Leo der Große († 461) Die dein Gesetz lieben, empfangen Frieden in Fülle
Aus der Rede über die Seligpreisungen.
Ein Hl. Leo beherrscht die transzendentale Bibellektüre. Hier nur ein Beispiel. Für mich kommen wieder viele reflexologische und genetische Erklärungen vor – und es gäbe wahrscheinlich noch viel mehr zu sagen. In rot gehalten mein Kommentar, in schwarz die Predigt des Hl. Leo.
„Mit Recht erhält die Reinheit des Herzens die Verheißung, Gott zu schauen; denn den Glanz des wahren Lichtes kann ein unreines Auge nicht sehen, und was dem reinen Herzen Freude bedeutet, ist Strafe für die Befleckten.“
Gemäß Weisheit der Hl. Schrift fasst Leo das schwierige Verhältnis theoretisches Wissen von Gott und doch ausbleibender Glückseligkeit, selbst bei kantischer Glückswürdigkeit, in einer Art „Theodizee“ zusammen: „Die Verheißung, Gott zu schauen“ gilt und ist sicher, selbst bei äußerer Widerwärtigkeit.
Wie können aber Glaube und widersprechendes Unheil/Unglück nebeneinander bestehen? Der kantischen Philosophie nach gibt es bereits das Postulat einer der Glückswürdigkeit entsprechende Glückseligkeit bei Gott zu erwarten, mehr oder minder praktisch schon wirksam in dieser Zeit als zumindest offen gehaltene, transzendente und eschatologische Möglichkeit einer Totalität einer Sinnerfüllung durch Gott selbst. (Dort sehr vertrackt formuliert, aber immerhin, die reine praktische Vernunft hält die Möglichkeit einer Erfüllung des höchsten Gutes bei Gott aufrecht, als Freiheit zu sittlich-politischer Gestaltung der Wirklichkeit, ohne dass die autonome Selbstgesetzgebung aufgegeben werden müsste oder ohne „Zwang und Drohung“ seitens der Gottesidee.1)
Fichte ist durch seine Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft nochmals diesseitsgewandter als Kant mit seinem Postulat von Gott und „höchstem Gut“, dass anzustreben notwendig und Pflicht ist. Moralisch wirksam wirkt sich die Gottesidee bereits aus, ohne der Selbstgesetzgebung der Vernunft zu widersprechen. Die Totalität des „höchsten Gutes“ (=Gott) ist zwar noch relativ zurückhaltend im Frühwerk formuliert aus der Gefahr heraus, die Gottesidee kategorial zu fassen, aber immerhin ist deutlich im Hintergrund der Selbstbestimmung aus Freiheit eine „göttliche Weltregierung“ für notwendig schon angesetzt, die später, nach dem Atheismusvorwurf, als heiliger Wille und immer personaler gefasst wurde. Wir würden heute sagen, in der a priori uns bestimmenden und erfahrbaren Sinnidee ist das Postulat Gottes wirksam und kann uns bereits zeitlich und interpersonal bestimmen.
„Wir sollen das Dunkel irdischer Nichtigkeiten meiden und den Schmutz der Sünde aus den Augen des Herzens wischen, damit der Blick ungetrübt mit der erhabenen Schau Gottes gelabt wird.
Wenn man das erlangen will, dann gehört – nach unserem Verständnis – das, was nun folgt, dazu: „Selig die Friedfertigen; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ (vgl. Mt 5,9) Diese Seligkeit gilt nicht jedweder Übereinstimmung und nicht jeder Eintracht, vielmehr jener, von welcher der Apostel sagt: „Habt Frieden mit Gott“, (vgl. Röm 5,2) und der Prophet: „Alle, die deine Weisung lieben, empfangen Frieden in Fülle; kein Unheil trifft sie.“ (vgl. Ps 119,165)
Diesen Frieden können auch die engste Freundschaft und die unterschiedslose Gleichgestimmtheit der Seelen nur dann wahrhaft für sich in Anspruch nehmen, wenn sie mit dem Willen Gottes übereinstimmen.“
Ich steige etwas wörtlicher hier noch ein: Der bei Kant durch die Gottesidee postulierte Zusammenhang von Glücksseligkeit gemäß Glückswürdigkeit, als postulierte Möglichkeit einer Erreichbarkeit des höchsten Gutes, wiewohl nicht immer kongruent erfahrbar im sittlichen Handeln, ist bei Fichte zu einer methodischen Einheit zusammengefasst in der Weise, dass im Begriff des Gewissens bereits eingesehen und innerlich „gefühlt“ werden kann, was entspricht dem heiligen Willen Gottes und was nicht. Anders gesagt: Die Seligkeit kann bereits erfahren werden – siehe dann sehr starke Ausssagen in den AzsL 1806 in den Begriffen der Liebe, des Lebens, des Sehens, des Willens.
Wie es in Fichtes Rechtslehre GNR (1796) bereits eine erfahrbare Freiheit durch die Wirkungsmöglichkeit des Leibes und eine rechtlich abgesicherte Sphäre der Freiheit gibt, geschützt durch Verträge und durch den Staat, so wird in der SL-1798 nochmals auf die innere und freie Selbstbestimmung geschaut, die eine innere Übereinstimmung mit allen anderen in der Interpersonalität schafft – letztlich auch mit Gottes Willen, wenn man diese Übereinstimmung begründen und rechtfertigen will. Im moralischen Handeln stellt sich ein inneres Glücksgefühl oder eine Gewissensruhe ein. (Wie gesagt, siehe dann viel deutlicher und expliziter in den AzsL 1806 ausgeführt – und in den Wln 1809-1814 u. SL-1812.)
Es gibt nach der SL-1798 einen sittlichen Trieb, der vermittelt zwischen sinnlicher Sphäre und reiner Sphäre des Sittengesetzes und ein daraus folgendes „Gefühl“ der Seligkeit im Gewissen. Diese Übereinstimmung kann freilich nur in unendlicher Annäherung gefunden werden, denn unser Reflektieren und Schematisieren ist diskursiv und unendlich, gerade deshalb, weil wir endliche Wesen sind und selbst in der Ewigkeit endlich bleiben werden.
Das Bewusstsein des sittlichen Triebes ist keine individualethische Norm oder stoische oder epikureische Selbstsucht, sondern allgemeine Norm und Ethik von allen für alle zu jeder Zeit, eine niedere Moralität in den Schriften GNR-1796 und SL-1798, eine höhere Moralität der Liebe in der SL-1812. Es ginge bei Fichte ab 1798 zu einer ausdrücklichen Religionslehre erst weiter, wie die transzendente Gotteserfahrung auf die sittliche und interpersonale Welt umgelegt werden kann – hier intuitiv richtig gesehen beim Hl. Leo oder bei Jesus selbst in den Seligpreisungen. (Fichte hat man leider durch den „Atheismusvorwurf“ gestoppt).
„Die Gemeinsamkeiten sündiger Leidenschaften, die Übereinkünfte der Verbrechen und die Bündnisse der Laster haben mit der Würde dieses Friedens nichts gemein.
Die Liebe zur Welt geht mit der Liebe zu Gott nicht zusammen, und wer sich von dem Geschlecht nicht loslöst, das den Gelüsten dieser Welt ergeben ist, der gelangt nicht zur Gemeinschaft der Kinder Gottes. Die aber immer mit Gott im Herzen bemüht sind, „die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens“, (vgl. Eph 4,3) die geraten niemals in Widerspruch mit dem ewigen Gesetz und beten gläubig: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ (vgl. Mt 6,10)“
Der kategorische Imperativ Kants ist hier viel weiter und innnerlicher gefasst, geht nicht nur auf eine bürgerliche Rechtsordnung und Pflichterfüllung, sondern ist totales Hingewandtsein zum anderen, totales Mitgefühl, pragmatische Suche und Regel, was heißt das Sittengesetz für möglichste viele und alle. Der kategorische Imperativ Kants ist zu einer heuristischen Regel und Mittel geworden, die bestmögliche Sittlichkeit und Liebe zu erreichen. Die Tauglichkeitsprüfung einer sittlichen Handlung erfolgt nicht so sehr über die formale Verallgemeinerungsprüfung, sondern über die Gewissensprüfung. Das Gewissen ist zu bilden und ist deshalb primäre Pflicht eines Vernunftwesens. Das Gewissen schematisiert das moralische Gesetz, oder besser und direkter gesagt, schematisiert die Liebe auf den individuell gebotenen Pflichtbereich hin. Das Wollen-in-actu ist damit viel flexibler und pragmatischer als eine erst kompliziert anzustellende Verallgemeinerungsprüfung eines kantischen „kategorischen Imperativs“ und trägt ihren Lohn und ihre Seligkeit (als gewissenhaftes Spüren) in sich.
So muss es ja JESUS gemeint haben und selbst verspürt haben, wie in Mt 5 überliefert: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich….“ „Selig, die ein reinen Herz haben, sie werden Gott schauen……“ Alles wird schon gegenwärtig erlebt – und so schematisiert gegenwärtig hat es hier der Hl. Leo gesehen.
Im Gewissen kann der Mensch auf unmittelbare Art und Weise diese reale und kräftige Idee und, weil genetisch gerechtfertigt, diese Nähe Gottes spüren.
Analog zur leiblichen Sphäre der Selbstbestimmung im Rechtsbereich – siehe dort Ableitung des Leibes und die Erfahrbarkeit der Interpersonalität – ist auch im inneren Bereich der Moralität eine seelisch-geistige Selbstbestimmung erfahrbar und im und durch das Gewissen spürbar.
Anders gesagt: Durch das Gewissen wird das moralische Tun und die moralische Freiheit – bei Kant relativ kompliziert durch eine formale Maxime – auf die Welt übertragen und spürbar. Die kategorische Pflichterfüllung verlangt die Gestaltung der Welt nach dem Sittengesetz oder, was das Gleiche besagen soll, verlangt die Gestaltung der Welt nach dem Gewissen, oder, nochmals anders gesagt, die Gestaltung der Welt nach dem Willen Gottes. Ein Gefühl der Seligkeit tritt ein, wenn nach dem Gewissen gehandelt wird, oder konkreter, personaler formuliert, wenn nach den Seligpreisungen gehandelt wird, „…… sie werden Gott schauen“.
Da die Moralität für die gesamte Menschheit geht, ist die Bildung des Gewissens eine universelle Aufgabe.
Im Original und als Original handelt JESUS so am Berg der Seligpreisungen: Er spricht zu allen, sonst wäre es ja eine Individualethik, und in präsentischer Erfüllung und Erfahrbarkeit. Die Apostel treten zwar näher zu ihm, aber nur zwecks medialisierter Weitergabe in zukünftiger Absicht.
„Dies sind die Friedfertigen, die in gutem und heiligem Sinn Einmütigen und Einträchtigen. Sie haben den ewigen Namen: Kinder Gottes, „Miterben Christi“. (Röm 8,17) Das ist der Liebe zu Gott und dem Nächsten eigen, dass sie keinen Hass verspürt und keine Hinterlist fürchtet, dass sie vielmehr, wenn der Kampf aller Versuchungen vorbei ist, tief im Frieden Gottes ruht, durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.“
Die durch das Gewissen für alle von allen zu jeder Zeit spürbare Moralität und Sittlichkeit ist dabei interpersonal und medialisiert durch das Gemeinwesen einer „Kirche“. So wörtlich Fichte: „Jeder soll Mitglied der Kirche seyn“2 d. h. jeder/jede soll die Einheit aller Individuen im Glauben an das gemeinsame moralische Projekt, gestützt durch ein göttliche Weltregierung, ethisch-teleologisch fördern.
Diese Art „Theodizee“ oder Seligpreisung einer gegenwärtig, erfahrbaren Seligkeit, die in der Übereinstimmung von sittlichem Trieb und moralischem Handeln besteht, ist unter zeitlichen Umständen freilich immer prekär und unendlich offen. Wäre das moralische Projekt zeitlich durchführbar, so würde das entweder enden a) in einer zwangsweisen Beglückung oder Drohung durch das moralische Gesetz oder durch das religiöse Gebot, oder b) es fielen für die Rechtslehre die Notwendigkeit des Staates und für die Morallehre die Symbolkraft der Kirche weg. 3
(c) Franz Strasser, 8. 1. 2026
1Vgl. Literatur: Hans-Georg Bensch, Das höchste Gut in Kants Kritik der reinen Vernunft im Unterschied zur Kritik der praktischen Vernunft. Download im Internet, https://www.academia.edu/144244406/Das_h%C3%B6chste_Gut_in_Kants_Kritik_der_reinen_Vernunft_im_Unterschied_zur_Kritik_der_praktischen_Vernunft
2 J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschafts-
lehre, in: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. I,5, S 210.
1799, hg. von Reinhard Lauth, Hans Gliwitzky, Stuttgart-Bad Cannstatt 1977, 136.
3 Vgl. zum ganzen Thema: Christoph Binkelmann, „Jeder wird Gott, soweit er es seyn darf“. Die Vergöttlichung von Ich und Welt bei Fichte. Internet-download, Academia: https://www.academia.edu/128696782/_Jeder_wird_Gott_soweit_er_es_seyn_darf_Die_Verg%C3%B6ttlichung_von_Ich_und_Welt_bei_Fichte?sm=b&rhid=37274899991 (7. 1. 2026) Ich bin mit seinem Schlussresümee zu Fichte nicht einer Meinung, aber die Herausarbeitung des Gewissens anhand GNR und SL-1798 scheint mir kurz und bündig und richtig. Zum Thema Gewissen siehe z. B. Wolfgang H. Schrader, und Realität. In: Transzendenz und Existenz. (…) Hrsg. v. Manfred Baum und Klaus Hammacher, Amsterdam-Atlanta, GA 2001, S 239- 255.