Kann der Islam eine Offenbarung Gottes sein – 3. Teil

1) Offensichtlich kämpfte die Glaubensauffassung des frühen Islam mit ihrem Propheten Muhammad gegen die „Beigesellung“ mehrerer Götter zum einen und einzigen Gott, wie sie dem Christentum unterstellt wurde, kämpfte auch gegen das Judentum und ihrer Schriftauslegung. Erst der Koran und die später folgende „Hadithe“ hätten das unverfälschte und wahre „Wort Gottes“ gebracht. 

Es ist die Schönheit und Kraft der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht und nicht im metaphysischen oder hermeneutischen Zirkel hängen bleibt.
Da gibt es einerseits das vorausgesetzte Material, das Begriffene, in diesem Falle eine
angeblich positive Offenbarung an Muhammad, andererseits das freie Begreifen und den freien Umgang mit diesem Begriffenen. Dieser Zirkel kann von da nach dort und umgekehrt aufgelöst werden, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1

Eine Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann im strengen Sinne nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz eines behaupteten Wissens, falls dieses nur eingebildet ist. Anders gesagt: In einer Einbildung vermag die Einsicht unmittelbar das reine Substrat für eine bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht halten. Es vermag etwas als möglich in der Einsicht behauptet werden, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.

Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, a) dass das Substrat ihres aktualen Erkenntnisvollzuges wirklich existiert und zeitlich kausiert werden kann, oder sei es, b) dass es im aktualen Erkenntnisvollzug als möglich eingesehen wird.

„Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“2

Die Geltungserkenntnis einer positiven Offenbarung muss so ergreifend und ĂĽberzeugend sein, pertinent stark den Willen erfassen können, dass jeder/jede, der/die diese genetische Erkenntnis mitvollzieht, selbst in späteren Zeiten,  ebenfalls diese  Ăśberzeugung und diesen Glauben und diese Wahrheit teilen kann: Ja, „Allah ist barmherzig und gnädig“ oder „Sei ein Muslim/Muslima“ – das könnte eine wahre Offenbarung an Muhammad gewesen sein. Aber, wie beziehen sich die Muslime auf diese „Offenbarung“  in einem konkreten Sinn einer Nach-Bildung oder Nachfolge? Sie sind allein gelassen mit ihrer Verstandeserkenntnis und apriorischen Vernunftoffenbarung, wenn es nicht eine fortwährende, durch eine trinitarische Gottesidee ermöglichte, pertinente Sinnidee und inspirierende Einsicht gibt.

Kann Muhammad jede Aussage in Bezug auf ein gehörtes  WORT  Gottes, das außerhalb und vor seiner Erkenntnis existieren soll, so begründen und rechtfertigen, dass dieses WORT für spätere Zeiten und Generationen genauso diese Einsicht erreichen und generieren kann wie bei ihm selbst?

Ein „Wort“ im Sinne einer bloĂźen medialen „Bekanntmachung“ – und so doktrinal lehrt das ja der Islam, an Abgrenzung zu den anderen zwei „Schriftreligionen“, wobei ich das Christentum gar nicht als „Schriftreligion“ sehen will – kann nicht die Graduität eines WORTES Gottes erreichen, wie das Christentum die Offenbarung JESU versteht in seiner Tathandlung der Vergebung der SĂĽnden und der SchuldĂĽbernahme am Kreuz. Aus einer bloĂźen „Bekanntmachung“ kann nicht das genetische Licht einer vollkommenen, ĂĽberzeugenden Offenbarung von allen fĂĽr alle zu jeder Zeit ĂĽbergehen, wie die Christen das WORT Gottes in JESUS am Kreuz verstehen. Ein „Wort“ des Korans bleibt fĂĽr mich bloĂźes „Wort“, sicherlich in einer gewissen Relevanz und Performanz, ein gottgefälliges Leben zu leben zu fĂĽhren: „Sei Muslim/Muslima“, „Allah ist gnädig  und barmherzig“.

Das ist ethischer Anspruch, durch mancherlei historische GrĂĽnde und systemtheoretischen Bedingungen als „Bekanntmachung“ Gottes an  Muhammad sanktioniert und ĂĽberhöht – ist aber nicht eine genetische Erkenntnis des WORTES.

Ich kann eine mögliche „Bekanntmachung“ nicht so stark als pertinente Sinnidee der Vergebung und Erlösung lesen und verstehen, wie ich eine vollkommene Freiheitstat der Liebe „lesen“ und nachvollziehen kann. 

Warum hat der Prophet Muhammad nicht auf solche Mittel der Bewährung seiner an ihn ergangenen „Bekanntmachungen“ gesetzt, dass von sich her die weiteren Hörer/Hörerinnen das völlig zwangsfrei  nachvollziehen hätten können? Eine Aussage wie „Sei Muslim/Muslima“ ist nachvollziehbar, „Gott ist barmherzig“ ebenfalls, doch wie umgehen mit den gewalttätigen „Bekanntmachungen“ und VerwĂĽnschungen und erzwungenen Bekehrungen und Unterwerfungen, mit den FeldzĂĽgen und Eroberungen noch zu Lebzeiten Muhammads oder durch seine Nachfolger?  Die angeblichen Manifestationen Gottes  werden dadurch gerade um ihre GlaubwĂĽdigkeit und Moralität gebracht.
Muhammad hätte bei kritischer SelbstprĂĽfung den subjektiven Anteil an einer angeblichen  „Offenbarung“ Gottes vom objektiv möglichen  Teil der „Offenbarung“ unterscheiden und abziehen können und sagen, in meinen Augen ist es zwar nĂĽtzlich und angenehm, wenn alle Muslime wĂĽrden, aber von Gott her kann ich die zwangsweise Bekehrung und die Eroberungen nicht als genetisch sicher behaupten.

2) Es braucht m. E. vernunftkritische Werkzeuge und Argumente, damit Menschliches, Allzumenschliches und Gewalttätiges von der genetischen Erkenntnis einer positiven Offenbarung getrennt werden können.

Transzendentalkritisch kann und muss gefragt werden: Was ist die Identität eines Begriffes mit seiner Idee? Gibt es keine Identität eines Begriffes mit seiner Idee, bleibt ewige Dichotomie zwischen behaupteter Aussage und deren Wahrheitsgehalt. Behauptet kann alles werden, die Frage ist nur,  bewährt es sich.

Jetzt weiter reflektiert: Angenommen, es gibt diese genetische Lebendigkeit des Begreifens, eine Einheit von Begriff und Idee – z. B. „Allah ist barmherzig und gnädig“ oder „Sei ein Muslim/eine Muslima“, sei im vollen und tiefsten Frieden (salâm) mit Gott und dir wie Abraham, wie Elija, wie Jesus…,  so verlangt das jetzt eine zeitliche und geschichtliche Bewährung, eine gemeinsame, interpersonale Ăśberzeugung und eine mediale Weitergabe in Zeichen, Symbolen und Gebeten.
Es
muss der reale Begriff  einer möglichen Offenbarung – also der Vernunftbegriff – in der Identität mit seinem angestrebten Ideal zeitlich realisiert werden können. Es braucht eine materiale Bild-Qualität des Begriffes.
Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die Darstellung
jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten. Es soll in diesem Fall der gnädige und barmherzige Gott abgebildet werden.
Die Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch die differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes selbst in der Bild-Wirklichkeit, sie sind nicht zu trennen, sind aber auch nicht einfach gleichzusetzen. Beziehung und Unterscheidung
(vom absoluten Geltungsgrund) sind beiderseits gleich notwendig in der schwebenden Beziehung der Einbildungskraft.

Das Wort oder der Begriff „Allah ist barmherzig und gnädig“ kann in genetischen Zusammenhänge des Begreifens in eine pertinente, uns stark ergreifende Sinnidee umgewandelt und angewandt werden. Das bezweifle ich dann nicht, wenn dieser überaus sittliche Begriff von allen für alle zu jeder nachvollzogen und gelebt werden kann (zu Bedingungen der Freiheit), als gestaltgewordene Barmherzigkeit. Doch mit welchem Recht beziehe ich Gewalt und Vernichtung verherrlichende Begriffe auf einen absoluten Geltungsgrund? Das reale Wesen des Begriffes und das Ideal des Denkens von Gott sind diametral entgegengesetzt.

3) Das Nachdenken ĂĽber die Offenbarung Gottes hat im Christentum die Anwendungsbedingungen in die transzendentale Analyse des Begriffes stets miteingeschlossen. Die auĂźergewöhnliche Bestimmung JESU war von vornherein auf Einbeziehung vieler Personen ausgerichtet und die Botschaft der Liebe und des Friedens war bezogen auf spätere Anwendungsbedingungen in der christlichen Gemeinde und Kirche. Viele starke Symbole des Gedächtnisses wurden gefunden – am stärksten das Gedächtnis der Eucharistie – und schlieĂźlich war im Denken selbst diese Anwendung und Teilhabe an der positiven Offenbarung im HEILIGEN GEIST vorgesehen. Schon in den ältesten Paulusbriefen und dann Evangelien und späterer Literatur, schlieĂźlich in den Formulierungen der Kirchenväter,  war von vornherein eine ekklesiologische und pneumatologische Realisierung der Gottesidee vorausgesetzt, sonst hätte die positiven Offenbarung Gottes in JESU in ihrer ganzen Sinnperspektive nicht vermittelt werden können. 
Die trinitarische Explikation des Ein-Gott-Glaubens sah a) sowohl den implikativen Rückbezug zum absolut einen Geltungsgrund, als auch b) die appositionelle und geschichtlich sich bewährende Sinnidee dieses Ein-Gott-Glaubens
vor, sonst wäre der implikative RĂĽckbezug selbst nicht möglich gewesen. Die GlaubwĂĽrdigkeit der apriorischen Vernunftoffenbarung wie der positiven Offenbarung (der „Idee“, das Gesichtes  JESU im Begriff der vollkommenen Freiheitstat)  ging notwendig in eine ekklesiologische und pneumatologische Realisierung ĂĽber.

Es bleibt (aufgrund unserer diskursiven Vernunftnatur)  die  unendliche Zeit einer Realisierungsforderung, zugleich aber, hoffentlich, die Erhellung dieser Realisierungsforderung in ihrer qualitativen Sinngestalt von Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit, Frieden.
Beides zusammen macht den christlichen Ein-Gott-Glauben aus: Die implikationslogische Rekursion auf den absoluten Geltungsgrund, auf das Ur-Bild aller Idealisation, und die appositionelle,  erinnerungsmäßige, pertinente Bestimmung des Wollens und der Freiheit des Bildens aus dieser generierenden Quelle des HEILIGEN GEISTES in eine ekklesiologische und pneumatologische Form hinein.

Gibt es diese absolute, im Heiligen Geist mögliche Bewährung und Dauer der implikativen wie appositionellen Begründung im Koran? Einen sowohl zeitlich-geschichtlich wie   absolut ungeschichtlichen Rückbezug  auf einen nachvollziehbaren Bestimmungsgrund des Barmherzigen und Allerbarmers?
M. a. W., das kategorische Verhältnis einer Gottesbeziehung und Gottesoffenbarung oder einer „Hingabe“ an Gott muss sich in einer prinzipiellen und kausierenden Folge einer „Kirche“ („Umma“ im Islam?) und in Zeichen und solidarischen Leben dieser „Kirche“ zeigen können.  Dass Gott sich dem Muhammad geoffenbart hat in bestimmten Weisungen und Worten, schriftlich fixiert dann im Koran, kann vernunftkritisch nicht fĂĽr unmöglich erklärt werden, sofern das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen und reflexiven Formen des Denkens von Gott vereinbar ist. Solche „Bekanntmachungen“ machen ja die Beschreibung aller Propheten aus – und ist nichts verwunderlich Neues.
Solche „Bekanntmachungen“ sind aber zu unterscheiden von einer Einsicht in eine vollkommene Freiheitstat der Liebe, worin Begriff Gottes und Ideal Gottes zusammenfallen.
Der Rückbezug auf eine bloße „Bekanntmachung“ ist mediale Lehr- und Lernbereitschaft, die Rückbezug auf ein Ur-Bild sittlicher und ganzeitlicher Realisation ist genetische Evidenz, pertinente Sinnidee.

Selbst die allen Vernunftwesen angeborene, apriorische Vernunftoffenbarung, sozusagen die natürliche Hör-Bereitschaft und Empfänglichkeit für Gottes WORT, bleibt zweifelhaft oder unerreichbar, wenn das Ur-bild des notwendigen Bildens nicht geschichtlich-konkret aufweisbar und geschichtlich konkret bewiesen werden kann.

Die Wahrheitsfrage muss vernunftkritisch an den Koran wie an jede Hl. Schrift gestellt werden. Ist das wahr, was gesagt wird, und wird es so gesagt, wie es wahr ist,  und soll es so sein, wie es gesagt wird und wird es so gesagt, wie es sein soll?
Anders gesagt: Kann der Begriff der Wahrheit und der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert und als Ur-Bild und pertinente Sinnidee eingesehen werden, d. h. in eine zeitliche Dauer und Nachvollziehbarkeit übersetzt und
verwandelt (inkarniert) werden, ist dringend Ideologieverdacht geboten.

© Franz Strasser, 11. 12. 2025

1Zum Wissen eines Zirkels – siehe z. B. K. HAMMACHER, Der Begriff des Wissens. In: Transzendentale Theorie und Praxis. Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7., Amsterdam-Atlanta, 1996, 1-27.

2J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser