Genetische Erkenntnis – 3. Teil

Der Begriff „Genesis“ ist der Grundterm in der Vermittlung des reflexologischen Sich-Bildens von Wissen und der Idee vollkommener Liebe – falls eine philosophische Vermittlung angestrebt wird – innerhalb des Glaubensvollzuges. 

Die „Genesis“ des sittlichen Wissens und das  theoretische Vorstellen und Wissen bilden so einen Zusammenhalt von Theorie und Praxis.
Bekanntlich tut sich die Schöpfungstheologie  sehr schwer, genetisch den absoluten Anfang zu denken. In den Kategorien der Genesis, wie sie Fichte durchdrungen hat, kann es nur ein genetisches Erhalten1 geben, woraus Anfang, Liebe und Wert, und die Anschauungsformen (=“Empfindungsformen“)  von Zeit und Raum und weiters alle Empfindungsformen  genetisiert und schematisiert (dargestellt) werden.

Die Zeitform und Raumform und der Begriff der zeitlichen Dauer, sie sind aus der actualen (genetischen) Einheit des Sich-Bildens nach dem apriorischen Maßstab eines wahren Bildes der Sich-Erscheinung (WL-1811) des Absoluten ermöglicht. Sie sind Teilschöpfungen der Gesamtkontinuität der Genesis dieser Sich- Erscheinung  in disjunktiver und fakultativer Bestimmtheit.

J. Widmann kommt von der Applikation der Grundterme der Erkenntnis (von primären und sekundären Evidenzbegriffen) zu genetischen Bild-Formeln (Modifikationen). Die beobachtbaren Grundelemente lassen sich in Grundbezüge von Disjunktionen zusammenstellen (des Denkens, der Zahlen, der Erfahrung, der Sinnidee).2 Theorie und Praxis ergeben eine Einheit in einem zeitlichen Kontinuum.3

Zeit und Raum sind nicht „materia prima“, unvordenklichen Ursprungs, sondern im transzendentalen Wissen bestimmte Bilder eines Verhältnisses des absolut einen Grundes und der aus ihm resultierenden Folge mit ihrer Mannigfaltigkeit. 4

Ich kann hier der KĂĽrze halber nur verweisen auf die Entstehung eines genetischen Werdens, auf faktische Zeit- und Raumgenesis bei J. Widmann. 5

Die genetische Erkenntnis trägt  immer eine zeitliche Hoffnung und eschatologische Erwartung von Sinnerfüllung in sich, generiert Zeit und Geschichte im Hinblick auf einen in der Genesis der Sich-Erscheinung des Absoluten bereits vollendeten Begriff des Werdens. Genetisch ist schon vollendet, was reflexiv und in Grundformen der Disjunktion in zeitlicher Dauer und Räumlichkeit eingeholt werden soll zu Bedingungen der Freiheit.

Der Begriff einer genetischen Erkenntnis ist „fortlaufende Genesis des Wirklichen“, ist „fortlaufende Synthesis von Erzeugung, in der die früheren Gebilde mit der gegenwärtigen Bildung vereinigt, ebenso in der Vieleinheit der Gesamtsynthesis aufgehoben und „aufbewahrt“ werden.“ 6

Neben a) der sittlichen Wertung und einer darin liegenden Synthesis von Willen und Wert, b) dem reflexologischen Selbstbezug eines Sich-Wissens, das zu den Begriffen Liebe, Anfang und Wert führt, scheint mir dieser dritte Aspekt c) einer  zukünftigen und eschatologischen Hoffnung  charakteristisch.
Genetische Erkenntnis eröffnet durch die Re-Konstruktion einer vollkommenen und vollendeten Idee und dem strebenden Hinausgehen über jeder Hemmung und jeden interpersonalen Aufruf die Zeit- und Raumanschauung und letztlich jede gerichtete Triebhaftigkeit und dynamis. 

Ich ĂĽbertrage diese Zukunftsgerichtetheit jetzt spezifisch  – neben sinnlicher und logoshafter und  geschichtlicher Erkenntnis und Anwendung in vielerlei Empfindungsformen – auf den Begriff einer positiven Offenbarung: Die positive Offenbarung, wie wir sie im christlichen Glauben verstehen als vollkommene Liebe, Vergebung und als  interpersonale Erfahrung,  eröffnet einen Sinnbegriff von Restitution und Wiedergutmachung. Die vollkommene Liebe und Vergebung und SinnerfĂĽllung ist genetisch vorgegeben, in zeitlicher Reflexion wird sie aber erst in unendlicher Zeit eingeholt und am Ende des Lebens dann ganz erhofft.  

Anders gesagt: Die philosophische Erkenntnis reflektiert in interpersonaler und zeitlicher Reihe (genetisch), was in Bildern und VerheiĂźungen in der Hl. Schrift ans Ende der Zeit projiziert  ist: Siehe  z. B. die schönen Bilder in der OFFENBARUNG vom neuen Himmel und der neuen Erde….. oder von der neuen Schöpfung, die Bilder bei Paulus 1 Kor 15, 1 Thess 4 u. a..

Hinzu kommt, was ich aber hier nicht ausfĂĽhren kann: Die zeitliche Antizipation der vollendeten Genesis wird nochmals anwendungsspezifisch begrĂĽndet durch die ekklesiologische und pneumatologische Vermittlung. Siehe ebenfalls die zahlreichen Belegstellen der Hl. Schrift zum Bild der „Kirche“ und zur Kraft und dem Wirken des HEILIGEN GEISTES. „Er nimmt von dem, was mein ist…… er wird reden, was er hört…. Joh 16, 13ff u. a.  (Alle diese Bibelstellen können transzendental-kritisch gelesen werden.) 

Neben einem Zugang zur Seinserkenntnis der  Natur, des Rechts, der Moralität, der Religion, letzteres als  „ergriffenes Begreifen“ (R. Lauth),7  gibt es diese genetische Erkennen der Seins als Sinnidee, als positive Offenbarung, als objektive gültiges Urteil der Erfahrung (analog zu Kant gesprochen).
Diese synthetische Erkenntnis a priori des Sinns muss m. E. die analytische Ausgangsbasis sein, Texte der Hl. Schrift oder der urkirchlichen Ăśberlieferung zu lesen und zu interpretieren. Eine reine Ansammlung historischer Daten (in der LektĂĽre) bringt keine BegrĂĽndung und Rechtfertigung, keine „hermeneutische Erfahrung“ der GlaubwĂĽrdigkeit und Gewissheit.
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Ich möchte zusammenfassen zur „genetischen Erkenntnis“:
Die Geltungsformen von faktischer oder verstandesmäßiger, apodiktischer Erkenntnis werden sich immer nach dem apriorischen MaĂźstab einer ersten und höchsten „genetischen“  Erkenntnis richten, d. h. a) inwiefern  die Erkenntnisse so begrĂĽndet  und gerechtfertigt sind, dass sie auf diese erste und höchste sittliche Synthesis a priori ausdrĂĽcklich verweisen (siehe 1. Teil),  b) inwiefern alle faktischen Erkenntnisse in den Bereichen  Natur, Recht, Moralität, Religion reflexologisch durch die Geltungsform des Wissen und Bildens begrĂĽndet und schematisiert sind (2. Teil); schlieĂźlich c) inwiefern Hoffnung und Zukunft  auf SinnerfĂĽllung und Wiederherstellung in jeder Erkenntnis damit verbunden sind.  

© Franz Strasser, Juni 2025

1J. Widmann, Die Grundstruktur, S 280

2J. Widmann, Die Grundstruktur, ebd. S 253 – 276.

3J. Widmann, Die Grundstruktur, ebd. S 276 ff.

4J. Widmann, Die Grundstruktur, ebd. S 280.

5Siehe ebd. S. 280-284.

6J. Widmann, Die Grundstruktur, ebd. S. 196.

7R Lauth, Ethik, ebd. S 37.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser