Evolutionstheorie – und was dahinter steckt? 1. Anfrage. Zum Begriff des Zufalls. Der mexikanische Kärpfling

Gleinker Weltchronik, Mitte d. 14. Jhd., Landesbibliothek Linz.

1) Ich übertreibe wohl nicht, dass zum Begriff der „Evolution“ eine heillose Verwirrung herrscht.1  Warum Verwirrung? Weil von der Evolutionstheorie gerade so getan wird, als sei diese Sicht der naturwissenschaftlichen Erklärung das universale Paradigma aller Erklärung: Sei es der anorganischen oder organischen Natur, oder sei es der geistigen-kulturellen Natur. Der Begriff „Evolution“ scheint ein universaler Schlüssel geworden zu sein, eine mystifizierte Sache, die nicht angegriffen werden darf, weil uns sonst jede Erklärung fehlen würde. Die kantische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung wird durch „Evolution“ gelöst, aber das stiftet Verwirrung, denn im Herzen müssen wir an diesen begrifflich-kausalen Erklärungsmustern zweifeln. Das Denken wird durch diese Ideologie in seiner Freiheit behindert, es auch anders denken zu können.
Wie nach GALILEI und NEWTON das Prinzip eine mechanischen Kausalität immer bestimmender geworden ist, so modifizierte man diese Kausalität Anfang des 19. Jhd. und schuf erste Formen einer „Evolutionstheorie“ (LAMARCK), bis schießlich auf alles Leben und auch auf die Kultur der  Evolutionsbegriff übertragen wurde.
Selbst auf der kleinsten, unerkennbaren Ebene der Gene wird mittels induktiver  Messungen und Beobachtungen anscheinend das Gesetz der Evolution wahrgenommen, obwohl man die Zusammenhänge ja nicht erklären kann?!  Wir sind inzwischen habituell so geprägt, um nicht zu sagen, verdorben,  dass prinzipiell unsere teleologisch handelnde Urteilskraft
gar nicht mehr anders reflektieren kann, als aus zeitlichen Entwicklungsgründen und Entwicklungsschritten alles „evolutionär“ entstanden denken zu können.
Ich möchte hier im 1. Blog das Beispiel eines gut angepassten Fisches bringen, der offensichtlich überleben will,  aber nicht er will überleben, sondern eine „evolutionärer“ Prozess in den Genen hat das bewirkt. Wenn KANT noch in seiner KdU erstaunt war, dass wir notwendig teleologische Zwecksetzungen anwenden, weil dies ein Phänomen der „denkenden Natur“ ist, so wird dieses Phänomen bewusst anders herum interpretiert, dass es nicht die „denkende  Natur“ ist, die teleologisch etwas vorstellt, sondern die Vorgänge in der Natur selbst sind es, die „evolutionär“ ablaufen, inklusiv der „denkenden  Natur“. 

Die Evolution, umschrieben und übersetzt und ohne Anführungsstriche jetzt von mir als kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung gesehen, kann ich als bedingte begriffliche Vorstellung gelten lassen, aber sie ist nicht eine metaphysische Größe oder Wesenheit. Sie existiert nicht wirklich!  Es  fließen immer denktheoretische, apriorische Begriffe (z. B. die Anschauungsformen, die Reflexivitätsformen der Identität, der Wesensbegriff ) in die Beurteilung und Erkenntnis eines etwas mitein, das als solche aber gerade nicht evolutiv entstanden sein kann!  Wenn ein naturales oder geistiges Realsystem schon vorausgesetzt wird, übersehen wir bereits die hochkomplexen, geistigen Gebilde der Anschauungsformen von Zeit und Raum und andere Verstandesbegriffe, die wir selbst in dieses „Realsystem“ hineingelegt haben. Gerade in dieser transzendentalen Vergessenheit der Wissensbedingungen  kommt es dann zu diesen Grobheiten einer „evolutionären“ Erklärungsweise.  Eine Evolution ohne Anführungsstriche ist möglich, wenn ich dessen eingedenk bleibe,  dass alles zeitliche Werden nur ein übertragenes Werden ist, eine aus dem Bewusstsein übertragene Entwicklung.  Evolution gibt es nur bedingt, der Erscheinung nach; eine Evolution an sich vorzustellen,  ist nicht möglich.
Ich werde deshalb den Begriff „Evolution“  ohne Anführungszeichen verwenden, wenn ich ihn unter Konzession einer Ableitung aus dem Bewusstsein gebrauche, wenn ich also Entwicklung aus übertragenen Bewusstseinsmomenten und im streng begrifflichen Sinne in die sinnliche oder intelligible Natur hineinlegen möchte. Wenn ich „Evolution“ apostrophiere, dann möchte ich den ungeklärten, metaphysischen, ungenauen Gebrauch kennzeichnen. 

An sich entwickelt sich nichts!  Dem Begriffe nach gibt es keine Evolution an sich. Unter Begriff verstehe ich das Wesen einer Sache, und das ist eine unwandelbare Idee. Das Sein zeitlich zu denken, das führt zu einem Widerspruch.  Begrifflich lässt sich Evolution an sich  nicht denken,  weder in der sinnlichen Natur, noch im geschichtlich-gesellschaftlichen Sein, nur erscheinungsweise und in einer appositionellen Reihe des Bewusstseins, die zu einer ideal-realen Reihe der Erscheinungen zusammengestellt werden kann (synthetisch), lässt sich Entwicklung vorstellen. Ex concessis mag dann von Evolution gesprochen werden: Wir übertragen aus dem ideal-realen Werden des Ichs in der Zeit und in einen vorgestellten Raum –  und verknüpfen dann die Wahrnehmungen zu einer evolutiven Reihe. Das dahinter aber eine „evolutionäre“  Kraft stecken sollte, das ist schon  mehr als mystisch. Irgendwie spiritistisch. 

Zweck meiner Anfragen oder Bedenken soll hier sein,  die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit der  Redensweise von naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen „Evolutionen“ zu hinterfragen. Dies kann ich nur ansatzweise, weil mir das naturwissenschaftliche Wissen fehlt. Aber wir alle stehen ja schon unter einen hegemonialen Druck evolutionärer Erkenntnisweise, dass ich das einmal in Frage stellen will. Es ist trivial, reduktiv einen Stammbaum (Cladogramm) aufzustellen und eine evolutionstheoretische Lücke nach der anderen zu füllen, sobald ein Fossil gefunden wird. Es wird dabei aber keine  transzendentale Rechtfertigung geliefert, wie ein Stammbaum  anschauungstheoretisch aufgestellt wird, d. h. welche apriorischen Ersatzstücke eingeschoben werden müssen, damit überhaupt ein Cladogramm herauskommt.  

Wenn es traditionelle Aufgabe der Philosophie sein soll, den Grund (die arché) einer Sache zu erkennen, so verlangt dies ein  analytisches und synthetisches Vorgehen (im Erkennen) in einem.  Durch die Erkenntnisart wird der Gegenstand mitbestimmt – und diese Erkenntnisart darf nicht vergessen werden.  Bei jedem Schritt der erkenntniskritischen Analyse  müssen zugleich die synthetische Anwendungsbedingung mitbedacht sein, damit es zu keiner sophistischen Täuschung kommt. Wenn die Zeit und der Raum, d. h. ihre Form, nur aus der Einheit des Bewusstseins stammen kann, so bedeutet das  Werdens und die  Ausdehnung des Raumes nur eine übertragene Form der Vorstellung. Solange die naturwissenschaftliche oder gesellschaftliche Realität nicht auf Formen der Vorstellung zurückgeführt werden, bleibt die Erklärung metaphysisch, d. h. ohne Begründung.  Das angeschaute Sein selbst ist nicht evolutiv, es wird in dieses Erklärungsart der Evolution nur so vorgestellt – und dann irrig als evolutionär  gewordenes Sein bzw. selbst als evolutionäre Prozess  gekennzeichnet.   

Es ist transzendentale Methode, die Bedingungen der Wissbarkeit freizulegen, wie es explizit PLATON, DESCARTES, KANT, FICHTE getan haben. Sie alle gehen zurück auf die Bedingungen dieser Wissbarkeit. Die Grundannahme des transzendentalen Erkennens muss aber sein:  Es kann nichts außerhalb des Sich-Setzen des Geistes angenommen werden, was nicht durch den Geist selbst gesetzt ist. Alles Gesetzte und Vorgestellte muss in irgendeiner Art und Weise innerhalb des Bewusstseins und innerhalb des Sich-Setzens als einschränkende Bedingung und als kategorial-begriffliche Anschauung gesetzt sein. Im Sich-Bilden und Sich-Zuschauen des Geistes in seinem Erkennen, Wollen und Handeln – FICHTE sagt dazu „intellektuelle Anschauung“ – sind alle grundsätzlichen Vorstellungsweisen der sinnlich anschaubaren wie der intelligibel gedachten Natur- und Gesellschaftsgeschichte gesetzt – und können nur zugestandener! Weise als übertragene Formen von evolutiven Prozessen angesehen werden, erscheinungsweise! Natürlich gibt es eine evolutive Vorstellungsform, aber nur bedingterweise, aus Freiheitsgründen. Das spezifische Handeln der Vernunft wählt diese evolutive Erklärungsform mittels streng gebundener Einbildungskraft, um selber aber über dieser Gebundenheit zu stehen. Das transzendentale Erkennen geht der  „evolutionären“ Erklärungsart voraus und konstruiert einen evolutiven, begrifflichen Zusammenhang, um für eine neue Bestimmung frei zu sein. Eine vor der Vorstellungsart des Sich-Setzens unabhängige „zufällige“, „ziellose“, „ursachelose“ Evolution  kann nicht an sich gedacht werden – und wenn, dann eben in großer Selbstvergessenheit.
Ich möchte ein Beispiel der Definition bringen: Gerhard SCHURZ, dessen Übersichtlichkeit ich positiv erwähnen will, spricht von einer „allgemeinen Evolutionstheorie“ (Anm. 1) in Parallele zur allgemeinen Relativitätstheorie. „„Unter Entwicklung verstehen wir jede nachhaltig gerichtete Veränderung von Realsystemen in der Zeit“. (ebd. S 3).  In der Fussnote erläutert er nochmals den Entwicklungsbegriff: „Veränderung ist somit ein noch allgemeinerer Oberbegriff; nicht jeder Veränderung ist als Entwicklung, d. h. als nachhaltig gerichtet zu bezeichnen.“ (ebd. S 3)

Jede behauptete Erfahrungsgegebenheit setzt apriorische Gesetzlichkeiten voraus, Denkkategorien, Reflexionsideen, die per se gerade nicht aus der sinnlichen Natur oder intelligiblen Gesellschaft stammen können. Als naturwissenschaftlicher Laie möchte ich nicht auf Gedeih und Verderb den jährlichen Entdeckungen der Naturwissenschaften ausgesetzt sein, um mich und das Leben stets  neu aus der „Evolution“  zu erklären. Der Prüfstein des Wissens und der Wahrheit bleiben den apriorischen Prinzipien der Erkenntnis  – und daran werde ich die naturwissenschaftlichen oder historischen Erklärungen messen. Mir gefällt hier eine kritische Reihe  „Wissenschaft in einer geschaffenen Welt“. Ich würde nicht jede wörtliche Auslegung der Hl. Schrift dort teilen –  manches scheint mir doch zu kreationistisch –  aber die naturwissenschaftlichen Anfragen und Zweifeln, die dort auf höchstem Niveau geäußert werden, hinterfragen doch einiges, rein schon auf empirischer Ebene. Siehe externer Link zu „Wort und Wissen“. 

Ich möchte mich zuerst konzentrieren auf den Bereich der sinnlichen Natur, aber ipso facto spielt der gesellschaftliche Bereich der Wirklichkeit stets mit hinein –  gemäß Fünffachheit des reflexiven Wissens. Zum gesellschaftlich-geschichtlichen Bereich siehe dann die späteren Blogs „Anfragen an die Evolutionstheorie“. 

2) Eigentlich dürfte es in der Erklärung der Wirkursachen in der Natur nur kausal-notwendige und nach Wahrscheinlichkeiten ausgerichtete Gesetze geben, wie kann dann plötzlich, wie im untenstehenden Artikel behauptet, von „zufälligen“ Genmutation und „zufälligen“ Artenentstehung in der Evolutionsgeschichte gesprochen werden? Diese Redeweise ist ideologisch besetzt!  

„Sowie gefordert wird, dass etwas aus der Natur erklärt werde, wird gefordert, dass es durch und aus einem Gesetze der physischen, keinesweges aber moralischen Nothwendigkeit erklärt werde. Es wird sonach durch die blosse Behauptung einer solchen Erklärbarkeit behauptet, dass es der Natur nothwendig sey, und in den ihr absolut zukommenden Eigenschaften liege, sich in reelle Ganze zu organisiren, und dass das vernünftige Wesen die Natur so, und schlechthin nicht anders zu denken genöthigt sey.“(FICHTE, Sittenlehre 1798, SW IV, 119)

Bei Darwin lag die Betonung einer evolutiven Sicht der Entstehung der Arten auf dem Begriff der Selektion, um in einer zeitlichen Reihe einen Zusammenhang in der Entstehung der Arten aufstellen zu können. Die Mutationsbasis war noch nicht so bekannt.  War er sich der apriorischen Erkenntnisbedingungen bewusst, wie eine zeitliche Reihe überhaupt aufgebaut wird, ehe es  zu „Vorteilsgründen“ in der Selektion kommen kann? „Das Endergebnis (der natürlichen Selektion) ist, dass jedes Wesen nach immer vorteilhafterer Abänderung im Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen strebt. Diese Veränderung führt unausbleiblich bei der Mehrheit aller Lebewesen zu einem stufenweisen Fortschritt der Organisation.“ (Darwin, Entstehung der Arten, (1859) S 175f)

3) In Büchern zur Evolution (z. B. REINHARD JUNKER, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, 2013) liest man von der äußeren Anpassung, von genetischen Veränderungen, von makromolekularen und mikromolekularen Veränderungen, von Populationsgenetik, d. h. nach mathematischen Berechnungen wird die „schwache“ oder „starke“ Selektion durch die Population einer Art vorangetrieben, bei vorausgesetzter Normalität der Fortpflanzung, ohne stark sich verändernde, auftretende Umweltbedingungen und ohne richtungsloses Gendrift,  man liest von Mutation und Epigenetik usw….. Muss ich als Nicht-Naturwissenschafter z. B. untenstehende, „evolutionäre„Deutung eines Beispiels ungesehen übernehmen?

Weil die Mutationen in den DNA-Basen in diesem ausgewählten  Falle  eines überlebenstüchtigen Fisches verschieden ausfallen, ist schon die ganze Entwicklung und Evolution  des Lebens (der organischen Segmente) „zufällig“ verlaufen, zumindest für den bewundernswerten Kärpfling, der es sogar in einem giftigen Habitat aushält! Warum kann nicht die viel einfachere und logischere Erklärung gewählt werden, dass jeder Organismus ein zweckgerichtetes Überlebensprogramm fährt, so auch dieser Fisch?!   Siehe folgenden Link auf einen naturwissenschaftliche Aufsatz, abgerufen am 26. 11. 2015. (Ich habe das rein zufällig gelesen.)  

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02.11.2015 – EVOLUTION: ZUFALL ODER VORHERSEHBAR?

Frankfurt, den 02.11.2015. Wissenschafter des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt haben einen weiteren Beweis für die Evolutionstheorie der Kontingenz erbracht. Anhand von zwei Populationen des Atlantik-Kärpflings zeigen sie, dass diese sich jeweils durch eine andere zufällige Reihenfolge von Mutationen an ihre lebensfeindlichen Habitate anpassten. Die Fische bevölkern Gewässer mit einem hohen Gehalt des hochgiftigen Schwefelwasserstoffs. Die Studie ist kürzlich online im Fachjournal „Molecular Ecology“ erschienen.

Die kleinen Fische der Art Poecilia mexicana sind ein Beleg für eine große Theorie. © Pfenninger

Schwefelwasserstoff (H2S) ist ein giftiges und übel riechendes Gas, das für den charakteristischen Gestank fauler Eier sorgt und schon in geringen Konzentrationen tödlich sein kann. In den Quellgewässern vulkanischen Ursprungs Tacotalpa und Puyacatengo in Mexiko liegen die Konzentration von Schwefelwasserstoff bei bis zu 190 Mikromol.

Dennoch sind diese Gewässer besiedelt: „Der Atlantik-Kärpfling (Poecilia mexicana) konnte diesen – eigentlich tödlichen – Lebensraum durch eine Veränderung seines Erbgutes für sich beanspruchen“, erklärt Prof. Dr. Markus Pfenninger vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und ergänzt: „Wir haben die Genome von zwei unabhängig voneinander entstandenen Populationen der Süßwasserfische und deren Anpassung an die hochgiftigen Schwefelwasserstoffhabitate analysiert“, erläutert er.

Dabei hatte das internationale Team rund um den Frankfurter Wissenschafter nicht weniger als die Klärung einer der großen Fragen in der Evolutionsforschung im Sinn: Ist die Entwicklung des Lebens zu einem gewissen Grad vorhersagbar oder purer Zufall?

„Unsere Ergebnisse stützen sehr stark die Kontingenztheorie, welche besagt, dass der Weg, den das heutige Leben auf der Erde genommen hat, überwiegend durch Zufälle bestimmt wurde und nicht zwangläufig wieder so verlaufen würde, wenn man die Erdgeschichte ‚zurückspulen‘ würde“, legt Pfenninger dar. Die beiden an die schwefelwasserstoffhaltigen Gewässer angepassten Fischpopulationen ähneln sich zwar in ihrem Aussehen und ihrer Ökologie sehr stark, haben aber eine komplett unterschiedliche DNA-Basis. Der Evolutionsforscher erläutert: „Die Anpassung an den Lebensraum hat sich – durch jeweils andere Mutationen des Erbgutes – unabhängig voneinander entwickelt. Die Fähigkeit diesen Lebensraum zu besiedeln, ist demnach kein ableitbares Merkmal dieser Art, sondern jeweils eine einzigartige Anpassung. Die Fische hatten die ‚Wahl‘: Anpassen oder Sterben. Wären die Umstände andere gewesen, hätten sich die Fische auch anders entwickelt.“

Vertreter der Gegenhypothese – der Konvergenztheorie – gehen davon aus, dass bestimmte evolutionäre Entwicklungen, wie beispielsweise Flügel oder Intelligenz, zwangsläufig im Laufe der Evolution auftreten mussten. Dabei gehen sie davon aus, dass man aus bestimmten Anfangsbedingungen auch den „Ausgang“ der Evolution vorsagen kann.

„Oberflächlich betrachtet ähneln sich die Atlantik-Kärpflinge sehr. Wir haben mit verschiedenen genetischen Methoden aber gezeigt, dass die Atlantik-Kärpflinge sich immer mehr unterscheiden, je tiefer in deren Erbgut geschaut wird“, fasst Pfenninger zusammen.

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Mein Verständnis des Artikels, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich alles genau verstanden habe, weil mir a) einerseits die genetischen und biologischen Verständnismittel fehlen, andererseits b) sprachphilosophisch Welten zwischen biologischer und transzendentaler Erklärung eines Vorganges liegen, also mein Verständnis geht dahin: Durch die erzwungene Anpassung an das unwirtliche Habitat haben die zwei Populationen von Kärpflingen jeweils eine verschiedene DNA-Basis entwickelt, was anscheinend die Deutung zulässt, dass die Mutation in den Genen  höchst zufällig verlaufen ist. („Kontingenztheorie“ wird das genannt, was immer jetzt das genau besagen mag.)  

Aber was wird hier wissenschaftlich wirklich ausgesagt? Erlaubt die Verschiedenheit der Gencodierungen schon die Bezeichnung „Zufall“ als Erklärung? Auf der Ebene eines empirischen Denkens ist es eine Frage der Klassifizierung, was ich als Substanz und in notwendiger Entgegensetzung als Akzidens festsetze. Wollen die Natur-Wissenschafter jetzt als definitorische Basis einer Substanz die Gene selbst ansehen, während die Umweltfaktoren akzidentiell sind? Möchten sie die Gene irgendwie vitalistisch und wesenhaft begnaden, um daraus die verschiedenen Gencodierungen zu begreifen?  Das wohl nicht, eher umgekehrt:  Da die Umweltfaktoren die Gen-Substanz verändern, bewirken sie offensichtlich diesen „evolutionären“ Prozess in den Genen der zweiten, widerstandsfähigen Kärpflingsart. Jene sind substantiell, die  Kärpflinge akzidentiell in ihrer Genbasis. Also sind die Kärpflinge insgesamt das Wirk-Produkt der Umweltfaktoren und das evolutionäre Produkt eines Zufalls. Der Genpool des vorher substantiell gedachten Kärpflings – und irgendwie muss eine substantielle Basis modal gedacht werden, weil man zwei Kärpflingsarten miteinander vergleicht –    wird im nachhinein und stillschweigend annulliert, denn eigentlich substantiell entscheidend für das Wesen eines „Kärpflings“ sind doch die Umweltbedingungen,  die dessen Genbasis veränderten.  Ergo ist das Wesen eines Kärpflings zuvor nur irrtümlich als eigene Gattung angesehen worden. Belehrt durch die wie immer gearteten, feststellbaren Veränderungen (durch Messungen, Abfragen?) in der Gen-Codierung, kann man eigentlich nur mehr provisorisch von einem Wesen eines Kärpflings sprechen. Wenn die Evolution so weitergeht, so wird man eine substantielle Verwandtschaft in den Arten gar nicht mehr erkennen können, und man greift zu einer anderen, wiederum aber nur provisorischen Klassifikation einer Substanz „Kärpfling“.    

Die zeitliche Vermittlung und Feststellbarkeit einer Veränderung zwischen zwei Erscheinungen (die Kärpflinge A und die Kärpflinge B)  lässt aber nach D. Hume kein propter hoc (keine Erklärung) zu,  sondern nur ein post hoc.   Die Veränderungen werden  in der Zeit festgestellt, sind aber nicht bewirkt durch die Zeit, als liefe im Hintergrund ein evolutionäres Softwareprogramm. Wie kann ich sagen, „zufällig“, im Laufe der Zeit, seien  die Veränderungen eingetreten, wenn ich nach natur-kausaler Gesetzlichkeit alles notwendig erklären müsste?   Wir stellen Veränderungen in der Zeit fest, sicher, hier auf der Genbasis, aber sind diese Veränderungen „zufällig“?   Ein „Zufall“ mag das Erklärungsbedürfnis der Veränderung vorschnell befriedigen, aber das ist nur  eine frei gewählte, willkürlich gedachte, modale Vorstellung einer Erklärung. (Eine naturkausale Erklärung ist natürlich genauso nur erscheinungsweise, nicht an sich.) 

Ich halte es durchaus für möglich, dass genetische Mutationen  kausal nicht nachvollziehbar und keiner empirischen Prüfung zugänglich sind, das möchte ich niemanden vorwerfen. Und wenn sie natur-kausal erklärbar wären, würde das einen zeitgläubigen Evolutionisten überzeugen, der eine zielgerichtete Wirkursache oder eine gleichbleibende Substanz anzunehmen ablehnt, weil er die Veränderungen ja durch einen „zufälligen“, akzidentiellen, „evolutionären“ Prozess lieber bewirkt sehen will? Es kann für einen „gläubigen“ Evolutionisten keinen teleonomischen,  geschweige teleologischen Plan hinter den Veränderungen geben, denn man greift zur leichtesten Erklärung aller Erklärungen: zum Zufall.  Trotzdem ist mir das Zugeständnis der Nicht-Erklärbarkeit einer Veränderung lieber  als der „Lückenbüßer-Gott“ (W. Borchert)  des Zufalls! 

Das Wort „Zufall“ ist höchst mehrdeutig und widersprüchlich: Wenn alles zufällig wäre, könnte dieses „zufällig“ gerade nicht verstanden werden. Es gäbe keine Theorie zur Natur oder zur Gesellschaft, zur Empirie oder zur Geschichte,  denn es gibt ja dann kein unwandelbares Wesen und Wissen mehr, keine substantielle Basis wissenschaftliche Allgemeinaussagen oder Wahrscheinlichkeiten über die wechselnden Zustände und Erfahrungen. Wenn alles „zufällig“ wäre, gäbe es keine Zufälligkeiten mehr!  Wenn „alles“  Zufall wäre, auch die modalen Denkbestimmungen (notwendig, wirklich, möglich, unmöglich, zufällig)  könnte die Verschiedenheit zweier verschiedener DNA-Basen bei phänotypisch gleich aussehenden Kärpflingen gerade nicht gedacht werden, weil ja die modal vorauszusetzende notwendige Allgemeinheit einer Kärpflingsart eine Täuschung wäre. Nur behelfsmäßig sprechen wir von einer Gattung der Kärpflinge und von zwei Kärpflingsarten, phänotypisch erscheint es so, aber dem Wesen nach sind die Kärpflinge inzwischen evolutionär verschieden geworden, weil sich deren Gencodierung  geändert hat.  Der „zufälligen“ Evolution kommt letztlich die Definitionsvollmacht aller Arten und Gattungsbestimmungen  zu, nicht dem erkennenden Handeln der Vernunft und den  Vorstellungen der streng gebundenen Einbildungskraft. Dass dem „Zufall“ dann das evolutionär „zufällig“ ebenfalls anheimfällt, wird es ebenfalls „zufällig“ vergessen?  

Es ist eine transzendentale, platonische Wahrheit: Das apriorische Vorwissen ist Bedingung der Möglichkeit eines bestimmten, differentiellen Wissens, d. h. hier, das apriorische Vorwissen einer Gattung ist Abgrenzungsbedingung zu anderen Gattungen. Im konkreten Fall und bei diesen Beobachtungsbedingungen: Wenn  jetzt eine „zufällige“ Evolution in den Gentypen der Kärpflinge aufgetreten ist,  muss doch (apriorisch) die substantielle Vergleichsbasis von Kärpflingsart A und Kärpflingsart B zuerst gedacht werden, sonst könnte gar nicht verglichen und könnten die verschiedenartigen, genetischen Codierungen  gar nicht festgestellt werden!?  Das apriorische Vorwissen eines Kärpflings ist substantielle Basis späterer feststellbarer Veränderungen und späterer Feststellung von zwei Kärpflingsarten.  Wie kann aber plötzlich von einer naturkausalen Erklärungsart und Forschungsebene eines Wirkungszusammenhangs (von Umwelt und Gencodierung) auf eine andere Ebene gesprungen werden, nämlich auf eine hermeneutische Ebene einer reellen Deutung, dass in den Dingen (durch einen anonymen Prozess, durch unzählbare  Umweltfaktoren) der „Zufall“ wirkt, der einmal zu einem Kärpfling A und dann zu einem Kärpfling B führt?  Der naturkausale Unterscheidungs- und Beziehungsgrund der zwei Kärpflingsarten wird umgedeutet zu zwei  Kärpflingsarten, die jetzt gedacht wie real verschiedene sein sollen,  bewirkt durch einen anonymen Prozess. 

Aufgrund des platonischen Vorwissens tragen selbst die evolutionären Naturforscher die notwendigen Allgemeinheit einer Vergleichsbasis in sich, damit sie eine Unterscheidung und Verschiedenheit  feststellen können, springen aber dann auf eine zusätzliche, neue, hermeneutische Erklärungsebene auf, um den Vorstellungstrieb der Erklärung der Unterschiede und der Verschiedenheiten befriedigen zu  können.
Die genetischen  Veränderungen sind es, wie oben das Beispiel mit den  Kärpflingen im giftigen Habitat beweisen, die Zeugnis ablegen,  dass es keine feste, substantielle Struktur gibt, die zur Gattung der  Kärpflinge führt, sondern „zufällige“ Umwelteinflüsse, die diese genetischen Veränderungen bewirken.  Die Veränderungen und Anpassungen sind von außen bedingt,  auf Druck der materiellen Umwelt entstanden……….  Aber wo Druck, da auch Gegendruck? Wo bleibt die Anpassungsleistung des  lebenstüchtigen Kärpflings B selbst?

4) Von der „zufälligen“ Lektüre eines Chemikers andersherum belehrt, siehe, da werde ich in meinem Anspruch, dass es in Sachen Naturvorgänge nur natur-kausale Erklärungen geben kann, nicht hermeneutisch „zufällige“  Deutungen,  nicht enttäuscht.  Der Chemiker G. WÄCHTERSHÄUSER beschreibt im angegebenen Artikel in der Debatte der Bayerischen Akademie, die Möglichkeitsform, wie es zur Entstehung des Lebens gekommen sein könnte, und resümiert (Günter Wächtershäuser, Zur Debatte, 6/2015, S 12.) „Diese extreme Beschränkung der chemischen Möglichkeiten (sc. dass Leben entstehen kann) nach festen Gesetzen der Chemie führt uns zu einem überraschenden Schluss: Die Ursprungs-Evolution des Lebens ist chemisch einzigartig, vorbestimmt und gerichtet. Damit ist der Gang der frühen Evolution kein Ergebnis des Zufalls, sondern Folge eines ewigen, universellen Gesetzes der Chemie. (Hervorhebung von mir) “

Wenn ich auch nicht die Entstehung der Kohlenstoff-Fixierung verstehe, verstehe ich, dass eine naturale Erklärung nur nach notwendigen und wahrscheinlichen Gesetzmäßigkeiten verlaufen kann, wenn sie denn überhaupt eine naturwissenschaftlich befriedigende Erklärung sein soll. Das ist korrekt! Die Erklärung des Chemikers gibt wenigsten über seinen Standpunkt der Reflexion Auskunft: Es ist a) der Standpunkt der empirischen Beobachtung chemischer Gesetze und Synthese-Möglichkeiten – und da gibt es b) nachweisbar keine „zufälligen“ Erklärungen. Die Erklärung eines Stoffwechsels mit „Produkt-Katalysator-Kopplungen“ (siehe dortige Anm., ebd.) sind empirisch bestätigbar und sind höchst eingeschränkt und empirisch vorbestimmt und gerichtet.

Von den chemisch-physikalischen Gesetzen, die einzigartig und vorbestimmt und gerichtet das Leben entstehen lassen, zur 2. Stufe der genetischen Codierung zu kommen, verlangt wiederum eine anschauliche Einheit des Wissens, wenn auch die Entstehung und Weitergabe der Information in den funktionalen Proteinen und Genen äußerst kompliziert ist. Auch auf dieser 2. Stufe des Lebens und der genetischen Mechanismen – wohlgemerkt bereits im spezifischen Modus der vorausgesetzten sinnlichen Natur – kann es keinen „Zufall“ geben, denn dann käme es zu keinem Leben und zu keiner distributiven Einheit einer lebendigen Zelle.

„Die genetische Maschinerie zeigt sich uns somit als biochemischer Zufallsgenerator, erfunden vom Leben selbst zum Zwecke einer effizienteren Anpassung an die chemische Umwelt.“ (WÄCHTERSHÄUSER, ebd).

Der Chemiker verwendet hier notwendigerweise eine teleonomische Erklärung, um überhaupt eine Erklärung geben zu können: Warum funktioniert der „Zufallsgenerator“? Die aus der Vernunft selbst stammende Antwort kann wohl nur sein: Damit das Leben sich effizient anpassen und überleben kann. Apriorisch wird gesetzt und gewusst, was Leben meint: eine distributive Einheit eines Selbstzweckes, eine Selbstbegründung im Streben und im Trieb. In dieser zweckgesteuerten Einheit einer oder mehrerer lebendiger Zellen kann es keinen Zufall geben, weil sonst der Begriff Leben selbst hinfällig wäre.

Wie könnte ich  noch annehmen, dass ein organischer Zusammenhang und ein organisches Funktionieren in der lebendigen Natur plötzlich zufällig sein soll? Ich müsste den Begriff des Lebens völlig missverstehen! Ich müsste  abstrahieren vom funktionierenden System der ganzen Natur, müsste abstrahieren vom System einer einzelnen distributiven Einheit einer lebendigen Zelle und eines ganzen Zellverbandes und einer ganzen Organisationgruppe – ich müsste abstrahieren von jeder begriffenen Anschauung, bis überhaupt keine Lebenseinheit mehr besteht – dann sollte ich aus analysierten Eigenschaften, die zufällig sich einstellen, das Leben wieder zusammenbauen mittels evolutionären, zufälligen, zeitlichen Prozessen, die selbst nochmals zufällig sind? Der zeitliche Prozess, die „Evolution“,  haucht selber kein Leben in einen distributiven Zweck- und Triebzusammenhang ein, wenn es nicht schon vorher drinnen wäre.  

Der Chemiker schreibt bezeichnenderweise: „Es muss derzeit offen bleiben, ob und in welchem Maße diese Überleitung (sc. von den chemischen Grundelementen) zu einem indirekten Evolutionsmechanismus Produkt des Zufalls ist oder selbst wieder Folge der ewigen, universellen Gesetzes der Chemie.“ (ebd.)

Es ist mir einleuchtend, in einer naturkausalen Theorie der Fortentwicklung des Lebens nicht zu einer letzten Erklärung des Warums dieser Erklärung kommen zu können, weil der Zweckbegriff eine transzendentallogischer Begriff ist, der auf empirischer Ebene eine kantische Antinomie ergibt, deshalb sagt der selbstkritisch bleibende Naturwissenschafter und Chemiker es so,  „es muss offen bleiben….“. Er bekennt wenigstens seine Nicht-Erklärbarkeit, weil er nur auf empirische Basiselemente aufbauen und nicht auf realistisch genommene Abstraktionen Bezug nehmen will. Er redet nicht dem „Zufall“ das Wort.  

5) Das Wort „Zufall“ und der Gebrauch des „zufällig“ – wie kann diese Redeweise dem reflexiven Denken nach verstanden werden?

a) Die Redeweise kommt notwendig vor  im modalen Gebrauch des Denkens: Im existentiellen Denkvollzug werden verschiedene Modi gesetzt: Die Substanz wird als notwendig gedacht für ein Akzidenz, das im Gegensatz zur Substanz als zufällig bestimmt ist. Die Zufälligkeit der Akzidentien kann in weiterer Folge aber nur gedacht werden, weil bereits mehrere Akzidentien als Erscheinungen gegeneinander abgegrenzt werden. Das Bewusstsein muss qualitativ verschiedene Empfindungen haben, die durcheinander bestimmt werden können, damit Akzidentien von der Substanz abgehoben werden. Erst durch Akzidenzien entstehen Realitäten.
Wird das auf die Anschauungsform der Zeit umgelegt, so muss als Substanz die Dauer des Ichs  vorausgesetzt werden,
auf die die Akzidenzien der Veränderungen treffen. Für dieses wahrnehmende Ich, als Substanz gedacht, sind die Akzidentien (Hemmungen) zufällig. Wie möchte an sich, unabhängig vom Bewusstsein, ein „zufälliger “ Prozess erkannt werden? Nur In Beziehung auf das reflektierende Ich kann und darf semantisch korrekt von „zufällig“ gesprochen werden – und dann in einem abgeleiteten Sinne, dass Objekte angenommen werden, die als Substanz mit Akzidenzien in Verbindung gebracht werden. Soll es eine sinnlich mögliche Natur geben, so müssen apriorisch notwendige Denkinhalte angesetzt werden, Qualitäten, Verschiedenheiten, Kategorien, Reflexionsideen, und eben auch Substanzen mit zufällig wechselnden Realitäten. Wird Notwendiges und Zufälliges kategorial vereint, so ergibt sich die ontologische Bestimmung von möglich oder unmöglich.   

Im spezifischen Modus einer vorgestellten und verobjektivierten, sinnlichen Natur, will ich zu einem wirkursächlichen Zusammenhang und zu einer natur-wissenschaftlichen Erklärung kommen, müssen notwendig Substanzen und zufällige Akzidenzien aufeinander wirken. Sie wirken aber selbst  nicht „zufällig“ aufeinander. Ich kann diesen Zusammenhang oft nicht durchschauen, wie notwendig die Substanz von zufälligen Akzidenzien bestimmt ist, aber deshalb ist der ganze Wirkungszusammenhang nicht selber als „zufällig“ zu beurteilen, denn dann fände ich überhaupt keine Erklärung.  Nur in Beziehung und in der Vorstellung von Substanzen in plurali auf der Objektebene kann von notwendigen oder zufälligen oder möglichen oder unmöglichen Modalitätsbestimmungen gesprochen werden. Die „zufälligen“ Bestimmungen gelten notwendig, aber in der hier abgeleiteten, spezifischen Form des Vorgestelltseins und Vorgestelltwerdens, nicht metaphysisch, realistisch, wenn ich eine Substanz definieren will.  

Wir haben keinen Einblick in das „Ding an sich“ und dessen Substanz-Akzidenz-Eigenschaften – als bestünde ein Ursache-Wirkungsverhältnis.  Wir übertragen die Erfahrungskategorien als Denkkategorien (Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung), (ebenso die anderen Kategorien wie Qualität, Quantität, Modalität), schematisieren sie auf die Anschauungsformen von Zeit und Raum, und erstellen einen Erkenntnis – und Erklärungszusammenhang  in und aus dem Wissen, im Modus des Vorgestelltseins und Vorgestelltwerdens.  
Die Modalitätskategorien (notwendig, zufällig, möglich, unmöglich, wirklich) dienen zum Begreifen und Beschreiben der Objekte in plurali auf sinnlicher Ebene (bzw. auf der vorgestellten Objektebene des psychologischen Bewusstseins).  

Die Hemmungen, die auf das lebendige, substantielle Bewusstsein treffen,  erhalten durch das zeitliche Werden im Bewusstsein und durch dessen wirkliches Handeln und Wollen, das letztlich ein freies ist, notwendig! den  bezeichnenden Charakter der „zufälligen“ Hemmungen. Sie sind „zufällig“ auftretende Hemmungen für eine freie Selbstbestimmung in einem selbstbewussten Akt auf der Erscheinungsebene des realen Lebens, und sonst wären  sie keine „zufälligen“ Hemmungen.
Die als „zufällig“  apostrophierten Hemmungen sind damit nicht irrelevant oder lebenszufällig: Das unwirtliche Habitat wird dem Kärpfling B schon zugesetzt haben! Für das praktische Wollen und Handeln (im engeren Sinne) sind sie überlebens-notwendig und regulativ und  konstitutiv wichtig. Sie sind (durch Übertragung und Veräußerung) selbst Träger eines intentionalen Wertes. Durch die Schnittstelle meines Leibes (und der interpersonalen Aufforderung) bin ich anwendungsbedingt notwendig mit der sinnlichen (und interpersonalen) Welt verbunden. Ich  bin selber Teil dieser sinnlichen Natur, und kann existentiell gerade nicht die Welt und ihre Gesetze in ihr ausblenden und relativieren und als nebensächlich erklären. Von den denkbaren „Zufälligkeiten“ der mich umgebenden Natur hängt mein Leib und Leben ab. Ich interpretiere diese „Zufälligkeiten“ aber aus einem existentiellen Bedürfnis heraus, aus meinem freien, zweckgerichteten Denken und Leben heraus. Ich weiß um diese prekären „Zufälligkeiten“, aber deshalb sind sie nicht an sich „zufällig“, sondern höchst notwendige „Zufälligkeiten“.  

Zurück zum Kärpfling: Wie ich in meinem Wollen und Handeln die prästabilierte Aussenwelt leiblich (und letztlich transzendental notwendig aus dem universalen Lebensbegriff bzw. Vernunftbegriff)  einplane  – wobei ich mich manchmal in den Erklärungszusammenhängen irren kann – so muss ich das funktionierende Leben (eines Einzellers, Mehrzellers) analog ansehen, dass dieses  Leben notwendig die Aussenwelt „einplanen“ muss, um sich als Substanz im Umweltkampf zu behaupten. Dass die äußere Anpassung auch genetisch durchschlägt, wie beim Kärpfling B anscheinend festgestellt, kann ich irgendwie staunend feststellen, muss  dies aber als natur-kausal oder bio-chemisch notwendig ansehen, denn sonst wäre die distributive Selbstgesetzlichkeit des Lebens zugrunde gegangen. Darf ich für diese Selbstgesetzlichkeit und Naturgesetzlichkeiten des Lebens den „Zufall“ als Geltungsgrund heranziehen? Gerade der „Zufall“ oder die „Evolution“ kann hier nicht gelten, denn sonst wäre es zu gar keinem Leben und zu keiner Anpassung an die prekären, zufälligen Lebensumstände gekommen.  

c) Ich möchte über die Modalität des Denkens hinaus noch kurz zu einer  epistemologischen Herleitung des Wortes „zufällig“ kommen.  Ich verweise hier auf diverse Aufsätze von K. HAMMACHER (siehe Anmerkung). Der Begriff „Zufall“ kommt – wie alle kategorialen Bezeichnungen des Verstandes – aus dem praktischen Streben und dem praktischen Bedürfnis der Vernunft. Genau genommen entstammt er dem Bereich des Interpersonalverhältnisses und einer darin zu findenden Unterscheidung. Im Unterschied zu kausalmechanischen Prozessen in der sichtbaren Natur, in der wir Wirkung und Ursache in einem gleichen modalen Gesetz der Notwendigkeit synthetisieren, hinterlegen wir nämlich in einem freien Vernunftverhältnis von Person zu Person keine, oder sagen wir vorsichtiger, nicht nur, notwendige Determination, sondern eine Aufforderung und eine Absicht. Von der Aufforderung und der intentionalen Absicht müssen wir in der  Form der Erkenntnis eines anderen ausgehen, wodurch sich aber eine erkennbare Differenzierung auftut: Die Handlungen des anderen sind nicht so gleich möglich, wie wir die Geschehnisse in der übrigen sinnlichen Natur für möglich halten. Der andere/die andere  könnte sich auch zufällig anders verhalten. Hier vergeben wir die Auszeichnung „zufällig“ epistemisch korrekt. Der andere handelt zufällig so, weil die Handlung ja unableitbar in seiner Freiheit allein begründet ist. (Würde er evolutionär so handeln, würde man nicht sagen, er handelt zufällig so, sondern natur-kausal bedingt.)
Der gut angepasste Kärpfling B in seinem unwirtlichen Biotop ist nicht zufällig so geworden, selbst mit genetischen Veränderungen, sondern teleonomisch, zielgerichtet, notwendig so geworden, sonst könnte er nicht durch das Wasser schwimmen, selbstbewegend, wie sich versteht!  

© fr.strasser@eduhi.at. 26. 11. 2015

Literatur: REINHARD LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984.
GÜNTER WÄCHTERHÄUSER, Zur Debatte, 6/2015, S 12.
KLAUS HAMMACHER, Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte (= Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7), Amsterdam, Atlanta, 1996.
GERHARD SCHURZ, Evolution in Natur und Kultur, 2013.
http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution
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1 Gerhard Schurz, Evolution in Natur und Kultur, 2013.