Zu einer Theorie des Willens – 4. Teil

Nochmals von mir wiederholt: Der Grund des Denkens eines möglichen Wissensvollzuges und einer sich selbst bestimmenden Freiheit durch das vorausgesetzte Vermögen eines (freien) Willens ist nicht im Denken oder in der Ich-Form des Denkens selbst begründet,  sondern ist ein gesetzförmiges Vollziehen und Nachvollziehen eines lebendigen Bildens der Erscheinung des Absoluten.

Die abstrahierten und erschienenen Vermögen im Schematisieren wie z. B. das Vermögen des Willens, sie sind nur soweit evident und real, als diese Vermögen auf den Fall hin im individuellen Vollzug realisiert und konkretisiert werden – begrĂĽndet und gerechtfertigt in einem gesetzesförmigen Erscheinen des Absoluten.

Die genetische Grenze liegt in einem absoluten „Durch sich der Erscheinung“, im „bloßen reinen Vermögen der Erscheinung“ (9. Vorlesung), das in vielen Stufen der Reflexibilität des Wissens und zuletzt im und durch das Vermögen des Willens realisiert werden kann. Wird schematisiert und im realen Wollen/Willen gehandelt, so ergibt sich der gesetzliche Nachvollzug und Mitvollzug der Erscheinung des Seins des Absoluten als Bild Gottes, genetisch abgeschlossen, zeitlich aber unendlich. „(…) Die Erscheinung ist ein reines absolutes Vermögen realer Schöpfung; u. was sie diesseit dieses Vermögens ist, ist sie nicht durch Gott, sondern durch sich selbst. Dieses reine absolute Vermögen selbst aber durch sich etwas zu seyn, ist sie durch Gott; er selbst sezt sie frei, u. selbstständig ab: und dies nicht etwa durch einen Akt der Willkühr, dergleichen, als eine SelbstModifikation und ein Werden von dem absoluten gar nicht auszusagen ist, sondern zufolge der Nothwendigkeit seines formalen Wesens, welches, als selbst lauter Leben, nicht erscheinen kann, und nicht erschienen seyn würde, in dem todten, u. gebundenen, sondern nur in dem in sich selbst lebendigen ( 9. Vorlesung, S. 61 u. S. 62 Z 27 ff)

Wird der vom Sein der Erscheinung und der Freiheit her intentierte und gewollte Zweck des Handelns durch das Mittel des Willens nicht als solcher angestrebt, verfehlt die Freiheit mittels Willen die eigenen Selbstbestimmung. Der Wille wird zum Werkzeug eines fehlgeleiteten oder bösen Prinzips. Wird der Möglichkeitsraum der Genesis nochmals negiert, so steigt eine neue Möglichkeit auf, wie J. Widmann kurz schlieĂźt: die des Todes  – siehe dort Abschnitt „Der höchste Begriff des Wissens“ 1

38. Vortrag:

S 232 Der „Weise‚“,  so jetzt die Diktion Fichtes,  gibt sich in seinem notwendigen Schematisieren und faktischem Sehen dem reinen Sehen hin. Die zu erreichenden finalen Endpunkte des Schematisierens und Projizierens Delta und Epsilon sind Erscheinungen eines absoluten Solls.

Sind auch die Anfangspunkte des Sehens Alpha und Beta als Erscheinungen des absoluten Solls und Gottes erkennbar? Solang der Wille als die Synthesis von reinem und faktischem Soll in Gamma nicht reiner Wille ist, ist es nicht der „vollständige Wille“, er ist immer nur Teil-Erscheinung, bzw. einfach nur Erscheinung. 

„Denn es ist noch da das soll, daß es das Sehen, als Bild Gottes, sehe, und erst wenn dieses soll vollzogen ist, ist alles Soll vollzogen.“ (S. 232. ebd. Z 11f)

Es sind sehr dichte Worte, die ich zitieren muss, weil sie zugleich den höchsten Sinn einer mit abstrakten Mitteln der Philosophie erreichbaren Weisheit ausdrücken, oder anders gesagt, die mit den Mittel der Philosophie erreichbare Hingebung der Freiheit und des Willens an Gott in der Religion.

„Ich sage ferner: Erst auf diesem Standpunkte (sc. dass das Sehen ein Sich-Sehen im Soll seiner selbst werde, Bild Gottes) tritt dieses Soll in seiner wahren dringenden Kraft ein. Erst hier ist das Sehen, das reine, das wirklich u. in der That Bild Gottes ist, u. als solches angesehen werden kann. Auch tritt hier erst eine Unbegreiflichkeit ein, die gelöst werden muĂź: /. Das Sehen der Dinge, [ist] nur das von den Dingen, die mich befriedigen. – aber hier [sind] Ideen, ĂĽbersinnlich, von nichts, denen ich doch mein Leben, meine Natur hinopfern soll? Warum nun,“ was liegt zum Grunde? Diese Frage muĂź hier gelöst werden. Der Wille kann nicht ruhig, fest u. unerschĂĽttert auf sich stehen, ohne sich selbst, u. sein Objekt zu begreifen, Das Objekt des Sehens.“ (ebd. S 14ff)

Die Antwort auf einen Endzweck des Wollens und Handelns kann nur eine synthetische Erkenntnis a priori sein, gewonnen aus den analytischen Wissbarkeitsbedingungen des Schematisierens und des freien Willens: Das reine Sehen des Sehens und das faktische Sehen mĂĽssen in der Idee der Möglichkeit und der Wirklichkeit zusammenfallen. Dies geschieht nun einmal in einem sich hingebenden Willen, worin Einsicht und Vollzug eins sind, absolutes (reales) Soll und dessen Erscheinung als Sehen des Sehens selbst, als Willen bejahenden Willen, als Liebe bejahende Liebe (37. Vorlesung, vgl. S 223 Z 5). (Hier könnten jetzt die Formulierungen der Aszl herangezogen werden – siehe Blogs dazu.) 

Dies ist dann mehr als Wissenschaft – „Das reine Sehen ist im Bilde unsrer W[issen]sch[a]ft ganz eingetreten in das faktische. – ist „WeiĂźheit“ (ebd. Z 13). Der Gedanke Gottes oder das Denken wird „Religion“

S 233 Religion ist „ d.i. das ganze, dessen ewiger Abbildung wir uns hingeben, u. an ihr uns vernichten, u. aufgehen. Das reine Sehen ist im Bilde unsrer W[issen]sch[a]ft ganz eingetreten in das faktische. Das Sehen ist Eins: synthetisch zwar, aber diese Synthesis ist vollendet in Einem Blike; unendlich zwar ablaufend, aber diese Unendlichkeit ist vorweggenommen, und in Eins gefaßt, im Willen. Dieser Wille ist formaliter Eins, die Individualität aufgehoben, denn alle sind dasselbe reine Sehen: die Unendlichkeit [realisiert], denn der Wille steht unwandelbar, u. unveränderlich über dem ewigen Wandel . (ebd. S 233 Z 15ff)

Hier sei allerdings von mir jetzt eine leise Anfrage und Kritik gebracht: Wenn der Wille zwar in seiner Idealgestalt so gedacht und formuliert werden kann, dass die „Endpunkte“ des Realisierens (Delta und Epsilon) projektiv gedacht werden, allgemein dann formuliert als Hingabe an Gott in der Religion (und Weisheit), so kann der deliberativ anschauende, die kausale Ordination des Seins bestimmende Kraft nie den genetischen Anfangspunkt von Alpha und Beta der Erscheinung des absoluten Solls erreichen. Der Wille formiert das Sich-Wissen zu einem Bild-Wissen selbständiger Natur und Freiheit, entwirft nach notwendigen Gesetzen ein „Bild Gottes“ der Freiheit und seiner selbst, ist jedoch in zeitlicher Hinsicht nach dem faktischen Prinzip der Erscheinung des Solls selbst auf die ihn bestimmenden Freiheitshandlungen angewiesen. Er kann dadurch nicht total determiniert sein, er kann aber ebenso nicht auf die Bezugnahme einer zeitlichen Freiheitsentscheidung ohne Ur-Bild seiner selbst als vollständiges Bild seiner selbst, als vollendetes und vollkommenes „Bild Gottes“, verzichten.

Wie es oben geheißen hat, solange der Wille als Synthesis von reinem und faktischem Soll in Gamma nicht reiner Wille ist, ist er nicht der „vollständige Wille“.  Er ist  sich selber in seinem Endzweck und in der Wissbarkeit der Erreichbarkeit des vom Absoluten ermöglichten Endzwecks nur Erscheinung und unvollständig.  

Die höchstmögliche Beschreibung der Religion aus dem Blickwinkel einer Philosophie und die höchstmögliche Beschreibung eines Imperativs der Wissenschaft, wie von Fichte hier gegeben, ist deshalb fĂĽr mich unzureichend und unbefriedigend! „(…) „nun gehe hin u. werde das Urbild. Wissenschaft hättest du; nun werde WeiĂźheit.. So endet sie, sich sich als Schema u. Mittel aufgebend, im Postulat eines Faktum.“ (ebd. Z 26) 

Da es eine Sichtbarkeit des Endzwecks des „vollständigen Willens“ fĂĽr den diskursiv denkenden und durch originäre ursprĂĽngliche Einbildungskraft anschauenden, freien Willen nicht gibt und geben kann, muss es eine Erscheinungsweise des Absoluten selbst geben, in der ein Ur-Bild des reinen, vollständigen und vollkommenen Willens Gottes aufscheint – nicht als Ersatz des individuellen Vollzugs der Freiheit und des Willen entworfen, aber als Position und Faktor eines absoluten Anfangs- und Endpunktes des freien Willens vorausgesetzt.

Das ist für mich natürlich die positive Offenbarung, wie sie der christliche Glaube verkündet. Wenn der Freiheitsakt im Willen ständig unterbrochen werden kann und de facto unterbrochen wird, obwohl es idealerweise nur einen einzigen, zusammenhängenden Akt der Sich-Offenbarung des Absoluten im Sein der Erscheinung geben sollte, so muss diese endliche Freiheit und dieser fehlerhafte, oft sündige,  wankelhafte Wille auf einen bereits erschienenen vollständigen und vollkommenen freien Willen verweisen können. Der deliberativ freie und zugleich habituell sehr fehlerhaft bereits geprägte Wille  muss sich nach seinen eigenen geschichtlichen Freiheitsgesetzen auf ein Ur-Bild seiner vollständigen und vollkommenen Realisation beziehen.

Mit der in den ersten Vorlesungen WL-1811 deklarierten Aussagen,  dass das Absolute notwendig im Sein der Erscheinung sich manifestiert, ist die notwendige Ansicht ebenso verbunden, dass dieses absolute Sein zwecks freier Selbstbestimmung und freiem Willen notwendig positiv, geschichtlich und interpersonal, in der Faktizität der Erscheinung, erfahrbar sein muss können. 

Es wäre ja höchst prekär und inkohärent, wenn es zwar möglich sein sollte, den Freiheitsakt im freien Wollen und Handeln abzubrechen – aber dann läge darin der Abbruch des einen Aktes der Ur-Erscheinung des Seins des Absoluten selber vor? Ergo muss es trotz Abbruch eine vollständige ErfĂĽllung des einen Aktes  noch geben können, sonst könnte  es zu gar keiner notwendigen  Erscheinung des Seins des Absoluten und zu keiner möglichen Erstrebbarkeit und selbstbestimmenden Freiheit (im Schöpfungsakt) kommen. Die christliche Theologie nennt das „satisfactio“ und „restitutio“.   
Eine den Abbruch sĂĽhnende und das Gute wiedererstellende Restitution des Ur-Aktes der Erscheinung des Seins des Absoluten ist notwendige Bedingung – und im endlichen Vollzug der Freiheit und des freien Willens und der zeitlichen (geschichtlichen) Realisierung ist diese notwendige Bedingung als hinreichende Bedingung einer vollkommenen Freiheitstat einsehbar. (Siehe oben Teil 1 die Diskussion um Freiheit nach O’Connor und C. Ginet bei A. Schmidt) 

Diese – als notwendige Bedingung – und phänomenal als hinreichende Bedingung beschreibbare – positive Offenbarung in JESUS CHRISTUS ist Anfangs- und Endpunkt eines den Endzweck realisierenden Willens.  

Fichte beendet diese groĂźartige WL-1811 in einem eher klassischen Stil alter Weisheitslehren und abstrakter Religiosität, aber die Begriffe einer konsequenten Offenbarungsreligion sind ohne weiters schon vorgegeben. Ich habe sie selbst nur dĂĽrftig gefolgert. (In der sog. „Staatslehre“ von 1813 kommt Fichte zu ähnlichen Folgerungen.) (Es ist historisch schon gut erforscht, wie die religiöse Stimmung in Berlin um diese Zeit gewesen ist. Hier hat Fichte wohl die „Berliner Luft“ geschadet).  Die WL-1811 fĂĽr sich als Reflexibilität des Sich-Wissens ist groĂźartig vollendet2.

Die WL „war das Bild der Synthesis aller Disjunktionen: vom Standpunkte des Willens aus. Also – sie ist die Einheit der gesamten Reflexibilität; drum es vollzogen habend, sieht sie die ganze Gesezmässigkeit des Wissens.“ (ebd. S 233 Z 30 f)

© Franz Strasser, April 2023

1J. Widmann, die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, ebd. S. 300 – 304.

2 G. Rametta drückt es so aus: die WL wird zur „Einheit von Wissen und Wollen, d. h. zu einem Wissen, das sich als freies Handlungsprinzip in der Wirklichkeit realisieren kann.“ Die Gedankenentwicklung, ebd. S. 267.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser