordnung vorausgesetzt werden, wodurch Zeit und Raum denkbar werden.

Speziell im bereits angesetzten Substrat einer sinnlichen Natur und einer zu entwerfenden Naturlehre – abgesehen von den Anschauungsformen Raum und Zeit überhaupt -, muss, wie LAUTH es nennt, vom Linienziehen (bei sinnlichem Substrat) übergegangen werden zu einem „Deklinieren“ 4 als grundlegende, erste Handlungsweise des Bewusstseins.

Das Linienziehen im Deklinieren ermöglicht, das Objektive in einen Raum hineingestellt zu sehen und das Objekt als Materielles im Raume aufzubauen.

Die notwendige Bedingung der Möglichkeit des Deklinierens setzt dabei a) eine Faktizität der Hemmungen voraus und generell b) eine Mehrzahl der Hemmungen.

Das heißt aber nicht, dass diese Hemmungen jemals außerhalb des Bewusstseins angesetzt werden können! Es kann zwar nicht die spezifische Reihe der auftretenden Hemmungen abgeleitet werden, aber jede Bestimmung der Hemmungen wird durch apriorische Bedingungen des Erkennens und Handels bestimmt. Das beginnt mit der Erstellung einer Zeitreihe, wodurch die Hemmungen nachgeordnet gesetzt werden, ferner werden sie räumlich koexistent (nebeneinander) gesetzt, ferner durch Kategorien des Verstandes weiterbestimmt. Bei den Hemmungen wird dann unterschieden, ob es sich um anorganische Materie oder organisches Leben handelt, schließlich wird das anorganische und organische Sein eingeordnet in einen natürlichen Zusammenhang, und wiederum wird die ganze Natur in einem deduktiven Vernunftzusammenhang einer sein sollenden Vernunftrealisierung gestellt und eingeordnet.

KANT muss Körper im Raume voraussetzen, um seine Grundsätze des Verstandes in transzendentaler Absicht beschreiben zu können (Siehe dann „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“); FICHTE setzt hingegen die Natur als universelles Ganzes voraus, von der anorganischen Materie angefangen bis zur Organisation des Lebens in einem menschlichem Leib. Die Natur ist notwendiges Korrelat der sittlichen Forderung der Vernunft, damit Freiheit und Selbstbewusstsein ermöglicht werden können. (vgl. R. LAUTH, Naturlehre, 1984, S 163) 5

Der konstitutive Zweckbegriff für alles Erkennen und Wollen und Handeln anhand der Wlnm hängt somit mit dem ganzen Grundansatz der WL zusammen: Das reine Anschauen im dialektischen Bilden der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft kommt als solches nicht für sich alleine vor, sondern nur im Nexus mit sinnlichem Anschauen, und dieses letztere wiederum ist nicht für sich alleine, sondern im Zusammenhang mit reellem Wirken, das wiederum den Zweckbegriff voraussetzt. 

Wären wir nur bestimmt, hätten wir keine Freiheit. Es wäre dann jede freie Bestimmung aufgehoben und es wäre nichts mehr für das reflexe Sein des Bewusstseins erkennbar.

Aber auch umgekehrt gilt: wenn wir nur freie Bestimmung und freies Bestimmen wären, wäre auch nichts, weil das Bestimmtwerden zum Sich-Bestimmen nicht vorhanden wäre.

a) Indem die freie Reflexion bestimmt wird, muss sie selbst, als Bedingung der Möglichkeit ihrer Reflexion, bestimmen und wählen können, d. h. deklinieren können. Nicht abstrakt, sondern wirklich wählen können. Das heißt praktisch wählen und bestimmen können, sich bilden können in Hinsicht des einfachen Bildens, d. h. in die Wirklichkeit hineinwählen können.

b) Wenn wir wirklich wählen können sollen, muss es eine wirkliche Alternative geben. Wenn nur eine einzige, bestimmte Hemmung in uns fallen würde, müssten wir sie passiv über uns ergehen lassen, abgesehen davon, dass wir die Hemmung nicht als solche im Unterschied zu anderen bestimmen könnten.

c) Wenn wir eine Alternative realisieren können sollen, heißt das, dass wir zwischen wirklichen Alternativen auswählen können müssen. Wir müssen notwendig die Möglichkeit haben, Realität umzukonstellieren! Die Hemmung selbst kann dabei nicht aufgehoben werden, aber sie muss umgestellt werden können. In der Möglichkeit des Umstellens und Umreihens liegen die Anfänge des Begriffes der Urteilskraft.

Wir müssen befähigt sein, innerhalb der Wirklichkeit zu selegieren, welche Konstellation an Hemmungen wir heraufführen. Dass wir in der Vorstellung abweichen können von der gegebenen Konstellation zugunsten einer neuen Konstellation, d.h. eine neue Richtung nehmen können, ist durch die Möglichkeit der Deklination gegeben ist – und umgekehrt ist das wirkliche (realistische) Umkonstellieren-Können und neue Richtungnehmen-Können Bedingung der Möglichkeit der Deklination.

Dass das Verbreitern (Umkonstellieren) seinerseits möglich ist, verdient nochmals genauerer Analyse: Dies verlangt als Bedingung der Möglichkeit, dass a) die Hemmungen überhaupt in der Zeit nacheinander (appositionell und alternativ) gesetzt werden und b) wir aus dem alleinigen Zwang der zeitlichen Folge austreten können.

Das reine Anschauen ist nicht ohne sinnliches Anschauen und dieses nicht ohne reelles Wirken – wurde oben gesagt: Zum Vergleich: ein Tier kann sich zwar auch bewegen, aber ist durch die je stärkere Hemmung zweckbestimmt determiniert in seiner Bewegung. Der Mensch kann sich im Unterschied dazu frei bewegen, weil er nicht nur determinierende Zwecke kennt, sondern freie Zwecke. Dessen ist er sich bewusst. Die freie Zwecksetzung wird zur Bedingung der Möglichkeit in die Einsicht des reellen Wirken. Es ist eine Einsicht in das Wollen selbst: 6

Wenn das Wollen sich aber zeigen will, in der Erscheinung als reelles Wirken, – wie es ja sein muss, soll nicht abstrakt philosophiert werden, sondern in der Konkretion einer Linie und in der äußeren Anschauung -, so bedarf das Wollen eines äußeren „Organs“. Das ist der Leib! Der Leib ist konstitutive Bedingung des erkennenden und handelnden Bewusstseins. Dieses äußere Organ folgt konstitutiv erkannt aus dem Zweckbegriff meiner selbst als freies Selbstbewusstsein.

Ich kann davon nicht absehen, als sei der Leib bloß scheinbar zweckgerichtet und handle er bloß regulativ zweckgerichtet, oder als sei bloß scheinbar lebendig!

Denn nur kraft des äußeren „Organs“ (als Ganzes gesehen, als Leib) kann ich der im Objekt liegenden Kraft entgegenwirken. Ich brauche einen Ausgangspunkt, wo Ich aus meiner Beschränkung hinausgehen kann als Bedingung der Möglichkeit des Wirkens und überhaupt des freien Setzens.

Es ist mit dem Leib ein Punkt innerhalb mehrerer möglichen Linien im Raume gesetzt; ein Anfangspunkt für den inneren Sinn, ein Wirkansatz immanenter Kraft, die gefundene Freiheit des Konstruierens, absolut in einem Punkte. Das Ich umfasst sich dabei, so wie es sich als Kraft fasst, notwendig als lebend und sich äußernd in einem Momente.

Der philosophische (nicht medizinische) Leib ist dabei ein Ganzes sinnlicher (sensorischer) Wahrnehmungsstellen und motorischer Insertionsstellen und bildet als solcher eine Organisation, die von einer distributiven, nicht additiven, Wechselwirkung gesteuert wird. Es müssen die aufeinander bezogenen, verschiedenen Sensations- und Insertionspunkte die Mehrheit von Anfangspunkten bilden, die mit den Hemmungen kommunizieren.7

Diese Anfangspunkte müssen dabei unmittelbar mit den Hemmungen kommunizierend gedacht werden, denn sonst wäre eine reelle freie Wirksamkeit nicht möglich denkbar – falls vermittelnde, materielle Instanzen in den Dingen selbst wieder objektivistisch angesetzt würden und der Übergang im Wollen nicht eingesehen werden kann – ja, dann bleiben eben die offenen Fragen der kognitiven Psychologie oder Neurophysiologie oder body-mind-Forschung.

Der Leib in seinem Linienziehen, sowohl als Ganzes eines Sensoriums von Wahrnehmungsfähigkeiten wie als Ganzes eines Motoriums, ist durch den Zweckbegriff distributiv bestimmt: Aus einer zweckhaften Einheit fühlt und handelt das Selbstbewusstsein. Das Gefühl durch das Sensorium, die Wirksamkeit auf sich selbst in Form der Bewegung durch das Motorium, erschließt den ganzen Leib als Organisation einer transzendental abgeleiteten, distributiven Einheit, worin das Teil im Dienste des Ganzen steht und das Ganze im Dienste des Teiles. (Wobei nochmals genauer zu differenzieren wäre und transzendental diese distributive Einheit des Leibes bzw. jede distributive Einheit des Lebens als Erscheinungssubjektivität in Bezug auf Erscheinungsobjektivität zu formulieren wäre.)

FICHTE verweist Ende des § 12 der Wlnm (GA, IV, 2, ebd. S 142. 143) auf KANT: Bei KANT ist die Erfahrungsgesetzlichkeit eingeschränkt auf die sinnliche Erfahrung.

Die ganze Erfahrung des Ichs muss aber in einer apriorischen Gesetzlichkeit von zweckhaftem Denken und realem Wollen enthalten sein. Nur mittels des zweckgerichteten, leibhaften Handelns und mittels der mannigfaltigen Erscheinungsweisen der intelligiblen und interpersonalen und geistigen Handlungsweisen im weitesten Sinn, kann das Selbstbewusstsein und individuelle Ich Erfahrung sammeln und sich selbst material bestimmen.

Auf dieser Höhe des Denkens zusammengefasst ist der Leib, transzendental gesehen, die Form der äußeren Anschauung des freien Wollens.

Dazu jetzt ein Zitat aus der Wlnm:

„Eine Materie, die das wollen, die ursprüngliche Kraft selbst – als Materie im Raume (…) ausdrückt – diese ist unser Leib, in wiefern er Werkzeug ist. Er ist die fortdaurende Darstellung unseres Wollens in der materielen Welt. (…) Resultat eines ursprünglichen allem empirischen (cf. selbstbewussten) vorausgehenden wollens.“ (Wlnm, GA IV, 2, § 13 S 155)

Diese Anfangspunkte des Sensoriums und Motoriums sind doppelt zu sehen: für die innere Sinnlichkeit Leib als Punkte des Kraft und Zwangsgefühls; für die äußere Sinnlichkeit Leib als räumliche Gegebenheit und Ausgangspunkt des Wirkens bzw. Eingangspunkt des Fühlens. 8

(c) Dr. Franz Strasser, 25. 5. 2015

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1Vgl. dazu R. Lauth, Naturlehre, S 81.82. (GA II, 4, S 73)

Das weitaus beste aller Bücher zur Naturphilosophie FICHTES ist für mich R. LAUTH, Naturlehre, 1984,  weil R. LAUTH, der langjährige Herausgeber der Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, gerade mit seiner umfassenden Kenntnis FICHTES es trefflich versteht, philologisch die Textstellen von FICHTE beizubringen. Als zweites Buch finde ich inspirierend: A. Mues, Die Einheit der Sinnenwelt.

2Vgl. Plattner-Vorlesungen GA IV, 1, S 333.

3 Ich referiere aus einer der R. LAUTH-Vorlesungen:

Wir bleiben als Bewusstsein an die Zufälligkeit der Hemmung gebunden. Dass die Hemmungen so oder anders ausfallen und diese Arten der Formen erlauben, wie die Naturwissenschaft „Natur- Gesetzlichkeiten“ aufstellt, dass kann aber nicht mit Sicherheit angenommen werden im naturphilosophischen Bereich. Das ist vielleicht aus theologischen Gründen begründbar. In der sinnlichen Natur muss vielmehr – der Interpersonalbereich noch ausgenommen – ein nicht auf Zwecke ausgerichtetes Substrat angenommen werden.

Umgekehrt ist aber selbst die Bestimmtheit der Hemmung nicht ohne Aufgenommensein in dieses Formensubstrat des Geistes denkbar. Dank der regulierenden Tendenz der Vernunft werden modal-kategorial verschiedene Stufen der Natur beschrieben: Der anorganische Bereich ist durch die Verstandesformen aufzufassen, der biologische Bereich durch die Formen der reflektierenden Urteilskraft und der geistige Bereich, worin die biologischen Formen als geistig freie Formen der freien Zwecksetzungen aufzufassen sind, sprich als Personen, dort überschreiten wir den Naturbereich als solchen.

Das praktische Moment, dass die Vernunft intentional auf Selbstrealisation ausgeht, ist von Anfang an in das Objekt investiert.

Wenn etwas in der Zeit gegeben ist, geschieht dies schon durch Umtauschung der reflektierenden Urteilskraft mittels der Verstandeskategorien von Substanz und Akzidens. Damit wäre aber die Welt gar nicht bewegt – weil Bewegung nur in Raum und Zeit denkbar sind – wäre sie nicht sub specie eines praktischen Interesses in Substantialität und Akzidentialität gedacht.

Ich investiere geistig in ein objektive Außenwelt; ich investiere in eine mit innerer Zweckhaftigkeit gedachte Organisationen eines Lebewesens; ich investiere in eine Organisation, die ihrerseits Zwecke frei setzen kann. Die praktische Momente fungieren als theoretische Konstitutiva – wie FICHTE sagt, die Freiheit wird selbst theoretisches Konstitutivmoment.

Wo ist die Grenze zwischen Außenobjekt überhaupt in der Natur und Vernunft als Immanenz des Sich-Bildens? Das sind drei verschiedene Bereiche zu unterscheiden:

a) Der innere Bereich der Vernunft, des Reflektierens, des Vorstellens etc..

b) Der äußerer Bereich der Natur, worin modale Notwendigkeit besteht. Das was ist, muss zugleich notwendig so sein. Die Bewegung und die Zweckhaftigkeit und die distributive Einheit im Organischen beurteilen wir nach modaler Notwendigkeit.

c) Der äußerer Bereich, der zugleich freie Zwecksetzung ist. Es sind jene „Objekte“, die fremde Personen sind,  von bloßen Tieren und Pflanzen in ihrer freien Zwecksetzungsmöglichkeit und Absichten unterschieden. Sobald wir Möglichkeiten im Objekt ansetzen würden, dass die Bewegung so oder anders hätte ausfallen können, setze ich etwas über die Natur Hinausgehendes an, eine in der Natur selbst liegende projektives Zweckdenken. Dies ist für die Natur nicht möglich. (Wie SCHELLING es sich gedacht hat.)

4R. Lauth, Naturlehre, 60ff. „Zum reellen Handeln kommt es nun nur dadurch, dass wir nicht an die einander folgenden je einzelnen Hemmungen in der Linie der bloßen Zeitfolge gebunden sind, sondern innerhalb der Zeitlinie Alternativen (nichtzeitlicher) Art) präsent haben.“ (ebd. S, 86). R. LAUTH nennt dies (der Sache nach ähnlich bei Epikur), wie schon angekündigt, die Möglichkeit der Verbreitung der Vorstellung auf Koexistenz mehrerer Hemmungen hin „Deklination“.

Die einzelnen Hemmungen sind als solche ja statisch-fertig und können als solche nicht verändert werden. (Wir haben zwar das Erlebnis, dass wir im reellen Handeln in den Widerstand eindringen, aber dieses Erlebnis beruht auf einer Illusion. Wir finden uns im Falle des reellen Handelns bei sogenannter Effizienz desselben nur uneinsichtig verändert wieder – wie HUME sagen täte. (R. LAUTH, ebd.)

5 Das Gesamte einer lebendigen Natur verlangt für sich nochmals das Gesamte eines universellen Leibes und einer universellen Seele, was aber hier nicht weitergedacht werden kann – m. E.

6Es sei neben der Wlnm, aber etwa zeitgleich entstanden, die SITTENLEHRE von 1798 beigefügt: „Wir sind (wenn wir eine reelle Handlung initieren) uns unmittelbar bewusst unsers Begriffs von Zweck, des eigentlichen Wollens; einer absoluten Selbstbestimmung, wodurch gleichsam das ganze Gemüth auf einen einzigen Punkt zusammengefasst wird. Wir werden uns ferner unmittelbar (danach) bewusst der Realität, und (veränderten) wirklichen Empfindung (…). Keinesweges bewusst sind wir uns des Zusammenhanges zwischen unserem Wollen und der (nachfolgenden) Empfindung der Realität des gewollten.“ (FICHTE, Sittenlehre, GA I, 5, s 78f)

„Was ich wollte, ist, wenn es wirklich wird, Object einer Empfindung. (…) Mein Wollen (ist) sonach in diesem Falle von einem, auf das Gewollte sich beziehenden Gefühle begleitet.“ (ebd. S 79)

7Vgl. R. Lauth, Naturlehre, die Abschnitte zum Sensorium und Motorium, ebd. S 81-85.

8 Es sei zum Begriff der Bewegung ein Zitat gebracht. Dieser physikalisch so objektivistisch genommene, theoretische Begriff ist bei weitem nicht nur theoretisch und führt bei weitem nicht zu einem Naturgesetz an sich, sondern ist praktischer Natur, durch Übertragung des Wollens im freien Linienziehen, im geistigen Vertauschen von Substanz und Akzidens und wird erst konstitutiv durch den Zweckbegriff gebildet.

Das „physische Wirken (…) ist (…) immer ein concretes einer Linie, nicht discreter Punkte, ist Bewegung. (….) Das Wissen (als Wollen) reisst sich her (…) vom Seyn los.“ (WL 1801/02, GA II, 6, S 298/299.)

Sein Handeln besteht im „Richtung geben. Hier ist das freiseyn absolutes formales Gesez. Zwar, wie das Ich eine Richtung nimmt, fällt es wieder unter das Naturgesez, das der Concretion (d. h. es läuft, wenn kein erneuter Richtungswechsel erfolgt, in der nunmehr vorgegebenen Ordnung nach c, d, e… fort. (…) Die Natur bestimmt (dann) die Intelligenz allerdings, aber (nunmehr) nicht nach ihrem, sondern nach der Intelligenz immanentem Gesetze (weil, diese ja jene Linie gewähl hat.) (…) Inwiefern (nunmehr) die Intellignez (…) dem Naturgesetze der Concretion sich hingiebt, wie sie allerdings muss, wenn es zu etwas kommen soll, denkt sie (…) sich denn doch in jedem Punkte (…) frei; sie macht daher die NaturReihe – schematisierend, keinesweges erschöpfend – auch zu ihrer eigenen (….) BewegungsReihe“. „Ich habe (nunmehr) (…) einen Naturplan u. -Zwek, den ich (…) verfolge.“ (ebd.)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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