Zum Begriff des Transzendentalen – 1. Teil

Platon, Glyptothek München

1) Unter dem Begriff des Transzendentalen schwirrt alles Mögliche an Meinungen und Ansichten herum, sodass ich mich selber auf die Suche gemacht habe, wie ich diesen Begriff adäquat definieren möchte. Eine bloße Worterklärung oder philosophiehistorische Auskunft hilft uns hier nicht weiter, weil ja gerade nicht eine zufällige, willkürliche oder zeitabhängige Definition gesucht werden soll – was dann keine Definition mehr wäre, sondern nur Konvention, Willkür – , sondern die Idee des Wortes „transzendental“ bzw. als Substantiv ausgedrückt, das Transzendentale, soll in seinem wahrem Wesen, d. h. dem Begriffe nach, eingesehen werden. Gibt es einen wahrhaften und entsprechend wirklich zu rechtfertigenden Begriff des Transzendentalen und seines Wissens? Es betrifft diese Frage die Hauptfragen der Metaphysik, angefangen von der Antike bis zur Neuzeit, ferner auch die Hauptfragen einer Analytischen Philosophie oder einer Sprachphilosophie oder anderer strukturellen Ansätze, die für sich oft den Anspruch einer „transzendentalen“ Erklärungsart oder eines „transzendentalen“ Wissens erheben, indem sie von unhintergehbaren Bedingungen wie dem Selbstbewusstsein, der Sprache oder anderer hermeneutischen Bedingungen ausgehen, die quasi „selbstredend“, intuitiv, rechtmäßig, öffentlich, diskursiv, „logisch“, mit einem Wort, reflexiv bewusst gemacht werden können. Diesen Anspruch können m. E. aber alle empirischen Wissenschaften, alle formalen Anschauungen der Mathematik, alle hermeneutischen Wissenschaften, alle sprachlichen  und subjektorientierten Wissenschaften, nicht rechtfertigen. Denn „transzendental“ ist eine Bedingung, die in sich, aus sich, durch sich,  selbstbegründend einleuchtet und intelligiert werden kann. „Transzendental“ kann letztlich nur eine Einsicht in den Wahrheits- und Geltungsgrund des Absoluten sein, wie er genetisch als Wissen (Fichte sagt „absolutes Wissen“ an der entsprechenden Stelle der Ableitung in der WL 1801/02)  sich konstituiert, und die WL ist genau diese Mitte und Explikation des Wahrheits- und Geltungsgrundes, die Mitte zwischen hervorgehendem und in sich geschlossenem Wissen (Bilden). Es ist prinzipielles, systematische Wissen, das notwendig zugleich offenes Wissen sein muss, weil aus Gründen des freien Reflektierens und Wollens der Gegensatz des Seins unableitbar bleibt. Die WL reflektiert den eigenen Wissensstandpunkt als ein genetischen Hervorgehens seiner selbst (als Selbstbewusstsein im Bewusstsein aus dem Wahrheits- und Geltungsgrund), und ist dementsprechend aber schon faktisches Wissen, getrennt in Denken und Sein. Erkenntnis und Gewissheit des Absoluten und daraus und damit Erkenntnis der Erkenntnis der Phänomene, beides zusammen  macht die WL aus. 

Natürlich nimmt man in den Anfangsbestimmungen gleich wichtige Entscheidungen vorweg, aber um einsteigen zu können, definiere ich vorläufig und ganz allgemein das Transzendentale und das dieses spezifizierende transzendentale Wissen als apriorisches Vorwissen, das jeder Mensch kraft Vernunft in seinem Vernunftvollzug realisiert – und theoretisch-praktisch alle Wissensbereiche des Fühlens, Wollens, Handelns und Vorstellen umfasst. Dieses apriorische Vorwissen entspringt genetisch aus dem Wahrheits- und Geltungsgrund der Wahrheit – und dieses Wissen (Bilden) zu reflektieren und selbst zu thematisieren in Objekt- und Subjektwissen, das ist die Transzendentalphilosophie nach Fichte. Diese Selbsthematisierung des Wissens ist immer wieder in der Geschichte aufgefallen – und deshalb können viele Philosophen zu dieser Selbstreflexion des Wissens gezählt werden: PLATON, PLOTIN, ANSELM, DESCARTES, KANT und FICHTE. (Noch zu Fichtes Zeit kam mit Schelling und Hegel leider der Abfall von der transzendentalen Selbstreflexion. Das Absolute wurde selbst Gegenstand einer „Identitätsphilosophie“, worunter aber nichts anderes zu verstehen ist als Gegenstand einer relativen Reflexion.)  

2) PLATON entwickelt in vielen Dialogen und Gleichnisse dieses apriorische Vorwissen. Am schönsten vielleicht in der „Politeia“ 509 b, wo er klar die Idee des Guten als Bedingung der Möglichkeit der Erkennbarkeit der Wahrheit und des Erkenntnisvermögens, mithin auch als Bedingung der Möglichkeit des Wissens überhaupt, beschreibt. Ehe ich anderes Wissen oder endliches Wissen (oder Bilder des Wissens) haben kann, muss ich zuerst schon das Wissen des Vollkommenen haben. Ähnlich dann auch DESCARTES mit seinem „cogito, ergo Deus est.“ Die unbedingte Erkenntnis ist die Abgrenzungsbedingung jeder bedingten Erkenntnis.

Dieses also, was dem Erkannten Wahrheit und dem Erkennenden das Vermögen (sc. zu erkennen) verleiht, sage, sei die Idee des Guten. Aber bedenke, dass sie (sc. die Idee des Guten) von Erkenntnis und Wahrheit, sofern diese erkannt wird, zwar Ursache ist, so wirst du doch, so schön auch diese beiden, Erkenntnis und Wahrheit, sind, nur richtig von diesem (sc. dem Guten) denken, wenn du es für etwas anderes und noch Schöneres hältst als diese beiden (sc. Erkenntnis und Wahrheit). Wie dort (sc. im Bereich des Sichtbaren) das Licht und das Sehvermögen für sonnenartig zu halten zwar richtig ist, für die Sonne selbst zu halten, aber nicht richtig ist, so ist es auch hier (sc. im Bereich des rein geistig Erkennbaren) zwar richtig, diese beiden, die Erkenntnis und die Wahrheit, für gutartig zu halten, nicht aber ist es richtig, welches von beiden auch immer für das Gute selbst zu halten, sondern noch höher ist die Beschaffenheit des Guten einzuschätzen.“ (Platon, Polit., 508e1 – 509a5).

Im Klartext gesprochen und mit PLATON seit 2500 Jahre nachgesprochen und nachvollzogen:1 die unausgedehnte und auch zeitlose Einheit, in der die verschiedenen Disjunktionen von Idealität und Realität, von Denken und Sein,  als bereits möglich denkbare und erkennbare Teilrealisierungen dieser vollkommenen Einheit eingesehen werden können, mithin eine Einheit von Wahrheit (Einheit von Denken und Sein im absoluten Sinne: es ist, wie es sich weiß, und es weiß sich, wie es ist)  und Gutsein (Einheit von Anspruch und Erfüllung: es will, was es soll, und soll, was es will)  – das ist das Transzendentale schlechthin, wodurch alles Wissen und Teilrealisationen dieses Wissens (als Vorgestelltes, besser als Gebildetes) in ihrer systematischen Einheit ermöglicht sind.  

PLATON hat diese Einheit  –  nennen wir sie disjunktionslose Wahrheit – bereits genial und metaphorisch umschrieben. Man beachte nämlich dabei die Schwierigkeit: Setzt nicht jeder Bestimmung eine Differenz und Disjunktion voraus? Wie sollten dann die Möglichkeitsbedingungen der Bestimmbarkeit einer disjunktionslosen Wahrheit, die Bestimmbarkeit eines relationslosen Absoluten, formal bestimmt werden? SCHELLING und HEGEL haben das Problem nicht einmal gesehen – und mit ihnen viele Leute bis heute, die unbedarft über das Absolute spekulieren oder im Selbstwiderspruch ein Absolutes ablehnen. Platon hat es genial so ausgedrückt, dass er metaphorisch meinte, die Idee des Guten sei „noch höher“ als eine bloß reflexiv bestimmte Wahrheit zu schätzen. Siehe Sonnengleichnis des 6. Buches der „Politeia“. Es ist die Idee des Guten, die „über das Sein an Würde und Kraft hinausragt“ („all‘ eti epekeina tes ousias“) 509b.  
[e] „Jene Kraft also, die den Objekten des Denkens die Wahrheit und dem erkennenden Subjekt die Kraft des Erkennens gibt, bestimme als die Idee des Guten. Zwar wird sie, die Ursache des Erkennens und der Wahrheit, durch den Verstand erkannt, aber – wiewohl diese beiden, nämlich Wahrheit und Erkenntnis, schön sind – so wirst du dennoch das Rechte treffen, wenn du die Idee des Guten für etwas anderes und für noch schöner hältst als diese beiden. [509a] Wie du dort Licht und Sehkraft mit Recht für sonnenähnlich, nicht aber für die Sonne hältst, so tust du hier gut, Erkenntnis und Wahrheit für ‚gutähnlich’, nicht aber – ob das eine oder das andere – für das Gute zu halten; höher noch zu schätzen ist – seinem Wesen nach – das Gute.

Es muss eine Einheit gesucht und gefunden werden können, die relationslose Einheit ist, die aber alle weiteren Relationen und Disjunktivitäten und gegensätzlichen Denkbestimmungen als solche in ihre Denkbarkeit und Wissbarkeit entlässt kraft des Lichtes und kraft des ichhaften Sehens. Ohne diese relationslose Einheit bliebe man ewig in realistischen oder idealistischen  Teilverabsolutierungen des Wissensaktes befangen, und umgekehrt: Ohne Öffnung dieser Einheit zu einer reflexiven, begrifflichen Einheit hin (im Existentialakt, in der Sichtbarkeit überhaupt, in der Erscheinung)  bliebe das Wissen ein leerer Begriff. Die disjunktionslose Wahrheit muss Einheitspunkt wie Disjunktionspunkt des Wissens gleichzeitig sein: Analytische und synthetische Einheit des Denkens.

Diese Einheit kann nicht bloß regulativ zurück erschlossen und dann als Begriff  supponiert werden, wie es die diskursiv verfahrende Vernunft in ihren Schlüssen auf die unbedingte Bedingung alles Bedingten notwendig tut – und wie KANT meint, diesem dialektischen Schein kritisch beigekommen zu sein.2 Es bleibt aber bei KANT der Begriff „regulative Idee“  kritisch zu hinterfragen, denn wie könnte ein endlicher Verstand so eine „regulative“ Idee trotzdem fassen? 

Diese schwierige Frage kann ich hier in einem Blog nicht weiter ausführen: Die Einheit muss vorlaufende Bedingung jeder weiteren Reflexionsidentität sein, ohne selbst wieder von dieser ihr folgenden Reflexionsidentität als deren Gegensatz gefasst zu sein. Das wäre wieder nur gedachte  Einheit als gedachte Andersheit. (Es ist das Grundproblem jeder Differenzphilosophie, Grundfehler bei den Identitätsphilosophen). 

PLATON sah klar diese apriorische Idee der Einheit des Wissens, diese Idee des Guten, die allen hermeneutischen Zirkelerwägungen vorausgehen muss und doch allem erst Bedeutung schenkt.
Logisch konnte aber PLATON diese Einheit nur theoretisch und abstrakt fassen, weil er die biblische Offenbarung nicht kannte. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Er schuf als Pendant zum biblischen Wissen vom Ein-Gott-Glauben  das reflexive Begriffsinstrumentarium, wie die Einheit gedacht werden muss.  

Was er nicht sah, dass in der „jenseits des Seins“  liegenden disjunktionslosen Idee des Guten (des qualitativen Totalitätsallgemeinen, der disjunktionslosen Wahrheit) eine Ur-Erscheinung des Absoluten als deklarierte Offenbarung vorausgesetzt werden muss, zu der komplimentär nochmals eine positive Offenbarung vorausgesetzt werden muss, damit sowohl apriorisch wie geschichtlich-konkret das Wissen (Bilden) sich vollziehen kann.

Die durchaus in der Ideenlehre zu findende virtuelle Totalität der Vernunfteinheit und zu realisierende Idee der Wahrheit und des Guten (man lese z. B. den „Sophistes“ und seiner Umsetzung der konkreten Seinsbestimmungen im Seienden) bedarf bereits einer relationslos vorauszusetzenden Offenbarung Gottes, wodurch und womit in Teilrealisationen – mit und durch Freiheit im individuellen Reflexionsakt – das Wissen vollendet werde kann. Beides zusammengenommen, platonische Vernunftwahrheit und biblische Offenbarungswahrheit, ergeben die  Einheit einer sich im Selbstbewusstsein und in Reflexionsform – was dann zeitliche Realisation bedeutet – geschlossenen wie eröffneten Einheit des Wissens. Die sich zeigende Erscheinung (Offenbarung) Gottes ist die apriorische Vernunftoffenbarung,  die zu Bedingungen der Freiheit eine reflexiv eröffnete positive Offenbarung in einer Aufruf-Antwort-Einheit und in geschichtlicher Realisation ist.   Die apriorische wie positive Offenbarung – was vom Denken wie appositionellen Bilden her gesehen natürlich nur eine Offenbarung ist – das ist das eine und ganze Transzendentale des Wissens. Immer schon eröffnet zur Vernunft hin, geschichtlich geschlossen in der realisierten, einmaligen Erlösung und Satisfaktion  durch den Gott-Menschen JESUS CHRISTUS, durch den der Gesamtzweck virtualiter, im Glauben, eingesehen werden kann.

Die vernunftgemäße Realisation des Glaubensinhaltes erfolgt in zeitlichen Schritten, die Einsicht selbst bleibt unwandelbares Wissen, der oben beschriebene Wahrheits- und Geltungsgrund. In der Terminologie des Bildens, ab der WL 1804/1 von Fichte verwendet, kommt dieses zugleich geschlossene wie offene System des Wissens deutlich zur Sprache – und in diversen Blogs gehe ich dann darauf ein.
Das Bilden im Gesamtzweck soll idealiter weiterführen, was in genetischer Einsicht allem Bilden schon realiter zugrunde liegt.  

(c) 29. 10. 2015, Dr. Franz Strasser
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1MARKUS ENDERS beschreibt in: zur debatte, 1/2010, S 18-20, die Bedeutung der Seinsbestimmtheit der Ideen, d. h. was Wahrheit und Erkennbarkeit der Wahrheit heißen kann. Wie schon bei Parmenides selbst und in der von ihm begründeten Philosophenschule der Eleaten fungiert Wahrheit bei Platon „als Inbegriff der erkennbaren, geistig fassbaren Wirklichkeit“ (J. Szaif, Art. Wahrheit, I. Antike, A. Anfänge bis Hellenismus, in: HWPH, Bd. 12, Sp. 49). Erkennbar gemäß der auf Parmenides zurückgehenden platonischen Bedeutung von Erkennen (νοεῖν), das ein sicheres Erfassen und definitorisches Bestimmen des Wesensgehalts eines Gegenstandes bedeutet, sind nach Platon nur die Ideen, d. h. die allgemeinen, transzendenten, immateriellen Wesenheiten aller geistig und aller sinnlich erscheinenden Entitäten. Dabei kommt den Ideen Seinswahrheit auf Grund ihrer Unvermischtheit, d. h. ihres Ausschließens des Konträren, und auf Grund ihrer Urbildhaftigkeit zu, in der ihre Normativität für die Beurteilung der Einzelfälle im sinnenfälligen Bereich begründet liegt (hierzu vgl. genauer J. Szaif, art. cit., Sp. 50). (…)

2In der KpV ist es ziemlich zu Beginn auf der Suche nach einem formalen Unbedingten so ausgedrückt: „Die reine Vernunft hat jederzeit ihre Dialektik, man mag sie in ihrem speculativen oder praktischen Gebrauche betrachten; denn sie verlangt die absolute Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, und diese kann schlechterdings nur in Dingen an sich selbst angetroffen werden. Da aber alle Begriffe der Dinge auf Anschauungen bezogen werden müssen, welche bei uns Menschen niemals anders als sinnlich sein können, mithin die Gegenstände nicht als Dinge an sich selbst, sondern bloß als Erscheinungen erkennen lassen, in deren Reihe des Bedingten und der Bedingungen das Unbedingte niemals angetroffen werden kann, so entspringt ein unvermeidlicher Schein aus der Anwendung dieser Vernunftidee der Totalität der Bedingungen (mithin des Unbedingten) auf Erscheinungen, als wären sie Sachen an sich selbst (…)“ (KpV V 107)

Ich lese kaum etwas von der Analytischen Philosophie, aber bei der wenigen Lektüre ist mir öfter diese Argumentation als „transzendentales Argument“ untergekommen. Man versteht darunter die notwendig erschlossene Möglichkeitsbedingungen zu einer logischen oder empirischen Tatsache, die andernfalls nicht denkbar  wäre. Das ist aber nur ein reduktiv gewonnenes Argument und erreicht nicht die Begründungsebene eines PLATON.