Aus einer Auslegung zum Johannesevangelium. Lesehore Mitte Sept.
Eine subjektive Deutung. (rot mein Kommentar)
„Unser Herr Jesus Christus wird kommen.“
Mir gefallen diese starken Zukunftshoffnung, die zahlreich in der Hl. Schrift zu finden sind, schon im Ersten Testament, mehr noch im Zweiten Testament – und offensichtlich haben die Kirchenväter hier angeknüpft. Wie bekannt, so hat der Hl. Augustinus über das Wesen der Zeit tiefschürfend nachgedacht, siehe Confessiones, XI Buch – es gibt zahlreiche Sekundärliteratur dazu – oder wie ich hier in einem Kommentar zum Johannesevangelium zufällig lese, Lesehore (Mitte Sept).
Der Heilige hat die Zeitvorstellung existentiell im Herzen erwogen, d. h. im Bewusstsein angesiedelt und sie letztlich auf die Erlösung und Gnade Gottes hin geöffnet, d. h. Dass Gott seine und unsere Vergänglichkeit auffangen und erlösen und in die Ewigkeit überführen möge.1
Eine andere Lösung gibt es nicht, der Vergänglichkeit und der Wandelbarkeit zu entkommen, als die beständige, absolute Dauer der Gnade und Erlösung durch den dreifaltigen Gott. Er ist das rettende Wort, die entgegenkommende Liebe, die erwartete Anerkennung.
Des Hl. Augustinus Zeitvorstellung und Denken zur Zeit kommt von der Zukunft her. Wie ist das möglich? Die Zeit ist eine Empfindungsform und entspringt unserem Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit. Aus dem Widersinn eines unerfüllten Strebens wird bei Augustinus die Sinnidee ewiger Erfüllung geboren, mithin auch die Anschauungsformen von Zeit und Raum. Das ist Transzendentalphilosophie ante eventum.
Er kann durch seinen Glauben und hohe Intellektualität eine durchgängige Hoffnungsansicht auf sein vergängliches Leben übertragen – und aufgrund seiner sprachlichen Fähigkeiten einen letzten Geltungsanspruch formulieren, die seine ganze Erkenntnis durchzieht: „Unser Herr Jesus Christus wird kommen.“
Er wird, wie der Apostel Paulus sagt, „das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken. Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten.“ (1 Kor 4,5.)
Es muss den Heiligen vieles betroffen haben, weil er so oft direkt oder indirekt von seinem Seelenzustand schreibt – denn es sind ja psychologische Anspielungen: „das im Dunkeln Verborgene…..“
Beim endgültigen Zusammentreffen Gott und Mensch wird Gott die „Absichten der Herzen“ aufdecken. Das letztlich Entscheidende – so sind wir wohl im Denken durch Jahrhunderte schon geprägt, spätestens seit Descartes – ist die Gesinnung, das Gewissen, die individuelle Zurechnung und Verantwortung.
Augustinus spürte dieses Gewissen, dieses Innere, sprach offen über seine Fehler und Nachlässigkeiten, weil er umgekehrt auch die Gnade im Gewissen verspürte.
„Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten“ – ich deute das so, dass dem Heiligen viele beleidigende Demütigungen und Zurücksetzungen im Leben widerfahren sind, beim Gericht wird dann Tacheles gesprochen, was wirklich wahr gewesen ist und den wahren Absichten der Herzen entsprochen hat.
Jeder/jede empfängt das „Lob Gottes“ – zumindest hier in dieser aufmunternden Predigt – wie es seiner/ihrer Absicht und seinem/ihrem guten Willen entsprochen hätte.
Es wird, wenn dieser Tag kommt, kein Licht mehr nötig sein. Dann wird uns kein Prophetenwort mehr vorgelesen und kein Apostelbuch mehr aufgeschlagen werden. Wir werden nicht mehr nach dem Zeugnis eines Johannes fragen müssen und nicht einmal mehr das Evangelium nötig haben. Weggeräumt wird also die ganze Heilige Schrift, die uns in der Nacht dieser Welt als Licht angezündet wurde, damit wir nicht im Finstern bleiben.
Mir gefällt immer wieder seine Rede vom Licht, gleichgesetzt mit Erkenntnis, sein Ausgehen auf eine Letztbegründung im Erkenntnisstreben – und so, am Ende der Zeit, wird die Erkenntnis vollendet sein, dann braucht es keine Vermittlung des „Lichtes“ mehr, weil die unmittelbare Offenbarung Gottes die Erkenntnis, das Licht ist. Es braucht die mediale Vermittlung nicht mehr, die Hl. Schrift, die Prophezeiungen der Propheten (typische Hervorhebung eines Christen!), nicht einmal das Johannes-Evangelium. Ziemlich brutal wird gesagt, „weggeräumt wird die Hl. Schrift………“, die wir auf Erden noch als Licht brauchen.
Ein absoluter Geltungsanspruch spricht aus seinem Erkenntnisstreben, aber mit Aufmunterung, nicht als Tadel oder Moralpredigt verstanden. Dieses Erkenntnisstreben stellt sich, wie gesagt, in bestimmten Formen vor: a) als Aufdecken der Absichten der Herzen und b) im Lob Gottes und hier als c)
mediale Vermittlung der Sprache, der Schrift, die aber als solche dann relativiert wird. Sprache, Schrift, Kunst sind Formen der zeitlichen Verobjektivierung. Wenn die Zeit weggefallen ist, braucht es natürlich keine medialen Hilfsmittel mehr, nicht einmal die Hl. Schrift.
Dies alles wird beseitigt, damit es nicht scheint, als brauchten die Männer Gottes (1 Tim 6,11) es als Licht. Die Diener Gottes, durch die wir das alles bekommen haben, schauen mit uns das wahre und herrliche Licht.
Der Heilige glaubt an eine himmlische Verbundenheit der Gläubigen, wie es ins Credo eingegangen ist, über Generationen hinweg, die Vergangenheit miteinbeziehend. Mit der Gotteserkenntnis ist unmittelbar ein Wiedersehen oder Erst-Sehen untereinander verbunden.
Wenn also diese Hilfsmittel alle beseitigt sind, was werden wir dann sehen? Wovon wird sich unser Geist ernähren? Woran wird sich der Blick erfreuen? Wovon wird jene Freude kommen, „die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und die keinem Menschen in den Sinn gekommen ist“? (1 Kor 2,9. ) Was werden wir sehen?
In gekonnter Rhetorik spricht er unser Streben an, stellt Fragen, steigert dadurch die Antwortfähigkeit, und zitiert gut eingepasst die Hoffnung des Paulus, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat…..“ Es kommt wieder die Sehens-Metapher, um die erwartete Gemeinschaft mit Gott und untereinander zu beschreiben. Ja, wie soll das beschrieben werden?. „Wovon wird sich unser Geist ernähren?“
Die praktische Sehnsucht der Liebe und des Herzens, die ihn zeitlebens angetrieben hat, wird gleichgesetzt mit dem Sehen, das die Nahrung sein wird für den Geist, das Denken, die Vernunft, die sich im Sehen endlich selber voll versteht und sich erkennt als Individuum wie als universale Gemeinschaft.
Augustinus lädt dann nochmals zur Gemeinsamkeit ein und spricht von „Heimat“, einem Zuhause. Vielleicht hat er es so in Nordafrika empfunden, oder haben sich seine Mitchristen in Tagaste und dem heutigen Tunesien nicht sicher und zu Hause gefühlt?
Ich bitte euch herzlich: Liebt mit mir! Lauft mit mir im Glauben! Last uns nach dem Vaterland da oben verlangen, nach der Heimat droben seufzen und innewerden, dass wir hier Fremdlinge sind. Was werden wir dann sehen? Jetzt soll es das Evangelium sagen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1.)
Augustinus zitiert die Hl. Schrift, wenn es um die letzte Auskunft geht, um die entgültige Beschreibung der Hoffnung – Joh 1. Das Joh.-Evangeliums nimmt ja nochmals Bezug auf den Anfang Genesis 1, d.h. die Schöpfung findet durch die Erlösung durch Jesus Christus ihr Ziel und ihren Endzweck. Durch den Glauben an Jesus Christus vollendet sich der Sinn der ganzen Schöpfung und alles kommt zur Ruhe und findet seine Antwort als einzige, zusammenhängende Liebestat Gottes.
Das „Wort“ ist für den Heiligen natürlich das Mittel, das Werkzeug schlechthin, mit dem er sich ausdrücken konnte, es ist Ermöglichungsgrund freier Selbstbestimmung, dialogisches, ur-persönliches, liebendes Du-Wort, hier auf Gott übertragen, sonst im zwischenmenschlichen Gebrauch angewandt.
Du wirst zur Quelle kommen, von der du jetzt nur im Tau benetzt bist. Schräg und gebrochen dringt der Strahl jetzt von dort aus in dein dunkles Herz, aber dann wirst du das unverhüllte Licht selbst sehen, das zu schauen und zu ertragen du gereinigt wirst.
Es gibt eine unsichtbare, epistemologische Quelle aller unsere Sinn- und Bedeutungsbildungen (Bezeichnungen) in unserem Geiste, wodurch wir zu epistemischen Bedeutungen kommen. Diese Bedeutungen sind hier angesprochen, ermöglicht durch die geistige Quelle – „schräg und gebrochen dringt der Strahl jetzt von dort aus in dein dunkles Herz“.
Die Quelle unserer Bedeutungsgebungen wird aber oftmals verschmutzt, verdreht, kann böse und hasserfüllt ausfallen, der „Strahl“ des wahren göttlichen Lichtes wird deshalb auch „reinigend“ sein, ein Licht, dass die bösen Worte wieder zurechtrückt.
Augustinus steigert sich: das Licht selber werden wir „unverhüllt“ sehen. Was kann das noch heißen? Ist das nicht eine unmögliche Steigerung? Das Licht ist für Augustinus die mittelbare, erste Offenbarung Gottes, fällt diese Mittelbarkeit weg, gibt es nochmals eine Steigerung hin zur unmittelbaren Offenbarung. Hier versagen freilich die Bilder, denn Bilder sind selber nur Erkenntnismittel des wahren Seins, hingestellte Projektionen und Reflexionen unserer Vernunft, Bilder des Lichtes.. Im Psalm 36 heißt es: „In deinem Licht schauen wir das Licht“ – das Licht ist selber schon Mittel, Geschenk, Gnade, „in deinem Licht“ – und dann gibt es nochmals etwas Höheres? Das göttliche Licht übersteigt unsere diskursiv denkende, am göttlichen Licht Anteil nehmende Vernunft, unser Bilden und Sich-Bilden. Die Begegnung mit Gott ist die Begründung und die Rechtfertigung diese Metapher und dieser Methode „Licht“, wodurch wir begnadet sind zu schauen und zu denken.
Johannes selbst sagt: „Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1 Joh 3,2. )
Die Ähnlichkeit mit Gott liegt nicht in einer unklaren Verschmelzung, sondern in der klaren Distinktion einer sittlichen Wertung, die sich aus dem Gegenüber von Gott und unseres endlichen, oft auch sündhaften Willens ergibt. Wir bleiben als „Kinder“ Gott gegenüber, aber die Ähnlichkeit verbindet uns zu einem gemeinsamen Wollen, zu einem gereinigten Wille. Wir gehen nicht unter, verschmelzen nicht irgendwie mit Gott, sondern integriert in diese Gemeinsamkeit des Willens, „werden wie ihn sehen, wie er ist.“
(c) Franz Strasser, 19. 9. 2026
1Siehe z. B. T. Kisser, Zum Problem der Paradoxie der Zeit und der offenen Zukunft…… In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie. Würzburg, 2017. S. 185 -234.