„Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem Bösen um die Herrschaft über den Menschen“ – Zweites Stück

Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft – „Zweites Stück“, „Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem Bösen um die Herrschaft über den Menschen“. 1

Stichworte

1) Zuerst ein Lob und zugleich Kritik der Stoiker der Antike (vgl. ebd. S 709). Sie beschrieben die Beherrschung der Neigungen des Menschen durch Tugend. Aber sie verwechselten die Weisheit und die Torheit, denn das Übel liegt in der Bosheit des menschlichen Herzens. Die Freiheit selbst muss sich zum Guten durchringen und das Herz bekehren.

VI58 Natürliche Neigungen sind, an sich selbst betrachtet, gut, d.i. unverwerflich, und es ist nicht allein vergeblich, sondern es wäre auch schädlich und tadelhaft, sie ausrotten zu wollen; man muß sie vielmehr nur bezähmen, damit sie sich untereinander nicht selbst aufreiben, sondern zur Zusammenstimmung in einem Ganzen, Glückseligkeit genannt, gebracht werden können. (ebd. S 710)

Das Böse im Menschen kommt durch eine falsche Maxime – und das ist eigentlich der Feind gegenüber dem guten Prinzip. Und umgekehrt, die gute Gesinnung ist der Feind des bösen Prinzips.

„(…) Denn so früh wir auch auf unsern sittlichen Zustand unsere Aufmerksamkeit richten mögen, so finden wir: daß mit ihm es nicht mehr res integra ist, sondern wir davon anfangen müssen, das Böse, was schon Platz genommen hat (es aber, ohne daß wir es in unsere Maxime aufgenommen hätten, nicht würde haben thun können), aus seinem Besitz zu vertreiben: d.i. das erste wahre Gute, was der Mensch thun kann, sei, vom Bösen auszugehen, welches nicht in den Neigungen, sondern in der verkehrten Maxime und also in der Freiheit selbst zu suchen ist. Jene erschweren nur die Ausführung der entgegengesetzten guten Maxime; das eigentliche Böse aber besteht darin: daß man jenen Neigungen, wenn sie zur Übertretung anreizen, nicht widerstehen will, und diese Gesinnung ist eigentlich der wahre Feind. (Hervorhebungen von mir, Anmerkung, ebd. S 710)

In der nächsten Anmerkung spielt Kant gedanklich die Frage durch: Man nehme ein ontologisch böses Prinzip an, dem entgegengesetzt ist ein ontologisch gutes Prinzip. Das ergäbe keine Erklärung, weil weder a) der Ursprung des Bösen damit geklärt werden, noch b) das gute Prinzip über das Böse aus Freiheit der Selbstgesetzgebung herrschen könnte:

„(…) Nun ist aber das Vermögen der Vernunft, durch die bloße Idee eines Gesetzes über alle entgegenstrebende Triebfedern Meister zu werden, schlechterdings unerklärlich; also ist es auch unbegreiflich, wie die der Sinnlichkeit über eine mit solchem Ansehen gebietende Vernunft Meister werden können. Denn wenn alle Welt der Vorschrift des Gesetzes gemäß verführe, so würde man sagen, daß alles nach der natürlichen Ordnung zuginge, und Niemand würde sich einfallen lassen, auch nur nach der Ursache zu fragen.“ (Aus der Anmerkung, ebd. S. 711)

„Erster Abschnitt „Von dem Rechtsanspruch des guten Prinzips auf die Herrschaft über den Menschen“

VI60 Das, was allein eine Welt zum Gegenstande des göttlichen Rathschlusses und zum Zwecke der Schöpfung machen kann, ist die Menschheit (das vernünftige Weltwesen überhaupt) in ihrer moralischen, ganzen Vollkommenheit, wovon als oberster Bedingung die Glückseligkeit die unmittelbare Folge in dem Willen des höchsten Wesens ist.“ (Hervorhebung von mir, ebd. S 712)

In einer diachronischen Lektüre Werke Kants könnte jetzt der  „moralische“ Gottesbeweis oder das moralische Postulat Gottes genauer erläutert werden – aber das lasse ich hier so stehen. 

2) Was jetzt meinen Widerspruch hervorruft, ist diese kommende, überreich freie Symbolisierung und Metaphorik zur Person Jesu Christi. So lese ich natürlich die Texte der Hl. Schrift keineswegs. Es sind zahlreiche Bibelzitate, aber in äußerst eigenwilliger Rezeption.

Das Prinzip allgemeiner Gesetzgebung wird auf die historische Person JESUS CHRISTUS appliziert, aber wie?  Jesus wird zum moralischen Vorbild (degradiert), zu einem Urbilde der sittlichen Gesinnung und umgekehrt wird die Idee personifiziert.

„Zu diesem Ideal der moralischen Vollkommenheit, d.i. dem Urbilde der sittlichen Gesinnung in ihrer ganzen Lauterkeit, uns zu erheben, ist nun allgemeine Menschenpflicht, wozu uns auch diese Idee selbst, welche von der Vernunft uns zur Nachstrebung vorgelegt wird, Kraft geben kann.“ (Hervorhebung von mir, ebd. S. 713)

Kant kennt zwar die Tradition eines mehrfachen Schriftsinns (siehe dann Ende des 2. Stücks, ebd. S 740), aber doch sehr gewaltsam werden die Texte als moralische Auslegung der Pflicht uminterpretiert.2

Es gab durch die ganze Geschichte hindurch einen mehrfachen Schriftsinn, den Kant ebenfalls kannte. Heute sind wir hier natürlich noch viel differenzierter, was die historisch-kritische Herausarbeitung eines Textes betrifft. Ich kann darauf ebenfalls nicht eingehen, nur einen Vergleich mit Kant täte ich gerne anstellen: Den Vergleich mit der allegorischen Schriftauslegung – und deren Grundlagen z. B. bei Augustinus: 

Augustinus hat sich schön zum griechischen „tropus“ bzw. lateinischen „modus“-Begriff geäußert. Ich verweise hier auf Sekundärliteratur. 3
„Die moderne pragmalinguistisch orientierte Texttheorie, die als Theorie der sprachlichen Kommunikation die sprachlichen Zeichen und deren Kombination im Prozess der Kommunikation untersucht, sieht in der Referenz einer durch phonetische oder graphische Zeichenträger realisierten, in einer bestimmten Mitteilungsabsicht von einem Sprecher hervorgebrachten Äußerungsmenge auf die ,Welt‘ dessen, der diese Äußerungen rezipiert, ein konstitutives Element der Textualität und der Textbedeutung.“ 4

Die bei Kant aufscheinende moralische „Rezipientenwelt“ – das ist wohl Königsberg 1793/1794 und Preußen dieser Zeit, und generell das ganze Umfeld, und natürlich seine Persönlichkeit.

Es wird aber jetzt von Kant weder historisch-kritisch die Rezipientenwelt der Texte der Hl. Schrift ernst genommen, noch die Rezipientenwelt der Gläubigen der evangelischen wie katholischen Kirchen seiner Zeit Ende des 18. Jhd. 

Jedes Verhältnis in einer Allegorie oder in einem metaphorischen Bildervergleich beruht auf bestimmten, epistemologischen (oder ontologischen) Prinzipien der Verobjektivierung und Bildlichkeit. Wenn jetzt, wie bei Kant, ein ethisches Prinzip (die Maxime einer allgemeinen Gesetzgebung) die Projektion und Verobjektivierung leisten soll, worin liegt der epistemologische Geltungs- und Erkenntnisgrund solcher moralischen Auslegung der Texte?

Das semantische Zeichen „Jesus Christus“ wird von vornherein gar nicht als Person als solche anerkannt (significare), wie sollte dann die epistemologische Begründung eines formalen Prinzips des Sittengesetzes zeichenhaft geleistet werden, das ja dann Hauptkriterium der Bedeutung dieser Person nach Kant sein soll, das vollkommene sittliche Vorbild? 

Es gibt für ein unbedingtes  Prinzip, wie Kant das Moralprinzip ja sieht, kein Bild und keine Anschauung.
Notwendig schafft sich aber der transzendentale Reflexionsakt im Begreifen ein Bild-Sein des Seins und der Wahrheit. Wie sollte ein bloßes Zeichen „Jesus Christus“, so wie Kant diese Person als  Zeichen interpretiert, zugleich von eminent ontologischer und epistemologischer Bedeutung sein, als Bild einer positiven Offenbarung, wenn es nur semantisches Zeichen ist?

Wenn das Prinzip als solches (nach Kant) a) selbst kein Bild ist oder werden kann und – ohne Praxis des kategorischen Imperativs – kein objektiver Wert ist,  wie könnte man, wenn man nach Augustinus geht, b) durch das (so verstandene) Zeichen die ganze Seins- und Wertqualität der Person Jesu Christi erkennen (intellegitur)?

Die Fundierung des Zeichens in einer ontologischen (epistemologischen) Begründung entfällt bei Kant. Er schließt  begriffslogisch von der historischen Person Jesu auf das formale Gesetz, „moralisch“, aber nicht im tiefen Sinne einer Allegorie, dass durch das äußere Zeichen des Textes die wahre Person JESUS CHRISTUS vermittelt werden könnte.  Die Person Jesu ist  nur mehr Zeichen des allgemeinen Sittengesetzes geworden. 
Wenn es nur ein Zeichen ist, bedarf es einen anderen Zeichens, um verstanden zu werden, und letzteres Zeichen bedarf wiederum eines Zeichens ins Unendliche.

„Die Differenzierung zwischen Zeichenträger und Zeichen ist für die Bestimmung des Textbegriffs bedeutsam, insofern eine mündlich oder schriftlich geäußerte, nach bestimmten Regeln geordnete Einheit von Zeichenträgern einen materialen „Text“-Träger konstituiert, der erst durch die Rezeption und Interpretation im Horizont einer bestimmten Bezugswelt zum kohärenten bedeutsamen „Text“ werden kann und über die Zwischenwelt des Rezipienten auf die außerhalb des Subjektes gelegene objektive Wirklichkeit, die Wirklichkeit der realen Sachen und Sachverhalte, verweist. Zeichenträger und Zeichen, Textträger und Text stehen im Verhältnis von Potentialität und Aktualität. Die Aktualisierung erfolgt durch den Rezipienten, der, den materialen Zeichenträger auf seine Erfahrungswelt, seine Erfahrungswirklichkeit beziehend, diesen, sofern die wissensmäßigen Voraussetzungen gegeben sind, als Zeichen interpretiert.“5

Die rezipientenspezifische Bezugswelt, die für die Bedeutung des Verstehens der biblischen Aussagen, sei es im Neuen oder Alten Testament, konstitutiv ist, muss historisch-kritisch so genau wie möglich erforscht und ernst genommen werden. Es sind diese Texte oder irgendwelche anderen geschichtlichen Ereignisse nicht als zufällige Produkte der Historie zu werten, nur a posteriori erkennbar, sondern die geschichtlichen Ereignisse tragen selbst eine Produktionsform und Vermittlungsform der Vernunft an sich – und deshalb sind sie ja lesbar und verstehbar.

“Geschichte wird durch den Rekurs auf die Produktion des Wissens und sich daraus ableitenden bewussten Handelns unter der Form der Vernunft erklärbar.“6

Kant räumt zwar der historischen Theologie und Schriftkenntnis und Gelehrsamkeit eine eigenständige Rolle ein, und doch ist er ängstlich besorgt, so der ganze Duktus dieser Seiten (vgl. dort), es könnte durch historische Aussagen etwas philosophisch Erkanntes in Frage gestellt werden.

Die Texte der Hl. Schrift sind in ihrer ganzen historisch-kritischen, damaligen Rezipientenumwelt ernst zu nehmen – als auch in der aktuellen Relevanz des gerade sie lesenden Rezipienten, sei es Ende des 18. Jhd. oder heute. Die Geschichte ist eine pertinente Bestimmung, wenn Zeit und Raum auf ihre Konstitution hinterfragt werden sollen. Die pertinente Sinnidee einer positiven Offenbarung Gottes ist natürlich jetzt anders zu werten als eine sonstige Geschichte der Vergangenheit, oder als eine bloß moralisch-lehrreiche Legendengeschichte eines Heiligen.

3) Es kommen jetzt viele Beispiele der kantischen Rezeption und der moralischen Leseart der Hl. Schrift: Die johanneische Herabkunft Jesu Christi wird zu einem Beispiel für das menschliche Herz in der Pflichterfüllung – (vgl. ebd. S 713); die Person Jesu wird der Idee eines moralischen Menschen unterstellt, der alles erfüllt und alles erlitten hat (vgl. ebd. S 714); er ist das Ideal der „Gott wohlgefälligen Menschheit“ (vgl. ebd. S 714); verklausuliert „sofern“ er als „Sohn Gottes“ vorgestellt wird usw. 

„VI62 Im praktischen Glauben an diesen Sohn Gottes (sofern er vorgestellt wird, als habe er die menschliche Natur angenommen) kann nun der Mensch hoffen, Gott wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden; d.i. der, welcher sich einer solchen moralischen Gesinnung bewußt ist, daß er glauben und auf sich gegründetes Vertrauen setzen kann, er würde unter ähnlichen Versuchungen und Leiden (so wie sie zum Probirstein jener Idee gemacht werden) dem Urbilde der Menschheit unwandelbar anhängig und seinem Beispiele in treuer Nachfolge ähnlich bleiben, ein solcher Mensch und auch nur der allein ist befugt, sich für denjenigen zu halten, der ein des göttlichen Wohlgefallens nicht unwürdiger Gegenstand ist.“ (ebd. S 714)

Wie wir nicht Urheber der moralischen Pflicht-Idee sind, das wie ein Wunder erscheint in unserer Vernunft – so legt die Hl. Schrift die Person Jesu Christi aus, der wie das Wunder des herabgestiegenen Sohnes Gottes erscheint.
Es genügt für eine gläubige Beziehung zu diesem Sohn Gottes die praktische Idee der Pflichterfüllung.

„VI62 Diese Idee hat ihre Realität in praktischer Beziehung vollständig in sich selbst. Denn sie liegt in unserer moralisch gesetzgebenden Vernunft. Wir sollen ihr gemäß sein, und wir müssen es daher auch können.“ (ebd. S 714, Abschnitt „Objektive Realität dieser Idee“)

Das Beispiel Jesu Christi zeigt zwar die Idee des göttlichen Wohlgefallen, er ist „ein nicht unwürdiger Gegenstand“ (ebd. S 714), aber nur im Sinne des moralischen Beispiels.

4) Ich bringe noch einige Aussagen, die natürlich diametral dem christlichen Bekenntnis und Dogma entgegengesetzt sind – und im Grunde schmerzen!

Das „moralische Gesetz“ ist so erhaben, dass es gar nicht direkter „Bestimmungsgrund unserer Willkür“ sein kann. Warum zweifelt hier Kant an der Entscheidungsfreiheit und Bestimmbarkeit der Willkür, wie die Hl. Schrift sie von Jesus Christus erzählt, in seinem Leben, in seinen Reden, mehr noch in seinem Tun, der bedingungslos den Willen Gottes geoffenbart hat? Anders wären ja diese Texte nicht entstanden – und könnte von keiner positiven Offenbarung gesprochen werden.

„Müßte man die Möglichkeit, ein diesem Urbilde gemäßer Mensch zu sein, vorher beweisen, wie es bei Naturbegriffen unumgänglich nothwendig ist (damit wir nicht Gefahr laufen, durch leere Begriffe hingehalten zu werden), so würden wir eben sowohl auch Bedenken tragen müssen, selbst dem moralischen Gesetze das Ansehen einzuräumen, unbedingter und doch hinreichender Bestimmungsgrund unsrer Willkür zu sein; (…)“. (ebd. S 714.715)

Warum hat Kant hier Bedenken gegen die positive Offenbarung Gottes in der unbedingten Vergebung, die Jesus Christus gebracht hat?

„(…) denn wie es möglich sei, daß die bloße Idee einer Gesetzmäßigkeit überhaupt eine mächtigere Triebfeder für dieselbe sein könne, als alle nur erdenkliche, die von Vortheilen hergenommen werden, das kann weder durch Vernunft eingesehen, noch durch Beispiele der Erfahrung belegt werden, weil, was das erste betrifft, das Gesetz unbedingt gebietet, und das zweite anlangend, wenn es auch nie einen Menschen gegeben hätte, der diesem Gesetze unbedingten Gehorsam geleistet hätte, die objective Nothwendigkeit, ein solcher zu sein, doch unvermindert und für sich selbst einleuchtet.„ (Hervorhebung von mir, ebd. S 715)

Folgendes Zitat kommt eigentlich einer Ohnmacht der Vernunft gleich, die zu keiner geschichtlichen Evidenz aufsteigen kann:

„Es bedarf also keines Beispiels der Erfahrung, um die Idee eines Gott moralisch wohlgefäligen Menschen für uns zum Vorbilde zu machen.“ (ebd. S 715)

5) Diese (und öfter ähnlich klingenden) Aussagen haben mit einer „Christologie“, wie wir sie aus der christlichen Theologie kennen, nichts mehr zu tun. Sie setzen zudem ein rein monarchistisches Gottesbild voraus, dessen Absolutes nicht und nie in der Erscheinung von allen für alle zu jeder Zeit sich offenbaren und inkarnieren kann, d. h. in einem genetischen Denken in und aus der Sich-Erscheinung des Absoluten in concreto und in persona einer positiven Offenbarung.

Generell gesagt: die akthafte Erkenntnis eines unbedingten Gesetzes verlangt von sich her die Einbeziehung der Anwendungsbedingungen in Zeit (und Raum) und Geschichte. Das unbedingte moralische Gesetz bei Kant – es bleibt abstrakt (ohne Anwendung im Kategorischen Imperativ) und ist als Totalität gar nicht vorstellbar, weil die geschichtlichen Anschauungs- und Anwendungsbedingungen (wie Zeit, Raum, Geschichte, Kirche) ausnahmslos und direkt abgelehnt werden bzw. höchstens in einem pädagogischen Sinne noch zugelassen sind.

Das Urbild der Vollkommenheit ist rein apriorisch, „bleibt in der Vernunft“ (ebd. S 716) und „kein Beispiel in der äußeren Erscheinung“ ist ihr adäquat. (ebd. S 716)

Kant räsoniert zwar, dass ein so vollkommener Mensch erschienen sein könnte, aber im nächsten Augenblick hinterfrägt er wieder diese Möglichkeit: „(…) weil das Urbild, welches wir dieser Erscheinung unterlegen, doch immer in uns (obwohl natürlichen Menschen) selbst gesucht werden muß, dessen Dasein | VI64 in der menschlichen Seele schon für sich selbst unbegreiflich genug ist, daß man nicht eben nöthig hat, außer seinem übernatürlichen Ursprunge es noch in einem besondern Menschen hypostasirt anzunehmen.“ (ebd. S 716)

Kant verwendet für mich dann das dunkle Wort „Revolution im Menschengeschlechte“ (ebd. S 716). Ein so gottgefälliger Mensch hätte ein “unabsehlich großes moralisches Gute in der Welt durch eine Revolution im Menschengeschlechte hervorgebracht“ (ebd.) – aber selbst das nützt uns in praktischer Hinsicht selbstverantworteter Pflichterfüllung nichts. (vgl. ebd.)

„VI64 in der menschlichen Seele schon für sich selbst unbegreiflich genug ist, daß man nicht eben nöthig hat, außer seinem übernatürlichen Ursprunge es noch in einem besondern Menschen hypostasirt anzunehmen.“(ebd.)

Kant kennt hier wohl die Satisfaktionslehre seiner reformatorischen Tradition oder weiter zurückgehend, die des Anselms von Canterbury, Cur Deus homo, I, 20 und I, 21. Ein Überschuss der guten Taten kommt ihm aber suspekt und sogar abträglich vor. Das stünde einer praktischen Nachfolge im Wege.

„Vielmehr würde die Erhebung eines solchen Heiligen über alle Gebrechlichkeit der menschlichen Natur der praktischen Anwendung der Idee desselben auf unsere Nachfolge nach allem, was wir einzusehen vermögen, eher im Wege sein.“ (Hervorhebung, ebd. S 717)

Das persönliche Zeugnis der höchsten sittlichen Liebe JESU wird nicht als Stellvertretung oder positive Offenbarung gelesen und verstanden: 

„Zwar würde der Gedanke: daß jener göttliche Mensch im wirklichen Besitze dieser Hoheit und Seligkeit von Ewigkeit war (und sie nicht allererst durch solche Leiden verdienen durfte); daß er sich derselben für lauter Unwürdige, sogar für seine Feinde willig entäußerte, um sie vom ewigen Verderben zu erretten, unser Gemüth zur Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit gegen ihn stimmen müssen; imgleichen würde die Idee eines Verhaltens nach einer so vollkommenen Regel der Sittlichkeit für uns allerdings auch als Vorschrift zur Befolgung geltend, er selbst aber nicht als Beispiel der Nachahmung, mithin auch nicht als Beweis der Thunlichkeit und Erreichbarkeit eines so reinen und hohen moralischen Guts für uns uns vorgestellt werden können. (Hervorhebung von mir, ebd. S 717)

6) Weil Kant wohl dieser krasse Widerspruch zur christlichen Tradition doch nicht ganz geheuer vorkommt, oder er hat zu Manuskript-Zeiten bereits heftig Einspruch erhalten?, fügt er wieder eine länger Anmerkung dazu: Es gibt zwar eine Art Analogie der Verstandesbegriffe und einen „Schematism der Objektbestimmung“ unserer Vernunft, dass wir uns z. B. einen moralischen Wert oder eine moralische Gesinnung anhand von Handlungen vorstellen, wie sie die Evangelien dem Leben Jesu zuschreiben – die Hl. Schrift legt ihm die „höchste Aufopferung“ bei (Anmerkung S 718), – , aber das ist alles „Anthropomorphism“ (ebd.), sofern man aus dem Schema auf die Anschauung und Wirkung des Begriffes selbst schließen wollte in dem Sinne, Jesus Christus sei selbst in persona dieses wahrhaft Gute, die sittliche Gesinnung und das Ideal der Menschheit, die Idee der Erlösung.

Kurz gesagt: Das christologische Dogma wird geleugnet, das moralische Beispiel soll erhalten bleiben.

Kant verlässt dann kurzfristig wieder diese, so würde ich sagen, im entfernten arianischen Thesen – wie es sie zu aller Zeit gab und bis heute gibt – und geht wieder zur allgemeinen Frage über, wie eine reine Gesinnung überhaupt vorgestellt werden kann.
Schließlich kommt er aber doch wieder auf das christologische Kernthema der „Stellvertretung“ und der Rechtfertigung zu sprechen: Offensichtlich konnte er den tieferen Sinn derselben doch nicht so leicht übergehen:

„Schwierigkeiten gegen die Realität dieser Idee und Auflösung derselben: a) VI66 Die erste Schwierigkeit, welche die Erreichbarkeit jener Idee der Gott wohlgefälligen Menschheit in uns in Beziehung auf die Heiligkeit des Gesetzgebers bei dem Mangel unserer eigenen Gerechtigkeit zweifelhaft macht, ist folgende. Das Gesetz sagt: »Seid heilig (in eurem Lebenswandel), wie euer Vater im Himmel heilig ist!« denn das ist das Ideal des Sohnes Gottes, welches uns zum Vorbilde aufgestellt ist. Die Entfernung aber des Guten, was wir in uns bewirken sollen, von dem Bösen, wovon wir ausgehen, ist unendlich und sofern, was die That, d.i. die Angemessenheit des Lebenswandels zur Heiligkeit des Gesetzes, betrifft, in keiner Zeit erreichbar. (Hervorhebung, ebd. S 719.720)

Es ist das Problem der Realisierung der apriorischen Idee unter zeitlichen Bedingungen: die reine, übersinnliche Gesinnung – wie sie beispielhaft in Jesus Christus vorgestellt wird – und der sinnlichen, mangelhaften Verwirklichung in der Zeit – sie ist nur als „ein kontinuierlicher Fortschritt“ (ebd. S 720) vorstellbar, aber nie vollendbar.

Dem Begriffe nach wird „von einem Herzenskündiger in seiner reinen intellektuellen Anschauung“ (ebd.) ausgegangen, von einem „vollendeten Ganzen, auch der Tat (dem Lebenswandel) nach“ (ebd.). d. h. dass der Mensch „unerachtet seiner beständigen Mangelhaftigkeit doch überhaupt Gott wohlgefällig zu sein erwarten könne, in welchem Zeitpunkte auch sein Dasein abgebrochen werden möge.“ (ebd. S 721 Z1).

Die zweite Schwierigkeit ist die, dass die moralische Gesinnung (vgl. ebd. S 721) nicht gleich die „physische Glückseligkeit“ mit sich bringt, dafür aber eine Art „moralische Glückseligkeit“, d. h. „(…) von der Wirklichkeit und Beharrlichkeit einer im Guten immer fortrückenden (nie daraus fallenden) Gesinnung verstanden wird; denn das beständige »Trachten nach dem Reiche Gottes«, wenn man nur von der Unveränderlichkeit einer solchen Gesinnung fest versichert wäre, würde eben so viel | VI68 sein, als sich schon im Besitz dieses Reichs zu wissen, da denn der so gesinnte Mensch schon von selbst vertrauen würde, daß ihm »das Übrige alles (was physische Glückseligkeit betrifft) zufallen werde«. (ebd. S 721).

Ich lese das wieder psychologisch: Die reine Gesinnung ist bereits ein gewisser psychischer Gewinn, gepaart noch mit der Hoffnung auf eine göttliche Belohnung. (Kant drückt alles sehr langatmig und vorsichtig aus.)

„Wenn der Mensch, welcher von der Epoche der angenommenen Grundsätze des Guten an ein genugsam langes Leben hindurch die Wirkung derselben auf die That, d.i. auf seinen zum immer Besseren fortschreitenden Lebenswandel, wahrgenommen hat und daraus auf eine gründliche Besserung in seiner Gesinnung nur vermuthungsweise zu schließen Anlaß findet, kann doch auch vernünftigerweise hoffen, daß, da dergleichen Fortschritte, wenn ihr Princip nur gut ist, die Kraft zu den folgenden immer noch vergrößern, er in diesem Erdenleben diese Bahn nicht mehr verlassen, sondern immer noch muthiger darauf fortrücken werde, ja, wenn nach diesem ihm noch ein anderes Leben bevorsteht, er unter andern Umständen allem Ansehen nach doch nach eben demselben Princip fernerhin darauf fortfahren und sich dem, obgleich unerreichbaren Ziele der Vollkommenheit immer noch nähern werde, weil er nach dem, was er bisher an sich wahrgenommen hat, seine Gesinnung für von Grunde aus gebessert halten darf. „ (ebd. S 722)

In einer langen, wiederum wohl später? angefügten Anmerkung geht Kant auf den Begriff der „Höllenstrafen“ (ebd. S 723) ein, wozu aber weder „Vernunfteinsicht noch Schriftauslegung“ (ebd. S 724) berechtigen; außerdem wird hier etwas in unendlicher Zeit vorgestellt, was der Vernunft nicht möglich ist vorzustellen.

Ebenso wird der Spruch „Ende gut, alles gut“ beurteilt. Es kommt wiederum auf das „subjektive Prinzip der Gesinnung“ an, „wonach sein Leben beurtheilt werden muß, ist (als etwas Übersinnliches) nicht von der Art, daß sein Dasein in Zeitabschnitte theilbar, sondern nur als absolute Einheit gedacht werden kann, und da wir auf die Gesinnung nur aus den Handlungen (als Erscheinungen derselben) schließen können, so wird das Leben zum Behuf dieser Schätzung nur als Zeiteinheit, d.i. als ein Ganzes, in Betrachtung kommen;

Das sind alles Dinge übernatürlicher Erkenntnis, die wir nicht haben, und können keine „konstitutiven Prinzipien“ sein. (ebd. S 725)

„Die dritte und dem Anscheine nach größte Schwierigkeit, welche jeden Menschen, selbst nachdem er den Weg des Guten eingeschlagen hat, |VI72 doch in der Aburtheilung seines ganzen Lebenswandels vor einer göttlichen Gerechtigkeit als verwerflich vorstellt, ist folgende. — Wie es auch mit der Annehmung einer guten Gesinnung an ihm zugegangen sein mag und sogar, wie beharrlich er auch darin in einem ihr gemäßen Lebenswandel fortfahre, so fing er doch vom Bösen an, und diese Verschuldung ist ihm nie auszulöschen möglich.“ (ebd. S 726)

Es ist die Frage vergangener Schuld und restituierter Schuldvergebung.

„(…) so viel wir nach unserem Vernunftrecht einsehen, (kann das) nicht von einem andern getilgt werden; denn sie ist keine transmissible Verbindlichkeit (…)“ (ebd. S 726)

Kant „löst“ jetzt wieder nach seinen Begriffe diese Frage des Bösen und begangener Schuld mittels disjunktiven Unterscheidung zwischen Sein und Erscheinung. Das begegnet uns in vielen theoretischen und praktischen Antinomie- und Dialektikbeispielen, sei es in der KrV oder KpV oder in der MdS. Ich ging in diversen Blogs darauf schon ein. Es sind keine prinzipiellen Auflösungen, nur ein Wechsel der Ansichten.

Meine Kritik daran: Das Gute oder Böse wird als solches nicht wirklich gesehen, sondern nur begriffslogisch aufgelöst. Der Grund der von Kant vorgeschlagenen Disjunktion Erscheinungsebene/intelligible Gesinnungsebene – er wird als zureichender Grund auf reeller, geschichtlicher Basis nicht expliziert, nur begriffslogisch situiert, sei es als Handlung konform zum Sittengesetz, oder als Maxime verkehrt zur sittlichen Ordnung.

„Die Auflösung dieser Schwierigkeit beruht auf Folgendem: Der Richterausspruch eines Herzenskündigers muß als ein solcher gedacht werden, der aus der allgemeinen Gesinnung des Angeklagten, nicht aus den | VI73 Erscheinungen derselben, den vom Gesetz abweichenden oder damit zusammenstimmenden Handlungen, gezogen worden.“ (ebd. S 727)

Es war schon das Problem im „Ersten Stück“ der RGV, wie in und aus einem numerisch einzigen Akt der Freiheit sowohl Gutes wie Böses in Bezug auf das formale Gesetz hervorgehen können. In der verkehrten Maxime im Verhältnis zur Gesinnung eines unbedingten Gesetzes besteht das Böse; in der reinen Befolgung des Sittengesetz in der Maxime das Gute.

Ein und derselbe actus der Freiheit ohne Dazwischenkunft von Zeit ist die zurechenbare Ursache des Guten wie Bösen:

„Die Sinnesänderung ist nämlich ein Ausgang vom Bösen und ein Eintritt ins Gute, das Ablegen des alten und das Anziehen des neuen Menschen, da das Subject der Sünde (mithin auch allen Neigungen, sofern sie dazu verleiten) abstirbt, um der Gerechtigkeit zu leben. In ihr aber als intellectueller Bestimmung sind nicht zwei durch eine Zwischenzeit getrennte moralische Actus enthalten, sondern sie ist nur ein einiger, weil die Verlassung des Bösen nur durch die gute Gesinnung, welche den Eingang ins Gute bewirkt, möglich ist, und so umgekehrt. Das gute Princip ist also in der Verlassung der bösen eben sowohl, als in der Annehmung der guten Gesinnung enthalten, und der Schmerz, der die erste rechtmäßig begleitet, entspringt gänzlich aus der zweiten.“ (Hervorhebung von mir, ebd. S 728.729)

7) Es folgt wieder eine eigenartige moralische Übertragung (oder sollte ich sagen, Selbstüberschätzung, weil ohne geschichtliche Realisierungsbedingungen reflektiert?) und eine eigenartige Symbolisierung der Person Jesu Christ: Durch den Gesinnungswandel zum Guten wird man ein anderer Mensch und kann gleichsam die Person Jesu Christi als Vorbild und als „Stellvertreter“ übernehmen.

(…. sc. wenn man in einer neuen Gesinnung vor Gott tritt, so wird man ) moralisch ein anderer, und diese in ihrer Reinigkeit, wie die des Sohnes Gottes, welche er in sich aufgenommen hat, oder (wenn wir diese Idee personificiren) dieser selbst trägt für ihn und so auch für alle, die an ihn (praktisch) glauben, als Stellvertreter die Sündenschuld, thut durch Leiden und Tod der höchsten Gerechtigkeit als Erlöser genug und macht als Sachverwalter, daß sie hoffen können, vor ihrem Richter als gerechtfertigt zu erscheinen, nur daß (in dieser Vorstellungsart) jenes Leiden, was der neue Mensch, indem er dem alten abstirbt, im Leben fortwährend übernehmen muß*“ (ebd. S. 729)

Da bei uns „im Erdenleben“ (ebd. S 730) immer nur eine stufenweise Heiligung und ein Werden der Fall ist, haben wir aber keinen „Rechtsanspruch“ auf eine stellvertretende Erlösung durch einen anderen (vgl. ebd. S 730).

„(….) Es ist also immer nur ein Urtheilsspruch aus Gnade, obgleich (als auf Genugthuung gegründet, die für uns nur in der Idee der gebesserten Gesinnung liegt, die aber Gott allein kennt) (…)“ (ebd. S 731)

Kant kennt hier keine „Idee einer Rechtfertigung“ (ebd. S 731), die von „positiven Gebrauch“ (ebd.) für die Religion wäre; denn zuerst kommt der Gesinnungswandel, wodurch auf eine Rechtsprechung und Rechtfertigung gehofft werden kann.

Es gibt aber einen „negativen Nutzen“ (ebd.) dieser so zentralen Rechtfertigungslehre: „Denn man sieht aus der gedachten Deduction (sc. der von Kant erdachten Gesinnung)-: daß nur unter der Voraussetzung der gänzlichen Herzensänderung sich für den mit Schuld belasteten Menschen vor der himmlischen Gerechtigkeit Lossprechung denken lasse, mithin alle Expiationen, sie mögen von der büßenden oder feierlichen Art sein, alle Anrufungen und Hochpreisungen (selbst die des stellvertretenden Ideals des Sohnes Gottes) den Mangel der erstern nicht ersetzen, oder, wenn diese da ist, ihre Gültigkeit vor jenem Gerichte nicht im mindesten vermehren können;“ (ebd. S 731. 732)

Die Gesinnung muss „an die Stelle der Tat“ treten, um als gerechtfertigt dastehen zu können; das gilt für den gesamten Lebenswandel und die ganze Dauer desselben; nicht soll man erst im letzten Augenblick des Sterbens die moralische Tröstung erhalten wolle, das sei „Opium für das Gewissen“ (Anmerkung, ebd. S 733)

8) Es folgt der 2. Abschnitt des „Zweiten Stücks“, den Kant mit „Von dem Rechtsanspruch des bösen Prinzips auf die Herrschaft über den Menschen, und dem Kampf beider Prinzipien mit einander“. (ebd. S 734) überschreibt.

Diese These wird anfangs belegt in einer Gesamtschau der Ereignisse vom Sündenfall Gen 2 bis zur „jüdischen Theokratie“ (ebd. S 735), die daran nichts änderte; es wurde dann Jesus Christus selber vom bösen Prinzip versucht (vgl. ebd. S 736).

In der Anmerkung zu diesem Thema des bösen Prinzips im Menschen kommt Kant auf das Dogma der jungfräulichen Geburt und die göttliche Zeugung Jesu Christi zu sprechen, sieht aber darin ebenfalls keinen tieferen Sinn: In den Anmerkungen wird Kant immer deutlicher: „Wozu aber alle diese Theorie dafür oder dawider, wenn es für das Praktische genug ist, jene Idee als Symbol der sich selbst über die Versuchung zum Bösen erhebenden (diesem siegreich widerstehenden) Menschheit uns zum Muster vorzustellen?“ (ebd. S 737)

Jesus Christus hat in „rechtlicher“ und in „physischer“ Weise – in der Anmerkung (ebd. S 737) – also in moralischer Weise, das böse Prinzip überwunden (ebd. S 737); er ist die „Darstellung des guten Prinzips, nämlich der Menschheit, in ihrer moralischen Vollkommenheit, als Beispiel der Nachfolge für jedermann.“ (ebd. S 738)

Das moralische Prinzip ist das symbolisch in Jesus Christus vom Himmel herabgekommene Prinzip:

„Das gute Princip aber ist nicht bloß zu einer gewissen Zeit, sondern von dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts an unsichtbarerweise vom Himmel in die Menschheit herabgekommen gewesen (wie ein jeder, der auf seine Heiligkeit und zugleich die Unbegreiflichkeit der Verbindung derselben mit der sinnlichen Natur des Menschen in der moralischen Anlage Acht hat, gestehen muß) und hat in ihr rechtlicherweise seinen ersten Wohnsitz. Da es also in einem wirklichen Menschen als einem Beispiele für alle andere erschien, »so kam er in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf, denen aber, die ihn aufnahmen, hat er Macht gegeben, Gottes Kinder zu heißen, die an seinen Namen glauben«; d.i. durch das Beispiel desselben (in der moralischen Idee) eröffnet er die Pforte der Freiheit für jedermann, die eben so wie er Allem dem absterben wollen, was sie zum Nachtheil der Sittlichkeit an das Erdenleben gefesselt hält, und sammelt sich unter diesen »ein Volk, das fleißig wäre in guten Werken, zum Eigenthum« und unter seine Herrschaft, (…)“ (ebd. S 738)

Die Besiegung des bösen Prinzips ist im Grunde noch gar nicht endgültig geschehen. Jesus Christus zeigte nur die „Brechung seiner Gewalt“ (ebd. S 739). Die Besiegung des Bösen ist nur eine „populäre Vorstellungsart“ (ebd.)

Wenn man die „mystische Hülle“ wegnimmt, so sieht man klar den Pflichtbegriff, das gute Prinzip, dass über das böse Prinzip herrschen soll:

„(…) Das gute Princip aber ist nicht bloß zu einer gewissen Zeit, sondern von dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts an unsichtbarerweise vom Himmel in die Menschheit herabgekommen gewesen (wie ein jeder, der auf seine Heiligkeit und zugleich die Unbegreiflichkeit der Verbindung derselben mit der sinnlichen Natur des Menschen in der moralischen Anlage Acht hat, gestehen muß) und hat in ihr rechtlicherweise seinen ersten Wohnsitz. Da es also in einem wirklichen Menschen als einem Beispiele für alle andere erschien, »so kam er in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf, denen aber, die ihn aufnahmen, hat er Macht gegeben, Gottes Kinder zu heißen, die an seinen Namen glauben«; d.i. durch das Beispiel desselben (in der moralischen Idee) eröffnet er die Pforte der Freiheit für jedermann, die eben so wie er Allem dem absterben wollen, was sie zum Nachtheil der Sittlichkeit an das Erdenleben gefesselt hält, und sammelt sich unter diesen »ein Volk, das fleißig wäre in guten Werken, zum Eigenthum« und unter seine Herrschaft, (…)“ (ebd. S 739)

Kant gesteht einen mehrfachen Schriftsinn zu, aber der moralische Schriftsinn soll alleinig Pflicht sein. (ebd. S 740)

9) In der abschließenden „Allgemeinen Anmerkung“ (S 740 – 747) wiederholt Kant nochmals die im 1. Stück schon gegebene Erklärung zum Begriff der religiösen „Gebote“: Die im Gewissen erkennbaren Pflichten, wenn sie als von Gott gegeben angesehen werden, verwandeln sich in Gebote (Gottes).

Zur Erkenntnis der Pflichten bedarf es auch keiner in der Hl. Schrift noch beigefügten Wunder (ebd. S 740), ja nicht einmal des „Lehrers“ Jesus Christus.

Es sind wiederum ziemlich krasse Aussagen:

„Es mag also sein, daß die Person des Lehrers der alleinigen für alle Welten gültigen Religion ein Geheimniß, daß seine Erscheinung auf Erden, so wie seine Entrückung von derselben, daß sein thatenvolles Leben und Leiden lauter Wunder, ja gar, daß die Geschichte, welche die Erzählung aller jener Wunder beglaubigen soll, selbst auch ein Wunder (übernatürliche Offenbarung) sei: so können wir sie insgesammt auf ihrem Werthe beruhen lassen, ja auch die Hülle noch ehren, welche gedient hat, eine Lehre, deren Beglaubigung auf einer Urkunde beruht, die unauslöschlich in jeder Seele aufbehalten ist und keiner Wunder bedarf, öffentlich in Gang zu bringen; wenn wir nur, den Gebrauch dieser historischen Nachrichten betreffend, es nicht zum Religionsstücke machen, daß das Wissen, Glauben und Bekennen derselben für sich etwas sei, wodurch wir uns Gott wohlgefällig machen können.“ (ebd. S 741.742)

Es werden verschiedene Wunderarten beschrieben, ebenso noch andere magische Künste, die aber allesamt einer moralischen Religion abträglich sind und bloß natürliche Ursachen haben können. (vgl. ebd. S 745-747)

Da sowohl das böse wie das gute Prinzip im Menschen nicht begründbar sind, weil sie nur im Begriff der Freiheit situiert werden können, ist auch die biblische Schilderung des vom Himmel gesandten Erlösers symbolisch zu verstehen. Es geht nicht um die wirkliche, trinitarische, göttliche Person Jesu Christi, sondern um das qua Unbedingtheit unbegreifliche, moralische Prinzip, das in praktischer Vernunft- und Erfahrungserkenntnis allein gültig ist.

„Wenn aber die Vernunft um die Erfahrungsgesetze gebracht wird, so ist sie in einer solchen bezauberten Welt weiter zu gar nichts Nutze, selbst nicht für den moralischen Gebrauch in derselben zu Befolgung seiner Pflicht;“ (ebd. S 746)

© Franz Strasser, 4. 1. 2024

1I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft, 1. Auflage 1793; 2. Auflage 1794, zitiert nach der Ausgabe „Weischedel“, Werkausgabe VIII, 19782. (abk.= RGV).

2„Übrigens kann eine Bemühung wie die gegenwärtige, in der Schrift denjenigen Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten, was die Vernunft lehrt, in Harmonie steht, nicht allein für erlaubt, sie muß viel|mehr VI84 für Pflicht gehalten werden.“ (ebd. S 740)

3Zum Tropos-Begriff siehe: Augustins Tropus-Begriff: Umfang und Struktur: Beitrag zu einer tropologischen Hermeneutik Author(s): Dieter Lau Source: Wiener Studien, Vol. 124 (2011), pp. 181-229.

4Dieter Lau, ebd., S 187.

5Dieter Lau, ebd. S 188.

6Vgl dazu z. B. Jürgen Stahl, Skeptizismus und Kritik. Zur Wandlung der Kritikauffassung im transzendentalen Idealismus Fichtes. In: Fichte Studien Bd. 39., 2012, S. 136.

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Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser