Transzendentale Interpersonalitätslehre

Bei Marco Ivaldo fand ich auf wenigen Seiten eine schlüssige Wiedergabe der Interpersonalitätslehre bei FICHTE nach der GNR von 1796. Ich zitiere hier ein paar Auszüge aus diesem Aufsatz und füge ein paar Bemerkungen hinzu.1

1) Warum soll es für ein Bewusstsein/Selbstbewusstsein andere Personen zur Selbstkonstitution geben?

Es sei zuerst die allgemeine Erkenntnisposition der WL skizziert, ebenfalls nach M. Ivaldo in einem Aufsatz zur Position der Ethik bei FICHTE:2

„Transzendentalphilosophie ist prinzipielle und selbstreflexive Durchdringung des Bewußt-Seins als artikulierte Einheit von Bild und Abgebildeten, als Einheit des „Subjektiven“ und „Objektiven“. Unser Wissen, welches jedesmal Wissen von etwas als etwas ist, wurzelt in der organischen und dynamischen Einheit (Disjunktionseinheit) des Bildens. Theoretische Philosophie ist Darstellung der „notwendigen Handlungen“, nach denen das Bild (die Vorstellung) aus dem Abgebildeten (dem Sein) in der Einheit des Bildens „folgt“. Die Aussage „Ich erkenne“ spricht die betreffende Tat des Bewußtseins aus.

Praktische Philosophie untersucht ihrerseits die „notwendigen Handlungen“, kraft deren das Abgebildete aus dem Bild „folgt“. Sie erklärt nämlich, wie das Bild bzw. der „Zweckbegriff“ das faktische Sein bestimmt. Die in der Aussage „Ich handle“ ausgesprochenen Tat des Bewußtseins bedeutet demnach : Ich erfahre, dass ich der Bestimmende von etwas als etwas bin. In diesem Sinne ist Sittenlehre praktische Philosophie: „Das System des notwendigen Denkens, dass mit unseren [intentionalen] Vorstellungen ein Sein übereinstimme, und daraus folge.“ (FICHTE, SL 98, GA I/5, 22) 3

Der Zweckbegriff, als kompatibler Begriff zur Freiheit und erkenntniskonstitutiver Begriff der praktischen Philosophie, hat damit a) eine kategorische Dimension, weil das Bewusstsein der Freiheit und deren intuitive Erkenntnis auf einem kategorischen Sollen beruht, mithin auf einer sittlich-praktischen Regel, die modal notwendig so gedacht werden muss, soll Freiheit möglich sein und b) eine teleologische Dimension: „Ich setze mich als frei, inwiefern ich ein sinnliches Handeln, oder ein Sein aus meinem Begriffe, der dann Zweckbegriff heißt, erkläre (SL 1798; GA I/5, 27)

Das Kategorische und Teleologische fallen nicht auseinander, noch sind sie entgegengesetzt, sondern beiden gelten als konstitutive Bestimmungen des praktischen Freiheitsbewusstseins. Der kategorische Faktor betrifft die Rechtfertigung des Prinzips der Sittlichkeit, der teleologische die Konkretion des Prinzips selbst. 4

Mit eigenen Worten noch expliziert – mit noch weiterer Differenzierung: M. Ivaldo spricht vom „kategorischen Sollen“. Er hat hier sicherlich eine höhere Herleitung im Sinne. Wie ich das verstehe, würde ich es so systematisieren: Das kategorische Sollen ist der deduktive (synthetische) Weg der Schematisierung des Wissens, worin die Freiheit Prinzip ist allen Seins. Ausgehend vom Begriff der Erscheinung des Absoluten (der Anschauung Gottes, des Bildes Gottes) wird die gesamte Wirklichkeit verwandelt und differenziert in eine durch Freiheit bestimmte Wirklichkeit. Dies führt zu einer Entfaltung aller subjektiven und objektiven Anschauungen einer Sittenlehre bzw. Religion.


Das teleologische Denken ist hingegen der reduktive Weg der Analysierung des Wissens. Dafür sind wieder zwei Fälle möglich, die in einem einseitigen Bedingungsverhältnis zueinander stehen und die phänomenologische Ebene des Erkennens betreffen: a) Entweder wird die Freiheit in der Anschauung vorausgesetzt, dann entsteht die unendliche Anschauung des Endzwecks, d.h. eine Welt der Personen und des Rechts; oder b) die Freiheit wird nicht vorausgesetzt, es entsteht die Anschauung der unendlichen, sinnlichen Natur.

KANT kennt m. E. nur diesen reduktiven Weg der Analyse des Wissens, sei es für den sinnlichen Bereich, oder sei es für den sittlichen Bereich.

Das hört sich auf der phänomenologischen Ebene des sittlichen Bereichs – den sinnlichen Bereich lasse ich hier weg – so an: Die Anschauung anderer Personen wird reduktiv erschlossen (analytisch) aus einem Endzweck: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst (GdMdS, IV, 429)

Wie weiß ich aber, dass ich überhaupt andere Personen voraussetzen darf, die dann durch ein Sittengesetz untereinander vereinbar gesetzt sind?

2) Bei FICHTE verläuft die reduktive Erschließung anderer Personen höherwertig, in einer intellektuellen Anschauung: Die Erkenntnis anderer Personen und die mögliche Form der Kommunikabilität ist bedingt durch die Folge eines „Aufrufs“ bzw. einer „Aufforderung“.

Dieser „Aufruf“ oder diese „Aufforderung“ wird nicht einfach realistisch von der Seite eingeschoben, sondern wird im Gesamten der vernünftigen Durchdringung der Wirklichkeit gesehen und innerhalb der Reflexion des Wissens phänomenologisch begründet:

Das Wissen existiert als Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Nun kann sich die Vernunft als Reflexeinheit nur bilden, indem sie sich bestimmt werdend selbst bestimmt. Das Sichbilden ist sowohl passives Bestimmt-Werden wie aktives Bestimmen, ist gehemmte Bestimmung, die die Vernunft in ihrer Intention frei vermittelt. Diese Reflexeinheit des subjektiven und objektiven Bildens bedeutet eine relative Selbstständigkeit der Hemmung bzw. des Aufrufs/der Aufforderung im Sichvollziehen des Wissens, sei es für den Bereich der sinnlichen Erfahrung, oder sei es für den Bereich einer interpersonalen und sittlichen Erfahrung.

Für den sinnlichen Bereiche heißt das: Die einfache Hemmung ist sinnliches Substrat der sinnlichen Natur; aus diesem pluripotentiellen Substrat entsteht die sowohl die anorganische wie die organische Natur. Die Erklärung der Ursachen wird dabei im anorganischen Bereich durch regulative Zweckideen bestimmt, im organischen Bereich notwendig und konstitutiv durch Zweckideen.

Es besteht zwischen sinnlicher und sittlicher Welt aber ein einseitiges Bedingungsverhältnis: Die sinnliche regulative oder konstitutive Zweckerklärung (für den organischen Bereich) wäre ohne sittliche Zweckerklärung nicht möglich:

Die WLnm (GA IV, 2) demonstriert sehr anschaulich, wie Freiheit und Natur zusammenwirken im System der Sensibilität [postuliert dort in § 8 u. § 11; deduziert in grundsätzlicher Hinsicht in § 13, ab S 145, kurz nach der Sphäre der Bestimmbarkeit überhaupt], in der Ableitung der Sensorik und Motorik des Leibes [§ 14 , 155ff], in der Ableitung der Organizität [§ 15; 171f]; schließlich in der Ableitung des Begriffes der Leibes-Kraft [§ 17; 197f und 210ff] und in der Ableitung der Artikulation und Organisation des Leibes [§ 19; 256 – 261]. Im Erkennen der Welt finde ich mich gebunden. Die Welt ist etwas, deren Grund nicht in mir liegen soll, aber ich bin das, wovon der Grund in mir liegen soll. Die Freiheit scheidet sich deshalb von der Welt ab. Das Anschauen derselben wird ihm zufällig, weil das Ich auch handeln könnte.

Bei M. Ivaldo heißt es dann weiter: So gibt es für das wirkliche Bewusstsein und Selbstbewusstsein

a) eine Wechselwirkung zwischen Hemmungen und tätigem Ich in der bloßen Natur,

b) eine Wechselwirkung zwischen objektiviertem Trieb und freiem Willen in der Natur des Menschen;

c) In der dritten Sphäre eine Wechselwirkung des freien Ichs mit anderen freien Ichen untereinander.

Die Hemmung erfährt eine Transformation.

Das Bestimmtsein des Subjekts wird auf der interpersonalen Ebene als Aufruf bzw. Aufforderung an dasselbe verstanden, sich zu einer Wirksamkeit zu entschließen.

Dieser Aufruf ist wie eine Hemmung, eine Hemmung besonderer Art. Er drückt die auf das Subjekt als freies Wesen gerichtet Intention eines Anderen aus.

„Was ist denn nun der eigentliche Charakter dieser Intention? Fichte antwortet darauf, dass sie eine die Freiheit eines Anderen aufrufende freie Zwecksetzung ist.“ 5

a) Eine Zwecksetzung nach notwendigen Gesetzen gibt es schon in der Natur. Im Vergleich zur interpersonalen Ebene ist dies aber bloß ein negatives Merkmal der Zweckmäßigkeit.
b) Es muss eine Zwecksetzung nach Gesetzen der Freiheit geben, wodurch das positive Merkmal der Vernünftigkeit eingesehen wird.

Die Beziehungen zwischen Vernunftwesen, wenn sie das Merkmal der Vernünftigkeit bewahren, beruhen also auf reziproken, freien Zwecksetzungen. In einer Wechselwirkung durch Begriffe tritt die Intention als freie Zwecksetzung auf, die auf eine andere freie Zwecksetzung ausgeht, um vereint mit dieser den Zweck zu realisieren. Die Intention verursacht das Ich-Werden des Anderen.

Nach GRUNDLAGE DER NATURRECHTS von 1796 (abk.= GNR) liegt die Schwierigkeit der Erklärung des Selbstbewusstseins in einem erkenntnistheoretisch notwendigen Zirkel: Es muss das Selbstbewusstsein als solches schon vorausgesetzt sein, um seine Wirksamkeit auf ein Objekt richten zu können. Umgekehrt muss ein Objekt für das Selbstbewusstsein bereits vorausgesetzt sein, worauf es teleologisch wirkt. (vgl. Akad.-Ausg.=GA I, 3, S 341)

Diese Schwierigkeit kann behoben werden, wenn man annimmt, die Wirksamkeit des Subjekts sei mit dem Objekt in einem und demselben Momente synthetisch vereinigt.

„Nur eine Synthesis dieser Art (sc. worin Wirksamkeit des Subjektes und Objekt eins sind) erlaubt, dass das Ich sich als Ich findet, ohne in diesem Sichfinden aufzuhören, ein Ich zu sein. Das Sich-finden des Ichs vernichtet das Freisein desselben nicht, wenn es als ein Bestimmtsein des Subjekts zur Selbstbestimmung gedacht wird. Während eine einfache Hemmung die Freiheit an das Objekt bindet, (so dass nur ein objektives Bewusstsein und kein eigentliches Selbstbewusstsein entstehen könnte), wirkt die Aufforderung anders: sie bindet (ruft) die Freiheit an sich selbst, sie lässt dem Ich aber seine völlige Freiheit zur Selbstbestimmung. In diesem Sinne ist die Aufforderung Bedingung eines Selbstbewusstseins: In dem Aufgerufensein findet sich (=Objekt) das Ich (=Subjekt) als solches (als reelle Freiheit, Vernunft immer noch auf dem Wege der Bildung ihrer selbst.) Aufrufen heißt nicht nötigen, sondern die Freiheit fördern bzw. ihr ein Virtuelles von Möglichkeiten einräumen.“ 6 Das „Objekt“ einer freien Zwecksetzung, damit das Bewusstsein sich erklären kann, kann kein bloßer Träger eines Objektes der Natur sein, sondern nur ein Träger eines Aufrufes, weil dessen Charakter ja freie Zwecksetzung sein muss. Nur die Bedingung der Möglichkeit eines konkreten Ichs kann ein anderes Ich aufrufen, oder, um FICHTE sprechen zu lassen, „dass der Mensch (so alle endliche Wesen überhaupt) nur unter Menschen ein Mensch wird. (GNR, GA I, 3, 347)

Mit eigenen Worten, ohne M. Ivaldo: Ein Zirkel von Wissen (freier Zwecksetzung) und Sein (Objekt des Wissens) ist die alte Crux vieler Philosophien bis heute; bei Fichte wird der Zirkel hier 1798 reduktiv unterlaufen, in dem es nur ein Zirkel zwischen Wissen und (anderer) Freiheit in einem Wissen! sein kann. Der Zirkel wird analytisch aufgelöst, wenn a priori das Wissen selbst schon interpersonal verfasst ist, d. h. sich als Ich oder Ichheit prinzipiert und schematisiert in eine bestimmte Summe vieler individueller Iche hinein.

Wie die Schematisierung des Wissens geschieht, das kommt hier auf der Ebene der Phänomenologie und auf der Ebene einer materialen Analyse der vorauszusetzenden WL natürlich nicht vor – und kann somit der GNR von 1798 nicht vorgeworfen werden.

Letzterer Gedanke der Schematisierung und Prinzipierung des Wissens – das ist der von mir oben angedeutet deduktive (synthetische) Weg des Wissens – er müsste jetzt in der materialen Explikation der GWL von 1794 dargelegt  werden, worin das absolute Ich sein Sein setzt  – und noch grundlegender anhand der WLn ab 1801/02, worin es um die „genetische“ Begründung des Wissens geht. 

Gemäß der GWL von 1794/95 wird die Freiheit als Prinzip schematisiert und zum Bewusstsein erhoben: Es entsteht die Anschauung einer Ichform (der Ichheit), die als Reflexion nochmals aufgespalten ist in eine Summe vieler Individuen.

Wenn synthetisch die Freiheit a priori eine interpersonale Welt schematisiert und fordert und im Wissen reflexiv auftritt, so kann auf analytisch-reduktivem Weg, d.h. auf der phänomenologischen Ebene, die wechselseitige intentionale und interpersonale Vermittlung der Ichwerdung und Selbstwerdung analytisch anschaubar sein: Unser individuelles Ichbewusstsein geht nicht der konkreten Begegnung mit einem anderen Wesen unseresgleichen voraus, sondern ist die schöpferische Folge einer realen Kommunikation.“7

In der GNR nennt es FICHTE „freie Wechselwirksamkeit“, in dem sich „Wirkung und Gegenwirkung“ nicht getrennt denken lassen, sondern „beide die partes integrantes einer ganzen Begebenheit ausmachen“ (GA I,3, 344)

3) M. Ivaldo betont jetzt völlig richtig, dass diese intentionale Wechselwirkung immer zugleich eine physische Determinationskomponente hat. „Das vernünftige Wesen setzt sich als Person, indem es sich einen Leib zuschreibt, und zugleich kann es sich keinen Leib zuschreiben, ohne ihn zu setzen, als stehend in Interaktion mit einer anderen Person außer ihm.“ 8

Im Leib setzen wir uns unmittelbar als Ursache unseres Willens.

Eine Wechselwirkung zwischen Personen kommt somit zugleich durch eine leibhafte Interaktion zustande. Die Intention eines Anderen manifestiert sich in und durch die Leibhaftigkeit – und im weiterer Folge müsste jetzt die ganze kommunikative Form der Vermittlung durch artikulierte Töne, Sprache, Gebärden usw. extrapoliert werden.9

Diese grundlegende Intention manifestiert sich ferner zweifach: als ein „du darfst nicht“ und als ein „du sollst“. In dem Aufgerufenwerden findet sich das Ichbewusstsein zur Verantwortung aufgefordert: und zwar durch die Wahrnehmung der Grenzen und zugleich der Möglichkeit seiner Freiheit.

In einer grundlegenden Philosophie und intersubjektiven Reflexion sollen jetzt die spezifischen Grenzen und Möglichkeiten der individuellen Freiheit dem Anderen gegenüber hell und greifbar dargestellt werden, sprich, die philosophischen Grundlagen einer Rechtslehre und einer Ethik müssten weiter expliziert und material darstellbar sein.

Der eigentliche Inhalt der den Aufruf bestimmenden Intention ist das Vernunftgesetz. „Die praktische Wechselwirkung zwischen Personen hat das Ziel, die Vernunft in sich selbst und in den Anderen zu verwirklichen. (…) Die Interaktion zwischen Personen hat das Sittengesetz als Maßstab und die Hervorbringung der Sittlichkeit in der Welt als Zweck (siehe z. B. SL von 1812, SW XI, 83). 10

Die Grundtendenz der Vernunft überhaupt liegt somit in einem sittlich-kategorischen Sollen, das im Zweckbegriff zur praktischen Wirksamkeit leiblich, sittlich und rechtlich (und evtl. religiös11) übergeht.

M. Ivaldo beschreibt es so: Die Vernunft ist „(…) absolute Erscheinung eines Dialogs, in dem jeder Partner zu seiner Selbstheit zusammen mit dem Anderen (und den Anderen), und nur so, kommen kann.“ (ebd. S 172)

4) Soweit M. Ivaldo. Als eigene Schlussfolgerungen möchte ich noch angeben, was wiederum noch weiter zu entfalten wäre!

a) Der Erklärungsgrund in und aus einem Sittengesetz als ratio cognoscendi der Freiheit führt als teleologischen Durchführung und Realisierung zu einer materialen Rechtslehre. FICHTE hat stets auf die Eigenberechtigung des rechtlichen Systems gegenüber der Moral beharrt. Der Mensch als Bild Gottes ist rechtliche Grundlage und verlangt nicht erst eine moralische Zusatzbegründung oder eine Tauglichkeitsprüfung von subjektiver Maxime und allgemeiner Gesetzgebung. 

Wird allerdings auf das Prinzip der Freiheit selber reflektiert, wodurch sich das Wissen schematisiert, muss es nochmals zu einer genetische Begründung für den Rechtsbegriff  durch den Moralbegriff kommen. 

M. Ivaldo drückt diese Prinzipiierung der Freiheit so aus: „Der Sinn des Rechts besteht nämlich darin, dass durch wechselseitige Beschränkung der praktischen Freiheit der Individuen soziale und juridische Verhältnisse innerhalb der Natur „hervorgebracht“ werden, die eine freie Einrichtung von höheren (sittlichen bzw. sittlich-religiösen) Verhältnissen unter den Individuen ermöglichen. Die Rechtssphäre ist somit hinsichtlich ihrer Funktion autonom und hinsichtlich des Zwecks ihres Daseins der sittlichen Sphäre untergeordnet.“ 12

b) Die praktischen Begriffe im sittlichen Verhalten zueinander und ihre Ritualisierung und Kodifizierung im Recht enthalten eine mitschwingende, still vorausgesetzte Transzendenz. Im intentionalen Zweckbegriff kann die andere Freiheit gerade nicht vollständig und letztgültig erkannt und erreicht werden, weil notwendig das Werden und die Zeit dazwischentritt. Die Zeit ist die Anschauung einer unendlichen Differenzierung von begrifflich verstandener Freiheit und setzt den Begriff Gottes (die Transzendenz) als absoluten Gegenstand der Anschauung voraus.

c) Als Beispiel einer der rechtlichen Kodifizierung und rechtlichen Ritualisierung des Zusammenlebens vorausgehenden Moralentscheidung möchte ich auf die Hl. Schrift GENESIS und EXODUS verweisen: Die Gesetzgebung am Berg Sinai (Buch EXODUS) wird als Bildungsprozess des „Volkes Gottes“ gesehen, weil explizit dort sich das Volk eine rechtliche Verfassung gab. Die konkrete, historische Promulgation und Ritualisierung von Recht fällt aber m. E. nicht mit der genetischen Begründung zusammen, sondern die konkrete sittliche Annahme eines Rechtsvertrages mit Gott verläuft überzeitlich über die innere Annahme einzelner Personen, konkret über Menschen, die sich zu diesem Vertrag freiwillig verpflichtet haben, vorab zur Promulgation am Berg Sinai und ihrer Ritualisierung in einem Gesetzbuch. Siehe dazu das Beispiel Abrahams im Buch GENESIS. Das „Volk Gottes“ ist bereits abgebildet im Hören des Wortes bei ABRAHAM und in den an ihn ergangenen Verheißungen. („Ich werde dich zu einem großen Volk machen…….“). Im Buch EXODUS ist es ähnlich: Der ganzen rechtliche Bildung und Kodifizierung des „Volkes Gottes“ am Berg Sinai geht eine moralische Erfahrung im weitesten Sinne voraus, d. h. die Erfahrung einer Freiheit und Befreiung (aus der Knechtschaft „Ägyptens“). Indem das „Volk Gottes“ sich am Berg Sinai ein theokratisches Gesetz gibt, sanktioniert es im nachhinein die moralische Erfahrung und das rechtliche, intentionale, interpersonale Wechselwirkungsverhältnis.

© Dr. Franz Strasser, fr.strasser@eduhi.at 26. 8. 2016

1 M. Ivaldo, Transzendentale Interpersonalitätslehre in Grundzügen nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, in: A. MUES, Transzendentalphilosophie als System [Hrsg.], Hamburg 1989, S 163 – 173.

2M. Ivaldo, Die systematische Position der Ethik nach der Wissenschaftslehre nova methodo und der Sittenlehre 1798, in: Fichte-Studien, Bd 16, 1999, 245.

3M. Ivaldo, ebd. 245.

4M. Ivaldo, ebd. S 246.

5M. Ivaldo, Transzendentale Interpersonalitätslehre, ebd. S 169. Was hier alles zum Begriff der Intention gesagt werden müsste, übersteigt diesen kurzen Blog, von BRENTANO bis HUSSERL. Leider fehlt bei letzteren Philosophen m. E. die praktische Begründung der Intention, weil sie kein umfassendes Schematisieren des Prinzips der Freiheit kennen.

6M. Ivaldo, ebd. S 169.170.

7M. Ivaldo, ebd. S 170.

8M. Ivaldo, ebd. S 171.

9 Die Anwendungsbedingungen müssen selbst auf der Linie der tendenziellen Grundbildung der Vernunft liegen; jede Hemmung muss letztlich als freie vermittelt werden. Die Vernunft als absolutes Bilden ist m. a. W. ursprünglich dialogisch; sie erscheint dialogisch als ein Aufrufen und ein Aufgerufenwerden von Sprechenden. Die Selbstheit einer Person ist nicht möglich ohne Begriff einer Vernunft „außer“ uns. Es ist deshalb m. E. auch richtig und wichtig, primär von Interpersonalität, statt nur von Intersubjektivität, zu sprechen. In der Intersubjektivität wird ein reduktionistisch vorgestelltes abstraktes Subjekt assoziiert, das mit anderen kommunizieren kann – aber ohne Anschauungsmittel, ohne Leib, ohne Zeichen. Ex concessis könnte vielleicht das Wort „intersubjektiv“ zugestanden werden, wenn es allein um die abstrakte, reflexiologische Bestimmung eines Interpersonal-Verhältnisses gehen soll?

10M. Ivaldo, ebd. S 171.

11 Inwieweit eine religiöse Vermittlung eines interpersonalen und transpersonalen Wechselverhältnisses notwendig gedacht werden muss, lasse ich hier offen; FICHTE postulierte dies neben dem theoretischen Postulat der Rechtslehre als praktisches Postulat.

Inwiefern über das allgemein religiöse Verhältnis spezifisch eine Offenbarungslehre folgen muss, weil das sittliche Liebesverhältnis durch die Geschichte bereits beträchtlich zerstört worden ist, möchte ich aber vorab stark betonen.

12M. Ivaldo, Die systematische Position der Ethik, a. a. O., S 250.

Die Schöpfungserzählung 3. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten, die Interpersonalität.

Die Schöpfungserzählung 3. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten, die Interpersonalität.

Wie in Teil 2 schon kurz angedeutet, muss die Erkenntnis des Aufgefordertseins zu einem freien Handeln innerhalb eines gegenseitigen Aufforderns transzendental-deduktiv, überzeitlich gedacht werden, also einer zeitlichen Aufforderung vorausgehen. Das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein schon kennt und ist.1

Die interpersonale, gegenseitige Aufforderung zu einem freien Vernunfthandeln ist die immanente Seite des transzendenten, glaubend-liebenden Verhältnisses Gott/Mensch. Wir leben im Horizont einer kategorisch unbedingten Vernunftaufforderung, die vom Prinzip her uns konstituiert und in jeder geschichtlichen Entscheidung uns auffordert, Vernunft zu realisieren. So sind wir bereits konstituiert und werden nicht erst.

1) Die Interpersonalitätslehre FICHTES ist schon mannigfaltig rezipiert worden. Ich sehe die korrekte Rezeption in der, vielleicht von FICHTE nicht so explizit deklarierten, aber unbewusst geahnten,  intelligiblen Begründung der Interpersonalität aus dem Absoluten. Ich verweise dazu einerseits auf F. BADER 2, andererseits auf den Text der WLnm.

Entsprechend zur Selbstbeschränkung des reinen Willens in § 14 der WLnm und der daraus folgenden Aufgabe (§ 15), dem sittlichen Sollen (§ 15) und der Aufforderung (§ 16), folgt im analytisch-synthetischen Abstieg in § 17 formal-methodisch der Begriff der Selbstaufgabe. Dieser Begriff erlaubt die Interpersonallehre in einem intelligiblen und deduktiven Sinn abzuleiten – und zugleich eine Verbindung zu den späteren WLn herzustellen, in denen die Gottesidee nicht mehr als zweites Ich-Prinzip nebenherlaufend ausgegrenzt wird. 3

1. 1) Die Selbstaufgabe gegenüber einem Ich

Selbstaufgabe heißt: Das absolute Ich gibt sich a priori und unableitbar sich selbst zu seiner Verwirklichung auf. Was hat das für einen Sinn? Es ist ja schon alles, Totalität aller Realität und Vollkommenheiten; es braucht gar nicht in die Erscheinungsform einer Aufgabe und eines erst zu realisierenden Ideals eintreten. Die Verwirklichung einer Aufgabe, die sich zudem in Zeitformen schematisieren sollte, wäre nur die Reduplikation von etwas, das schon vollkommen für sich da ist. Also kann und darf das reine Ich allein und allein als totum gar nicht Träger und Vollzugsprinzip der Aufgabe sein. Ebenso kann es nicht unmittelbares, direktes Ziel des Aufgabe-Setzens sein. Es hat sich ja darin zurückgenommen, sich zurückgehalten. Seine Ichheit als Prinzip der Aufgabe muss sich deshalb, neben der absoluten Ichheit, im Aufgabe-Geschehen sofort vermindern, sich damit eo ipso in Gegensatz zu etwas setzen und als disjunktive Ichheit, d. h. als Person (gegenüber Personen) hervortreten. Die Aufgabe und Aufforderung ist nur mittels der Dazwischenkunft dieser Verminderungsform – als ein anderes Ich schematisierend und als mit ihm in Wechselbestimmung stehend – denkbar.

Das sich zurücknehmende, sich vermindernd setzende und eine Wechselbestimmung eröffnende und diese Wechselbestimmung tragende Ich wurde als „absolutes Ich“ der GRUNDLAGE schon benannt bzw. als „reiner Wille“ der WLnm ausgeführt. Dieses absolute Ich/reiner Wille wird damit zugleich beschränktes Ich. Es setzt sich innerhalb der Sphäre der Selbstaufgabe, wo es noch universal-ichlich ist, nur mit zugleich erfolgender Ich-Quantitierung und Ich-Einschränkung im Sinne der Ich-Individuierung. Das reine Ich wird darin als Vollzugsprinzip der Aufgabe zugleich beschränktes Ich. Sein Sollen wird relativ zu dieser Ich-Individuierung ein versinnlichendes Sollen und ein angeschautes, „versinnlichtes“ Sollen (WLnm GA IV, 2, 251.Zeile 6)

Oben war das Bestimmte, die INDIVIDUALITÄT, das reine Sollen, hier erscheint diese INDIVIDUALITÄT versinnlicht, sie ist also nichts anders als eine Versinnlichung meines reinen Sollens, eine Auffoderung zu einer freyen Thätigkeit als FACTUM in der Sinnenwelt. Das reinen Sollen war Beschränktheit meiner selbst durch Freyheit, sonach ist auch das versinnlichte SOLLEN, eine Beschränktheit meiner selbst auf eine gewiße Sphäre oder bestimte Bestimmbarkeit meiner selbst.(…)“ GA IV, 2, 251.

Das reine, absolute Ich wird eingeschränktes Ich und umgekehrt relativ zu diesem Sollen tritt die Ich-Individuierung ein. Nur als zugleich eingeschränktes Ich kann das absolute Ich eine Wechselbestimmung zwischen Ich und Du eröffnen, eine „bestimte Bestimmbarkeit meiner selbst“. Nur vermittels der Erscheinungsform seiner Ich-Verminderung, d. h. mittels der Selbstaufgabe und der damit verbundenen Schematisierung und Verendlichung und Verzeitung in eine Ich-Verminderung hinein, wird ein Nicht-Ich (im absoluten Ich) für das Ich gesetzt.4 Auf andere Weise könnte dieser Gegensatz Ich und Nicht-Ich (ichliches-Nicht-Ich) nicht konstituiert werden, weil das Wechselbestimmen zwischen Ich und Nicht-Ich (ichliches-Nicht-Ich) ohne absolutes Ich kein Relatum hätte, mithin unmöglich wäre.

Die Selbstbeschränkung oder Selbst-Verminderung des absoluten Ichs wird in der WLnm klar in Richtung einer Personalisierung und Selbst-Individuierung des endlichen Ichs weitergeführt:

Ich finde mich aufgefodert zu einem freyen Handeln. Diese Auffoderung ist die versinnlichte Aufgabe sich selbst zu beschränken. Von dieser Auffoderung schließe ich auf ein sie bestimmendes Vernunftwesen außer mir, nun ist dies Auffoderung sein sinnliches Handeln, ich schließe also auf eine sinnliche Kraft des Vernunftwesens außer mir, realisire das Vernunftwesen in der Sinnenwelt“ (WLnm § 19, GA IV, 2, 255)

Zwar ist dieses Schließen auf eine andere Person auf der sekundärreflexiven Ebene der Ichkonstitution formuliert, aber transzendental-denkbar ist das Verstehen der Aufgabe und das Antworten nur auf primärreflexiven Ebene einer substantiellen Aufforderung. Die Person des anderen wird transzendental-reflexiv im Begriff der Aufforderung gewusst, nicht erst erschlossen. Es heißt im § 16: „Sieht man dass diese (apriorische) Auffoderung von einem freyen Wesen außer mir herkomme, so muß der Begrif dieses INDIVIDUUMS von dem die Auffoderung herrührt, in dieser Auffoderung selbst liegen“ (GA IV, 2, 179). Dies ist eine substantielle Individuation, im Sinne einer geistig-personalen Individuation als Basis aller sinnlichen Individuation.

Das endliche Ich kann sich nicht nachträglich eine es selbst und das Du umgreifende Wechselbestimmung (oder Anerkennung)5 erschleichen, in einer Art petitio principii, ohne das methodisch anzugeben, wenn es nicht schon als substantielle Icheinheit vorausgesetzt wird dank der Selbsteinschränkung des reinen Willens bzw. des absoluten Ichs.

Der reine Wille der WLnm kann deshalb im höchsten Punkt der Erscheinungsform einer interpersonalen Wechselbestimmung nicht anders aufgefasst werden als ein sich selbst einschränkender reiner Wille bzw. als absolutes, göttliches Ich, dass sich in Selbstaufgabe und Verminderungsform setzt und inkarniert, damit diese Wechselbestimmung möglich wird. Die substantielle Aufforderung ist eine göttliche, universal konstituierende und mit-konstituierende Bedingung im zwischenmenschlichen Aufforderungs – und Antwortverhältnis. Transzendental gewusst geht deshalb schon ein Individuiertsein von Gott her dem wechselseitigen, sekundärreflexiven Individuiertsein durch andere Personen voraus. Das schließt nicht aus, dass geistig-sinnlich eine Person für die andere Person mit-konstitutiv ist im Individuiertwerden und im Erwachen des Bewusstseins, aber primärreflexiv muss das absolute Ich vom substantiellen Aufforderungsakt und Zweckbegriff ausgehend als konstitutiv für endliche Freiheit und Individuation angesehen werden. Das absolute Ich setzt sich selbst innerhalb der Sphäre der Selbst-Aufgabe in Erscheinungsform in ein Verhältnis des Sich-Relationierens und darin Sich-Individuierens und Sich-Inkarnierens, weil sonst die gesamte Relation nicht konstituiert wäre. Es ist eine Selbstaufgabe gegenüber einem ermöglichten Ich in einem Ich-Du-Wir Verhältnis.

Auf bloß objektivistischen Wege, als außer der Relation bleibend, als sozusagen an seinem Produkte unbeteiligtes Handeln ad extra, bzw. als nur (überdisjunktiv) in der universalen Selbstaufgabe verharrend, ist dies nicht möglich. (….) Das absolute Ich steht quantitiert selbst in der Relation und ist an ihr beteiligt. Es verendlicht sich. Es ist selbst in dieser Individuation sein erst-konstituiertes als endliches und erst darin Konstitutionsprinzip des bloß Endlichen.“6

Gott selbst ist in jeder geistig-personalen Individuation konstitutiv mit-beteiligt und inkarniert und verendlicht sich in dieser Individuation in sinnlicher wie geistiger Weise zu einem bestimmten Zweckbegriff.

1. 2) Die Selbstaufgabe gegenüber einem Du

Zugleich mit dieser Selbstrelationierung und apriorisch vorauszusetzenden Selbstindividuierung des absoluten Ichs muss eine zweite, beschränkte Ichsetzung die Aufgabe mitkonstituieren. Für die apriorische, überzeitliche Konstitutionsbedingung im Aufgabe-Geschehen ist ein zweites Ich vonnöten. Ohne zweites Ich ist die Aufgabe nicht Aufgabe, weil das absolute Ich in seiner Selbstbeschränkung die Aufgabe durchvollziehen müsste als Reduplikation. Das zweite Ich muss mitkonstitutiv zur Aufgabesituation hinzutreten. Die Aufgabe kann nicht durch die eingeschränkt erscheinende Reflexivität des absoluten Ichs allein bedingt sein, weil sie über die Einschränkung hinaustendiert. Die Aufgabe geht über die erste disjunktiv-beschränkte Reflexivität oder Ichheit hinaus. Sie liegt von ihrem telos her partiell außerhalb der Bedingtheit durch das eine, erste Ich. In der Aufgabe liegt bildlich gesprochen ein Überhang, ein Darüberhinaus an Momenten des Selbstvollzugs, die nicht allein durch ein einziges Ich (in der universal-ichlichen Sphäre der Selbstaufgabe) konstituiert sein können, weil ihr Zweck eine andere selbstständige Setzung ist.7 In der GRUNDLAGE § 5 ist dieses endliche Ich deduziert, wenn wir vom Begriff der Aufgabe her denken: Die Form des Nicht-Ich soll beibehalten, aber der Gehalt dem Ich angepasst und in geistiger Einheit verichlicht werden.

Also, das absolute Ich bezieht sich selbst schlechthin auf ein Nicht-Ich (jenes — Y), das, wie es scheint, zwar seiner Form nach (insofern es überhaupt etwas ausser dem Ich), nicht aber seinem Gehalte nach, Nicht-Ich seyn soll; denn es soll mit dem Ich vollkommen übereinstimmen. Es kann aber mit demselben nicht übereinstimmen, insofern es auch nur der Form nach ein Nicht-Ich seyn soll; mithin ist jene auf dasselbe bezogene Thätigkeit des Ich gar kein Bestimmen (zur wirklichen Gleichheit), sondern es ist bloss eine Tendenz, ein Streben zur Bestimmung, das dennoch völlig rechtskräftig ist; denn es ist durch das absolute Setzen des Ich gesetzt.“ (GRUNDLAGE, SW, I, 261)

Die Selbstaufgabe und Selbstbeschränkung des reinen Willens ist deshalb zugleich auch eine Entgegensetzung eines Du. 8

1. 3) Die Selbstaufgabe gegenüber einem Wir

Wenn die Aufgabe als Einschränkung des absoluten Ichs über die disjunktiv-beschränkte Reflexivität hinausgeht, also nicht durch ein einziges Ich in der universal-ichlichen Sphäre der Selbstaufgabe konstituiert sein kann, sondern durch ein anderes Ich als selbstständige Setzung vollzogen werden muss, so ist eine weitere Bedingung der Möglichkeit einer anderen selbstständigen Setzung (eines dem Ich gegenüberliegendes Du), bereits nach herabgesetzter Einschränkung des absoluten Ichs, dass es eine apriorische Einheit zwischen mindestens zwei endlichen Ichen gibt. Das endliche Ich kann ja nicht von sich her die Einheit zwischen Ich und Du herbeiführen. Die Selbsteinschränkung des absoluten Ichs soll sich in selbstständiger Selbsteinschränkung endlicher Iche zueinander wiederholen – ohne bloße Reduplikation zu sein. Dies ist nur möglich durch ein apriorisches Prinzip, das die Beziehung zueinander und miteinander synthetisch trägt und hält und ein selbstständiges Geschehen ist. Somit liegt in der Selbstbeschränkung des reinen Ichs – wenn man so sagen will, als erstem Prinzip -, nicht nur ein zweites Prinzip eines Du, wodurch erst die Aufgabe mitkonstituiert sein kann, sondern auch ein drittes Prinzip einer überdisjunktiv-reflexiven Einheit, ein Wir, damit das absolute Ich sich vermindert und sinnlich herabsetzen und durch Ich und Du vermittelt zu sich zurückkehren kann. Die Selbstbeschränkung des reinen Ichs tritt in die Erscheinungsform eines aufgebenden Ichs herab gegenüber einem aufgegebenen Ich und bleibt in der Form der beide umgreifenden Selbstaufgabe doch in seiner Einheit die eine Selbstbezüglichkeit des reinen Willens (des absoluten Ichs), erscheinend als Wir.9 (Die Unterscheidung „erstes“ und „zweites“ und „drittes“ Prinzip beruht auf der disjunktiven Trennung für und durch das Bewusstsein; in der reinen Selbstbezüglichkeit des reinen Willens ist es ein einziges und EINES inkarnatorisches Prinzip, triadisch erscheinend.)10

Es kann hier der Begriff einer „unabhängigen Thätigkeit“, zureichend erklärt werden: In der Form der unabhängigen Tätigkeit tritt das absolute Ich der GRUNDLAGE in die Relation ein und begleitet konsequenterweise und systematische alle Individuation. Die Selbstaufgabe des absoluten Ichs schematisiert sich in einem Interpersonalverhältnis in einen Aufgebenden und  einen Aufgegebenen und damit in eine schematisierungs-immanente Beziehung hinein.

Eine Wechselwirksamkeit im Sinne von substantieller sowie alternativ-freier Aufforderung und Antwort ist eröffnet in einem Ideal einer schematisierungs-immanenten Synthesis einer, wie FICHTE später sagen wird, materialen „intellektuellen Anschauung“ 11. Die Personen sind als Momente eines in sich geschlossenen und zugleich zur freien Gestaltung der Interpersonalität und der ganzen sinnlichen und sittlichen und religiösen, offenen, synthetischen „periodum“ 12 gesetzt.

Die Selbstaufgabe des reinen Willens ist somit auch eine substantiell ermöglichte universale Ich-Einheit und liegt apriorisch der Ich-Du-Wechselbestimmung ermöglichend voraus. In der Sprache des Aufrufs und der Aufforderung (WLnm ) ausgedrückt: Der reine Wille (das absolute Ich der GRUNDLAGE) ruft die endliche Vernunft primär als universale Vernunfteinheit (als Wir) und erst durch sie hindurch die Individuen. Universelle und individuelle Personifikation korrespondieren einander in der Einheit der Selbstaufgabe des reinen Willens (des absoluten Ichs).

2) Auf der Erscheinungsebene heißt das: Die Ich-Einheit und Du-Einheit und Wir-Einheit sind nur ecktypische Erscheinungen eines archetypisch zugrunde liegenden Verhältnisses, dass im individuellen und interpersonalen und universellen Vollzug in der Form des inkarnierten Sollens heraustritt. Der ecktypische Vollzug des Interpersonalschemas ist mitkonstitutive Bedingungen des Hervortretens dieses Verhältnisses und dieses Interpersonal-Schemas, sonst wäre die Selbstaufgabe gegenüber einem Ich und Du und Wir nicht denkbar. Sobald ein Ich- oder Du oder Wir-Standpunkt aber als solcher und für sich alleine reflektiert würde, würde eine Disjunktivität aufgemacht und ein Objektivismus geschaffen, der weder dem Ich noch dem gegenüberliegendem Anderen des Du oder dem gegenüberliegendem Wir entsprechen würde. Die Selbstbezüglichkeit bleibt unobjektivierbar, weil die Einheit selbst aus einem unableitbaren Gegensatz besteht, der als unableitbares Sollen in aller Interpersonalität und in allem personalen und interpersonalem Vollzug hervortritt und sich durchhält. Das aus der absoluten Einheit hervortretende Sollen in Erscheinungsform schematisiert und inkarniert sich in einer Ich-Du-Wir Einheit aus – und ohne dieses Sich-Schematisieren und Sich-Inkarnieren des absoluten Prinzip in die erscheinende Form des Sollens wäre ein Ich und Du und ein Miteinander zu eigenen Bedingungen des Vollzugs nicht denkbar.

M. a. W.: Die selbstbezügliche Einheit des Absoluten steht nicht direkt den einzelnen Personen gegenüber, sondern nur indirekt, weil die abgeleiteten Personen (Ich/Du/Wir) konstitutiv ein integrierendes Moment dieser Selbstbezüglichkeit und ihres Hervortretens in der Selbstaufgabe sind. Es darf keine abstrakte Substanz unterstellt werden, wozu additiv die Unterscheidung und die Einheit in Personalität und Interpersonalität hinzukäme, sondern archetypisch ist die Einheit schon personal und interpersonal grundgelegt, die ecktypisch hervortreten kann. Ich/Du/Wir können als endliche Personen nur so erscheinen und sich erkennen und wollen und als Personen handeln, wenn relativ zu ihnen eine Schematisierung und Versinnlichung und Inkarnation des absoluten Prinzips schon stattgefunden hat. Diese Einheit kann nicht als gänzlich abstrakt und antropomorph verfehlt werden, weil sonst die Selbstbezüglichkeit in der Selbstaufgabe generell verfehlt wäre. Es kommt dem Gedachten der Selbstbezüglichkeit notwendig und allgemeingültig zu, dass die Selbstaufgabe und Selbstbezüglichkeit sich nur personal und interpersonal vollziehen kann. Im Aufruf-Geschehen sind drei Momente gesetzt: die gegenseitige Freigabe im Aufruf, die darin wechselweise übertragenen Gabe und die daraus folgende Aufgabe. 13

3) Die Begründung des Zweckbegriffs im reinen Willen erhält absteigend ab § 13 der WLnm die Funktion, die Versinnlichung und Verzeitung des reinen Willens anzuwenden. Oder anders formuliert: Der Zweckbegriff erhält die Aufgabe, die Deduktion der Versinnlichungs- und Verzeitungsformen des reinen Willens

1.) in der sinnlichen Erfahrung des Leibes und

2.) in den sonstigen Erfahrung des Ichs im Sozialen (der Interpersonalität), in der Moralität und sinnlichen Außenwelt und in der Religion, weiterzuführen.

Der Zirkel im Erkennen ist durch die zwecksetzende, freier Wirksamkeit und die Objektvorstellung vorgegeben:

Reelle Wirksamkeit ist nur möglich nach einem Zweckbegriff, u. Eine Zweckbegriff ist nur unter Bedingungen der Erkenntniß – diese Erkenntniß nur unter Bedingungen einer REELLEN Wirksamkeit möglich;“ (Beginn § 13, S 145)

Zur reellen Wirksamkeit hinzukommend muss eine transzendental-deduktive, erkennbare, erste Anschlussstelle der Wirksamkeit kommen – wie oben das Aufforderungs-Antwortverhältnis in der Selbstbeschränkung und Selbstaufgabe des absoluten Ichs beschrieben wurde.

Dieser reine Wille ist etwas blos intelligibles. Wird aber in wiefern er sich doch durch ein Gefühl des SOLLENS äußert u. zufolge desselben gedacht wird – aufgenommen in die Form des Denkens überhaupt als BESTIMMTES im Gegensatz eines BESTIMMBAREN. Dadurch werde Ich – das Subjekt dieses Willens – INDIVIDUUM; und als BESTIMMBARES dazu entsteht mir ein Reich vernünftiger Wesen – Aus diesen REINEN BEGRIFFEN läßt sich ableiten und aus ihnen muß abgeleitet werden das GESAMMTE BEWUSSTSEYN.“ (Beginn § 13, S 145).

In der Sphäre der interpersonalen Bestimmbarkeit kann ich nicht alleine festsetzen, was zweckhaft ist, sondern bin auf die dialogische, intentionale Zweckrealisierung der Vernunft angewiesen. Es kann in diesem Bereich nur von einer an-determinierenden Bestimmung ausgegangen werden, einer „Aufforderung zu einem freien Handeln“. Die Setzung eines Zweckes nach Gesetzen von Freiheit stellt das positive Merkmal der Vernünftigkeit dar. Die Intention tritt als freie Zwecksetzung auf – und ermöglicht gerade dadurch nicht eine Verdinglichung des anderen, sondern eine intendierte, nicht erzwingbare Ich-Werdung des anderen in einem gemeinsamen Willen und Liebesschluss. Der eigentlich Inhalt der den Aufruf bestimmenden Intention ist das Vernunftgesetz. Das ist praktisch bestimmt, ist eine Evidenz „von allen“ und „für alle“ und „zu allen Zeiten“.

Der erste Begrif ist meine Aufforderung zum handeln. Der Zweck wird uns gegeben, und mit dem Begrif der Auffoderung ist Handeln nothwendig verknüpft (….) den ersten Zweckbegrif machen wir nicht selbst, wir bekommen ihn doch nicht so daß uns der Zweck als etwas bestimmtes gegeben werden, sondern er wird uns nur überhaupt der Form nach gegeben als etwas woraus wir auslesen sollen. Dies ist die Auffoderung zu einer freyen Handlung. Diese Satz ist sehr wichtig wegen der Folgerungen, die in der Rechtslehre davon abgeleitet werden.“ (WLnm § 15, S 177.178)

Die Wechselwirkung freier Personen aufeinander im Sinne der mitzubedenkenden Anwendungsbedingungen des Wissens kann im weiteren in einer intelligiblen Form als intelligible Kraft und in kommunikativer Form verstanden werden – und als leibliche Kraft und physische Kraft.

Der reine Wille ist die apriorische Bedingung der Vermittlung alles Innerweltlichen der Zeit und alles Außerweltlichen des Raumes. Der Wille in seiner intellektuellen Anschauung ist noch ohne Schema und noch ohne Zeitvorstellung. Er ist rein geistig, ohne Versinnlichung. Er ist die unabhängige Tätigkeit und die Bestimmungskraft in allem Sinnlichen. Er wird nicht so affiziert, dass er dem Sinnlichen unterworfen wäre oder vom Sinnlichen relativiert würde, sondern umgekehrt entfaltet der reine Wille alles Intelligible und Sinnliche als Selbstversinnlichung. Er geht in alles Sinnliche dieser Selbstversinnlichung zu seinen Bedingungen ein.

Der Wille zu inneren Bedingungen angeschaut schematisiert sich a) als intelligible Kraft, als Entscheidungskraft, als stete und zugleich fließende Reihe der Zeit und Geschichte.

Der Wille zu äußeren Bedingungen angeschaut schematisiert sich b) als Leibeskraft und physische Kraft. Die Raumform des Leibes gehört transzendental notwendig zur Konstitution des Ichs hinzu. Die Einheit des Wollens vermittelt sich praktisch (nicht bloß repräsentational-theoretisch, wie manche Philosophen die Subjektivität des Ichs hypostasieren).

4) Ad intelligible Kraft und Vermittlung des reinen Willens: Der an das Ich ergehende göttliche Aufruf (im egologischen Sollen, im Gewissen) setzt es formal frei (prädeliberativer/deliberativer Wille). Der Aufruf enthält aber zugleich den Inhalt eines Sollens, sich am jeweiligen Du begrenzt, d. h. verobjektiviert zu setzen und sich auf eine gemeinsame Wahrheit und Sinnrealisierung der logisch-realen Quelle des reinen Willens zurückzubeziehen. Dies ergibt eine Kette der Tradition, zusammengehalten aber nicht durch äußere Umstände, sondern durch freie Sinn- und Wertrealisationen.

Das WORT und der Dialog dient der HL. Schrift und den Kirchenvätern als hervorragendes Mittel, die intelligible Kraft des reinen Willens zu beschreiben in der Weise, dass im Hören des WORTES eine begleitende Empfindung gesetzt ist. (Siehe dann 4. Teil zu Gen 1, 3)

Im WORT – deshalb von mir hier groß geschrieben – tritt in quantitierter Form das Absolute heraus und in diesem Medium eines gerufenen WORTES (verkörpert nochmals durch die Propheten) ist eine objektive Zeitstruktur und eine begleitende Form einer Sinnesempfindung eröffnet. (Siehe 4. Teil)

Die christlichen Theologen der ersten Jahrhunderte unterschieden dann nochmals, dass die Vermittlung im WORT  in einer inneren Selbstbezüglichkeit des Absoluten erfasst werden muss: Nicht direkt tritt das Absolute in Relation zur endlichen Vernunft, sondern im Medium seines SOHNES, des WORTES schlechthin, ruft der VATER die endliche Vernunft zu einer universellen Vernunfteinheit im HEILIGEN GEIST. (Der Formulierungen sind hier viele.)14

Der Sich-Bezug, der in jedem Wissen liegt, bedingt durch die Einheit des Wollens, individuiert sich in einer gemeinsamen Überlieferungskette und verbindet zugleich die Individuen zu einer gemeinsamen Geisteskraft. Es ist diese Geisteskraft, entäußert, dargestellt und übertragen im Zeichen der Hl. Schrift, durch die eine interpersonale Glaubens- und Liebesgemeinschaft von Ich und Du in einem Wir apriorisch ermöglicht ist. Aposteriorisch nachträglich könnte ein interpersonaler Zusammenschluss nicht geleistet werden. Die apriorische Idee einer Zusammengehörigkeit, vermittelt durch die zeitliche Folge eines gemeinsamen Wollens und Sollens, hat als telos die angestrebte Liebesgemeinschaft eines Volkes bzw. ntl. einer Kirche. Der Begriff des „Volkes“ bzw. der  „Kirche“ ist somit eine transzendental apriorische Vernunftidee und liegt jeder antizipierten Sinnidee von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft voraus.15

Die Weitergabe einer intelligiblen Kraft und eines geistigen Sinngehaltes bedarf dabei notwendig eines ständig intelligierenden Rückbezuges auf die unerschöpfliche Quelle aller Wertfülle und aller Weisheit. Der Rückbezug geht nicht auf einen beliebigen und nebensächlichen Anspruch von Wahrheit und Wissen zurück, sondern auf den frei lassenden, Licht und Leben schenkender Anspruch des prädeliberativ reinen Willens. Durch die inspirierenden Quelle des Geistes, dargestellt im Begriff des WORTES,  kann der Mensch an dieser unerschöpflichen Quelle des Lichtes und der Wahrheit Anteil bekommen. Die konkrete Weitergabe verläuft dann über viele geschichtliche, kommunikative Wege und Bilder – und müsste hier ausführlich behandelt werden.  So könnte ein glaubend-liebendes Verhältnis, wie es Gen 1 auf den Begriff bringt,  nicht gedacht werden, wenn nicht die Tradition einer vorausgehenden Freiheitserfahrung in der Geschichte des Auszugs aus Ägypten den Autoren schon bekannt gewesen wäre. Es wären auch die zehnmal vorkommenden Worte „gut“ und „sehr gut“, die in Gen 1 formuliert sind, nicht möglich, wenn nicht die Autoren die Zehn-Worte vom Sinai gekannt hätten. Es wäre auch das intelligible Ende eines „Sabbats“ in Gen 1 nicht möglich denkbar und beschreibbar gewesen, wenn nicht der Sabbat die Stütze der Identität des jüdischen Volkes gewesen wäre u. v. m. Die Schöpfungserzählung Gen 1 setzt diesen inspirierten und intelligiblen und kommunikativen  Traditionszusammenhang voraus. Ebenso ist z. B. der Begriff des „Volkes“ (Gottes) oder der „Kirche“  nicht das zufällig kollektive  Zusammensein von Personen, sondern die evidierte und stets neu zu evidierende Bildung einer aus dem prädeliberativen Willen geborenen Gemeinschaft. 16

Im hierarchisierenden Wertvergleich entscheidet die menschliche Freiheit über das überlieferte geistige Material, über Wert und Sinn der inspirierten Tradition. Dies ist eine große und dringend zu beantwortende Frage, wie die intelligible Kraft weitergegeben werden kann – und andersherum, wie in diesem Anspruch der Vermittlung auch das Manko einer verfehlenden Sinnidee und das Böse integriert und wiedergutgemacht werden kann.  Eine Antwort darauf, wie diese Rechtfertigung und Wiedergutmachung ausfallen müsse, kann apriorisch nicht aus Gen 1 abgeleitet werden, denn dann wäre die mitkonstituierende Freiheit des Bewusstseins selbst aufgehoben und die zeitlich anzusetzende Sinnidee der Erlösung durch JESUS CHRISTUS um den Faktor der menschlichen Freiheit gebracht: Aber implizit muss im Begriff der Schöpfung als apriorische Vernunftoffenbarung die  apriorische Idee einer positiven Offenbarung enthalten sein, ansonsten die aufgestellte Realisierungs- und Sinnforderung in dem formal wie material durch sich selbst bestimmten reinen Willen widersprüchlich wäre.  Oder im Umkehrschluss formuliert: Wenn wir durch die nicht ableitbaren Bedingungen einer positiven Offenbarung hindurchgegangen sein sollten, eines Gott-Menschen, der sowohl apriorisches Vernunftsollen Gottes wie freie Antwort des Menschen in vollkommener Tathandlung realisiert hat, so müssen  sich die apriorischen Bedingungen der Wissbarkeit der positiven Offenbarung  auch als apriorische Bedingungen der Wissbarkeit der Vernunftoffenbarung in der Schöpfung herausstellen, d. h. müssen in ihr enthalten sein können. Es kann ja nicht verschiedene Wissensbedingungen geben. Die sich in der positiven Offenbarung zeigende, absolute werthafte Tathandlung, worin indirekt das Absolute in reiner Lichtheit und Wahrhaftigkeit erscheint und hervortritt, ist der aus seiner Verborgenheit hervortretende Gott der absoluten Erscheinung in seiner Schöpfung. 

5) Ad Leibeskraft und Vermittlung des reinen Willens (Punkt 3, b) möchte ich noch ausführen: Das formal wie inhaltlich ergehende Sollen an das zu individuierende und in Interpersonalität sich verwirklichende Ich bedingt eine leibliche Erscheinungsweise. Siehe dazu diverse andere Blogs z. B. Deduktion des Leibes in der WLnm oder  „Das Leib-Seele-Problem“ – Link.  – oder im entsprechenden Abschnitt zur Deduktion des Rechtsbegriffes. 

6) Der oben in Teil 2 des angesprochene substantielle Denk- und Selbstbestimmungsakt wird durch die intelligible und leiblich-sinnliche Vermittlung zu einer materiellen Erscheinungseinheit, zu einer Substanz-Erscheinung auf der subjektiven wie objektiven Seite.
Hier scheint mir der alleinige Zugang zu einer möglichen, evolutiven Sicht der Schöpfung zu liegen?! 
 Das materielle Sein – sowohl für das Erscheinungssubjekt wie für das Erscheinungsobjekt –  wird veräußert und übertragen  in eine zeitliche Reihe und räumliche Extension hinein. 17 Ich erscheine mir als materiell auf der subjektiven Seite, zeitlich und räumlich,  und erscheine mir auf der objektiven Seite als materielles Draußen  zeitlich und räumlich („evolutionär“) geworden. 

(c) Dr. Franz Strasser, 15. 10. 2015
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1 Es ist bei FICHTE hier zu bewundern, dass er ein göttliches Aufgefordertsein sogar angesprochen hat, aber aus gewissen Gründen hielt er das für nicht „aufzufassen“. “Die Gottheit ist auch solche reine Thätigkeit wie die Intelligenz, nur ist die Gottheit (/) etwas nicht aufzufassendes, die Intelligenz aber ist bestimmt, (…)“ (WLnm, ebd., 240) Dies ist im nachhinein zu kritisieren, denn damit behielt er einen gewissen transzendenten Objektivismus in seiner sonst so konsequenten transzendentalen Linie bei.

2Die folgende Unterteilung folgt dem Aufsatz von F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, Stuttgart 2001, S 72 – 106.

3Zum Begriff der Selbstaufgabe siehe auch SITTENLEHRE von 1798. „Das Sittengesetz in mir, als Individuum, hat nicht mich allein, sondern es hat die ganzen Vernunft zum Objecte.“ (GA I, 5, 229; 214)

4Mit der Terminologie der GRUNDLAGE gesprochen: Das Ich, das dem Nichtich entgegensetzt ist, ist selbst wiederum entgegengesetzt dem absoluten Ich, was nicht möglich wäre zu sagen oder zu denken, wenn die absolute Ich-Einheit dem beschränkten Ich nicht vorgängig sich selbst beschränkend so gesetzt würde.

5Zum Stichwort „Anerkennung“ sei vielleicht folgende Abgrenzung zur späteren Anerkennungstheorie getroffen, wie sie bei HEGEL und heutigen Philosophen gerne in Anspruch genommen wird. Die Anerkennungstheorie ist geradezu zu einem „Herzstück“  der Transzendentalphilosophie geworden, wie C. ASMUTH (Hrsg.), Transzendentalphilosophie und Person. Leiblichkeit – Interpersonalität – Anerkennung, transcript Verlag, Bielefeld 2007, 19, meint. In innovativer Rekonstruktion wird das Herr-Knecht-Verhältnis aus der PHÄNOMENOLOGIE Hegels zum Ausgangspunkt des Begriffs der  Anerkennung gemacht. Solche Anerkennungstheorie mag für den Begriff des Staates und der Gesellschaft ausreichend sein, einer transzendentalen Kritik hält diese Theorie  m. E. nicht stand. ZÖLLER kritisiert zurecht im besagten Buch v. C. ASMUTH, dass das durch interpersonalen Aufruf gekennzeichnete, zur Selbstbestimmung aufgeforderte Ich, durch ein „grundsätzliches Risiko der Nicht-Anerkennung“ (vgl. obiges Buch, S 142 ff) kontingent und gefährdet erscheint. Deshalb ist es m. E. in einem bis auf die letzten Ermöglichungs – und Wissbarkeitsbedingungen zurückgehenden Denken notwendig, zu einer offenbarungstheoretischen Begründung und Herleitung fortzuschreiten. Der Fortgang zu einem die Interpersonalität und damit Anerkennung erst begründenden absoluten Ich ist reflexiologisch zwingend notwendig. ZÖLLER gibt m. E. korrekt (in zitiertem Werk oben) die Position FICHTES wieder, ohne leider, was ich wieder an ZÖLLER kritisieren täte, über die Person FICHTES hinauszugehen. FICHTE kann zwar mit den  „Anerkennungslehren“ späterer Zeiten verglichen werden, d. h. steht über ihnen, aber deshalb wird Fichte durch diese abzugrenzenden Anerkennungslehren seiner Epigonen nicht zureichend charakterisiert. Er hat wohl mehr zu bieten. 

6F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, a. a. O., S 91. FICHTE führt die Versinnlichung des Zweckbegriffes durch die Selbst-Aufgabe des reinen Ichs apriorisch ermöglicht und geleitet als „inneres und äußeres Organ“ des Leibes weiter aus. (GA IV, 2, 170).

7F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, a. a. O., S 95.

8In diesem Bereich der zu erfüllende Aufgabe kann gesagt werden, dass die endliche Vernunft das Absolute als erscheinendes wesentlich mitbedingt. Andernfalls würde das reine Ich die Aufgabe allein und nicht mittels seiner Selbstbeschränkung tragen müssen und sich damit in adjecto selbst widersprechen.

9 Vgl. F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, a. a. O., S 96.

10Wenn ein Vergleich mit PLOTIN hier erlaubt ist: Er spricht einerseits vom Hervorgang (prohodos) des Geistes aus dem Einen (IV 8, 5, 33), andererseits von der Hinwendung (epistrophê) der Zwei-Einheit des Geistes zum Einen (V 2, 1, 9 – 13) Das Sein, das letztlich Geist ist, ist die Einheit von Hervorgang und Rückwendung. (Vgl. J. HALFWASSEN, Plotin, a. a. O., 86-93.

11Nicht unwesentlich wird FICHTE die intellektuelle Anschauung unterscheiden in eine formale und materiale Anschauung. Die überindividuelle Ich-Einheit wird in den THATSACHEN DES BEWUSSTSEINS v. 1813 ausdrücklich als eine mehr als formale intellektuelle Anschauung angesprochen. Der höchste materiale Gehalt lässt sich nur reflexiv denken, er begründet sich selbst, ist Grund und Folge ineins. Dieser Gehalt ist das Bonum, das Gute. Die Wahrheit [Verum] bewährt sich durch das Gute und umgekehrt wird das Bonum zum Verum. Dieses Materiale hält sich selbst, ist Gewissheit seiner selbst „Durch diese Form, daß er nämlich Ausdruck ist eines allgemeinen Charakters, erhebt der Begriff sich durchaus über alle Wirklichkeit, und kann nur durch seinen Inhalt in dieselbe kommen. Dieser Begriff ist nun schlechthin, er wird nicht, und ist die intellectuelle Anschauung. Nur Er ist die intellectuelle Anschauung. In der Empirie haben wir früher auch eine intellectuelle Anschauung der bloßen Form des Bildes, als nicht des Seins aufgestellt. Alles Bewußtsein ist möglich nur durch das Verstehen des Bildes als solchen, dies ist freilich auch eine intellectuelle Anschauung; aber sie ist das bloße formale Bild der intellectuellen Anschauung, die wir hier hinstellen; dergleichen ja die Erfahrung überhaupt ist in Beziehung auf die reale Erscheinung. Unser jetziger Begriff ist durch diese Form der unmittelbare Ausdruck des überwirklichen, des reinen Charakters dessen, was absolut da ist, der Erscheinung.“ [SW IX, 452.453]

12Das Wort „periodum“ scheint hier angemessen. FICHTE verwendet es einmal in der Ableitung der Teildisziplinen der WL: „Wir erhalten sonach ein 5faches, welches alles im syntetischen Denken verknüpft und unzertrennlich mit einander vereinigt ist. Wir erhalten das was wir den synthetischen Periodum nennen, der immer ein 5faches sein muß.. – In dieser Darstellung der WISS-LEHRE geht unser Gang von dem innersten Gliede (=reiner Wille) fort zu d. äußern.“ (§ 16, GA IV, 2, 190).

13Der Person-Begriff wird in der transzendentalen Reflexion nicht hineingetragen, sondern umgekehrt abgeleitet und bewährt sich in der Ich-Du-Beziehung. Zu einer transzendentalen Beschreibung der Interpersonalität vgl. E SIMONS, Philosophie der Offenbarung, a. a. O., 113ff. Zum Personbegriff siehe H. SCHMIDINGER, Der Mensch ist Person, Innsbruck 1994. K. FLASCH, Das philosophische Denken im Mittelalter, Stuttgart 2000. Oder Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. J. Ritter / K. Gründer / G. Gabriel (Hrsg.), Basel 2007. Nicht zuletzt hat das trinitarische Denken der Kirchenväter von den grammatikalischen und rhetorischen Formen des Sprechens ihren Ausgang genommen, um die Fülle Gottes auszudrücken. Der Personbegriff wurde so geboren – nicht umgekehrt wurde der Gottesbegriff antropomorphisiert.  

14Der Begriff der „Person“, wie ihn die griechischen Kirchenväter definierten, ist aus dieser großartigen Synthese von biblischer Wort-Offenbarung, d. h. einem personalem Aufgerufensein – und dem begrifflichen-substantiellen Denken des Seins entstanden. Das rechte Verhältnis zueinander hat bekanntlich in den Konzilsdokumenten der frühen Kirche zu wiederholten Problemen geführt. Deshalb versuchte z. B. ein AUGUSTINUS in DE TRINITATE (V Buch und VIII Buch) vom Substanzbegriff wegzukommen, weil er die göttliche OUSIA lebendiger, reflexiver, in personalen Kategorien beschreiben wollte. Aber das würde uns hier zu weit führen!

15Dies ist historisch nichts Neues. Die Kirchenväter sprachen immer von der Mitkonstitution der interpersonalen Gemeinschaft der Kirche vom Beginn der Schöpfung an.

16Der freie Willensakt der Bestimmung der Valenz des Wissensbildes vom WORT Gottes geht immer in den Bildungsakt mit ein. Nicht Abbildung eines einfachen Seins ist verlangt, sondern Bildung des wahren Seins ist gefordert. Die Grundintention, das Sein zu erhellen, formiert und performiert sich nur, wenn ein freier Willensakt erfolgt, durch den es erst zur Valenzbestimmung des in Bildung begriffenen Seins kommt. Das Bild des Wissensbildes ist der Voraussetzung nach zwar als wahres Bild angesetzt, die Gültigkeit dieser Voraussetzung hängt aber davon ab, ob im Moment seiner Bildung Evidenz erreicht werden kann, d. h. ob das Bild sich in Evidenz bewährt. Es besteht hier kein Zwang im Bilden und Sichbilden nach dem WORT Gottes; die Intentionalitat und der Geltungsanspruch von Wahrheit kann zwar nicht aufgehoben werden, aber die Zuerkenntnis eines transphänomenalen Seins im Wissensbild und das Sosein dieses Seins ist Akt des freien Willens, der von einem bestimmten Wert geleitet ist.

17Es wäre z. B. Unsinn von der Transzendentalphilosophie als Subjektphilosophie zu sprechen, nur weil von der Einheit der Vorstellung (des Ichs, der Ichheit) ausgegangen wird. Das Ich als Inbegriff aller Erscheinungen spaltet sich kraft verobjektivierender Reflexion in eine erscheinungssubjektive wie erscheinungsobjektive Seite der einen Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist der Gattung nach nicht dichotomisch getrennt in verschiedene psychische oder anorganische Entitäten. Es kann nur ein und dieselben transzendentalen Wissensbedingungen geben – sowohl für das Ich als erscheinendes Subjekt wie für das Nicht-Ich (oder interpersonales anderes Ich) als erscheinendes Objekt. Es ist m. E. ebenso Unsinn, von einer „Geist-Philosophie“, oder „Gehirn-Philosophie“ zu sprechen.