Zum Begriff des Transzendentalen – 1. Teil

Platon, Glyptothek München

1) Unter dem Begriff des Transzendentalen schwirrt alles Mögliche an Meinungen und Ansichten herum, sodass ich mich selber auf die Suche gemacht habe, wie ich diesen Begriff adäquat definieren möchte. Eine bloße Worterklärung oder philosophiehistorische Auskunft hilft uns hier nicht weiter, weil ja gerade nicht eine zufällige, willkürliche oder zeitabhängige „Definition“ gesucht werden soll – was dann keine Definition mehr wäre, sondern nur Konvention, Willkür – , sondern die Idee des Wortes „transzendental“ bzw. als Substantiv ausgedrückt, das Transzendentale, soll in seinem wahrem Wesen, d. h. dem Begriffe nach, eingesehen werden. Gibt es einen wahrhaften und entsprechend wirklich zu rechtfertigenden Begriff des Transzendentalen und seines Wissens? Es betrifft diese Frage die Hauptfragen der Metaphysik, angefangen von der Antike bis zur Neuzeit, ferner auch die Hauptfragen einer Analytischen Philosophie oder einer Sprachphilosophie oder anderer strukturellen Ansätze, die für sich oft den Anspruch einer „transzendentalen“ Erklärungsart oder eines „transzendentalen“ Wissens erheben, indem sie von unhintergehbaren Bedingungen wie der Sprache oder anderer hermeneutischen Bedingungen ausgehen, die quasi „selbstredend“, intuitiv, rechtmäßig, öffentlich, diskursiv, „logisch“, mit einem Wort, reflexiv bewusst sind. Diesen Anspruch können aber alle empirischen Wissenschaften, alle formalen Anschauungen der Mathematik, alle logischen Prinzipien, alle hermeneutischen Wissenschaften (m. E.) nicht rechtfertigen. Denn letztlich sollte eine Bedingung in sich, aus sich, durch sich,  selbstbegründend einleuchten – und das ist wohl ohne dem Absoluten nicht möglich.  

Natürlich nimmt man in den Anfangsbestimmungen gleich wichtige Entscheidungen vorweg, aber um einsteigen zu können, definiere ich vorläufig und ganz allgemein das Transzendentale und das dieses spezifizierende transzendentale Wissen als apriorisches Vorwissen, das jeder Mensch kraft Vernunft in seinem Vernunftvollzug realisiert – und eigentlich alles Wissensbereiche des Fühlens, Wollens, Handelns und Vorstellen umfasst.  Ich fühle mich hier ganz der Tradition verpflichtet, wie sie PLATON, PLOTIN, ANSELM, DESCARTES, KANT und FICHTE als Hauptakteure meines Denkens vorgegeben haben.

2) PLATON entwickelt in vielen Dialogen und Gleichnisse dieses apriorische Vorwissen. Am schönsten vielleicht in der „Politeia“ 509 b, wo er klar die Idee des Guten als Bedingung der Möglichkeit der Erkennbarkeit der Wahrheit und des Erkenntnisvermögens, mithin auch als Bedingung der Möglichkeit des Wissens überhaupt, beschreibt. Ehe ich anderes Wissen oder endliches Wissen (oder Bilder des Wissens) haben kann, muss ich zuerst schon das Wissen des Vollkommenen haben. Ähnlich dann auch DESCARTES mit seinem „cogito, ergo Deus est.“ Die unbedingte Erkenntnis ist die Abgrenzungsbedingung jeder bedingten Erkenntnis.

Dieses also, was dem Erkannten Wahrheit und dem Erkennenden das Vermögen (sc. zu erkennen) verleiht, sage, sei die Idee des Guten. Aber bedenke, dass sie (sc. die Idee des Guten) von Erkenntnis und Wahrheit, sofern diese erkannt wird, zwar Ursache ist, so wirst du doch, so schön auch diese beiden, Erkenntnis und Wahrheit, sind, nur richtig von diesem (sc. dem Guten) denken, wenn du es für etwas anderes und noch Schöneres hältst als diese beiden (sc. Erkenntnis und Wahrheit). Wie dort (sc. im Bereich des Sichtbaren) das Licht und das Sehvermögen für sonnenartig zu halten zwar richtig ist, für die Sonne selbst zu halten, aber nicht richtig ist, so ist es auch hier (sc. im Bereich des rein geistig Erkennbaren) zwar richtig, diese beiden, die Erkenntnis und die Wahrheit, für gutartig zu halten, nicht aber ist es richtig, welches von beiden auch immer für das Gute selbst zu halten, sondern noch höher ist die Beschaffenheit des Guten einzuschätzen.“ (Platon, Polit., 508e1 – 509a5).

Im Klartext gesprochen und mit PLATON seit 2500 Jahre nachgesprochen und nachvollzogen:1 die unausgedehnte und auch zeitlose Einheit, in der die verschiedenen Disjunktionen von Idealität und Realität, von Denken und Sein,  als bereits möglich denkbare und erkennbare Teilrealisierungen dieser vollkommenen Einheit eingesehen werden können, mithin eine Einheit von Wahrheit (Einheit von Denken und Sein im absoluten Sinne: es ist, wie es sich weiß, und es weiß sich, wie es ist)  und Gutheit (Einheit von Anspruch und Erfüllung: es will, was es soll, und soll, was es will)  – das ist das Transzendentale schlechthin, wodurch alles Wissen und Teilrealisationen dieses Wissens (als Vorstellen, Wollen, Handeln) in ihrer systematischen Einheit ermöglicht sind.  

PLATON hat diese Einheit  –  nennen wir sie einmal, etwas prekär ausgedrückt, disjunktionslose Wahrheit – bereits genial und metaphorisch umschrieben. Man beachte die Schwierigkeit: Setzt nicht jeder Bestimmung eine Differenz und Disjunktion voraus? Wie sollten dann die Möglichkeitsbedingungen der Bestimmbarkeit einer disjunktionslosen Wahrheit, die Bestimmbarkeit eines relationslosen Absoluten, formal bestimmt werden? SCHELLING und HEGEL haben das Problem nicht einmal gesehen – und mit ihnen viele Leute bis heute, die unbedarft über das Absolute spekulieren oder ebenfalls im Selbstwiderspruch ein Absolutes ablehnen. Platon hat es genial so ausgedrückt, dass er metaphorisch meinte, die Idee des Guten sei „noch höher“ als eine bloß reflexiv bestimmte Wahrheit zu schätzen. Siehe Sonnengleichnis des 6. Buches der „Politeia“. Es ist die Idee des Guten, die „über das Sein an Würde und Kraft hinausragt“ („all‘ eti epekeina tes ousias“) 509b.  
[e] „Jene Kraft also, die den Objekten des Denkens die Wahrheit und dem erkennenden Subjekt die Kraft des Erkennens gibt, bestimme als die Idee des Guten. Zwar wird sie, die Ursache des Erkennens und der Wahrheit, durch den Verstand erkannt, aber – wiewohl diese beiden, nämlich Wahrheit und Erkenntnis, schön sind – so wirst du dennoch das Rechte treffen, wenn du die Idee des Guten für etwas anderes und für noch schöner hältst als diese beiden. [509a] Wie du dort Licht und Sehkraft mit Recht für sonnenähnlich, nicht aber für die Sonne hältst, so tust du hier gut, Erkenntnis und Wahrheit für ‚gutähnlich’, nicht aber – ob das eine oder das andere – für das Gute zu halten; höher noch zu schätzen ist – seinem Wesen nach – das Gute.

Es muss eine Einheit gesucht und gefunden werden können, die relationslose Einheit ist, die aber alle weiteren Relationen und Disjunktivitäten und gegensätzlichen Denkbestimmungen als solche in ihre Denkbarkeit und Wissbarkeit enthält – und im Reflexionsakt eröffnet und entlässt. Ohne diese relationslose Einheit bliebe man ewig in Teilverabsolutierungen des Wissensaktes befangen, und umgekehrt: Ohne Öffnung dieser Einheit zu einer reflexiven, begrifflichen Einheit hin (im Existentialakt, in der Sichtbarkeit überhaupt, in der Erscheinung)  bliebe das Wissen ein leerer Begriff. Die disjunktionslose Wahrheit muss Einheitspunkt wie Disjunktionspunkt des Wissens gleichzeitig sein: Analytische und synthetische Einheit des Denkens.

Diese Einheit kann nicht bloß regulativ zurück erschlossen und dann als Begriff  supponiert werden, wie es die diskursiv verfahrende Vernunft in ihren Schlüssen auf die unbedingte Bedingung alles Bedingten notwendig tut – und wie KANT meint, diesem dialektischen Schein kritisch beigekommen zu sein.2 Es bleibt aber bei KANT der Begriff „regulative Idee“  kritisch zu hinterfragen, denn wie könnte ein endlicher Verstand so eine „regulative“ Idee trotzdem fassen? 

Diese schwierige Frage kann ich hier in einem Blog nicht weiter ausführen: Die Einheit muss vorlaufende Bedingung jeder weiteren Reflexionsidentität sein, ohne selbst wieder von dieser ihr folgenden Reflexionsidentität als deren Gegensatz gefasst zu sein. Das wäre wieder nur gedachte  Einheit als gedachte Andersheit. (Es ist das Grundproblem jeder Differenzphilosophie). 

PLATON sah klar diese apriorische Idee der Einheit des Wissens, diese Idee des Guten, die allen hermeneutischen Zirkelerwägungen vorausgehen muss.
Logisch konnte aber PLATON diese Einheit nur theoretisch und abstrakt fassen, weil er die biblische Offenbarung nicht kannte. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Er schuf als Pendant zum biblischen Wissen dafür das reflexive Begriffsinstrumentarium, wodurch wir die biblische Offenbarung in rationale Begriffe bringen können. 

Was er nicht sah, dass in der „jenseits des Seins“  liegenden disjunktionslosen Idee des Guten (des qualitativen Totalitätsallgemeinen, der disjunktionslosen Wahrheit) eine Ur-Erscheinung des Absoluten vorausgesetzt werden muss, ein Ur-Bild der Offenbarung, damit die zu realisierende Vernunftidee der Möglichkeit nach-konstruiert und nach-vollzogen werden kann. Die durchaus in der Ideenlehre zu findende virtuelle Totalität der Vernunfteinheit und zu realisierende Idee der Wahrheit und des Guten (man lese z. B. den „Sophistes“ und seiner Umsetzung der konkreten Seinsbestimmungen im Seienden) bedarf bereits einer relationslos vorauszusetzenden Offenbarung Gottes, wodurch und womit in Teilrealisationen – mit und durch Freiheit im individuellen Reflexionsakt – das Wissen vollendet werde kann. Beides zusammengenommen, platonische Vernunftwahrheit und biblische Offenbarungswahrheit, ergeben die  Einheit einer sich im Selbstbewusstsein und in Reflexionsform – was dann auch zeitliche Realisation bedeutet – geschlossenen wie eröffneten Einheit des Wissens. Die sich zeigende Erscheinung (Offenbarung) Gottes ist die apriorische Vernunftoffenbarung – und ist die zu Bedingungen der Freiheit reflexiv eröffnete positive Offenbarung in einer Aufruf-Antwort-Einheit. Die apriorische wie positive Offenbarung ist das eine und ganze Transzendentale des Wissens, immer schon eröffnet zur Vernunft hin, geschlossen in der realisierten, einmaligen Rettung des Menschen durch den Gott-Menschen JESUS CHRISTUS, zeitlich für jeden Menschen auf sich anwendbar und realisierbar und virtuell geschaut in einem Ideal vollendeter Gemeinschaft.  

—————

1MARKUS ENDERS beschreibt in: zur debatte, 1/2010, S 18-20, die Bedeutung der Seinsbestimmtheit der Ideen, d. h. was Wahrheit und Erkennbarkeit der Wahrheit heißen kann. Wie schon bei Parmenides selbst und in der von ihm begründeten Philosophenschule der Eleaten fungiert Wahrheit bei Platon „als Inbegriff der erkennbaren, geistig fassbaren Wirklichkeit“ (J. Szaif, Art. Wahrheit, I. Antike, A. Anfänge bis Hellenismus, in: HWPH, Bd. 12, Sp. 49). Erkennbar gemäß der auf Parmenides zurückgehenden platonischen Bedeutung von Erkennen (νοεῖν), das ein sicheres Erfassen und definitorisches Bestimmen des Wesensgehalts eines Gegenstandes bedeutet, sind nach Platon nur die Ideen, d. h. die allgemeinen, transzendenten, immateriellen Wesenheiten aller geistig und aller sinnlich erscheinenden Entitäten. Dabei kommt den Ideen Seinswahrheit auf Grund ihrer Unvermischtheit, d. h. ihres Ausschließens des Konträren, und auf Grund ihrer Urbildhaftigkeit zu, in der ihre Normativität für die Beurteilung der Einzelfälle im sinnenfälligen Bereich begründet liegt (hierzu vgl. genauer J. Szaif, art. cit., Sp. 50). (…)

2In der KpV ist es ziemlich zu Beginn auf der Suche nach einem formalen Unbedingten so ausgedrückt: „Die reine Vernunft hat jederzeit ihre Dialektik, man mag sie in ihrem speculativen oder praktischen Gebrauche betrachten; denn sie verlangt die absolute Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, und diese kann schlechterdings nur in Dingen an sich selbst angetroffen werden. Da aber alle Begriffe der Dinge auf Anschauungen bezogen werden müssen, welche bei uns Menschen niemals anders als sinnlich sein können, mithin die Gegenstände nicht als Dinge an sich selbst, sondern bloß als Erscheinungen erkennen lassen, in deren Reihe des Bedingten und der Bedingungen das Unbedingte niemals angetroffen werden kann, so entspringt ein unvermeidlicher Schein aus der Anwendung dieser Vernunftidee der Totalität der Bedingungen (mithin des Unbedingten) auf Erscheinungen, als wären sie Sachen an sich selbst (…)“ (KpV V 107)

Ich lese kaum etwas von der Analytischen Philosophie, aber bei der wenigen Lektüre ist mir öfter diese Argumentation als „transzendentales Argument“ untergekommen. Man versteht darunter die notwendig erschlossene Möglichkeitsbedingungen zu einer logischen oder empirischen Tatsache, die andernfalls nicht denkbar  wäre. Das ist aber nur ein reduktiv gewonnenes Argument und erreicht nicht die Begründungsebene eines PLATON.