Das Individuum – Wlnm, WL-1804-II, WL-1811
Wenn wir mit den Prinzipien einer zu Ende gedachten Transzendentalphilosophie Fichtes konform gehen, d. h. alles Sein ist zugleich Bewusstsein und im Wissen gesetztes Sein, so müssen wir innerhalb des Systems des transzendentalen Wissens dem Begriff des „Individuums“ einen genauen Ort der Entstehung und möglicher Verhältnisbestimmung zuweisen können.
Es darf kein Begriff in der WL unabgeleitet gelassen werden. Wie kommt man zu diesem Begriff „Individuum“, der in der Philosophiegeschichte eine sehr lange und komplizierte Geschichte hat? Ich kann und will nicht auf die hochkontroversiellen Debatten eingehen, beginnend mit Demokrit, Aristoteles, über den Universalienstreit, im Nominalismus der Franziskaner, bei Leibniz usw. Siehe dazu z. B. Historisches Wörterbuch der Philosophie online.1
Bei Fichte ist der Begriff „Individuum“ nicht ein formallogisches Begriff der Spaltung, so meine These, sondern originär Begriff einer genetischen Begründung substantiellen, personalen! Seins innerhalb der Ordnung der Wirklichkeit.
Es ist für mich sagenhaft, fernab aller unendlich langwierigen Diskussionen um ein Individuationsprinzip, dass die erste Anwendung und Konkretisierung des Sich-Bildens und Sich-Wissens zu einem personalen Individuums-Begriff führt (Wlnm), noch deklarierter zu einem Ich-Du-Wir-Begriff in der WL-18014-II, und schließlich das Prinzip der Erscheinung des Absoluten in ihrer ersten Anwendung und Konkretion ebenfalls auf einen substantiellen, genetischen Begriff des Individuums aufbaut (WL-1811).
Die individuelle oder personalistische Rechtfertigung aller Reflexibilität des Wissens und aller kritischen Erkenntnistheorie ist eine einzigartige Entdeckung der fichteschen Philosophie und noch viel zu wenig bekannt. Fichte hat die hermeneutischen Grundlagen des Verstehens, die Ende des 19. Jhd. zur Frage und zum Problem geworden sind, vorweggenommen.
Siehe z. B. WL 1801/02: „Die allgemeine Wahrnehmung hat zu ihrem Grundstoffe | durchaus nichts Anderes, als das Verhältniss des wahrnehmenden Individuum zu andern Individuen in einer rein intelligibeln Welt; denn nur inwiefern sie dies hat, ist sie, und ist überhaupt ein Wissen. Ohne dies zu haben, käme sie überall nirgends zu sich selbst, sondern zerflösse in das unendliche Leere, wenn es dann überhaupt einen Menschenverstand hätte, sie dann auch nur insofern zu setzen, um sie zerfliessen zu lassen.“ (GA II, 6, 115 recto; bzw. Ausgabe Meiner, S. 213; Hervorhebung von mir).
Ich erlaube mir kurze Hinweise aus drei WLn zu bringen, ohne viel textphilologische Grundlage oder Querverweise oder großer systematischer Weiterentwicklung – aus der Wlnm (1796-1799), WL-1804-II und WL-1811.
1) Das Individuum In der WLnm (GA IV, 2)
In der Vernunftstruktur des Erkennens (=des Wissens) geht es um die Handlungsweisen unserer Vernunft. Die WLnm 1796-1799 wagt nach der bisherigen Trennung der Vernunft in theoretische und praktische Vernunft ausdrücklich nur von einer Vernunft zu sprechen, die sich in theoretische und praktische Handlungsweisen disjungiert, immer aber in Einheit des Prinzips des einen ungeteilten Setzens. Es ist für meine Fragestellung dabei interessant, an welcher Stelle des transzendentalen Setzens der Begriff „Individuum“ abgeleitet wird: Er kommt an erster Stelle der Applikations- und Konkretionsordnung vor, wenn es gilt, die transzendentale Einheit des Sich-Wissens anzuwenden auf die Realität – in § 12 der WLnm, also in der Mitte des analytischen Aufstieges und analytisch-synthetischen Abstieges.
Es fallen bereits alle wichtigen Begriffe, die in den späteren WL wiederkehren. Die Grund-Disposition des Handelns der Vernunft tritt für mich deutlich zutage – sie ist interpersonal begründet.
„Das BESTIMMBARE dazu muß sonach auch REIN geistig seyn. Eine MASSE, SPHÄRE des GEISTIGEN (nemlich um sich so auszudrücken) Und das Ich ist ein bestimmter Theil dieser MASSE des Geistigen. Das BESTIMMBARE ist alle Vernunft und Freyheit oder das Reich der Geister als Wesen meiner Gattung.
Das BESTIMMTE aber bin ich (durch ein Gefühl) als das entgegengesezte dieser Sphäre, nemlich dem Bestimmbaren, als das, was nicht Ich ist: denn INDIVIDUUM bin ich als Bestimmtes, als rein geistiges. Gleich sind beyde das BESTIMMTE u. Bestimmbare darin, daß sie lediglich durch das denken aufzufassen, daß sie geistig sind.“ (Hervorhebungen in fett stets von mir; GA IV, 2, ebd. S 141)
Ein personales, endliches Ich – nicht zu verwechseln mit dem transzendentalen Ich des Sich-Wissens, das alle Vernunftwesen teilen – ist eindeutig als „Individuum“ in objektiver Erscheinung vorgestellt, als Bestimmtes innerhalb einer übergeordneten Gemeinde anderer Iche. Zugleich liegt ein transzendentales Soll in dieser Möglichkeit der Ich- und Du-Disjunktion enthalten und verborgen, eine Aufgabe, dieses Ich zu werden innerhalb einer Verhältnisbestimmung zu anderen Ichen in einer Ordination des Wir und gegenüber einem göttlichen Ich-Du-Wir.
Der nächste Paragraph 13 in der WLnm setzt den Weg fort: Das Bild des Ichs soll nach der reinen Idee seiner selbst und seiner Selbstbestimmung (im Licht des durch sich selbst bestimmten reinen Willen) auf die Realität/Wirklichkeit übertragen werden, um sich selbst als Individuum begrifflich und in der bestimmten Sinnidee zu erfassen. Die Realität soll a) zur Wirklichkeit begriffener interpersonaler Konstitution des Individuums werden – siehe dann die materialen Ausführungen in der GNR (1796) – (WLnm, ebd. S 153f),
b) zur begriffenen sinnlichen Natur („Form der äußern Anschauung“) führen (Wlnm, ebd. S 155),
c) zur begriffenen Form des „Leibes“ (Wlnm, ebd. S 156 – 160) und zur Bestimmbarkeit einer sittlichen Ordnung (Moralität)
und d) zur Bestimmbarkeit einer religiösen Ordnung.
Es folgen dann weitere Applikationen und Konkretionen der Einheit des Sich-Wissens in den §§ 13 – 17, eine regelrechte Versinnlichung und Inkarnation der Idee des Sich-Bildens.
In § 17 kommt Fichte wieder auf den Individuumsbegriff zu sprechen, worin die freiheitstheoretische Sicht besonders betont wird:
„Was ist das Bestimmbare zu dieser Bestimmtheit?“
„Das bestimmte Ich ist ein reiner Geist sonach muß auch das Bestimmbare dazu rein geistig seyn, dieses ist ein Vernunftwesen außer mir. Also das Entstehen meiner als Individuum ist etwas Genetisches. Ich erzeuge als Individualität mich selbst, dadurch daß ich mich herausgreife aus der Maße des Bestimmbaren, aus der Maße der Vernünftigkeit.“ (Wlnm GA IV, 2 ebd. S 240)
Die Freiheit eines Individuums kann nicht abstrahiert oder isoliert gedacht werden, sondern innerhalb einer interpersonalen Konstitution entsteht erst der Begriff der Freiheit.
Bemerkenswert ist hier, dass die höchsten transzendentalkritischen Erkenntnisbegriffe – bei Kant ja unterteilt in solche der Ästhetik und der Logik – in einem Vernunftprinzip, d. h. in einem eminent personal-praktischen Vernunftprinzip, vereint sind.
Fichte stellt sich die Aufgabe,
a) den Begriff der „Wahrnehmung“ zu deduzieren.
„Es muss also erst eine Wahrnehmung geben, die mit dem reinen Denken zusammenhängt, u. dieß soll deduziert werden.“ (ebd. S 248)
b) Dieser Wahrnehmungsbegriff, den wir auf der Ebene des Gefühls ansetzen, ist von seinen formalen Grundlagen zuerst durch die Bestimmtheit eines Individuums vor-geprägt und begründet:
Es ist notwendig, „daß diese subjective Ansicht des Bestimmens auch eine objective Ansicht der Bestimmtheit habe, dieß ist die Wahrnehmung und es folgt ICH[.] Individuum bin Individuum in einem Reiche vernünftiger Wesen, deswegen hängt die Ansicht meiner als eines Bestimmten mit der Ansicht eines Bestimmbaren zusammen. Das SETZEN der Bestimmtheit u. der Denkakt in diesem Setzen soll beschrieben werden. (…)“ (Wlnm § 18, GA IV, 2, ebd. S 249 Z1)
Fichte geht nicht wie der Empirismus von einem terminus a quo einer sinnlicher Erkenntnis aus, sondern die Wahrnehmung ist selbst einholbar in interpersonalen und geistigen Akten einer Selbst-Affektion.
Die transzendentale Analyse des Denkens von Wahrnehmung und sinnlicher Erkenntnis schreitet dann voran zu apriorischen Wissensbedingungen, bis an höchster Stelle ein Begriff gefunden ist, der selber nicht durch das Denken hervorgebracht, nicht anschaubar, aber innerlich intelligiert werden kann als „durch sich selbst bestimmter Wille“ (Wlnm, § 12) – der durch sich und aus sich und von sich, in mannigfaltiger Disposition von Interpersonalität und Welterfahrung, die Einfachheit eines „Individuums“ ermöglicht.
„Diese Bestimmtheit erscheint nicht als hervorgebracht durch das Denken, sondern als unabhängig von und vor demselben vorhanden, das denken derselben erscheint nur als Nachbildung, nicht wie das Denken eines Zweckbegrifs, das durch sich selbst bestimmt ist, u. Vorbildung eines Products in der Sinnenwelt außer uns ist. Ich bin der, der ich bin u. habe mich nicht dazu gemacht. Ich bin INDIVIDUUM ohne mein Zuthun, so kömmt es mir vor, und so muß es mir vorkommen. Dies ist die Bestimmtheit von der wir hier reden, sie läßt sich nur denken, sie ist nicht Objekt einer Anschauung, sie soll aber nicht durch das Denken, sondern, sie soll an sich so seyn, dieß behaupten wir. Sie soll nicht ein bloßes Denkwerk als solches seyn.“(ebd. S 249)
Es müsste diese Letztbegründung aus dem Sein der Erscheinung des Absoluten im Denken natürlich weiter expliziert werden – siehe dann die späteren Wln. Implizit war das „absolute Ich“ aber ab den EIGNEN MEDITATIONEN und der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1793/94) angesetzt. Das Interesse der WLnm galt aber der Ableitung eines „empirischen Bewusstseyns“ – deshalb wird hier auf die Bestimmtheit eines Individuums geblickt. 2
Diese Bestimmtheit eines Individuums ist nichts solipsistisches – und kann und muss jetzt expliziert werden mittels Aufforderungslehre – siehe ebenfalls in der WLnm oder GNR (1796) .
Ich lasse dafür P. Baumanns sprechen:
„(….) das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein ist. Es liegt in seinem intelligiblen Charakter, der für uns unerforschlich ist und lediglich von der Freiheitsüberzeugung bzw. dem System-Prinzip des Sich-Setzens her postuliert wird; es liegt im intelligiblen Charakter des Ich, dass so etwas wie ein faktisches Aufgefordertwerden im Bewusstsein des Ich auftreten muss. Wenn man sich so ausdrücken darf: Das Ich wartet von seiner intelligiblen Struktur her nachgerade darauf, aufgefordert zu werden (die entsprechende Disposition ist rein intelligibel). Wird also im realen empirischen Auffordern ein Ich aufgefordert, so bedeutet dies keineswegs eine bloße Beziehung unter Zeitwesen – als würde ein Zeitwesen, das schon gewesen wäre, durch ein anderes Zeitwesen in der Zeit aufgefordert; auf diese Weise könnte in der Tat die Entstehung des Selbstbewusstseins nicht erklärt werden. Nein, es gibt mit der ,,Bestimmtheit zur Ewigkeit“ ein „Aufgefordertsein von Ewigkeit her“, und alles empirische Auffordern ist nur die versinnlichte Ansicht dieses intelligiblen Verhältnisses in der Zeit (die Hin-Sicht dieses intelligiblen Verhältnisses in die Zeit).“ 3
Transzendental notwendig geschieht immer eine Wechselseitigkeit und Wechselwirksamkeit von Ich und Du in der Aufforderung.
Was ebenfalls hier in §18 noch angesprochen wird und mir wesentlich erscheint: Das Individuum und die Ich- und Du- und Wir-Einheit, sind gerade durch diese Wechselseitigkeit und Wechselwirksamkeit wesentlich geschichtlich bestimmt in der Bestimmbarkeit ihrer selbst. Die Geschichte erinnert Ich und Du und Wir an ihr genetisches Werden, ist eine gewisse Vor-Prägung, wenn auch nicht totale Determinierung und verbindet mit der Zukunft (schafft Zukunft).
„Das Handeln mehrerer Vernunftwesen in der Sinnenwelt ist eine einzige große Kette, die durch Freyheit bestim[m]t wird. Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln, ein INDIVIDUUM fängt es an und das andere sezt es fort, u. so wird der ganze Vernunftzweck von unendlich vielen Individuen bearbeitet u. ist das Resultat von Einwirkungen mehrerer. (…)“(Wlnm § 18, ebd. S 253.254)
Allgemein und noch erweiternd gesagt: die naturale, logoshafte, geschichtlich und sinnhafte Vor-prägung eröffnet eine dynamische Ich- und Du- und Wir-Prägung. Der Begriff des Individuums ist nicht ein für alle Mal abgeschlossen und fertig, sondern im Bereich der Bestimmbarkeit unendlich offen für eine große Sensibilität mannigfaltiger Erfahrung.
Ich bringe abschließend noch ein paar Schlüsse, die sich als Postulate an das Individuum lesen, wie Fichte noch andeutet, aber kaum ausführt.
„Es giebt ein Postulat der Theorie an das practische. Mehrere freye INDIVIDUEN sollen in Ordnung gehalten werden, sie sollen mit einander in ruhigem Verhältniß stehen, so postulirt die Theorie wie an die Vernunft so an die Freyheit. Und hiedurch bekommen wir die Rechts-Lehre.
Umgekehrt giebt es auch ein Postulat des practischen an die Theorie. Die Sinnenwelt soll sich unter
den Zweck der Vernunft fügen. Dieses ist das Postulat der Religion, und dieses Postulat als solches abzuleiten und zu erklären ist Wissenschaftslehre, allein die Anwendung desselben im Leben[,] die Erzeugung der religiösen Gesinnungen in uns selbst, und durch uns in vernünftigen Wesen außer uns ist nicht Wissenschaftslehre, sondern ein pragmatischer Theil der Philosophie und gehört zur PAEDAGOGIC im höchsten Sinne des Worts.“ (§ 18, GA IV, 2, ebd. S 265)
2) Das Individuum in der WL-1804-II 4
„Es ist wahr, daß Erscheinung ist, wenn sie gedacht wird, als absolutes Erscheinen und sich Aeussern der absoluten Vernunft, und ohne den letztern Zusatz ist es nicht wahr. Es ist wahr, daß die Vernunft erscheint so und so, z. B, als innerlich frei, nur inwiefern sie auch erscheint, als innerlich nothwendig, und als wirklich daseiend, und ohne diese Zusätze ist es nicht wahr u.s.w (WL 1804-II, 27. Vortrag, ebd. S 274 u. 275 Z1ff)
Nennen wir die transzendentale Einheit des Sich-Wissens vorläufig noch ein Ich oder eine Ichheit, so muss es eine Konkretisierung dieses Wissens geben.
Die grundsätzliche Frage der WL-1804-II war nie, wie kann Gott bewiesen werden,
sondern wie kann in und aus der vorausgesetzte, absoluten, disjunktionslosen Wahrheit und Gewissheit (Gottes), aus dem „esse in mero actu“, grundsätzlich ins
existentielle Denken und individuelle Dasein übergegangen werden – und wie kann
dieses Sich-Wissen, zuerst als Ich-Begriff erscheinend, in eine Konkretion hinein vermittelt und inkarniert werden. Die Erscheinung soll als Vernunft erscheinen, sodass sie notwendig aus dem Wesen Gottes kommt, zugleich kann die Vernunft nur durch Freiheit erscheinen, also innerlich frei – wie oben nach dem Schlusszitat des 27. Vortrages zusammenfassend gesagt wird.
Ich greife auf die für mich beste und übersichtlichste Analyse der transzendentalen Wissensstruktur nach J. Widmann zurück.5
Nach der Analyse von exakt 16 Bestimmungen des Denkens über Grund und Folge und fünf Stufen der Evidenz geht J. Widmann zu folgendem Konkretionsschema über: a) zu den Begriffen Ich-Wesen-Liebe-Du und b) zu einer Wahrnehmung der Ordnung des Seins in den Begriffen von Gefühl – Urteil – Relation – Wir.
In allen Wissensvollzügen wird immer ein genetischer und systematischer Stellenwert eines Begriffsfaktums von „Sinn“ projiziert und erkannt.
a) Es ergibt synthetischen Sinn, von einem „Ich“ zu sprechen, weil es sich unmittelbar bildet und sich evidiert, affirmativ, in jedem Wissensvollzug.
b) Es ergibt einen synthetischen Sinn, den Seinsbegriff unter „Wesen“ zu subsumieren. Die Idee steht unter diesem Identitätsgesetz, Wesen zu sein.
c) Ebenso wird im Sichbilden des Wissens und seiner Objektivation der Begriff der Wahrheit vorausgesetzt und konkretisiert. Als Begriff „Wahrheit“ ist er Bild. In ihm bildet sich das Wahre als der den Begriff erzeugende Grund in unmittelbarer Faktizität ab.
Die erste – aber bei weitem nicht einzige – Selbstobjektivation der Wahrheit ist dabei die sich selbst bejahende Liebe, die um ihrer selbst willen ist und sein soll.
Im Sichbilden der Wahrheit tritt der Ursprung „Liebe“ (ein Bild, eher praktisch, als theoretisch zu verifizieren) unmittelbar heraus.
d) In der Suche nach dem genetischen Ort und seiner Sinnbestimmung des „Individuums“ schließlich kommt jetzt ein besonderer Konkretionsbezug hinzu: Das Du, das notwendig in der Selbstreflexion des Wissens und Sich-Bildens als Gegenüber zu einem Ich heraustritt.
Schon die Konkretion des Ich-Begriffes in seine Allgemeinheit des Sich-Wissens verlangt ein für das Begreifen faktisches, „objektives“ Ich. Diese Vorgriff auf ein konstituiertes Ich ist aber nur möglich im Sichbilden eines Anderen. Dieses Andere ist kein logischer Schluss, sondern ineins lebendiges und konkretes Bewusstwerden eines anderen konkreten Bewusstseins, eines realen, konkreten Du.
Der Begriff eines Grundes und der Folge,sozusagen die wesentlichen transzendentalen Begriffe eines Begründungsdenkens, haben einen interpersonalen Ursprung. Die Begriff der Substanz und des Akzidens werden in der Genesis personaler Konstitution und Kommunikation gebildet; der Liebes- und Wahrheitsbegriff ist interpersonal konstitutiert.
Die Ursynthesis einer Ich-Du-Beziehung ermöglicht alle weitere reflexible Projektion und Objektivation.
J. Widmann: „Durch diese Synthesis (sc. Ich-Du) treten zwei Formen von sichtbarer Geschlossenheit ins Licht des individuellen Bewußtseins: die erinnerte ursprüngliche des reinen Ichbegriffs und die neugeschaffene eines besonderen Ichbegriffs. Das Sichbilden selbst erscheint gespalten in ein ursprüngliches und ein neues, fremdes Sichbilden. Der Bezug auf das Sichbilden, den wir in den obigen Synthesen rein betrachten konnten, muß von jetzt an als in sich selbst gespalten angesehen werden.“6
Im Sich-Begreifen des Ichs durch ein Du erkennt es sich als Teil eines umfassenden Ganzen.
Die in der Philosophiegeschichte oft reflektierten Begriffe „Teil“ und „Ganzes“, meist nur begrifflich, formallogisch verwendet, können hier genetisch in ihrer inhaltlichen Entstehung eingesehen werden.
J. Widmann schreibt dazu: „Entsprechend wird der einfache Grundbezug (sc. der Ich-Du) projiziert als Begriff des „Teils“. Die Schwierigkeit für uns, diese Begriffsgenesis nachzuvollziehen, liegt buchstäblich in ihrer ,,Einfachheit“. Der Begriff des Teiles ist nämlich die unmittelbare Objektivation des schlechthin Einfachen im Vielfachen.“7
Die durch Freiheit und Pädagogik herzustellende Synthesis von Ich und Du setzt nochmals eine doppelte Reflexion und eine Zäsur voraus: a) Das Besondere des Bezuges zu einem Du und b) ein schlechthin Allgemeines im Sichbilden. Es entsteht der Begriff der „Differenz“ und der „Hypothese“.
„Diese vom Du ausgehende Bezugsspezifizierung zum allgemein Wirklichen stellt sich dar im reinen Begriff der Differenz (des Hiatus, des Unterschieds). Wie zeigt sich die gegenläufige Bezugsrichtung von 4.35 (Realität) zu 6.3 (Du-Begriff?
Als (problematische) Hypothesis: das Begreifen bedarf der Setzung einer Hypothese, um die unmittelbare Existenz von besonderer Wirklichkeit in der ebenso unmittelbaren allgemeinen Wirklichkeit mittelbar genetisch erklären zu können. Wiederum sind Differenz und Hypothesis als bloß gegenläufige Richtungen in der Einheit des Bezugs Du-Wirkliches auch vereint: die Differenz setzt reine Vergleichbarkeit – die Hypothesis bezieht sich auf die Differenz im actus des Vergleichens. Die spezifische Synthesis aus Differenz, Hypothesis, Vergleichbarkeit und Vergleichen findet die Einheit ihrer Objektivation im Begriff der Gleichung.“8
e) Die ab den Wln 1801/02 wiederkehrende Rede von der Grundlegung und Rechtfertigung des Sich-Wissens und Sichbildens durch und aus der „Erscheinung“ des Absoluten kann ebenfalls als objektivierter Begriff (Bild) – im Unterschied zur Unbegreiflichkeit des Begriffes vom Absoluten – dargestellt werden.
„Jedoch – warum wird ihr reiner Begriff (sc. die Erscheinung) gerade als Begriffsbezug zwischen Du 6.3 und Anderem 4.33 objektiviert? Die Erscheinung erscheint unmittelbar und bringt die Mittelbarkeit selber erst als bloßen Teil ihres Ganzen mit sich. Darum müssen ihre unmittelbaren Bezugsbegriffe selber Urobjektivationen der Synthesis aus Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit sein – nur so kann an ihrem Projektionsbild ihre Unmittelbarkeit reflexiv mit in Erscheinung treten: Das Du ist die Ursynthesis, in dem sich die Mittelbarkeit zwischen dem schlechthin unmittelbaren Sichbilden zweier Iche erzeugt – das Andere (sc. das neutral, nicht interpersonal Andere) ist das unmittelbare factum brutum von Begreifen, in dem sich dem individuell begrenzten Sichbilden ein Phänomen zeigt, das nicht aus diesem individuellen Sichbilden stammt. (sc. das Nicht-Ich, das Ding, die Welt)“9
Der Gedankengang bei Fichte ist: In der absoluten unwandelbaren und disjunktionslosen Wahrheit Gottes ist hypothetisch für das reflektierende Vernunftwesen die Besonderheit eines Du gesetzt, unableitbar, unmittelbar, welche Besonderheit aber die Mittelbarkeit der Beziehung zwischen absoluter Wahrheit und Du für jedes mittelbar reflektierende Ich mitbringt und voraussetzt. Die Mittelbarkeit liegt im Begriff des Teils des Ganzen, das logisch und praktisch und willentlich eine Synthesis mit dem Ganzen bedeutet und setzt, sobald ichlich und individuell begonnen wird zu reflektieren.10
Anders gesagt: Der Erscheinungsbegriff bringt mit sich selbst den Grund seiner Ableitbarkeit, den Grund seine Mittelbarkeit.
Die Initiation des Darstellung des ganzen transzendentalen Systems des Sich-Wissens in allen vier Hauptbereichen Natur, Recht, Moralität, Religion, beginnt, sobald über die Erscheinung reflektiert wird, mit dem Einfachen des „Individuums“. Das Einfache – wie das Wort Individuum ins Deutsche übersetzt werden kann – ist also eine klar personale und interpersonale Größe und Eigenschaft, die im Raum der Ordination der Wirklichkeit auftaucht, sobald reflektiert wird. Das „Individuum“ ist oder beginnt, sobald es sich genetisch als Teil eines übergeordneten Ganzen mittelbar zu verstehen weiß.
M. a. W.: Der Begriff des Ganzen wie des Teils liegt im Du-Begriff genetisch begründet – und wird unmittelbar erfahren durch Aufforderung und mittelbar durch Gefühl und Gewissen. Die Ur-Synthesis eines Du ist individueller Teil eines Wir in sittlicher Gemeinschaft.
Das Wir entlässt nochmals die Disjunktion der Begriffe Mann und Frau bzw. Vater-Mutter und die Begriffe Sohn-Tochter und die Relationsbeziehungen von Eltern-Kinder und Bruder und Schwester.
Die letzte Unterscheidung ist die von Individuum und Neutrum eines Dinges bzw. Unterscheidung Individuum und Welt.11
Die grundsätzliche Frage in der WL-1804-II ist immer, wie kann aus der disjunktionslosen Wahrheit und dem „Guten“ (personal gemeint) ins existentielle Denken und individuelle Dasein übergegangen werden. Siehe dann besonders 28. Vorlesung der WL-1804-II die Entfaltung der transzendentalen Wissensstrukturen in den Hauptbereichen Natur, Recht, Moralität, Religion und in der Geltungsform des Sich-Wissens.
3) Das Individuum in der WL-1811 12
Es wird in diese WL eine konsequent transzendentallogische Begründung der Ableitung des Sich-Wissens betrieben, d. h. im Sein der Erscheinung des Absoluten soll selbst das Prinzip der Erklärung der Spaltung von Denken und Sein eingesehen werden, also diese Bild-Theorie des Sich-Wissens. Dies ist ein heikles Unterfangen, denn allzu leicht unterlaufen hier emanative Vorstellungen einer begriffslogischen Offenbarung Gottes.
Ich beginne gleich mit der
35. Vorlesung (WL-1811, StA 2, ab S. 206ff)
Ausgegangen wird vom Sehen, schlechtweg, dem faktischen (ebd. S. 206).
„Durch das Bilden des Princip soll die Erscheinung sich erscheinen, wie sie an sich ist.“ (ebd. S 208)
Das Prinzip der Erscheinung soll so verstanden werden können, dass sie die Erklärung (oder deduktive Einsicht) liefert, wie es im Sich-Wissen zum „Bild Gottes“ kommt.
Ideales Sein des Bildens und faktisches Sein ergeben immer eine logische Disjunktionseinheit. Warum und woher das Prinzip dieser Spaltung?
Eine Sich-Anschauung des Prinzips in einer gegebenen Anschauung heißt Reflexion „ (…) Eine SichAnschauung des Princips einer gegebnen Anschauung, als solcher, heißt Reflexion. Also das P[rincip]. ist schlechtweg, zufolge des faktischen Soll, nicht bloß, wie wir es erst genommen haben, Princip einer Anschauung der Erscheinung, sondern zugleich Princip, das da kann, u. soll sich selbst reflektiren in solchen Anschauungen.-. Wir haben es bisher einseitig angesehen. Es hat zwei Beziehungen: eine auf die absolute Erscheinung: sich zu bilden, als Erscheinung, gleichsam nach aussen; eine auf sich selbst als Princip, eine intransitive. Dies [werde] hier gemerkt: Das Princip zeigte sich als real, indem es stammt aus dem absolut faktischen Soll, seinem ersten Theile nach; aber es stammt auch seinem zweiten Theile nach unmittelbar aus diesem Soll: es hat drum auch in dieser Rücksicht Realität.“ (ebd. S 209 Z 15ff)
Das Prinzip ist die eine ewige, sich gleichbleibenden Einheit zu allen Akten – und so muss in ihm ebenso die Mannigfaltigkeit und die Unendlichkeit gelegen sein. Vom einen Prinzip selbst aus soll das Mannigfaltige und die Unendlichkeit als Eines überblickt und gesehen werden. (vgl. ebd. S. 210)
Anders gesagt und gefragt: Das Prinzip der Erscheinung des Absoluten soll als Sein dieser Erscheinung das Prinzip der Anschauung und der Reflexibilität einsichtig erscheinen lassen. Wie kann genetisch vom Prinzip einer Einheit zu möglicher Applikation und Konkretion übergegangen werden? (Vgl. ebd. S. 211)
Reflexion heißt (wie schon immer): In der Anschauung wird – durch die Form der Reflexibilität hindurch und durch dieselbe – ein Prinzip des Seins der Erscheinung und der Einheit des Sich-Wissens und alles andere gesehen. (vgl. ebd. S. 212)
Die Anschauung ist wieder Schema des Schemas 4 (Reflexibilität) und wird Schema 5.
Die Reflexibilität ist Mittelglied zwischen Sein der Erscheinung und Schema 4.
36. Vorlesung (ebd. S. 212ff)
Das Sehen ist mannigfaltig, ergo muss es ein gesuchtes und anschauendes Prinzip in der Reflexibilität geben, das sowohl eins ist wie zur Mannigfaltigkeit führt.
Was könnte das für ein anschauliches Prinzip sein?
Die Antwort: Ein „Individuum, durch die Beschränkung innerhalb der Anschauung des Princips.“ (ebd. S. 213 Z 17)
„Das Princip wird gesehen, als erfüllend u. zusammensetzend das manigfaltige mit absoluter Freiheit der Reihenfolge. Durch die Beschränkung müste diese Freiheit beschränkt werden. So ists: in absolute ursprünglicher Auffassung faßt jedes Individuum das mannigfaltige in der Grundanschauung des Raumes auf nach seinem Standpunkte im Raume: ausgehen von dem ihm nächsten, u. s. f. Jeder andere würde dasselbe aufgefaßt haben, nur in einer andern Reihe. In der Reihenfolge drükt sich sonach ab die Beschränktheit des Individuums. (…)“ (ebd. S 213 Z 23ff)
In jedem Reflexionsakt wird immer die Möglichkeit der unendlichen Mannigfaltigkeit vorausgesetzt. Fakultativ kann so oder anders gebildet werden, sobald aber gebildet wird, wird nach notwendigen Gesetzen des Bildens verfahren. Es gehört dazu eine gewisse ars inveniendi und Lösungskompetenz, das erklärende Prinzip einer Aufgabe zu finden, einer Aufgabe, die sowohl analytisch zerlegend, wie synthetische kombinierend sein soll, ist aber einmal entschieden, verläuft alles notwendig. („Das Princip wird gesehen, als erfüllend u. zusammensetzend das manigfaltige mit absoluter Freiheit der Reihenfolge.“)
Die Suche nach dem Prinzip der Einheit wie Spaltung in der Erscheinung erweist sich offensichtlich – dem faktischen Sachverhalt nach – in jedem analytischen wie synthetischen Bilden, d. h. in jedem Bilden eines Individuums!
Das Individuum, Unteilbare, Einfache, ist Eines und zugleich, sobald reflektiert wird, Vieles.
Aber es wurde ja oben gefragt nach einem ontologischen, monistisch einen Prinzip des Seins der Erscheinung des Absoluten, wie dieses zugleich die Mannigfaltigkeit in sich enthalten soll?
Der Gedanke wird weitergesponnen: Das schematisierende Bilden, bei jedem individuellen Vollzug faktisch anzutreffen, spaltet sich in ein mannigfaltiges Bilden, sobald reflektiert wird. Dieses mannigfaltige Bilden geschieht nicht willkürlich und sozusagen im luftleeren Raum ohne anschauliche Komponenten, sondern geschieht nach notwendigen Gesetzen des Seins der Erscheinung, nämlich in individueller Gesetzhaftigkeit des Raumes und der Zeit.
Das gesuchte Prinzip im Sein der Erscheinung geht vom Einen des Individuums aus und ist ein Nebeneinander und Zugleich nach notwendigen Gesetzen. Es erscheint als eins in der replikativen Möglichkeit seiner Freiheit, zugleich als Prinzip der Mannigfaltigkeit in jeder Tätigkeit.
Anders gesagt, es erscheint dann als eins, wenn es zugleich vernünftig erscheint, d. h. wenn es nach notwendigen Gesetzen des Verstandes und der Vernunft sich vollzieht und es vollzieht sich vernünftig, notwendig, wenn es frei erscheint – denn ohne freien Vollzug des Reflexion käme es zu keiner notwendigen, gesetzhaften Bildung.
Das vernünftig Notwendige und doch innerlich Freie – das ist jetzt expliziert und angeschaut m. E. wiederum diese personale und interpersonale Wahrnehmung der Wechselseitigkeit und Wechselwirksamkeit in der Aufforderung.
In der Wahrnehmung gegenseitiger Aufforderung sind determinierende und bloß an-determinierende, freie Wechselseitigkeiten und Wechselwirksamkeit synthetisch vereint. Die Anerkennung des anderen muss frei erfolgen, in Folge aber nach praktisch-logischen, notwendigen Gesetzen des Raumes und der Zeit, der Natur, des Rechts und der Moralität und der Religion.
Es wird sich das Individuum, sobald es zur Anerkennung eines Du übergeht, sowohl als einzelnes, wie durch die notwendigen Verunftgesetze gebundenes einzelnes bewusst. Es erfährt sich als frei und zugleich gebunden.
„Wie er (sc. das Individuum) sich frei macht durch Reproduktion von jener ursprünglichen Auffassung, so gewinnt er freilich wieder die allgemeine Freiheit; aber er hat doch so aufgefaßt, u. dies eben führt ihn auf seine individuelle Beschränkung / wodurch denn zugleich klar wird, daß dadurch die Reflexibilität, die Zurükführung auf das Individuum allerdings ausgedrükt ist. Andere anders; jede mögliche Reihe[repräsentiert] faktisch einen anderen Standpunkt des allgemeinen Auffassungsvermögens oder Princips; was nun freilich allemal seinen besondren Standpunkt haben muß, also in einer Individuenwelt, durch dieses Gesez der Reflexibilität, auf faktisch gegebne Reihenfolge zerfällt. (ebd. S 213 Z 32 bis S 214 Z 12)
Das gesuchte Prinzip im Sein der Erscheinung des Absoluten ist objektiviert auf das Individuum übergegangen.
Was ist jetzt nochmals die monistisch anklingende, begründete und ontologische Rechtfertigung dafür, dass dieses Sein der Erscheinung das Sein der Erscheinung Gottes ist?13
Eine auktoriale Freiheit aus der direkten Ursache Gottes (emanativ) abzuleiten ist natürlich nicht möglich, d. h. zu wissen, wie Gott sich offenbart, als Prinzip selbst im Sein seiner Erscheinung, das wäre bloßer logischer Schluss, bloßer Schein.
Es bleibt aber der individuelle Weg, durch Freiheit und in den notwendigen Gesetzen der Vernunft die disjunktionlose Wahrheit und das Gute (oder besser „den Guten“) gnoseologisch gerechtfertigt zu behaupten, denn es offenbart sich ja kategorisch Wahres, sobald hypothetisch vom angesetzten Wahren und Guten zu einer teleologischen Sinnbestimmung der Erscheinung übergegangen wird, worin notwendig das Wahre und Gute vorausgesetzt wird. Das Sein der Erscheinung wird in seinem Schein begründet und gerechtfertigt im existentiellen und individuellen Vollzug. (Fichte reflektiert das oftmals, in stets neuer Weise, siehe z. B. in der AzsL. Siehe diverse andere Blogs.)
Die Bewährung des Seins der Erscheinung Gottes in der Erscheinung beginnt dabei individuell-personal und interpersonal und setzt sich fort in allen Gesetzen des Verstehens von Natur, Recht, Moralität und Religion, ebenso in der Reflexion der Geschichte und des Sinns oder Widersinns.
In jedem individuellen, substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsakt (Ausdruck bei F. Bader) leuchtet das Licht einer gnadenhaft geschenkten Freiheit und das Licht vernünftiger Durchdringung der Wirklichkeit im Ganzen auf.
Die Freiheit kann, muss aber nicht erscheinen, falls nämlich keine transzendentallogische Letztbegründung in Übereinstimmung mit der Erscheinung des Absoluten angestrebt wird. Wird die Hypothese nicht gesetzt, ergibt sich keine Bewährung der Freiheit in der Vernunft – oder anders gesagt, keine genetische Erklärung aus einer Letztbegründung.
Das Nicht-Anstreben der Letztbegründung wäre freilich ein Nicht-Erkennen-Wollen von Freiheit, weil sie die Vernunftform scheut. Und umgekehrt, die Vernunftform kann nicht gefunden werden, wenn die individuelle Reflexion nicht frei vollzogen wird. Der individuelle Vollzug wird zum Einfallstor der Freiheit und zur Vermittlung der Erscheinung in notwendiger Gesetzmäßigkeit.
Fichte geht noch viel weiter in dieser transzendentallogischen Ableitung von Einheit und Mannigfaltigkeit: Er kommt zur Objektivation des Qualitätsbegriffes, falls die transzendentale Grundanschauung des Reflektierens beibehalten wird: Die Qualitätsansicht und Bestimmung – später ausdrücklich als „Stoff“ bezeichnet – ist ebenfalls innerhalb der Einheit des Prinzips gesetzt, weil notwendig ein Prinzip der Mannigfaltigkeit und der quantifizierenden Erklärung mit der Folge einer Qualität oder eines Gefühls verbunden ist. Siehe dieses längere Zitat, alles sehr zusammengedrängt:
In A. geht das soll, d.i. die Unendlichkeit, u. die Freiheit mit einander auf, wenn das Princip sich vollziehen wird zu einem Bilde der Erscheinung, wie sie ist, wird drum auch beides in einander aufgehen: ein solches Sehen wird drum die Unendlichkeit nicht absolut, von sich, und ausser sich setzend sich an derselben brechen, sondern es wird sie aufnehmen in sich selbst. Hier ist es umgekehrt: an der, freilich zusammengedrängten Unendlichkeit, bricht sich das Sehen;“ über einen Punkt dieser Zusammendrängung, den wir oben Qualität genannt haben, kann es durch weitres Begreifen, u. Zerlegen nicht hinaus: es wird drum blosse leidende Intuition. Dies also ist der Stoff, u. dieser Stoff herrscht in dem jezt zu beschreibenden Sehen; keinesweges ist er in dem freien: da ist bloß ein rein geistiges Gesicht. (Wie wichtig dieser Aufschluß ist, wird ohne mein Bemerken wohl jeder einsehen.). -. [Zum] Inhalt dieses Sehens. -. [1.).] Zuförderst ein paar Sätze, die schwer vorkommen mögen. Aber sie verbreiten eine Lichtwelt, und ersparen eine ungeheure Menge Vorträge. 1.). Das absolute Sehen bricht sich, so gewiß es [in] einem Faktum desselben, zu einer Anschauung kommt, an der individuellen Form. Dies ist sein Gesez. 2.). Also alles Sehen kann zurükkehren, und muß, falls es die Reflexibil[it]ät selbst bildet, zurükkehren in die individuelle Form; sich bilden; als sich in dieser Form; die Vorstellung hervorbringen: Ich, Individuum, u. nur ich sehe dies. 3.). falls es die Reflexibilität bildet, habe ich gesagt; nun muß es diese bilden: also es muß.-. Oder dies ist eine Disjunktion: a) gebrochen seyn des Sehens an der individuellen Form: im Sehen selbst als bestimmendes;-b) der unmittelbare Ausdruk dieser Gebrochenheit, in einem besondern Sehen.“ (ebd. S 215 Z 4ff)
Auf der Konkretionsebene des transzendentalen Sich-Wissens gehen Einheit und Mannigfaltigkeit in einem Prinzip notwendig zusammen in der Mittelbarkeit und Reflexibilität des Individuums.
Die eingangs gestellte Frage nach einem, einzigen Prinzip im Sein der Erscheinung des Absoluten, worin Eines wie Mannigfaltiges auseinander hervorgehen und wieder zusammengehören, hat sich in ihren Lösungsbedingungen dahingehend aufgelöst, dass auf der Ebene des faktischen, individuellen Tuns das Individuum selbst zu diesem Prinzip geworden ist.
Das Individuum – NB auf der Erscheinungsebene – ist das Prinzip der Einheit wie der Spaltung (Mannigfaltigkeit).
„Res[ultat]. [1.)] Das absolut faktische Sehen reflektirt nothwendig sich selbst, um die Reflexibilität zu bilden. Nachdem wir nun dies wissen, können wir, statt zu sagen: wie wird das Princip überhaupt gesehen, gleich damit anfangen: wie wird das Individuum Ich gesehen?“ (ebd. S 216 Z 1f)
Das Individuum, immer personal und interpersonal konnotiert, ist „Stoff“ (ebd. S. 216 Z 10), „Vermögen der Reproduktion“ (ebd. Z 14), ist praktisches Tun (Tätigkeit).
Der substantielle Denk- und Selbstbestimmungsakt des Individuums ist reelles Denken, reales Prinzip, ordnendes Denken der Wirklichkeit im Ganzen im Gefühl, im Urteil, der Relation, und ist vollendet gebildet im Wir einer sittlichen Gemeinschaft, ist „Schöpfer“ eines Bildes von „A.“, mittelbares Hervorbringen eines Objektes, „reale praktische Thätigkeit“.
„Nun tritt aber hinzu ein zweiter, nicht so bekannter, jedoch mit wenig Worten deutlich zu machender Punkt. – . Das Princip ist reales Princip, eines absoluten Sehens: Schöpfer eines solchen, des Bildes von A. Dies ists nun drum nicht wirklich, sondern nur als Princip; aber es wird eben gesehen als Princip; es muß drum als solches gesehen werden, im Schema, und in dem hier stattfindenden Schema/-. aber das hier stattfindende Sehen ist ein durchaus an einem Objekte gebrochenes Sehen, u. es giebt in dieser Region kein anderes. Das Princip wird in diesem Zusammenhange des Schematismus gebildet als Princip eines Sehens, heißt darum: es wird gebildet als Princip eines sichtbaren, und schlechthin, wie nur gesehen wird, zu ersehenden Objekts: als Princip des hineinbringens eines neuen in die objektive Welt eines allgemeinen Sehens. Nicht unmittelbar, wie etwa oben, sondern nur mittelbar, durch Hervorbringung eines Objekts, kann es hier als des Princip des Sehens erscheinen, weil es hier ein unmittelbares Sehen überhaupt nicht giebt. – [also durch] reale praktische Thätigkeit“ (ebd. S 216 Z 15ff bis S. 217 Z 2)
Die „reale praktische Thätigkeit“ des Individuums ordnet dabei die Wirklichkeit nach dem Maß eines apriorischen Vergleichens von Ideal und Wirklichkeit, das sie mittels Zweckbegriff findet. Der Zweckbegriff geht so weit, wie das Vermögen der Reproduktion reicht.
„Worin kann nun das hervorgebrachte Objekt bestehen? Offenbar nicht in einem qualitativen: denn die wirkl[iche]. Thätigkeit, falls sie als mit Bewußtseyn verknüpft, d.i. als Thätigkeit des sehenden Princips gebildet werden soll, wie sie ja muß, bedarf doch offenbar eines durch Reproduktion hervorgebrachten Begriffes von dem Produkte der Thätigkeit, genannt Zwekbegriff; u. soweit als das Vermögen der Reproduktion sich erstrekt, kann die Thätigkeit sich erstreken: diese erstrekt sich aber nur bis aufs Ordnen gegebner Qualitäten[;] ein solches anderes Ordnen in der That ist die praktische Thätigkeit. Daß dieses dennoch binde, die individuelle Anschauung, ist klar, weil jedes seine bestimmte Reihe hat, u. wenn die objekt[ive]. Reihenfolge ihm verändert wird, wird ihm eben auch die subjektive verändert. Die Welt der Qualität ist unveränderlich; die der Reihenfolge modifikabel (ebd. S 217 Z 10ff).
Im Zweckbegriff kennt das Individuum ein Vor-Wissen einer theoretischen wie praktischen Sinnerfahrung, weil es sich einerseits in der Reflexion schon zu einer bestimmten Reihe der Selbstbestimmung entschieden hat, aber andererseits die Erfüllung des Strebens doch erst von der Zukunft sich geben lassen muss. Hier entspringt zusätzlich zur individuellen Situierung eines Individuums innerhalb einer räumlichen Vielheit von Individuen die Zeit, die von der Zukunft her aufgebaut wird.
Die Vernunft handelt, sofern sie handelt, genetisch, weil sie im zweckhaften Wollen, besonders im ethisch-sittlichen Handeln, notwendig sich bezieht auf das wahre Sein der Erscheinung des Absoluten. Sie individuiert sich, baut sich räumlich und zeitlich auf im Rückbezug zum Sein der Erscheinung Gottes, und vollendet sich im Wir einer sittlichen Gemeinschaft.
Anders gesagt. Ihr vernünftiges Erkennen ist methodisch teleologisches Erkennen, der Begründung und Rechtfertigung ist aber kategorisches Erkennen aus dem Sein der Erscheinung Gottes.
Die anfängliche Rede vom Individuum als Herausgreifen aus der „Masse des Geistigen“ (WLnm) oder als unmittelbar-mittelbare Bestimmung des Teils des Ganzen (WL-1804-II), bewährt sich in der (oft anzutreffenden) Begrifflichkeit, „Bild Gottes“ zu sein und zu werden.
„Woher nun eine faktische gediegene Realität, und sogar ein faktisch reales Vermögen des Bestimmens solcher Realität komme, ist hier ganz klar. An sich ist ja durchaus kein Funke von Wahrheit in diesem Bilde. Das Seyn ist in Gott. Die Erscheinung ist durch u. durch Bild, zuförderst Gottes, sodann ein Bild Gottes als solchen zu seyn ihrer selbst: u. dabei bleibts. Die hier beschriebne Anschauung ist ja garnichts anderes, als die Sichtbarkeit dieser Erscheinung als des bildenden Princips; die Reflexibilität, damit sie eben die Unendlichkeit an sich als Princip zur Einheit zusammenfassen könne.“ (ebd. S 217 Z 26ff)
© Franz Strasser, 17. 7. 2026
1 I.Antike und Frühscholastik. – Mit dem Wort ἄτομα, das schon Cicero mit ‹individua› übersetzt [1], benennt Demokrit die kleinsten, sinnlich nicht wahrnehmbaren, unendlich vielen «Elemente» [2], die neben dem «Leeren» als «Ursprünge des Ganzen» [3] angesehen werden. Während nun Platon den individuellen Charakter dessen, was sich der dialektischen Dihairesis als vollbestimmtes Wesen erschließt (ἄτομον εἶδος), nur nebenbei erwähnt, wird das I. in der aristotelischen Philosophie zu einem in einer uneinheitlichen, variablen Terminologie (ἄτομον, I., τόδε τι, dieses Etwas, καθ‘ ἕκαστον, Einzelnes) faßbaren Hauptgegenstand. Siehe z. B. Link zu den Anfängen dieses Begriffes.
2 FICHTE grenzt sich in der Einleitung von der einseitigen Sichtweise des Realismus und Idealismus ab [GA IV, 2, 17 -27] und betont in der „vorläufigen Anmerkung“ [GA IV, 2, 28 – 32] die Einheit des Sich-Wissens, um im restlichen Teil das hauptsächlichste Ziel zu erreichen: die Ableitung des empirischen Bewusstseins [GA IV, 2, 32 – 266].
3Peter Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL, in: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, S. 195.
Ähnlich arbeitet A. Schurr den Zweckbegriff heraus, dass dieser selbst zum göttlichen Du führt. A. SCHURR, Der transzendentale Gedanke, S 371f . Die Aufforderung in der Wechselwirksamkeit von Individualität und Interpersonalität muss auch verstanden werden. Das Verstehen setzt aber wiederum einen Zweckbegriff voraus, und bedeutet ein transzendierendes über sich Hinausverwiesen-Sein zu einem absoluten Bestimmtsein. Im absoluten Bezugspunkt liegt der Sinn menschlichen Existenzvollzuges, die tragende Gemeinsamkeit alles kommunikativen, sittlichen Austausches. Dieses Grundsein als Grundlage jedes Selbstvollzuges des Bewusstseins muss deshalb in einem fraglosen Seinsollen begründet sein – das im Gegensatz zu jedem faktischen Bestimmtsein nur als nicht-wandelbar gedacht werden kann –, weil eine gegenteilige Annahme von der Undenkbarkeit ausgehen müsste, dass ein absolutes Grundsein beides setzen könne, ein sich selbst begründendes und ein nicht sich selbst begründendes Bestimmtsein. A. SCHURR, ebd. S. 37
4Ich zitiere nach der Meiner-Ausgabe: J. G. Fichte, Die Wissenschaftslehre. Zweiter Vortrag im Jahre 1804. Philosophische Bibliothek Meiner, hrsg. v. Reinhard Lauth u. Joachim Widmann unter Mitarbeit von Peter Schneider, 19862.
5J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2. Hamburg 1977.
6J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, ebd. S. 210.
7J. Widmann, ebd. S. 210. Gerade um das Einfache an sich, ob es das gibt oder nicht, oder ob es nur um eine formallogisches Prinzip der Individuation geht – da gibt es eine unendliche philosophiegeschichtliche Diskussion. Siehe den Begriff „Individuum, Individuation“ im „Historisches Wörterbuch der Philosophie online“.
8J. Widmann, ebd. S. 212 Hervorhebungen bei Widmann von mir.
9J. Widmann, ebd. S. 212.
10 Trinitarisch ausgedrückt: Die Unmittelbarkeit einer Ursynthesis im Du, ist Objektivation der Beziehung von Vater und Sohn, aber ipso facto muss, sobald hypothetisch für das Vernunftwesen ein unmittelbares Verhältnis angesetzt ist, die Mittelbarkeit des Begreifens dieses Verhältnisses ebenso möglich sein, weil nur diskursiv das reflektierende Ich diese Unmittelbarkeit begreifen kann. Damit in dieser Diskursivität das Licht und Wesen dieser Unmittelbarkeit sozusagen nicht abreißt oder unterbrochen wird, bedarf es des Heiligen Geistes. Die Macht und Kraft des Heiligen Geistes ermöglicht die Vater-Sohn-Beziehung zu denken und die Vielheit der Individuen in Selbstständigkeit zu bewahren – in sittlicher Gemeinschaft und Erfüllung. Jedes Individuum bewahrt im Heiligen Geist einen selbstständigen Charakter und hat doch einen partizipativen Anteil am Ganzen der Erscheinung Gottes. (Zur trinitarischen Reflexion bei J. Widmann, siehe ebd. S. 221.)
Durch das Denken einer Vermittlung im Individuum wären m. E. die Ausführungen in der 6. Vorlesung der AszL 1806 zu korrigieren, worin Fichte von einem unmittelbaren Einswerden mit Gott schwärmt, freilich vermittelt durch die Person Jesu. Dort wird zu sehr verkürzt! Es ist stark von einer Seins- und Daseins- und Bild- und Stufenlehre die Rede, ebenso von der Liebe, aber der Aspekt einer geschichtlichen Notwendigkeit von Satisfaktion und Restitution des Guten, von einem Bezugspunkt des Wollen auf ein Urbild der Vollkommenheit, das fehlt in den Aszl. Zu den Aszl siehe z. B. 1. Teil – Link.
11Vgl. J. Widmann, ebd. S. 223.
12Ich zitiere die WL-1811 nach der Studientextausgabe, StA 2, (fhS 2), hrsg. v. Hans Georg von Manz, Erich Fuchs, Reinhard Lauth und Ives Radrizzani, Stuttgart-Bad Cannstatt 2003. Zu den historischen Rahmenbedingungen der WL-1811 siehe dort die Einleitung.
13 In weiterer Folge wäre jetzt in dieser Erscheinungslehre noch auszuführen, dass die wechselseitige Anerkennung der Individuen=Personen zur gemeinsamen Perspektiven einer einen Welt führt. Die eine, gemeinsame Welt ist durch die innerliche, ethisch-sittliche gegenseitige Anerkennung motiviert. Jedes Individuum schaut die Welt aus seinen Augen an, es ist aber immer die eine, gleiche Welt, die alle Individuen anschauen, weil das Anschauen in sich eines und interpersonal begründet ist.